A/N: Ich weiß nicht, ob die Geschichte noch jemand liest. Aber sie ist ein Lebensprojekt, dass ich irgendwann beenden möchte, deswegen werde ich trotz allem dranbleiben und nun endlich weiter veröffentlichen. Insgesamt sind 12 Kapitel fertig und der Plot ist fertig. Jetzt muss ich nur noch irgendwie schreiben und hoffe sehr, dass sich ein geneigte Leser für die Geschichte finden. Viel Freude mit Kapitel 6.


6. Kapitel – Die Problematik einer Entschuldigung

James, was ist das?", fragte sie entsetzt und mit angsterfüllter Stimme, als James den Ärmel seines Pullovers auswrang und damit die Sicht auf seinen nackten Unterarm preisgab.

Ihr war schlecht, als sie sich endlich setzen durfte. Eine halbe Stunde hatte sie neben den Erstklässlern stehen müssen, während der Sprechende Hut sie in ihre Häuser einsortierte. Geduldig ließ sie die Prozedur über sich ergehen und horchte lediglich auf, als Melinda nach Ravenclaw und die Zwillinge zu den Gryffindors sortiert wurden. Ansonsten verbrachte sie jene Augenblicke damit, James anzustarren, der sie seinerseits gekonnt ignorierte.

Nun saß sie vor einem reichlich gedeckten Tisch neben ihrer besten Freundin Chantal in der Großen Halle, durch die noch immer Dumbledores Worte der Begrüßung hallten. Abwesend stocherte Lily in ihrem Essen herum bis selbst diese immer so liebevoll von den Hauselfen zubereitete Mahlzeit unappetitlich aussah.

Lily wollten die Bilder einfach nicht aus dem Kopf gehen. Das flaue Gefühl in ihrem Magen hatte sich in einen festen Knoten verwandelt, der nicht verschwinden wollte, egal wie stark sie schluckte oder sich auf andere Sachen konzentrierte. Immer wieder blitzte das Bild von seinem Arm vor ihrem inneren Auge auf. Überall Narben, von denen nicht wenige so aussahen, als wären sie gerade erst verheilt. Das Blut schien noch zu trocknen.

Die Gabel glitt aus Lilys Hand und schepperte auf den Teller.

Als wäre der Anblick nicht schlimm genug gewesen, so wollte James ihr partout nicht erklären, woher diese Wunden stammten. Die Narben mussten bei jeder Berührung fürchterlich schmerzen. Lily konnte sich leider nur zu gut vorstellen, welche Pein die Wucht des Erinnermichs in ihm ausgelöst haben musste, als er es versuchte zu fangen. Doch er war zu stur, um sich zu erklären und Lily zu schockiert, um vehement nachzubohren. Sie war sich nicht sicher, ob sie überhaupt das Recht hatte eine Antwort zu verlangen oder ob es zu weit in seine Privatsphäre eindrang. Sie wusste ja nicht einmal, ob sie die Antwort überhaupt wissen wollte. So viele grauenhafte Möglichkeiten, Ideen und Bilder spukten in ihrem Kopf herum, dass ihr ganz schwindelig wurde.

„Süße, alles okay mit dir? Geht dir immer noch diese Rita durch den Kopf?", fragte Chantal plötzlich und Lily schaute sie etwas verwirrt an, bevor sie die Frage verstand und den Kopf schüttelte.

„Alles okay...es war ein anstrengender Tag", murmelte Lily und nahm ihre Gabel wieder in die Hand, um weiter im Essen herum zu stochern. Sie wollte Chantal jetzt nichts erklären. Dann müsste sie wieder darüber nachdenken. Sie wusste doch selbst nicht wirklich was da eben passiert ist.

„Na, Chantal. Wie waren deine Ferien?", fragte eine männliche Stimme. Lily blickte neugierig auf und sah, dass Remus ein paar Plätze weiter auf der anderen Seite des Tisches zu Chantal hinüberblickte und lächelte.

„Uhm...naja...", stotterte Chantal und schaute verlegen zu Boden. Lily schmunzelte, weil sie ahnte, dass ihre Verlegenheit nicht auf ihre nur mittelmäßigen Ferien zurückzuführen war. „...nicht so toll. Weißt ja sicher warum...", gluckste Chantal vor sich hin und wendete sich lieber ihren Kartoffeln zu, als Remus in die Augen zu schauen.

Die Antwort trieb Remus das Lächeln aus dem Gesicht und er wendete sich ebenfalls wieder seinem Essen zu. Lily war sich nicht sicher, was ihn mehr betrübte: Chantals Antwort oder ihre abweisende Art. Wieder musste sie schmunzeln und vergaß für einen Moment die Bilder von der Bootsfahrt bis ihr schlagartig auffiel, dass James nicht bei seinen Freunden saß.

Fast schon panisch blickte sie sich um und suchte den Tisch der Gryffindors mehrmals nach ihm ab. Jedoch ohne Ergebnis, James war nirgends zu sehen.

„Wo ist James?", entglitt es ihr in ihrer Aufruhr und bemerkte nicht einmal, wie sämtliche Leute im Bereich ihrer Hörweite mit einem Mal verstummten und sie verwundert anstarrten. Lily schaute den Tisch erst noch einmal auf und ab, bevor sie die Gesichter wahrnahm, deren Blicke noch immer auf sie gerichtet waren.

„Was ist?", fauchte sie wütend, sich der Tatsache bewusst, dass ihre Mitmenschen es nicht gewohnt waren, dass sie James tatsächlich beim Vornamen nannte. Schlimmer war jedoch, dass sie soeben öffentlich einen gewissen Grad an Fürsorge für den eigentlich so arroganten Quidditchspieler eingestanden hatte.

Doch im Moment interessierte Lily das wenig. Sie wollte eine Antwort. Eine Antwort zu der sich keiner ihrer Mitschüler augenblicklich imstande fühlte.

„Er ist gleich nach der Zeremonie abgehauen. Hatte keinen Hunger...", brummte letzten Endes Sirius in seinen Dreitagebart, um endlich die unangenehme Stille zu beenden, die mit einer penetranten Beobachtung seiner Person und der seiner Freunde einherging.

Lily hätte ihn gern gefragt, wo sein bester Freund hingegangen ist, aber seine abweisende Haltung verdeutlichte ihr sehr direkt, dass an diesem Punkt Schluss war. Für Sirius' Verhältnisse hatte er sowieso schon zwei Sätze zu viel mit Lily gesprochen.

Das allgemeine Gemurmel am Tisch der Gryffindors hatte wieder eingesetzt und Lilys Eklat war bereits vergessen, als Professor McGonagall plötzlich vor ihr stand: „Guten Abend, Ms. Evans! Schön sie gesund und munter wieder in Hogwarts zu sehen!" Trotz der angespannten Situation rang sich Lily ein Lächeln ab und nickte McGonagall wohlwollend zu.

„Professor Dumbledore möchte sie und Mr. Potter später in seinem Büro sprechen, um noch ein paar wichtige Angelegenheiten bezüglich ihres Amtes zu klären. Allerdings kann ich Mr. Potter hier im Saal nicht finden und würde sie gern darum bitten, ihn zu suchen und ihm die Nachricht zu überbringen", bat McGonagall Lily ruhig und gefasst wie eh und je.

Lily schluckte. Momentan war sie sich nicht sicher, ob sie die richtige Person für diese Aufgabe war, aber ihrer Vertrauenslehrerin konnte sie wohl schlecht eine Bitte einfach so ausschlagen, nur weil ihr eben nicht danach war. Mutig versuchte sie den Knoten hinunter zu schlucken und nickte ihrer Lehrerin noch einmal zu. „In Ordnung. Ich werde mich gleich auf die Suche begeben!", erwiderte Lily und stand im gleichen Atemzug auf, um die Halle zu verlassen.

Als sie den langen Gang zur Eingangstür entlang lief spürte sie die neugierigen Blicke auf ihrem Rücken. Doch sie drehte sich nicht um und war froh eine offizielle Ausrede zu haben den Saal eher verlassen zu können. Draußen angekommen blieb sie jedoch abrupt stehen – Sie hatte keine Ahnung wo sie ihn überhaupt suchen sollte.

In Gedanken graste sie alle Möglichkeiten ab, um schließlich zu dem Schluss zu kommen, dass sie James überhaupt nicht kannte, obwohl sie all die Jahre geglaubt hatte zu wissen mit wem sie es zu tun hatte. Doch diese eine Aufgabe ihn zu finden öffnete ihr die Augen. Wenn man eine Person kannte, dann wusste man auch von seinen Zufluchtsorten. Wo würde ein angeschlagener und betrübter James Potter sich vor dem Rest der Welt verstecken?

Lily stand eine ganze Weile ratlos vor der großen Tür der Halle, die sie hinter sich geschlossen hatte, und versuchte nachzudenken. Aber irgendetwas in ihr blockierte sie. Ihre Gedanken drifteten stets ins Unendliche. Sie war viel mehr damit beschäftigt, im Kopf ein womögliches Entschuldigungs-Szenario durchzuspielen oder die Situation auf dem Boot Revue passieren zu lassen, als dass sie ernsthaft Räumlichkeiten rekapitulierte, wo sie James auffinden könnte.

Frustriert ließ sie sich auf die steinerne Treppe gegenüber der Tür sinken und stützte ihren Kopf erschöpft auf ihre Hände. Wäre sie nicht Lily Evans gewesen, dann hätte sie sich vermutlich eingestanden, dass der Tag ein paar Überraschungen zu viel dargeboten hatte und sie für den heutigen Abend am Ende ihrer Kräfte angelangt war.

Sie saß noch immer auf der Treppe, als sich die große Tür öffnete und die ersten Schüler aus der Halle strömten. Lily fielen die Erstklässler auf, die es vor Spannung, endlich ihre Zimmer zu sehen, kaum noch aushielten. Zum Glück, waren die Vertrauensschüler dafür zuständig die Schüler in ihre Häuser und Schlafsäale zu führen. Nervige, überdrehte, hyperaktive und nervöse Kinder hätte sie jetzt nicht mehr ertragen.

In ihrem Selbstmitleid zerfließend, bemerkte sie nicht, wie sich die Rumtreiber zwischen den Erstklässlern hindurch drängelten. Wahrscheinlich entging es ihr, weil das Ende des großen Festessens nicht wie üblich in Klamauk, Geschrei und Gelächter geendet hatte. Erst jetzt wurde Lily die beunruhigende Stille bewusst. Die Rumtreiber hatten dieses Jahr nicht einen einzigen ihrer berühmten Streiche gespielt, um die neuen Schüler willkommen zu heißen.

Lily seufzte. Es war erschreckend wie sehr man sich an solche Kleinigkeiten, die einen für gewöhnlich nervten, gewöhnen konnte und wie schnell man sie vermisste, sobald sie nicht mehr in Reichweite waren. Der Sommer mit seinen schlechten Nachrichten, unheilverkündenden Omen und bedrückenden Meldungen hatte den Bogen ihrer Leidensfähigkeit eigentlich schon überspannt; und das obwohl sie nicht einmal Menschen in ihrem direkten Umfeld verloren hatte, wie es bei so vielen Mitschülern gruselige Realität war. Jetzt entzog man ihr auch noch das letzte Stück Normalität und Entspannung, dass sie 6 Jahre lang hier in Hogwarts vorgefunden hatte. Wo sollte das alles hinführen, wenn selbst die Rumtreiber gezwungen wurden erwachsen zu werden?

„Lily?", fragte plötzlich jemand und unterbrach ihren selbstzerstörerischen Gedankenstrom. Erschrocken blickte Lily in die sorgevollen Augen von Remus, der direkt vor ihr stand und auf sie hinab blickte. Er war allein. „Solltest du nicht James suchen?", hakte er nach.

Immer noch irritiert stand Lily auf und versuchte die richtigen Worte zu finden. Doch bevor sich die Worte in ihrem Kopf ausbilden konnten, brach sie hoffnungslos ab und nickte lediglich, um Remus wenigstens irgendeine Antwort zu übermitteln. Dabei spiegelten ihre Augen eine verräterische Hilflosigkeit wider, die ihr durchaus peinlich gewesen wäre, hätte sie in ihre eigenen Augen sehen können.

Remus lächelte: „Hast du's schon mal auf dem Quidditchfeld versucht? Da ist er meistens, wenn er sich abreagieren will." Lilys Augen hellten sich mit einem Schlag auf. Wieso war sie darauf nicht selber gekommen? Die Lösung war so offensichtlich, sie lag so nah und doch entzog sich Quidditch ihrem eigenen Alltag so sehr, dass es für sie nur schwer nachvollziehbar war, wenn ein anderer fast sein komplettes Leben auf diesem Sport aufbaute.

„Danke, Remus! Du bist ein Schatz!", entgegnete Lily freudig und fiel Remus dankbar um den Hals. „Kein Problem!", erwiderte Remus etwas überrascht über diese emotionale Geste, die Lily für gewöhnlich nur schwer zulassen konnte und räusperte sich etwas unbehaglich.

Erleichtert machte sich Lily auf den Weg zum Quidditchfeld, als Remus ihr hinterher rief: „Ach, Lily?" Sie blieb stehen und drehte sich lächelnd noch einmal um: „Ja?" „Auch wenn er keine Sonderbehandlung möchte...sei bitte...nun...naja, geh bitte behutsam mit ihm um. Er leidet mehr unter der Situation als er zugeben will", sagte Remus leise mit einem betrübten Lächeln und holte Lily von ihrer gerade erklommenen Wolke wieder herunter.

Sie wusste nicht, ob James seinem Freund Remus von ihrem Aufstand im Zug erzählt hatte, nichtsdestotrotz kämpfte sie mit den Tränen ihres schlechten Gewissens. James konnte es nicht gut gehen, nicht wenn so lebensfrohe Menschen wie Peter, Remus und Sirius sie bedrückt und niedergeschlagen darum baten, auf ihren Freund Acht zu geben, der noch vor wenigen Wochen mit seiner Energie Bäume ausreißen konnte und die Welt mit seinem Charme erobern wollte.

Lily nickte Remus zu und rannte dann so schnell es ging hinaus ins Freie. Es war stockdunkel und sie erschauderte als ihr der kalte Wind um die Ohren blies. Dieses verfluchte Wetter. Es war viel zu kalt für die ersten Septembertage, selbst die Bäume begannen zu frieren und warfen schon ihre Blätter ab, um Energie zu sparen.

Hastig blickte Lily um sich, als sie am Quidditchfeld ankam und sich mühevoll die roten Haare aus dem Gesicht hielt, die der eisige Wind ausdauernd verwehte. Doch ihr Herz machte einen erfreuten Hüpfer sobald James in ihr Blickfeld geriet. Ungefähr zwanzig Meter über ihr kreiste er auf seinem wertvollen Besen vor den drei Toren umher und hantierte mit einem Quaffel.

Gebannt beobachtete Lily, wie er immer wieder Anlauf nahm und in unglaublich rasantem Tempo auf die Tore zuflog, um, kurz bevor er Gefahr lief eines davon unsanft zu streifen, den Quaffel aus den verschiedensten Position durch eines der Tore zu jagen.

Obwohl Lily wenig für Sport übrig hatte und vor allem gegenüber Quidditch eine gewisse Abneigung hegte, die wohl James zu zuschreiben war, zeigte sie sich von seiner Geschwindigkeit fasziniert. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Spiele im Rahmen des Schulturniers, welches jedes Jahr aufs Neue in Hogwarts stattfand, wesentlich langsamer verliefen. Wenn James alleine schon solch ein Tempo vorlegen konnte, wie geschwind war dann wohl die gesamte Nationalmannschaft zusammen?

Eine ganze Weile verfolgte Lily, stumm wie ein Fisch, James' Treiben, ohne dass er sie bemerkte. Schließlich stellte sie fest, dass James den Quaffel wohl verzaubert haben musste, denn ohne sein Zutun flog er jedes Mal, wenn er eines der Tore passierte, zurück in seine Arme.

Lilys Augen fixierten noch immer das Tor, durch welches der Quaffel gerade geflogen war, als ihr plötzlich jemand aufgebracht zurief: „Lily! Weg da!" Erschrocken drehte sie sich um und sah mit Entsetzen, wie der Quaffel auf sie zuraste. Sie wollte wegrennen, doch ihre Beine waren wie gelähmt. Ängstlich hob sie die Arme und verschränkte sie vor ihrem Gesicht, gefasst auf den Aufprall und die Schmerzen, die sie gleich übermannen würden.

Aber es gab keinen Aufprall. Und auch die Schmerzen blieben aus. Verwirrt senkte sie die Arme und sah gerade noch, wie James direkt vor ihr zum Stehen kam und versuchte sich zu stabilisieren. Im Sturzflug war er auf sie zugeflogen, um rechtzeitig eine Kurve zu ziehen und den Quaffel zu fangen, bevor er sie treffen konnte.

„Was tust du hier?", fragte er kühl und fast schon ein wenig vorwurfsvoll ohne sich dabei Lily zu zuwenden.

Dieser Ton. Dieser unglaublich arrogante Ton gefiel Lily nicht im geringsten und sie spürte wie das Blut in ihren Adern wieder zu kochen begann. „Na, hör mal. Was kann ich dafür, wenn du diesen verrückten Quaffel nicht unter Kontrolle hast?", blaffte sie ihn an und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.

James drehte sich um und sie erschrak, als sie sah, wie wütend er war. Seine rechte Hand verkrampfte sich um den Besenstiel, während sich die andere fest um den Quaffel schloss. „Hättest du auch nur die leiseste Ahnung von Quidditch, dann wüsstest du, dass Quaffel unberechenbar sein können, wenn sie verzaubert sind und in einem bestimmten Winkel durch das Tor geschossen werden. Niemand kann etwas für deine naive Unwissenheit, also reiß dich endlich zusammen und such die Schuld zur Abwechslung mal bei dir selbst!", erwiderte er lautstark und war sichtlich bemüht nicht loszuschreien.

Wie vor den Kopf geschlagen und völlig sprachlos starrte Lily immer noch auf die Stelle, wo er eben noch gestanden hatte, obwohl er bereits schweren Schrittes an ihr vorbeigegangen war und sie dabei unsanft anrempelte.

Lilys Gedanken rasten, ihr Herz überschlug sich. Glaub bloß nicht, dass du von mir nur ein Fünkchen Mitleid bekommst, bloß weil du deine Eltern verloren hast! Sie riss ihre Augen weit auf vor Entsetzen. Was kann ich dafür, wenn du diesen verrückten Quaffel nicht unter Kontrolle hast? Er hatte Recht. Such die Schuld zur Abwechslung mal bei dir selbst! Sie war neidisch auf ihn, also machte sie ihn dafür verantwortlich. Sie war unvorsichtig, auch dafür zog sie ihn zur Rechenschaft.

Ohne nachzudenken rief sie ihm hinterher: „James, warte!" Er blieb stehen, doch drehte sich nicht um. So schnell ihre Füße sie tragen konnten, lief sie zu ihm auf. „Es tut mir Leid, James. Es tut mir sehr Leid", stürzte es mit einem Mal aus ihr heraus und sie blickte ihn flehend an.

James zögerte. Lily konnte spüren, dass ihre Worte in ihm arbeiteten. „Bitte, James...", flüsterte sie eindringlich und trat näher an ihn heran. Er fühlte ihre Nähe, ein Schauer durchfuhr ihn.

Plötzlich drehte er sich um und trat einen Schritt von ihr zurück: „Was wolltest du eigentlich hier?", fragte er monoton und versetzte Lily damit einen Stich ins Herz. Vor zwei Monaten noch überschlug sich seine Stimme förmlich vor Emotion, übertriebener Freundlichkeit und öffentlich zur Schau getragener Zuneigung. Davon war nichts mehr zu spüren. Und obwohl sie genervt war von seinem ständigen Auflauern und seiner kontinuierlichen Fragerei, ob er mit ihr ausgehen dürfte, war sie in ihrem tiefsten Inneren auch nur ein kleines Mädchen, dass sich freute, wenn ein Junge es toll fand und es begehrte.

Bei all dem Unbehagen, das die momentane Situation in Lily auslöste, wurde sie ganz steif und blickte betrübt zu Boden: „Professor McGonagall hat mich geschickt. Dumbledore möchte uns in seinem Büro sprechen."

„Gut, dann lass uns gehen!", erwiderte James sofort und wendete sich wieder von Lily ab, um in Richtung Schloss aufzubrechen.

„James!" Ihre Stimme zitterte und klang flehender als ihr lieb war. Aber den Knoten in ihrem Magen, der sich langsam aber sicher in einen Stein verwandelte, der schwer auf ihre Brust drückte, konnte sie nur loswerden, indem sie endlich eine Antwort von ihm erhielt.

Lily sah, dass er zusammenzuckte als ihre Stimme seine Ohren erreichte. Sie hatte seine Aufmerksamkeit und er wusste genau, um was es ging, noch bevor sie es aussprach. „Es – tut – mir – Leid!", sagte sie, bedacht darauf jedes einzelne Wort angemessen zu betonen. Stille.

Sie hatte das Gefühl die Zeit bliebe stehen und würde sie für immer mit dieser Ungewissheit quälen. Eine halbe Ewigkeit schien verstreichen zu müssen, ehe er antwortete: „Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest."

Lily wurde ganz warm ums Herz, ein sachtes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus und sie ließ ihre angespannten Schultern fallen, als sie seine Worte vernahm. Sie war sich sicher, dass er sehr wohl wusste, dass eine Entschuldigung ihrerseits angebracht gewesen war, aber mehr noch als seine Worte verriet ihr die leise Zärtlichkeit, die auf einmal in seiner Stimme lag, dass er ihr verziehen hatte.

Es war ein kleines Zeichen, ein kleines Stück Normalität, das für ein paar Momente verschleiern konnte, dass ihr der schwerste Schritt noch bevorstand.