Omega
I.
Shane war Ricks erster Alpha und eigentlich auch sein einziger. Sie wuchsen zusammen auf, waren Freunde seit Ewigkeiten, Rick konnte sich an keine Zeit ohne Shane Walsh in seinem Leben erinnern. Als er sich als Omega festigte und nicht als Beta oder Alpha, kurz nachdem Shane sich als Alpha gefestigt hatte, da war er für einen Moment besorgt, dass seine Eltern ihm diese Freundschaft verbieten würde, doch sie taten es nicht. Sein Dad führte zwar ein ausführliches Gespräch mit Shane (Rick erfuhr nie worum es dabei eigentlich ging, als er nachfragte, da lautete die einzige Antwort, die er von Shane bekam „Alpha-Kram"), aber danach schien alles geklärt zu sein und sie waren immer noch RickundShane.
Nach dem … Zwischenfall ... zog Shane sogar bei ihnen ein. Er und Rick durften zwar nicht im selben Zimmer schlafen, aber sie waren von nun an noch unzertrennlicher als vorher. Shane war Ricks Bruder, er war immer für ihn da, wenn ihn ein Alpha zu nahe trat, dann war Shane derjenige, der ihn verprügelte, und wenn Shane mit einer seiner Freundinnen Stress hatte, dann war Rick derjenige, der sich für ihn einsetze um alles wieder gerade zu biegen. Es störte Rick nicht, dass ihn seine Schulkameraden abfällig Walshs kleine Hure nannten, denn er wusste ja, dass das nicht wahr war. Ja, Shane war sein Alpha, aber vor allem war er Shane, und wenn er ehrlich war, dann war in ihrer Freundschaft letztlich er derjenige, der das Sagen hatte.
Es war nicht immer alles eilte Wonne. Seine Hitzen waren ein Problem. Shane wurde während dieser Zeit aus dem Haus verbannt, und umgekehrt wurde er während Shanes Brunft bei seiner Tante untergebracht. Rick sagte niemanden jemals, dass er während seinen Hitzen von Shane träumte, sich nach Shane sehnte, sich bei den Gedanken an Shane erleichterte, nach Shane rief. Das war seine Sache, das ging niemanden etwas an, niemanden außer Shane vielleicht. Er sagte auch niemanden, wie schuldig und traurig er sich fühlte, wenn er bei seiner Tante hockte, während er wusste, dass Shane ihn brauchte.
„Sex verkompliziert alles, Ricky", pflegte seine Mutter zu sagen, „Besonders für Alphas. Wenn du eine dauerhafte Beziehung zu jemandem aufbauen willst, dann darfst du sie niemals auf Sex aufbauen. Dein Vater hat mich lang umwerben müssen, bevor ich ihn rangelassen habe. Und ich habe diese Entscheidung nie bereut. Es gab vor ihm andere Alphas in meinem Leben, mit denen ich Dinge getan habe, die ich sehr wohl sehr bereut habe."
„Ihh, Mom", pflegte Rick dann zu stöhnen, der keine Details über das Sexleben seiner Eltern wissen wollte, danke vielmals, aber vergessen hatte er es nie, und er wusste, dass es stimmte. Alphas neigten dazu besitzergreifend zu sein, das hatte er in der Schule beobachtet, in Serien und Filmen gesehen, in Büchern und Comics gelesen, im Unterricht gelernt. Er war noch jung und wusste nicht, was er vom Leben erwartete, was er aber wusste war, dass er sich nicht schon vor seinem Schulabschluss für immer an einen Alpha binden wollte, nicht einmal, wenn dieser Alpha Shane war. Also deutete er an, dass er ihm nichts ausmachen würde, wenn Shane seine Bedürfnisse mit anderen ausleben würde, als dieser ihn fragte. Er wollte fair sein, er wollte keine Treue von einem Alpha erwarten, dem er dafür nichts gab, nicht einmal ein Versprechen auf eine gemeinsame Zukunft.
Ein Teil von ihm hasste Shanes Beta-Freundinnen, doch sie hielten nie lange vor, wurden schnell ausgetauscht, sie waren keine Bedrohung, nicht wirklich, er wusste, es bräuchte nur ein Wort von ihm und Shane wäre sein, für immer und exklusiv.
Nach dem Schulabschluss beschlossen sie beide Cops zu werden, sie wollten zusammen Dienst tun, als Partner. Und das konnte sie nur, wenn sie in keine intime Beziehung verstrickt waren, das wurde ihnen deutlich gesagt.
Den wenigsten Alphas gelang es in die Polizeiakademie aufgenommen zu werden, die meisten wurden als zu aggressiv angesehen und abgelehnt. Shane war aber diszipliniert, und er wollte es so gerne. „Ich will andere beschützen", erklärte er Rick, „Das ist es, wofür ich geboren wurde, dafür andere zu beschützen." (Rick wünschte sich manchmal seine Gründe für seine Berufswahl wären nur halb so selbstlos, er wählte diesen Weg, weil ihm nichts Besseres einfiel, um ehrlich zu sein).
Und Shane war ein guter Polizist, ein besserer als Rick jemals sein könnte. Rick wollte, dass er Erfolg hatte, dass er das Blatt wendete, dass er der Alpha war, der allen bewies, wie falsch es war zu denken, dass Alphas für manche Berufsgruppen einfach ungeeignet waren, weil sie Alphas waren.
Rick hingegen hatte es natürlich auch nicht so leicht. Omega-Polizisten wurden auch nicht von allen gerne gesehen, aber es gab eine gewisse Quote, die jeder Staat erfüllen wollte, wie es schien, um gut da zu stehen. Tatsächlich waren Omegas nachgewiesener Maßen sehr gute Polizisten, die meistens bessere Ergebnisse erzielten als Betas, doch das Problem war, dass man ihnen nicht zutraute mit Alphas oder männlichen Betas fertig zu werden, wenn es hart auf hart kam. Deswegen gab es Bewegungen, die von Omega-Gefährdung sprachen, und diese am liebsten wieder zurück hinter den Herd verbannt hätten, und die ungeschriebene Regel, dass kein Omega alleine auf Streife gehen durfte. Jeder Omega-Polizist musste einen Partner haben. Das waren im Normalfall Beta-Partner. Aber Rick bekam Shane und war damit mehr als nur glücklich.
Alleine waren sie gut in ihrem Job, gemeinsam waren sie unschlagbar. Zu Beginn beäugte man sie besorgt. Alphas und Omegas gemeinsam auf Streife zu schicken, hörte sich für viele nach keiner guten Idee an, und einen Alpha und einen Omega, die zusammen aufgewachsen waren, gemeinsam auf Streife zu schicken, hörte sich nach einer noch schlechteren Idee an. Was wenn Shanes Beschützerinstinkt verrückt spielen würde? Es war nicht nur möglich, es war zu erwarten. Doch es passierte niemals, also fanden sich alle damit ab. Bald sah es keiner mehr als ungewöhnlich oder merkwürdig an.
Aber um die fragile Balance, die sie sich als professionelle Partner erkämpft hatten, nicht zu gefährden, mussten sie auf eine persönliche intime Partnerschaft verzichten. Die Patentlösung dafür war einfach: Rick musste sich eine Gefährtin suchen. Er fand auch eine, in Form des Betas Lori.
Er mochte Lori, vielleicht liebte er sie sogar. Er liebte sie nicht so, wie er Shane liebte, aber jede Art von Liebe war anders, das wusste er. Und immerhin war sie ein Beta, nichts, was er mit ihr tat, verriet seine Beziehung zu Shane in irgendeiner Art und Weise. Nie hätte er mit einem anderen Alpha eine Gefährtenbindung eingehen können. Und Shane mochte Lori ja auch. Triaden-Beziehungen waren zwar aus der Mode gekommen, aber eines Tages vielleicht, wenn er und Shane aus irgendwelchen Gründen keine Partner mehr sein würden…..
Ja, es war eine Art Hintertür. Zu Beginn zumindest. Doch je mehr Jahre ins Land zogen, desto mehr vergaß Rick auf diese Hintertür, und dann wurde Carl geboren, und das änderte alles. Er hatte jetzt ein richtiges Rudel – eine Gefährtin, ein Kind – und ja, Shane war auch Teil dieses Rudels, aber obwohl er Ricks Alpha war, war er nicht Ricks Alpha in diesem Sinne. Sie waren Brüder, Partner, das war alles, und lange redete sich Rick ein, dass es gut so war, dass es so sein sollte.
Carl liebte seinen Onkel Shane. Lori war froh, dass Rick jemanden hatte, der ihn bei der Arbeit den Rücken frei hielt und privat ein offenes Ohr für ihn hatte. Alles war wie es sein sollte.
Trotzdem wäre es gelogen, wenn Rick behaupten würde, dass er nicht gewusst hätte, was Shane für ihn empfand. Und es wäre auch gelogen, wenn er behaupten würde, dass er diese Gefühle nicht erwidern würde. Es war nur nie wichtig, weil sie daraus nie Probleme ergaben, nicht vor dem Ende der Welt.
Vor dem Ende der Welt waren es Lori und Rick, für die sich auf einmal Probleme ergaben. Vielleicht hatten sie einfach aufgehört einander zu lieben, vielleicht ließ die verliebte Liebe einfach irgendwann im Lauf der Zeit nach und wurde von der liebende Liebe ersetzt, und wenn das nicht der Fall war, nun, dann ergaben sich Probleme. Vielleicht war das der Grund, warum so viele mehrere Partner hatten, damit es immer jemanden in ihrem Leben gab, in den sie frisch verliebt sein konnten. Langfristige Partnerschaften bedeuteten nun mal Arbeit, das wusste Rick, er arbeitete jeden Tag an seiner Partnerschaft zu Shane, vielleicht hatten Lori und er einfach alles zu sehr schleifen lassen, hatten sich zu sehr darauf ausgeruht durch ein gemeinsames Kind miteinander verbunden zu sein. Oder vielleicht stimmte es, was man sagte, und Kinder töteten die Leidenschaft und auch die Liebe zu dem Partner. Vielleicht hatten sie sich auch einfach auseinander gelebt, hatten sich unabhängig voneinander weiterentwickelt, und passten nun einfach nicht mehr zueinander.
Was auch immer der Grund war, Lori wurde zunehmend unzufrieden und ließ Rick das auch zunehmend spüren. Er wollte verständnisvoll sein, wollte auf ihre Bedürfnisse eingehen, aber nach der ersten Reihe von energieraubenden Streits wurden er es langsam leid all ihre Stimmungsschwankungen hin zu nehmen ohne zu protestieren. Betas sollten doch das ausgeglichene Geschlecht sein, oder etwa nicht? Nun, Lori war alles andere als ausgeglichen, sie war ständig wütend, bitter, und hatte immer neue Vorwürfe auf Lager: Er würde zu viel Zeit mit Shane verbringen und zu wenig mit seiner Familie, er würde zu viel arbeiten und sich zu wenig um seinen Sohn kümmern – und um genau diesen Vorwürfen zu entgehen verbrachte er zunehmend mehr Zeit mit Shane und bei der Arbeit, wodurch sie ironischerweise mit ihren Vorwürfen letztlich doch noch recht behielt.
Ein Teil von Rick, der Teil, den er tief in sich begraben hielt, wusste, dass es die Eifersucht war, die aus ihr sprach, die Eifersucht und die Enttäuschung. Er hatte immer gedacht Lori würde sich damit abfinden, dass Shane der wichtigste Mensch in seinem Leben war, abgesehen von Carl natürlich, dass sie es verstehen würde, aber offenbar war das nicht der Fall. Und die Tatsache, dass sie weitere Kinder gewollt hatten, diese aber nicht bekamen, hatte sie schwerer getroffen als ihn. Und je älter Carl wurde, desto mehr entglitt er ihr, desto ähnlicher wurde er seinem Vater, desto mehr zog er dessen Gesellschaft der ihren vor, und das verbitterte sie umso mehr und sorgte dafür, dass sie sich um so einsamer fühlte.
Und je mehr Rick versuchte ihr seine Unterstützung und Liebe zu zeigen, desto unzulänglicher fühlte sie sich, wie es schien. „Ich scheiß auf dein Omega-Verständnis! Ich will streiten, Rick, schrei mich an!", herrschte sie ihn einmal an, und er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Omegas strebten nach Harmonie, nicht nach Konflikt, er wollte nicht mit Lori streiten, er stritt sowieso schon ständig mit ihr, er wollte ihre Familie zusammenhalten, sie aber, nun er wusste nicht mehr, was sie wollte.
Sie warf ihm vor sie nicht mehr zu lieben. Manchmal fragte er sich, ob sie damit vielleicht recht hatte. Er wollte sie lieben, glaubte sie zu lieben, denn sie könnte ihn doch wohl kaum so tief verletzten wie sie tat, wenn er sie nicht lieben würde, doch die Art und Weise wie sie ihn behandelte tötete seine Liebe zu ihr langsam aber sicher ab.
An dem Tag, an dem es geschah, trennten sich ihre Wege an diesem Morgen im Schlechten. Er versuchte nicht daran zu denken, doch ihre Worte hallten immer wieder in seinen Kopf nach. Shane wäre nicht Shane, wenn er das nicht bemerken würde. Er versorgte Rick mit Kaffee und Süßigkeiten und sah ihn dann besorgt an. Dann legte er ihm tröstend die Hand auf sein Bein. „War wieder was mit Lori?", wollte er wissen.
Rick schluckte. „Sie hat gesagt: Manchmal frage ich mich, ob du mich überhaupt jemals geliebt hast. Und das vor Carl", berichtete er gepresst, „Vor unserem Kind." Shane massierte seinen Schenkel. „Es tut mir so leid, Rick", meinte er, „Hör mal, ich weiß, es steht schlimm, aber sie kriegt sich wieder ein. Das hat sie noch jedes Mal."
„Diesmal vielleicht nicht, diesmal war es anders", murmelte Rick, „Ich weiß, es könnte schlimmer sein. Andere Omegas werden von ihren Gefährten geschlagen, ich werde nur mit Worten verletzt, aber auch Worte tun weh. Ich weiß nicht, was ich ihr getan habe. Was ich falsch gemacht habe. Manchmal glaube ich, sie hasst mich."
„Lori liebt dich, Rick", versicherte ihm Shane.
„Sie will keinem Omega zum Gefährten, das hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben", gab Rick zu, „Ich liebe meine Familie, wirklich, aber in letzter Zeit frage ich mich öfter, ob das alles mit Lori nicht von Anfang an ein Fehler gewesen ist." Er warf einen flüchtigen Blick in Shanes Richtung. „Ich kann es nicht bereuen, weil es mir Carl eingebracht hat, und ein paar wirklich glückliche Jahre, aber … vielleicht ist es an der Zeit einfach zuzugeben, dass es nicht klappt und nie hätte klappen können." Er starrte durch die Scheibe des Streifenwagens und wagte es nicht Shane anzusehen, er konnte aber den Blick seines Alphas auf sich ruhen spüren.
„Was genau willst du damit sagen?", wollte Shane vorsichtig wissen.
Rick sah wieder zu ihm. Shane Walsh war nicht gerade das, was man als klassisch-schön bezeichnen würde, seine Nase war nicht zu übersehen, seine harten Züge, die nicht wirklich symmetrisch waren, ließen ihn auf manche einschüchternd wirken, doch für Rick war er immer schon wunderschön gewesen. „Vielleicht ist es nicht so wichtig, dass wir Partner sein können, hier draußen, meine ich", sagte er. Er konnte sehen, wie sich Shanes Augen weiteten, und er lehnte sich zum größeren Mann hinüber um ihn zu küssen – und genau in diesem Moment ging die Meldung ein.
Rick hielt inne und Shane murmelte etwas von „Später", und sie machten sich auf zu ihren letzten gemeinsamen Einsatz, ohne zu ahnen, dass es ihr letzter gemeinsamer Einsatz sein würde und das Ende der Welt kurz bevor stand.
Ricks letzte Erinnerung an Shane vorm Ende der Welt war ein harsches: „Bleib bei mir, Rick. Bleib bei mir, Omega!" und sein besorgtes Gesicht, das auf ihn herabblickte. Rick dachte, dass er „ja, Alpha" gehaucht hatte, und erinnerte er daran, wie ihn Shanes Pheromone umschlossen, und vermutlich wäre er gestorben, wenn sein Partner ihn nicht mit allem, was er hatte, eingestunken hätte. So hatte er sich dem einfachen Befehl nicht widersetzen können und am Leben zu bleiben wollen um bei seinem Alpha zu bleiben.
Als er wieder erwachte, war er alleine, vollkommen alleine im Krankenhaus. Um ihn herum roch es nach Spuren von Carl, Shane, und Lori. Der Geruch war alt, kaum noch wahrzunehme, doch Rick erkannte ihn sofort. Ansonsten roch es nicht so steril, wie es hätte riechen müssen, wenn man bedachte, dass Rick in einem Krankenhauszimmer zu sich gekommen war. Wo waren die Schwestern? Wo waren die Ärzte? Wo war sein Rudel? Carl, Shane, Lori – warum waren sie jetzt nicht hier bei ihm?
Weil die Welt untergegangen war, während er geschlafen hatte, wie es schien. Das Krankenhaus war verlassen, und die ersten wandelnden Toten, auf die er traf, nun die waren ein echter Schock für ihn. Sie stanken furchtbar, waren verrottet, schon lange tot wie es schien, aber sie bewegten sich noch. Reden und denken schienen sie nicht mehr zu können, sie waren nur noch instinktgesteuert, wie es schien, und ihr Instinkt sagten ihnen, dass sie alles, was anders war als sie, alles was noch lebte, auffressen sollten.
War so etwas auch aus Carl geworden? Aus Lori? Aus Shane? War die ganze Welt untergegangen und gestorben und nur noch Rick war übrig? Und selbst wenn nicht, was brachte es in einer Welt zu leben, in der sein Rudel nicht mehr am Leben war?
Rick versuchte verzweifelt sie zu wittern, nur einen Hauch von ihnen, doch vor allem roch er den Tod, nichts anderes als den Tod. Er musste nach Hause. Vielleicht würde er sie zu Hause finden! Oder zumindest einen Hinweis auf sie finden. (Aber was wenn es kein Hinweis wäre, der ihm gefallen würde?!)
Ja, was dann? Allein den Gedanken daran, dass ihnen etwas zugestoßen sein könnte, konnte Rick nicht ertragen. Aufzuwachen in einer Welt ohne sie, ohne irgendjemanden, das konnte Rick kaum ertragen. Er war überzeugt davon, dass das hier sein Ende sein würde. Dass er nur wieder aus dem Koma erwacht war um mutterseelenallein umgeben von Untoten zu sterben.
Omegas waren Rudeltiere, sie brauchten andere Menschen um zu funktionieren, sie brauchten lebendige Menschen, keine toten beißenden Monster, die einmal Menschen gewesen waren. Rick war für diese neue Welt, in der er erwacht war, nicht geschaffen. Und er wäre auch fast in ihr gestorben, wenn Morgan Jones nicht in sein Leben getreten wäre.
Morgan rettet ihn in jeder Hinsicht. Er rettete sein Leben und seinen Verstand. Seine bloße Gegenwart half Rick durchzuatmen und zurück zu sich selbst zu finden, heraus aus der Spirale der Panik und Angst und der Verzweiflung, zurück zu dem Omega, der er war. Denn Morgan war ein Alpha, der seinen Omega verloren hatte, und er brauchte Rick genauso wie dieser ihn brauchte. Und sein Sohn Duane brauchte Rick sogar noch mehr.
„Er hat sich als Beta gefestigt, kaum, dass das alles hier losgebrochen ist", erklärte Morgan Rick und deutete auf seinen verstört wirkenden Sohn. Duane war ein Kind, kein Teeanger, er sollte noch keine sekundären Geschlechtsmerkmale zur Schau stellen, er tat es aber. Er produzierte Beta-Pheromone, und das bedeutete auch, dass er die entsprechenden Hormone produzieren musste. So etwas kam vor, selten, aber doch. Ein großer Schock konnte zu einer verfrühten Manifestation des sekundären Geschlechts bei prepubertären Kindern führen. Und das Ende der Welt war wohl ein ziemlich gewaltiger Schock, nicht wahr?
Morgans Gefährtin, Duanes Mutter, sein Omega, war eine von denen, stellte sich heraus, von den wandelnden Toten. Sie war auch der Grund, warum Morgan die Stadt nicht gemeinsam mit den anderen Überlebenden verlassen hatte. Ein Teil von ihm schien nicht gehen zu können, solange sie noch weiter existierte, egal in welcher Form. Rick verstand das, er konnte es gut verstehen. Wenn er an Morgans Stelle wäre, wenn Shane einer von denen wäre und hier herum wanken würde, oder Carl, oder sogar Lori – er könnte auch nicht gehen. Doch wenn Morgan und Duane hierbleiben würden, dann würden sie sterben. Daran hatte Rick nicht geringsten Zweifel.
„Morgan, du musst mit mir kommen, du und Duane, ihr beide", meinte er eindringlich. Er wollte der Spur der Evakuierten folgen, dorthin gehen, wo Shane und Lori hingegangen waren (hoffentlich), das musste er, er musste sein Rudel suchen, sein Kind, das ihn in dieser neuen verrückten Welt dringender brauchte als jemals zuvor. Er konnte nicht hier bei Morgan und Duane bleiben, so sehr ihn die beiden auch brauchten (und sie brauchten ihn dringend). Doch wenn er sie hier zurückließ, würde er sie nie wiedersehen, nicht lebendig.
Morgan schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht", erklärte er, „Ich kann sie nicht verlassen. Denkst du dein Alpha würde dich verlassen, wenn ihr in dieser Situation wärt?" (Rick wollte nicht daran denken, dass sein Alpha ihn verlassen hatte, aber er wusste, dass Shane nur getan hatte, was er von ihm erwartet hätte – er hatte sein Kind gerettet und seine Gefährtin).
„Mein Alpha hat mich verlassen um meinen Sohn zu retten", sagte Rick also, „Und genau das musst du jetzt auch tun."
Morgan schüttelte den Kopf. „Ich kann auf uns beide aufpassen", behauptete er, „Ich habe dich gerettet, oder? Ich kann uns beide ebenfalls retten." Das war typische Alpha-Selbstüberschätzung, gepaart mit einem Verschließen vor der Realität. Wenn Rick dagegen ankommen wollte, dann musste er mit harten Bandagen kämpfen.
„Und was ist mit mir? Erwartest du, dass ich alleine weiterziehe? Ein einsamer Omega, ganz alleine, in einer Welt des Todes?", fragte er also.
Morgan sah ihn überrascht an. Bisher hatte er diesen Umstand überhaupt nicht bedacht, wie es schien. „Ich meine das hier ist das Ende der Welt, oder? Das Ende der Zivilisation. Es sind nicht nur die Toten, die mir Probleme bereiten könnten, nicht wahr? Was wenn ich irgendeinen verwilderten Alpha treffe, der denkt die Regeln würden für ihn nicht mehr gelten?" (Zu diesem Zeitpunkt dachte Rick nicht wirklich, dass es irgendwo dort draußen tatsächlich verwilderte Alphas, die sich an keine Regeln mehr hielten, geben könnte, er blufft nur). „Oder gleich mehrere von ihnen? Ich bin diese neue Welt noch nicht gewohnt und bin gerade frisch aus dem Koma erwacht. Jeden Moment könnte mich eine Stresshitze erwischen. Reagieren die Toten eigentlich auf Hitzen?" Rick sah Morgan möglichst unschuldig an und stellte zufrieden fest, dass dem Mann beinahe die Augen aus den Schädel zu springen schienen. „Natürlich bist du nicht verantwortlich für mich", fuhr Rick fort, „Du hast mich bereits einmal gerettet. Mehr kann ich nicht von dir verlangen, auch wenn du ein großer starker Alpha bist, und ich nur ein kleiner schwacher frisch aus den Koma erwachter Omega."
„Du bist ein echter Scheißkerl, Rick", stellte Morgan tonlos fest (das sollte Rick nach dem Ende der Welt noch öfter zu hören bekommen).
Rick dachte bei sich, dass er das hier nur tat um Morgan und seinen Sohn zu retten, und schlug unschuldig die Augen nieder und bot dem anderen Mann dann seine Kehle dar. Morgan schnaubte nur. „Spar dir das", meinte er barsch, „Also gut, du Bastard, ich kann dich nicht alleine dort draußen herumrennen lassen, da hast du recht. Es sieht so aus, als hätte ich einen neuen Omega." Rick konnte sich ein triumphierendes Grinsen gerade noch so verkneifen.
Sie zogen zu dritt los. Für Rick war diese neue Welt immer noch vor allem verstörend und seltsam. Es war ebenfalls verstörend und seltsam einen Alpha an seiner Seite zu haben, der nicht Shane war, und einen Jungen zu versorgen, der nicht Carl war. Das hier, musste er sich immer wieder in Erinnerung rufen, war nicht sein Rudel. Shane, Carl, und Lori waren sein Rudel, er musste sie wiederfinden, das war seine oberste Priorität. Morgan und Duane waren nur … Weggefährten, die ihn begleiten würden, bis er sein Rudel wiedergefunden hatte. Rick war immer schon ein Meister der Selbsttäuschung gewesen, warum hätte das nach dem Ende der Welt auf einmal anders sein sollen?
Er fand sein Rudel wieder, aber anders als geplant. Zuerst fand er Glenn Rhee und dessen Gruppe. Glenn der Omega rettete Rick, Morgan, und Duane vor einer Horde wandelnder Toter und lotste sie dann zu dem Rest seiner Gruppe – zu Andrea, Jacqui, T-Dog, Merle und Morales. Die beiden Frauen waren Betas, genau wie T-Dog, doch Merle und Morales waren Alphas und wenig erfreut über Morgans Anblick, oder den von Duane und Rick, was das anging.
Konflikte waren vorprogrammiert, besonders als sich herausstellte, dass Merle Dixon gerade auf einen Drogentrip war und in unkooperativer Stimmung. In einem anderen Leben wäre das alles vermutlich anders ausgegangen, in einem anderen Leben hätte sich jemand wie Merle Dixon niemals mit jemanden wie Rick Grimes verständigen können, doch in diesem Leben waren sie ein Alpha und ein Omega nach der Apokalypse. Und Rick schreckte nicht davor zurück die gleichen schmutzigen Tricks bei Merle anzuwenden wie bei Morgan – Omegatricks, wie sie von Alphas oft wütend genannt wurden.
„Wir wollen hier doch alle raus, oder? Wir alle haben jemanden, den wir wiedersehen wollen. Gibt es niemanden in deinem Leben, den du wiedersehen willst, Alpha?", meinte Rick eindringlich.
Merle schnaufte nur abfällig.
„Wenn wir diese Stadt lebend verlassen wollen, dann müssen wir alle zusammenarbeiten", fuhr Rick fort, „Wir brauchen dich, Alpha. Wenn uns jemand hier wieder rausbringen kann, dann doch wohl du. Morales ist schwach und Morgan mit seinem Sohn beschäftigt, nur du kannst der Alpha sein, der Alpha, der uns alle rettet."
Wieder schnaubte Merle. „Omega-Tricks, die kenne ich alle", knurrte er, die Drogen vernebelten ganz klar seinen Verstand. Warum sollte er sich auch nicht zu dröhnen? Die verdammte Welt war untergangen. Aber Rick musste zurück zu seinem Rudel.
„Ich muss zurück zu meinem Rudel. Mein Sohn, meine Gefährtin, mein Alpha. Ich brauche sie. Bitte, hilf mir zu ihnen zurückzukommen", bettelte Rick nun, und da war gar keine Trickserei mehr dabei. Merle Dixon starrte ihn an. „Okay", sagte er dann, „Okay, ich helfe dir." Und einfach so drang Ricks Omegatum durch sein vollgedröhntes Gehirn hindurch zu dem Alpha in ihm durch. Und einfach so wurde aus zwei Gruppen eine mit einem gemeinsamen Ziel – dem Ziel zu überleben.
Und dieses gemeinsame Ziel führte sie zurück zum Rest von Glenns Gruppe, die mit einem Wohnmobil außerhalb der Stadt campte. Und dort fand Rick sie, seine Familie, sein Rudel.
„Dad!" Carl stürmte in seine Arme. Er ist so groß geworden, dachte Rick, gefolgt von, Er riecht nach Omega. Er presste sein Kind an sich, seinen Welpen, und begann zu weinen. Carl, mein Kind, mein Baby. Carl lebte, er hatte Carl wieder.
„Rick!" Rick sah auf und erblickte Shane. Und Lori. Seine Familie, sein Rudel, sie waren wiedervereint. Aber warum standen sie wie erstarrt da und sahen ihn an, als wäre er ein Fremder, oder eine Erscheinung? Rick streckte Shane seine Hand entgegen. „Alpha", jammerte er. Mehr brauchte es nicht. Shane rannte los, umarmte ihn heftig (und zerquetsche dabei beinahe Carl) und murmelte dann „Omega, mein Omega", bevor er Rick leidenschaftlich auf den Mund küsste. Als wäre das das Natürlichste der Welt, als hätten sie das schon immer getan. Shane, mein Shane, mein Alpha, mein Partner. Zum ersten Mal seit er aus dem Koma erwacht war, fühlte Rick sich nicht mehr verloren, zum ersten Mal seit er alleine im Krankenhausbett zu sich gekommen war, hatte er das Gefühl nach Hause zu kommen. Shane löste sich von ihm, offensichtlich widerwillig, und Ricks Blick fiel auf Lori, die mit großen Augen da stand und sie beide anstarrte.
Lori. Meine Gefährtin. Vergessen war jedes harte Wort, jeder Streit, den sie jemals gehabt hatte, jede Idee aufzugeben, was sie hatten. „Lori", hauchte Rick und hielt ihr seine Hand hin. Lori machte einen Schritt auf ihn zu, und dann noch einen, und dann griff sie nach seiner Hand und umarmte ihn weinend. Jetzt weinten sie alle. Carl klammerte sich immer noch an Rick fest, und Shane umarmte sie nun alle drei und murmelte Nichtigkeiten in Ricks Hals. So sollte es sein, so musste es sein, so war es richtig, so sollte es immer sein, hätte es immer sein müssen, einfach Rick und sein Rudel, in Liebe vereint.
Damals war er einfach glücklich. Damals wusste er noch nicht, dass es nicht für immer halten konnte. Nicht einmal für kurze Zeit. Nicht so, wie es in diesem Moment war.
II.
Vor dem Ende der Welt hatte Rick Alphas niemals als seine natürlichen Feinde angesehen. Die wichtigsten Menschen in seinem Leben waren Alphas gewesen – sein Vater, Shane, Alphas waren diejenigen, die ihn beschützten, auf die er sich immer, egal was passierte, verlassen konnte. Mit dieser Einstellung war er aus dem Koma erwacht. Deswegen hatte er Morgan keine Sekunde misstraut oder gefürchtet, als er ihn getroffen hatte. Deswegen hatte er Merle Dixon behandelt wie einen Freund, den er retten wollte, und nicht wie ein Hindernis, das es zu umschiffen galt um zu überleben. Morgan, Merle, Morales – keiner dieser drei Alphas beunruhigte ihn oder machte ihm Angst. Sie waren nicht anders als die Alphas, die Rick vor dem Ende der Welt gekannt hatte, sie waren einfach Männer, die eben auch Alphas waren, jeder mit seinen individuellen Schwächen, das ja, aber jeder darauf programmiert den Rest seines Rudels zu beschützen, den Schwächeren zu beschützen. Keine Sekunde hatte Rick daran gezweifelt.
Jahre später wusste er wie naiv er gewesen war. Jahre später nach dem Gouverneur, nach Joey, nach Terminus, nach dem Krankenhaus, nach den Wölfen, da wusste er, dass die Alphas nach dem Ende der Welt nicht mit den Alphas von vor dem Ende der Welt zu vergleichen waren. Alphas, so hatte er gelernt, waren nämlich diejenigen, die dazu neigten den Verstand zu verlieren, sobald sich die Zivilisation verabschiedete. Shane war nur der Erste gewesen, und bei weitem der Harmloseste. Heute würde Rick so viel anders machen. Nicht, dass er jemals die Chance dazu bekommen würde irgendetwas anders zu machen. Er hatte seinen letzten Fehler begangen.
„Soll das ein Witz sein?! Verarscht ihr mich gerade?!" Dieser Alpha und die seinen waren eindeutig Ricks Feinde. Und ihm blieb keine andere Wahl als sich ihm zu stellen, wie er sich auch allen anderen gestellt hatte (dem Gouverneur, Joey, Gareth, den Wölfen) –
„Es ist wahr. Ich bin der Führer dieses Rudels", sagte Rick.
Der Alpha starrte ihn an, als würde es ihn überraschen, dass Rick es gewagt hatte ihn anzusprechen. Dann hockte er sich vor Rick. „Und wie ist dein Name, Schätzchen?", wollte er wissen.
„Rick Grimes."
„Rich Grimes", wiederholte der Alpha und schien den Namen in seinem Mund auszutesten, „Rick Grimes. Rick Grimes, der Omega." Er richtete sich wieder auf und sah zu dem anderen Alpha hinüber, dem, der Rick als den Anführer identifiziert hatte. „Und wir sind sicher, dass wir die richtige Gruppe erwischt haben?" Der andere Alpha nickte nur. Natürlich klang es für einen Alpha unglaubwürdig, dass eine Gruppe, die hauptsächlich aus Omegas zu bestehen schien, einen Haufen Alphas getötet hatte. „Nun, auf jeden Fall ist es ein guter Fang…."
Rick unterdrückte ein Schaudern. „Bitte tötet sie nicht. Tötet nicht die Alphas", sagte er.
Der furchteinflößende Alphas sah ihn nachdenklich an. „Ist es das, was ihr denkt, dass wir tun werden? Eure Alphas töten und euch Omegas und die Beta-Frauen verschleppen? Mhm? Ist das der Grund, warum ihr meine Leute getötet habt? Haben euch welche von denen was angetan?", wollte er dann wissen, und bei den letzten Satz verfinsterte sich seine Miene.
„Das ist es doch, was ihr tut", sagte Rick leise, „Ihr nehmt euch das, was ihr haben wollt, und tötet die, die nicht bereit sind euch das zu geben, was ihr wollt." (Er versuchte nach Kräften nicht an Joey zu denken).
„Das denkt ihr also über uns, ja? Offenbar hat euch jemand Lügen über uns erzählt", stellte der Alpha fest, „Wer war es? Mhm? Wer hat euch das eingeredet?"
Rick schwieg. Er wollte Hilltop nicht verraten. Er konnte es nicht.
„Lasst mich nachdenken, wir sind uns ziemlich sicher, dass ihr auf den Weg nach Hilltop seid. Dass ist doch richtig, oder? Es war Gregory, nicht wahr? Oh, natürlich war er es. Wie es aussieht müssen wir ihm einen Besuch abstatten. Simon, willst du das übernehmen?", wandte sich der Alpha an seine rechte Hand.
„Nein, bitte, lasst sie in Ruhe! Wir wollten nach Hilltop, ja, aber nur weil dort ein Arzt lebt. Maggie ist schwanger und etwas stimmt nicht. Wir wollten sie nur zu einem Arzt bringen", warf Rick schnell ein. Ihm graute davor, dass diese Alphas in Hilltop einfallen würden, Greogry töten und Jesus etwas antun würden. Und wenn das passieren würde, wäre das alles seine Schuld!
Der Alpha musterte ihn kopfschüttelnd. „Ihr denkt wirklich, dass wir Barbaren sind, nicht wahr? Verwilderte Alpha oder gar tollwütige. Seht ihr Schaum vor meinem Mund? Nein! Wir sind nicht das, was ihr denkt. Ihr andererseits … Ihr habt meine Männer getötet. Also seid ihr wohl diejenige, die verwildert und tollwütig sind", stellte er fest, „Und ich kann das nicht einfach durchgehen lassen, nicht wahr?" Er betrachtete seine Baseballschläger nachdenklich. „Normalerweise würde ich einfach einen von euch töten. Und dann noch einen. Und noch einen. Bis ihr euch unterwerft, um Gnade winselt, und mir ewige Treue schwört", fuhr er fort, „Wen würde ich töten? Den Anführer, nehme ich an…."
Carl gab ein wimmerndes Geräusch von sich, als er das hörte. „Carl, ruhig", keuchte Rick.
Der Blick des Alphas fiel auf Carl, und wanderte dann wieder zurück zu Rick. „Ist das dein Junge, Rick? Oh, er ist es, nicht wahr? Wie bemerkenswert! Es gibt zwei von eurer Sorte!" Er schritt hinüber zu Carl und hockte sich vor diesem hin. „Hallo, Carl, nicht wahr? Ist Rick dein Daddie? Keine Sorge, ich habe nicht vor deinen Daddie etwas anzutun…." Er streckte seine freie Hand nach Carl aus und berührte dessen Gesicht.
„Fass ihn nicht an!" Rick wäre fast zu Carl hinüber gestürzt, doch einer der anderen Alphas, presst ihn zurück auf seine Knie. Der Alpha erhob sich wieder und hob beruhigend seine Hand. „Ganz ruhig, ich tue ihm nichts. Hier ist meine Hand, ganz weit weg von deinem Jungen, siehst du? Kein Grund zur Sorge. Ich nehme an, du bist wohl kein Omega, der zulässt, dass man seinen Welpen was antut, was?"
„Nein", knirschte Rick.
„Was ist wohl mit dem letzten Alpha passiert, der sich an den Kleinen vergreifen wollte?", sinnierte der Alpha. Er erwartete sichtbar keine Antwort auf diese rhetorische Frage, bekam sie aber trotzdem. „Ich habe ihm die Schlagader aufgebissen", knurrte Rick.
„Du hast ihm …." Der Alpha unterbrach sich und dann … lachte er. „Oh, mein Gott, das hier ist mehr als nur ein guter Fang, Leute, das hier ist der beste Fang. Ein kleiner tollwütiger Omega, samt Rudel und Sohn. Aber auch samt Nest. Oh, ja, seht euch doch nur an. Ihr kommt nicht aus der Wildnis. Nicht mehr zumindest. Ihr habt ein Zuhause gefunden. Und wollt es beschützen. Mit allen Mitteln. Das verstehe ich, ich respektiere das, wirklich. An eurer Stelle würde ich nicht anders handeln. Aber seht ihr, die Sache ist die, ihr könnt es nicht beschützen, eure zu Hause, nicht alleine. Nicht unter der Leitung eines traumatisierten wenn auch hardcore Omegas, nicht wenn eure Einsatzgruppe nur aus einen Alpha besteht und … der da…" Er deutete in Richtung Michonne. „Aber keine Sorge, genau das ist es, was wir tun. Wir retten andere, wir beschützen sie, wir sind die Erlöser. Natürlich bekommt unseren Schutz nicht einfach jeder." Er hatte wieder damit begonnen vor ihnen allen auf und ab zu schreiten. „Ein Rudel, das unseren Schutz will, muss sich dafür sozusagen qualifizieren. Aber keine Sorge, das habt ihr bereits!" Er strahlte sie regelrecht an.
„Danke, aber wir verzichten auf euren Schutz, wir kommen alleine zurecht", knurrte Rick.
Der Alpha blickte ihn an und wog nachdenklich seinen Kopf. „Tut ihr das? Lass mich dir eine Frage stellen, Rick, mein Lieber. Was genau bringt dich auf den Gedanken, dass wir euch eine Wahl lassen, was das angeht?", wollte er dann scheinbar ehrlich neugierig wissen.
(Denk nicht an Shane). „Du hast doch behauptet, dass ihr euch nicht einfach nehmt, was ihr wollt", sagte Rick steif, „Oder was das eine Lüge?"
„Du musst lernen besser zuzuhören, Rick, Schätzchen, ich habe gesagt, dass wir nicht einfach eure Alphas töten werden, und eure Omegas und Beta-Frauen verschleppen werden, ich habe nie gesagt, dass wir uns nicht einfach nehmen, was wir wollen. Was wir nicht tun. Wir nehmen uns, was wir brauchen. Aber im Gegenzug dazu beschützen wir die, von denen wir es nehmen", belehrte ihn der Alpha, und dann musterte er noch einmal das ganze aufgereihte Rudel, „Ihr seht mir aus wie ein sturer Haufen. Ich nehme an, ihr musstet lernen hart zu sein. Keine Schwäche zu zeigen und niemanden zu vertrauen. Ich könnte jetzt irgendwelche Drohungen ausstoßen oder dich so lange einschüchtern, bis du dich freiwillig unterwirfst, aber wie gesagt, euch wurden Lügen erzählt, so sind wir nicht. Du, einarmige Blondine, du siehst aus wie jemand, auf den man zählen kann. Nimm die anderen beiden Betas und geh mit ihnen zurück nach Hause und bereite euer Nest auf unseren Besuch vor. Wir werden in ein paar Tagen vorbeikommen und uns unsere Bezahlung für unseren Schutz abholen. Das wären dann wohl … die Hälfte eurer Vorräte und alle eure Schusswaffen. Sorry, aber, ihr habt bewiesen, dass man euch mit denen nicht trauen kann. Und denkt lieber gar nicht erst daran irgendetwas zu verstecken, wir würden es finden, und wären darüber sehr verärgert. Der einzige Grund, warum ich hier und jetzt keinen von euch töte, ist der, dass man euch Lügen über uns erzählt hat, und ihr dachtet ihr würdet euch nur verteidigen. Jetzt, wo ihr es besser wisst, erwarte ich Kooperation."
Andrea erhob sich langsam. „Und was ist mit den anderen?", wollte sie wissen.
„Die kommen in den Genuss unserer Gastfreundschaft. Was ein weiterer Grund für euch sein sollte, uns alles zu geben, was wir von euch verlangen, wenn wir es holen kommen", erklärte der Alpha mit einem zähnezeigenden Grinsen.
Andrea warf einen fragenden Blick auf Rick. Der nickte. „Ist schon gut, tu was er sagt", wies er sie an, „Tu was du tun musst."
Sie nickte und deutete Sasha und Rosita ebenfalls aufzustehen und zu ihr zu kommen. „Kriegen wir einen Wagen?", wollte Andrea dann noch wissen.
„Reiz meine Gnade nicht aus, Einarm", meinte der Alpha nur kühl. Rick konnte Sashas und Rositas Proteste hören und Andreas bestimmende Worte, doch wie es aussah ließen die Erlöser die Betas tatsächlich gehen.
„Seht ihr, wie großzügig ich bin? Ich bin nicht das Monster, für das ich mich haltet. Ich habe die drei Sorten Beta gehen lassen", verkündete der Alpha, „Und jetzt weiter im Text. Wir haben einen sehr guten Arzt bei uns zu Hause, der wird sich um eure Maggie kümmern, besser als der Arzt aus Hilltop es jemals könnte. Wir haben im Sanctuary die beste medizinische Ausrüstung, die man nach dem Ende der Welt kriegen kann. Schafft den schwangeren Omega in einen der Wägen, aber vorsichtig, es geht ihr nicht gut, hat es geheißen, sie trägt wertvolle Ware in sich." Rick unterdrückte den in ihm aufsteigenden Protest, als zwei weibliche Alphas Maggie auf die Bein hievten.
„Was euch andere angeht, ihr werdet unsere Gäste sein, für eine kleine Weile zumindest. Immerhin wollt ihr doch sicher sehen, wie es Maggie weiter ergeht, und Rick und ich … nun wir haben noch ein paar Dinge zu besprechen, nicht wahr?", fuhr der Alpha fort, „Keine Sorge, es wir euch im Sanctuary gefallen. Es ist ein überaus heimelicher Ort. Dafür habe ich Sorge getragen."
„Rick, was sollen wir tun?", zischte Daryl.
Rick zwang sich ihn nicht anzusehen, als er erwiderte. „Was er sagt. Wir tun, was er sagt, und fahren mit ihm in dieses Sanctuary, wir alle", verkündete er möglichst ruhig. Zumindest waren Andrea, Sasha, und Rosita entkommen. Zumindest waren Abraham und Michonne noch am Leben. Auch wenn der Alpha sie offenbar nur am Leben ließ um ein Druckmittel gegen die gefangenen Omegas in der Hand zu haben.
Negan lächelte ihn erfreut an. „Guter Junge", lobte er seinen Gefangenen, „Vielleicht kommen wir beide ja doch noch zu einer Einigung."
Rick bezweifelte das doch sehr.
III.
Rick drückte seinen Sohn und seine Gefährtin immer noch an sich, als er spürte wie sein Alpha unruhig wurde. Shane hatte sich von ihm gelöst und starrte nun Morgan mit unverhohlener Feindseligkeit an. „Ehm, das sind Morgan Jones und sein Sohn Duane", erklärte Rick schnell, „Morgan hat mich gerettet, nachdem ich aus dem Koma erwacht bin."
„Ach? Hat er das?", brummte Shane.
Rick ließ Lori los und legte Shane eine Hand auf den Arm. „Er war die ganze Zeit über ein vollkommener Gentleman", versicherte er seinem Alpha. Shane wirkte immer noch misstrauisch, hörte aber zumindest auf damit Morgan herausfordernd und misstrauisch anzustarren. „Morgan, Duane, das ist mein Rudel, mein Sohn Carl, meine Gefährtin Lori, und Shane, mein Alpha", stellte Rick seine Familie seinen neuen Freunden vor.
„Freut mich euch kennenzulernen", sagte Morgan und nickte. Er schien Shane sein Misstrauen nicht übel zu nehmen. Rick wurde bewusst, dass Morgan jemand zu sein schien, der auf die Aggression anderer Alphas mit Verständnis reagierte anstatt mit Gegenaggression, was ein Glück war. Die Sache mit Merle hätte sonst ganz anders ausgehen können, genau wie das hier gerade.
Irgendetwas war trotzdem immer noch nicht in Ordnung. Rick konnte es spüren, wenn er es auch nicht zuordnen konnte. Er registrierte, dass Lori irgendwie anders roch als sonst, und registrierte, dass sie nach Shane roch, und Shane nach ihr und nach Carl. Das alles wunderte ihn nicht, aber er hatte das Gefühl es nicht richtig zuzuordnen.
Trotzdem als erstes wurden die Neuankömmlinge mit dem Rest des Camps vertraut gemacht. Andreas Schwester Amy war hier, ebenfalls ein Beta, genau wie Morales' Familie, seine Beta-Frau und sein Beta-Sohn. Merles Bruder Daryl gehörte ebenfalls zum Camp, er war aber gerade auf der Jagd. Außerdem fanden sich hier noch der Besitzer des Campers, ein älterer Beta namens Dale Horvath und sein Freund, der Beta Jim. Und die Familie Peletier.
Abgesehen von Merle und seinem im Moment verschollenen Bruder waren die Peletier eindeutig der größte Grund zur Sorge in diesem Camp hier. Ed Peletier war ein Alpha der alten Schule, seine Frau Carol war ein Omega, deren Platz hinter dem Herd und in seinem Bett war, wenn überhaupt irgendwo, und ihre gemeinsame Tochter Sophia war ungefähr in Carls Alter, vielleicht etwas jünger, und hatte sich wie Ricks eigener Sohn auch ebenfalls als Omega gefestigt, als die Untoten über die Welt hergefallen waren. Dass Ed Frau und Tochter nicht gerade gut behandelte, war nicht zu übersehen, dass er sich selbst als großer starker Alpha sah, dem sich alle anderen unterzuordnen hatten, ebenfalls. Ed war wohl auch der Grund für Shanes schlechte Laune. Seine bloße Gegenwart schien Ricks Partner auf die Palme zu treiben.
„Er schlägt Carol, das weiß jeder hier genau", vertraute Shane ihm etwas später unter vier Augen an, „Und ich fürchte, dass irgendwann Andrea oder Jacqui etwas dagegen sagen werden, und er sie dann auch schlägt, und dann hindert mich nichts mehr daran ihm den Kopf abzureißen. Das würde ich jetzt schon am liebsten tun, aber …." Nun, er musste nicht weitersprechen, sie waren beide lange genug Cops gewesen um misshandelte Omegas wie Carol gut kennenzulernen – der Typ Omega würde lieber sterben anstatt seinen Alpha anzuschwärzen, und solange Carol nicht zugab, was vor sich ging, hatte niemand einen Beweis für das, was vor sich ging, außer irgendjemand würde es beobachten, aber Alphas wie Ed waren zu schlau um sich dabei erwischen zu lassen, wie sie die Hand gegen ihren Omega erhoben.
„Was ist mit den anderen hier?", wollte Rick wissen. Seine alten Cop-Instinkte steuerten ihn genauso wie sein Omega-Instinkt zu wissen, mit wem er es zu tun hatte, „Macht sonst noch wer Ärger?"
„Nun, die Brüder Dixon sind ein Fall für sich", gab Shane zu, „Aber du bist mit Merle bisher ganz gut zurechtgekommen, wie es scheint, und er ist es, der das Sagen hat. Daryl ist eher einer der tut, was andere ihm anschaffen. Merle ist ein Junkie, denke ich."
„Ja, das ist er. Er hat sich Stoff in der Stadt besorgt", bestätigte Rick.
„Verdammt!", schimpfte Shane, „Das können wir jetzt wirklich nicht gebrauchen!"
„He, wir kommen damit klar. Wir sind jetzt wieder zusammen, oder?", meinte Rick überzeugt, „Gemeinsam kann uns nichts aufhalten, schon vergessen."
Shane sah ihn ernst an. „Rick, ich …. Es tut mir alles so leid. Wenn ich besser auf dich aufgepasst hätte …. Ich war abgelenkt, Mann. Das hätte nicht passieren dürfen, wenn ich konzentriert gewesen wäre…."
„Soweit ich mich erinnere, war ich derjenige, der dich abgelenkt hat", meinte Rick nur, „Und du hättest nichts tun können."
„Es hat mich fast umgebracht dich zurückzulassen", fuhr Shane fort, „Wenn ich gewusst hätte, dass du aufwachst…."
„Du hast das Richtige getan. Du hast Carl und Lori gerettet. Dafür werde ich dir ewig dankbar sein", betonte Rick.
„Ich hätte dich retten müssen. Das war mein Job!", widersprach Shane.
„Ich bin jetzt hier, oder? Wir sind alle hier, alle zusammen, das ist es worauf es ankommt", behauptete Rick.
„Was Lori angeht…." Shane brach ab und wusste scheinbar nicht, wie er weitermachen sollte. Schuld zeichnete sich deutlich lesbar in seinen Zügen ab. Das war der Moment, in dem Rick die Puzzelteile zusammensetzte.
Oh. Es verletzte ihn mehr, als es sollte. Weil beide vorher ihm gehört hatten, und einander nur durch ihn gekannt hatten, nur durch ihn überhaupt Kontakt miteinander gehabt hatten, und nun teilten sie etwas, an dem Rick keinen Anteil hatte. Er hat ihr das Kind gemacht, das ich ihr nicht machen konnte, das sie so gerne gewollt hat. Er konnte nicht anders, als das als Versagen zu empfinden.
„Ich dachte du wärst tot, Rick, wir beiden dachten du wärst tot", sagte Shane, „Es … es wird natürlich nie wieder passieren." Als ob es für keine Konsequenzen nicht schon viel zu spät wäre. „Es ist dein Baby, Mann, okay? Deines genauso wie unseres." Er hatte leicht reden.
„Ich liebe dich, Rick", betonte Shane, „Und Lori liebt dich ebenfalls." Vielleicht stimmte das ja sogar. Zuletzt war er sich nicht mehr so sicher gewesen, was Loris Gefühle anging, aber er wusste ohne jeden Zweifel was Shane für ihn empfand und auch, dass Lori für ihn wohl nur eine weitere seiner endlosen Reihe von weiblichen Beta-Eroberungen gewesen war. Aber jetzt ist alles anders, es ist ein Baby im Spiel, warnte ihn eine innere Stimme, auf die er aber in diesem Moment nicht hören wollte. Seit er aufgewacht war, hatte er nichts dringender gewollt als sein Rudel wiederzufinden, und nun hatte er es wieder. Alles andere war doch im Grunde egal, oder? Dann wären sie nun eben bald zu fünft anstatt zu viert. Mehr musste sich nicht ändern, was spielte es für eine Rolle wer die Kinder mit wem gezeugt hatte? Rick hatte doch vor dem Koma sowieso ein paar Sachen ändern wollen, oder nicht? Vielleicht war das alles gar nichts Schlechtes, vielleicht war das etwas Gutes, vielleicht war es das, was ihn und Lori retten konnte. Triaden waren zwar aus der Mode gekommen, aber sie waren natürlich – ein Alpha, ein Beta, und ein Omega – so sollte es sein. Jeder wusste das, die meisten wollten es nur nicht eingestehen.
„Ich liebe dich auch, ich liebe euch beide", sagte Rick und presste seine Stirn gegen Shanes, „Ich bin einfach nur froh, dass wir alle wieder zusammen sind." Er redete sich ein, dass sich nichts verändert hatte, und wenn dann nur zum Guten. Er glaubte das alles in diesem Moment wirklich. Er wusste einfach noch nicht, dass die Welt wirklich zu Ende gegangen war, und was das wirklich bedeutete.
IV.
Als sie beim Außenposten der Erlöser ankamen, wurden sie sofort getrennt. Rick wurde in ein üppig eingerichtetes Schlafzimmer eingesperrt. Natürlich weckte das sofort Fragen und Erwartungen in ihm. Wenn er erwartet, dass ich freiwillig mit ihm schlafe, dann irrt er sich aber gewaltig. Natürlich könnte er ihn einfach zwingen, das wusste Rick, aber in diesem Fall könnte sich der Alpha zumindest nicht vorgaukeln, dass Rick sich freiwillig unterworfen hätte. Im Grunde machte er sich aber weniger Sorgen um sich selbst als um die anderen. Besonders sorgte er sich um Abraham und Michonne. Immerhin waren sie rivalisierende Alphas. Was wenn der Anführer der Erlöser seine Meinung änderte und sie doch einfach umbrachte? Er könnte es einfach tun und trotzdem weiterhin vorgeben, dass sie noch am Leben wären – Rick hatte keine Chance das nachzuprüfen.
Und dann war da noch das andere Problem, das Problem, dass er sich nicht sicher sein konnte, dass die Omegas hier wirklich sicher waren. Ja, der Alpha hatte mit Wut auf die Idee, dass seine Leute den Omegas etwas angetan haben könnten, reagiert, aber das bedeutete nicht, dass er seine Untergebenen wirklich kontrollieren konnte. Falls seine Wut nicht nur gespielt gewesen war.
Was habe ich uns nur angetan?, fragte Rick sich wieder und immer wieder. Wie hatte er nur so einen folgenschweren Fehler begehen können? Er setzte sich auf das Bett und wartete ab.
Irgendwann tauchte er auf, der Alpha, Negan. Er grinste Rick an, als er ihn sah, und blieb in der Türe stehen. „Rick, ich hoffe du hast alles, was du brauchst!", meinte er jovial. Er hatte weder seine Lederjacke noch seinen Baseballschläger abgelegt, das hier war nur die nächste Runde seines Machtspielchens, soviel war klar. „Dein Sohn ist ein wirklich bemerkenswerter Junge!"
„Wenn du ihm etwas angetan hast, dann….", knurrte Rick und sprang vom Bett auf.
„Beißt mir meine Kehle auf, schon klar!", meinte der Alpha und hob abwehrend die Hände, „Den kleinen zukünftigen Serienmörder geht es gut, keine Sorge. Du wirst ihn schon bald wiedersehen. Maggie geht es übrigens auch gut. Unser Doc hat sie sich angesehen und sie stabilisiert, sie wird das Baby nicht verlieren. Ihr Gefährte - Glenn, richtig? – ist gerade bei ihr."
Rick wollte ihm so gerne glauben, aber er konnte sich so viel Vertrauen in einen fremden feindlichen Alpha nicht leisten. Er blieb einige Schritte von dem Alpha entfernt stehen und wartete ab, was als nächstes kommen würde.
„Was die anderen angeht, nun es geht ihnen den Umständen entsprechend, würde ich sagen. Der süße Aaron hält sich tapfer, Daryl ist … nun sagen wir unangepasst … und Eugene … nun das wird sich schon wieder einrenken, hoffe ich….", fuhr der Alpha fort. Die anderen kamen also um vor Angst, und der Alpha ließ es Rick wissen.
„Eugene ist besonders", sagte Rick nur.
„Oder ich bin davon überzeugt, dass er das ist. Ihr alle seid besonders, soviel ist klar", gab ihm der Alpha recht.
„Was ist mit Abraham und Michonne?", wollte Rick wissen.
„Sie genießen unsere Gastfreundschaft", lautete die nichtssagende Antwort.
Rick schnaubte. „Warum sind wir hier?", wollte er dann wissen.
„Weil ihr jemanden braucht, der auf euch achtgibt. Hab ich das nicht schon erklärt? Ein Haufen verstörter Omegas, der ganz allein dort draußen herumläuft, das geht doch nicht", sagte der Alpha, „Hier seid ihr besser aufgehoben."
„Wir wären auch in Hilltop oder unserer Basis gut genug aufgehoben", widersprach Rick.
„Eure Basis …. Alexandria, nicht wahr?", meinte der Alpha nachdenklich, „Nun, wir werden bald dorthin fahren, immerhin muss ich das, was mir zusteht, einsammeln, nicht wahr?"
„Wir gehören nicht zu dem, was dir zusteht", betonte Rick, „Wir sind nicht dein Eigentum."
„Was zu schade ist. Ihr könntet es natürlich sein, wenn ihr es wollen würdet. Irgendwie zumindest. Wäre das so schlimm? Jemanden zu haben, der auf einen achtgibt, sich um einen sorgt, für einen entscheidet….", gab der Alpha zu bedenken.
„Den letzten Alpha, der gedacht hat, er könnte für mich entscheiden habe ich…." Rick brach ab. Er sprach nicht über Shane. Niemals. Und mit diesem Alpha hier wollte er schon gar nicht über Shane sprechen.
„… die Kehle herausgerissen?", schlug der Alpha vor.
„… niedergestochen", korrigierte ihn Rick.
„Ich nehme an, es war ein böser gemeiner Alpha, den du gehasst hast", riet sein Gegenüber.
„Nein, eigentlich nicht", gab Rick zu. Jetzt, da er das Thema schon einmal angerissen hatte, konnte er es auch zu Ende bringen, nicht wahr? „Es war mein Alpha, ich habe ihn geliebt. Ich habe ihn trotzdem niedergestochen, als es nötig wurde. Und das habe ich mit jemanden gemacht, der mir alles bedeutet hat."
„Verstehe. Botschaft angekommen, Drohung registriert. Rick Grimes ist ein selbstbestimmter Omega", kommentierte der Alpha, „Und das wird sich auch nicht ändern. Für niemanden. Mann, ich weiß wirklich nicht, warum ich dieses passiv-aggressive Serienkiller-von-Alphas-Gehabe so sexy finde, aber ich tu's. Ich sollte dir das wahrscheinlich nicht sagen, weil das nur weitere Mordgedanken in dir wecken wird, aber ich will ehrlich sein. Und ich kann Kompromisse eingehen. Es mag vielleicht nicht so aussehen, aber ich könnte mich auch einen Partner gewöhnen, jemanden, der die Entscheidungen mit mir gemeinsam trifft."
Über diesen Vorschlag musste Rick nicht einmal ernsthaft nachdenken. „Ich denke nicht, dass wir beide jemals eine gemeinsame Basis finden würde, auf der wir irgendeine Art von Partnerschaft aufbauen könnten", sagte er sofort.
„Das weißt du nicht sicher. Du kennst mich doch gar nicht", warf der Alpha ein.
„Ich kenne deinen Typ", klärte Rick ihn auf.
„Ja, ich habe schon mitbekommen, dass du seit dem Ende der Welt auf einige Alphas getroffen bist, die unser Geschlecht nicht gerade stolz machen", erwiderte der Alpha ihm gegenüber.
„Ich kenne deinen Typ schon von vorher", informierte ihn Rick.
„So? Was genau hast du in der alten Welt so getrieben? Warst du Sozialarbeiter?"
„Polizist."
Der Alpha schwieg einen Moment beeindruckt. „Das wird ja immer besser", meinte er dann voller Begeisterung, „ich meine, wow, wo hast du dich nur die ganze Zeit über versteckt?"
Rick ließ sich zu keiner Antwort herab.
„Carl hat mir erzählt, dass seine Mutter gestorben ist", nahm der Alpha den Faden dann wieder auf, „Dein Alpha, der, den du niedergestochen hast, der ist auch tot nehme ich an?"
„Muss er wohl sein", erwiderte Rick leise. Die Frage mancher seiner schlaflosen Nächte, aber es gab nur diese eine Antwort, Rick wusste, dass Shane, wenn er noch leben würde, jetzt hier bei ihnen in diesem Sanctuary wäre, eingesperrt gemeinsam mit Abraham und Michonne und nirgendwo anders.
„Und gibt es jemand anderen in deinem Leben, deinem Rudel, der dir … nahe steht?", erkundigte sich der Alpha scheinbar wie nebenbei.
Rick schüttelte den Kopf. „Ich sagte doch schon, dass ich kein Interesse an einer Partnerschaft mit dir habe. Egal in welcher Form", meinte er entschieden.
„Das ist zu schade. Du weißt nicht, was dir entgeht. Meine Ehefrauen haben nichts als Komplimente für mich übrig", betonte der Alpha. Falls er dachte, dass er Rick mit dieser Behauptung für sich einnehmen würde, irrte er sich gewaltig. Das schien er selbst schon wenige Momente später zu bemerken, da er dann plötzlich dämlich grinsend fragte: „Hast du Hunger, Rick? Ich finde es ist Zeit fürs Essen?"
Rick fragte sich kurz, welche Art von Hunger und Essen damit wohl gemeint war, wurde dann aber (zu seiner Erleichterung) von dem Alpha in eine Art Speisesaal eskortiert. Der Tisch an den sie sich setzten war vollgefüllt mit Essen. „Setz dich und bedien dich", wurde er aufgefordert. Rick setzte sich, konnte sich aber trotz seines knurrenden Magens nicht dazu aufraffen zuzugreifen. Wer wusste schon, wem die Erlöser all das hier gestohlen hatten?
Zumindest essen sie keine Menschen, meinte eine verräterische Stimme in seinem Hinterkopf.
„Iss ruhig davon, ist kein Menschenfleisch", meinte der Alpha, der gegenüber von Rick Platz genommen hatte und sich an einer Lammstelze gütlich tat, „Ja, Eugene hat diese Episode aus eurer beachtlichen Liste von Abenteuern erwähnt. Aber ich kann dir versichern, wir haben euch nicht hergebracht um euch zu essen."
„Terminus isst keinen mehr", meinte Rick nur.
„Ja, das habe ich schon vermutet. Ich nehme an, ihr habt sie alle umgebracht?"
„Sie wollten uns nicht in Ruhe lassen. Sie haben Bob umgebracht und gegessen", sagte Rick nur, „Es ist nicht so, dass wir sie töten wollten, wir haben uns nur verteidigt." Armer Bob. Der Beta, den sie in ihre Gruppe im Gefängnis aufgenommen hatten, der den Angriff auf dieses überlebt hatte, nur um so zu enden. Einige Zeit lang hatte Rick gedacht, dass sich Sasha niemals davon erholen würde, was Bob zugestoßen war, besonders nachdem sie auch noch Tyreese verloren hatten, aber dann hatte sie Alexandria geheilt, und sie und Abraham hatten einander gefunden. Ich schulde es ihr Abraham gesund nach Hause zu bringen, erinnerte sich Rick, und er griff nach einem Stück Brot.
Der Alpha strahlte ihn an, als hätte er eben einen Sieg errungen, und vielleicht hatte er das ja auch. Rick war sich, wenn er ehrlich sein sollte, immer noch nicht sicher, was dieser Negan eigentlich von ihm wollte. Ja, offensichtlich hatte er vor Alexandria zu plündern, aber das war bereits in die Wege geleitet worden, und Rick freundlich zu bewirten war dafür nicht nötig.
Auf einmal platzte ein anderer Erlöser mitten in ihr Essen. „Entschuldige die Störung, Negan, aber Walsh und Morales sind zurück, und du wolltest sofort informiert werden, wenn sie eintreffen", sagte der entstellte blonde Alpha, Dwight war sein Name, erinnerte sich Rick, und er war derjenige, der Denise getötet hatte. Ein Grund mehr, warum sie sich niemals mit diesen Erlösern würden friedlich einigen können. Dwight, der Omega-Mörder. Dwights Anwesenheit lenkte Rick so ab, dass er die Namen, die genannt worden waren, gar nicht richtig erfasste.
„Ja, von mir aus, schick sie rein. Entschuldige, Rick, aber die Arbeit ruft. Wird nur einen Moment dauern. Und wenn du zuhört, dann siehst du vielleicht ein, dass wir nicht die großen bösen Alphas sind, für die du uns hältst", meinte Negan. (Rick bezweifelte sehr, dass das der Fall sein würde).
Dwight verschwand wieder und kehrte wenige Momente später in Begleitung zurück. Es war der bekannte Geruch, der Rick fast vom seinen Stuhl warf, und dann sah er sie.
Morales hatte er nicht mehr gesehen, seit sich ihre Wege vor der Reise zum CDC getrennt hatten, er hatte sich manchmal gefragt, was aus dem Alpha und seiner Familie geworden war, sich aber niemals große Hoffnungen gemacht sie jemals wiederzusehen. Im Grunde hatten sie sich nicht besonders gut gekannt, was sie verband war die Zeit in Atlanta, die Tatsache, dass sie beide und ihre Familien den ganzen Wahnsinn rund um den Ausbruch irgendwie überlebt hatten. Von alle seinen verlorenen Gefährten war Morales vielleicht derjenige, an den Rick am wenigstens gedacht hatte. Entsprechend überraschend war sein Anblick hier im Sanctuary. Doch es war sein Begleiter, der Rick nach Luft ringen ließ.
Shane Walsh, sein Alpha, sein Bruder, sein bester Freund, sein Partner, seine ganz große Liebe, starrte ihn an, als wäre er ein Geist. Er selbst musste einfach ein Geist sein. „Rick!", sagte er.
„Warum bist du nicht tot?!", war alles, was Rick in diesem Moment einfiel.
„So fest hast du nun auch wieder nicht zugestochen", erwiderte Shane, als hätte er das Recht dazu mit ihm zu scherzen, als wäre er immer noch Shane, als wäre nichts von all den Dingen, die auf der Farm passiert waren, geschehen.
„Wartet mal einen Moment, das hier ist dein Alpha, den du niedergestochen hast? Und das hier, Rick Grimes, ist der Omega, den du Unrecht getan hast, Walsh?", schaltete sich Negan, „Okay, das kam jetzt unerwartet. Ich denke, wir haben eine Menge zu besprechen. Findet ihr nicht auch, Jungs?"
Rick hörte ihn kaum, er starrte immer noch Shane an.
„Ich war das nicht, du warst es! Du hast uns zu Grunde gerichtet! Du hast uns zu Grunde gerichtet!" Und jetzt stand er auf einmal wieder lebendig vor ihm. Und Rick konnte sich beim besten Willen nicht entscheiden, ob er ihn lieber küssen oder schlagen wollte.
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