Alpha


I.

Shane Walsh hatte immer gewusst, dass er ein Alpha war und war auch immer der Meinung gewesen, dass es seine Bestimmung war ein Alpha zu sein - er war derjenige, der andere beschützte. Sein Vater war kein guter Alpha und kein guter Ehemann und vor allem auch kein guter Vater. Shane schwor sich immer, dass er niemals so werden wollte wie dieser Mann, dass er besser sein würde, dass niemand jemals so sehr unter ihm leiden würde wie seine Mutter und er unter seinem Vater gelitten hatten. Seit er sich zurückerinnern konnte, hatte er seine Mutter vor diesem Monster beschützen wollen, doch er war zu klein und zu schwach, zu langsam und zu dumm, um irgendetwas tun zu können. Letztlich war es immer seine Mutter, die ihn beschützte. Ein Teil von ihm kam niemals darüber hinweg, über das Bild des Omegas, der ihn vor dem Alpha beschützen musste. Vielleicht war das der Grund, warum er begann dafür zu beten, dass er sich als Alpha manifestieren würde, weil er sich nie wieder so hilflos fühlen wollte. Weil er die, die ihm am Herzen lagen, beschützen können wollte.

Ein Alpha zu sein war in der modernen Gesellschaft nicht unbedingt leicht. Die Betas regierten die Welt, und vielleicht war es nur ihre Propaganda, aber es galt als Tatsache, dass Alphas zu aggressiv und extrovertiert waren um wertvolle Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Die meisten Alphas hatten sich nicht unter Kontrolle, sagte man, würden sich von ihren Instinkten und nicht von ihrem Verstand beherrschen lassen. Alphas wollten immer alles und jeden dominieren, sie hätten immer nur Sex und Kampf im Kopf. Shane wollte ein Alpha sein, aber er wollte nicht diese Art von Alpha sein, er wollte ein guter Alpha sein, einer aus den Mythen und Legenden, einer aus der Geschichte der Antike, er wollte ein Held sein. Er wollte Kinder und Omegas beschützen und ihnen keine Angst einjagen.

Sein Vater war natürlich kein geeignetes Vorbild für ihn. Alles, was er darüber lernte ein guter Alpha zu sein, lernte er von Ricks Vater. „Du hast mehr Macht als die anderen, Shane, und daher darfst du diese Macht niemals missbrauchen", erklärte ihm Mister Grimes ernst, „Der Alpha ist der Beschützer seines Rudels, nicht der Besitzer von diesem."

Shane wollte sich immer an diesen Leitsatz halten, er wollte gut sein, er wollte ein guter Alpha sein, aber es gab Tage, an denen er sich nicht sicher war, ob ihm dieser Weg bestimmt war, Tage, an denen er sich im Spiegel betrachte und erkannte, wie sehr er seinem Vater ähnelte. Nachdem er bei den Grimes eingezogen war, kleidete er diese Angst in Worte: „Was wenn ich kein guter Alpha sein kann? Was wenn ich bin wie er?"

„Alleine, dass du diese Frage stellst, Shane, beweist schon, dass du nicht bist wie er", erklärte ihm Ricks Vater. Wie sehr hätte sich Shane gewünscht, dass dieser Mann auch sein Vater wäre. Die Grimes waren das Rudel, dem er sich zugehörig fühlte, sie waren die Familie, die er sich wünschte, von seiner eigenen war nichts mehr übrig, nur noch ein einsamer Alpha im Gefängnis, mit dem Shane nichts mehr zu tun haben wollte.

Rick war die Liebe seines Lebens, das wusste er immer. Aber er wusste auch, dass er nicht alles haben konnte, was er sich im Leben wünschte, dass er Rick nicht haben konnte, wie er ihn haben wollte, weil es nun mal so war. In dunklen Stunden fragte er sich, ob Rick ihn nicht wollte, weil er ihn in Wahrheit nicht verdiente und der Omega das wusste. In anderen riet er sich zur Geduld. Die Grimes schienen immer davon auszugehen, dass Rick und Shane eines Tages Gefährten werden würden, und Shane ging eigentlich auch davon aus, sie mussten sich nur beide die Hörner abstoßen, und dann, wenn sie reif genug und bereit füreinander wären, dann wären sie endlich vereint. Aber die Dinge kamen anders.

Shane wollte Polizist sein, und er wollte an Ricks Seite sein, wollte ihn weiter beschützen können, also lernte er zu verzichten. Es würde ja nicht für immer sein, sagte er sich, Rick war trotzdem immer noch sein Omega, er war nur eben nicht sein Gefährte. Noch nicht. Wenn er und Rick den oberen Etagen bewiesen, dass sie zusammenarbeiten konnten, trotz ihrer Beziehung, dann würde es ihnen vielleicht eines Tages auch gestattet sein weiter zusammenzuarbeiten, wenn sie durch ein Gefährtenband verbunden wären.

Natürlich war das reiner Unsinn. Niemand mit nur ein bisschen verstand würde einen Alpha und einen Omega, die ein Paar waren, zusammenarbeiten lassen. Shane wusste das. Er wollte es nur nicht wahrhaben. Und er wollte nicht aufgeben, was Rick und er sich erkämpft hatten. Er wollte, dass sie allen bewiesen, dass sie nicht das typische Alpha-Omega-Duo waren, er wollte, dass sie allen bewiesen, dass sie mehr waren.

Selbst als Rick Lori heiratete, gab Shane seine Träume für ihre gemeinsame Zukunft nicht auf. Selbst nach Carls Geburt gab er diese Träume nicht auf. Bis er sie irgendwann doch aufgab.

Carl war gerade sechs Monate alt, Rick war sehr betrunken, und Shane brachte ihn nach Hause, weil er das eben immer tat, als Rick ihm zuraunte: „Ich bin so glücklich, Shane, ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so glücklich sein könnte. Ich habe alles, was ich immer wollte - eine Gefährtin, ein Kind, dich … Ich hatte immer Angst, dass ich irgendwann wählen muss, aber ich kann beides haben. Alles ist genau so, wie es sein sollte." Rick würde sich am nächsten Morgen nicht mehr an diese Worte erinnern, doch Shane brachen sie das Herz und zerstörten seine Träume, aber weil er Rick liebte, als einzigen Menschen auf der ganzen Welt vielleicht, tat er das, was ein guter Alpha in so einem Fall tat, er gab dem Omega alles, was er wollte und brauchte ohne Rücksicht auf seine eigenen Gefühle. Er blieb Ricks Partner, sein Bruder, sein bester Freund, sein Alpha, aber eben nur das. Er respektierte die gezogene Grenze. Auf der einen Seite standen Rick, Lori, und Carl und auf der anderen Seite Rick und er, so wie sie immer dort gestanden hatten. Aber es würde keine Überschneidungen geben, niemals, weil Rick das nicht wollte.

Er sah sich nicht nach einer eigenen Partnerin um, weil er das nicht über sich brachte. Seine Beta-Freundinnen bedeuteten nichts, hatten noch nie etwas bedeutet, sie waren nur für die Triebbefriedigung da. Andere Omegas interessierten ihn nicht. Er redete sich ein, dass er damit leben konnte, wollte nicht zugeben, dass er in Wahrheit unglücklich und alleine war. Rick war sein Omega, er würde ihn auf jede Art und Weise, auf die er ihn haben konnte, zu schätzen wissen.

Als Ricks Ehre mit Lori zu zerfallen begann, machte er sich keine Hoffnung, er wollte es sich nicht erlauben zu hoffen. Die beiden machten sicherlich nur eine schwere Phase durch, es würde vorübergehen. Er spielte den verständnisvollen Freund, da er das im Grunde ja auch war – er war Ricks Freud, vor allem anderen. Hoffnung schöpfte er erst, als Rick Anstalten machte ihn zu küssen. Und dann ging alles zur Hölle. Lange bevor die Welt unterging, ging Shanes Welt unter.

Er wusste, dass alle anderen recht gehabt hatten und er und Rick unrecht, er wusste, dass das, was passiert war, seine Schuld war, dass er nicht aufmerksam genug gewesen war, dass er sich hatte ablenken lassen, von Rick, von seinen Gefühlen für Rick, und sein Partner nun seinetwegen um sein Leben rang. Lori gab ihm nie die Schuld, zumindest nicht offen, aber das musste sie auch nicht. Shane wusste, dass alles nur seine Schuld war.

Jeden Tag betete er dafür, dass Rick wieder aufwachte, jeden Tag enttäuschte Gott ihn. Zum Dienst war er nicht mehr zu gebrauchen. Der Psychiater konnte ihm nicht helfen. Loris und Carls Anblick löste nur noch stärkere Schuldgefühle in ihm aus. Tag und Nacht wachte er an der Seite seines Omegas, Tag und Nacht hoffte er auf ein Wunder, das nicht geschah. Das Pflegepersonal sah ihn besorgt an. Die Ärzte rieten ihm zu schlafen. Aber Shane konnte nicht mehr schlafen, und er wollte es auch nicht, denn was wenn er einschlief und träumte? Was wenn er träumte, dass er Rick endgültig verlieren würde? Er konnte es nicht ertragen auch nur eine Sekunde daran zu denken!

Das Ende der Welt war für die meisten Menschen eine Katastrophe, für Shane war es eine Befreiung. Denn nun war er gezwungen wieder an jemand anderen zu denken als Rick Grimes, er war gezwungen sich über andere Dinge Gedanken zu machen als darüber, ob Rick endlich aufwachen oder für immer entschlafen würde.

Shanes innerer Alpha spürte, dass die Welt Kopf stand, dass diejenigen, die verletzlicher waren als er seine Hilfe brauchten, seinen Schutz, und er war bereit ihnen diesen Schutz zu liefern. Als er sich entscheiden musste Lori und Carl zu retten oder an Ricks Seite zu bleiben, traf er die einzige Entscheidung, die er treffen konnte, auch wenn sie ihm das Herz zerriss. Er wusste, was Rick von ihm erwartet hätte, also tat er genau das: Er rettete Ricks Gefährtin und sein Kind und ließ Rick selbst zurück – zum Sterben.

Auf eine perverse kranke Weise war das ebenfalls eine Erleichterung für ihn. Er konnte Rick endlich loslassen, konnte endlich weiterleben, konnte endlich über Rick hinwegkommen. Auf eine sehr reale Weise war Rick schon damals an diesem schicksalhaften Tag gestorben, als Shane darin versagt hatte ihn zu beschützen. Jetzt, wo Shane sich das endlich eingestehen konnte, konnte er sich auch eingestehen, dass seine Gefühle für Rick Grimes ihn schon seit Jahren in Geiselhaft gehalten hatten, und dass es endlich an der Zeit war Ricks Erwartungen an ihn zu ehren anstatt sich wegen seiner eigenen Gefühle für ihn selbst zu quälen. Er hatte darin versagt Rick zu beschützen, also würde er von nun an Ricks Familie beschützen als wäre es seine eigene. Und er würde endlich der Alpha sein, der immer hatte sein wollen: Ein guter Alpha, der alle beschützte, die Schutz brauchten.


II.

Ich war das nicht, du warst es! Du hast uns zu Grunde gerichtet! Du hast uns zu Grunde gerichtet!"

„Findest du nicht auch, Shane?"

Shane hob verwirrt den Kopf und starrte zu Negan hinüber. Er und Morales saßen nun zusammen mit Negan und seinem Gast an dem Tisch und schienen ein gesittetes Abendessen zusammen einzunehmen und alte Erinnerungen auszutauschen, aber natürlich ging hier in Wahrheit etwas vollkommen anderes vor sich. Shane hatte nur keine Ahnung was eigentlich vor sich ging. Er wagte es nicht in Ricks Richtung zu blicken. Wenn er es täte, könnte er nirgends anders mehr hinsehen. Vielleicht nie wieder.

„Ich habe gesagt, dass im Fall von leidenschaftlichen Alpha-Omega-Beziehungen schon mal kleinere Zwischenfälle mit Messern vorkommen können", erklärte Negan scheinbar liebenswürdig, „Das ist nichts wofür man sich schämen müsste, es ist nur ein Zeichen für eine besonders innige Beziehung."

Shane blinzelte blöde. Jeder Instinkt in ihm rebellierte gegen diese Aussage, aber das hier war Negan persönlich, bei ihm musste man vorsichtig sein, was man sagte. Ja, die Hälfte der Dinge sagte der andere Alpha nur um zu provozieren, aber die anderen Hälfte war eine andere Geschichte. Und mit einem Mal hatte Shane wieder etwas zu verlieren, nicht wahr? Etwas, das ihm gegenüber an diesem Tisch saß und wütende Löcher in sein Gesicht starrte. „Ich habe nur bekommen, was ich verdient habe", sagte er deswegen vorsichtig.

„Ah? Nun, du weißt es vielleicht nicht, mein Lieber, aber offensichtlich bist du das erste Opfer unseres gemeinsamen Freundes des Alpha-Serienkillers Rick Grimes gewesen. Wobei du allerdings überlebt hast, was seine Origin Story irgendwie ziemlich auf den Kopf stellt", informierte ihn Negan genüsslich, „Du musst ihn auf jeden Fall ziemlich durcheinander gebracht haben, so viel steht fest."

Als ob er das nicht wüsste! Shane hatte keine Lust auf einen Trip in die Vergangenheit, ihn interessierte vielmehr warum Rick im Moment hier an Negans Tisch saß. Aber er wagte es nicht direkt danach zu fragen.

Morales hatte weniger Skrupel. „Entschuldigt, wenn das für euch alle offensichtlich ist, aber was genau macht Rick hier im Sanctuary?", erkundigte er sich während der entstandenen Pause.

„Oh, das ist eine witzige Geschichte. Seht ihr, ihr erinnert euch sicherlich an diese Arschlöcher, die einen unserer Außenposten ausgelöscht haben und eine Menge unserer Leute umgebracht haben? Nun, es hat sich herausgestellt, dass diese Arschlöcher Ricks Rudel sind!", erklärte Negan jovial und nickte dann ernst, „Wer hätte das gedacht? Ein Omega und sein hauptsächlich aus Omegas bestehendes Rudel ermorden einen Haufen Alphas. … Geht es dir nicht gut, Shane? Du bist auf einmal so blass?"

Dass es ihm nicht gut ging war eine Untertreibung. Rick war so gut wie tot, und Shane hatte keine Ahnung, wie er ihn dieses Mal retten sollte. Und ob er das überhaupt konnte. Anderseits war der Omega bisher noch nicht tot, sondern saß hier an Negans Tisch, warum auch immer. Vielleicht war das ein gutes Zeichen.

„Rick war das", wiederholte Morales, der mindestens so von den Socken war wie Shane, „Dieser Rick hier hat all diese Menschen getötet?"

„Sie waren eine Gefahr für alle anderen", sagte Rick ruhig.

Morales starrte ihn an. „Und das ist Grund genug sie zu töten, Sherriff?", wollte er dann ungläubig wissen. Morales war noch nie besonders schlau gewesen. Shane hatte das bisher noch nur noch nie so sehr gestört wie in diesem Moment.

„Es ist ein besserer Grund als der von euch Erlösern um Menschen zu töten", erwiderte Rick.

Daran bestand kein Zweifel, aber Morales war offensichtlich immer noch nicht darüber hinweg, dass Rick Grimes, der Omega-Polizist herumlief und Menschen tötete, „Also bist jetzt kein Cop mehr, sondern stattdessen Richter und Geschworener?", wunderte er sich.

„Lass ihn in Ruhe", schaltete sich Shane jetzt ein, „Wenn Rick das getan hat, dann hatte er gute Gründe dafür…. Von seiner Perspektive aus gesehen."

Er konnte Ricks Blick auf sich ruhen spüren. „Du Feigling", sagte sein Omega vorwurfsvoll. Und auch damit hatte er recht. Aber ich muss ein Feigling sein, wenn ich dich retten will.

„Na, na, sei nicht so streng zum guten Shane Walsh, Rick", mischte sich Negan an dieser Stelle ein, „Er kennt mich schon länger und weiß, was man mir gegenüber sagen kann und was nicht. Die einzige Person, die meine Männer disziplinieren darf, bin ich. Das scheinst du immer noch nicht verstanden zu haben, Schätzchen."

Rick erwiderte nichts, und Shane wagte es nach wie vor nicht in seine Richtung zu blicken. Peinliches Schweigen kehrte ein. Dann meinte Negan: „Aber ihr müsst euch keine Sorgen mehr machen, wir haben uns versöhnt, Rick und ich, so ist es doch, oder Rick? Dieses unangenehme Missverständnis zwischen uns wurde aufgeklärt. Rick und sein Zuhause stehen jetzt unter unserem Schutz. In ein paar Tagen fahren wir dort hin um es uns anzusehen. Hast du Lust mitzukommen, Shane?"

Shane sah zu dem hinterhältig grinsenden Alpha hinüber. „Warum nicht? Ich würde gerne sehen, was sich meine alten Gefährten inzwischen aufgebaut haben", sagte er möglichst gefasst.

„Ah, ja, deine alten Gefährten. Ihr drei seid Teil einer ursprünglichen Gruppe Überlebender von direkt nach dem Ausbruch, nicht wahr?", sinnierte Negan, „Ihr habt sicherlich viele Fragen aneinander. Nur zu. Seid nicht schüchtern, nur weil ich hier sitze. Fragt was euch am Herzen liegt."

Shane wollte nichts fragen, wollte niemanden verraten. Morales schien sich noch zu sammeln. „Natürlich kann auch ich anfangen. Rick ist nicht mein einziger Gast hier. Sein Sohn ist ebenfalls hier bei uns…..", fuhr Negan dann fort.

„Carl ist hier?!", platzt es aus Shane heraus. Wenn er vorher schon bleich gewesen war, dann musste er jetzt aussehen wie der Tod. Negan schien diesen Anblick zu genießen. „Er ist auf seinem Zimmer", informierte er den entsetzen Shane, „Ich habe ihm ein paar Comics zum Lesen gegeben, er ist ein bemerkenswerter Junge."

„Was ist mit Lori? Ist sie auch hier?", konnte Shane nicht mehr an sich halten.

Negan grinste wissend und blickte in Ricks Richtung, genau wie Morales. Shane lenkte seinen Blick nun auch in Richtung Rick. Dieser stellte eine steinerne Miene zur Schau. „Nein", lautete seine Antwort. Erleichterung machte sich in Shane breit, doch Negan ließ ihm keine Atempause. „Carl hat mir erzählt, dass er seine Mutter erschießen musste, als sie sich verwandelt hat", meinte er wie nebenbei, „Das muss sehr hart für dich gewesen sein, Rick."

„Er… Lori ist tot? Zum Teufel, Rick, hattest du vor das vor mir geheim zu halten?!", empörte sich Shane, und sein nächster Gedanke war, dass er vor Negan nicht nach dem Baby fragen würde, obwohl er an nichts anders mehr denken konnte als daran, ob Lori vor oder nach der Geburt gestorben war.

Rick wich seinem Blick aus. Offenbar hatte er wirklich vorgehabt das geheim zu halten. Im Grunde wusste Shane, dass er es nicht anders verdient hatte, aber er war trotzdem wütend, denn gehörte es nicht zu seinen Rechten zu wissen, was aus der Mutter seines Kindes geworden war? (Oder besaß er in Ricks Augen überhaupt keine Rechte mehr?)

An dieser Stelle mischte sich Morales erneut in das Gespräch ein. „Was wurde aus den anderen von damals?", wollte er wissen, „Ist sonst noch jemand hier, abgesehen von Carl und dir?"

Rick leckte sich nervös die Lippen. Die Frage bereitete ihn offenbar Sorgen. „Daryl ist hier", sagte er dann langsam, „Genau wie Glenn und seine Frau Maggie. Andrea wurde von …. Negan … zurück zu unserer Basis geschickt."

Shane wandte sich wütend an Negan, er konnte nicht anders. „Die Omegas also, ja?", war alles was er sagte. Andrea der Beta war weggeschickt worden, während die Omegas ins Sanctuary gebracht worden waren. Manchmal fragte sich Shane, ob Negan eigentlich all die Lügen, die er anderen erzählte, selbst glaubte oder sich bewusst war, dass er Bullshit verzapfte.

„Nicht nur. Wir haben auch die Alphas mit hierhergenommen", erklärte Negan. Ob er wusste, dass er mit dieser Behauptung alles noch schlimmer machte?

Rick ergriff inzwischen wieder das Wort. „Merle ist gestorben, er ist nicht hier oder in unserer Basis", sagte er, „T-Dog hat es ebenfalls nicht geschafft. Genauso wenig wie Hershel. … Oder Beth." Den letzten Namen sprach er sehr leise aus. Der Schmerz über diesen Verlust war entweder noch frisch oder hatte ihn viel tiefer getroffen als die anderen. Shane war aber durchaus auch aufgefallen, welcher Name nicht genannt worden war. Er rechnete halb damit, dass Morales nachfragen würde, aber den schien etwas anderes zu beschäftigten: „Moment mal … Daryl ist ein Omega?!"

Negan lachte und lehnte sich amüsiert in seinem Stuhl zurück. „Ich wusste ja gleich, dass das hier witzig werden würde. Seit es kein Fernsehen mehr gibt, habe ich mich nicht mehr so amüsiert! Macht ruhig weiter!", meinte er auffordernd.

Shane starrte Morales ungläubig an. Ja, der Mann war nicht der Schlauste, aber das hier … Nun zumindest hatte es dazu geführt, dass er nicht nach Carol gefragt hatte. Vielleicht nahm er auch einfach an, dass der Omega es nach dem Verlust ihrer Tochter einfach nicht mehr lange gemacht haben konnte. Shane unterdessen spürte wie seine grauen Zellen arbeiteten. Carol war offenbar nicht hier gefangen, bedeutete das, dass sie in dieser geheimnisvollen Basis war, zu der Andrea zurückgekehrt war? Oder war sie woanders? Hatte Rick sie nur nicht erwähnt, weil er fürchtete, dass sie als Omega sonst nur in Gefahr geraten könnte, oder steckte mehr dahinter? Alle anderen Informationen, die Rick über sein Rudel Preis gegeben hatten, waren von taktischen Wert für Shane gewesen. Auch die Tatsache, dass Rick sie nicht namentlich erwähnt hatte, sollte ihm etwas sagen, davon war er überzeugt, er war sich nur nicht sicher, was es ihm sagen sollte. Carol Peletier …. Shane hatte sie vor allem als hysterische Mutter, die nach ihrer Tochter, die schon lange tot sein musste, schrie in Erinnerung. Und als Omega, den er unbedingt hatte retten wollen, obwohl er immer tief in seinem Inneren gewusst hatte, dass er sie nicht würde retten können. Wer war sie heute? Wer war Rick heute?

„Was ist mit deiner Familie?", wandte sich Rick jetzt an Morales, „Sind sie auch hier? Oder in einem anderen Außenposten?"

Morales' Miene verdüsterte sich. „Es gibt nur noch mich", sagte er.

Rick konnte nicht verbergen, dass ihn diese Information traf, aber er bekam seine Miene schnell wieder unter Kontrolle. Vermutlich hatte er diese Antwort erwartet. Warum sonst wäre Morales hier bei Negan? Und warum dachte er wohl, dass Shane hier war? Oh, ja, Negan wurde von ihnen im Moment eindeutig gut unterhalten, das hier musste auf ihn wie die schlimmste Seifenopfer jenseits des Endes der Welt wirken. Und er schien den Moment zu spüren, in dem die Stimmung kippte und keiner mehr vorhatte viel zu sagen.

„Als Morales zu uns gestoßen ist, hatte er alles verloren. Genauso wie Shane hier. Er war voller Reue, hat davon gesprochen, dass er seinem Omega Unrecht getan hat", informierte er Rick, „War orientierungslos. Ich habe ihm eine Chance geboten sich nützlich zu machen, er hat sie ergriffen." Shane musterte Negan stirnrunzelnd. Was sollte das jetzt? Was versprach er sich davon Shane vor Rick zu verteidigen? Wollte er, dass sie sich wieder vertrugen? Oder war das hier nur wieder ein Machtspielchen? Oder ging es nur um Ricks Reaktion? Der blickte kurz zu Shane und dann wieder weg.

„Weißt du, Rick, für uns Alphas ist es in dieser neuen Welt beinahe unerträglich, wenn wir das Gefühl haben uns nicht mehr nützlich machen zu können", fuhr Negan fort, „Deswegen tun wir alle hier das, was wir tun, deswegen beschützen wir euch anderen, weil es das ist, was uns bestimmt ist."

Shane wünschte sich nur, dass es wirklich so einfach wäre.


III.

Shane wurde schnell zum Alpha der Gruppe Überlebender, die zusammen fand. Immerhin gab es auch keine wirkliche Konkurrenz um diesen Posten. Ed Peletier interessierte sich im Grunde nur für sich selbst und seine Familie. Morales war niemand, der sich gerne auf Alpha-Kämpfe einließ. Und Merle Dixon, nun der war ein Junkie. Er ließ sich nicht gerne etwas anschaffen, aber im Grunde hatte er auch kein Interesse daran anderen etwas anzuschaffen, weil ihn vor allem zu interessieren schien, wie er an Stoff kam.

Der Rest ihrer Gruppe bestand vor allem aus Betas und Omegas, die ordneten sich Shane, dem Polizisten mit Krisenerfahrung, nur zu bereitwillig unter. Und Shane versuchte auch wirklich sein Möglichstes um sich des Postens des Alphas als würdig zu erweisen. Er nutzte seine eigenen Fähigkeiten und die der anderen, brachte in Erfahrung, wer worin gut war, wer womit helfen konnte. Die Brüder Dixon waren gute Jäger, der Omega Gleen Rhee kannte sich gut in der Stadt aus und eignete sich deswegen als Scout für Versorgungsfahrten dorthin. Dale besaß ein Wohnmobil, Jim verstand sich auf Motoren. Andrea war mutig und lernfähig. T-Dog war loyal. Shane wollte nutzen, was sie hatten, weil er überzeugt davon war, dass sie so die beste Chance hatten zu überleben.

Einst hatten sich größere Gruppen von Menschen zu Rudeln zusammengeschlossen und so in der Wildnis überlebt, jetzt, nach dem Ende der Zivilisation mussten sie das wieder tun, wenn sie überleben wollten, davon war Shane überzeugt.

Doch in jeder Gruppe gab es Querulanten, in jedem Rudel Möchtegern-Herausforderer. Es waren die anderen Alphas, auf die er ein Auge haben musste, das wusste er. Merle war ein potentielles Problem, aber er war auch nützlich. Manchmal zumindest. Alles in allem war sein jüngerer Bruder Daryl der nützlichere Dixon-Bruder. Doch Daryl stand unter Merles Bann, das war offensichtlich, ähnlich wie Carol unter dem Bann ihres Gefährten stand. Und Merle wurde zunehmend instabil. Shane machte sich Sorgen, Sorgen um Daryl, der so tat als würde ihn nichts kratzen, der sich aber offensichtlich um seinen Bruder sorgte, mehr als um seine eigene Haut, und das wiederum führte dazu, dass Shane sich wiederum noch mehr um Daryl sorgte.

„Wo steckt Merle?", wollte er eines Tages wissen, als Daryl alleine von der Jagd zurückkam.

„Ist noch nicht zurück. Muss sich noch abreagieren", erklärte Daryl.

Shanes Copinstinkt suchte daraufhin automatisch nach Kratzern, Hautabschürfungen, oder geröteten Stellen in Daryls Gesicht und auf seinen Armen. Dessen Miene verfinsterte sich. „Was?", wollte er patzig wissen.

„Du weißt, dass du immer um Hilfe bitten kannst, wenn es nötig werden sollte. Mich, oder Morales", erklärte Shane.

Daryls Miene spiegelte nun richtige Wut wieder. „Spar dir das, Cop", meinte er, „Wenn du jemanden vor dem großen bösen Alpha retten willst, dann rette Carol. Ich brauche keine Rettung, mir geht es wunderbar."

„Man kann auch unter einem Alpha leiden, ohne, dass dieser Hand an einen legt", erwiderte Shane, „Und manchmal ist es nicht mal die Schuld von dem Alpha unter dem man leidet. Manchmal ist der einfach nicht mehr er selbst."

„Merle ist immer Merle. Und keiner von uns braucht Rettung", wiederholte Daryl stur und stapfte dann davon.

Shane sah ihm seufzend hinterher. Szenen wie diese war er so leid. Opfer, die sich nicht helfen lassen wollten, Omegas, sie sich nicht helfen lassen wollten, denn Daryl mochte nach Beta riechen, aber er war eindeutig ein Omega. Doch bei einem Bruder wie Merle wunderte es Shane gar nicht, dass Daryl vorgab ein Beta zu sein. Tat er vermutlich schon seit seiner Kindheit. Normalerweise benutzte man heute Geruchsunterdrücker, wenn man sein Geschlecht verbergen wollte. Tatsache war allerdings, dass außerhalb von geschlechtneutralen Arbeitsstellen die Abwesenheit eines Geschlechtergeruchs denjenigen, der nach nichts roch, sofort als Omega outete. Wer sonst sollte sich die Mühe machen sein wahres Geschlecht zu verbergen? Beta-Parfum, wie Daryls es benutzte, hatte sich in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert, konnte aber niemanden auf Dauer täuschen. Der wahre Geruch darunter war für geschulte Nasen immer wahrnehmbar. Und sobald im sein Parfum ausging, nun, dann würde jeder hier wissen, was Daryl Dixon wirklich war, und die Person, der das am wenigsten gefallen würde, war mit Sicherheit sein großer Bruder Merle.

„Man kann niemanden retten, der sich nicht retten lassen will", hatte man ihm während seiner Ausbildung eingehämmert. Shane hatte diesen Spruch immer gehasst, aber er hatte im Laufe der Jahre schmerzhaft gelernt, dass er wahr war. Wenn sich Daryl Dixon nicht retten lassen wollte, dann konnte er ihn nicht retten.

Carol Peletier konnte er auch nicht retten. Daryl mochte ihn auffordern seine Aufmerksamkeit auf sie anstatt auf ihn zu lenken, doch Ed Peletier war nicht gerade der Typ Alpha, der es gerne sah, dass man sich in seine Angelegenheiten einmischte, oder seine Beziehungen. Und Carol selbst hatte viel zu viel Angst vor ihm um irgendjemanden um Hilfe zu bitten, das war Shane schon nach fünfminütiger Bekanntschaft klar geworden.

„Wie kann ich ihnen helfen, wenn sie sich nicht helfen lassen wollen?", wollte er von Lori wissen. Seit dem Ende redeten sie öfter miteinander, tauschten sich über ihre Gefühle aus. Zunächst war ihr Hauptthema Rick gewesen, dann Carl, doch inzwischen hatten sie einen Punkt erreicht, an dem sie über alles reden konnten.

„Indem du ein Augen auf sie hast um einzuschreiten, wenn es zu weit geht, und zugleich genug Geduld aufbringst um sie zu dir kommen zu lassen", meinte sie, und das klang alles in allem nach einem sehr beta-mäßigen Rat, aber auch nach einem sehr guten. Lori war nicht mehr Ricks zickige Ehefrau, die ihrem Mann weder sein Geschlecht noch ihre eigenen Unzulänglichkeiten verzeihen konnte, nein, sie war eine Überlebende, und das hatte sie verändert, sehr zum Positiven wie Shane fand.

„Nun dann werde ich das versuchen, was anderes bleibt mir ja wohl sowieso nicht übrig", meinte Shane.

Er und Lori saßen in ihrem gemeinsamen Zelt auf ihren Schlafsäcken und lauschten Andreas, Amys, und Jacquis Versuchen zusammen ein Medley diverser bekannter Kirchenlieder zu singen. Shane hätte ihnen gerne gesagt, dass sie das lassen sollten, aber die meisten Beißer hatte diese Gegend hier inzwischen verlassen und sie hatten Wachposten aufgestellt. Für den Moment sollten sie sicher sein. Im Übrigen hatte Daryl die Theorie aufgestellt, dass die Toten zwar von Geräuschen angezogen wurden, aber auch von Geruch. Je mehr man nach Angst stank, desto größer war die Wahrscheinlichkeit welche anzulocken. Wenn Lieder zu verunstalten die Betas also entspannte, nun, dann sollten sie das eben tun. Besser als ständig vor Angst zu vergehen.

Carl kam ins Zelt und platzierte sich auf Shanes Schoß. Es war irritierend, dass der Junge inzwischen nach Omega roch, andererseits aber unter traumabedingter Regression zu leiden schien und sich jünger verhielt, als er war. Shane wusste nicht wirklich, was er damit anfangen sollte, aber es war immer noch Carl - Ricks Kind – und Shane war das, was einem Vater für ihn im Moment am nächsten kam, also erfüllte er diese Rolle so gut er konnte, auch wenn er sich nie sicher war, ob er eigentlich alles richtig machte. Onkel Shane zu sein war um einiges leichter gewesen als Papa Shane zu sein. Er tat aber trotzdem sein Bestes. „Alles in Ordnung, Kumpel?", fragte er.

„Nur müde, will kuscheln", murmelte Carl, und Shane tat ihm den Gefallen. Der Junge kuschelte sich an ihn und sog seinen Alpha-Geruch auf, der ihn sichtlich beruhigte und entspannte, denn wenige Minuten später war er eingeschlafen. Lori beobachtete Shane mit einem sichtlich amüsierten Gesichtsausdruck. „Du machst das wirklich gut, Shane", meinte sie, „Man merkt fast gar nicht, dass du nicht weißt, was du tust."

Shane schnaufte. „Oh ja, wenn ich so weiter mache, dann hab ich Chancen, dass ich in zwölf Jahren nicht mehr wirke wie ein überforderter Hundwelpenbesitzer", meinte er trocken.

Lori grinste nur. Manchmal fragte sich Shane, warum sie sich über seine Elternschaftsversuche so freute. War es, weil er so unsicher in allem war, was er tat, und sie dadurch so viel natürlicher in ihrer Mutterrolle wirkte? Als Omega war Rick immer der perfekte Elternteil gewesen, Lori war diejenige, die daran arbeite musste Carls Zuneigung zu behalten und zunehmend schlechter darin zu werden schien je älter er wurde. Jetzt war sie mit einem Mal der bessere Elternteil. Kein Wunder, dass ihr das gefiel. Oder gefällt es ihr einfach, wenn ich mal eine Lage nicht unter Kontrolle habe und deswegen nicht gleich ausflippe? Hier im Zelt mit Lori und Carl konnte nichts Schlimmes passieren, wenn er mal einen Fehler machte, nicht wahr? Hier im Zelt mit Lori und Carl fühlte er sich sicher und geborgen, hier drinnen fühlte er sich als wäre er dort, wo er hingehörte.

Der erste Sex zwischen ihm und Lori war ein Produkt von Stress, gegenseitigen Vorwürfen, und Angst gewesen. Seitdem waren sie sich näher gekommen, und wenn sie jetzt miteinander schliefen war es aus Zuneigung heraus, zumindest meistens. Rick lag niemals nicht zwischen ihnen, aber vielleicht war das auch ganz gut so, vielleicht war es gut, dass sie niemals vergaßen, wer sie zusammengebracht hatte, und was sie verloren hatten. Manchmal fühlte Shane sich danach schuldig, aber er redete sich ein, dass Rick es verstehen und gut heißen würde. Dass er wollen würde, dass seine Gefährtin und sein Alpha glücklich waren. Auch ohne ihn. Er dachte niemals, dass er sich jemals gezwungen sehen würde es Rick tatsächlich erklären zu müssen.

Bis Glenn und die anderen an diesem einen Tag Fremde mit in ihr Lager brachten. Einen fremden Alpha und sein Kind, und aber auch einen sehr lebendigen Rick Grimes. Shane hielt seinen Geruch im ersten Moment für eine sensorische Täuschung, trotzdem folgte er ihn wie hypnotisiert.

Dann sah er ihn, sah dass Carl auf ihn zustürmte und ihn umarmte. Das musste bedeuten, dass er real war, nicht wahr? Trotzdem konnte Shane sich nicht rühren, konnte nicht auf den Omega zugehen, bis dieser ihn zu sich rief. Bis sein Omega ihn zu sich rief.

Rick! Als er Rick umarmte, seinen Geruch einsog, ihn küsste, konnte er nicht anders als sich darüber zu wundern, wie er jemals hatte denken können, dass er über Rick Grimes hinweg wäre. Jede Faser seines Körpers schrie ihm eindeutig hingegen, dass er niemals in seinem Leben über Rick Grimes hinwegkommen würde.


IV.

Offenbar hatten sie Rick in einem eigenen Schlafzimmer untergebracht. Shane hatte keine Ahnung, wer es unter normalen Umständen bewohnte, aber das war ihm auch egal. Er war den dauerfragenden Morales mit einer dummen Ausrede losgeworden, log der Wache vor Ricks Zimmer ins Gesicht, und stand dann schließlich vor ihm. Vor Rick Grimes, wie er leibte und lebte, etwas älter, etwas grauer, etwas verbrauchter, aber einfach Rick. Und diesmal waren sie beide alleine miteinander.

Rick war aufgesprungen und näherte sich nun vorsichtig Shane. „Warum zum Teufel bist du nicht tot?!", wiederholte er die ersten Worte, die er nach all der Zeit zu Shane gesagt hatte.

„Hast du wirklich gedachtt, dass mich dieser eine Stich umbringen würde?", wunderte sich Shane.

„Nein", gab Rick zu, „Aber ich wusste, dass du tot sein musst, weil du…."

„Weil ich was?"

„Weil du niemals zurück zu mir gekommen bist!"

„Oh, Rick." Es gab so vieles, was er jetzt sagen könnte. Dass er in dieser verrückten Welt keine Chance gehabt hätte Rick wiederzufinden, nachdem dieser die Farm verlassen hatte. Dass tausende von Beißern zwischen ihnen gestanden waren. Dass die Erlöser seine neue Heimat geworden waren. Dass er befürchtet hatte, dass Rick tot sein müsste. Dass sie in verschiedenen Teilen des Landes gewesen waren … doch stattdessen sagte er ihm einfach die Wahrheit: „Du hast mich niedergestochen, Rick. Ich dachte nicht, dass ich willkommen gewesen wäre."

Rick schüttelte nur den Kopf. „Das zeigt nur wie wenig du weißt", meinte er.

„Ich hatte nicht das Gefühl es zu verdienen euch wiederzufinden. Also habe ich nicht gesucht", erklärte Shane, „Ich weiß, was ich getan habe, Rick, und was ich tun wollte, und was ich beinahe getan hätte. Für nichts davon gibt es eine Entschuldigung."

„Und um Wiedergutmachung zu leisten, hast du dich den Erlösern angeschlossen? Negan?!", wollte Rick ungläubig wissen.

„Ich dachte, ich passe hierher, wenn schon sonst nirgends hin. Ich wusste nichts von Gemeinschaften oder dergleichen. Ich war immer nur unterwegs, und dann habe ich Negan getroffen, und er hat mir angeboten zu bleiben. Ich wollte zuerst nicht, aber Morales war auch hier. Also bin ich geblieben", erklärte Shane, „Was mich angeht, dachte ich bis vor kurzem, dass das alles ist, was von der zivilisierten Welt noch übrig ist: Negan und seine Erlöser."

Rick schüttelte den Kopf. „Wie kannst du nur mit diesen Leuten herumlaufen?", wollte er wissen.

„Sie sind wie ich, und Negan hat es selbst gesagt, wir müssen uns nützlich fühlen, wenn wir nicht den Verstand verlieren wollen. Wir wissen beide, dass ich kein guter Alpha bin, Rick. Ich habe einfach nur damit aufgehört so zu tun, als wäre ich einer. Jetzt bin ich unter meinesgleichen", belehrte Shane den Omega.

„Du bist kein Stück wie diese sogenannten Erlöser, Shane Walsh! Wage es nicht etwas anderes zu behaupten!", knurrte Rick wütend, „Wage es nicht!"

Es war seltsam zu hören, dass Rick offenbar immer noch an ihn glaube. Shane glaubte schon lange nicht mehr an sich selbst. Andererseits glaubte er immer noch an Rick und war genau deswegen jetzt auch hier.

„Hör zu, ich habe keine Ahnung, was Negan mit euch will. Soweit ich weiß, hat er so was noch nie gemacht. Wenn ein anderes Rudel auftaucht und ihm sein Revier streitig macht oder auch nur ansatzweise versucht, was ihr getan habt, nun, dann macht er kurzen Prozess mit den Eindringlingen, tötetet den Alpha, manchmal noch ein paar andere, erwartet vollkommen Unterwerfung, und integriert die Überlebenden in sein Rudel, sofern es genug von ihnen gibt. Alphas werden Erlöser, Betas werden Arbeiter. Sollte das Rudel ein Nest besitzen, das von Wert ist, bleibt es erhalten und alle, die dort leben, müssen Negan Tribut liefern, Schutzgeld, wenn du so willst. Sofern das Nest etwas wert ist. Ist es das nicht, schickt er Simon oder einen anderen Irren, und das war's dann", berichtete Shane, „Das hier ist definitiv neu, und es beunruhigt mich, weil ich keine Ahnung habe, was in seinem Kopf vorgeht, aber es kann nichts Gutes sein. Du wirst das jetzt nicht gerne hören, aber angesichts der Umstände, ist es möglich, dass du deine Alphas zurücklassen musst."

„Auf keinen Fall", erwiderte Rick kategorisch, „Sie sind nur meinetwegen hier, ich lasse sie nicht zurück."

„Ich kann euch nicht alle hier rausholen", betonte Shane.

„Dann lässt du dir besser was einfallen, wie du es doch kannst", erwiderte Rick nur stur wie eh und je, „Du bist doch der Alpha hier, oder nicht?" Natürlich verwendete er Shanes eigenen Worte gegen ihn. Natürlich!

„Ich bin ein Alpha hier. Es ist nicht mehr so wie auf der Farm. Oder im CDC. Falls es dir nicht aufgefallen ist: Negan ist der Alpha hier, und er hat eine Menge anderer Alphas, die ebenfalls hier sind. Verdammt, ich weiß nicht mal, ob ich auf Morales zählen kann, und um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass es so ist. Er ist nicht der Mann, den du kanntest."

„Abraham und Michonne können kämpfen. Und wir Omegas können das auch", betonte Rick, „Genau das hat uns doch erst in diese Lage gebracht."

„Okay, angenommen, es gelingt mir wie durch ein Wunder euch alle zu befreien, und wir flüchten lebend alle von hier. Was dann? Negan weiß, wo du wohnst. Das ist dir doch klar, oder?", gab Shane zu bedenken.

„Wir sind eine ganze Stadt, und wir wissen uns zu verteidigen", behauptete Rick.

„Habt ihr wenigstens den Panzer noch?", warf Shane ein, „Das wart doch ihr, oder? Das war wochenlang das Hauptthema der stillen Post unter den Erlösern, das kann ich dir versichern."

Rick zog eine Grimasse. Vielleicht wurde ihm selbst klar, wie absolut realitätsfremd sein Plan war. „Du hast eine Tochter, Shane", meinte er dann sanft, „Carl hat sie Judith genannt. Sie ist in Alexandria, beim Rest unseres Rudels."

Shanes Herzschlag setzte für einen Moment aus.

„Sie sieht aus wie du", fügte Rick hinzu, „Ich war nicht sicher, was ich für sie empfinden würde, nachdem sie geboren worden war. Nicht nach alle dem, was passiert ist. Nicht nachdem Lori… Maggie musste sie aus Lori heraus schneiden. Als ich sie zum ersten Mal gehalten habe, da wusste ich es dann, dass ich sie liebe, dass ich niemanden jemals so lieben würde wie sie. Dass du recht hattest, dass sie mein Baby ist, genauso wie eures. Dass sie unser Baby ist. Deines und meines, verstehst du? Ich muss zurück zu ihr. Sie braucht mich. Aber wenn Negan sie bekommt… Das wäre mein Ende, verstehst du? Er kann sich alles nehmen, davon können wir ihn offenbar nicht abhalten, aber sie kann er nicht bekommen!"

„Das wird er nicht", versicherte ihm Shane voller Überzeugung, „Und wenn ich ihn umbringen muss um das zu verhindern. Ich werde dich hier raus holen, Rick. Euch alle. Du wirst sie wiedersehen, und er wird sie nie bekommen."

Rick nickte dankbar. Shane erwiderte das Nicken und schlüpfte aus dem Zimmer. Und wurde vor der Türe von Negan erwartet, der Lucille, den Baseball-Schläger, lässig in der Hand hielt, und an der nächstbesten Wand lehnte. „Na? Vertragt ihr euch wieder?", fragte er nur.

„Du hast mir nicht verboten ihn zu besuchen", war alles, was Shane zu seiner Verteidigung einfiel.

„Nein, das habe ich nicht. Was wäre ich für ein Alpha, wenn ich Liebende auseinander halten würde? Oder ehemalige Liebende, die im Zuge von Messerattacken auseinander gegangen sind", erklärte Negan zustimmend, „Komm mit, Shane. Ich will dir was zeigen."

Shane schluckte. Und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm das, was Negan ihm zeigen wollte, nicht gefallen würde. Trotzdem trottete er gehorsam hinter dem Alpha mit dem Baseballschläger her. Immerhin, so sagte er sich, hätte Negan ihn, falls er ihn umbringen wollte, ja gleich vor Ricks Zimmer ermorden können. Hoffentlich hatte er ihn nicht nur verschont, weil er keine Blutspritzer an dieser speziellen Wand haben wollte.


A/N: Okay, also prinzipiell hat es mich immer gewundert, dass es kaum Savior-Shane Fics zu geben scheint, vielleicht liegt das aber einfach daran, dass der Charakter zum Zeitpunkt des Savior-Arcs schon ziemlich lange kein Teil der Serie mehr war.

Auf jeden Fall wollte ich Negan und Shane in irgendeiner Form aufeinander treffen lassen, hatte aber bei der Planung ein gröberes Problem, nämlich dass der Alexandria-Arc nicht funktioniert hätte, wenn Shane damals noch Teil der Gruppe gewesen wäre, ich diesen Arc aber dringend als Teil von Ricks Charakterentwicklung gebraucht habe (und daher musste ich auch sehr gegen meinen eigenen Willen Beth und Tyreese töten - manche Fans stellen gerne die Frage, warum die Autoren ausgerechnet Beth umgebracht haben, die Antwort lautet aus genau diesem Grund), das andere Problem war offensichtlicher: Shane wäre der Erste, den Negan während des Line Ups umbringen würde, also musste ich Shane so lange es geht von Rick fernhalten und so kam es zur Savior-Shane-Idee. Warum auch nicht? Morales war ein Savior, Shane wäre erst recht einer.

Prinzipiell ist das hier mehr eine Shane/Rick als eine Negan/Rick-Fic, es spielen aber beide Parings eine gewisse Rolle hier.

Ach ja, und obwohl das absichtlich nebulös gehalten war: Ja, Shanes Vater hat seine Mutter getötet und kam deswegen ins Gefängnis, woraufhin Shane bei den Grimes eingezogen ist.

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