5. Kapitel – Peinliche Gedankenketten
Es war alles so gewohnt, als sie den ersten Fuß auf den Bahnsteig setzte - und doch war es das nicht. Nur zu gern hätte sich Lily einreden wollen, dass es an der Verantwortung lag, die sie nun als Schulsprecherin trug. Aber sie war noch nie gut darin gewesen sich selbst etwas vorzumachen – auch wenn ihr in diesem Moment eine sehr leise Stimme zuflüsterte, dass sie sich in Bezug auf James Potter schon seit geschlagenen 7 Jahren etwas vormachte.
Sie seufzte und blickte hinauf zum Schloss. Für einen kurzen Moment konnte sie ihre Gedanken verdrängen und den Anblick von Hogwarts genießen, wie es da so friedlich auf dem Berg lag und der Dämmerung entgegen fieberte, um endlich in voller Pracht zu erstrahlen. Des Nachts, wenn alle Lichter angezündet und in der weitläufigen schwarzen Gegend der einzige Lichtpunkt waren, genau in diesen Augenblicken fühlte sich Lily zu Hause und endlich angekommen.
Ein Lächeln huschte über ihr zart rosafarbenen Lippen, als plötzlich ein lautes Schreien in ihre Ohren drang. Erschrocken schaute sie sich um. Unweit von ihr stand ein kleines Mädchen, an dem der schwarze Schulumhang viel zu groß wirkte. Es weinte bitterlich und heftige Schluchzer ließen es kaum einen befreienden Atemzug nehmen.
Lily begriff einen Moment zu spät. Sie stand auf dem Bahnsteig wie angewurzelt, versperrte anderen ungeduldigen Schülern, die aus dem Zug strömten, den Weg und starrte gebannt auf die Szenerie, die sich vor ihr abspielte.
„Hey Kleine, warum weinst du denn?", hörte sie ihn sagen, als er sich neben das Mädchen mit den schulterlangen Haaren kniete, das verstummte sobald James ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. Lily konnte sehen, wie das Mädchen versuchte seine Fassung wiederzufinden, während sich seine Wangen röteten. Nun musste Lily schmunzeln. Diese liebenswerte Schüchternheit, dieses Leuchten in ihren Augen kannte sie nur zu gut, kindliche Schwärmereien hatte sie am eigenen Leib erfahren müssen. Sie war 12 Jahre alt gewesen, als ein Quaffel sie am Kopf getroffen und ihr einen unvergesslichen Krankenflügelaufenthalt beschert hatte.
In jenen Monaten in denen Madame Pomfrey einen jungen, männlichen Praktikanten in ihren Heiligen Hallen beherbergte, war jedes ihrer Betten belegt gewesen. Lily war bei weitem nicht die einzige, die fest daran geglaubt hatte zu sterben, sollte sie den Krankenflügel verlassen müssen und ihn nie wieder sehen dürfen. Matthew Stevens war für 6 Monate der Mann der schlaflosen Nächte aller Mädchen gewesen.
Ach, wie jung und naiv sie damals war. Lily schüttelte schnell den Kopf, um diese furchtbar altklugen Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie war 17 Jahre alt und wenn sie an die peinliche Situation vorhin im Zug zurückdachte, war sie keinen Deut besser als damals mit 12 Jahren.
Während sie sich in ihrem Oberstübchen schon wieder in einem Wirrwarr von Erinnerungsfetzen und Selbstverachtung verhaspelte, kümmerte sich James vorbildlich um das kleine Mädchen, welches die Gunst der Stunde nutzte, um ihren Schwarm in ein Gespräch zu verwickeln.
Da fiel es Lily plötzlich wie Schuppen von den Augen. Sie war Schulsprecherin. Sie trug dafür Sorge alle Erstklässler unversehrt in die Räumlichkeiten von Hogwarts zu führen.
Lily fasste all ihren Mut zusammen, schluckte die unangenehmen Erinnerungen an die Szene im Zug hinunter und lief zu James hinüber.
Doch ihr bloßes Erscheinen konnte seine Aufmerksamkeit nicht gewinnen, so dass sie sich laut räusperte um dem Abhilfe zu schaffen. Die einzige Aufmerksamkeit die Lily nun dafür zuteil wurde, war die des kleinen Mädchens. Erschrocken starrte sie Lily an und erging sichtlich in Ehrfurcht.
Lily versuchte zu lächeln, um der Kleinen die Angst ein wenig zu nehmen. Doch über ein klägliches Zucken der Mundwinkel kam sie nicht hinaus. Die Tatsache, dass sie einem 11jährigen Mädchen anscheinend Angst einflößte, brachte sie aus der Fassung. So eine Reaktion passte nicht in ihr Konzept. Alles, wirklich alles, war dazu bestimmt ohne Probleme, ohne Schwierigkeiten und ohne Umstände abzulaufen. Ihr Jahr als Schulsprecherin sollte ewig in Erinnerung bleiben, aber bestimmt nicht weil ausgerechnet James Potter ihr Partner geworden ist und ein 11jähriges Mädchen, um dass sie sich kümmern sollte, vor ihr Angst hatte. Kinder durften vor ihr einfach keine Angst haben. Sie war Lily. Lily Evans.
„Verdammter Mist!", fluchte Lily leise vor sich hin, als sie all ihre Vorstellungen, Ideen und Träume davon schwimmen sah.
„Keine Angst, Melinda! Cassandra findet selbst den Weg hinauf zum Schloss!", erklärte James ruhig. Die Augen der Schülerin begannen zu funkeln.
„Ist Cassandra auch eine Erstklässlerin? Dann müssen wir sie suchen!", pflichtete Lily dem Gespräch der beiden bei, obwohl sowohl Melinda als auch James sie komplett ignorierten.
Lily hatte nicht mal einen Schimmer davon, wer Cassandra überhaupt war. Es könnte sich auch um die ältere Schwester von Melinda handeln und in dem Fall hätte sie sich durchaus alleine nach Hogwarts gefunden. Aber Lily hatte keine Ahnung, wie ernst und verantwortungsvoll James mit seinen neuen Pflichten umging. James wirkte verändert, das registrierte auch Lily. Doch nach all den Jahren des verantwortungslosen und selbstherrlichen Verhaltens, konnte man doch nicht über Nacht völlig umpolen. Auch ein James Potter konnte dazu nicht im Stande sein.
Obwohl sie sich bereits im Zug bitterlich vor ihm blamiert hatte, am nächsten Morgen wollte sie einfach nicht dafür verantwortlich sein, dass die 11jährige Cassandra über Milchpappen gesucht wurde, weil sie sich auf James Potters Urteilsvermögen verlassen hatte.
Im nächsten Augenblick fragte sich Lily ernsthaft, ob es in der magischen Welt auch üblich war vermisste Kinder über Milchpappenaufdrucke zu suchen. In Hogwarts gab es jedenfalls keine Milchpappen, nur Milch in Kannen und die waren für gewöhnlich nicht bedruckt.
„Cassandra ist ihre Katze!", sagte James trocken, ohne Lily dabei anzugucken und riss diese aus ihrer Tagträumerei.
Einen Moment lang stand sie wie versteinert da, als sie sich innerlich ohrfeigte und beschloss die ganze Sache von wegen Schulsprecherin etwas lockerer angehen zu müssen.
„Oh, wenn das so ist, kann ich dir guten Gewissens versichern, dass sie den Weg alleine findet. Katzen sind schlaue Tiere!", erklärte Lily schließlich und war froh, das erste Mal an diesem Tag etwas Sinnvolles gesagt zu haben.
Erwartungsvoll blickte Melinda zu Lily: „Bist du dir da sicher?" „Ja, das bin ich. Als ich eben aus dem Zug gestiegen bin, hab ich meinen Kater Mercutio auch gehen lassen müssen. Nach der langen Zugfahrt wollte er endlich ein bisschen im Freien herumtollen . Ich habe keine Ahnung warum, aber unsere kleinen Kumpanen wissen den Weg zum Schloss meist eher als wir selbst", darauf gelang Lily sogar ein selbstzufriedenes Lächeln und alle Skepsis wich aus Melindas Gesichtszügen.
„Da bin ich ja beruhigt. Vielleicht zeigt Mercutio ja auch meiner Cassandra den Weg!", schlussfolgerte Melinda, der ihre sanften braunen Locken ins Gesicht fielen.
„Ganz bestimmt! Und jetzt geh schnell hinüber zum See zu deinen Freunden. Die Boote legen jede Sekunde ab!", James hatte nun wieder das Wort ergriffen und lächelte dem Mädchen zu.
Lily erschrak und bemerkte nicht, wie Melinda sich bei ihr bedankte und sich erleichtert ihren Freunden anschloss, während sie James entsetzt anstarrte. Ihre Augen fixierten ihn auch als er sich wieder aufrichtete und sich ihr zuwendete.
Das war nicht sein Lächeln gewesen. Wo war das Strahlen seiner Augen geblieben? Wo waren die kleinen Lachfalten, die sich immer dann an seinen Schläfen abzeichneten, wenn er sie grinsend um ein Date bat? Sein Lächeln, sein Grinsen, sein Lachen – all das hatte sich über die Jahre hinweg in ihren Erinnerungen eingebrannt. Wie eine Brandmarkierung sah sie seine Augen lachen, wenn sie ihre eigenen Augen schloss. Doch seine Augen lachten nicht mehr mit. Sein Lächeln war zu einer bloßen Muskelanspannung verkommen.
Plötzlich verspürte sie wieder dieses flaue Gefühl in der Magengegend, welches sie immer dann quälte, wenn sich Emotionen in ihr lösten, die sie nur allzu gern verdrängte.
„Lily, alles okay?", hörte sie James in weiter Ferne sagen und wurde sich ihrer Atemlosigkeit bewusst. Für einen erschreckend langen Moment hatte sie die Luft angehalten. Ein tiefer Atemzug holte sie zurück in die Realität.
„Uhm...ja...", stotterte sie, nicht in der Lage intelligente und zusammenhängende Sätze zu bilden. Verlegen drehte sie sich von ihm weg. Er sollte nicht sehen, wie sich ihre Wangen röteten und die Farbe ihrer Haare annahmen. „Lass uns die Erstklässler zusammen trommeln und dann ab auf die Boote!", murmelte sie in ihren Umhang und lief so schnell es ging zu den vorderen Abteilen des Hogwarts Express, um sich dort um die jüngsten Schüler zu kümmern.
Was war nur los mit ihr? Wieso verlor sie sich ständig in Gedankenketten, die sie fürchterlich blamierten und keinen Sinn ergaben? Während sie lief, warf sie einen kurzen, verstohlenen Blick hinter sich und ihr Herz setzte einen Moment aus, als sie sah, dass er schon eingängig damit beschäftigt, die Schüler um sich zu versammeln.
„Verdammt!", knurrte sie wütend. Was hast du denn erwartet? Dass er dir wie ein Idiot hinterher starrt? Frustriert schüttelte sie sich, um diese ganzen Gedanken erst einmal in einer hinteren Ecke zu verstecken. Du hast dich noch nicht einmal bei ihm entschuldigt! Lily seufzte ernüchtert und schlug sich die Hand vor die Stirn. Für den Moment war es offenbar ziemlich aussichtslos, ihre Gedanken um James Potter und ihr schlechtes Gewissen ihm gegenüber zu verdrängen.
„Alle Erstklässler bitte zu mir!", rief Lily lautstark in die Masse an schwarz gekleideten Gestalten, die aufgeregt hin und her liefen, tuschelten und hektisch nach bekannten Gesichtern suchten. Ihr lauter Zuruf half die Masse ein wenig zu sortieren, denn prompt standen zwei Dutzend Kinder vor ihr, die sie mit großen Augen anstarrten. Lily konnte ihnen die Anspannung und Aufregung ansehen und war froh, dass deren Anblick sie endlich auf andere Gedanken brachte.
„Folgt mir bitte!", sagte sie nachdem sie sich vergewissert hatte, dass jeder sie hören konnte. Etwas beschwingter lief sie schnellen Schrittes mit der großen Meute hinunter zum See, wo schon die ersten Schüler aus James' Gruppe in die Boote mit den kleinen Laternen am Bug stiegen.
Lily lächelte, als sie feststellen musste, dass diese Tradition einfach wunderschön war. Bevor sie sich versah, war der schwarze See zu einem Lichtermeer geworden. Hier und da plätscherten einige Kinder fröhlich im Wasser oder sie konnten ihren Mund vor Erstaunen nicht mehr schließen, als sich ihnen Hogwarts in seiner ganzen Pracht und Größe offenbarte.
Zusammen mit zwei Schülern, stiegen Lily und James in das letzte Boot. „Bitte sehr!", sagte James und streckte Lily die Hand entgegen, um ihr zuerst ins Boot zu helfen, bevor er sich neben sie setzte. „Danke!", flüsterte Lily etwas unbeholfen. Sie war es nicht gewohnt, wie eine Dame behandelt zu werden. Doch bei allen kindischen Streichen, bei aller großkotziger Prahlerei hat James nie seine Manieren vergessen. Im Gegensatz zu vielen anderen, war James noch ein Mann der alten Schule, das wusste auch Lily. Und im Moment war es ihr unangenehmer als je zuvor, denn sie selbst hatte vor gut zwei Stunden jegliche Manieren über Bord geworfen.
Anscheinend war die Geste für James weitaus weniger bedeutungsvoll, denn auf ihr Dankeschön reagierte er nicht. Stattdessen beobachtete er die Schüler auf den anderen Booten, während Lily allmählich klar wurde, dass sie dieses flaue Gefühl im Magen wohl nur beseitigen konnte, wenn sie sich bei James entschuldigte.
„James, ich...", sagte sie mit zitternder Stimme und hielt inne, um nach Worten zu suchen. Als sie jedoch bemerkte, dass James immer noch nicht reagierte, folgte sie seinen Blicken, um festzustellen, wem er seine Aufmerksamkeit schenkte. Was sie sah, waren die zwei kleinen Jungen in ihrem Boot, die gerade ein Erinnermich in den Händen hielten und heftig diskutierten. Die kleine Kugel, in der sich roter Qualm aufwölbte, wechselte in beachtlicher Geschwindigkeit die Hände und bevor Lily sich versah flog sie in hohem Bogen über das Boot.
„Nein!", schrie einer der kleinen Jungen entsetzt, als die Kugel ins Wasser fiel, „Das war ein Geschenk von Mama!" Der kleine Junge sprang auf und wollte sich über die Reling lehnen, um nach der Kugel zu greifen. Geistesgegenwärtig machte Lily einen Satz nach vorn, packte den Jungen und zog ihn zurück. „Du fällst da besser nicht rein!", ermahnte sie ihn und hatte alle Mühe den 11jährigen festzuhalten.
„Aber das ist mein Erinnermich! Ich hab's heute erst geschenkt bekommen!", schrie er und Lily wurde Angst und Bange, als er zu weinen begann. „Gar nicht wahr! Ich hab das Erinnermich geschenkt bekommen!", rief plötzlich der andere Junge dazwischen und erst jetzt fiel Lily auf, dass sich die beiden glichen wie ein Ei dem anderen.
„Accio Erinnermich!" Perplex blickte Lily auf und sah James, der seinen Zauberstab auf die Wasseroberfläche gerichtet hatte. Eine Sekunde später schoss die kleine Kugel aus den Tiefen des Sees und mit einem geübten Griff fing James sie direkt über dem Wasser auf. Doch als sich seine Hand um das Erinnermich schloss, durchfuhr ihn ein blitzartiger Schmerz. Ruckartig ließ er die Kugel fallen.
„Mist!", hörte Lily ihn fluchen und sah zu, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Wasser griff, um das Erinnermich noch zu packen, bevor es zu sinken begann. Ohne Lily anzublicken drückte er ihr die nun durchsichtige Kugel in die Hände und presste seinen Arm, mit dem er gerade das Erinnermich aus dem See gefischt hatte, an seine Brust.
„Boah, was für ne coole Aktion!", sagte der eine Junge, als Lily ihm sein Geschenk zurückgab. „Lernen wir das hier auch?", fragte der andere, der offensichtlich sein Zwillingsbruder war. Doch Lily ignorierte die beiden.
Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit galt im Moment James, der seinen anscheinend schmerzenden Arm immer noch an seinen Körper drückte und die Zähne fest zusammenbiss. Besorgt beugte sich Lily vor ihn: „Zeig mal her!", forderte sie ihn leise auf und wollte nach seinem Arm greifen, als er sich abrupt zur Seite drehte.
„Nein, danke, Lily!", blaffte er sie sichtlich wütend an. Erschrocken wich Lily zurück und versuchte sich zu rechtfertigen: „Ich wollte doch nur..." Doch plötzlich fiel ihr Blick auf seinen Arm und sie verstummte.
„James, was ist das?", fragte sie entsetzt und mit angsterfüllter Stimme, als James den Ärmel seines Pullovers auswrang und damit die Sicht auf seinen nackten Unterarm preisgab.
