Eintausend Gedanken fegten durch ihren Kopf. Eintausend Gesichter sah Daenerys vor ihren Augen. Sie schienen so nah, so lebendig, doch wenn sie versuchte sie zu greifen verschwommen Sie und es bleib nur Rauch. Der Rauch umhüllte sie, doch sie begrüßte ihn wie einen alten Freund.

Eintausend Stimmen flüsterten in ihre Ohren. Keine von ihnen erkannte sie, egal wie sehr sie sich bemühte.

Alles ging in Flammen auf.

Sie war allein und auf ewig dazu verdammt allein zu sein. Wer war ihr geblieben? Drogo, Jorah, Missandei. Alle tot, so lebendig wie die Asche, die auf ihrer Haut landete. Die Feuer in den Straßen waren hoch, aber sie brannten nicht so stark wie jene, die sich in ihrem Herzen befanden. Daenerys war außer Atem. Erschöpft von den Lügen, Verlusten und vom Krieg. Vom Krieg mit ihrem Verstand. Vom Krieg mit ihrem Gewissen. Vom Krieg mit Cercei. Was sollte sie tun? Doch die Antwort war klar, wie das Licht des Vollmondes bei Nacht. So klar brannte es in ihr. Sie wusste, was zu tun war. Also nahm sie all ihren Mut zusammen, das letzte was ihr noch geblieben war und gab Drogon das Zeichen. Der Drache stieß sich von den Mauern ab, auf denen er zuvor gelandet war und preschte durch die mit Rauch verschleierten Lüfte. So schnell wie ein Pfeil, kraftvoll mit den Flügeln schlagend, schoss er durch den Himmel, darauf bedacht seine Mutter ans Ziel ihrer Reise zu bringen.

Der Rote Bergfried war noch unberührt in Mitten des Meeres aus Flammen und Rauch. In ihm sollte die Regentschaft des Löwens nun enden. Cercei schossen eintausend Gedanken durch den Kopf, doch keinen konnte sie fassen. Eintausend Gesichter sah sie vor sich, doch keines von ihnen konnte ihr nun noch beistehen. Ihr Haus war dem Untergang geweiht. Joffrey, Tommen, Mycella. Alle tot, so lebendig wie der Wein, de ihre Lippen benetzte. Ihre Kinder lagen nun verrottet unter der Erde, Mycellas unschuldiges Gesicht nur noch eine Erinnerung, die langsam verblasste. Was war ihr geblieben? Nichts. Nur der Tod, der sie umgab, doch begrüßte sie ihn wie einen alten Freund. Sie sah ihren Vater vor sich. Alles was er geschaffen hatte sollte nun also mit ihr untergehen. Ihr Name, ihr Einfluss, ihr Vermögen. Das alles ist nichts mehr wert, wenn man dem Tod ins Auge sieht. Der Drache, der auf einem der Ruinen gelandet war, setzte sich wieder in Bewegung. Er schwang seine Flügel und stieg majestätisch in den Himmel hinauf. Cercei trank den letzten Schluck Wein aus ihrem Becher und warf ihn auf den Boden. Sie trat an das Geländer des Balkons heran.

Mit jeder Sekunde die verstrich, kam der Drache näher.

Sie dachte an Jamie. Ob er bereits tot war, so wie ihre Kinder?

Sie hörte die Flügelschläge des Ungeheuers, der sich geradewegs auf sie zubewegte.

Sie hatte alles verloren.

Der Drache wurde größer.

Sie hatte alles verloren, wofür sie lebte.

Der Drache war nun so nah, dass sie das Gesicht des Targaryenmädchens sehen konnte.

Sie legte ihre Hände auf das Geländer des Balkons.

Cercei konnte den Wind der Flügelschläge auf ihrem Gesicht spüren. Sie schloss die Augen und atmete tief ein, füllte ihre Lunge das letzte Mal mit Luft.

Dann sei es so.