Ich verfasse dein Leben in Worte
7. Kapitel – Freunde teilen ihr Leid
Es war ein kleines Zeichen, ein kleines Stück Normalität, das für ein paar Momente verschleiern konnte, dass ihr der schwerste Schritt noch bevorstand.
Schweigsam liefen sie nebeneinander her. Lily war die Situation unangenehm. Dennoch traute sie sich nicht etwas zu sagen. James hingegen schien die Stille nicht zu stören. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet und er lief mit einer Zielstrebigkeit in Richtung Dumbledores Büro, die keinen Zweifel daran ließ, dass er die Zeit nicht mit Reden verschwenden wollte.
Lily versuchte sich abzulenken, indem sie ihre Gedanken schweifen ließ. Einen Moment lang, dachte sie an Professor Dumbledore und was er ihnen wohl alles erzählen wollte. Aber wenig später war sie mit ihren Gedanken schon wieder bei James angelangt. Sie musste die nächsten Wochen mit ihm verbringen, um diesen verfluchten Artikel über die Bühne zu bringen und er wusste noch nicht einmal von seinem Glück. Wie sollte sie unter diesen Umständen an etwas denken, das nicht um James zirkulierte?
Als der Aufgang zu Dumbledores Büro schließlich in Sichtweite kam, spürte Lily, wie die Anspannung etwas nachließ. Das änderte jedoch nichts daran, dass sie sich noch immer fühlte, als wäre sie in einer Blase gefangen. Sie bekam ihre Gedanken nicht zu greifen, sie war unruhig und nervös, sie war durcheinander. Womöglich hatte ihr das Gespräch, welches sie eben mit James auf dem Quidditchfeld geführt hatte, sprichwörtlich den Rest gegeben. Selbstverständlich war sie sich der Tatsache bewusst, dass alles um sie dennoch real war und dass sie tatsächlich mit James vor der riesigen Vogelstatue stand, die den Eingang zu Dumbledores Büro markierte.
„Beethoven", sagte James plötzlich und Lily zuckte vor Schreck zusammen. Irritiert blickte sie zu James bis sie merkte, dass sich die Statue bewegte und James soeben Dumbledores Passwort laut ausgesprochen hatte.
Plötzlich hatte sie ein merkwürdiges Gefühl im Bauch, als ob sie stundenlang abwesend gewesen war und wichtige Momente ihres Lebens verpasst hatte. Sie hatte sich schon wieder in Tagträumen verloren. Genervt schüttelte sie den Kopf. Reiß dich zusammen, Lily – ermahnte sie sich innerlich. Das alles passte überhaupt nicht zu ihr. Sie war immer geradlinig, selbstbewusst und gefasst. Geradlinig, selbstbewusst, gefasst. Geradlinig, selbstbewusst, gefasst. Lily atmete tief durch und wiederholte die drei Worte noch einige Male, um wieder zu sich selbst zu finden.
In ihrem innerlichen Aufruhr, versäumte sie sogar sich zu fragen, woher James überhaupt das Passwort wusste und wie Dumbledore ausgerechnet auf Beethoven kam. Bevor sie jedoch dazu kommen konnte, hallte ihr auch schon eine andere männliche Stimme entgegen.
„Ah, da sind ja unsere diesjährigen Schulsprecher. Guten Abend, ihr beiden!", begrüßte Dumbledore Lily und James überschwänglich, als sie in sein Büro eintraten und lief ihnen entgegen, um ihnen höflich die Hand zu reichen.
„Setzt euch doch!", sagte er und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung sich auf die Stühle vor seinem riesigen, rustikalen Schreibtisch zu setzen.
Während James ohne zu Zögern Dumbledores Anweisung befolgte, starrte Lily den grauhaarigen Schulleiter mit der Halbmondbrille noch einen Moment verwundert an. So viel Gelassenheit, Fröhlichkeit und Zuversicht hatte sie lange nicht mehr verspürt. Mit wenigen Worten schaffte es Dumbledore, dass sie sich endlich wieder ein wenig geborgen fühlen konnte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie neben James platznahm.
„Meine Lieben, viel habe ich euch eigentlich gar nicht zu erzählen!", sagte er ruhig und mit einem Schmunzeln, während er sich hinter seinen Schreibtisch setzte und die beiden erheitert anblickte. „Hauptsächlich seid ihr natürlich für die abendlichen Patrouillen zuständig und dafür, dass sich die Schüler an die Hausordnung halten." In dem Moment in dem er das Wort Hausordnung aussprach, blickte Dumbledore verschmitzt zu James hinüber. Doch James reagierte auf die Anspielung nicht und ignorierte sie einfach.
Lily konnte Dumbledore ansehen, dass er überrascht war, auch wenn er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und sich Lily zuwendete.
„Da du die letzten beiden Jahre Vertrauensschülerin warst, bist du mit den meisten Aufgaben sicher noch bestens vertraut, Lily. Vielleicht wärst du so freundlich und könntest James in die wichtigsten Bereiche einweisen." Lily nickte ohne zu Zögern, obwohl sie nicht glaubte, dass es nötig sein würde. James hatte auf der Fahrt nach Hogwarts bereits bewiesen, dass er bestens vorbereitet war.
Dumbledore lehnte sich indessen zufrieden zurück und faltete die Hände vor seiner Brust. „Da euch die neuen Vertrauensschüler ja bei den eben schon genannten Aufgaben unter die Arme greifen werden, kommen für euch noch ein paar neue Aufgaben hinzu. Ihr seid vor allem dafür zuständig, euch um sämtliche Schülerbeschwerden kümmern, welche die Schüler nicht an die Lehrer richten können. Berechtigte Beschwerden könnt ihr dann auf der Schulkonferenz vortragen, die einmal im Monat im Versammlungsraum der Lehrer stattfindet. Ihr könnt euch selbstverständlich auch eigenständig um die Probleme der Schüler kümmern, sollte kein Lehrer dazu notwendig sein. Soweit erst einmal klar?", fragte Dumbledore am Ende seines Vortrages und musterte seine beiden Schulsprecher eingängig. Als beide einvernehmlich nickten, fuhr er fort.
„Eure wichtigste Funktion liegt allerdings in der Organisation des alljährlichen Weihnachtsballs. Ehemalige Schulsprecher haben es zumeist gehandhabt, indem sie Komitees und Gruppen unter den Schülern gebildet haben, die sich in die Organisation reinteilten. Sicher gehe ich Recht in der Annahme, dass ihr beide genügend andere wichtige Hürden dieses Schuljahr meistern müsst zwecks Abschlussprüfungen und Zukunftsplanungen."
Etwas beunruhigt bemerkte Lily, wie James bei Dumbledores letztem Wort zusammenzuckte. Doch sie hatte keine Zeit darauf einzugehen, da Dumbledore unbeeindruckt weiter redete: „Deshalb ist diese Form der Organisation sicherlich zu empfehlen. Alle Fragen, die ihr zum Ball noch haben solltet, richtet ihr bitte an Professor McGonagall. Sie hat sich auch die letzten Jahre schon gern an der Planung beteiligt", sagte er mit einem Lächeln.
Lily kam nicht umhin das Lächeln zu erwidern. Es war so angenehm sich für ein paar Momente wohl zu fühlen und die Verantwortung abgeben zu dürfen.
„Habt ihr für den Moment noch irgendwelche Fragen?" Lily überlegte einen Moment, doch schüttelte den Kopf, als sie zu dem Schluss kam, dass es sich nur um Fragen handelte, die sich früher oder später höchstwahrscheinlich von selbst klären würden.
„Gut, dann möchte ich euch jetzt noch etwas zeigen! Folgt mir bitte!", sagte Dumbledore, erhob sich von seinem Stuhl und ging um seinen Tisch herum und vorbei an James. Lily stand ebenfalls auf und wollte Dumbledore nachgehen, verharrte jedoch als sie sah, dass James sich nicht rührte. Er schien in Gedanken versunken zu sein und angestrengt zu überlegen.
„Professor?", sagte er plötzlich und brachte Dumbledore dazu abrupt stehenzubleiben. „Ja?" „Ich hätte da doch noch eine Frage." Verdutzt wendete sich Dumbledore James zu, der nun aufgestanden war, um ihm direkt in die Augen blicken zu können.
Lilys Augen wanderten aufgeregt zwischen den beiden Männern hin und her. Die Spannung, welche mit einem Mal in der Luft lag, verhieß nichts Gutes. James haderte offensichtlich mit sich selbst und schaute nervös auf den kalten, steinernen Boden ohne ein Wort zu verlieren. Gerade als Lily schon nicht mehr daran glauben wollte, setzte James endlich dazu an seine Frage auszusprechen, indem er tief Luft holte.
„Warum ich? Warum haben Sie ausgerechnet mich ausgewählt?", fragte er schließlich und schaute Dumbledore nun wieder ins Gesicht.
Für einen Augenblick war sich Lily nicht im Klaren darüber, was James meinte. Seine Augen spiegelten solche Zweifel und Skepsis wider, dass er unmöglich das Schulsprecheramt meinen konnte. Lily war aus allen Wolken gefallen, als sie erfuhr wer ihr Partner dieses Jahr sein würde, aber deswegen würde sich James Potter noch lange nicht selbst in Frage stellen.
Doch sein derzeitiger Anblick ließ Lily Gegenteiliges vermuten. Konnte es wahrhaftig sein, dass sich in seinen rehbraunen Augen, die müde und erschöpft dreinblickten, Selbstzweifel und Unsicherheit abzeichneten?
Dumbledore versuchte zu lächeln, aber konnte seinen mitleidigen Blick nicht verbergen. Er schien zu wissen, was James quälte und er schien zu verstehen, dass er eine Antwort auf seine Frage brauchte. „Es tut mir sehr Leid, James. Ich weiß, wie sehr dir diese Frage auf dem Herzen liegt, aber ich kann und will dir darauf im Moment noch keine Antwort geben."
Die Skepsis in James' Augen wandelte sich in Bestürzung. Lily konnte sehen, wie sehr er sich eine Antwort von Dumbledore erhofft hatte. Er fixierte den Schulleiter mit seinen Blicken, als würde er in dessen Augen verbissen nach einer Erklärung suchen.
Doch mehr als ein weiteres Lächeln konnte er Dumbledore nicht entlocken: „Glaub mir, James, ich hatte gute Gründe für meine Wahl und du wirst sie früher oder später erfahren." Mit diesen Worten wendete er sich von James ab und ging forschen Schrittes zur Treppe, um sowohl James als auch Lily zu verdeutlichen, dass die Unterhaltung an diesem Punkt beendet war und sie ihm folgen sollten.
Nur widerwillig lief James ihm hinterher und ignorierte Lily dabei genauso, wie er es den ganzen Tag schon tat.
Lily seufzte genervt. Auch wenn sie mittlerweile versuchte etwas mehr Verständnis für James aufzubringen, fiel es ihr in ihrem Temperament mehr als schwer diese Ignoranz zu tolerieren. Grummelnd folgte sie den beiden.
Dumbledore führte sie ein paar Gänge weiter zu einem großen Gemälde, dass sich unweit des großen Badezimmers der Vertrauensschüler befand und flüsterte dem Pärchen, welches auf der Leinwand abgebildet war, Ziegenkäse zu. Argwöhnisch hob Lily eine Augenbraue in die Höhe. Ziegenkäse? Wieso ausgerechnet Ziegenkäse? Und wohin führte dieses Gemälde überhaupt?
„Hach, ich liebe Ziegenkäse. Fast genauso gut wie eine Portion Musik von Beethoven oder ein Zitronensorbet", murmelte Dumbledore vor sich hin ohne dabei jemanden anzusprechen. Lily schmunzelte. Das war so typisch, so typisch Dumbledore.
Der Mann und die Frau auf dem Gemälde nickten und kaum dass sich Lily versah, offenbarte sich hinter dem Gemälde ein schmaler Gang. Alle drei gingen sie hindurch und landeten schließlich in einem riesigen Raum in dessen Mitte zwei rot gepolsterte Sofas standen. Auf der rechten Seite flackerte ein gemütliches Feuer im Kamin und tauchte die Räumlichkeiten in ein warmes Licht. Auf der anderen Seite des Raumes waren ein großer hölzerner Tisch und zehn dazugehörige Stühle platziert. Der steinerne Boden, der in Dumbledores Büro so kalt gewirkt hatte, war hier und da mit schweren Teppichläufern bedeckt. An den hohen Wänden waren dutzende Fotos aufgehanden. Portraits und Gruppenaufnahmen von ehemaligen Schulsprechern und Vertrauensschülern zierten den Raum und gaben ihm ein wohnliches Ambiente.
Zutiefst beeindruckt lief Lily an den beiden Männern vorbei und drehte sich einmal im Kreis, um den gesamten Raum aufzunehmen, um ihn in seiner vollen Pracht auf sich wirken zu lassen. „Was ist das für ein Raum, Professor?", fragte sie und konnte ihr Erstaunen nicht verbergen.
„Das, meine Liebe, ist euer Appartement, wie man heut zu sagen pflegt." Verblüfft blickte Lily zu Dumbledore und wollte ihren Ohren nicht recht vertrauen. „Appartement?", mischte sich James ein, der den Raum ebenso ungläubig wie Lily begutachtete. Dumbledore nickte.
„Damit ihr eure Aufgaben geflissentlich erfüllen könnt, braucht ihr einen Ort an den ihr euch zurückziehen könnt. In der Vergangenheit haben sich die Gemeinschaftsräume der Häuser dafür desöfteren als ungünstig erwiesen. Vor allem die jüngeren Schüler bringen für gewöhnlich Unruhe mit sich, doch nach einem anstrengenden Schultag kann ich ihnen das nicht verübeln. Aber Miss Adams hat mich noch vor ihrem Abschluss im vergangenen Sommer darum gebeten für die nächsten Schulsprecher doch bitte für Abhilfe zu sorgen. Ich habe mir ihren Wunsch zu Herzen genommen und mich noch vor den Sommerferien entschlossen diesen Raum hier zu errichten", erklärte er und lief hinüber zu der Essgarnitur.
„Hinter dieser Tür", setzte er fort und zeigte gleichzeitig auf die Tür, die sich hinter ihm befand, „ist eine kleine Küche. Die Erfahrung zeigt, dass Schulsprecher um gelegentliche Nachtschichten nicht drum herum kommen. In diesen Fällen kann ein frisch aufgegossener Earl Grey wahre Wunder bewirken. Und mit dieser Küche müsst ihr die Hauselfen nicht aus ihrem wohlverdienten Schlaf reißen." Ein verschmitztes Lächeln glitt ihm wieder über die Lippen, als er Lily und James musterte.
„Nun denn, hinter diesen Türen befinden sich eure Schlafzimmer", sagte Dumbledore schließlich und deutete mit erhobenen Zeigefinger auf die zwei Türen, die links und rechts vom Kamin zu sehen waren. „Zwischen euren Schlafzimmern findet ihr ein Bad, dass ihr gemeinsam benutzen könnt. Euer Gepäck ist auch schon sicher in euren Zimmern verstaut."
„Schlafzimmer? Bad?", wiederholte Lily Dumbledores Worte apathisch und starrte fassungslos auf die Türen.
„Haben wir keine Betten mehr in den Schlafsäalen? Bei den anderen?", fragte James und sprach damit aus, was Lily die ganze Zeit durch den Kopf ging.
„Nein, in den Schlafsäalen haben wir ein bisschen Platz für eure Freunde geschaffen und ihr könnt euch hier ohne große Umstände nach getaner Arbeit gleich nebenan Schlafen legen. Ich hielt dies für eine sehr komfortable Idee!", erwiderte Dumbledore und seine Brust schwoll vor Stolz sichtbar an.
Lilys Blick fiel auf James. Sie schluckte. Ein ganzes Jahr. Ein ganzes Jahr so unglaublich nah bei James Potter. Ein Bad, ein gemeinsames Bad. Sie schluckte erneut. Letztes Schuljahr wäre sie vor Wut geplatzt, hätte ihr jemand erzählt, dass sie ab kommenden Herbst ein Appartement mit ihm teilen müsse. Auch wenn James ihr nun scheinbar keinen Grund mehr gab so darüber zu denken, war ihr die Situation nichtsdestotrotz unbehaglich.
James und sie hatten nicht gerade den besten Start in dieses Schuljahr erlebt. Zudem wusste sie nicht in welchem Zustand er sich wirklich befand, ob sie damit klar kommen würde, dass er sie ständig ignorierte, so unterkühlt und abweisend war. Solche Lichtblicke, wie sie ihn vorhin auf dem Quidditchfeld erlebt hatte, würden definitiv nicht zur Gewohnheit werden. Das wusste sie, als ihr Blick von seinen trüben Augen zu seinem Arm hinunter glitt. Ein kalter Schauer fuhr ihr über den Rücken und bescherte ihr am gesamten Körper Gänsehaut. Nervös zog sie die Ärmel ihres Schulumhangs über ihre Hände, aus Angst jemand könnte es sehen.
Doch blitzartig breitete sich ein Gedanke in ihrem wüsten Chaos an Befürchtungen und Verwirrungen aus und ließ die gegenwärtigen Umstände in einem anderen Licht erstrahlen. Vielleicht würde ihr die Nähe zu James Potter die Arbeit an ihrem Bericht erleichtern.
„Ihr habt was?", fragte Chantal entsetzt und ungläubig. Lily musste lachen. Chantals Anblick war einfach zu göttlich.
Sobald sie sich in ihrem Schlafzimmer umgesehen und vergewissert hatte, dass die Hauselfen all ihr Hab und Gut vollständig in die Schränke gepackt hatten, war sie in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors gerannt, um ihrer besten Freundin die Neuigkeiten zu überbringen. Als ihr die fette Dame nach mehreren ohrenbetäubenden Ständchen endlich Eintritt gewährte, hatte sie überrascht feststellen müssen, dass ihre Freundin bereits bestens von Remus unterhalten wurde.
Von Verlegenheit, wie noch beim Festessen, keine Spur mehr. Die beiden führten ein reges Gespräch und lachten herzlich. Trotzdem platzte Lily fast vor Rededrang und kam nicht umhin, die traute Zweisamkeit zu stören, indem sie sich zu ihnen gesellte und sich nun beim Anblick ihrer Freundin blendend amüsierte. Lily konnte sich gut vorstellen, dass sie Dumbledore auf die gleiche Art und Weise angestarrt hatte, wie Chantal es gerade vormachte.
„Wir haben ein ganzes Appartement nur für uns!", sprudelte es aus Lily heraus, die sich mittlerweile wie ein kleines Mädchen, das gerade ein Pony geschenkt bekommen hatte, über ihr Glück freute.
„Ich hoffe doch, du und James habt getrennte Schlafzimmer", bemerkte Remus mit einem verschmitzten Grinsen und zog damit argwöhnische Blicke auf sich. „Dass Männer immer gleich solch schmutzige Gedanken haben müssen!", erwiderte Lily gespielt genervt und schüttelte demonstrativ verachtend den Kopf.
„Ich frag mich, wer hier wohl die dreckigeren Gedanken hat. Ich für meinen Teil habe nur an dein persönliches Wohl gedacht, denn James quatscht im Schlaf so viel wie meine Tante Bertha." Etwas verdutzt blickten sich die beiden Mädchen an, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrachen. Auch Remus stimmte ausgelassen mit ein.
Doch die gute Stimmung und das fröhliche Lachen wurde jäh unterbrochen als Sirius die Treppe, die zum Schlafsaal der Jungen führte, hinunter kam und ohne die Gruppe eines Blickes zu würdigen an ihnen vorbei lief. Die beiden Mädchen verstummten bei seinem Anblick schlagartig. Er wirkte traurig, nachdenklich und besorgt, so besorgt, dass er seine Umgebung gar nicht mehr wahrnahm.
„Wo willst du so spät noch hin, Sirius?", rief Remus seinem Kumpel hinterher und Lily wurde ohne groß zu Überlegen die traurige Ironie dieser Worte bewusst. Sirius und James waren ständig nachts unterwegs, Peter und Remus immer im Schlepptau. Kaum ein Abend verging, an dem sie sich nicht heimlich hinaus schlichen und irgendwelchen Unfug begingen. Aber Sirius plante heute mit Sicherheit keinen Streich, dass konnte ihm sogar Lily ansehen, als er sich umdrehte und die drei überrascht anstarrte.
„Ich hab – Ich hab dich gar nicht gesehen, Remus", entgegnete Sirius, der sich sichtlich unwohl dabei fühlte, unter der intensiven Beobachtung drei seiner Mitschüler zu stehen. „Hab ich gemerkt. Aber nun sag mal, wo du um diese Uhrzeit noch hin möchtest?", hakte Remus nach und auch in seinen Augen spiegelte sich mit einem Mal Sorge wider.
„Zu James. Der Kerl lässt mir keine Ruhe!", erwiderte Sirius und Lily hätte schwören können, eine Spur von Wut in seiner Stimme zu vernehmen.
Remus nickte verständnisvoll. „Vielleicht hast du dieses Mal mehr Glück!" „Ich hoffe...", sagte Sirius leise und machte sich auf den Weg zu seinem besten Freund.
Bedrückt blickte Lily auf ihre Hände. Es war gerade so entspannt und spaßig gewesen. Nun war sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt wurden.
„Bei was soll er dieses Mal mehr Glück haben?", fragte Chantal und unterbrach die Stille, die nach Sirius Verschwinden Einzug gehalten hatte. Lily blickte auf, die Antwort auf diese Frage interessierte sie auch.
Remus holte tief Luft und ließ sich in die weichen Kissen fallen, die hinter ihm auf dem Sessel lagen. „Sirius versucht ihn seit einer gefühlten Ewigkeit zum Reden zu bringen. Er weigert sich partout mit uns...", Remus schluckte, sichtlich bemüht richtige, weniger schmerzvolle Worte zu finden, „...mit uns darüber zu sprechen. Er verschließt sich total. Selbst vor Sirius, obwohl er praktisch zur Familie gehört hat."
Chantals Blick trübte sich und Lily wusste, dass sie an ihre Mutter dachte. Sie sah wie Chantal und auch Remus unter der Situation zu Leiden hatten. Lily wollte Anteil daran haben. Sie wollte das Leid mit ihnen teilen und verstehen. Das einzige was ihr bekannt war, waren die wenigen Fakten, die Chantal ihr in ihren Briefen mitgeteilt hatte. James' Eltern sind tot. Voldemort hat sie auf dem Gewissen. Vielleicht half es ihr dabei, mit der bedrückenden Atmosphäre die ganz Hogwarts umgab, besser zurecht zu kommen, wenn sie wusste was im Sommer genau vorgefallen war. Und vielleicht half es Chantal, wenn ihre beste Freundin sie besser verstehen konnte.
Bis jetzt hat es ihr auch keinen Vorteil gebracht, die Geschehnisse zu verdrängen und so tun, als ob nie etwas passiert wäre. Sie hatte also nichts zu verlieren, wenn sie nach der Wahrheit fragte.
„Was genau...also wie...ich meine...wie ist das alles passiert?", stotterte Lily zusammen und hoffte inständig, dass Remus wusste worauf sie hinaus wollte.
Er, und auch Chantal, verstanden, denn mit einem Mal wurden sie ganz steif. Nervös blickte Lily zwischen den beiden hin und her. Es war sicher nicht angenehm für die beiden, aber das war es für niemanden. Lily brauchte eine Antwort.
Chantal räusperte sich: „Naja, viel gibt es da nicht zu erzählen. Harold und Vivian sind gerade von einer Außendienstreise zurückgekommen, als Voldemort ihnen in ihrem eigenen Haus auflauerte. Die beiden hatten keine Chance. Voldemort wusste genau wem er gegenüber steht und hat sein ganzes Gefolge an Todessern mit gebracht."
Lily erschauderte. Allein die Vorstellung erfüllte sie mit Angst und Schrecken. Sie wollte nicht wissen, wie es war ihm leibhaftig gegenüber zu stehen. „Hatten die beiden denn keine Vorkehrungen getroffen?" „Doch!", warf Remus ein, „Sie hatten ihr Haus mit dem Fidelius-Zauber belegt. Aber Voldemort hat den Geheimniswahrer, einen Freund von Harold, aufspüren können. Wie Voldemort ihn gefunden und warum er die Potters verraten hat, versucht das Ministerium noch immer zu ermitteln. Mittlerweile gehen sie jedoch davon aus, dass der Geheimniswahrer unter dem Imperiusfluch stand."
Geschockt schaute Lily zu Chantal. Doch sie mied ihren Blick. „Wo war James?", fragte Lily und sprach damit die Frage aus, die ihr am schwersten auf dem Herzen lag.
„Er war nicht da, als es passierte. Wir glauben, dass er unwahrscheinliches Glück hatte. Wäre er nicht beim Training gewesen, hätten ihn die Todesser aus reiner Mordlust vermutlich ebenso kaltblütig umgebracht, wie seine Eltern", erklärte Remus und rieb sich die Augen, die ganz glasig geworden waren.
Lily musste schlucken. Ihr Herz raste. James. Tot. Remus' Worte brauchten einen Moment, um sich in ihr zu entfalten. Doch als sie sich in ihrer ganzen Bedeutung in ihrem Kopf ausgebreitet hatten, wurde Lily plötzlich schlecht.
„Er hätte tot sein können. Tot. Einfach tot", hauchte sie völlig apathisch in die beklommene Stille.
