Epilog - Advocatus Angeli
Warmes Wasser spülte über Severus' Hände – Wellen, die vom Strampeln des Säuglings verursacht wurden. Das zerknautschte Gesicht war noch etwas lila und in den Hautfalten klebten Reste der weißlichen Käseschmiere. Mit einem langen Finger fuhr er die Leiste seines Sohnes entlang, als dieser das Bein ausstreckte und die Arme an den Körper zog, um ein weiteres Mal zu schreien. Die kleine Zunge vibrierte im weit geöffneten Mund und Severus lächelte, als er die zahnlosen Kiefer sehen konnte.
Er schob mit seiner großen Hand mehr Wasser über den runden Bauch und griff nach einem der Füße, an dem sich die Zehen kräuselten, als er die Sohle berührte. Mit seinen schwieligen Fingern konnte er die weiche Haut des Jungen kaum spüren, so zart war sie. Ganz im Gegensatz zu seinen unerwartet kräftigen Tritten.
Die Tritte waren es, die Severus am besten an seinem Sohn kannte. Es war ihre Art gewesen, durch Hermines Bauchdecke miteinander zu kommunizieren. An das Aussehen hingegen musste er sich erst gewöhnen. Und an die Bezeichnung 'er', denn auch wenn Severus immer stur behauptet hatte, sie bekämen einen Jungen, so hatte er insgeheim geglaubt, dass sich Hermines Wunsch nach einer Tochter erfüllen wurde.
Doch der Säugling, dessen Arm er in seinem festen Griff hielt, während der schwere Kopf auf seinem Unterarm lag, war definitiv ein Junge.
Die Heilerin, die die erste Untersuchung nach der Geburt vorgenommen hatte, war gegangen, nachdem alle Ergebnisse zufriedenstellend ausgefallen waren, und auch die junge Medihexe hatte das kleine Zimmer verlassen. Wenn auch nur, um einer neuen Kollegin zu zeigen, wo sie frische Bettlaken fand. Sie würde vermutlich bald zurückkehren.
In diesem Moment fuhr ein Schauer durch den kleinen Körper und mit seiner freien Hand fuhr Severus unter den Po seines Sohnes und hob ihn aus dem Wasser. Dann legte er ihn auf das weiche Handtuch, das neben der Schüssel bereit lag, und schlug die freien Enden fest um die strampelnden Gliedmaßen. Nur die Hände befreite er aus dem weißen Stoff, weil er es mochte sie zu sehen.
„Mr Snape?"
Er sah zur Tür, wo eine weitere Medihexe stand. Vorhin hatte sie sich um Hermine gekümmert, jetzt lächelte sie, als sie den Jungen sah. „Sie können jetzt zu ihr."
„Danke."
Vorsichtig nahm er das Kind in seine Arme und folgte der Medihexe über den Gang. Der blonde Pferdeschwanz wippte vor ihm auf und ab und der Kragen ihrer malvenfarbenen Robe verrutschte einmal, so dass eine silberne Kette aufblitzte.
Der Rhythmus von Severus' Schritten und die Wärme des Handtuches hatten eine beruhigende Wirkung auf das Kind in seinen Armen und als er das Zimmer betrat, in dem Hermine sich von der Geburt erholen sollte, war er bereits eingeschlafen.
Hermine hingegen schrak auf, als die Tür geöffnet wurde. Die Erschöpfung der letzten Stunden war ihr deutlich anzusehen – zumindest bis sie Severus sah. Nein, nicht ihn. Das Bündel in seinen Armen. Der Anblick ihres Kindes gab ihr genug Kraft, um die Müdigkeit von einem Strahlen zu verdecken, das Severus vorher noch nie bei ihr gesehen hatte. Mühsam setzte sie sich auf und streckte die Arme aus, als er dicht genug an das Bett herangekommen war.
„Ich lass Sie dann alleine", sagte die Medihexe und nachdem Severus ihr zugenickt hatte, schloss sie leise die Tür hinter sich.
Einige Momente stand er still an Hermines Bett und beobachtete, wie sie ihrem Sohn unverständliche Dinge zugurrte. Sie benutzte alles, was ihr Körper zu bieten hatte, um ihn zu betrachten, zu erfühlen, kennen zu lernen und als ihr eigenes Kind zu identifizieren. Ihre Finger strichen über seine Stirn, die kleine Stupsnase und die leicht geöffneten Lippen. Sie stellte die zarten schwarzen Haare auf, die auf seinem Kopf wuchsen, nahm die Finger unter die Lupe und seufzte, als sie die Nägel betrachtete.
„Ich glaube, du bist niemals zuvor so sehr Frau gewesen", sagte Severus.
„Ich bin auch noch niemals zuvor so sehr Mutter gewesen", erwiderte sie, ohne den Blick von dem kleinen Gesicht zu nehmen.
„Touché."
„Willst du eigentlich für immer da hinten stehen bleiben, oder kommst du endlich her und lobst mich für meine unglaubliche Leistung?"
Die Augenbraue wanderte noch weiter nach oben und Severus blieb stehen, wo er war, da er die Reaktion auf seine Antwort absolut nicht abschätzen konnte: „Dich loben für etwas, das die Natur so vorgesehen hat? Findest du das nicht etwas maßlos?"
Und obwohl er keinerlei Vorstellung gehabt hatte, reagierte sie doch anders als gedacht: „Nicht im Geringsten. Immerhin hat er deinen Dickschädel."
Severus schnaubte und ging um das Bett herum, um sich neben Hermine zu setzen. Er legte seinen Arm um sie und das Kind und zog sie an sich. „Ich bin stolz auf dich", sagte er leise und schob mit der freien Hand ihre schweren Locken zur Seite, um sie auf die Stirn küssen zu können.
Hermine seufzte leise. „Bei Merlin …", murmelte sie mit schwacher Stimme und lehnte ihren Kopf gegen sein Kinn. „Was haben wir da bloß angestellt, Severus?"
Er sah hinab auf seinen schlafenden Sohn und das Kitzeln in seinem Magen kehrte zurück. „Ich habe keine Ahnung."
„Rückgängig machen geht wohl nicht?"
„Schwer. Aber wenn du sie ablenkst und ich …" Er verstummte, als sie leise lachte.
„Wir brauchen einen Namen", stellte sie dann fest.
„Das Problem hätten wir im Vorfeld lösen können, wenn du nicht darauf bestanden hättest, das Geschlecht geheim zu halten."
Sie ging nicht auf seinen Vorwurf ein, sondern kitzelte die Hand des Säuglings, als er sie im Schlaf nach oben streckte. Prompt schlossen sich die kleinen Finger um ihren eigenen und Hermine schnappte überrascht nach Luft. „Er ist so stark …"
„Das sollte er auch sein mit uns als Eltern."
Eine Weile schwiegen sie und obwohl Severus angenommen hatte, dass der Kleine Hunger haben musste, schlief er vorerst weiter. Vermutlich war ihm die Zeit nicht nur so lang vorgekommen, weil er sie tatenlos am Kopfende von Hermines Bett hatte verbringen müssen, sondern auch, weil sie wirklich so lang gewesen war.
„Möchtest du ihm einen traditionellen Namen geben?", fragte Hermine dann.
Severus rümpfte die Nase. „Severus wird ihn nicht glücklich machen. Tobias wird mich nicht glücklich machen. Marvin?"
Hermine rümpfte die Nase.
„Ja", grollte er, „der steht auf der Liste der Namen, mit denen einen niemand ernst nimmt, direkt hinter Neville."
„Severus!", schimpfte sie und stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite.
Er feixte. „Wie mein Großvater väterlicherseits hieß, weiß ich nicht."
„Hat dich das nie interessiert?"
„Nein."
Sie schwiegen erneut, doch er konnte Hermine regelrecht denken hören.
„Und wie sieht es bei dir aus?"
„Mein Vater heißt Richard. Das ist nicht unbedingt der Name, den ich mir für meinen Sohn vorgestellt hatte. Ich hasse es, wenn seine Freunde ihn Dick nennen."
Severus schmunzelte. „Und die Generation davor?"
Sie schürzte die Lippen. „Eric. Mein Großvater mütterlicherseits. Und Leslie väterlicherseits."
Severus verdrehte die Augen. „Reizende Auswahl."
Sie lächelte und sah ihn dann zum ersten Mal, seitdem er das Zimmer betreten hatte, direkt an. „Fällt dir etwas Besseres ein?"
„Spontan nicht, nein. Aber wir hätten sicherlich etwas Besseres gefunden, wenn …"
„Ja, ich weiß, wenn ich nicht so stur gewesen und das Geschlecht unklar gelassen hätte", unterbrach sie ihn.
„Ich sehe, wir sind der gleichen Meinung", sagte er und erstickte einen drohenden Einwand ihrerseits mit einem schnellen Kuss. „Eric finde ich akzeptabel."
„Akzeptabel, ja?"
„Ja. Es ist nicht Severus und nicht Tobias. Das reicht mir."
„Gut. Also Eric." Sie strich dem nun nicht mehr länger namenlosen Kind über die Stirn, als würde diese Geste es besiegeln. Und dann fügte sie hinzu: „Aber glaub ja nicht, dass du jede Diskussion gewinnst, nur weil du meinem Namensvorschlag zustimmst."
„Nicht doch", erwiderte er lang gezogen. „Das werden mir zu viele Kinder."
Meine Beta Anja hat sich vom Epilog inspirieren lassen und eine kleine Anekdote dazu geschrieben. Ihr solltet sie lesen, es lohnt sich!
'Teuflischer Engel': www. fanfiction s/ 5054954/ 1/ (Leerzeichen entfernen!)
