meine Sicht:
Seit dem Tag, als mir mitgeteilt worden ist, dass mein Meister auf einer geheimen Mission verschollen ist, arbeite ich im Archiv. Nicht das Archiv, welches für jeden Jüngling, Padawan und Jedi zugänglich ist, sondern das Archiv, wo nur die Ratsmitglieder und vereinzelt ausgewählte Meister in den besonders alten und seltenen Schriften lesen dürfen. Und ich. Eine Jedi-Padawan, die meisterlos ist.
Hier in den inneren Abteilungen gibt es nur das Uralt-Archiv und die Ausbildungs- und Schlafräume der Tempelwachen. Nur die, die ihre Ausbildung bereits zur Tempelwache abgeschlossen oder einen besonderen Verdienst geleistet haben, sind auch befugt auf die Schriften Zugriff zu haben. Natürlich hält sich niemand der Tempelwachen daran, die noch in Ausbildung sind.
Ich meine, wenn ihr beispielsweise die Chance hättet mehr über die Vergangenheit der Jedi und Sith zu erfahren, würdet ihr sie auch ergreifen. Wo der Ursprung der stätigen Kämpfe zwischen beiden Parteien eigentlich angefangen hat? Warum er überhaupt angefangen hat? Oder wieso er schon so lange anhält? So kann man die eigene Existenz besser nachvollziehen, sowie auch die verschiedenen Abläufe des Tempels und diverse Entscheidungen des Rates.
Mit den Tempelwachen verstehe ich mich relativ gut und bin sogar mit einigen enger befreundet. Von so gut wie allen kenne ich auch die Gesichter, obwohl das ja eigentlich verboten ist.
Aber, wer hält sich schon groß an die Regeln der inneren Abteilung. Seit fünf Jahren kennen mich sämtliche Tempelwachen und da schleicht sich mit der Zeit auch eine gewisse Routine mit ein, wie zum Beispiel das Nichttragen ihrer Masken, wenn sie in diesem Teil des Tempels herumlaufen. Natürlich nicht in Anwesenheit der Meister oder Ausbilder, da es gegen eins der obersten Gesetze der Tempelwachen verstößt. Zeige dein Gesicht niemandem. Nicht mal einem Jedi und schon gar nicht deinem engsten Vertrauten.
Natürlich hält sich mein bester Freund Theo nicht daran. Warum sollte er auch? Er denkt, dass das nie Konsequenzen für ihn haben wird.
Ok, eigentlich hat es keine für ihn. Schon damals, als er ein Jüngling war, war er immer der Beste unter den Besten und somit der Liebling eines jeden Meisters. Das hat sich auch nicht geändert, als er in den Stand eines Padawans erhoben wurde. Später, als er seine Ausbildung abgeschlossen hatte und Jedi-Ritter wurde, äußerte er vor dem Rat den Wunsch Tempelwache zu werden.
Die Meister waren am Anfang wie vor den Kopf gestoßen und versuchten Theo von seinem Vorhaben abzubringen. Die einzige Person, die in dieser Zeit hinter ihm stand und den Rat überzeugen konnte, war Cin Dralling. Cin Dralling ist der Anführer der Jedi-Tempelwachen und der inoffizielle Meister von Theo, als dieser ihnen beigetreten ist. Dralling hat sich für ihn eingesetzt, da Theos Potential als Tempelwache höher ist, als das eines Jedi-Hüters.
Mein bester Freund hat an seinen Prinzipien festgehalten und mit Cin Dralling als Verstärkung hat er es letztendlich geschafft. Nun ist er ein vollwertiges Mitglied und nicht mehr in Ausbildung.
Verglichen mit seinem Leben ist meins eher mickrig und bedauernswert. Was habe ich schon groß in meinem Leben geschafft? Nichts. Gar nichts. Nicht das geringste. Ich hab nicht mal einen Meister, der meine Ausbildung als Padawan überwacht. Ich habe niemanden, der mich verschiedene Sachen lehrt und mit der Macht vertraut macht.
Klar, ich arbeite im Uralt-Archiv oder auch inneres Archiv genannt und lerne viel über die Geschichten der Jedi und Sith in der alten Republik, die Jedi- und Sith-Bürgerkriege und die großen mandalorianischen Kriege, wobei die Geschichten der Sith zugegebener Maßen um ein vielfaches interessanter sind, als die der Jedi. Beispielsweise wusste ich nicht, dass die helle und dunkle Seite einen fließenden Übergang hatte. Es wurden diese auch leichtfertig und ohne größere Konsequenzen gewechselt. Von allen Jedi und Sith aus alter Zeit bewundere ich vor allem Visas Marr und Lady Kreia, die die Macht wie kein anderer beherrschen konnte. Wenn ich diese Bewunderung jemals äußern würde, werde ich mit Sicherheit als Sith und grausam abgestempelt. Obwohl, Visas Marr war eine Sith und ist später zu den Jedi übergetreten und letztlich als eine gestorben, während Lady Kreia eine Jedi war und sich von der dunklen Seite verleiten ließ. Später war diese unter dem Namen Darth Traya in den Jedi- und Sith-Bürgerkriegen bekannt und die gefürchtetste und manipulativste Sith der ganzen Galaxis.
Zurück zu einem „etwas" erfreulicheren Thema. Vielen wird das innere Archiv verwehrt, aber ich darf hier arbeiten, da mein Meister auf einer geheimen Mission verschollen ist. Durch die Macht habe ich genau gespürt, wie er gestorben ist. Durch ein Lichtschwert. Diese Präsenz war so groß, dass ich mich kaum dagegen wehren konnte. Ich habe sogar gespürt, dass er noch einige Sekunden am Leben war. Und ich konnte seinen Unglauben spüren. Seinen Unglauben, dass genau diese Person ihn getötet hat. Das einzige, was mir verwehrt worden ist, war Name und Gesicht des Mörders.
Warum musste er sterben? Warum genau er? Er hat nie einer Fliege etwas zu Leide getan. Er war nett, höflich und loyal gegenüber dem Jediorden und der Republik. Also wieso genau er?
Nie wieder wird er mit seinem typischen gut-gelaunt-Lächeln durch meine Kammertür kommen und mir sagen, dass wir jetzt zusammen an meinen Lichtschwertfähigkeiten arbeiten werden. Nie wieder.
Irgendwie hab ich schon wieder voll die deprimierenden Gedankengänge. Normalerweise bin ich ein positiv eingestellter Realist. Ihr fragt euch, ob das geht? Meine Antwort: Ja! Ich bin der lebende Beweis dafür.
„… Cassy? Hörst du mir überhaupt zu?"
Theo wedelt mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. Ich blinzle. Seit wann ist er hier? Und seit wann redet er mit mir? Ich laufe ganz leicht rot an. Wie peinlich.
Als ob er meine Frage gehört hätte, antwortet mein bester Freund mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Du stehst schon eine ganze Weile vor dem Bücherregal und starrst vor dich hin. Alles in Ordnung?"
Ich drehe meinen Oberkörper leicht in seine Richtung. „Ich habe nur ein bisschen über unser beider Leben nachgedacht. Während ich hier festsitze, hast du alles erreicht, was du dir vorgenommen hast."
Betrübt schaue ich Theo an. Er ist die Person, die einem großen Bruder am nächsten kommt. Immer hat er sich um mich gekümmert, auch wenn er gerade mal keine Zeit hatte. Außerdem hat er mir auch geholfen meine Fähigkeiten im Lichtschwertkampf enorm zu verbessern. Wie gesagt, er ist wie ein großer Bruder für mich.
Theos Grinsen wird immer weniger, bis es schließlich komplett verschwindet.
„Oh Cassy, bitte mach dir darüber keinen Kopf. Es ist alles in Ordnung. Ich weiß, dass du dir von deiner Ausbildung mehr versprochen hast und dass du unbedingt den Mord an deinem Meister aufdecken willst. Aber dadurch, dass du geschlagene zehn Minuten nicht auf mich reagiert hast, behalte ich die gute Nachricht erstmal für mich."
Geschockt schaue ich ihn an. Seit zehn Minuten? Zehn Minuten!? Oh Mann. Und ich schimpfe mich einen Jedi.
„Das kannst du nicht machen Theo! Sag schon, was für gute Nachrichten?", rufe ich quengelnd meinem besten Freund entgegen. Amüsiert mustert dieser mich: „Cassy, du bist siebzehn. Siebzehn, hörst du. Du benimmst dich, wie ein kleines Kind! Außerdem war das nur ein kleiner Scherz. Nimm nicht immer gleich alles immer ernst. So, nun zum wichtigsten Punkt der Tagesordnung. Ich soll dir vom Rat ausrichten, dass deine Ausbildung wieder aufgenommen wird. Sie haben einen neuen Meister für dich gefunden."
Dass sich Theo gerade über mich lustig gemacht hat, schaue ich in diesem Moment darüber hinweg. Aber nächstes Mal kommt er nicht so leicht davon. Davon mal abgesehen, kann ich meine Ausbildung als Padawan wieder aufnehmen und auch mehr oder weniger erfolgreich abschließen!? Und vielleicht erfahre ich so mehr über den Tod meines Meisters. Ich kann es kaum glauben. Endlich. Endlich komme ich hier raus.
„… Cassy? Hallo? Hörst du mir überhaupt zu?"
Theo wedelt schon wieder mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. Ich blinzle. Schon wieder. Schon wieder höre ich nicht zu.
Zu meiner Verteidigung: Hier handelt es sich um eine Nachricht, die jeden in meiner Situation aus dem Konzept gebracht hätte. Jeden. Ihr müsst wissen, der Orden hat mir damals verboten weitere Nachforschungen über das Verschwinden von Pastalo Lovre anzustellen. Ich hab natürlich den Befehl nur mit Widerwillen ausgeführt. Aber jetzt schlägt meine große Stunde. Ich hab alle wichtigen Daten gesammelt, die vielleicht mit seinem Tod zusammenhängen könnten und eine Theorie aufgestellt. Jetzt muss ich sie nur noch beweisen.
„Ähm… Cassy…?" Schmunzelnd schaut mich mein bester Freund immer noch an, aber auch ein wenig mit gerunzelter Stirn. „Du solltest dich langsam mal auf den Weg machen. Die 212. wartet schon auf dich."
„Die 512.? Muss ich direkt an die Front?" Man musste nicht unbedingt ganz genau hinhören, aber man konnte problemlos ein bisschen Panik aus meiner Stimme herausfiltern.
„Oh Mann, Cassy! Sag mal: Lebst du eigentlich hinterm Mond? Natürlich musst du erstmal an die Front. Außerdem müssen da fast alle Padawane hin. Alle! Hörst du? Außerdem ist es die 212. und nicht die 512. Das ist beim Militär ein sehr großer Unterschied." Belehrend schaut mich meine Lieblingstempelwache mit strengem, verschmitzten Blick an.
Genau das ist Theos größtes Problem: Wenn er mit mir „schimpft", meint er nie etwas ernst. Bei mir ist es ja im Moment nicht so schlimm, aber wenn er selber irgendwann mal Jünglinge unterrichten sollte, nimmt ihn keiner mehr für voll. Und ich weiß ganz genau, dass er es mit seinem Ego nicht verkraften kann. Männer und ihre Egos halt.
„Ob 212. oder 512. ist doch völlig egal. Frage am Rande: Wo muss ich jetzt genau hin? Gibt es einen Sammelplatz oder muss ich, Gott bewahre, mit einem Jäger zum Kreuzer fliegen?"
Fragend schaue ich Theo an.
Er seufzt. Er hat schon vor Jahren aufgegeben gegen mich zu argumentieren. Was soll ich sagen? Ich bin halt einfach besser, als er.
Zu seiner Verteidigung aber: Jeder gibt früher oder später gegen mich auf.
Langsam hebt mein bester Freund seine Hand und fährt sich mit ihr durch seine dunkelblonden Haare. Eine Gewohnheit von ihm mit der er zeigt, dass er mit der momentanen Situation etwas überfordert ist oder ihn etwas gewaltig nervt. Ich tippe eher auf letzteres.
„Du musst dich im großen Hangar um Punkt 1600 bei CC-1010 melden. Er bringt dich anschließend zur 212."
Um ihn nicht noch mehr zu reizen, kommt ein simples „OK" über meine Lippen. Ich weiß ganz genau, dass ich seine äußerste Grenze erreicht habe. Wenn ich jetzt noch einen Schritt weitergehe, würde es für mich nicht so gut aussehen. Lieber die Nerven der Leute nicht überstrapazieren, sonst geht es mal nicht zu meinen Gunsten aus.
