Zusätzliche Warnings für dieses Kapitel: Erhöhte Warnstufe für Gewalt und Tod und für Negan
No Sanctuary
I.
Ricks Plan Morgan von seinem Wahnsinn abzubringen war aufgegangen, die Waffen hatten sie auch bekommen, zumindest teilweise, einen Teil davon hatte sie an ein Rudel abgegeben, das immer noch in der Stadt lebte und ein Altenheim beschützte, dessen Insassen nicht evakuiert hatten werden können. Vielleicht war es der Anblick dieser Gruppe, die jede Chance auf eine Zukunft aufgegeben hatte um gerade noch Lebende zu schützen, der Morgan vor Augen führte, wie dumm es wäre alles für eine bereits Tote aufzugeben. Duanes Zukunft sollte seiner Meinung nach letztlich wohl doch anders aussehen. Trotzdem suchten sie seine Frau auf und beendeten ihr Unleben, erst dann machten sich auf zurück zum Camp. Und sie kamen gerade noch rechtzeitig an, um einen Angriff der Wandelnden Toten mitzuerleben.
Es gab Tote. Ed Peletier schaffte es nicht, genauso wenig wie Amy. Andrea traf der Tod ihrer Schwester hart, Carol weinte über den Verlust von Ed (wenn auch sonst niemand, nicht einmal Sophia zeigte Trauer), doch so wie es aussah würden sie nicht die einzigen Toten bleiben, Jim war gebissen worden, und bisher hatte sich noch jeder, der gebissen worden war, in einen von denen verwandelt.
„Wie lange hat er?", wollte Rick von den anderen wissen.
„Das ist sehr unterschiedlich. Stunden, eventuell ein paar Tage", meinte Shane, „Aber verwandeln wird er sich."
Keinem gefiel es, aber letztlich blieb ihnen nur eine Wahl, sie mussten Jim zu ihrer eigenen Sicherheit zurücklassen. Dale, den Amys Tod beinahe so hart getroffen hatte wie Andrea, war davon alles andere als begeistert. „Wir können ihn nicht einfach zurücklassen", meinte er, „Vielleicht verwandelt er sich ja nicht."
„Aber wenn er sich verwandelt, während wir schlafen, dann sind wir alle tot", meinte Shane hart.
„Shane hat recht", meldete sich Jim zu Wort, „Ich will nicht der Grund dafür sein, dass irgendjemanden von euch etwas zustößt. Lasst mich hier. Bindet mich an einen Baum. Wenn ich mich nicht verwandeln sollte, dann komme ich euch nach, finde euch."
Dale war trotzdem unglücklich, fand sich aber wohl damit ab, weil es Jims eigener Wunsch war. „Er hat wie verrückt Löcher gebuddelt", murmelte er, „Irgendwie hat er es gewusst, hat sein eigenes Grab vorbereitet."
Das Camp konnte nun, nachdem sie überrannt worden waren, nicht mehr dort bleiben, wo es war. Doch die Frage, wo sie nun hinsollten, konnten sie auch nicht so einfach klären. Was sie klären konnten war Amy und Ed zu begraben und Jim zurückzulassen.
Rick war eigentlich Dales Meinung, es kam ihm falsch vor Jim zurückzulassen, aber die anderen hatten mehr Erfahrung mit der Krankheit, die das Ende der Welt herbeigeführt hatte, als er, und sie schienen sich alle einig zu sein, dass es keine Rettung für Jim gab. Also fand er sich damit ab. Womit er sich weniger abfinden konnte war, dass Shane ihn mit Missachtung strafte. Seit sie ins Camp zurückgekommen waren, hatte sein Alpha ihn kein einziges Mal angesehen.
„Was war mit Jim? Dale sagt, er hat Löcher gebuddelt?", versuchte er Shane in ein Vieraugengespräch zu verwickeln, während die anderen mit anderen Dingen beschäftigt waren.
„Hat er, ich hab's ihm ausgeredet", meinte Shane nur schulterzuckend, „War wohl ein Hitzschlag. Oder auch nicht. Vielleicht drehen wir einfach alle einer nach dem anderen durch." Dann wollte er Rick stehen lassen. Rick griff nach seinem Arm. „Warte bitte, Shane! Ich verstehe nicht, warum du so wütend auf mich bist!" Er fühlte sich verloren. Er und Shane stritten sich nicht, er und Lori stritten sich, Shane und er waren immer einer Meinung. Das hier war neu, und es gefiel ihm nicht.
„Du hättest sterben können!", schleuderte ihm Shane entgegen, „Bei diesem Angriff! Du hättest sterben können! Ich hatte keine Ahnung, wo du bist! Du hättest sterben können, verstehst du?!"
Rick nickte erstaunt. „Das hätten wir alle. Ich verstehe nur nicht, was…." Er brach ab, als er Shanes Blick sah. „Ich kann dich nicht beschützen, wenn du nicht bei mir bist", meinte er rau, „Vielleicht kann ich es nicht mal, wenn du neben mir stehst. Ich bin nicht wütend auf dich, Rick, ich fühle mich hilflos, und das hasse ich. Okay?"
„Und du denkst, ich hätte die Waffen nicht teilen sollen", vermutete Rick.
Shane lachte bitter. „Wenn du es nicht getan hättest, wärst du nicht du", meinte er nur. Er wirkte irgendwie traurig, besiegt. Vielleicht dachte er, dass das, was mit Amy und Ed und Jim passiert war, seine Schuld war. Oder er war immer noch eifersüchtig auf Morgan. Aber Rick wusste tief in sich, dass es um nichts davon wirklich ging, er wusste, worum es wirklich ging. Immer noch. Wie konnte ich nur so blöd sein zu denken, dass es mit ein paar Worten erledigt ist?
Rick umarmte den Alpha schnell und fest. „Du hättest nichts tun können, okay? Was mir passiert ist, war mein Fehler, nicht deiner. Und ich lebe noch, ich bin hier, bei dir, wir sind beide hier. Zusammen. Es tut mir leid, dass ich ohne dich weggegangen bin, aber ich werde es nicht noch mal tun. Wir sind Partner, du und ich, wir sind zusammen stärker", erklärte er. Shane drückte ihn an sich, als würde sein Leben davon abhängen. „Verlass mich nicht, Rick, nicht noch mal", bat er.
„Das werde ich nicht", versicherte ihm der Omega.
Shane löste sich von ihm und küsste ihn schnell auf die Stirn. „Hört sich an, als wären die Dixons von der Jagd zurück", meinte er, „Ich gehe mal nachsehen, was sie aufgetrieben haben." Rick sah ihm voller Zuneigung und Sorge hinterher.
„Er hat Ed verprügelt, weißt du? Als du weg warst", Andrea war hinter Rick getreten, er hatte ihre Anwesenheit gar nicht bemerkt, „Hätte ihn fast umgebracht. Und Lori hat keine Anstalten gemacht dazwischen zu gehen."
Rick sah sie verwirrt an. „Ich…." Es wird nie wieder passieren, hatte ihm Shane versprochen, und offenbar hielten er und Lori sich daran und sogar noch mehr. Rick konnte sich nicht erinnern, die beide seit ihrem Gespräch über die Schwangerschaft zusammen gesehen zu haben. Oder auch nur nahe beieinander stehend. „Es ist nur der Stress", behauptete er dann.
„Stress ist gefährlich, Rick", meinte der Beta, „Stress hat meine Schwester umgebracht. Bete lieber, dass er nicht noch mehr Leute umbringt." Dann ließ auch sie ihn stehen.
Rick blickte ihr stumm hinterher. Offenbar hatte er ein paar Fehler gemacht, seit er mit seinem Rudel wiedervereint worden war, und offenbar war er da nicht der einzige gewesen, aber es war nicht zu spät das zu ändern, es war jedoch nicht zu spät alles wieder in Ordnung zu bringen, davon war er überzeugt. Er hatte zu sehr an sich und zu wenig an die anderen gedacht. Das musste er ändern, dann würde sich schon alles von selber richten, davon war er überzeugt.
Es war sein Vorschlag vom CDC zu fahren. Nicht alle waren von der Idee begeistert. Shane sagte nichts, aber Rick wusste, was er von der ganzen Sache hielt. Er konnte es in seinen Augen lesen. Noch ein Fehler, er hätte den Plan vorher mit Shane besprechen sollen, anstatt ihn lauthals der ganzen Gruppe zu verkünden. „Es ist ein guter Plan", beharrte er später, als sie alleine waren, „Wir müssen an unsere Familie denken. An Carl und das Baby."
„Und wieso auch hättest du mich nach meiner Meinung fragen sollen?", gab Shane voller Ironie zurück, „Ich bin ja nur der Alpha hier. Du hast doch immer schon alles für uns beide entschieden."
„Das ist nicht fair", sagte Rick leise. Wie konnte es sein, dass sie schon wieder stritten? Hatten sie sich nicht gerade erst versöhnt?
„Von mir aus fahren wir zum CDC, was kümmert es mich", meinte Shane.
„Ich habe nie gesagt, dass du Lori meiden sollst. Du hast das beschlossen", erklärte Rick mit belegter Stimme.
„Du hast nichts sagen müssen. Denkst du, ich wüsste nicht was du bei dem Gedanken alleine, dass es nicht von dir ist, empfindest?", gab Shane zurück, „Und für dich tue ich alles, nicht wahr? Gebe immer alles auf. Mache immer alles so, wie du es willst. Von wegen Partner."
„Es war nur eine Idee! Wenn du so dagegen bist, dann fahren wir woanders hin!", rief Rick hilflos, „Dann fahren wir dorthin, wo du hinfahren willst! Wo der Alpha hinwill!"
„Jetzt machst du es schon wieder! Stellst mich da wie einen von diesen Alphas….."
„Du hast doch damit angefangen!"
Sie starrten einander wütend an. Was passierte gerade mit ihnen? Rick hatte keine Ahnung. Shane war anders als früher, das war alles, was er wusste. Er wusste nur nicht wirklich warum.
„Ich will nicht streiten", meinte er dann tonlos, „Warum streiten wir?"
Shane seufzte, erwiderte aber nichts. Rick wusste nicht, was er ihm sagen sollte, um ihn zu befrieden. Jeder Schritt, den er in letzter Zeit tat, schien falsch zu sein, und er wusste nicht warum. „Sag mir, was ich tun kann, um es wieder gut zu machen", bat er dann.
Shane schüttelte nur den Kopf. „Dann fahren wir eben zum CDC", meinte er, „Ich habe ja gesagt, dass es keine Rolle spielt. Ich will auch nicht streiten." Trotzdem hatte Rick das Gefühl, dass nichts zwischen ihnen gelöst war. Und er verstand das Problem immer noch nicht. Ja, er hatte die Idee nicht mit Shane besprochen, bevor er sie den anderen vorgeschlagen hatte, aber wieso tat Shane so, als hätte er damit seine Autorität untergraben? Immerhin hatten die anderen doch wohl auch das Recht eine Meinung zu dieser Idee zu haben, oder nicht?
Morales war der Meinung, dass es eine dumme Idee war, packte seine Familie zusammen, und fuhr woanders hin. Und Morgan wollte auch gehen. Duane mitnehmen und Rick verlassen. Schon wieder. Hatten sie das nicht schon durch?
„Ich dachte, du hast endlich eingesehen, dass du bei den Lebenden und nicht bei den Toten sein musst", meinte Rick bitter zu ihm.
„Das habe ich auch. Und wenn ich könnte, dann würde ich mit euch kommen. Aber Rick, ich kann nicht. Du weißt warum", erklärte Morgan.
„Nein, das weiß ich nicht", berichtige ihn Rick.
Morgan warf ihm einen Blick ala „Muss ich es wirklich aussprechen?" zu. Dann deutete er auf Shane, der gerade dabei war Carl spielerisch Ricks Hut auf den Kopf zu setzen, was Sophia, die neben ihm stand, zum Lachen brachte. Rick schüttelte nur verständnislos den Kopf.
„Shane ist der Grund, warum ich nicht bleiben kann, Rick. Ich habe es versucht, wirklich, aber irgendwo in seinem Kopf hat er sich der Gedanke festgesetzt, dass ich dich ihm wegnehmen will. Und ich will ehrlich sein, ich habe vor noch länger unter den Lebenden zu weilen, also muss ich irgendwohin gehen, wo ihr nicht seid", erklärte Morgan.
„Aber … das ist doch Unsinn. Ich bin sicher, dass Shane einsehen wird, dass er sich irrt, wenn wir es ihm erklären", meinte Rick dazu.
„Vielleicht irrt er sich ja nicht. Nicht vollkommen zumindest", gab Morgan zu.
„Oh."
Morgan schüttelte den Kopf. „Instinkt ist so eine Sache. Normale Umstände sind das eine, aber das hier ist was anderes. Das ist neu für uns alle. Wir dachten immer, wir sind so zivilisiert. In Wahrheit waren wir es nie. Es waren immer nur Masken, und es hat nur so einen Vorfall bedurft um das ans Licht zu bringen. Um uns zurück zu entwickeln. Ich will das alles nicht, ich will kein typischer Alpha sein, ich will einfach nur Morgan sein. Aber ein Teil von mir ist ein typischer Alpha, und der denkt, dass du mein Omega bist. Und Shane hat jedes Recht darüber nicht erfreut zu sein. Und auf Dauer kann das nicht gut gehen. Mein Junge braucht mich. Und Shane braucht dich. Ich will mich nicht zwischen euch beide stellen. Also muss ich gehen", erklärte er dann, „Es tut mir leid, Rick."
Shane hob den Kopf und blickte zu ihnen herüber. Seine Miene wirkte neutral, aber er hatte Morgan genau im Auge. Aber wir sind doch keine Tiere! Wir können das alles wie Erwachsene regeln!, wollte Rick sagen, doch er sprach es nicht aus. Morgan und Duane nahmen ein Walkie-Talkie mit und verließen ihn. Es wäre gelogen, wenn er behaupten würde, dass er ihren Verlust nicht spüren würde. Aber vielleicht war es wirklich besser so. Es gab schon genug Streit in ihrer Gruppe.
Und so machten sich nur Rick, Lori, Carl, Shane, Dale, Andrea, Jacqui, T-Dog, Glenn, Merle, Daryl, Carol, und Sophia auf zum CDC.
II.
Ricks nächster Besucher war wieder Negan, und offenbar hatte er vor Rick das Sanctuary zu zeigen. „Da du dich gut benommen hast, dachte ich, es ist an der Zeit für die große Tour", erklärte er. Rick hätte auf die große Tour gerne verzichten können, aber ihm war durchaus klar, dass der Alpha ihm keine Wahl ließ. Rick wünschte sich nur, dass er wenigstens nicht in seiner stinkenden Kleidung im Sanctuary umherwandern müsste. Bisher waren ihm weder Dusche nach Ersatzkleidung angeboten worden, und ihm war durchaus klar warum, jeder sollte alles riechen können - seine Angst, den Urin, sein Omegatum - niemand sollte einen falschen Eindruck von ihm bekommen. Negan wollte, dass jeder aus seinem Rudel wusste, dass Rick Grimes nichts weiter war als ein verängstigter Omega, ein verängstigter Omega, den er unter Kontrolle hatte, und den er deswegen nun allen vorführte. Auch wenn er offiziell Rick sein Reich zeigte.
Das Sanctuary war riesig und gut bewohnt. Hauptsächlich von Betas, wie es schien, die für diverse Arbeiten eingeteilt worden waren, sie züchteten Getreide und Gemüse, stellten Waffen her, reparierten elektronische Geräte… Jede Gruppe wurde von mindestens einem Alpha überwacht, der ein Auge aus alles hatte, was vor sich ging. Die Alphas waren bewaffnet, die Betas nicht.
Rick konnte nicht anders als sich zu fragen, wie viele von diesen Betas freiwillig hier waren, und wie vielen keine andere Wahl geblieben war. Die niederrangiste Gruppe schien für das Verpacken und Abfüllen von Dingen zuständig zu sein. Sie befüllten leere Behältnisse und entleerten andere, deren Inhalt sie neu verteilten. Das Meiste von dem, was hier landete, wurde wohl nicht hier gezüchtet, sondern war von anderen Rudeln gestohlen worden und wurde nun auf die Erlöser Außenposten aufgeteilt.
„Jeder hier hat eine Aufgabe, die er genau kennt und in der gut ist, jeder hier hat seinen Platz", erklärte Negan Rick, „Jeder trägt etwas zum Allgemeinwohl bei."
„Wie viel von euren Erträgen bekommen diejenigen, die die Landwirtschaft betreiben, die Reparaturen durchführen, und in der Verpackungshalle sitzen?", wollte Rick wissen.
„Jeder bekommt genug. Ich lasse niemanden verhungern", versicherte ihm Negan.
„Aber manche bekommen mehr", vermutete Rick.
„Nun, nicht jeder leistet die gleiche Arbeit. Manche tragen Dinge bei, die wertvoller für uns, sind als andere. Ich meine, jeder kann Gemüse züchten, aber nicht jeder kann ein Erlöser sein", behauptete Negan, „Und es ist verdammt schwer ein Erlöser zu sein. Wer seine Arbeit gut macht, Scheiße für mich beschafft, hat eine kleine Belohnung verdient."
Rick ersparte es sich darauf hinzuweisen, dass beinahe alle dieser, die mehr beitrugen, Alphas waren. Negan schien diesen Gedanken trotzdem zu erraten. „Alphas sind nun mal diejenigen, die für das Rudel kämpfen", meinte er, „So ist es schon immer gewesen, und jetzt ist es wieder so. Nicht jeder kann sein wie ihr. Wir wussten ja nicht, dass es dort draußen Leute gibt, die sind wie ihr."
Rick warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Negan verzog keine Miene, sondern fuhr fort: „Und man kann seinen Status verbessern. Kann aufsteigen in der Hierarchie, wenn man bereit ist gewisse Opfer zu bringen oder sich nützlich macht. Und dann gibt es natürlich diejenigen mit besonderen Fähigkeiten. Unseren Arzt zum Beispiel, wir halten ihn in großen Ehren. Immerhin ist der die wichtigste Person hier, abgesehen von mir natürlich." Er schenkte Rick ein ausdrucksstarkes Grinsen.
„Kann ich die Krankenstation auch sehen? Diesen Arzt kennenlernen?", erkundigte sich Rick.
„Oh, mir ist natürlich klar, dass du Maggie sehen willst", gab Negan zurück, „Und ich würde sie dir ja auch gerne zeigen, aber ich bin nicht sicher, ob das wirklich verdient hast. Siehst du, ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass du das, was ich dir gerade gezeigt habe, in Wahrheit nicht zu schätzen weißt."
Hatte er sich etwa allen Ernstes ein Lob für die Einteilung von Betas zu Sklavenarbeit erwartet? Vielleicht hatte er das ja. Alphas neigten mitunter zu Wahnvorstellungen. Vermutlich war Negan der Meinung, dass er hier richtig viel erreicht hatte, dass er die Zivilisation wieder aufgebaut hatte.
Rick erinnerte sich an seine erste Zeit in Alexandria, an seine anfängliche Irritation darüber, dass es Menschen gab, die ihr zivilisiertes privilegiertes Leben einfach fortgesetzt hatten, als hätte sich nichts geändert, als wäre die Welt nicht untergegangen. Das hier war damit nicht zu vergleichen, Alexandria hatte da weiter gemacht, wo die Welt vor ihrem Ende aufgehört hatte, Negan hingegen hatte sich eine Parodie einer Zivilisation erschaffen, die nach seinen Vorstellungen funktionierte.
„Wenn hier alles so glücklich sind, warum sind die Wachen dann bewaffnet?", wollte er wissen.
„Weil man nie vorsichtig genug sein kann. Was wenn die Hässlichen hier reinkommen würden? Wie könnten die Wachen die Arbeiter ohne Waffen beschützen?", erwiderte Negan scheinbar voller ehrlicher Überraschung.
„Und sie würden ihre Waffen natürlich niemals gegen die Arbeiter einsetzen", vermutete Rick voller Ironie in seiner Stimme.
„Warum sollten sie? Das ist noch niemals notwendig geworden. Keiner hier plant eine Rebellion oder so etwas Ähnliches. Jeder kennt seinen Platz, das sagte ich doch schon, und ist glücklich damit", betonte Negan, „Du kannst sie ja gerne selbst fragen. Nur zu!"
Als ob irgendjemand ihm die Wahrheit sagen würde, solange bewaffnete Wachen und der Alpha persönlich samt seinem verdammten Baseballschläger anwesend waren. „Ich denke, ich verzichte", meinte Rick, „Ich kann mir gut vorstellen, was sie mir sagen würden."
Negan grinste ihn an. „Ich sagte dir ja, dass sie alle zufrieden sind", verkündete er, „Dafür sorge ich. Zufriedene Arbeiter sind produktive Arbeiter, und produktive Arbeiter sind das, was wir brauchen, damit alle anderen ebenfalls zufrieden sind." Damit meinte er wohl vor allem, dass es darum ging die Alphas zufrieden zu halten. Und was für eine Aufgabe hat er uns Omegas in seiner schönen neuen Welt zugedacht? Was sollen wir für ihn tun? Rick wünschte sich, er müsste es niemals erfahren.
Ein bewaffneter Alpha trat zu Negan und flüsterte ihm etwas ins Ohr. „Ah", meinte der Rudelführer daraufhin, „Scheinbar gibt es Arbeit. Komm mit, Rick, du sollst sehen, wie ich führe." Rick wollte es nicht sehen, folgte den beiden Alphas aber gehorsam. Einige Hallen später erreichten sie eine Gruppe bewaffneter Erlöser, die einen Beta in die Mangel genommen hatten.
„Was muss ich da hören, Timmy? Du hast gestohlen? Von uns?!", meinte Negan tadelnd, doch es war nicht der spielerisch tadelnde Tonfall, mit dem er Rick seit seiner Ankunft im Sancturay bedacht hatte, es war ein eiskalter Tonfall, der Rick einen Schauer über den Rücken jagte.
„Es war nicht für mich! Es war für Anna, sie ist krank, sie hat es gebraucht", verteidigte sich der gefangene Beta, Timmy, „Ich hätte es nicht getan, wenn es nicht notwendig gewesen wäre!"
„Timmy, Timmy, Timmy. Wenn jemand krank ist oder etwas Bestimmtes braucht, dann fragt er danach", erklärte Negan kopfschüttelnd.
„Das haben wir!", rief Timmy.
„Und wenn es ihm dann verweigert wird, dann gibt es dafür Gründe", fuhr Negan fort, „Die man zu akzeptieren hat."
„Anna hat es gebraucht", betonte Timmy.
„Mhm, ja ich kann sehen, dass du das wirklich glaubst. Aber du kennst die Regeln. Wir dulden hier keinen Diebstahl. Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach tun und lassen könnte, was er wollte? Die Regeln gelten für alle, Timmy, auch für dich. Du weißt, was jetzt passieren muss….", verkündete Negan mit Grabesstimme.
„Nein, nein, nein, bitte nicht!", bettelte Timmy, und seine Geruchsaussonderung verriet seine ansteigende Angst.
„Du hast gewusst, was du in Kauf nimmst", meinte Negan ernst, „Bringt ihn her. Zum Richtstock."
Die Erlöser schleppten den strampelnden Beta zu etwas, das tatsächlich aussah wie eine Art Richtstock, es war eine schwarze Erhebung, auf die Timmys rechte Hand gepresst wurde. Der versuchte aufzustehen, wurde aber niedergehalten.
„Hier, hältst du das mal bitte kurz, Rick?", wandte sich Negan an Rick und drückte ihm seinen Baseballschläger in die Hände. Rick starrte irritiert auf die Waffe in seinen Händen, und dann auf Negan, der sich eine Machete reichen ließ und sich dann vor Timmy hinstellte.
„Bitte, bitte, tu das nicht! Es tut mir leid!", bettelte Timmy.
„Nicht so leid, wie es dir gleich tun wird", prophezeite ihm Negan und hackte dem Beta dann, ohne zu zögern, den rechten Arm ab. Blut spritze aus dem Stumpf, und Timmy schrie wie am Spies. Sein abgetrennter Arm landete am Boden, und Negan reichte die Machete zurück an ihren Besitzer, stellte sich dann neben Rick und entwand diesem wieder seinen Baseballschläger. Er wirkte dabei vollkommen ruhig, als wäre gar nichts geschehen.
Timmy schrie weiter, und sein Stumpf blutete weiter. Rick starrte ungläubig auf die Szene. Andrea in Woodbury, Hershel im Gefängnis – Amputationen um ihr Leben vor Bissen zu retten, niemals aber um jemanden zu strafen. Rick blinzelte. Niemand machte Anstalten Timmys Blutung zu stoppen. „Er wird verbluten, wenn niemand etwas unternimmt", sagte Rick schließlich.
„Ach? Wird er das?", erkundigte sich Negan desinteressiert.
„Er hat nicht für sich gestohlen, und er hat sich entschuldigt und wurde bestraft", argumentierte Rick.
„Ja, das wurde er. Und ja, das hat er. Damit hast du recht, das muss ich zugeben", gestand Negan nachdenklich ein, „Na gut, schafft ihn zum Doc. Und macht hier sauber. Dieses ganze Blut ist ja ekelig! Komm, Rick, unsere Tour ist noch nicht zu Ende."
Rick sah wie der immer noch blutende Timmy, der immer noch vor Schmerzen schrie, von anderen aufgeklaubt und weggebracht wurde, und beeilte sich dann Negan zu folgen, der schon wieder weitergegangen war.
„Disziplin ist wichtig. Findest du nicht? Man kann ja nie wissen, was sonst passieren würde", meinte Negan freundlich, „Wir wollen ja nicht, dass irgendjemand übermütig wird."
„Für Diebstahl wird einem hier also die Hand abgehackt", stellte Rick fest.
„Natürlich. Das hat man früher so gemacht, die wussten schon warum", meinte Negan, „Jedes Vergehen wird entsprechend bestraft, ansonsten würde die Gesellschaft nicht funktionieren."
„Und wenn jemand wahrhaft Reue zeigt? Wird er dann trotzdem bestraft?", wollte Rick wissen.
„Kann Reue gut machen, was zuvor geschehen ist?", gab Negan zurück.
Und was ist mit euch allen? Ihr stehlt doch auch von allen anderen, und ihr habt alle noch zwei Hände, hätte Rick gerne gesagt, aber erstens würde Negan betonen, dass das nicht wahr war und sie nicht stahlen sondern sich nur nahmen was ihnen zustand, und zweitens fürchtete er, dass die Strafe für Verleumdung hier im Sanctuary womöglich das Herausschneiden der Zunge war.
Negan warf ihm einen scharfen Blick zu. „Ich an deiner Stelle würde Shane nicht verzeihen. Ich meine, wer sagt, dass er es nicht wieder tut?", meinte er dann wie nebenbei.
„Ich habe nicht von Shane gesprochen", erwiderte Rick kalt.
„Wie du meinst. Ich will nur betonen, dass wir Vergewaltigung hier nicht dulden und sehr hart bestrafen", merkte Negan an, „Und dass ich nicht darüber stehe vergangene Verbrechen zu ahnden."
„Du bist am vollkommen falschen Dampfer", meinte Rick nur dazu, „Du kennst Shane offenbar nicht sehr gut, wenn du das denkst."
„Ich sage ja nur, dass in der Hitze des Gefechts der Leidenschaft Dinge passieren können, mit denen möglicherweise nicht beide Seiten einverstanden waren", versuchte Negan ihn zu beschwichtigen.
„Mir nicht. Und mit Vergewaltigern komme ich alleine klar", erklärte Rick kalt.
„Oh, ja, ich vergaß. Du beißt ihnen die Kehle durch", stichelte Negan.
„Ja." Er sah den Alpha nur an.
Dessen Lächeln gefror. „Ich sage nur, dass du und die deinen hier absolut sicher sind", wich Negan dann aus.
Rick glaubte das keine Sekunde. Negan hielt sich sicherlich nicht nur in Bezug auf Diebstahl an einen Doppelstandart. Sie erreichten einen neuen Bereich des Sanctuarys. Es war im Grunde ein dunkler Gang mit kleinen Zimmern darin.
„Hier halten wir unsere weniger kooperativen Gäste gefangen", erklärte Negan, „Dein Alpha ist hier drin." Er deutete auf eine Türe auf der rechten Seite. Rick näherte sich ihr und Abrahams bekannter Geruch strömte ihm entgegen. „Und sie ist da drin", Negan zeigte auf einer Türe auf der anderen Seite, hinter dieser roch es nach Michonne.
Rick streckte die Hand nach dieser Türe aus, aber Negan fing ihn ab und drückte seinen Arm bestimmt von der Türe weg. „Eh-eh, hab ich dir erlaubt die Türe zu öffnen? Nein. Du solltest nur sehen, dass ich nicht gelogen habe und deine Alphas am Leben gelassen habe", sagte Negan, „Komm jetzt."
Rick warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Türe, die ihn von Michonne trennte, und dann auf die, hinter der sich Abraham verbarg, folgte dem Rudelführer der Erlöser dann aber aus dem improvisierten Gefängnis hinaus. Sie leben noch. Oder haben zumindest vor kurzem noch gelebt und sind nicht hier gestorben. Das war ein schwacher Trost, aber es war ein Trost.
Negan führte ihn zurück in den Speisesaal. „Rick, hör mal, das mit den Regeln habe ich ernst gemeint", verkündete er dann, „Es gibt gewisse Dinge, die ich nicht einfach so durchgehen lassen kann. Selbst wenn ich es wollen würde. Ich bin der Alpha, wenn ich es bleiben will, muss ich Stärke zeigen. Ich war wirklich großzügig zu euch, das ist dir doch klar, oder? Aber auch meine Großzügigkeit kennt Grenzen. Strafe muss sein."
Rick gefiel diese Rede gar nicht. Sie schien aus dem Nichts zu kommen und erweckte alte Ängste in ihm zu neuem Leben. Wenn Negan sie nun doch töten wollte, wozu hatte er sie dann überhaupt hergebracht? Er wollte sich seine Nervosität nicht anmerken lassen, aber Negans leichtes Lächeln sagte ihm, dass der Alpha wusste, was in ihm vorging. Vermutlich konnte er es riechen.
„Ah, Simon, da bist du ja", stellte Negan fest und blickte über Ricks Schulter, „Wie war es in Hilltop?"
Simon, Negans rechte Hand, grunzte und meinte: „Etwas enttäuschend. In mehr als nur einer Hinsicht." Dann reichte er Negan einen Sack. „Er hat sich gewunden wie ein Wurm", berichtete Simon abfällig, „Ein paar der anderen auch."
Rick wusste, was in diesem Sack war. Er wusste es. Negan wandte sich ihm mit dem Sack in der Hand zu und hielt diesen Rick geöffnet hin. „Sei so gut und hol ihn raus, ja?", wandte er sich an den Omega.
Rick zitterte. Negan starrte ihn erwartungsvoll an. „Muss ich noch mal fragen?", wollte er dann wissen. Rick schüttelte den Kopf und griff dann in den Sack. Seine Hand umfasste das darin und fischte es dann hinaus. Es war Gregorys Kopf. Er hatte ein Loch in der Stirn, sein Gehirn war zerstört, weswegen er nicht nach Rick schnappen konnte.
„Weißt du überhaupt, wie viele meiner Leute ihr getötet habt, Schätzchen?", erkundigte sich Negan.
Rick schüttelte den Kopf. Sie hatten nicht mitgezählt.
„Es waren eine Menge. Ich bin weiterhin großzügig. Das hier sind nur zwanzig. Wir haben ihnen ihren Arzt gelassen, haben die Kinder nicht angerührt, die Omegas am Leben gelassen. Nur Gregory und 20 Alphas und Beta aus Hilltop getötet", sagte Negan, „Ich weiß ja nicht, ob du irgendwen von ihnen persönlich kanntest, aber ich finde, du solltest jeden einzelnen Kopf aus diesem Sack holen und ihn dir genau ansehen. Und wenn du damit fertig bist, niemals vergessen, dass sie alle deinetwegen tot sind. Ich bin großzügig. Ich weiß, dass ihr angelogen wurdet, deswegen habe ich Alexandria verschont, dein Rudel verschont, und die bestraft, die die Schuld tragen. Jetzt aber wisst ihr es besser, ich habe dir alles gezeigt, alles erklärt. Das nächste Mal gibt es so eine Ausrede wie Unwissenheit und Missverständnisse nicht mehr, verstanden? Und jetzt, hol die Köpfe einen nach dem anderen heraus und sieh sie dir an."
Rick senkte den Blick und kam dann dem Befehl nach. So sah also seine Strafe aus. Gregory und die Bewohner von Hilltop, die waren nur Kollateralschäden gewesen, Negan hatte Simon beauftragt sie umzubringen, weil er jemanden umbringen lassen musste, aber die wahre Strafe galt Rick, den er wissen ließ, dass jeder einzelne dieser Toten und alle die eventuell noch darauf folgen würden seinetwegen so endeten. Und wie strafte man einem Omega besser als ihn wissen zu lassen, wem er aller Schaden zugefügt hatte?
Rick fischte jeden einzelnen Kopf aus dem Sack und sah ihn sich genau an. Nicht weil Negan es ihm befohlen hatte, sondern weil er es den Verstorbenen schuldete. Er prägte sich jedes einzelne Gesicht ein um nicht zu vergessen, wem er den Tod gebracht hatte.
Als er fertig war, meinte Negan: „Guter Junge. Das hast du gut gemacht. Und weißt du, was das Beste an einer Strafe ist? Dass man danach weitermachen kann, als wäre nichts geschehen. Man kann verzeihen, auch wenn man niemals vergessen kann."
Zumindest damit lag er richtig. Rick würde das hier nicht vergessen. Verzeihen würde er es auch nicht, weder sich selbst, noch Negan.
III.
Der Ausflug ins CDC stellte sich natürlich als Sackgasse heraus. Der einzig anwesende Arzt war ein Alpha namens Edwin Jenner, der nicht mehr ganz da zu sein schien, und sie überhaupt nur hereingelassen hatte, weil Rick Carl und Sophia vor die Überwachungskameras geschoben hatte und sie von den Beißern angegriffen worden waren. Jenner hatte seinen Omega verloren, und Shane fand er roch nicht richtig. Ein Heilmittel oder dergleichen hatte er auf jeden Fall nicht zu bieten.
Shane hatte ja von Anfang an gewusst, dass der Trip hierher eine Schnapsidee war, aber ihm war nichts anderes übrig geblieben als Ricks Vorschlag zumindest vor den anderen zu unterstützten, da es wichtig war, dass sie als vereinte Front auftraten, vor allem dann, wenn sie weiterhin das Sagen haben wollten. Die anderen Alphas warteten vermutlich nur darauf, dass er Schwäche zeigte. Und Dale wurde ebenfalls bereits aufsässig.
Vor Amys Tod hatte Shane festgestellt, dass er sich zunehmend auf Andrea verlassen konnte, dass sie das Potential dazu besaß der Beta des Rudels zu werden, seine Stütze zu sein, doch Amys Tod hatte sie aus der Spur geworfen, er konnte nicht mehr auf sie zählen, deswegen war es umso wichtiger, dass er auf Rick zählen konnte, doch der untergrub seine Autorität und besprach seine Vorschläge nicht mehr mit ihm, bevor er sie der Gruppe unterbreitete. Und das Schlimmste daran war, dass er nicht einmal mitzubekommen schien, was er eigentlich falsch machte.
Auf jeden Fall hatte Morales ihre bröckelnde Fassade offenbar durchschaut und sich samt seiner Familie abgesetzt. Das war ein herber Schlag, denn von den anderen Alphas war Morales noch derjenige gewesen, der sich am bereitwilligsten untergeordnet hatte, und auf dem man sich meisten verlassen konnte. Morgan Jones war ebenfalls gegangen, samt Kind. Shane war darüber insgeheim erleichtert, doch Rick schmollte deswegen. Er fühlte sich unübersehbar verlassen, und das wiederum ärgerte Shane, weil es nur bewies, dass er die ganze Zeit über recht gehabt hatte Morgan Jones zu misstrauen.
Der einzige andere Alpha in ihrer Gruppe war nun Merle Dixon. Ausgerechnet. Vielleicht konnten sie ihre Zeit hier im CDC zumindest nutzen um ihm beim Entzug zu helfen, wenn schon für nichts anderes. Das einzig andere Gute an diesem Ort war die Tatsache, dass es hier funktionierende Duschen gab. Sie konnten endlich den Gestank der Toten und des Waldes abwaschen, was seine Vorteile hatte.
Trotzdem war hierherzukommen ein Fehler gewesen, und Shane hatte vor dem schmollenden Rick genau zu erklären, was für ein großer Fehler es gewesen war - sobald er ihn wiederfand, Rick war in den Sanitätsbereich des CDCs verschwunden und hatte sein Rudel( mal wieder) im Stich gelassen. Es war Lori und Shane überlassen den von den jüngsten Ereignissen frisch verstörten Carl zu beruhigen. Carol hätte vermutlich auch Hilfe dabei gebraucht um Sophia zu beruhigen, aber die Betas waren miteinander und der Trauer um Amy beschäftigt, genau wie Glenn, und die Brüder Dixon waren die Brüder Dixon, damit blieb das also wohl ein frommer Wunsch.
Verdammt, Rick, wieso ist alles schwerer geworden, seit ich dich zurückbekommen habe?
Es hätte anders sein müssen. Aber es war nicht wirklich Ricks Schuld, das wusste Shane, trotz all seiner Wut; der Omega hatte den Ausbruch verpasst, war noch nicht so lange wie sie anderen ein Bewohner dieser neuen Welt, ein Teil von ihm war immer noch im zuvor gefangen, hatte immer noch nicht realisiert, dass das Leben, wie sie es gekannt hatten, vorbei war. Trotzdem musste ihn irgendjemand mit der harten Realität konfrontieren, denn wenn das niemand übernahm, dann würde es eines Tages ein böses Erwachen für den Omega geben, und das konnte Shane nicht zulassen. Also blieb es an ihm hängen.
Er fand Rick in den Duschen. „Rick, hör mal….", begann er und unterbrach sich dann, als sich sein Omega zu ihm umdrehte. Er weinte eindeutig und machte alles in allem einen sehr kläglichen Eindruck.
Shane tat das Einzige, was er tun konnte, er öffnete seine Arme für den weinenden Omega, der sich in diese flüchtete und sein Gesicht dann in Shanes Schulter vergrub. „Hey, ist schon okay. Ich bin da, ja? Ich bin bei dir", murmelte Shane beruhigend, „Was ist denn los? Ist es, weil Morgan weggegangen ist?"
„Ja … nein", schniefte Rick, „Ich weiß nicht … alles ist einfach…" Dann weinte er wieder. Shane streichelte ihn beruhigend und produzierte Brumm-Laute, die auf Omegas entspannend wirkten.
Nach einer halben Ewigkeit schien sich Rick beruhigt zu haben. „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich wollte Carl retten. Und das Baby. Und dich und Lori. Aber es gibt keine Rettung. Weder hier noch sonst wo", sagte Rick tonlos, „Jenner hat mir gesagt, dass wir alle infiziert sind. Es ist in uns und bricht aus, wenn wir sterben. Bei allen. Die Welt kann nie wieder so sein, wie sie war."
Oh, Jenner, du verdammter … das musstest du ja ausgerechnet den Omega an die Nase binden, nicht wahr? Shane musste sich dringend mit dem Arzt unterhalten, wie es schien. Er machte Anstalten sich von Rick zu lösen, doch dieser hielt ihn fest. „Nein, geh nicht weg", bat er ihn, „Ich kann nicht … Ich brauche dich. Immer. Ich weiß, dass du wütend auf mich bist…."
„Bin ich nicht", sagte Shane sofort, und das war auch wahr. Jede Wut auf Rick war wie weggeblasen, als wäre sie nie da gewesen. „Nicht mehr", räumte er dann ein.
Rick schniefte. „Ich brauche dich immer", betonte er, „Ich brauche niemanden so sehr wie dich. Du musst nicht eifersüchtig sein wegen Morgan oder sonst jemanden. Du bist Shane, mein Alpha, immer schon gewesen, verstehst du das?"
Shane nickte langsam. „Klar", meinte er, „Und du bist Rick, mein Omega. Das wird sich nie ändern."
Rick drückte sich an ihn. „Ich weiß wirklich nicht, wie es jetzt weitergehen soll", gab er zu.
„Wir überlegen uns was", sagte Shane, „Zusammen. So treffen wir unsere Entscheidungen von jetzt an: Zusammen. Keine halbgaren Ideen und verletzten Gefühle mehr, okay? Die anderen merken das. Es hat die Familie Morales vertrieben. Wir müssen wieder ein Team sein, okay? Wir beide, Partner, bis zuletzt. Wenn wir anführen, dann tun wir das gemeinsam." Und er meinte das auch wirklich so, wollte es auch wirklich, dass sie gemeinsam Entscheidungen trafen und anführten. Ja, er war der Alpha, aber das bedeutete nicht, dass allen alles anschaffen wollte, er wollte nur, dass Rick auf ihn und seinen Instinkt hörte. „Dort draußen ist es gefährlich, Rick. Deine Instinkte und Ideen sind nicht immer die besten. Manchmal sind es meine. Weil ich der Alpha bin und uns am besten zu beschützen weiß", erklärte Shane, „Das musst du anerkennen."
„Das tue ich", versicherte ihm Rick und blickte mit geröteten Augen zu ihm auf, „Wirklich. Ich tue es, ich will es."
„Gut." Shane presste ihre Köpfe aneinander. „Dann können wir gemeinsam alles bewältigen."
IV.
Carl hatte Shane bereitwilliger als Rick auf den neuesten Stand gebracht. Shane hatte immer noch nicht das Gefühl alles zu wissen, was er wissen musste, aber genug. Die letzten Jahre waren für Ricks Rudel hart gewesen, aber irgendwie hatten sie überlebt. Jetzt lag es an Shane dafür zu sorgen, dass sie weiterhin überlebten.
Negans Pläne und Absichten waren noch immer ein Fragezeichen für Shane. Er hatte seinen Zorn auf Hilltop losgelassen, was die Variante war, die Shane bevorzugte. Immerhin war seine Tochter in Alexandria. Er war sich aber nicht sicher, ob Negan wirklich fertig mit Rick und seinen Leuten war. Vermutlich nicht.
Nach seinem Treffen mit Carl versuchte er in Erfahrung zu bringen, wo sich die anderen befanden. Maggie war angeblich auf der Krankenstation zu finden, also begab er sich dorthin. Tatsächlich fand er sie dort. Sediert und schlafend (was angesichts allem, was auf der Farm vorgefallen war, möglicherweise besser so war), Glenn saß bei ihr und hielt ihre Hand. Er war wach und drehte sich sichtbar erschrocken um, kaum dass Shane den Raum betrat. Seine Augen weiteten sich, als er Shane erblickte.
„Shane!", hauchte er.
„Hallo, Kleiner", meinte Shane, „Wie geht es Maggie?"
Glenn starrte ihn einen Moment nur ungläubig an. Dann sagte er: „Besser, denke ich. Sie schläft jetzt."
„Wenn du eine Frage über den Zustand eines meiner Patienten hast, Walsh, fragst du besser mich", meinte eine Stimme hinter Shane. Shane drehte sich unbeeindruckt zu Emmett Carson um. Der Beta dachte vielleicht hier in seiner Krankenstation hätte er Macht, wenn schon sonst nirgends, doch mit dieser Annahme lag er falsch, er besaß nirgendwo im Sanctuary Macht, genau wie die meisten anderen.
„Und wie geht es deiner Patientin, Doc?", fragte Shane trotzdem so freundlich wie möglich.
„Was geht dich das an?", gab der Doc zurück, alles andere als freundlich.
„Nun, wir sind alte Freunde - Glenn und ich zumindest, Maggie ist mehr eine alte Bekannte", erklärte Shane, „Mich interessiert ihr Zustand." Und ob sie transportfähig ist.
„Sie ist ein schwangerer Omega, der gerade Bekanntschaft mit Negan gemacht hat. Was denkst du, wie ihr Zustand ist?", knurrte der Doc unwillig.
„Wird sie das Baby verlieren?", wollte Shane wissen.
„Nicht, wenn ich es verhindern kann", lautete die ruppige Antwort.
„Ah, hier steckst du also!" Negan betrat den Raum mit einem strahlenden Grinsen, das keinen der Anwesenden täuschte. Glenn zuckte wie automatisch zurück, genauso wie sich Shane wie automatisch zwischen den asiatischen Omega und seine schwangere Gefährtin und Negan stellte.
Etwas blitzte in Negans Augen auf. Carson hüstelte vielsagend. Schwerer Fehler, Walsh, schalt sich Shane selbst, aber das war nun mal Instinkt, er konnte ihn nicht einfach abschalten. Ein Alpha stellte sich zwischen einem Omega und eine potentielle Gefahr.
„Glenn, mein Lieber, ich hoffe keiner hat vergessen dich zu füttern", meinte Negan, als wäre nichts passiert.
„Ich habe keinen Appetit", erwiderte Glenn.
„Kein Grund nichts zu Essen. Irgendeiner von euch dreien muss doch stark und gesund sein, oder nicht? Doc sorg dafür, dass der Omega was isst", verkündete Negan halb liebenswürdig, halb drohend, „Shane, wir beide haben Dinge zu besprechen. Reiß dich los und komm mit."
Shane wagte es nicht sich noch einmal nach Glenn und Maggie umzudrehen, sondern folgte Negan aus der Krankenstation hinaus. Draußen angekommen forderte ihn Negan auf ein Stück mit ihm zu gehen. Shane schwante Übles, aber noch hatte er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Zumindest nichts was zählte.
„Shane, Shane, Shane, kann es sein, dass die Anwesenheit all dieser Omegas dich ein wenig nervös macht?", wollte Negan wissen.
„Es sind nicht irgendwelche Omegas", erwiderte Shane.
„Nein, das sind sie nicht", gestand ihm Negan zu, „Und siehst du, genau darüber wollte ich mit dir sprechen. Ich habe mir gedacht, dass du nach unserem Ausflug nach Alexandria vielleicht Lust hast dort zu bleiben, als mein Mann vor Ort sozusagen."
„Als dein Mann vor Ort", wiederholte Shane blöde, „Lassen wir seit neusten einen Mann vor Ort in eroberten Territorien zurück?"
„In diesem Fall schon. Siehst du, die Sache ist die, es sind so viele Omegas, sie wurden bisher von einem Omega angeführt, der wohl damit nicht so schnell aufhören wird, nur weil wir jetzt da sind. Was sie brauchen ist Schutz und eine starke Hand. Jemanden, der ein Auge auf sie hat. Verstehst du, was ich meine?", meinte Negan, „Ich würde es ja selbst machen, aber ich habe so viel zu tun. Und dann habe ich mir überlegt, wer der beste Kandidat für diesen Job ist. Nun Dwight kann ich dort nicht lassen, immerhin hat der einen ihrer Omegas ermordet, soweit ich das mitbekommen habe. Simon, nun Simon ist Simon, ich schätze ihn sehr, weiß aber nicht, ob ich ihm einen Haufen Omegas anvertrauen würde. Arat würde sich weigern den Babysitter zu spielen, würde noch denken, ich wähle sie nur aus, weil sie eine Frau ist. Gavin, nur wir wissen beide, warum Gavin nicht in Frage kommt. Regina kommt aus ähnlichen Gründen nicht in Frage wie Arat. Meine Leute aus dem Sanctuary brauche ich hier. Und dann sind da noch diejenigen, die, wie wir beide wissen, im Grunde nichts anderes sind als Schläger, diejenigen ohne Führungsqualitäten. Wie unser gemeinsamer Freund Morales zum Beispiel. Aber während ich über Morales nachgedacht habe, bist du mir eingefallen - mein Freund Shane Walsh, der dieses Rudel schon kennt. Seinen Anführer schon kennt. Dessen Kind schon kennt. Und da wurde mir klar: Du bist perfekt für diesen Job."
Shane wusste nicht, was er zu diesem Angebot sagen sollte. Wollte Negan ihn wirklich als Spion einsetzen? Oder als vorgesetzten Wärter? Oder beides? Kam er nicht einmal auf die Idee, dass Shane auf der Stelle überlaufen könnte?
„Du wirst natürlich nicht alleine hingehen. Du kannst Morales mitnehmen und eine Hand voll ausgewählter Leute", fuhr der andere Alpha fort, „Und ich werde öfter vorbeisehen, nur um sicher zu gehen, dass alles glatt läuft. Aber die Verantwortung lege letztlich bei dir. In all ihrer Konsequenz. Wenn du verstehst, was ich meine."
Und ob Shane das verstand. Wenn jemand aus der Reihe tanzte, dann wäre Shane derjenige, der dafür sterben würde. Negan war offenbar doch nicht dumm, sondern hinterhältiger als er ihm zugetraut hätte. Und er denkt, dass Rick es nicht riskieren würde sich gegen ihn aufzulehnen, wenn das seinen Alpha den Kopf kosten könnte. Nun, da kennt er Rick aber schlecht. Natürlich hütete er sich diesen Gedanken laut auszusprechen.
Kein Wunder, dass Negan erfreut über Shanes Verbindung zu Rick gewesen war und versucht hatte sie wieder auszusöhnen. Das war alles reine Taktik gewesen. Wenn Shane klug wäre, würde er einfach ablehnen. Aber er hatte Rick versprochen ihn und die anderen hier rauszuholen, nicht wahr? Und zuzustimmen wäre der schnellste Weg das zu erreichen.
„Ich mach's", sagte er also, „Ich gehe nach Alexandria. Bin dort deren …. Gouverneur, schätze ich, und übernehme die alleinige Verantwortung für alles, was sie tun. Unter einer Bedingung."
„Oh? Du stellst Bedingungen?", flötete Negan.
„Ich tue es unter der Bedingung, dass alle unsere Gäste aus Alexandria dorthin zurückkehren dürfen. Mit mir", sagte Shane.
Negan musterte ihn und legte dann den Kopf schief. „Oh, Shane, du bist wirklich einer von diesen Alphas. Das ist ja fast schon tragisch", stellte er fest, „Aber von mir aus. Sie dürfen alle nach Hause gehen. Maggie allerdings natürlich nur unter der Vorrausetzung, dass sie bewegt werden kann. Immerhin wollen wir alle, dass ihrem Baby nichts zustößt, nicht wahr?"
„Einverstanden", sagte Shane.
Negan kaute an seiner Lippe herum. „Nun, damit hätten wir das geklärt", meinte er dann, „Zeit Rick die gute Nachricht zu überbringen. Ich frage mich, was er dazu sagen wird."
A/N: Nun, er wird nicht begeistert sein, nicht wahr?
Hilltop wird in dieser Fic eine weniger wichtige Rolle spielen als in der Serie. Jesus ist aber noch am Leben, falls ihr euch das fragt. Negan hat Simon gesagt, dass er Gregory und ein paar andere umbringen soll, aber insgesamt nicht mehr als 20 und keine Kinder und Omegas, und Jesus ist ein Omega und wurde damit verschont.
Reviews?
