Nach unglaublichen 4 langen Jahren, stelle ich nicht nur fest, dass ich verdammt alt geworden bin, sondern fange an längst vergessene Fanfictions weiter zu schreiben :) Ich hoffe, es finden sich noch ein paar Leser :) Viel Spaß!


Ich verfasse dein Leben in Worte

3. Kapitel - Lily hat keiner gefragt

Aber nicht etwa, um sich gegen irgendetwas Unrechtes, Unverschämtes oder Unsinniges zu wehren, sondern weil sie das erste Mal in ihrem Leben erkannte, dass James Potter auch anders kann – weil sie das erste Mal in ihrem Leben auf James Potter neidisch war.

„Ist noch irgendetwas unklar?", fuhr James fort und ignorierte Lily, die zusehends Probleme damit hatte ihre überschäumende Wut zu kontrollieren geschweige denn zu verbergen. Alle Vertrauensschüler, alle acht konnten, wie sie da so im vorderen Abteil des Zuges saßen, beobachten wie Lilys zarte, sonst sehr helle ebenmäßige Haut einen puterroten Farbton annahm. Über ihren leuchtend grünen Augen zog sich eine tiefe Zornesfalte und ihre Hände waren zu Fäusten geballt. - Lily Evans war sauer.

Schlimmer noch als die dreiste Art und Weise, wie dieser Potter sie bloß stellte, war für sie die Tatsache, dass er sie dabei komplett ignorierte, keines Blickes würdigte, ihr keinerlei Aufmerksamkeit schenkte.

In ihren Gedanken brachte sich der Rotschopf so in Rage, dass sie zum einen nicht bemerkte welcher Lächerlichkeit sie sich gerade preisgab und zum anderen registrierte sie nicht, dass James noch einige wichtige Hinweise gab und die Vertrauensschüler dann verabschiedete.

Als Lily sich dessen bewusst wurde, hatten die Schüler schon ihre Köpfe zusammengesteckt, heimlich zu tuscheln begonnen und sich auf dem Weg zu ihren Abteilen befunden. Irritiert blickte Lily ihnen hinterher und versuchte Ordnung in ihr Gedankenchaos zu bringen.

„Was war das jetzt wieder für eine Show, Potter?", sprudelte es plötzlich aus ihr heraus, darauf bedacht seinem Nachnamen eine besonders theatralische Betonung zu geben.

Ihr ganzer Körper stand unter Anspannung, das konnte auch James deutlich sehen, als sie ihn völlig aufgebracht anstarrte. Sie suchte in seinen Augen, seinen Gesichtszügen, seiner Gestik nach Antworten, obwohl sie wusste, dass sie keine finden würde. Nicht nur, weil er sie ratlos und fragend anschaute, sondern auch weil sie tief in ihrem Innersten wusste, dass sie im Moment diejenige war, die hier eine Show abzog.

Doch Lily war zu stolz, um sich das einzugestehen und vor James würde sie lieber als hysterische Furie dastehen, als kleinbei zu geben oder gar einen Fehler einzugestehen.

„Ich weiß nicht wovon du redest", entgegnete James kühl und wendete sich von ihr ab, um den kleinen Raum zu verlassen.

Dieses ignorante Verhalten! Lily war kurz davor zu explodieren. Sie schnaubte förmlich vor blinder Wut, während sie sich ihm zudrehte. „Du hast dich überhaupt nicht geändert, Potter. Glaub bloß nicht, dass du von mir nur ein Fünkchen Mitleid bekommst, bloß weil du deine Eltern verloren hast!", schrie sie ihm hinterher.

James blieb stehen. Lily sah, wie sich seine Hände in dem schwarzen Schulumhang verkrampften. „Du wärst die Letzte von der ich etwas anderes erwartet hätte, Lily!", sagte er schließlich zu ihrer Überraschung völlig monoton, ohne jegliches Zeichen der Emotion und ging. Keines Blickes würdigte er sie, als er sie alleine stehen ließ.

Schock. Wie in Trance starrte Lily eine Weile zur Tür, starrte ins Leere, bevor sie plötzlich begann hektisch und blinzelnd um sich zu blicken ohne auch nur irgendetwas von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Schließlich schlug sie sich unter einem kurzen, jedoch lauten Aufschrei die Hände vor das Gesicht.

„Argh, was war das?", fragte sie sich laut und ließ sich auf die stark gepolsterten Sitze fallen, auf denen eben noch die Vertrauensschüler Platz genommen hatten. Sie spürte, wie das Adrenalin nachließ, sich ihr Blutdruck senkte und ihre Atmung beruhigte. Doch mit jeder Sekunde die verstrich, mit jedem Moment der verging und ein Stückchen mehr ihrer Wut mit sich nahm, wuchsen in ihr die Gefühle der Scham.

Was war bloß in sie gefahren? Wie hatte sie sich so benehmen können? Warum hatte sie so etwas zu ihm gesagt? Wie konnte sie nur?

Hin und wieder ging das Temperament mit ihr durch, aber was sie sich gerade geleistet hatte, das war auch für Lilys Verhältnisse eine Spur zu heftig und bei weitem unter ihrem Niveau gewesen.

So lange hatte sie auf die Aufgabe Schülersprecherin zu sein hingearbeitet, sie hatte sich akribisch darauf vorbereitet und oft auf Spaß verzichtet, um ihren unangefochten guten Ruf zu erhalten. Dann kam dieser Potter daher, der sich seit Jahren einen Spaß daraus machte, sie vor der gesamten Schule bloßzustellen, der schwächere Schüler drangsalierte, in seiner arroganten Überheblichkeit glaubte unwiderstehlich zu sein und zusammen mit Sirius einen Streich nach dem anderen ausheckte – kurzum: Ihrer Meinung nach war er der größte Idiot den Hogwarts je hervorgebracht hatte. Aber plötzlich werden seine Eltern ermordet und die Welt steht Kopf.

Seufzend ließ Lily sich gegen die Lehne fallen und starrte an die graue Decke. - Alle bringen sie ihm Mitleid entgegen, gaffen ihn mit neugierigen Blicken an, tuscheln, wenn er ihnen den Rücken zudreht, darüber, wie schlimm es ihn getroffen hat. Gelegentlich fragen sie ihn, wie es ihm geht. Aber sie hat keiner gefragt.

Sie war 17 Jahre alt, woher sollte sie wissen, wie sie mit dieser Situation umzugehen musste, sollte, konnte, durfte? Sechs Jahre lang hatten James und Lily einen bestimmten, eher rauen Umgang miteinander gepflegt. Sie konnte nicht von Heute auf Morgen einfach so umschalten.

Ein weiterer Seufzer entglitt ihr und sie schüttelte den Kopf. Das war gelogen oder entsprach zumindestens nur einem Teil der Wahrheit. Denn in Wirklichkeit hatte sie es einfach nicht mit ansehen können, wie ausgerechnet James Potter ihr das einzige entrissen hatte, was ihr diese Angst einflösende Gegenwart, diese Gegenwart ohne Zukunft erträglich machen konnte.

Es war erbärmlich, das wusste Lily, aber momentan besaßen Arbeit und Leistung in ihrem Leben den größten Stellenwert. Nur so konnte sie sich ablenken, nur so konnte sie fliehen.

„Argh! Das hast du mal wieder toll hingekriegt, Evans!", schrie sie aus heiterem Himmel heraus und schlug mit all der Wucht, die ihre zarten Hände aufbringen konnten, wie wild auf die Sitzgarnitur ein. Schließlich hielt sie inne, stand auf, atmete mehrmals tief durch und strich ihren grauen Pullover mit dem rot-gelben Kragen und ihren grauen Faltenrock so gut es ging gerade.

Entschlossen blickte sie zu der Tür, hinter welcher James vor mehreren Minuten verschwunden war. „Ein Mädchen muss tun, was es tun muss!", ermutigte sie sich. Lily Evans würde sich bei James Potter entschuldigen.

Glaub bloß nicht, dass du von mir nur ein Fünkchen Mitleid bekommst, bloß weil du deine Eltern verloren hast! Als sich diese Worte blitzartig in ihrem Kopf ausbreiteten und ein Schwall an unangenehmen und reumütigen Gefühlen, die sie gerade nieder gerungen hatte, wieder aufwühlten, zuckte sie unweigerlich zusammen und beschloss noch im gleichen Augenblick, dass die Sache mit dem Entschuldigen ja noch ein bisschen Zeit hatte.

~*~

„Süße, du bist ja schon zurück!", rief Chantal überrascht, als Lily ihr Abteil betrat. Lily erschrak, sie war in Gedanken verloren, nicht gefasst darauf, dass noch andere Wesen in ihrer Welt lebten. Etwas besorgt begutachtete Chantal ihre Freundin. Sie war blass und wirkte eingeschüchtert, unsicher.

„Hey, alles okay bei dir?", fragte Chantal, während sich Lily vorsichtig neben ihren schlafenden Kater Mercutio setzte und diesen sanft streichelte. Fast ein wenig abwesend ließ sie dabei ihren Blick zum Fenster schweifen.

Von draußen peitschte der Regen an die Scheiben und hinterließ Tränenspuren. Lily schluckte. Es war zu peinlich, sie konnte Chantal nicht erzählen, wie sie sich gerade benommen hatte. „Es ist alles okay. Potter hat mir die ganze Arbeit abgenommen."

„James ist Schülersprecher geworden?!", leichtes Entsetzen war in Chantals Stimme zu hören, doch im gleichen Moment begannen ihre Augen zu strahlen und ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. „Das ist ja höchst interessant!", fügte sie mit einem süffisanten Unterton hinzu und lehnte ihren Oberkörper Lily entgegen. Gespannt und erwartungsvoll wie ein kleines Kind richtete sie vor ihrer besten Freundin auf.

Argwöhnisch musterte Lily Chantal. Sie wusste ganz genau worauf die Dunkelhaarige mit den rehbraunen Augen hinaus wollte. Denn Chantal vertrat ganz klar die Devise Was sich neckt, das liebt sich. Lily würde genervt die Augen verdrehen und ihr leicht gereizt all die offensichtlichen Argumente aufzählen, die auch nur die geringste Sympathie zwischen ihr und James ausschließen würden.

Doch als Chantal in gewohnt komischer Manier eine Augenbraue in die Höhe zog, fiel sämtliche Anspannung von Lily ab und sie begann lauthals, losgelöst und herzlich zu Lachen. Zunächst etwas verdutzt, stimmte Chantal schließlich mit ein.

„Bloß gut, dass wir das Abteil für uns alleine haben!", prustete Lily zwischen den Lachanfällen heraus. Abrupt stoppte das Lachen, als beider Blicke auf den schwarzen Kater fielen. Sie schauten sich kurz an, zuckten mit den Schultern und verfielen erneut in schallendes Gelächter.

„Oh Gott, wir sind so albern...", pflichtete Chantal bei und holte tief Luft, um langsam aber sicher wieder zu Atem zu kommen. „Da hast du wohl Recht!", stimmte Lily lächelnd hinzu und zog ihre Knie fest an ihre Brust, um es sich bequemer zu machen.

„Sag mal, hattest du letzte Woche nicht dein Bewerbungsgespräch beim Tagespropheten?", fragte Chantal wenig später, während sie aus ihrer Handtasche ein paar Schokofrösche herauskramte, die sie der netten alten Dame mit dem Servierwagen abgekauft hatte, als Lily bei ihrem Treffen mit den Vertrauensschülern gewesen war. Sie streckte Lily die Hand entgegen, um ihr auch einen dieser wohlig schmeckenden Dinger anzubieten.

„Ja, war ich...Danke", antworte sie und bediente sich gleichzeitig an Chantals freundlichem Angebot. „Die sind einfach zu köstlich diese kleinen putzigen Frösche!", sagte sie, während sie ihn genüsslich verdrückte.

Chantal kommentierte diese Aussage nur mit einem Grinsen, denn die beiden hatten sich ihre Sucht nach Schokofröschen schon vor mehreren Jahren eingestehen müssen, als Lily am Ende der ersten Woche in einem kalten Dezember mit leerem Portmonee, aber einer riesigen Tüte voll tückischer Schokolade in den Schlafsaal der Mädchen zurückgekehrt war.

„Erzähl, wie ist es gelaufen?", hakte Chantal ungeduldig nach. Seit fünf Tagen hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Die letzte Woche der Ferien war immer besonders stressig, wegen der ganzen Besorgungen die in der Winkelgasse noch erledigt werden mussten. Seine Freunde würde man eh in kurzer Zeit wiedersehen, sodass tägliche Telefonate wie zu Beginn der Ferien überflüssig wurden.

Lily legte eine ernste, fast betrübte Miene auf und mied Chantals Blicke. Sie druckste herum und wickelte ein und dieselbe feuerrote Haarsträhne unentwegt um ihren Zeigefinger.

„Komm schon!", sagte Chantal und gab ihr einen leichten, nachdrücklichen Klapps auf das nackte Knie, welches in Reichweite war

„Autsch!", entgegnete Lily und blickte Chantal empört an. Doch sie konnte nicht länger an sich halten. Ein freudiges Strahlen zeichnete ihre grünen Augen. „Ich bin in der nächsten Runde!", quiekte sie, wie es nur Mädchen taten, wenn sie sich freuten. Mit einem Jubelschrei und aufgescheuchten Handbewegungen schloss Chantal Lily fest in die Arme.

„Toll! Toll! Toll! Ich freu mich so für dich! Aber ich hab's eh die ganze Zeit gewusst!" Lily spürte, wie sich ihre Wangen röteten. Sie war noch nie gut darin, Komplimente anzunehmen.

„Was ist denn die Aufgabe für die nächste Runde?", fragte Chantal und lehnte sich entspannt wieder zurück in ihren Sitz. Sie genoss die vertraute und losgelöste Stimmung. Zu Hause trauerte ihre Mutter seit mehreren Wochen um ihre Freundin Vivian, in den Nachrichten gab es nur noch niederschmetternde Berichterstattungen und auch das Wetter hatte sich den ganzen Sommer über nicht mehr freuen können.

Es war eine willkommene Abwechslung mal wieder zu Lachen, sich wie eine Siebzehnjährige zu benehmen und auch so zu fühlen. Doch als sie wieder zu Lily hinüberschaute schien die Heiterkeit ein jähes Ende zu nehmen. Mit einem Schlag wurde ihre beste Freundin fahl wie der Tod und blankes Entsetzen spiegelte sich in ihren Augen wider.

Bei dem Theater das Lily ihr soeben vorgespielt hatte, hätte man gut und gerne glauben können, sie wollte Chantal ein weiteres Mal auf den Arm nehmen. Doch Chantal wusste es besser. So gut schauspielen konnte auch eine Lily Evans nicht.