Warnings: Noch mal erhöhte Warnstufe für Negan, plus erhöhter Angst-Faktor
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I.
Es war die Karambolage, die ihnen zum Verhängnis wurde. Nach ihrer Flucht aus dem explodierenden CDC, in dem es Jacqui erlaubt worden war mit Jenner zu sterben, Andrea aber nicht erlaubt worden war ebenfalls dort zu sterben, waren sie einigermaßen gut voran gekommen. Andrea war wütend auf Dale, weil er die Entscheidung weiterzuleben für sie getroffen hatte, aber alle anderen schienen sich zu vertragen. Shane war wieder Shane, nicht mehr der verwirrende furchteinflößende Alpha, der anderen an die Kehle ging, sobald sie ihn nur schief anblickten. Er und Rick stritten sich auch nicht wieder, sondern waren ein Herz und eine Seele, gemeinsam mit Lori und Carl. Carol war endlich unbeschwert, der Tod von Ed, schien sie von all ihren Sorgen befreit zu haben. Der einzige, der Probleme machte, war Merle, der unter Entzugserscheinungen litt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit spitze Bemerkungen über T-Dog, Glenn, die Omegas, oder die anwesenden Frauen machte. Aber zumindest beschimpfte er die anderen nur, er griff niemanden an, machte keine Anstalten dazu, sehnte sich aber offenbar nach seinen Drogen.
Als ihre Autokarawane auf den von verlassenen Fahrzeugen blockierten Teil der Straße stieß, dachten sie zunächst sie müssten das alles nur wegräumen und das würde keinerlei Probleme verursachen. Doch dann tauchte die Herde Beißer auf, und Sophia geriet in Panik und rannte davon.
Rick, immer der Omega, hetzte ihr hinterher, fand sie wieder, lenkte die Herde ab, und verlor sie wieder. Andrea verlor ihr Leben unterdessen beinahe an die Beißer-Herde und erkannte, dass sie trotz allem in Wahrheit doch weiterleben wollte, auch ohne Amy.
Carol allerdings hatte definit nicht vor ohne Sophia zu leben. Sie suchten fieberhaft nach dem Mädchen, wurden aber nicht fündig.
„Sie kann nicht weit gekommen sein. Ich meine, wohin soll sie auch gegangen sein?", meinte Shane, „Sicher versteckt sie sich nur irgendwo." Das war zumindest die Variante, die er in Carols Hörweite von sich gab. „Wenn wir zulange hier bleiben, dann riskieren wir unser aller Leben", erklärte er den anderen, während Daryl Carol tröstete und Merle nicht-vorhandene Lichter anstarrte, „Mit dem dort ist nichts mehr anzufangen, und da sie ein unbewaffnetes Kind ist, müssen wir vom Schlimmsten ausgehen. Wenn wir sie bis morgen nicht gefunden haben, dann verschwinden wir von hier." Andrea hatte den Verdacht, dass er überhaupt nur bereit war solange nach Sophia zu suchen, und die Karawane so lange an einem Ort zu belassen, weil es Rick war, der sie verloren hatte und sich schreckliche Vorwürfe machte. Es war offensichtlich, dass er der Meinung war sie wären hier mitten auf der Straße zu ungeschützt.
Andrea zeigte Dale immer noch die kalte Schulter und machte sich gemeinsam mit Daryl auf die Suche nach Sophia. „Sobald wir sie gefunden haben oder weiterziehen, müssen wir was wegen Merle unternehmen. Das ist dir doch klar, oder?", wandte sie sich an Daryl.
Der zuckte nur die Schultern. „Er kommt schon durch. Er ist taff", behauptete er.
Andrea schüttelte den Kopf. „Trotzdem, Cold Turkey bringt in diesem Fall nichts. Wir sollten eine Apotheke oder dergleichen plündern und nachsehen, womit wir ihm helfen können", erklärte sie. Normalerweise würde sie das mit Shane besprechen, doch der hatte im Moment dringendere Sorgen, und immerhin war Daryl Merles Bruder.
Daryl schnaubte abfällig.
„Was?", wollte Andrea wissen.
„Du bist immer viel zu nachsichtig mit allen", meinte Daryl, „Merle ist ein Scheißkerl, der sich alles, was ihm gerade passiert, selbst zuzuschreiben hat. Lass ihn doch leiden. Er ist stark genug um das alles zu überleben. Warum ihn für seine Fehler auch noch belohnen?"
„Es wundert mich, dass gerade du das sagst. Ich dachte, Omegas halten es nicht aus andere – und vor allem Alphas – leiden zu sehen", meinte Andrea.
Daryls Augen weiteten sich ein Stück, und dann sagte er nur: „Vielleicht ist Merle einfach nur eine Ausnahme. Immerhin musstest du nicht dein ganzes Leben mit ihm verbringen, du kennst ihn nicht so wie ich. Er wäre der Erste, der dir sagt, dass er stark genug ist um da durch zu kommen."
„Nur weil er ein Macho-Alpha ist, musst du ihn darin nicht auch noch bestärken", erwiderte Andrea, „Es gibt keinen Grund für euch beide so hart zu tun. Nicht vor uns."
„Ach, nein? Was ist mit Shane Walsh? Denkst du, der würde uns noch respektieren, wenn wir uns nicht mehr nützlich machen? Würdest du es noch?", hielt Daryl dagegen.
„Es besteht ein Unterschied dazwischen sich nützlich zu machen und so zu tun als wäre man hammerhart. Nach allem, was wir gemeinsam durchgemacht haben, sind wir nicht mehr nur Reisegefährten, Daryl. Wir sind ein Team, eine Familie, ein Rudel – und ein Rudel gibt aufeinander acht. Was denkst du, warum wir alle hier draußen durch die Wälder rennen und nach Sophia suchen?", belehrte ihn Andrea.
„Weil Rick sie verloren hat und sich Vorwürfe macht, und Shane ihm so das Gefühl gibt nicht vollkommen versagt zu haben?"
Der Beta seufzte. Daryl Dixon war offenbar noch nicht bereit ihr zuzuhören. „Dieser Zynismus steht dir nicht", meinte Andrea, „Er passt nicht zu dir, ich hab dich mit Carol gesehen, ich hab dich durchschaut, Daryl Dixon, du bist in nicht der, der du vorgibst zu sein, und ich rede nicht von deinem billigen Beta-Parfum."
„Und du wirst Dale verzeihen, obwohl er dir das Recht abgesprochen hat deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Scheinbar sind wir beide nicht perfekt", brummte Daryl.
Bevor sie darauf antworten konnte, war ein krachender Schuss zu hören. Andrea befürchtete im ersten Moment, dass er Beißer anlocken würde, sie ahnte nicht, dass er viel Schlimmeres angerichtet hatte, und was dieser einzelne verirrte Schuss noch so alles nach sich ziehen würde.
II.
„Ich verstehe nicht", wiederholte Olivia ungefähr zum fünften Mal, seit Andrea, Rosita, und Sasha wieder in Alexandria angekommen waren. Andrea unterdrückte ein Seufzen. Sie mochte Olivia, wirklich, der wohlgenährte Omega gehörte zu den freundlichsten Bewohnern von Alexandria, allerdings war sie nicht immer die Schnellste.
„Die Erlöser haben die anderen in ihrer Gewalt und werden bald hier auftauchen um uns alles wegzunehmen, was ihnen von Nutzen sein kann", sagte Andrea langsam, „Und ich will, dass du die Vorratskammer entsprechend vorbereitest."
„Ja, aber meinst du, dass wir Sachen verstecken sollen, und wenn ja wo, oder meinst du, dass wir alles, was wir haben, in der Vorratskammer zusammensuchen sollen, oder….", stotterte Olivia verwirrt.
„Ich meine, dass du dir vorstellen sollst, dass ein wichtiger Kunde hier auftaucht, den wir in Zukunft mit Vorräten beliefern wollen, und du daher dein Bestes tust um diesen zu beeindrucken", erklärte Andrea.
„Ist das klug?", wandte Olivia zaghaft ein.
„Es ist eine Taktik. Vorräte kann man neu beschaffen, die Omegas, Michonne, und Abraham kann man nicht so einfach ersetzen", sagte Andrea, „Oh, nein…." Olivia folgte ihrem Blick und sah Eric Raleigh, der zielgerichtet auf sie zugestapft kam. Andrea überlegte einen Moment sich hinter Olivia zu verstecken. Verdeckt wäre sie zwar, aber riechen würde er sie, und sie war sich ziemlich sicher, dass Eric sie bereits gesehen hatte.
„Andrea! Was höre ich da? Die Erlöser haben Aaron in ihrer Gewalt?", verlangte der aufgelöste männliche Omega von ihr zu erfahren.
„So ist es. Aber das ist kein Grund zur Panik. Sie werden ihm nichts antun, und ich arbeite schon an einem Weg um ihn und die anderen frei zu bekommen", sagte sie schnell und hoffte, dass sie zuversichtlich genug klang, dass er ihr glaubte. Aufgelöste Omegas anzulügen um sie daran zu hindern in Panik zu geraten, das war noch nie ihr Ding gewesen, aber sie wurde langsam besser darin, musste sie feststellen. Sie war sich nur nicht sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.
„Wenn Aaron etwas zustößt….", begann Eric.
„Das wird es nicht!", versicherte ihm Andrea, „Du musst dir wirklich keine Sorgen machen, ich habe alles im Griff. … Oh nein." Eric hatte sie nicht begegnen wollen, weil sie ihm nicht ins Gesicht sagen wollte, was mit Aaron geschehen war (offenbar hatte das jemand anderer für sie übernommen), doch die Person, die nun auf die zusteuerte, wollte sie prinzipiell vermeiden, sofern es sich einrichten ließ. Doch er war verdammt schnell und sichtlich wütend, und bei ihm bestand die Chance sich hinter Olivia zu verstecken schon gar nicht. Oder hinter Eric. Eric könnte sie auch verdecken. Doch nein, er hatte sie definitiv gesehen.
„Spencer", begrüßte sie den Alpha mit einem falschen Lächeln.
„Rosita hat mir gesagt, was passiert ist", erklärte Spencer Monroe (das hatte sie wohl nicht lassen können), „Ist es wahr, du willst dich vor diesen Erlösern einfach auf den Rücken werfen und sie alles nehmen lassen, was sie wollen?"
„Uns bleibt keine andere Wahl, sie haben Geiseln", betonte Andrea, „Mit wollen hat das nicht viel zu tun, wir müssen Schadensbegrenzung betreiben."
Spencer schnaubte. „Geiseln, zu denen deine Geliebte zählt und dein Manchmal-Liebhaber. Denkst du wirklich, dass du die beste Person bist, mit denen, die sie in ihrer Gewalt haben, zu verhandeln?", bellte er - offenbar war Spencer Monroe heute in angriffslustiger Stimmung. Andrea beschloss die Anspielung auf Rick zu überhören. „Wen würdest du ansonsten vorschlagen? Dich etwa?", fragte sie stattdessen. Und ja, natürlich würde Spencer Monroe Spencer Monroe vorschlagen, wenn es darum ging, wer mit einem feindlichen Rudel verhandeln sollte, denn Spencer Monroe war nun mal Spencer Monroe.
„Warum nicht? Meine Eltern haben diesen Ort gegründet. Meine Mutter war unsere Rudelführerin, bevor ihr aufgetaucht seid", verkündete Spencer, „Wenn jemand für Alexandria sprechen sollte, dann doch wohl ich."
Andrea unterdrückte den Drang nach Morgan, Carol, oder Tara zu fragen, nur um Spencer zu provozieren, stattdessen meinte sie langsam: „Spencer, du bist ein Alpha. Die sind ebenfalls Alphas. Wenn du mit denen redest, kommen dabei nur Tote heraus."
Spencer gab einen verärgerten Laut von sich, und seine Miene verdüsterte sich. „Verwendest du jetzt mein Geschlecht gegen mich? Wann sind wir gerade? Vor dem Ende? Der Ausbruch hat alles verändert, ihr Betas seid nicht mehr die Könige der Welt", rief er ihr in Erinnerung.
„Nein, aber beantworte mir mal eine Frage: Mit wie vielen Aggressoren, die in dein Territorium eingedrungen sind, hast du dich schon auseinander gesetzt?", wollte sie von ihm wissen. Er schien einen Moment lang angespannt nachzudenken, doch sie beendete den Gedanken für ihn: „Mit genau keinem. Wir hingegen haben Erfahrung mit so was. Lass uns das machen."
„Ich habe gegen die Wölfe gekämpft, und gegen die Toten, die die Stadt überrannt haben!", fiel Spencer etwas zu spät ein.
„Wir alle haben gegen die Wölfe und die Toten gekämpft, die die Stadt überrannt haben. Keine von beiden Gruppen war bereit uns zuzuhören, soweit ich mich erinnere", entkräftete Andrea sein Argument, „Wo wir gerade beim Thema sind: Hat einer von euch Owen gesehen?"
„Ist weg", meinte Olivia, „Er wollte Morgan suchen."
Und wo zum Teufel ist Morgan?, dachte Andrea, sprach es aber nicht aus. Sie mussten mit dem arbeiten, was sie hatten. Gabriel eilte mit Judith auf den Arm zu ihnen herüber. Judith weinte. „Es tut mir leid, ich habe alles versucht, aber sie hört nicht auf zu weinen", erklärte der überforderte Beta-Geistliche, „Sie will Rick."
Andrea nahm das Kind auf ihren einzig verbliebenen Arm. Judith schmiegte sich an sie und hörte kurz darauf auf zu quengeln. Sasha näherte sich ihnen mit gemessenen Schritten. „Ich habe die alten Verstecke reaktiviert. Aber ich konnte nicht zu viele Waffen verstecken, sie würden es merken", erklärte sie, „Wir müssen das Register ändern. Wenn Negan es überprüft und ihm auffällt, dass Waffen fehlen, sind wir geliefert."
Andrea nickte in Olivias Richtung, und Sasha führte die Omega-Frau mit sich weg um genau das zu tun. Zumindest eine Person, die mitdachte, was eine angenehme Abwechslung war. Ich wünschte Tara wäre hier. Oder Carol. Wie viel lieber würde sie hier mitten im Vorratslager mit ihren Freunden als mit Spencer, Eric, und Gabriel stehen.
Rosita näherte sich. „Ich habe die wichtigsten Medikamente versteckt. Ich habe es so aussehen lassen, dass es glaubhaft ist, dass wir Maggie nach Hilltop bringen wollten, aber nicht so wirkt, als wäre unsere Krankenversorgung ein Witz. Denises…. Persönliche Aufzeichnungen habe ich versteckt", meldete sie. Es fiel ihr sichtlich noch schwer Denises Namen überhaupt auszusprechen. Sie und Daryl war hautnah dabei gewesen, als sie ermordet worden war. Von genau den Erlösern, die jetzt hierher kommen wollten. Was wenn Denise erst der Anfang war, und wir das hier nicht überstehen? Was wenn ich uns nicht retten kann, wenn alles schief geht? Was wenn ich Michonne nicht retten kann, so wie ich Amy nicht retten konnte?
Sie hatte keine Zeit für Selbstzweifel.
„Gut, als nächstes müssen wir…" Und schon steuerte der nächste auf sie zu. Es war Tobin, der eigentlich zusammen mit Scott und Holly Wache am Tor halten sollte. Doch der große Alpha war nicht alleine gekommen. Jesus begleitete ihn.
Andrea musste nur einen Blick auf den Omega werfen um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte. Sein langes Haar war wirr, und seine Miene steinern. Das ansonsten schalkhafte Gesicht von Paul Rovia zeigte kein bisschen Freude. „Was ist passiert?", wollte Andrea sofort wissen.
„Die Erlöser sind passiert. Sie haben uns einen Besuch abgestattet", erklärte Jesus, „Sie sind nach Hilltop gekommen um sich zu rächen. Sie haben Gregory und zwanzig andere abgeschlachtet." Andrea vergaß für einen Moment beinahe zu atmen. Judith spürte die Anspannung und begann wieder zu weinen.
„Und denen willst du unsere Vorräte überlassen?!", beschwerte sich Spencer.
Andrea hatte nicht die Nerven ihm zu erklären, dass sie im Moment am liebsten auch alle versteckten Waffen und Medikamente zurück getan hätte, wo sie hingehörten. „Ich…", begann sie, doch eine heraneilende Enid unterbrach sie. „Ich komme vom Tor", erklärte das Beta-Mädchen atemlos, „Sie sind hier!"
Sasha tauchte wie aus dem Nichts neben ihr auf. „Ich verstecke Jesus", erklärte sie und packte den Omega auch schon am Arm und zerrte ihn davon. Andrea drückte Enid Judith in die Arme. „Bring sie ins Haus und bleib mit ihr dort, und komm nicht raus, egal was du hörst", schärfte sie dem Mädchen ein. Das nickte gehorsam und machte sich mit Judith davon.
Andrea sammelte sich und meinte dann zu den anderen – einen wie angewurzelt dastehenden Gabriel, einem verstört wirkenden Eric, einer wütenden Rosita, und einem noch wütenderen Spencer: „Es ist an der Zeit unsere Gäste zu empfangen."
III.
Sein Kind verblutete in seinen Armen. Das wusste Rick ganz genau. Alles andere, was um ihn geschah, nahm er nur halb wahr. Alles, worauf er sich konzentrieren konnte, war Carl, in seinen Armen, aus dem von Sekunde zu Sekunde mehr das Leben zu weichen schien.
Mein Baby stirbt. Das war alles, was er wusste. Die Schuld wegen Sophia war wie weggeblasen. Die Wut auf den Mann, der Carl angeschossen hatte, die überließ er Shane. Nicht davon zählte, es zählte nur Carl.
Der Mann, der Carl angeschossen hatte, ein Beta namens Otis, brachte sie zu einer Farm, auf der jemand lebte, der ihnen helfen konnte. Das hatte er zumindest gesagt. Dieser jemand war offenbar ein älterer Alpha namens Hershel. „Bitte, retten Sie mein Kind", war alles, was Rick herausbrachte. „Ich habe auf ihn geschossen. Es war ein Unfall", babbelte Otis, Rick hörte ihn kaum.
Er wurde angewiesen Carl hinzulegen, damit sich der Hershel-Alpha um ihn kümmern konnte, doch er wollte sein Kind nicht loslassen. Was wenn es starb, wenn er es losließ?
„Rick, Rick, du musst ihn hinlegen, komm schon, leg ihn hin", raunte Shane in sein Ohr. Rick legte sein Kind ab und starrte entsetzt auf die kleine Gestalt, die immer blässer zu werden schien.
„Ich muss ihn sofort operieren", meinte der Hershel-Alpha und erklärte dann irgendetwas von Rippen und der Kugel, aber Rick verstand nichts davon. Shane führte ihn mit sanfter Gewalt von Carl weg. „Nein, mein Carl, mein Kind….." Rick griff nach seinem Sohn.
„Rick, lass den Doc seine Arbeit machen", wies Shane ihn an.
Aber was wenn Carl ihn brauchte? Shane hatte damit begonnen das Blut aus seinem Gesicht zu wischen, mit einem Taschentuch. „Shane? Was wenn er stirbt?", wollte er tonlos wissen.
„Das wird er nicht. Er wird durchkommen", behauptete Shane, „Ich bin da, Bruder. Ich bin für dich da." Shane presste seine Stirn an Ricks und flüsterte weitere Dinge, doch Rick hörte nichts davon. Carl, sein Carl … wenn Shane nicht hier wäre, wäre Rick schon zusammengebrochen, das wusste er.
„Wir brauchen Blut! Was ist seine Blutgruppe? Wer von Ihnen beiden ist sein biologischer Vater?"
„Rick hat Carls Blutgruppe", sagte Shane.
Blut, noch mehr Blut. „Ja, nehmt mein Blut!", rief Rick, „Nehmt, was ihr braucht!"
Er wurde angezapft, von einer Omega-Frau, die er nicht kannte. Sie hatte gelocktes braunes Haar. Der Hershel-Alpha unterhielt sich gedämpft mit Shane. Otis redete auch mit.
„Rick? Rick, hör mir zu, ich muss los, um was zu besorgen, was wir brauchen um Carl zu helfen, okay? Aber ich du musst dir keine Sorgen machen. Ich komme wieder", sagte Shane zu ihm.
„Du gehst weg?" Shane verließ ihn? Ausgerechnet jetzt? Nein, Shane durfte nicht weggehen! Rick würde ohne Shane nicht mehr funktionieren, das wusste er.
„Ich komme ja wieder. Ich werde nicht lange weg sein. Aber ich muss gehen. Für Carl", behauptete Shane und erklärte noch mehr Dinge, aber Rick verstand nichts davon.
„Komm zurück zu mir", bat Rick, „Rette Carl."
„Das werde ich", versprach Shane, „Ich schwör es dir. Du musst stark sein, während ich weg bin, okay?" Ein kurzer Kuss, und dann war er weg. Rick hörte sein eigenes Omega-Jammern.
Ein anderer weiblicher Omega namens Beth brachte ihm etwas zu trinken. Dann sagte man ihm, er habe genug Blut gespendet und müsse eine Pause einlegen. Rick wollte keine Pause einlegen. Er wollte nur Carl retten. Nur Carl zurück haben.
Bitte Gott, nimm mir nicht mein Kind weg. Nimm mir nicht meinen Jungen weg! Aber welcher Gott würde ihn überhaupt hören? Welcher Gott ließ zu, dass Tote die Welt überrannten und kleine Jungen angeschossen wurden? Welcher Gott ließ einen Omega mit diesen Schmerz alleine unter Fremden zurück?
IV.
Rick fühlte sich äußerst unwohl. Negan saß viel zu nah neben ihm und schien nicht viel von der Idee zu halten angemessenen Respektabstand zu einem Omega einzuhalten. Der Alpha saß breitbeinig neben Rick, ihre Knies berührte sich fast, und Rick wünschte sich wirklich, dass das nicht passieren würde. Das letzte, was er wollte, war Körperkontakt mit diesem Alpha. Auf Ricks anderer Seite saß Dwight, aber der hielt wenigstens Abstand, also störte seine Anwesenheit den Omega viel weniger, als die von Negan. Ihm gegenüber saß Shane, der ihn die ganze Zeit über unverwandt anblickte. Rick tat sein Möglichstes seinen Blick zu nicht erwidern. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er nicht ohne Shane Walsh hatte sein können, nicht ohne in hatte sein wollen. Jetzt wünschte er sich nur, dass er den Alpha niemals wieder begegnet wäre.
Sie saßen zusammen auf der Ladefläche eines Transporters und waren unterwegs nach Alexandria. Negan hatte ihm ja angekündigt, dass er sich holen würde, was er wollte, und hatte beschlossen Rick auf diesen Ausflug mitzunehmen. Er hatte ihm Freiheit versprochen, genau wie all seinen Leuten, doch Rick glaubte nicht daran, keine Sekunde. Bisher hatte er noch niemanden seiner Leute zu Gesicht bekommen, noch nicht einmal Carl. Was nützte ihm Freiheit, wenn sein Rudel nach wie vor in Gefangenschaft war? Wenn sein Sohn nicht bei ihm war?
Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, dass Negan sie freiließ. Warum auch? Er hätte nichts davon, oder? Wenn er Rick frei lassen würde, könnte er ihn nicht mehr quälen, und das war doch offenbar eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.
Richtig Freilassen wollte er Rick scheinbar so oder so nicht. Einige der Erlöser sollten in Alexandria einziehen. Angeführt von Shane, hieß es. Rick hielt das alles für einen ausgefallenen Witz auf seine Kosten. Die Alphas mochten lachen, der Omega fand das überhaupt nicht witzig. Nichts davon.
Der Wagen hielt an. „Sieht aus als wären wir da", meinte Negan, „Rick, wärst du so gut?" Er war von der Ladefläche gesprungen und hielt Rick nun auffordernd seine Hand entgegen. Rick ignorierte die angebotene Hand und sprang ebenfalls von der Ladefläche und schritt dann in Richtung Tor.
Scott und Holly saßen auf den Wachtürmen und blickten zu ihm hinunter. „Öffnet das Tor!", rief Rick zu ihnen hinauf. Hollys Miene verbarg ihre wahren Gedanken, sie war die Beta-Ruhe in Person, Scotts Miene aber war nicht so verschlossen. Der Alpha wirkte sehr verstört. Rick nahm an, dass das damit zu tun hatte, dass Negan mit seinem Baseballschläger in den Händen hinter ihm stand. Und vermutlich hielt er diesen Schläger nicht nur locker in einer Hand.
Einen Moment lang fürchtete Rick, dass sie die Tore nicht öffnen würde. Er erinnerte sich – ausgerechnet jetzt – an die Zeit zurück, als er in Alexandria nicht sonderlich beliebt gewesen war und alle – oder zumindest die meisten – vor ihm Angst gehabt hatten. Er hatte diesen Ort, diese Leute, die ihn und sein Rudel aufgenommen hatten, obwohl sie keinen nachvollziehbaren Grund dafür gehabt hatten, so gerne beschützen wollen. Vor sich selbst, vor den wandelnden Toten, vor den Wölfen – und nun brachte er die Erlöser vor ihre Tore. Ein Teil von ihm, der Teil, der von Tag Eins an damit gerechnet hatte, dass Deanna Monroe ihn bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wieder herauswerfen würde, rechnete immer noch damit, dass der Tag kam, an dem die Bevölkerung von Alexandria realisierte, was für einen großen Fehler sie gemacht hatte, und ihn einfach nicht mehr hereinließ. Was wenn dieser Tag jetzt gekommen war? Verdient hätte er es. Er hatte nur keine Ahnung, wie Negan reagieren würde.
Doch die Tore öffneten sich, und die Fahrzeuge der Erlöser rollten in die Alexandria Safezone. Was für ein Witz dieses Schild jetzt war. Was für ein Witz die reine Idee einer sicheren Zone überhaupt geworden war.
Negan stieß ihn sanft nach vorne. „Na komm schon, Rick", meinte er, „Lass uns einen Blick auf dein Zuhause werfen." Rick würde es vorziehen, wenn Negan Nichts von Alexandria zu sehen bekommen würde, aber dafür war es zu spät. Es war für alles zu spät.
Schweren Herzens betrat er sein Zuhause, mit dem Alpha hinter sich.
Die Bewohner von Alexandria hatten sich versammelt um sie zu begrüßen. Andrea und Rosita erwarteten ihn, genau wie Gabriel, Tobin, Eric, Spencer, und einige andere. Sie alle starrten Negan und seine Leute unverhohlen feindselig an. Sasha eilte herbei, wirkte irgendwie außer Atem, und hielt dann inne, mit steinerner Miene. Negan grinste, als er sie entdeckte.
„Ich hoffe, die Betas der drei Sorten haben euch aufgeklärt. Aber nur zur Klarstellung: Wir sind die Erlöser, und wir sind hier um uns das zu nehmen, was ihr uns schuldet im Gegenzug für unseren Schutz. Ich bin Negan, das hier sind meine Leute. Wir werden uns alles hier ansehen und dann entscheiden, was wir mitnehmen und was nicht. Wenn ihr klug seid, dann versteckt ihr nichts vor uns. Wir sind nicht unnötig grausam, wir werden euch nichts wegnehmen, das ihr zum Überleben braucht. Und wir haben Geschenke mitgebracht. Rick hier zum Beispiel, euren Rudelführer. Und euren anderen verloren geglaubten Freunde." Wie auf Kommando wurden Aaron, Eugene, Daryl, Glenn, und Carl aus einem der anderen Wägen produziert. Eric gab einen sehnsuchtsvollen Laut von sich beim Anblick seines Gefährten. Rosita schien einen Schritt auf Eugene losmachen zu wollen, es sich dann aber wieder anders zu überlegen. Und Gabriel atmete erleichtert auf. Da war er allerdings der Einzige.
„Nun dann, zeigt uns eure Vorräte. Rick? Einarm? Wollt ihr mich nicht rumführen?", wandte sich Negan an Andrea, die vortrat und ihm deutete ihr zu folgen. Negan schenkte Rick ein Grinsen und schlenderte hinter Andrea her. Alles in Rick zog ihn zu Carl, doch er unterdrückte den Impuls und folgte dem feindlichen Alpha zu ihrer Vorratskammer.
Olivia erwartete sie dort, sichtlich nervös und furchterfüllt. „Du bist die Verwalterin eurer Vorräte?", wunderte sich Negan bei Olivias Anblick, „Nun, das nenn ich passend." Olivias Miene verfiel noch mehr. „He, nichts für Ungut. War doch nur ein schlechter Scherz. Ich mag wohl geformte Omegas", legte Negan schnell nach. Das wiederum schien Olivia noch weniger zu gefallen, nun sah sie Negan mit unübersehbaren Misstrauen an.
Rick schob sich zwischen den Alpha und den verstörten Omega. „Lass sie in Ruhe", verlangte er, „Ich dachte, du wolltest dir unsere Vorräte ansehen?"
Negan blinzelte überrascht. „Ja, das wollte ich", gab er dann zu, „Und du hast noch mehr Widerspruchsgeist in dir übrig, als ich erwartet hätte. Das gefällt mir. Ich dachte schon ein Sack voller Köpfe wäre Overkill gewesen. Aber da ist er wieder, mein Rick, der Omega-Rudelführer…." Negans Miene spiegelte etwas wieder, das man mit Zuneigung verwechseln könnte, wenn man nicht wüsste wer und was dieser Alpha eigentlich war. Rick bezweifelte doch stark, dass er zu normalen Gefühlen überhaupt fähig war.
„Komm schon", meinte er brüsk und ging voran zum ersten Regal. Andrea wartete stumm und setzte sich erst in Bewegung, nachdem Negan das getan hatte. Olivia blieb wie erstarrt beim Eingang stehen, hielt ihr Clipboard umklammert, und beobachtete die ganze Szene einfach nur überfordert und angsterfüllt. Rick konnte es ihr nachfühlen, das war der Negan-Effekt.
Negan inspizierte sämtliche Regale ziemlich genau. „Ihr seid hier wirklich gut ausgestattet", stellte er fest.
„Wir führen regelmäßige Versorgungsfahren durch", erklärte Andrea.
„Ist so eine gerade unterwegs?", erkundigte sich Negan.
„Ja, Tara und Heath sind vor wenigen Tagen erst weggefahren, es war geplant, dass sie mindestens zwei Wochen lang nach Norden fahren", sagte Andrea.
„Mhm, dann sind sie in einem Monat zurück. Jetzt wissen wir also, wann wir uns wieder sehen. Die Hälfte von all dem, was sie mitbringen, steht mir zu", überlegte Negan.
„Und wenn sie nichts brauchbares mitbringen? Dann kommst du trotzdem her um es dir anzusehen?", wollte Andrea wissen.
„Klar. Wer kann schon wissen, was sie dort draußen finden? Könnte was dabei sein, was für euch von keinem Wer ist, für mich aber schon", meinte Negan und winkte dann seine Leute heran. „Nehmt die Hälfte von allen hier", wies er sie an. „Jetzt die Waffen", forderte er dann.
Andrea deutete ihm mitzukommen. Er blieb aber noch mal vor Olivia stehen und meinte: „Trainiert ihr diesen wütenden Omega-Blick hier? Ich finde den verdammt sexy."
Olivia ließ sich nicht zu einer Antwort herab, was ihn sichtlich enttäuschte, aber da Andrea nicht langsamer wurde, beeilte er sich ihr hinterher zu kommen.
Ihr Waffenarsenal inspizierte Negan mit weniger Sorgsamkeit. Er warf eher einen schnellen Blick auf alles und verkündete: „Das nehmen wir alles mit. Und den Panzer. Wo ist euer Panzer?"
Dann ging es weiter zur Krankenstation. Negan studierte Denises Krankenaufzeichnungen. „Und ihr habt keinen Arzt?", wollte er wissen.
„Denise war Medizinstudentin, sie hat sich hier zuletzt um alles gekümmert", erklärte Andrea, „Dein Mann Dwight hat sie erschossen."
„Das hier ist eine andere Handschrift", stellte Negan in Bezug auf ältere Einträge fest.
„Dr. Anderson war ein richtiger Arzt. Er ist gestorben", sagte Andrea.
„Die Untoten?", vermutete Negan.
„Nein, ich hab ihn getötet", erklärte Rick.
Negan warf ihm einen schrägen Blick zu. „Lass mich raten, er war ein Alpha. Was hat er getan?", wollte er dann wissen.
„Er hat seine Gefährtin und seine Kinder geschlagen, gesoffen, und er hat einen Omega umgebracht", sagte Rick.
„Mhm. Du fackelst wahrlich nicht lange, was Rick? Wir nehmen die Hälfte davon mit. Wenn ihr was braucht, dann lasst ihr es uns wissen, und wir kümmern uns darum. Wir haben einen Arzt, den besten der Gegend", meinte Negan.
„Was wenn jemand sofort Hilfe braucht?", wollte Andrea wissen, „Bis wir euch erreichen dauert es. Das ist Zeit, die den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten könnte." Rick ging nicht wirklich davon aus, dass Negan das scherte.
„Wie viel Antibiotika willst du in eine Person pumpen? Aber bitte, man soll nicht sagen, dass ich nicht mit mir reden lasse. Wir nehmen nur ein Drittel eurer Medikamente. Klingt das fairer?", bot er aber trotzdem an.
„Es ist ein Anfang", meinte Andrea.
Auf einmal waren Schreie waren zu hören. Rick versteifte sich. „Was tun deine Leute da?", wollte er erstickt wissen.
„Suchen sich Souvenirs aus, nehme ich an. Sollen wir nachsehen gehen?" Negan deutete einen seiner Männer ein Drittel ihres Medizinischen Vorrats einzusacken, und folgte dann dem Geschrei. „Wirklich? All die Aufregung wegen einem Klavier?", seufzte er dann, „Wozu braucht ihr das hier überhaupt?"
„Es hat sentimentalen Wert für die Besitzer. Ihr Vater hat immer-", begann Andrea, doch dann hörte Rick etwas anderes. Ein Geräusch, das er immer erkennen würde. Er war schon losgelaufen, bevor die anderen reagieren konnten.
Einer von Negans Alphas bedrohte Enid, die Judith umklammert hielt, und vor ihm zurückwich. Rick hatte sich auf ihn gestürzt und ihn zu Boden gerungen, bevor noch irgendjemand blinzeln konnte. „Lass mein Baby in Ruhe!" Judith weinte und streckte ihre Arme nach Rick aus. Er nahm sein weinendes Baby entgegen.
„Was ist hier los?!", donnerte Negan.
Enid machte sich automatisch kleiner, und Rick erstarrte. Mit klopfenden Herzen drückte er seine Tochter an sich und wandte sich zu dem Alpha um. Andrea stand mit weit aufgerissenen Augen neben Negan, der unglaublich wütend aussah. Rick legte seine Arme schützend um Judith. Enid schob sich tapfer vor ihn. Rick löste einen Arm von seiner Tochter und schob das Beta-Mädchen hinter sich.
„Es-es war seine Schuld!", rief Enid und deutete auf den am Boden liegenden Alpha.
Der stöhnte. „Ich hab nichts gemacht, Boss, ich wollte nur….", verteidigte er sich.
„Ruhe!", befahl Negan streng. Er baute sich vor Rick auf und betrachtete Judith.
„Ist das deine Kleine, Rick?", wollte er dann wissen. Er beugte sich vor und schnupperte. „So klein und schon ein Omega", stellte er fest. Rick dachte sein Herz müsste zerspringen, so schnell klopfte es. Negan streckte die Hand nach dem Kleinkind aus und berührte Judiths Kopf. Rick war den Tränen nah. Das hier lief alles falsch, das hätte anders laufen sollen, nicht so. Judith sollte sicher sein. Negan sollte nicht einmal von ihr wissen. Negan streichelte Judith nachdenklich.
Dann visierte er Enid an, die daraufhin einen Schritt zurück machte. „Ist er dir zu nahe getreten, Kleine?", wollte er wissen.
Enid schüttelte den Kopf. „N-nein, ich glaube nicht, er hat nur … was gesagt", stotterte sie.
„Boss, bitte, das ist ein Missverständnis! Sie hat sich versteckt, und das Kind hat geweint, und….", erklärte der Alpha – wenige Sekunden bevor er Negans Baseball-Schläger ins Gesicht bekam.
Enid schrie auf, Rick zuckte zusammen und drehte Judith weg vom Anblick vor ihr. Der angegriffene Alpha hatte nicht einmal Zeit für Schmerzenslaute. Enid drückte sich an Rick und versteckte ihr Gesicht an seiner Schulter. Negans Schläge waren präzise und brutal. Nachdem von dem anderen Alpha nicht mehr viel übrig war, meinte er: „Jemand sollte das wegräumen." Lauter verkündete er: „Ihr kennt die Regeln. Keine Kinder und Omegas! Keine Versuche oder auch nur Andeutungen! Und hier schon gar nicht! Wir sind hier Gäste! Benehmt euch! Weitermachen!"
Er machte sich nicht einmal die Mühe sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen, sondern ging sofort wieder in den Business-as-Usual-Modus über und grinste Rick an. „Du hast also noch ein Kind, Rick. Das habt ihr mir verschwiegen", meinte er freundlich, „Sie ist entzückend. Wie ist ihr Name?"
„Judith", meinte Rick rau und sah auf. Die Szene hatte diverse andere Erlöser und Alexandria-Bewohner angelockt. Shane stand stocksteif ein paar Schritte von ihnen entfernt und starrte Judith an. Nur Judith. Sein Gesicht sagte alles.
„Ah", sagte Negan, „Ich verstehe. Komm herüber, Shane, sieh dir deine Tochter an."
Andrea schien Shane erst jetzt entdeckt zu haben und starrte ihn fassungslos an. „Shane?!", murmelte sie.
Shane näherte sich langsam Negan, Rick, Enid, und Judith. Die Sehnsucht in seinem Blick brachte Rick fast um. Er schien die Hand nach dem Kleinkind auszustrecken, wagte es dann aber nicht es zu berühren.
Das hier war viel zu öffentlich. Nicht so wie sich Rick diesen Moment vorgestellt hätte. Und Negan sollte überhaupt nicht dabei sein.
„Shane, das ist Judith", sagte er trotzdem und hielt dem Alpha das Kind unter die Nase. „Jude, mein Schatz, das ist …. dein Papa." Shane starrte seine Tochter an, als hätte er eben einen wertvollen Schatz entdeckt. Seltsamerweise funkelte es in Negans Augen so, als hätte er das ebenfalls.
„Hallo … Judith", krächzte Shane.
Das Kind sah ihn stumm an. Und streckte ihm dann die Arme entgegen. Shane warf Rick einen fragenden Blick zu, der nickte, woraufhin Shane das Kind in seine Arme nahm.
„Was für ein berührender Moment", kommentierte Negan die Szene, beinahe so, als hätte er nicht gerade eben einen seiner eigenen Männer mit seinem Baseballschläger zu Tode geprügelt. Rick fing Andreas Blick auf, wusste aber nicht, wie er ihr das alles ohne Worte erklären sollte.
„Aber wir haben einiges zu besprechen, Jungs", fuhr Negan dann fort, „Wo können wir uns ungestört unterhalten?"
Rick wollte sich am liebsten nirgendwo mit Negan unterhalten. Jemals wieder. Aber er wollte die Gegenwart des Alphas auch niemand anderen antun. „In meinem Haus", formulierte er dann also mühsam.
„Okay-dokey. Einarm, das könnte dich auch interessieren. Komm mit. Shane. Rick, geh voran", wurde er daraufhin aufgefordert.
Rick hätte Judith gerne wieder an sich genommen, aber Shane wirkte nicht so, als würde er sie freiwillig so schnell wieder loslassen. Er nickte Enid zu und ging dann voraus in sein Haus. Die Alphas folgten ihm.
Es war offensichtlich, dass irgendjemand alles hier durchsucht hatte und damit wohl auch Enid vertrieben hatte. Es war allerdings nicht der richtige Moment um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Er deutete den Alphas am Küchentisch Platz zu nehmen und setzte sich dann ihnen gegenüber hin. Shane hatte Judith scheinbar automatisch auf seinen Schoß platziert, sie blickte Rick mit großen Augen an und sah dann zu Negan, der sie angrinste. Sie grinste unsicher zurück. Rick wünschte sich, sie hätte es nicht getan. Andrea nahm unterdessen neben Rick Platz.
Die Anwesenden schwiegen sich einen Moment lang an. Schließlich brach Andrea die Stille: „Möchte einer von euch etwas trinken?"
„Nein, danke", meinte Negan, „Im Moment nicht." Er blickte sich in der Küche um. „Heimelich hier", stellte er fest, und sein Blick fiel auf das von Judith gemalte Bild, das am Kühlschrank hing. Es stellte ihre Familie dar, Rick, Carl, sich selbst, Michonne, und Andrea.
„Zum geschäftlichen. Wie bereits ausgemacht, werden wir in einem Monat wiederkommen um uns unseren nächsten Anteil zu holen. Für die Zwischenzeit werde ich Shane und ein paar andere hier stationieren. Nur damit jemand ein Auge auf euch hat. Man kann ja nie wissen. Es ist nicht, dass ich euch nicht vertraue, es ist eher so, dass ich mir keine Sorgen machen will. Zu wissen, dass ihr hier ganz alleine ohne angemessenen Schutz sein müsstet, nun das könnte ich nicht ertragen. Natürlich erwarte ich mit als Gegenleistung, dass ihr in Zukunft, wenn ihr auf Versorgungsfahrten geht, nicht nur an euch denkt, sondern auch uns. Und ich erwarte mir Ehrlichkeit und Vertrauen. Es sollte zwischen uns keine Geheimnisse geben." Sein Blick fiel auf Judith. „Egal welcher Art."
„Und daher im Sinne der Transparenz…" Carl kam in diesem Moment ins Zimmer, gefolgt von Morales, der Negan einige Papiere reichte. „…sollte ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Hallo, Carl, setz dich doch, dein Vater hat dich schon vermisst."
Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Carl neben Rick. Falls ihn Shanes Anwesenheit hier überraschte, ließ er sich nichts anmerken.
Negan studierte die Papiere, die Morales ihm gegeben hatte. „Stift!", verlangte er dann, und Morales drückte ihm einen in die Hand, woraufhin der Rudelalpha etwas notierte. Rick fragte sich, was das jetzt schon wieder sollte, und Shanes gerunzelter Stirn entnahm er, dass dieser sich das auch fragte. „Ja, das sollte stimmen. Wärt ihr so nett das zu überprüfen und zu ergänzen?" Er schob die Papiere hinüber zu Rick, Andrea, und Carl.
Rick war einen Blick darauf und war für einen Moment verwirrt. Es war eine Liste mit Namen. „Ist das…."
„… eine Aufstellung aller Bewohner von Alexandria, ja, genau. Siehst du um euch beschützen zu können, müssen wir wissen, wen wir aller durch die Tore lassen dürfen. Daher schlage ich vor abwesende Rudelmitglieder hier einzutragen, oder andere, die meine Leute aus irgendwelchen Gründen übersehen haben könnten. Nur für alle Fälle", sagte Negan.
Rick konnte sehen, dass jemand unter die Liste „Abwesende Bewohner" geschrieben hatte und dort Maggie Rhee, Tara und Heath notiert hatte. Neben Maggie stand „Rekonvaleszenz im Sanctuary", und neben Tara und Heath jeweils „Versorgungsfahrt". Mit klopfenden Herzen ging er die Liste durch. Negan hatte (+ Judith Grimes) neben Carls Namen geschrieben. Außerdem stellte Rick fest, dass Paul Rovia auf der Liste der Bewohner von Alexandria stand. Offenbar war Jesus in der Stadt. Das nächste, was er feststellte, war die Notiz neben jeden Namen. m/O stand da neben seinem eigenen Namen. Genau wie neben Carls. Neben Judiths stand f/O.
„Seit wann katalogisieren wir diejenigen, die sich uns anschließen?", wollte Shane wissen.
„Seit es darum geht weitere Missverständnisse zu vermeiden. Möchtest du nicht wissen, für wen du verantwortlich bist, Shane, mein Guter?", gab Negan zurück und reichte Rick seinen Stift. Dieser nahm diesen entgegen und vervollständige fehlende Daten auf der Liste und schrieb dann zögerlich Morgan Jones (m/A) – Erforschung der Umgebung, Owen Jones (m/O) – Erforschung der Umgebung, und Carol Peletier (f/O) – Erforschung der Umgebung unter den Punkt „Abwesende Bewohner". Dann schob er die Liste stumm zu Negan zurück. Der begutachtete sie noch einmal.
„Gut. Damit hätten wir das geklärt. Sobald es Maggie gut genug geht nach Hause zurückzukehren, werde ich sie persönlich herbringen. Vielleicht ist es in einem Monat soweit. Vielleicht schon früher. Wer weiß", sagte Negan, „Meine Leute sollten inzwischen alles, was wir mitnehmen wollen, zusammen haben. Wir werden dann also aufbrechen. Vorher lassen wir noch eure Alphas frei. Sobald wir weg sind, liegt eure Sicherheit in Shanes Händen. Ich gehe davon aus, dass ihr ihn und seine Männer gut unterbringt."
Andrea räusperte sich. „Natürlich, es gibt einige freistehende Häuser", sagte sie.
„Na dann. Damit hätten wir wohl alles geklärt. Oder habt ihr noch Fragen?", erkundige sich Negan lächelnd.
Rick lag so vieles auf der Zunge, doch er schluckte alles davon hinunter. „Nein", gab er einfach besiegt zu, „Wir wissen alles, was wir wissen müssen."
Negan mochte sie freilassen, doch es war offensichtlich, dass sie immer noch Gefangene seines Rudels waren, und Alexandria von nun keine sicherer Zone mehr war, sondern ein weiteres Gefängnis. Shane würde diese Ironie nicht verstehen, Negan schon gar nicht, doch Carl und Andrea würden genauso deutlich spüren wie er, dass das Leben manchmal seltsam Wege ging – einst hatte ihnen ein Gefängnis einen sicheren Hafen geboten, nun wurde ihr sicherer Hafen zu einem Gefängnis umfunktioniert.
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