2 Seilbahn fahren für Adrenalin-Junkies
Schon nach dem Aufstehen ist Caseys Aufregung auf dem Höhepunkt. Es ist Samstag, der Tag an dem wir mit den Ferox geborenen Initianten Ziplinen und es gibt im Augenblick nichts, was ich mehr bereue als Zugestimmt zu haben. Casey springt aus dem Bett und ihr Gang ins Gemeinschaftsbad hat mehr was vom hüpfen als vom gehen. Ich muss hier weg, bevor der überdimensionale Flummi auf mich prallt. Entschlossen streife ich mir ein schwarzes Shirt und eine dunkle Cargohose über und gehe mit schnellen Schritten aus dem Gemeinschaftsraum.
Die Kantine scheint meine beste Option zu sein. Casey wird mich wahrscheinlich auf der Laufstrecke suchen und ich verstecke mich währenddessen in der überfüllten Kantine.
Als ich die Kantine betrete, winkt mich der Parasit enthusiastisch zu sich an den Tisch. Es ist einfach zu früh für so viel verdammt nervige „gute" Laune. Ich brauche Kaffee. Mit dem Gedanken steuere ich zu aller erst auf das Buffet zu. Mit einem überfüllten Frühstücksteller und einer riesigen Tasse schwarzen Kaffee lässt sich alles etwas einfacher ertragen.
Da sich der Parasit gerade in einem Gespräch mit seiner Sitznachbarin Maria befindet, eine kurvige Rothaarige mit vielen Sommersprossen und blauen Augen, nicke ich ihm wortlos zu und setze mich, gegenüber von ihm, auf meinen gewohnten Platz. Neben mir befinden sich zwei Ferox geborene, Shauna, eine klischeehafte Blondine, und Nicole „Nico", bronze Haut mit kurzen schwarzen lockigen Haaren und einem Nasenpiercing. Nico ist kurz gesagt, der Inbegriff eines coolen Mädchen mit einem Hang zu Wetten und kleinen Schummeleien.
Falls Shauna mehrfach versucht ein Gespräch mit mir anzufangen, bemerke ich leider nichts von ihren fast schon peinlichen Versuchen. Ich bin viel zu vertieft in mein Frühstück und inhaliere meinen Kaffee. Normalerweise habe ich einen strikten Essplan, aber an einem Tag wie heute muss ich eine Ausnahme machen. Wenn Casey sich schon morgens so verhält, dann kann der Tag nur zu einem Desaster werden.
Als Shauna den Nerv hat ihre Hand auf meinen Bizeps zu legen, reicht ein genervter Seitenblick aus um sie völlig vom Tisch zu verjagen. Dem Parasit ist die Situation natürlich nicht entgangen und er lacht kopfschüttelnd und verkündet mit amüsierter Stimme, „Heute waren es knapp 6 Minuten. Glückwunsch, deine bisherige Bestzeit." Ich grunze ihm kurz zu und esse unbekümmert weiter.
Nico räuspert sich leicht, um die Aufmerksamkeit von uns zu bekommen. „Die Kletterwand an der Südmauer wurde gestern neu gestaltet. Wer hat Lust auf einen kleinen Wettkampf?" fragt sie mit einem funkeln in den Augen. Na endlich, ein Lichtblick. Vielleicht hat der heutige Tag doch etwas Potential.
Wenig später stehen wir vor der 20 m hohen Kletterwand, mit 700 m Kletterfläche und bestimmt 100 verschiedenen Kletterrouten. Verschieden farblich markierte Schwierigkeitsgrade und geneigte Wände machen das Klettern zu einem richtigen Erlebnis. Das wird eine Herausforderung nach meinem Geschmack. Als ob er meine Gedanken hören kann klopft der Parasit mir mit einem breiten Grinsen auf die Schulter.
Nach Anweisung von Nico stellen wir uns an verschiedene Kletterrouten mit den gleichen Schwierigkeitsgrad und klettern los. Die kleine Glocke am Ende jeder Route hat den Nutzen, den Sieger mittels hellen Glockenschlags zu verkünden. Da ich den Parasiten fälschlicherweise als meinen größten Konkurrenten sehe, entgeht mir zunächst Nicos Vorsprung. Als ich einen fluchenden Zeke an der zweiten Neigung abgehängt habe, fällt mein suchender Blick auf die anderen Konkurrenten. Maria ist mit ihren welligen roten Haaren schnell gefunden. Sie ist mittlerweile in etwa gleich auf mit dem Parasiten, ob das wohl Zufall ist?
Nico ist dagegen schon fast oben angekommen. Zu meinem Vorteil trennt mich von dem Sieg nur noch ein senkrechter Kletterbereich, wohingegen Nico sich gerade an einer geneigten Wand entlang arbeitet.
Wenig später ertönt der helle Glockenschlag und ich kann mir ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen. Nico ist nur wenige Zentimeter unter mir und nickt mir anerkennend zu. Mit zitternden Armen mache ich mich auf einen langsamen Abstieg. Zeke und Maria sind anscheinend keinen Meter weiter gekommen, sie sitzen auf gegenüberliegenden Wandneigungen und unterhalten sich unbekümmert.
Unten angekommen stößt der Parasit mich schmunzelnd mit der Schulter an und fragt „Morgen früh um 6, diesmal ohne Ablenkungen". Ich nicke ihm grinsend zu und gemeinsam gehen wir in die Richtung der Kantine. Ich war so konzentriert auf das Klettern, dass mir gar nicht bewusst war wie viel Zeit bisher vergangen ist. In der Kantine sitze ich an meinem gewohnten Platz am Tisch der in Ferox geborenen Initianten. Gerade als ich mich genüsslich über das gefüllte Hähnchenbrustfilet auf meinem Teller hermachen will, setzt sich jemand auf den Platz neben mir. In meiner Gabelbewegung pausierend neige ich meinen Kopf mit einem vielsagenden Blick zu der Person, in voller Erwartung wiedermal eine begriffsstutzige Shauna vorzufinden und direkt davonzujagen. Zu meiner Verwunderung sitzt stattdessen Casey neben mir und strahlt mich unbeeindruckt an. Sie trägt einen viel zu großes,dunkelgrünes Langarmshirt, das ihr in der Sitzposition bis zur Mitte der Oberschenkel reicht und darunter eine schwarze, hauchdünne Strumpfhose. Die werde ich nicht so schnell los. Mein Mund wird ganz trocken und ich nicke ihr wortlos mit einem grimmigen Gesichtsausdruck zu.
Casey ist anfangs zu aufgeregt um zu Essen und hüpft, während ihrer Unterhaltung mit den Anderen, förmlich auf ihrem Sitz umher. Mit einer Kombination aus einem Knieschubser und super genervtem Blick minimiert sie ihren unkontrollierten Bewegungsdrang auf ein nervöses Wippen mit dem Fuß und widmet sie endlich ihrer verdammten Lasagne.
Als sich wenig später weitere Initianten an den Tisch setzen, bewegt sich der menschliche Flummi, scheinbar unbewusst, immer weiter auf der Sitzbank zu mir. Am Ende sitzen wir Schenkel an Schenkel gepresst, was ihren nervösen Tick mit dem Bein schnell gänzlich verklingen lässt. Die Sitzsituation ist nicht optimal, aber es scheint den anderen Initianten am Tisch ähnlich zu gehen. Der Parasit zwinkert mir zu und rückt noch etwas näher zu einer leicht erröteten Maria. Um mich herum werden rege Gespräche geführt, alle unterhalten sich über das bevorstehende Ziplinen. Der an mich gepresste Schenkel von Casey strömt eine unglaubliche Wärme aus, ich bin völlig abgelenkt und kann mich geradeso auf mein Essen konzentrieren. Wer zieht denn bitte zum Ziplinen ein verdammtes Kleid an?
Erst als der warme Kontakt an meinem Bein verschwindet, merke ich wie die Anderen aufstehen und sich aus der Kantine bewegen. Casey steht neben mir und fragt, „Hey Eric, alles gut bei dir? Du wirkst etwas abgelenkt." Vielleicht hat das Klettern mich mehr in Anspruch genommen, als ich gedacht habe. „Die Anderen sind schon vorgegangen zu den Gleisen, der Zug müsste in 10 min vorbeifahren."
Während ich mein Geschirr weg bringe wartet Casey am Ausgang der Kantine auf mich. Als ich mich auf den Ausgang zubewege, kann ich nicht anders und mustere Casey von Kopf bis Fuß. Heute hat sie ausnahmsweise ihre Haare offen und sie reichen ihr bis zum unteren Rücken. Mir fallen vereinzelt kleine Holzkugeln in ihren Haarsträhnen auf. Zum ersten Mal trägt sie nicht wie üblich schwarze Sportkleidung. Ihr dunkelgrünes Oversize Kleid unterstreicht die Blässe ihrer grünen Augen und als sie ihren Blick direkt auf mich richtet, bleibt mir doch glatt der Gaumen am Rachen kleben. Ich räuspere mich laut mit gerunzelter Stirn und gehe wortlos an ihr vorbei, auf der Suche nach dem Parasiten, der mir das Ganze eingebrockt hat.
Bei den Gleisen befindet sich eine kleine Gruppe von etwa 9 Ferox Geborenen, sowohl Initianten als auch ältere Mitglieder. Als der Boden vibriert und bevor der Zug sichtbar wird, fangen wir an gemeinsam neben den Gleisen zu laufen. Nico und ich sind die ersten im Wagon und helfen vereinzelt Anderen beim Einstieg. Sobald alle sich im Abteil befinden, beschleunigt der Zug und ich setze mich neben Zeke in die Wagonöffnung. Der Zugwind ist erfrischend und laut, die vereinzelten Gespräche aus dem Abteil sind nur noch ein unbestimmbares Gemurmel. Wir lassen die Beine aus dem Wagon baumeln und blicken schweigend auf die an uns vorbeiziehende Landschaft.
Ich kann mich noch ganz genau an den ersten Morgen der Initiierung erinnern, an dem sich Zeke zu mir an den Tisch gesetzt hat. Ähnlich wie die allmorgendlichen Läufe mit Casey hat sich das schnell zur Routine entwickelt. Zeke konnte von Anfang an mit meiner etwas wortkargen Art eine Unterhaltung zu führen umgehen und, ähnlich wie Casey, lässt ihn mein patentierter Todesblick unbeeindruckt.
„Moin moin! Eric, oder?"
„Hn."
„Ich bin Ezekiel Pedrad, aber alle nennen mich Zeke."
„So wie die kleinen blutrünstigen Parasiten, die sich auf Bäumen und in Gräsern verstecken um sich auf unwissende Opfer zu stürzen?"
„Ha! Das gefällt mir. Du, mein Junge, wirst ab heute mein bester Freund."
„Hn."
„Und los geht's!" schreit Zeke und übertönt mühelos den pfeifenden Wind. Der Zug hat noch immer ein rasantes Tempo. Unbekümmert ziehe ich die Beine leicht an und stoße mich gleichzeitig mit dem Parasiten vom Wagon ab. Nach einem kurzen Abrollen über das Schulterblatt, richte ich mich auf und beobachte Caseys ungeübte Landung. Es ist faszinierend wie sie die Landung auf dem Dach des Ferox Komplex, am Tag der Bestimmung, unbeschadet überstanden hat.
Sobald alle startklar sind joggen wir rüber zum Hancock Center, dem größten Gebäude südlich der Brücke. Wir passen als Gruppe geradeso gemeinsam in den Aufzug, Casey steht unruhig neben mir. Wahrscheinlich ist sie Aufzüge im generellen nicht gewohnt, gibt es in Amite überhaupt Strom? Sobald Maria die oberste Etage ausgewählt hat, schließen sich die Türen und der Aufzug startet abrupt und beschleunigt schnell. Casey verliert beim Start kurz das Gleichgewicht und greift zur Stabilisation meinen Oberarm. Sobald sie wieder einen festen Stand hat nickt sie mir leicht errötet zu und zieht ihre Hand blitzschnell zurück. Ich kann mir eine hochgezogene Augenbraue einfach nicht verkneifen.
Als sich die Aufzugtüren öffnen, bläst uns ein kalter Wind entgegen. Ein riesiger Bereich der Deck fehlt auf der Etage und an einer Stelle befindet sich eine lange Leiter, über die wir auf das Dach gelangen. Auf dem Dach angekommen ist der Wind wesentlich stärker, der Ausblick von hier oben ist atemberaubend.
„Hey Amite, die Mindestgröße für's Ziplinen ist 1,50m. Ich bin mir nicht sicher ob du das erreichst, ich habe einfach Angst um deine Sicherheit. Du könntest immerhin sterben, wenn du runter fällst," fragt Shauna sarkastisch. Obwohl sie direkt neben Casey steht und der Wind hier oben laut pfeift, können wir sie alle problemlos hören. „Falls du dich unwohl fühlst, dann runde deine Größe einfach auf", setzt sie in einem gespielten Flüsterton hinzu.
Casey dreht sich unbeeindruckt weg und steuert, scheinbar gelangweilt, auf Zeke und mich zu. Der Parasit ist währenddessen damit beschäftigt schwarze Gurte aus einem festen Material auseinander zu wirren. Er hockt unterhalb eines dicken Stahlseils, das an einer massiv wirkenden Stange befestigt ist und weit über die anderen Gebäude reicht, das Ende des Seils ist von hier nicht erkennbar.
„Ah, Ziplinen ist nichts anderes als Seilbahn fahren für Adrenalin-Junkies." Casey zwinkert mir bei den Worten zu und ich kann mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
„Gut erkannt, Cas." Zeke richtet sich auf und lacht laut. „So, wer von euch Adrenalin-Junkies will zuerst? Die Anfänger müssen immer als erste fahren. Das ist so was wie ein Einweihungsritual, danach seid ihr einer von uns."
Bevor Casey reagieren kann gehe ich einen Schritt auf ihn zu und nicke wortlos. Der Parasit klopft mir anerkennend auf die Schulter. Wenig später liege ich in der Schlinge und rase mit einem enormen Tempo das Stahlseil hinunter. Es ist ein unglaubliches Gefühl der Schwerelosigkeit, mit Kribbeln im Bauch und Glücksgefühlen. Zu schnell ist der Spaß vorbei und mit einem kurzen Ruck am Sicherheitsband lande ich auf allen Vieren auf einer Matte.
Einige Minuten vergehen, bis plötzlich ein durchdringender, blutgeronnener Schrei die Stille durchbricht. Ah, Casey. Wenig später hängt sie etwa 20 m über mir und schaut mich entsetzt an. „Und jetzt? Ich breche mir bestimmt irgendwas, wenn ich von hier oben falle. Was soll das? Bestimmt 50 verdammte Meter trennen mich vom harten Boden!"
Sie wirkt panisch und ich kann nicht anders und lache laut. Das bringt sie allerdings noch mehr in Fahrt. „Eric, hör auf zu lachen!"
„Hn."
„Oh, komm mir jetzt bloß nicht mit deinem Hn", kreischt sie von oben und funkelt mich wütend an.
Ich positioniere mich kopfschüttelnd und noch immer lachend unter sie und breite die Arme aus. „Zieh einfach an dem Band." Das scheint sie zu beruhigen und im nächsten Moment schießt sie nach unten, direkt auf mich zu. Der Winkel ist nicht optimal, eher etwas unvorteilhaft. Am Ende liege ich mit dem Rücken auf dem Boden. Irritiert stelle ich fest, dass ich leichte Atemprobleme habe. Ah, Casey liegt wahrscheinlich auf mir. Meine Arme befinden sich auf ihrer Hüfte und sie liegt, mit ihrem Oberkörper, auf mir.
„Autsch... Scheiße, Eric! Bist du verletzt?" Ich hebe meinen Kopf leicht an und schaue sie emotionslos an. Sie hat sich mit den Armen leicht auf meinen Brustkorb gestützt und blickt mich besorgt an. Von dieser Position aus habe ich direkten Blick auf ihre Oberweite. Eine sehr üppige Oberweite mit cremiger Haut, die durch die leicht veränderte Position noch stärker an mich gepresst wird. Nicht daran denken, bloß nicht daran denken. Ich lasse meinen Kopf mit einem dumpfen Schlag auf die Matte fallen und stöhne leise auf.
„Wo tut's weh?" fragt Casey beunruhigt und beginnt meinen Oberkörper und Arme abzutasten.
„Casey, du liegst auf mir", stoße ich leise zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Oh. Ja, Entschuldigung." Mit knallrotem Kopf richten sie sich auf und streicht ihr Kleid für mehrere Minuten glatt.
Wenig später landet Maria neben mir und zwinkert mir wissend zu. „Du verbringt definitiv zu viel Zeit mit dem verdammten Parasiten", flüstere ich ihr leise zu.
Je mehr Ferox Geborene auf der Matte landen, desto lauter und stimmungsvoller wird es. Für die letzten Seilbahn Fahrer bilden wir mit den Armen ein Netz, in dem sie landen können. Zu Letzt landet Zeke in unserem improvisierten Netz und bedankt sich für das Auffangen.
„Der Zug müsste gleich gleich da sein, der Letzte muss für alle eine Runde Bier ausgeben", verkündet Nico laut und joggt los. Lachend und schubsend folgen wir ihr und machen uns auf den Weg zurück zum Ferox Komplex.
