Kapitel 8 - Vorbereitungen

Zwei Wochen waren seit unserem letzten Treffen mit Nikki vergangen. Die Aktion mit dem Geldhai war zum größten Teil in die Hose gegangen, hat uns aber auch wertvolle Informationen beschert.
Wir wussten jetzt ganz genau, wo Herr Duck seinen Glückskreuzer aufbewahrte. Außerdem hatten wir noch etwas erkannt: Als der Hai ihm seinen Glückskreuzer entzog, wurde die Schnur über seinen Kopf gezogen. Sie war nicht gerissen, obwohl die Anziehungskraft des Hais unheimlich stark war. Das lies Gundel darauf schließen, dass diese Schnur aus keinem normalen Material bestand. Es könnte etwas sein, das durch Magie reißfest wurde. Das wiederum hieß, wir brauchten etwas, das so etwas zerschneiden konnte.
,,Wie wäre es mit einem Vesuv-Diamant-Dolch?'', warf ich ein, nachdem Gundel schon länger überlegt hatte, wie sie diese Hürde umgehen konnte. Sie stutzte kurz und sah mich überrascht an. ,,Das wäre eine Möglichkeit'', räumte sie ein. ,,Aber wo bekommt man den auf die Schnelle her?'' ,,Fälschen. Mit genug magischer Kraft und genug Wissen kann man einen herstellen. So einer würde zwar nur ein paar Tage überstehen, aber für unsere Pläne reicht das ja. Wir kombinieren meine und Lenas Magie und ich bin mir sicher, du hast das Wissen so einen her zu stellen'', erklärte ich meine Idee. ,,Ja, das würde klappen. Gut, machen wir das'', entschied sie etwas angefressen. Es gefiel ihr wohl gar nicht, dass die Idee von mir kam. Von dem, dem sie nicht vertraut.
,,Aber brauchen wir dafür nicht einen Diamanten, der groß genug ist, um ihn als Dolch zu benutzen?'', warf Lena ein. ,,In dieser Stadt leben drei Milliardäre. Ich bin mir sicher, jeder von ihnen hat mindestens einen Diamant, der für unsere Pläne ausreicht'', meinte ich.
Wir entschlossen uns, es bei Mac Moneysac zu versuchen. Bürzel war eher der Technikfreak und daher konnte man davon ausgehen, dass er eine hoch technisierte Alarmanlage hatte und er sich vielleicht nicht mal für Juwelen interessierte. Bei Herrn Duck war es zu riskant, es zu versuchen. Er war zwar die reichste Ente der Welt und hatte bestimmt Unmengen solcher Juwelen. Aber von Nikki her wussten wir, dass er jeden Kreuzer in seinem Speicher kannte und sofort wüsste wenn auch nur einer fehlen würde, geschweige denn ein kostbares Juwel.
Moneysac hingegen war viel zu knickrig für eine vernünftige Alarmanlage und hatte bestimmt mehrere Juwelen, die für unser Vorhaben reichen würden. Und manchmal spielte das Glück auch uns in die Karten. Moneysac eröffnete im Museum eine neue Ausstellung, die nur für kurze Zeit bestehen sollte. Und Teil dieser Ausstellung war ein etwa handgroßer, ungeschliffener Diamant. Einer der wenigen erfolgreichen Schatzfunde von ihm.
In der Nacht schlichen wir uns zum Museum. Ein kurzer Schwenk meiner Hand und die Tür schwang, durch Magie geöffnet, auf. Um keine Spuren zu hinterlassen, schlossen wir die Tür wieder hinter uns und begaben uns zum Flügel, wo der Diamant ausgestellt war. Wir hatten uns vorher genau über alles informiert und das Museum ein paar Tage beobachtet. Die Wächter sollten in diesem Moment im Wachtraum sein und zusammen einen Mitternachtssnack zu sich nehmen. Das taten sie jede Nacht und zur gleichen Zeit. Sie brauchten im Normalfall zehn bis fünfzehn Minuten. Das hieß für uns, dass wir uns beeilen mussten. Für die Überwachungskameras konnten wir einen simplen Verhüllungszauber nutzen. So konnten die Kameras uns nicht erfassen.
Mitten im Raum stand ein bunt zusammen gewürfeltes Skelett mit drei Köpfen, wovon einer eine Krone trug. Gleich daneben befand sich ein weiteres Skelett eines riesigen Mammuts mit einer Schottenmütze.
Gerade als wir die Vitrine mit dem Diamanten am anderen Ende des Saals entdeckt hatten und hin liefen, hörten wir aus einem der Nebensäle ein Geräusch. Ohne zu zögern packte ich Lena am Arm und zog sie mit mir in eine Nische, die knapp hinter der Vitrine war. Keine Sekunde zu früh, denn kaum das wir in der Nische waren, kam ein Wachmann von einem anderen Raum hier her. Er sah sich im Saal um und beleuchtete jedes Ausstellungsstück mit seiner Taschenlampe.
Während der Wachmann seine Runde durch den Saal drehte, versuchten wir uns so wenig wie möglich zu bewegen und waren mucksmäuschenstill. Leider war die Nische nicht sehr groß, sodass wir eng aneinander gequetscht standen. Da es schnell gehen musste, hatten wir keine Zeit uns komfortabel hin zu stellen. Am Ende hatten wir beide jeweils eine Wand im Rücken und Lena lag mit ihrem Kopf auf meiner Brust. Obwohl die Situation ernst war, war uns das ganze sichtlich peinlich. Wir waren eben Teenager und ein Junge sowie ein Mädchen. Wem wäre so eine enorme Nähe nicht peinlich, wenn man nur Freunde war?
Als der Wachmann sich der Vitrine und der Nische, in der wir uns versteckten, näherte, benutzte ich meine Ringe, um einen simplen Verhüllungszauber anzuwenden. Solange er nicht direkt in unsere Richtung sah, würde der Zauber uns verbergen. Sollte er aber die Nische genauer unter die Lupe nehmen, wäre der Zauber zu schwach, um bei ihm zu wirken.
Mit jedem Schritt, dem er sich uns näherte, wuchs unsere Anspannung. Ohne es zu merken, rutschten wir noch weiter zusammen, um uns so klein wie möglich zu machen.
Das Glück war uns anscheinend holt, denn der Wachmann lies den Strahl einmal über die Vitrine mit dem Diamanten wandern und ging danach weiter durch den Raum. Vielleicht zwei oder drei Minuten später verließ er den Saal wieder und begab sich in einen weiteren Nebensaal.
Wir warteten noch ein paar Minuten und kamen dann aus unserem Versteck. Zum Glück konnten wir schlimmeres vermeiden. Hätte er uns entdeckt, wäre die einzige Möglichkeit gewesen ihn mit einem Schlafzauber zu belegen. Und das hätte unangenehme Fragen aufgeworfen. Denn welcher Wachmann würde mitten in seiner Runde plötzlich einschlafen? Na ja, zum Glück kam es nicht so weit.
Nachdem wir unser Versteck verlassen hatten, gingen wir zurück zur Vitrine und sahen sie uns genauer an. Bei so einem wertvollen Diamanten war das wahrscheinlich verstärktes Glas. Aber so lange es nicht mit Magie manipuliert war, konnten wir das mit unsere Magie schaffen.
Wir beide schlossen unsere Finger zu einer flachen Hand und ließen Magie in unsere Fingerspitzen fließen. Dadurch entstanden dünne Magieklingen. Bei normalen Objekten bewirkten diese aus purer Magie bestehende Klingen wahre Wunder. Gegen Objekte die mit Magie verstärkt waren, konnten diese Klingen leider nichts ausrichten. Daher brauchten wir den Dolch für die Schnur von Dagoberts Glückskreuzer.
Beide begannen wir eine kreisrunde Öffnung in das Glas zu schneiden. Wir setzten gegenüber von einander an, sodass jeder von uns nur einen halben Kreis schneiden musste.
Nachdem das heraus geschnittene Stück in die Vitrine rein gefallen war, griff ich hinein um mir den Diamanten zu schnappen. Kaum das ich den Diamanten vom Sockel nahm, gingen plötzlich im ganzen Museum die Sirenen los. Mist, der Sockel war wohl an das Gewicht des Diamanten gebunden. Erschrocken sahen wir uns an und rannten Richtung Ausgang. Von weiter weg konnte man schnelle Schritte hören, die sich dem Ausstellungssaal mit dem Diamanten näherten. Wahrscheinlich der Wachmann, der gerade auf seiner Runde war. Die anderen Wachmänner bräuchten länger, um aus dem Wachtraum hier her zu kommen. Wir mussten raus sein, bevor der Wachmann realisieren konnte, was passiert war und die Verfolgung aufnahm.
Die Polizei war bestimmt schon auf dem Weg. Viele Museen hatten Alarmanlagen, die direkt mit der örtlichen Polizeizentrale verbunden waren. So konnten sie gleich reagieren, ohne dass sie auf einen Anruf seitens der Museum warten mussten. Ich schätzte, dass sie maximal zehn Minuten brauchen würden um am Museum an zu kommen.
Wir hetzten weiter den Flur entlang, der zum Haupteingang führte und stürzten nach draußen, kaum das wir dort angekommen waren. Wir wurden nicht langsamer, sondern rannten noch schneller und verschwanden in der nächsten Gasse. Entfernt konnten wir schon die ersten Polizeisirenen hören.
Ohne es zu merken, führte uns der Weg wieder zu unserem Spielplatz. Sofort rannten wir zur Raketenrutsche und versteckten uns dort drin. Der Spielplatz lag in einer relativ verlassenen Gegend, so war es unwahrscheinlich, dass uns jemand gesehen hatte, wie wir hier her gerannt waren. Kaum das wir oben waren, tauchte am Ende der Straße ein Polizeiauto auf, welches die Straße entlang fuhr. Ohne zu zögern gingen wir hinter dem Geländer in Deckung, wobei ich am Ende halb auf Lena lag und sie mit meinem Körper abschirmte. Schnell wanden wir noch einen schwachen Verhüllungszauber an und hofften, dass die Polizisten den Spielplatz und besonders die Rutsche nicht zu genau in Augenschein nahmen.
Wir wagten kaum zu atmen, während die Sirenen und Lichter immer näher kamen. Als sowohl das Licht schwächer und die Sirenen leiser wurden, seufzten wir beide vor Erleichterung auf. Das war mehr als nur knapp. Kaum das wir ein bisschen zur Ruhe gekommen waren, erschien Gundel in Lenas Schatten. ,,Ich hoffe ihr habt den Diamanten'', war das einzige, was sie interessierte. Aus meiner Tasche holte ich unsere Beute heraus und zeigte ihn ihr. ,,Uns geht es übrigens gut. Danke der Nachfrage'', konnte ich mir den sarkastischen Kommentar nicht verkneifen. Aber wie so häufig ignorierte sie mich einfach.
Erst jetzt bemerkte ich, wie nah Lena und ich uns waren. Wir saßen beide Schulter an Schulter an das Geländer gelehnt. Dabei lehnte sich Lena etwas erschöpft noch mehr an mich als an das Geländer. Gerade in solchen Momenten wurde mir wieder bewusst, was ich für sie empfand. Schon länger war mir aufgefallen, dass ich mich in ihrer Nähe etwas komisch fühlte. Besonders wenn wir Körperkontakt hatten. Lange hatte ich versucht es zu ignorieren und wollte es nicht wahr haben, aber ich musste wohl akzeptieren, dass es passiert war. Ich hatte mich in meine beste Freundin verliebt. Jetzt war es raus. Der Gedanke traf mich knallhart.
Ich schien einen Moment abgelenkt gewesen zu sein, weshalb Lena mir einen kleinen Stoß in die Seite gab und mich fragend ansah. Da wir uns schon lange kannten, erkannte ich die leichte Sorge in ihrem Gesicht, mit der stillen Frage ob alles ok war. Schnell schüttelte ich die Gedanken ab und lächelte ihr beruhigend zu.
Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, verließen wir unser Versteck und machten uns auf den Weg nach Hause. Währenddessen hing ich wieder meinen Gedanken nach. Eins war klar, Lena durfte niemals erfahren, was ich für sie empfand. Das würde nur unsere Freundschaft gefährden. Und außerdem hätte Gundel so etwas, was sie gegen mich verwenden könnte.
Als wir beim Freilufttheater ankamen, verloren wir keine Zeit und machten uns an das Ritual, um den Vesuv-Diamant-Dolch herzustellen. Wir legten den Diamanten in die Mitte zwischen uns und konzentrierten unsere Magie auf ihn. Wir sprachen die Formel die Gundel uns beigebracht hatte, während sie selber in Lenas Schatten lauerte und darauf achtete, dass wir keinen Fehler machten. Wir hatten nur diese eine Chance. Wenn dieser Versuch schief ging, war der Diamant unbrauchbar und es war fast unmöglich an noch einen zu kommen, der für unser Vorhaben geeignet gewesen wäre.
Auch wenn es gut eine Stunde dauerte und wir am Ende unserer Kräfte waren, schafften wir es schlussendlich eine passable Fälschung zu erschaffen. Von Gundel kam natürlich nichts. Stillschweigend verschwand sie in Lenas Schatten ohne ein Wort zu unserem Erfolg. War ja auch klar. Aber wenn wir versagt hätte, dann hätten wir uns was anhören müssen.
Da diese Nacht mehr als nur nervenaufreibend und kräfteraubend gewesen war, gingen wir erschöpft nach unten und fielen nur noch in unsere Betten. Kaum das unsere Köpfe die Matratzen erreicht hatten, waren wir auch schon eingeschlafen.