3 Der schwingende Oktopus
Als ich in den Trainingsraum komme, stelle ich mich etwas abseits von den Anderen. Schön isoliert, so wie ich es am liebsten habe. Hier habe ich einen perfekten Blick sowohl auf den Ausgang, als auch auf unseren Trainer Max, der sich in der Mitte des Raums befindet. Er ist ein ungewöhnlich großer Mann, drahtig, mit dunklen Haaren und einem intensiven Blick. Er zählt nicht ohne Grund zu den kompetentesten Anführern in Ferox.
„Guten Morgen, Initianten. Heute beginnt die dritte Phase der Initiierung, die Zweikämpfe. Die Regeln sind wie folgt. Wenn Jemand „Stop" ruft, schlappmacht, abklopft oder über die Markierung tritt, ist der Kampf vorbei. Es kämpfen jeweils nur Zwei. Nur ein Kampf auf einmal. Keine Schuhe. Die Kämpfe dauern genau solange, wie sie dauern müssen. Am Ende dieser Initiierungsphase solltet ihr mindestens zwei Kämpfe für euch bestritten haben, sonst fliegt ihr raus." Hier macht er eine kleine dramatische Pause und blickt jeden Initianten nacheinander in die Augen. „Vormittags wird gekämpft, den Nachmittag könnt ihr euch selber gestalten. Ausdauer- oder Muskeltraining wären ratsam. Klettern könnt ihr an der Südmauer des Hauptgebäudes. Mir ist eigentlich egal was ihr macht, Hauptsache ihr bereitet euch auf den nächsten Kampf vor."
Sofort werden die ersten aufgeregten Pläne geschmiedet. Tattoos, Piercings und neue Klamotten sind dabei die Schlagwörter. Max holt sein Tablet aus der Seitentasche und tippt unbekümmert darauf herum.
„So, fangen wir mal ganz oben an. Der erste Kampf ist zwischen Casey und Eric."
Selbstsicher mache ich mich auf den Weg zu den Matten. Hier wurde mit weißer Farbe ein großer Ring gezeichnet, der den Kampfbereich markiert. Casey, mit ihren Partial-Dreads in zwei langen geflochtenen Zöpfen, befindet sich schon innerhalb des Rings. Sie trägt ein schwarzes, lockeres Langarmshirt, eine ebenfalls schwarze,eng anliegende Sporthose und ist Barfuß. Sie wippt vor Aufregung leicht hin und her und erinnert so ein wenig an ein Kleinkind, das gleich etwas Süßes bekommt. Das wird ein schneller Kampf.
Als wir uns auf Anweisung von Max in der Ringmitte die Hand gebe, kann es unter Umständen dazu gekommen sein, dass in dem Moment als sich unsere Blicke getroffen haben meine Mundwinkel etwas, ein klein wenig, nach oben gezuckt haben.
Casey verengt die Augen. „Ich habe in den letzten Tagen unsere tiefsinniges Gespräche beim Joggen vermisst. Wo versteckst du dich in letzter Zeit?" Wir umkreisen langsam den Ring. Mit ihrer offen legenden Bemerkung erzielt sie keinerlei äußerliche Reaktion von mir. Trotzdem glänzen ihre Augen. Habe ich sie etwa unterschätzt? Ach Quatsch!
Ich mache mich bereit zum schnellen Angriff. Ein Schlag in die Rippengegend und ein kleiner Schubser sollten sie ganz schnell aus dem Ring befördern. Überraschenderweise bleibt sie einfach stehen und schaut mir zu, wie ich mich mit angehobenem Arm auf sie zubewege. Ich ignoriere mein Bauchgefühl, was kann eine Amite im schlimmsten Fall schon anrichten?
Im letzten Augenblick macht sie einen Ausweichschritt zur Seite. Ich spüre für einen kurzen Moment einen leichten Druck, seitlich am Hals. Als ich mich mit dem Oberkörper zu ihr drehe, bemerke ich wie sich ein taubes Gefühl, ausgehend von dem Bereich am Hals, über meine rechte Schulter und den Arm ausbreitet. Diese blutrünstige Mücke ist wohl eher eine stichfreudige, gemeine Wespe.
„Woah," stoße ich überrascht hervor, als mir bewusst wird was sie mit mir gemacht hat. Nervenblockade, diese Hinterwäldler haben anscheinend doch etwas Ahnung von Medizin. So ein Mist.
Wir fangen wieder an uns im Ring zu umkreisen. Aufmerksam mustern wir uns. Das Taubheitsgefühl meines Arms nimmt kontinuierlich zu. Ich muss handeln, bevor ich die Kontrolle über diesen Bereich meines Körpers ganz verliere.
Casey ist wohl zum gleichen Entschluss gekommen und greift mich zuerst an. Sie hat es auf mein rechtes Bein abgesehen. Ich weiche ihr gekonnt aus und schwinge mit aller Kraft meinen betäubten Arm in ihre Richtung. Die Taubheit muss immerhin für etwas gut sein.
„Autsch, bis du Wahnsinnig?" schreit sie mich mit großen Augen an und reibt sich die Schläfe. Sie wirkt etwas überrascht.
Ich nutze den Moment und hole mit meinem gesunden Arm aus. Ich treffe sie am Oberarm. Anstatt vor Schmerz zurückzuschrecken, nutzt sie den Kontakt und umgreift mein Handgelenk. Mit ihrer anderen Hand drückt Casey mit ihren Fingern blitzschnell in die Haut unterhalb meines linken Schlüsselbeins. Wie kleine Wespenstiche fühle ich die Druckpunkte und auch hier breitet sich ein verdammtes Taubheitsgefühl aus, bis runter zu meiner linken Hand.
So. Ein. Verdammter. Mist.
Ohne eine Reaktion preis zu geben nutze ich ihre Konzentration auf die Blockade aus und schwinge meinen rechten, mittlerweile völlig tauben Arm in ihre Seite. Sie krümmt sich leicht und weicht zurück. Gut, das tat anscheinend weh.
Ich atme gleichmäßige ein und aus. Konzentrier dich gefälligst. Die Betäubung meines linken Arms hat sich schneller ausgebreitet als erwartet. Wütend funkele ich sie an, unbeeindruckt lächelt Casey zurück.
Aufgebracht schwinge ich nacheinander meine Arme kraftvoll in ihre Richtung. Überrascht bringt sie mehr Abstand zwischen uns und behält dabei im Augenwinkel die Markierung des Kampfrings im Blick. Ihre Angst vor einem ungebremsten Hieb meines Armes, kombiniert mit der begrenzten Ausweichmöglichkeit, ist mein Mittel zum Sieg. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Durch die Nervenblockaden tränen meine Augen und in meinem Hals habe ich ein lästiges Fremdkörpergefühl. Bevor es in eine eventuelle Atemnot übergeht, muss ich den Kampf beenden.
Um ihr keine Regenerationszeit zu lassen, hole ich wieder und wieder kraftvoll mit meinen Armen aus. Sie weicht erneut verunsichert zurück. „Vorsicht, sonst kugelst du dir noch einen Arm aus," warnt sie mich leise. Ist sie völlig verrückt? Gerade sie hat Angst davor, dass ich mich verletze? Das kann auch nur von einer Amite kommen.
Ich schaue sie ausdruckslos an. Um kraftvollere Hiebe zu erzeugen, schwinge ich immer mehr mit meinem Oberkörper mit. Casey ist nun am Rande der Markierung. Ich werde sie wie ein nerviges Insekt zerquetschen. Das Taubheitsgefühl ist nun so stark, dass ich etwas Schwierigkeiten habe beim Schwingen mein Gleichgewicht zu halten. Casey nutzt den Moment nach dem Schwung und geht unerwartet in die Hocke. Bevor ich Zeit habe einen Ausweichschritt zu machen, werden mir mit einem gezielten Kick die Füße unter den Beinen weggezogen. Ich verliere sofort das Gleichgewicht und lande auch noch mit meinem Oberkörper außerhalb des Kampfrings.
So. Eine. Scheiße.
Sie hat das die ganze Zeit geplant.
„Und der Sieg geht an Casey. Gut gemacht, du hast dein Wissen über den Körper genutzt und Eric wurde innerhalb kürzester Zeit außer Gefecht gesetzt. Du solltest allerdings auch von deinem Kampfwissen Gebrauch machen und dich nicht nur auf die Blockade verlassen." Max wirkt trotz der leichten Zurechtweisung mehr als zufrieden. „Eric, dein Versuch die Blockade als Vorteil zu Nutzen war prinzipiell gut, aber du solltest die Grenzen deines Körpers dabei nicht überschreiten."
Ich liege noch unverändert auf dem Boden, zu schockiert von dem Kampfergebnis. Die Taubheit meiner oberen Extremitäten hat natürlich nichts mit meiner unveränderten Bodenlage zu tun. Mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck nicke ich Max zu.
Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie Casey auf mich zukommt und mir ihre Hand entgegenstreckt. Als ob ich Hilfe benötigen würde.
„Wie erbärmlich," kommt im gespielten Flüsterton von den umstehenden Initianten.
Ich spanne meine Bauchmuskulatur an, mit einem Ruck und zuckendem Kiefer richte ich mich auf. Der Idiot mit dem zu großen Mundwerk ist schnell gefunden, da die anderen Initianten schnell reihum von ihm zurückweichen. Lenz, ein typisch Candor. Heute ist wohl nicht sein Glückstag. Ich stampfe auf ihn zu und baue mich mit todernster Miene vor ihm auf, unsere Mitinitianten bilden einen Kreis um uns herum. Max steht mit grimmiger Miene und eingeschränkten Armen in der vordersten Reihe.
Eine gebrochene Nase ist eine wirklich lästige Angelegenheit. Da ist immer so viel Blut im Spiel, aber es lässt sich einfach nicht vermeiden. Mit einer schnellen Kopfbewegung schreit Lenz laut auf und stürzt zu Boden. Sein Gejammere blende ich angewidert aus. Da er noch immer nicht aufgibt trete ich ihn noch zwei Mal bevor er mit einer blutigen Hand auf den Boden klopft. Genervt wende ich mich ab und steuere mit kraftvollen Schritten auf den Ausgang zu.
„Der zweite Kampf geht an Eric. Somit sind Casey und Eric gleich auf, Lenz befindet sich auf dem letzten Platz. " Die Ankündigung von Max überrascht mich und ich blicke verwundert zu ihm, er nickt mir mit ernster Miene zu. „Für heute sind die Kämpfe beendet. Für gewöhnlich sage ich die Kämpfe an, aber es können auch Ausnahmen gemacht werden. Jessica, begleite Lenz zur Krankenstation."
Gerade als ich weiter gehen will, wendet sich Max zu Casey. „Kannst du die Blockaden von Eric lösen oder muss er dafür zur Krankenstation?" Verärgert funkel ich sie an. Als ob ich mich freiwillig von ihr anfassen lassen würde.
Casey ignoriert meinen Blick völlig und dreht sich zu Max. „Das kriege ich hin. Morgen sollte er wieder kampfbereit sein." Mit einem Lächeln wendet sie sich von Max ab und kommt auf mich zu. „Du kannst dich da vorne hinsetzen. Ich muss nur schnell etwas holen. Schaffst du es alleine dort hin oder soll ich dich stützen?" fragt sie mich mit angehobener Augenbraue, als ob ich nicht gerade innerhalb von Sekunden die Nase von Lenz gebrochen hätte und er nur mit Unterstützung und lautem Gewinsel in die Krankenstation gebracht werden konnte.
Ich schaue kurz hoch an die Decke und mache mich kopfschüttelnd auf den Weg. Kurze Zeit später kommt Casey mit einer Flasche Speiseöl und violettem Tapeband grinsend auf mich zu. Ich schaue sie mit angehobener Augenbraue an.
„Hey, das ist das Beste was ich auf die Schnelle finden konnte," verteidigt sie ihre Ausbeute.
„Hn," ist alles was ich dazu zu sagen habe, während ich das violette Tape angewidert anschaue.
Sie hilft mir schnell und effizient aus dem Oberteil, da meine verdammten Arme zu nichts im Stande sind. Ihre leicht geröteten Wangen und ausweichender Blick sind mir dabei natürlich völlig entgangen.
Als sie meine Schultern und Arme mit einem leichten Ölfilm benetzt, geht das nervige Gequatsche los. Ich versuche es mit aller Kraft auszublenden, aber wie das Summen der lästigen Mücke, kann auch ihre Stimme nicht einfach ignoriert werden. Egal wie viel Mühe man sich gibt. Vielleicht ist es die gleiche Tonlage?
„Der Kampf hat echt Spaß gemacht. Du hast mich am Ende an einen Oktopus erinnert, der panisch versucht seine Tentakeln zu zählen. Es war großartig." Da sie hinter mir positioniert ist, entgeht ihr mein Todesblick. Ich bin von der Gesamtsituation genervt und spanne ungewollt meine Arme an. Die Massage ist alles andere als eine Entspannungsmassage. Es fühlt sich eher so an, als versuche sie meine Muskeln gewaltsam auseinander zu reißen. Zumindest mit so viel Kraft wie ein Kleinkind aufbringen kann.
„Ach komm schon, entspann dich. Du hast gut improvisiert, ich habe echt nicht damit gerechnet," sagt sich lachend. „Warte, bis ich Zeke davon erzähle."
„Hn."
Kurze Zeit später ist sie fertig. Es war nicht gerade etwas was ich in naher Zukunft wiederholen möchte, aber das kraftvolle Kneten meiner Schulterpartie hat eine deutliche Besserung gebracht. Das Gefühl in meinen Armen ist wiederhergestellt und obwohl ich nun starke Kopfschmerzen habe und meine Schultern schmerzen, bin ich erleichtert.
„Falls morgen nach dem Aufstehen noch irgendwelche Beschwerden vorhanden sind, wiederholen wir die Massage einfach. Jetzt klebe ich dir noch schnell dieses schicke Tapeband um die Druckpunkte. Geht es dir gut, du wirkst etwas blass?" Sie schaut mich besorgt an.
„Hn." Um es zu unterstreichen schaue ich sie mit einem genervten Blick an und nicke ihr kurz zu. Das sollte ihre Frage ausreichend beantworten. Sie schüttelt lächelnd den Kopf und macht sich mit dem abscheulichen Tape ans Werk. Ich kann es kaum erwarten gleich meine Augen für einen Moment zu schließen und vielleicht noch das Tapeband zu entfernen und es zu verbrennen. Der erste Kampftag lief alles andere als geplant.
