Beta
I.
Die Welt davor bestand für Andrea Harrison aus dem Kampf für die Gleichberechtigung aller Geschlechter, den sie als jemand, der zum privilegierten Geschlecht gehörte, führte, und aus ihrer Schwester Amy. Die Welt danach bestand für sie aus dem Kampf ums das Überleben und aus ihrer Schwester Amy. Wenn sie Amy beim Ausbruch verloren hätte, dann würde sie vielleicht wie alle anderen vom Ende der Welt sprechen, stattdessen sprach sie nur von der Welt davor.
Die Welt davor war nicht perfekt gewesen, keiner wusste das besser als Andrea, die als Anwältin mehr Recht als Unrecht gesehen hatte, aber sie war eine Welt gewesen, in der Amy ein sicheres halbwegs glückliches Leben führen konnte. Nun musste sie jeden Moment mit dem Angriff eines beißenden Toten rechnen, was eindeutig ein Abstieg war. Also ja, vorher war es besser gewesen, keine Frage, aber vielleicht war das hier nicht das Ende sondern nur ein Neubeginn, der Anfang einer neuen Gesellschaft, die alles besser machen würde als die vorangegangen.
Vielleicht war das eine naive Hoffnung, vielleicht war es aber auch nur Beta-Schuld. Zu wissen, dass man privilegierter war als alle anderen konnte einen zu schaffen machen, manchmal, an anderen Tagen war man darüber einfach nur erleichtert und fühlte sich dann wiederum schlecht, weil man erleichtert war. Natürlich war Andrea immer noch eine Frau und hatte sich daher genug Scheiße in ihrem Leben anhören müssen. Aber zumindest war sie eine Beta-Frau, also hatte sie es besser als die anderen Frauen dort draußen, soviel stand fest.
Die neue Welt, die Welt danach, könnte sich vielleicht wieder auf die alten Werte besinnen, die die Menschheit so lange hatte überleben lassen, Werte wie Zusammenarbeit, Werte wie Gleichberechtigung. Jedes Geschlecht hatte seinen eigenen Stärken und Schwächen, und diese sollten ausgenutzt und nicht verurteilt werden. In ihrer kleinen Gruppe, in dem Rudel, das sich formte, machten sie das ganz gut, fand Andrea. Shane war der Alpha, ihr Rudelführer, der sie nicht unterdrückte, sondern unterstützte, der Rat bei Lori suchte, die ein Beta war, und manchmal bei Andrea, Dale, und Jim. Die Omegas kümmerten sich um die verstörten und allesamt zu früh geschlechtsreif gewordenen Kinder und lieferten den gestressten Alphas den emotionalen Beistand, den sie brauchten. Und die Betas hielten alles zusammen und alle auf Kurs, glichen den aggressiveren Ansatz der Alphas genauso aus wie die verschüchterte Haltung der Omegas.
Es klang gut, klang fast perfekt, nur leider war es das nicht. Nicht jeder Alpha hier war wie Morales. Und nicht jeder Omega war wie Glenn. Und ja, es war wohl auch nicht jeder Beta wie T-Dog oder Dale.
Die Peletiers machten von Anfang an Schwierigkeiten, Merle genauso, wenn auch in kleinerem Rahmen. Aber Merle hatten sie unter Kontrolle. Shane hatte ihr gesagt, was vor sich ging, und Andrea hatte ihm erklärt, dass sie sich darum kümmern würde. „Ich habe mit sowas Erfahrung, vertrau mir. Ich habe lange Zeit als Sozialarbeiterin gearbeitet", sagte sie, „Das war während meines Studiums und einige Zeit lang danach." Bevor es wirklich wichtig geworden war ihre Rechnungen zu bezahlen und die von Amy gleich dazu, und sie beschlossen hatte ihr Jura-Studium als Basis für das Verdienen ihres Lebensunterhalts zu verwenden (ein Teil von ihr wünschte sich das wäre niemals notwendig geworden).
Sie konfrontierte also Merle. Versuchte es auf die sanfte, dann auf die harte Tour, dann erwähnte sie Daryl – das schien zu funktionieren, doch Junkies waren immer Junkies, ein Rückfall war zu erwarten, früher oder später, Andrea hätte nur nie gedacht, dass er ausgerechnet bei ihrem Ausflug in die Stadt passieren würde. Es war ein Omega, der Merle rettete und damit sie alle – Rick Grimes. Loris Gefährte, Shanes Omega, Carls Vater, sie nahmen ihn mit in ihr Camp, genau wie seine Begleiter. Andrea dachte sich nichts dabei, es kam ihr natürlich vor, nicht falsch. Sie konnte nicht ahnen, was sie damit los trat.
Als Beta, der hauptsächlich mit Betas verwandt war, und sich vor allem mit Betas traf, waren Alpha-Omega-Beziehungen für sie immer irgendwie exotisch gewesen, fremdartig, aber auf eine gute Weise. Hollywood hatte ihr und den Rest der nichtsahnenden Betas immer vorgegaukelt, dass etwas Magisches daran sein musste, etwas, das stärker war als die normale Bindung zwischen zwei Betas, ja selbst als die zwischen Beta und Alpha oder Beta und Omega. Ja, manch ein Politiker rümpfte die Nase darüber, aber Andrea hatte nie vermutet, dass diese so viel tiefer gehende Beziehung etwas negatives sein könnte. Etwas Schlechtes. Wenn sie Carol Peletier ansah, dann sah sie die typische unterdrückte Ehefrau, mit einem unausgeglichenen Alpha-Ehemann, sie sah etwas, das auch einer Beta-Ehefrau und sogar einer Alpha-Ehefrau passieren könnte, sie sah nichts, was Omega schrie. Wenn sie Daryl und Merle ansah, sah sie einfach zwei Brüder mit einem unausgeglichenen Verhältnis zueinander, bei dem der ältere Bruder mehr Macht besaß als der Jüngere. Sie sah nichts, was nur eine Alpha-Omega-Beziehung betreffen könnte.
Es war erst Rick Grimes Ankunft, die ihr die Augen öffnete. Zuerst war alles gut. Rick lag in den Armen seiner Familie, alle schienen glücklich und zufrieden zu sein, keiner ahnte etwas Böses. Ja, Amy hatte so ihre Theorien über die Schwangerschaft, aber nichts deutete daraufhin, dass Rick darüber überrascht oder verstört wäre. Triaden waren unüblich geworden, aber nicht wirklich ungewöhnlich, da Andrea aber keine persönlich kannte, wusste sie nicht wie sich eine Triade im Gegensatz zu einem polygamen Dreiergespann verhielt, ihr fiel also kein Unterschied auf. Shane, Lori, und Rick waren sich in den Armen gelegen, als würden sie zusammengehören, Andrea nahm natürlich an, dass es sich um eine Triade handelte. Nichts wies aus irgendetwas anderes hin.
Die Probleme begannen sich erst zu manifestieren, als Morgan Jones, der Alpha, der Rick begleitet hatte, verkündete, er wolle zurück in die Stadt. „Ich wollte nur Rick herbringen, nichts weiter. Und jetzt ist Rick hier, es gibt für Duane und mich also keinen Grund mehr hierzubleiben. Rick ist dort, wo er sein soll, Zeit für uns ebenfalls dorthin zu gehen, wo wir hingehören", verkündete er.
Derjenige, der sofort dagegen protestierte, war Rick. Doch Morgan war scheinbar nicht umzustimmen, also verkündete Rick, dass er ihn begleiten wolle. Andrea hatte bisher noch nie einen eifersüchtigen Alpha gesehen, und der Anblick war nicht gerade schön. Die Farbe schien aus Shanes Gesicht zu weichen, und er begann zu knurren. Morgans Körpersprache signalisierte Unterwerfung, aber Andrea war sich einen Moment lang nicht sicher, ob das ausreichen würde. Das Letzte was sie hier wollten war ein Alpha-Kampf. Ein Alpha-Kampf um nichts noch dazu.
„Nein, nein, Shane, Shane, hör zu, so habe ich das doch nicht gemeint. Hör mal, wir brauchen Waffen, oder? Ich kann die Waffen von unserer Station holen und hierher bringen, dann sind wir gegen die Wandelnden Toten gerüstet, und da Morgan zurück in die Stadt will, können wir gemeinsam gehen, so ist es sicherer", beschwichtigte Rick seinen Alpha schnell.
„Na schön", brummte Shane alles andere als begeistert, und er sah Morgan immer noch wütend an, aber zumindest wirkte er nicht so, als würde er sich jeden Moment auf den anderen Alpha stürzen wollen, „Aber ich komme mit."
„Das kannst du nicht", sagte Rick, „Du musst hierbleiben und das Rudel beschützen. Lori und Carl und das Baby."
„Das können die anderen tun", meinte Shane und deutete vielsagend auf die versammelte Menge von neugierigen Zuhörern, „Morales kann das tun. Merle kann das tun."
Rick war offensichtlich überrascht darüber, dass Shane ihm widersprach. Er schien damit gerechnet zu haben, dass dieser ihm sofort nachgab. Das war nach Shanes untypischem Anfall der zweite Hinweis, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Andrea registrierte es, ohne zu verstehen, was es zu bedeuten hatte.
„Ja, aber du solltest es sein, ich meine, Lori und Carl brauchen dich", argumentierte Rick.
„Sie brauchen dich", widersprach Shane heftig, „Carl braucht seinen Vater, den er gerade erst zurückbekommen hat, und keinen Hau-Drauf, der einfach so abhaut, kaum, dass er von den Toten auferstanden ist, und einen praktisch Fremden seiner eigenen Familien vorzieht!"
Ricks Miene spiegelte Schmerz wieder, dieser Vorwurf schien gesessen zu haben, dann meinte er leise: „Vielleicht sollten wir uns unter vier Augen darüber unterhalten." Shane stutzte einen Moment und blickte sich um, und sah dann wohl sein, dass er umgeben von einer Menge neugieriger Zuseher und Hörer war, die ihre Diskussion im Grunde nichts anging. Er packte Rick am Arm, nicht unbedingt sanft, wie Andrea bemerkte, und zerrte ihn hinter sich her weg von den anderen.
Andrea runzelte besorgt die Stirn. Das hier gefiel ihr gar nicht. Wo war Lori? Sollte sie sich nicht eigentlich um ihre streitenden Partner kümmern?
„Ich weiß, was du denkst, aber du solltest dich da nicht einmischen", bemerkte Dale, der wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht zu sein schien (die Auseinandersetzung zwischen Alpha und Omega hatte beinahe das ganze Camp angelockt) und sich nun ungefragt einmischte. Normalerweise wusste Andrea seinen Rat zu wissen. Dale hatte sie und Amy scheinbar irgendwie adoptiert, seit sie zusammengefunden hatten, und sie mochte ihn wirklich, aber sie hatte sich noch nie gerne von anderen sagen lassen, was zu tun war.
„Warum nicht? Offenbar stimmt etwas nicht. Sollte in diesem Fall nicht ein Beta dazwischen gehen?", hielt sie dagegen. Früher hatte sie das ständig gemacht, war dazwischen gegangen, wenn eine Situation außer Kontrolle zu geraten schien. Und meistens war sie damit auch davon gekommen.
„Ein Beta, ja. Du eher weniger", meinte Dale ruhig aber bestimmt, „Lass Lori das machen." Aber Lori war nicht da, genauso wenig wie Carl, vermutlich war sie gerade irgendwo mit ihrem Sohn beschäftigt. Wenn wir alle zusammenleben wollen, sollten wir dann auch nicht wirklich alle zusammenleben?, fragte sich Andrea. Sie warf einen fragenden Blick in Richtung Amy, die die Schultern zuckte.
Unterdessen schienen Rick und Shane sich geeinigt zu haben. Rick stapfte mit großen Schritten in Richtung Morgan, der sich leise mit Glenn und T-Dog unterhielt. Dann nickte er ihnen zu, und Morgan winkte seinen Sohn Duane zu sich. Andrea beobachte die Gruppe einige Momente lang nachdenklich, dann machte sie sich auf die Suche nach Shane.
Sie fand ihn alleine im Wald. Was sehr nachlässig und gefährlich war, und vor allem dumm. „Das Partnersystem war deine Idee", meinte sie zur Begrüßung.
Shane brummte etwas, das sich anhörte wie „Mein Partner hat mich gerade verlassen", dann erklärte er: „Ich habe etwas Abstand gebraucht."
„Habt ihr alles geklärt? Du und Rick?", wollte Andrea wissen.
Shane zuckte die Schultern. „Er will zurück in die Stadt um Morgans tote Ehefrau ganz tot zu machen. Damit der von der Schnapsidee abkommt in ihrer Nähe leben zu wollen", erklärte er heiser, „Er hat betont, dass Morgan ihm das Leben gerettet hat, und er ihm das schuldet. Und dass er nicht alleine gehen wird. Dass T-Dog und Glenn mit ihm gehen werden. Ich hab gesagt, er soll Daryl auch mitnehmen."
„Nicht Merle oder Morales?", wunderte sich Andrea scheinbar unschuldig.
„Das hat Rick auch gefragt", gab Shane zu, „Also habe ich ihn gehen lassen." Nun war zumindest klar, wie Rick diesen Streit gewonnen hatte.
„Streitet ihr euch eigentlich oft?", wollte Andrea wissen.
„Eigentlich nie", behauptete Shane, „Ich bin nicht … ich wollte nicht… Ich habe ihn gerade erst zurückbekommen. Was wenn er auf diesem Ausflug stirbt? Was wenn ich verhindern könnte, dass ihm was zustößt, wenn ich bei ihm bin?"
„Er geht nicht alleine, und er hat recht: Wir können diese Waffen gebrauchen. Und du wirst hier gebraucht", erinnerte ihn Andrea.
Shane schüttelte den Kopf. „Das ist nicht der Punkt", betonte er.
„Und was genau ist der Punkt?"
Der Alpha schüttelte unwillige den Kopf. „Dass wir zusammen stärker als alleine sind. Sich aufzuteilen ist immer ein Fehler…." Vermutlich wusste er damals noch nicht einmal selbst, wie recht er damit hatte.
II.
„Und was tun wir jetzt?", wollte Rosita wissen, nachdem sie schon ziemlich lange die Straße, die sie gekommen waren, zurückgegangen waren.
„Was Negan uns angeschafft hat: Wir gehen zurück nach Alexandria und bereiten alles für seine Ankunft vor", erwiderte Andrea.
Sasha blieb wie angewurzelt stehen. „Moment Mal, wir tun wirklich, was er sagt? Wir lassen die anderen zurück?!", empörte sie sich und warf Andrea einen ungläubigen Blick zu.
Andrea seufzte und blieb ebenfalls stehen. Rosita hatte bereits ebenfalls inne gehalten. Sie waren drei Betas, die nur mit Messern bewaffnet ganz alleine mitten in der Nacht auf offener Straße unterwegs waren. Alles daran fühlte sich falsch an, genauso falsch wie die Tatsache, dass sie gerade den Rest ihres Rudels in der Gewalt einer Gruppe brutaler Alphas zurückgelassen hatten. Aber manchmal musste man eben tun, was sich falsch anfühlte.
„Es ist das, was Rick uns befohlen hat", rief ihr Andrea in Erinnerung, „Mir gefällt es ja auch nicht. Aber was bleibt uns für eine andere Wahl? Wir sind zu dritt, die haben uns unsere Schusswaffen weggenommen, und sie haben Geiseln. Das einzige Vernünftige ist es nach Alexandria zurückzugehen um uns neu zu gruppieren."
„Die haben Abraham. Und die Omegas!", betonte Sasha.
„Und sie haben auch Michonne", betonte Andrea, „Das hier fällt mir nicht leichter als euch."
„Ach? Du wirkst aber ziemlich gefasst auf mich", stichelte Rosita, „Immerhin ist es ja auch nicht dein Omega, der sich dort hinten weinend in die Hose pinkelt, während er bedroht wird."
„Rosita hat recht", meinte Sasha.
„Ich brauche deine Unterstützung nicht!", fauchte Rosita, doch Sasha ignorierte sie und fuhr fort: „Die könnten alles Mögliche mit ihren Gefangenen machen. Sollten wir nicht zumindest versuchen sie zu verfolgen?"
„Wie denn? Mit unseren versteckten Autos und Motorrädern?", spottete Andrea, „Hört mal ich weiß, ihr macht euch Sorgen um eure Lieben, aber wir müssen vernünftig sein, denn wenn wir es nicht sind, ist es gar keiner mehr."
„Oh, ja, weil Vernunft ja so eine gutes Mittel gegen verrücktgewordene Alphas ist", schnaufte Rosita, „Die hat uns in der Vergangenheit ja immer so weit gebracht."
„Kopflos und emotional zu handeln hat uns in der Vergangenheit auch nicht viel eingebracht. Muss ich euch daran erinnern, was mit Beth passiert ist?", argumentierte Andrea möglichst gefasst, „Wir müssen heimgehen und die anderen auf die Ankunft dieser Erlöser vorbereiten. Wollt ihr riskieren, dass sie vor uns ankommen und Gabriel oder gar Spencer sie in Empfang nehmen?"
„Spencer ist kein schlechter Mann", behauptete Rosita, „Er würde zurechtkommen." (Seit Neuesten schlief sie mit Spencer Monroe, was Andrea für einen Fehler hielt, aber angesichts der Tatsache, dass Abraham sie ausgerechnet für Sasha hatte fallen lassen, war das hier nicht der geeignete Moment für eine Diskussion über verletzte Gefühle und Überkorrekturen).
„Darauf würde ich nicht wetten", meinte Andrea, „Tatsache ist, dass sie unsere Omegas haben, und vermutlich nicht davor zurückschrecken werden die als Druckmittel gegen uns zu verwenden. Spencer ist ein Alpha. Genau wie Morgan. Wir können nicht darauf wetten, dass Tara und Heath vor Negan ankommen. Also ist es an uns dort zu sein und zu tun, was nötig ist, um zu verhindern, dass wir alle sterben."
Sasha wirkte unglücklich und Rosita fluchte. „Und wie sollen wir den anderen erklären, dass nur wir drei zurückkommen?", wollte die Latina dann wissen, „Was willst du Judith in ein paar Jahren erzählen, wenn sie nach ihrem Vater und ihrem Bruder fragt?"
„Dass ich alles getan habe, was in meiner Macht gestanden ist, um sie zu retten", erklärte Andrea ohne zu zögern.
„Und wie willst du sie retten?", wollte Sasha wissen, „Um auf Rositas Frage zurückzukommen: Was tun wir jetzt?"
„Wir sind Betas", antwortete Andrea sofort, „Wir tun das, was Betas tun, wenn zwei verfeindete Rudel aufeinander treffen: Wir verhandeln."
„So wie du mit Philip Blake verhandelt hast?", wollte Sasha bitter wissen. Andrea hätte es vorgezogen, wenn sie diese Geschichte nicht wieder ausgegraben hätte. Woodbury hatte sie Merle und ihren Arm gekostet und beinahe auch Michonne, und sie zogt es vor nicht über Philip zu reden oder auch nur an ihn zu denken.
„Das hier ist anders", behauptete sie, „Philip war rach- und machtsüchtig. Er hatte den Punkt überschritten, an dem man vernünftig mit ihm reden konnte. Aber dieser Negan hat uns gehen lassen anstatt uns einfach umzubringen. Das bedeutet, dass er auf mehr aus ist als auf das. Wir haben also eine Chance. Wir müssen nur etwas finden, das er möchte und nur wir ihm gegen können."
Rosita lachte. „Und was bitte soll das sein?! Er hat unsere Freunde, hat genug Macht um sich all unsere Vorräte und Waffen zu nehmen - was genau können wir ihm bieten, was er nicht schon hat?", wollte sie wissen.
„Kein Alpha tut irgendetwas ohne Grund. Nicht einmal ein verrückt gewordener Alpha. Sie wollen immer irgendetwas. Es muss etwas geben, das Negan will, was er sich nicht so einfach nehmen kann", erklärte Andrea, „Wir müssen nur rausfinden, was das ist."
Sasha hatte sich darüber augenscheinlich bereits den Kopf zerbrochen, denn sie meinte: „Er war bereit uns zu töten. Dann hat er rausgefunden, dass Rick ein Omega ist. Und das hat alles geändert."
„Er hat die Omegas aber schon", betonte Rosita.
„Wenn es ihm nur um Sex gehen würde, dann hätte er uns nicht gehen lassen müssen. Das hat er getan um eine Geste des guten Willens zu setzen", meinte Andrea, „Was will jeder Alpha, und zwar wirklich jeder, im Grunde am Dringendsten von jedem Omega hören?" Andrea wusste es, sie erinnerte sich - Shane und Rick, Philip und seine tote Tochter, Philip und Taras Schwester …. Die Liste war lang.
Rosita seufzte. „Dass er ein guter Alpha ist, dass er gute Arbeit geleistet hat", meinte sie und erinnerte sich offenbar an Momente mit Abraham.
„Er will also keine erzwungene Unterwerfung, denn die hat er ja schon", stellte Sasha fest, „Er will freiwillige Unterwerfung. Deswegen hat er die Omegas behalten."
„Na toll", brummte Rosita, „Kann sich eine von euch vorstellen, dass einer von unseren Omegas jemanden wie Negan auf die Schulter klopft und sagt Gut gemacht? Rick, Carl, Daryl? Maggie? Die sterben eher, bevor sie das machen. Eugene würde ihm alles vorlügen, was notwendig ist, aber er würde sofort wissen, dass es eine Lüge ist. Glenn mag diplomatisch sein, aber er hat Moralvorstellungen. Genau wie Aaron. Ich würde sagen, die Chancen, dass er sie doch noch umbringt stehen ziemlich gut."
„Und genau da kommen wir ins Spiel", meinte Andrea, „An dieser Stelle müssen wir uns einschalten. Wir sind ein Rudel, ein Rudel, das von einem Omega angeführt wird. Das hat ihn fasziniert, irgendwo in seinem kranken Hirn hat es ihn sogar beeindruckt. Wenn er Rick keine Billigung abringen kann, denkt er vielleicht, dass er sie gewinnen kann, wenn er sich im Rahmen seines Alpha-Mobber-Gehabes anständig verhält. Und an uns liegt es daraus so viel wie möglich für uns herauszuholen. Freiheit für Abraham und Michonne. Für die Omegas. Gnade für Hilltop. Schutz für Alexandria."
Sasha wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. „Wir hatten es ja schon öfter mit verrückt gewordenen Alphas und ihren Rudeln zu tun, und trotzdem denkst du, dass das funktionieren kann? Dass wir ihn auf Dauer austricksen können? Was wenn sein nächster psychotischer Schub kommt? Was dann?", wollte sie wissen.
„Dann bringen wir ihn natürlich um. Denn nein, natürlich weiß ich, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann. Aber es kann uns Zeit verschaffen. Genug Zeit um uns einen Plan zu überlegen, wie wir mit seinem riesigen Rudel fertig werden. Und sobald wir das wissen und unsere Leute frei bekommen haben, kümmern wir uns genauso um Negan und seine Erlöser, wie sie es verdient haben", versprach Andrea voller Überzeugung, „Das hier wird kein zweites Woodbury. Diesen Fehler machen wir nicht noch einmal. Tollwütige Alpha, sie sich nicht ändern können oder wollen, werden von uns behandelt wie tollwütige Alphas behandelt werden müssen." Diese Lektion hatte sie auf die harte Tour gelernt, und sie würde sie nie wieder vergessen.
III.
Es war Andrea nicht entgangen, dass die Alphas sich zu gut zu sein schienen um Omega-Arbeit zu machen. Die Betas fassten mit an, aber die Alphas, nun das war eine andere Geschichte. Von Merle konnte sie das ja gerade noch hinnehmen – der würde mehr im Weg sein als zu helfen. Von Morales und Shane nahm sie an, dass sie helfen würden, wenn man sie darauf ansprechen würde, aber Ed Peletier, nein, der war zu sehr Alpha um dreckige Wäsche auch nur anzufassen.
Ed war nicht gerade Andreas Lieblingsmensch im Camp. Im Grunde war er niemandes Lieblingsmensch, aber die meisten wagten es nicht sich mit ihm anzulegen. Die Person, die es am wenigsten wagte war Carol, sie hatte so viel Angst vor ihrem Ehemann, dass es schon fast weh tat. Sophia war die Person, die es am zweitwenigsten wagte. Alle Kinder waren traumabedingt verfrüht geschlechtsreif geworden, aber während die anderen liebevolle Eltern hatten, die sie nach Kräften unterstützten, hatte Sophia nur eine verängstige Mutter und einen herablassenden Vater, der ihr alles, was ihr passiert war zum Vorwurf machte. Er machte ihr zum Vorwurf, dass sie schon jetzt zeigte, was sie war, und er machte ihr zum Vorwurf, dass sie ein Omega war. Offenbar hatte er sich von der Frucht seiner Lenden besseres erwartet (was auch immer dieses bessere war). Ein stolzer Alpha wie er, hätte einen Alpha, oder zumindest einen Beta in die Welt setzen müssen. „Dass sie so geworden ist, ist deine schuld! Sie ist schwach, genau wie du!", knurrte er seine Frau öfter als einmal an. Andrea wusste nicht, was Ed und Carol zusammengebracht hatte, doch Liebe war es wohl eher nicht gewesen.
Es gab Dinge, die Andrea sehr wütend machten, und Herablassung gehörte dazu. Sie hasste Menschen, die sich für etwas Besseres hielten, besonders, wenn es sich um Menschen wie Ed handelte, die in Wahrheit nicht besser als die anderen sondern viel schlechter als sie waren. Carol war loyal, klug, liebevoll, und besaß einen leisen Sinn für Humor, den Andrea sehr schätzte, und sie war unglaublich tapfer, da sie es Jahre lang mit einem Monster wie Ed ausgehalten hatte, also war sie in Andreas Augen tausend mal mehr wert als ihr Alpha. Doch der gab ihr ständig das Gefühl Dreck zu sein, und nun erzog er seine Tochter mit der gleichen Einstellung.
Andrea hatte nicht vor sich ebenso von ihm behandeln zu lassen. Genauso wenig die Jacqui. Oder Amy, die allerdings höflicher zu Ed war als die älteren Betas. Irgendwann würde Ed zu weit gehen, und dann würde ihm Andrea vielleicht wirklich die Meinung ins Gesicht sagen, ein für allemal.
Sie wusste, dass ihn auch der Rest ihrer Gruppe nicht sonderlich schätze. Merle und Morales warfen ihm immer feindselige Blicke zu, Dale machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für ihn, die anderen Kinder wichen ihm weiträumig aus. Dass Shane ihn nicht mochte, konnte keiner übersehen. Trotzdem hätte sie nicht mit der Eskalation gerechnet. Nicht so schnell.
Vermutlich wäre nichts passiert, wenn die Sache mit Rick nicht gewesen wäre. Shanes schien sich seit seinem Ausflug in den Wald wieder beruhigt zu haben, er war wieder Shane und nicht mehr der Fremde mit Shanes Gesicht, der Andrea so beunruhigt hatte. Aber auch Shane-Shane war immer noch ein Alpha und nicht ganz leicht einzuschätzen. Vielleicht hatte er einfach nur genug von Ed Peletier, wie sie alle eben. Doch wenn ein Alpha genug von einem anderen Alpha hatte, dann spielten sich andere Dinge ab, als wenn ein Beta wie Andrea genug von jemandem hatte.
Es begann mit einem Streit um die Wäsche. Carol machte gemeinsam mit Andrea, Amy, Jaqcui, Lori, und Morales' Frau die Wäsche, Carl und Sophia halfen ihnen. Die Stimmung war entspannt, bis sie es nicht mehr war, weil Ed auftauchte. Er machte ein paar dumme Bemerkungen. Andrea machte dumme Bemerkungen zurück. Die anderen, aufgekratzt von der guten Stimmung, schlossen sich ihr an. Alle außer Carol, die das Problem kommen sah, weil sie ihren Ehemann kannte.
Dann machte Ed einen wütenden Schritt auf ihre Gruppe zu. Shane war weit genug entfernt gestanden um mitzubekommen, dass etwas vor sich ging, wenn auch nicht genau was. Doch Eds aggressives Verhalten konnte ihm nicht entgehen. Bevor Ed sie auch nur erreichen konnte, hatte er sich auf den anderen Alpha gestürzt und schlug diesem brutal ins Gesicht. Ed brüllte wütend auf und schlug zurück. Carol schrie. Lori und Amy zerrten die Kinder in Sicherheitsabstand. Und dann waren die beiden Alphas dabei einander an die Kehle zu gehen.
Jedes Kind wusste, dass man sich niemals in einen Alpha-Kampf einmischen durfte. Was Carol nicht davon abhielt dazwischen gehen zu wollen – Andrea musste sie mit sanfter Gewalt davon abhalten. „Nein, nein, er bringt ihn noch um!", jammerte Carol, und Andrea war sich nicht sicher, welchen von beiden sie damit eigentlich meinte. Für einen unbeteiligten Beobachter sah es tatsächlich so aus als wollten beide Alphas den jeweils anderen umbringen.
Alpha-Kämpfe endeten nicht zwangsläufig mit Toten. In zivilisierten Kreisen - oder denen, die sich dafür hielten - kam das so gut wie nicht mehr vor. Aber dieser Kampf sah von Sekunde zu Sekunde mehr danach aus als würde er nur auf diese Weise enden können. Andrea hatte etwas ähnliches noch nie gesehen.
„Soll ich Merle oder Morals holen gehen?", wollte Jacqui besorgt wissen. Und sie hatte ja recht, wenn dann würde nur ein Alpha zwischen diese beiden Alphas gehen können, aber Andrea befürchtete, dass ein weiter Alpha alles nur noch schlimmer machen würde, also schüttelte sie den Kopf. Dann versuchte sie zu beschwichtigen, weil ihr nichts Besseres einfiel.
„Das reicht jetzt aber!", verkündete sie, „Hört auf!" Genau keine Reaktion erfolgte darauf. Sie warf Lori einen auffordernden Blick zu, doch diese schüttelte nur den Kopf.
Inzwischen sah es immer mehr danach aus, als ob Shane die Oberhand gewann, und für einen Moment hoffte Andrea einfach, dass Ed sich ergeben würde. Wenn er das tat, dann würde Shane doch mit Sicherheit aufhören, oder nicht? Aber immerhin sprachen sie hier von Ed Peletier. Der würde lieber sterben als sich zu ergeben.
Es war Carl, der den Bann brach. „Shane! Nicht!", schrie er, als sie entsetzt beobachteten wie Shane seinen Gegner bereits am Boden festgenagelt hatte, seine Hände aber trotzdem um dessen Hals legte. Shane hielt tatsächlich inne, und dann schien die Alpha-Rage langsam aus seinem Körper zu weichen.
Er schnaubte und sprang auf. „Vergiss das hier lieber nicht, Peletier!", bellte er.
„Du Irrer!", keuchte Ed, der offenbar nicht lernfähig war, „Du verdammter Irrer!"
„Ich bin der Irre? Denkst du etwa, ich hätte nicht gesehen, was du getan hast?!", brüllte Shane ihn an und schien bereit gleich noch einmal auf ihn loszugehen. Andrea wagte, was sich sonst keiner traute, und legte ihre Hand auf Shanes Schulter. „Shane, nicht, er hat genug", sagte sie beruhigend aber bestimmt, „Er könnte seine Hand nicht mehr gegen uns erheben, selbst, wenn er es wollte."
Shane atmete schwer, gab dann einen Knurrlaut von sich und meinte: „Wir sollten dich rauswerfen. Der einzige Grund, warum ich es nicht tue, sind Carol und Sophia!"
Ed knurrte zurück, senkte aber endlich doch den Kopf, und signalisierte so seine Unterwerfung. Vielleicht war er ja doch lernfähig. Zumindest ein bisschen.
Carol sammelte ihren Mann ein, der immer noch wütend wirkte, und brachte ihn weg und Andrea erwartete ein ähnliches Verhalten von Lori, doch sie machte keine Anstalten sich um Shane zu kümmern, also blieb es wohl an ihr hängen. „Komm mit, ich verarzte dich", meinte sie und führte den blutenden Alpha zum nächsten Erste Hilfe-Kasten.
„Ich weiß ja, dass es dich nervös macht, dass Rick weg ist, aber sich jetzt auf einmal auf Ed zu stürzen, ist nicht gerade klug", meinte Andrea, „Er ist ein Arsch, ja, aber mehr auch nicht."
Shane schnaufte. „Ihr hättet mich nicht davon abhalten sollen ihn zu töten", meinte er.
Andrea traute ihren Ohren nicht und hielt mitten im Anlegen des Druckverbands auf Shanes blutenden Arm inne. „Bitte?"
„Ed ist gefährlich. Er ist gefährdet uns alle. Er ist ein tollwütiger Alpha, wenn er gewonnen hätte, hätte er nicht gezögert mich umzubringen, und danach Merle und Morales und alle anderen, die sich ihm in den Weg gestellt hätten", erklärte Shane.
„Du übertreibst", meinte Andrea, „Nur weil er seine Frau schlägt, heißt das noch nicht…"
„Glaub mir", unterbrach sie Shane, „ich erkenne so was."
Später fragte sie sich, ob er das gesagt hatte, weil er seinesgleichen erkannte. In diesem Moment aber wurde ihr nur klar, wie naiv es von ihr gewesen war anzunehmen, dass das Ende der Zivilisation eine Chance auf einen besseren Neubeginn sein könnte. Wie sollte das gelingen, wenn Alphas unter ihnen waren?
So richtig klar wurde ihr aber erst wie naiv sie wirklich gewesen war, als Amy sterbend in ihren Armen lag.
IV.
„Du bist ja entzückend. Ist das ein Cowboy-Hut?"
„Ein Sherriff-Hut", erwiderte Carl gedämpft. Er war umgeben von Beta-Frauen, die ihn anzuhimmeln schienen, und er war sich nicht sicher warum. Er war sich auch nicht sicher, wer diese Frauen waren, eine nannte sich Sherry, eine Frankie, die anderen Namen hatte er sich nicht gemerkt, und offenbar waren sie Negans Ehefrauen. Carl verstand nicht ganz, warum irgendjemand mit Negan verheiratet sein wollte, geschweige denn warum es so viele Betas wollen sollten, aber er verstand viel nicht, seit sie hier angekommen waren.
Sie waren alle getrennt worden, und Negan hatte ihn in ein luxuriöses Schlafzimmer gesperrt und war dann gekommen um sich mit ihm zu unterhalten. Carl hatte versucht einsilbig zu sein, hatte sich aber nicht getraut die Fragen, die ihn gestellt wurden, nicht zu beantworten. Negans Pheromone strahlen Autorität aus, und sein Baseballschläger mit den Dornen drauf befand sich immer in Reichweite. Trotzdem hatte Negan scheinbar versucht nett zu ihm sein, er hatte ihm Comics geschenkt und versucht nicht-bedrohlich zu wirken, aber dieser Zug war abgefahren. Carl würde niemals keine Angst vor diesem Mann haben.
Und dann waren die Betas aufgetaucht, hatten sich vorgestellt und ihn gefragt, ob er irgendwelche speziellen Wünsche oder Bedürfnisse hatte. Carls einziges Bedürfnis war seinen Vater wiederzusehen und nach Hause zurückzudürfen, aber er nahm nicht an, dass diese Betas ihm eines von beiden erfüllen könnten.
„Du hast sehr hübsche Augen", erklärte ihm Sherry. Carl wusste nicht, was er auf dieses Kompliment sagen sollte. Weibliche Betas sollten ihn eigentlich beruhigen. Seine Mutter war einer gewesen, Andrea war einer, Sasha, Tara, und Rosita waren welche, Enid war einer - normalerweise mochte er weibliche Betas, fühlte sich wohl bei ihnen, aber mit diesen hier stimmte eindeutig irgendetwas nicht. Sie rochen falsch, nach Parfum, was viele Gerüche überdeckte, aber nicht alle, und nicht genug um ihm nicht falsch vorzukommen. Seit sie auf der Straße abgefangen worden waren, kam ihm alles falsch vor.
„Hast du Hunger, Carl?", fragte ihn eine der Betas, und Carl schüttelte nur den Kopf. Er war immer noch zu verängstigt um etwas zu sich zu nehmen. Er würde nichts herunterbekommen.
„Erzähl uns von deinem Nest, Carl. Wie ist es bei dir zuhause?"
„Anders als hier", lautete Carls einzige Antwort.
„Woher willst du das wissen? Du hast doch noch gar nichts gesehen", wollte Frankie wissen, „Wenn du brav bist, bekommst du später vielleicht die große Tour." Carl hatte keine Lust auf die große Tour. Er wollte nachhause.
„Carl, wir versuchen nur es dir hier angenehm zu machen", sagte Sherry, „Es kann sehr irritierend sein, wenn man hier ankommt." Irritiert war Carl auf jeden Fall. „Aber je eher du dich damit abfindest, wie dein Leben jetzt aussieht, desto schneller kannst du dich daran gewöhnen."
Carl war verwirrt. „Was meinst du damit? Woran kann ich mich gewöhnen?", wollte er wissen, und dann schwirrten ihn tausende beunruhigende Ideen durch den Kopf. Wollte Negan etwa, dass er … eine weitere Ehefrau von ihm werden sollte oder dergleichen? Erinnerungen an Joey und an Ron stiegen in ihm hoch und ihm wurde schlecht. Nein, nicht schon wieder, warum immer ich?! Warum immer diese verrückten Alphas! Er hatte wahrlich genug von ihnen!
„Ich werde nicht hierbleiben!", verkündete er.
„Armer Carl", meinte Sherry, „Was denkst du, warum du hier bist, wenn nicht um zu bleiben?"
Vielleicht war es ja gar nicht das, was Negan mit ihm vorhatte. Vielleicht wollte er einen Sohn oder so etwas Ähnliches. Das wäre krank genug, wenn man die Umstände bedachte, aber immerhin noch besser. Doch Carl hatte auch darauf keine Lust. Enid hatte recht, ich hätte in Alexandria bleiben sollen. Später war man immer klüger.
Die Türe öffnete sich, und Negans Geruch strömte in den Raum. Carl wurde noch übler. „Ladies, seid so gut und verschwindet, ja?!", forderte Negan, was Carl nun endgültig panisch werden ließ. Comics und Nettigkeiten waren nicht genug um ihn zu kaufen, aber jemand wie Negan ließ sich mit Sicherheit nicht davon abhalten sich das zu holen, was er haben wollte.
„Hey, Kleiner, immer mit der Ruhe, ich weiß zwar nicht, was du denkst, aber ich bin nicht hier um dir was anzutun, okay?", meinte Negan, als er eintrat, und musterte Carl mit einem Blick, der so etwas ähnliches wie Sorge ausdrückte, „Ich meine, ich würde doch nicht riskieren von deinem Dad gemeuchelt zu werden, oder? Nein. Ich weiß ja, dass du schlecht von mir denkst, aber ich hab dir ein Geschenk mitgebracht."
Carl hatte wahrlich genug von Negans Geschenken! Wieso bestand dieser Alpha auch ständig darauf ihm Dinge aufzudrängen, die er nicht wollte, und wieso ließ er ihn nicht einfach….
Für einen Moment kam Carl alles unwirklich vor. Hatte er schon Halluzinationen? Er erinnerte sich an den beruhigenden Geruch, die Nächte kurz danach, im Zelt gemeinsam mit Mom und ihm … „Shane?"
„Carl." Seine Stimme klang wie die von Shane. Vielleicht fühlte es sich so an, wenn man verrückt wurde.
„Gern geschehen. Sagt nicht, dass ich nie was für euch tue", meinte Negan und verließ den Raum. Carl bemerkte es kaum.
„Shane", wiederholte er.
„Carl, du bist so groß geworden….", stellte Shane fest, und sein Gesichtsausdruck spiegelte Unglauben wieder, „Ist es so lange her?"
Ja, das war es. Und wie er sich vor all den Jahren davor in die Arme seines einen totgeglaubten Vaters geworfen hatte, warf er sich nun in die Arme seines anderen totgeglaubten Vaters.
A/N: Sorry für den Cegan-Tease, darüber müsst ihr euch aber erst mal eine Sorgen machen, denn selbst wenn ich das wollte, dürfte ich das hier nicht posten, solange Carl noch minderjährig ist.
Vergangenheit und Zukunft haben in dieser Fic immer einen Zusammenhang, nicht nur thematisch und informationstechnisch, sondern auch, wenn es um die Frage geht, was anders passiert ist als im Canon, und was überhaupt passiert ist und ja, hier gibt es ein paar große Fragenzeichen, denen wir uns eher langsam als schnell annähern, und das größte für den Moment ist natürlich die Shane-Frage, aber ja offenbar ist er nie gestorben und wurde nie von Carl ins endgültige Jenseits geschickt, der bei der letzten Auseinandersetzung zwischen Rick und Shane nicht anwesend war.
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