No Solace
I.
Entgegen anders lautenden Unterstellungen hatte Shane nicht von Anfang an geplant gehabt Otis umzubringen. Ja, natürlich war das sein erster Impuls gewesen, nachdem der Scheißkerl auf Carl geschossen hatte, aber er hatte dringendere Probleme gehabt, sich um Carl kümmern müssen und um Rick, und letztlich war Otis nur ein Beta, der nicht absichtlich auf Carl geschossen hatte und sein Möglichstes tat um ihnen dabei zu helfen Carl zu retten. Er brachte sie zur Greene-Farm, und er erklärte sich bereit mit Shane zum FEMA-Stützpunkt zu gehen um die Ausrüstung zu besorgen, die Hershel brauchte um Carl das Leben zu retten. Alles in allem gesehen war er also mehr nützlich als bedrohlich. Shane hatte zwar vor ein ernstes Wort mit ihm zu reden, wenn das alles vorbei wäre, aber er hatte nicht vor den Beta umzubringen, als sie gemeinsam zum FEMA-Stützpunkt aufbrachen.
Die Sache hätte anders ausgesehen, wenn Otis ein Alpha gewesen wäre, oder weniger Reue gezeigt hätte, oder weniger bemüht gewesen wäre seinen Fehler wieder gutzumachen. Aber all das sprach für ihn.
Als Shane ihn letztlich tötete, tat er das, um Carls Leben zu retten. Er wusste, dass das Leben des Jungen, seines Sohnes, Ricks Sohnes, davon abhing, dass er es zurück zur Farm schaffte. Die Horde Beißer, die ihn und Otis ans Leder wollte, stellte allerdings ein ernstzunehmendes Hindernis dar. Doch Shane hatte nicht vor sich von irgendetwas oder irgendjemanden daran hindern zu lassen Carl zu retten. Also musste er um jeden Preis sicherstellen, dass er es lebend zurück schaffte. Und nichts lenkte Beißer besser ab als lebende Beute.
Pech für Otis, dass er langsamer und schwächer war als Shane. Pech für den Beta, dass er ein verschmerzbarer Verlust war.
Shane würde nicht behaupten, dass er nicht bereute, was er getan hatte, er würde es aber auch immer wieder tun. Für Carl, für Rick, gab es nichts, was er nicht tun würde. Niemanden, den er nicht opfern würde. Und Otis war letztlich an diesem ganzen Desaster Schuld - man schoss nicht einfach wild in die Gegend ohne zu achten auf wen oder was man schoss.
Der Hauptgrund, warum er über das Vorgefallene log, war, dass er nicht blöd war. Otis war vielleicht zu nichts zu gebrauchen gewesen, doch er Teil von Hershels Rudel gewesen, und Hershel war derjenige, der Carl retten musste. Ihm ins Gesicht zu sagen, dass er ein Mitglied von Hershels Rudel geopfert hatte um sein Kind zu retten, wäre mit Sicherheit keine gute Idee. Vielleicht würde Hershel trotzdem versuchen Carl zu retten, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall würde er Shane als seinen Feind betrachten, und das wiederum wäre nicht gut. Shane hatte nicht vor zuzulassen, dass ihn jemand von Carl und Rick trennte. Gerade jetzt nicht.
Rick stand unter Schock, war nicht ganz bei sich, er brauchte ihn. Das ganze Rudel brauchte ihn, er war der Alpha, und er hatte vor die anderen hierher auf die Farm zu schaffen, wo sie sicherer wären als mitten auf der Straße. Also ja, er log. Was blieb ihm schon anderes übrig?
Es war seltsam auf Otis' Trauerfeier neben all jenen zu stehen, die wirklich um ihn trauerten, vielleicht war es sogar heuchlerisch, aber Ricks Gesichtsausdruck, als er hörte, dass Carl durchkommen würde, war das alles wert.
Shane hatte nie zuvor jemanden getötet, der es nicht verdient gehabt hatte. Im Dienst hatte er seine Waffe das eine oder andere Mal abgefeuert, doch er hatte noch nie einem Kameraden das Leben genommen, jemanden, der an seiner Seite gestanden hatte und nicht gegen ihn. Es war ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass er zum ersten Mal in seinem Leben etwas getan hatte, das die meisten anderen Menschen einfach als falsch bezeichnen würden. Dass er selbst vor dem Ausbruch noch als falsch bezeichnet hätte. Aber er hatte es tun müssen.
Was wäre die Alternative gewesen? Gemeinsam mit Otis zu sterben, was wiederum dazu geführt hätte, dass Carl ebenfalls starb? Was wäre dann aus Rick geworden? Aus Lori? Aus dem Baby?
Trotzdem, wenn er sich von da an im Spiegel betrachtete, war es ein anderer Shane, der ihm entgegen blickte. Deswegen rasierte er sich die Haare vom Kopf. Nicht um die Beweise (welche Beweise? Jeder hätte ihm das Haarbüschel ausreißen können!) zu vernichten.
Ricks Reaktion auf seinen neuen Look wäre unter anderen Umständen amüsant. „Was hast du mit deinem Kopf gemacht?!", wollte der Omega entsetzt wissen und fuhr ihm über die herunter geschorenen Haare, „Deine wunderschönen Locken…." Rick schien den Verlust von Shanes Haarpracht persönlich zu nehmen.
„Ich wollte was verändern", erklärte Shane, „Gefällt's dir nicht?"
Rick musterte ihn prüfend. „Du siehst anders aus", meinte er, „Härter."
„Gut", befand Shane. Er war der Alpha, andere Alphas wie Hershel sollte ihn mit Respekt ansehen, wenn sie ihn anblickten, sollten sehen, dass er stark und nicht schwach war.
Hershel war nicht begeistert, dass sich ihr ganzes Rudel auf seiner Farm niederließ. Vermutlich hatte er mit einer kleineren Gruppe gerechnet. „Sobald es dem Jungen besser geht und ihr das verschwundene Mädchen gefunden habt, will ich, dass ihr von ihr verschwindet", erklärte er Shane. Offenbar wollte er keine Eindringlinge in seinem Revier haben.
Shane verstand das. Seine Töchter waren beide Omegas. Die anderen hier auf der Farm – Otis' Frau Patricia und der junge Jimmy – waren Betas. Shanes Gruppe war größer, hatte neben Shane auch noch Merle Dixon, einen weiteren Alpha, zu bieten, und dessen Bruder Daryl, den man nicht anmerkte, dass er ein Omega war, und den Hershel vermutlich für einen besonders harten Beta hielt. Dazu kamen die tatsächlichen Betas, T-Dog, Dale, Andrea und Lori, manche von ihnen möglicherweise eine Gefahr für die Unschuld von Hershels Töchtern (Obwohl Shane an Hershels Stelle eher wegen Glenn besorgt gewesen wäre, Hershels ältere Tochter Maggie schien ein Auge auf ihren Mit-Omega geworfen zu haben). Natürlich wollte er sie hier nicht haben. Shane hatte auch nicht vor länger als unbedingt nötig zu bleiben, er war aber dankbar dafür, dass sie zumindest für den Moment einen scheinbar sicheren Unterschlupf gefunden hatten.
Es war Andreas Vorschlag ihren Aufenthalt auf der Farm gleich für Merles Entzug zu nützen. Sie banden ihn im Wohnmobil fest und versuchten ihm den Entzug mit Medikamenten zu erleichtern. All das weckte nur noch mehr Missfallen in Hershel.
Aber sie konnten nicht so einfach weiterziehen. Carl war nicht transportfähig, und offiziell suchten sie auch immer noch nach Sophia. Sie hatte eine Nachricht für das Mädchen bei der Karambolage zurückgelassen, doch Shane wusste, dass sie tot sein musste. Da sie niemals auf der Farm aufgetaucht war und auch nicht wieder bei der Karawane auf der Straße, konnte sie einfach nicht mehr am Leben sein. Carol wollte das natürlich nicht glauben, genauso wenig wie die anderen Omegas. Daryl brach alleine auf um nach den Mädchen zu suchen und wurde bei seiner Rückkehr zur Farm von Andrea, die ihn für einen Toten hielt, angeschossen. Ein Grund mehr, warum sie hier festsaßen, und ein Grund mehr für Shane allen Anwesenden beizubringen, wie man eine Waffe richtig benutzte. Er hätte das schon viel früher tun sollen.
Er bot seinen Unterricht auch Hershels Rudel an, in der Hoffnung den anderen Alpha damit milde zu stimmen. Ob es funktionierte oder nicht, konnte er nicht sagen. Und dann tauchte das nächste Problem auf.
Mitten zwischen der Wache an Carls Bett, der Suche nach Sophia, und dem Schuss auf Daryl, meinte Lori zu ihrem Mann: „Rick, du stinkst."
Shane hätte nicht überrascht sein sollen. Der einzige Grund, warum Rick erst jetzt eine Hitze erlebte, waren wohl die Medikamente, mit denen sie ihm im Krankenhaus vollgepumpt hatten. Selbst nach dem Ende der Welt hätten die Greenes mit Sicherheit Hitzeunterdrücker im Haus. Allerdings … nun allerdings wäre es unter den gegeben Umständen vielleicht klüger der Natur ihren Lauf zu lassen. „Wenn du jetzt welche nimmst, wird die nächste Hitze um so stärker ausfallen. Wir wissen nicht, was die in deinen Blutkreislauf gejagt haben, während du im Koma gelegen bist. Wenn dein Körper sich wieder erholen soll, ist es vielleicht besser diese Hitze einfach durchzustehen", meinte Shane dazu.
Er saß mit Rick und Lori in der Küche der Greenes, und sie diskutierten gedämpft ihre Möglichkeiten. „Das nächste Mal sind wir vielleicht irgendwo in der Wildnis unterwegs. Das hier könnte unsere letzte Chance auf kontrollierte Umstände sein", fuhr Shane fort, „Ich weiß, das hört sich nicht ideal an, aber ich fürchte, dass es schlimmer wird, wenn wir es hinauszögern."
„Was ist mit Merle? Mit Hershel? Können wir das wirklich riskieren?", wollte Lori wissen.
„Merle ist angebunden, und ich glaube nicht, dass Hershel der Typ ist, der über nichts ahnende Omegas herfällt", erklärte Shane.
„Weil alle Tierärzte Heilige sind? Alphas haben bis an ihr Lebensende einen erhöhten Sexdrive", widersprach Lori.
„Nicht jeder Alpha reagiert mit Brunft auf jeden Omega in Hitze, Lori. Und entgegen der von den Medien vertretenen Meinung, besitzen die meisten von uns Selbstkontrolle", gab Shane zurück, „Aber letztlich ist es Ricks Entscheidung."
Beide blickten den Omega erwartungsvoll an.
„Wenn ich das mache, dann will ich es nicht alleine durchstehen müssen", sagte Rick, „Dann will ich dich an meiner Seite, Shane."
Lori schürfte die Lippen, sichtlich nicht begeistert. Das hier war eine heikle Sache. Sie hatten dieses neue Arrangement zwischen ihnen, wenn es denn eins war, noch nie wirklich zu dritt diskutiert. Lori und Rick waren Gefährten, aber Lori trug Shanes Baby in sich, was an sich schon kompliziert genug war, und dann war da die Sache zwischen Rick und Shane, die sich mit dem Kuss vor dem ersten Schuss, der ihrer aller Leben noch vor dem Ende der Welt auf den Kopf gestellt hatte, verändert hatte, und keiner wusste genau welche Richtung sie als Rudel in Zukunft einschlagen sollten. Die meiste von ihnen wussten nicht einmal, was sie eigentlich wollten.
Die offensichtliche Variante war nicht so naheliegend, wie man vielleicht annehmen würde, wie Ricks Reaktion auf Loris Schwangerschaft und Loris Reaktion auf Ricks Anliegen gerade bewiesen hatten. Keiner der beiden Grimes schien gerne zu teilen. Shane hingegen wusste, wo er stand, aber zugleich war das alles für ihn auch immer noch neu. Seit dem CDC entwickelten sich die Dinge zwischen ihm und Rick schleichend. Sie hatte ein paar Mal herumgeknutscht wie verliebte Teenager, aber es war schwer eine intime Beziehung voranzubringen, wenn ständig ein Kind und dessen Mutter anwesend waren, wenn sie zusammen alleine waren.
Sex mit Rick. Shane wollte das schon seit … nun seit er wusste, was Sex war, nahm er an, aber nun da es bevorstand, zweifelte er auf einmal daran, ob es eine gute Idee wäre. Ein Kuss hat ausgereicht um mich nachlässig werden zu lassen. Und das hier ist nicht nur Sex, er will seine Hitze mit mir verbringen. Und wer sollte auf sein Rudel achtgeben, während er mit Rick beschäftigt war?
Aber Shane hatte noch nie Nein zu Rick Grimes sagen können, nicht wahr? „Einverstanden. Aber wenn wir das durchziehen wollen, dann brauchen wir einen gesicherten Ort dafür", meinte Shane, „Vielleicht sollten wir Merle umquartieren…."
„Und wohin?", warf Lori ein, „Ein Hauch von Ricks Hitze, und es wäre um ihn geschehen."
„Ihr könnt mein Zimmer haben." Maggie Greene trat aus dem Schatten zu ihnen. „Ich wollte nicht lauschen, aber das war nicht zu über… riechen. Ich habe sowieso vor ein paar Besorgungen zu machen. Während ich weg bin, könnt ihr euch in meinem Zimmer verbarrikadieren. Im Gegenzug will ich nur Begleitung für meinen Ausflug", erklärte der weibliche Omega.
„Nimm mit, wen du willst", sagte Shane sofort.
„Ich will Glenn", verkündete Maggie (ja, das wollte sie scheinbar wirklich).
„Wenn er zustimmt mitzukommen, kannst du ihn ruhig mitnehmen. Falls er sich weigert, würde ich T-Dog vorschlagen. Er ist verlässlich und hat eine gute Nase für Gefahr", meinte Shane, „Aber denkst du nicht, dass dein Vater nicht möglicherweise ein Problem damit hat, wenn wir dein Zimmer beziehen um die Hitze eines hausfremden Omegas auszusitzen?"
„Es ist mein Zimmer", betonte sie, „Und ich habe es auch angeboten. Seine Meinung dazu tut nichts zur Sache."
„Ich danke dir, Maggie", sagte Rick.
„Kein Problem, wir sitzen im selben Boot. Ich hatte meine erste Nach-dem-Ende-Hitze schon. Es war nicht gerade angenehm, aber seitdem keine Stresshitzen, scheinbar normaler Zyklus. Tut also, was ihr tun müsst. Und wenn ihr für später Unterdrücker wollt, oder anderes Zeug, lasst es mich wissen, wenn ich schon shoppen gehe, dann kann ich gleich für alle was mitbringen", bot der Omega ihnen an.
„Ich werde das weiter geben", meinte Lori, „Und dir dann Bescheid geben." Dann sah sie ihren Gefährten und ihren (ehemaligen) Liebhaber an. „Ich nehme an, das bedeutet, dass ihr eure Entscheidung getroffen habt." Sie wirkte wirklich nicht glücklich. Shane unterdrückte den Impuls sich zu entschuldigen. Lori hatte Rick über ein Jahrzehnt lang gehabt, es war an der Zeit, dass sie lernte zu teilen.
Später war er einsichtig genug um sich zu fragen, ob sie in Wahrheit nicht einfach nur schlauer gewesen war als alle anderen, und es ihr gar nicht um ihre eigene Gefühle gegangen war, sondern darum, dass sie hatte kommen sehen, was kommen würde. Nicht, dass es etwas geändert hätte, wenn sie sie vorgewarnt hätte.
II.
Shanes erste Stunde als Wärter von Alexandria bestand darin sich von Rick in dessen Haus anbrüllen zu lassen. Ab und zu setzte er zwar dazu an sich zu verteidigen, das meiste von dem, was er abbekam, hatte er aber verdient, also nahm er es hin.
Rick begann mit den offensichtlichen Vorwürfen, dass Shane sich darauf eingelassen hatte die Bewohner von Alexandria für Negan zu überwachen, dass er versprochen hatte sie alle zu befreien Maggie aber nicht hier war, dass er sich überhaupt jemanden wie Negan unterordnete, der seinen eigenen Leute verstümmelte oder tötete, wenn sie sich an seine Regeln nicht hielten und nun von Shane erwartete das mit Rick und seinem Rudel zu machen, wenn sie sich nicht an Negans Regeln halten würden.
Bei diesen Vorwürfen rechtfertigte sich Shane nach am Meisten. Er erklärte, möglichst gefasst, dass er sich darauf eingelassen hatte der Wärter von Alexandria zu werden um Rick und die anderen zu retten, und dass Maggie einfach nicht transportfähig gewesen war, und dass sie dort, wo sie sich gerade befand, in Sicherheit war. Dass der Doc auf sie achtgeben würde, nicht zulassen würde, dass ihr einer der Alphas im Sanctuary zu nahe trat. Dass Negan das ebenfalls nicht zulassen würde, da sie im Endeffekt eine zu wertvolle Geisel war (dieses Argument stellte sich schnell als Fehler heraus, da er damit zugab, dass Maggie Negans Geisel war und er darin versagt hatte sie frei zu bekommen). Dann versicherte er, dass er nicht vorhabe irgendjemanden in dieser Stadt zu verstümmeln oder zu töten, woraufhin Rick ihn beschuldigte seine neue Aufgabe nicht ernst zu nehmen und sie damit alle potentieller Gefahr auszusetzen, denn wenn Negan der Meinung wäre, dass Shane seinen Job nicht tat, würde er jemand anderen schicken, jemand schlimmeren, oder gar selber kommen und hier auf Dauer einziehen wollen. Shane versicherte Rick, dass er sehr wohl vorhatte seinen Job zu tun, nur nicht unnötig grausam sein wollte. Natürlich war das erst recht wieder ein Fehler, denn damit outet er sich als „einer von denen", als jemand, der loyal zu Negan war, und das trat eine neue Reihe von Vorwürfen los, beginnend mit nur Monster würden Dinge tun, die die Erlöser taten, und endend mit allen Dinge, die auf der Farm passiert waren.
Shane fiel auf, dass es Rick nicht zu stören schien, dass Morales sich ebenfalls den Erlösern angeschlossen hatte, immer, wenn er das erwähnte, wurde Rick wirklich bissig („Wenn alle über die Klippe springen, springst du also hinterher?!"), und seine Taten auf der Farm verteidigte er gar nicht erst (Rick wäre nicht begeistert, wenn er ihm ins Gesicht sagen würde, dass er Otis jedes Mal wieder töten würde, wenn das bedeutete, dass er so Carls Leben retten könnte). Irgendwann ließ er die Vorwürfe dann nur noch über sich ergehen.
„Und deine Eifersucht hat Morgan vertrieben, was Duane das Leben gekostet hat!", zog Rick schließlich den Schlussstrich unter seine lange Liste von Dingen, die Shane Walsh falsch gemacht hatte. Das war ein Schlag unter die Gürtellinie, und das wusste er auch. Er zog eine Grimasse, kaum, dass er es gesagt hatte.
„Wow, du musst mich ja wirklich hassen, Bruder, wenn ich doch so ein furchtbarer Mensch bin", meinte Shane leise.
„Red keinen Quatsch", murmelte Rick, „Wir hätten dich gebraucht, ich hätte dich gebraucht, aber du bist nicht zu mir zurückgekommen. Und jetzt bist du einer von denen. Wie kannst du mir das antun?"
Das war eine berichtige Frage, aber eine Antwort darauf wusste Shane auch nicht. Er hatte Rick noch nie absichtlich weh getan. Das wollte er auch jetzt nicht. „Du warst besser ohne mich dran. Glaub mir das bitte. Du hast es vielleicht vergessen, aber ich habe es nicht vergessen. Du hattest jedes Recht mich niederzustechen. Du hättest jedes Recht gehabt mich umzubringen. Ich war eine Gefahr für das Rudel. Für dich. Für Carl und Lori. Was immer auch danach passiert ist, es wäre durch meine Anwesenheit nicht einfacher für dich geworden, eher schwieriger", erklärte Shane gedämpft, „Ich habe mich nicht ferngehalten um dir weh zu tun, Rick, sondern um dir einen Gefallen zu tun. Und glaub mir, auch ich hätte nicht erwartet, dass wir uns unter diesen Umständen wiedersehen."
Rick wandte sich von ihm ab. Vermutlich weil er seinen Anblick nicht ertragen konnte. Vielleicht aber auch, weil ihm Tränen in die Augen stiegen. Er hatte noch nie gerne Schwäche gezeigt und heute vermutlich noch viel weniger als jemals zuvor.
Shane wollte ihn umarmen und trösten, aber er wusste, dass er das Recht dazu schon vor langer Zeit verloren hatte. Und Rick hatte recht: Er war jetzt einer von denen, nicht wahr? Dieser Omega hier war nicht mehr sein Omega, es war ein feindlicher Rudelführer, zu dessen Überwachung er abgestellt worden war.
„Ich – ähm – sollte zusehen, was meine Männer so treiben. Wir wollen ja keinen Ärger, nicht wahr?", meinte Shane also, „Wenn du … wir reden später weiter, ja?"
Rick nickte nur, sah ihn aber nicht an, und schien den Boden seines Hauses zu betrachten. Das schmerzhafte Ziehen, das sein Anblick in Shane Herzen auslöste, nun, daran würde er sich wieder gewöhnen müssen, wie es aussah. Es kommt nicht darauf an, dass er mich hasst. Worauf es ankommt, ist, dass ich am Leben halte, egal wie. Das war kein neuer Gedanke, und das letzte Mal hatte er zu schlimmen Dingen geführt, aber dieses Mal würde es anders laufen, dieses Mal würde Shane die Warnzeichen erkennen. Ich bin wieder gesund, ich bin nicht mehr krank, nicht so wie damals. Das hier ist anders.
Er wandte sich zum Gehen, doch Ricks Stimme hielt ihn zurück. „Shane?"
„Ja?" Shane drehte sich nicht zu dem Omega um, sondern wartete nur ab.
„Ich bin sehr froh, dass du am Leben bist", erklärte Rick mit gebrochener Stimme.
„Geht mir mit dir genauso, Bruder. Geht mir mit dir genauso", versicherte ihm Shane und zwang sich dann das Haus zu verlassen. Wenn es anders laufen sollte, dann durften sie nicht in gewohnte Muster verfallen, es durfte keine tränenreichen Versöhnungen geben, die das eigentliche Problem umschifften anstatt es zu lösen. Nicht dieses Mal.
Carl erwartet ihn mit Judith an der Türe. „Gehst du weg?", wollte er wissen.
„Nicht weit, Kumpel", versprach ihn Shane und starrte dann noch einmal seine Tochter an. Sein Kind. Sein Fleisch und Blut. Als ich sie zum ersten Mal gehalten habe, da wusste ich es dann, dass ich sie liebe, dass ich niemanden jemals so lieben würde wie sie. Dass du recht hattest, dass sie mein Baby ist, genauso wie eures. Dass sie unser Baby ist. Deines und meines, verstehst du?, hatte Rick gesagt, als er ihm von Judith erzählt hatte, und Shane wusste genau, was er damit gemeint hatte. Für diesen kleinen Menschen würde er alles tun. Auf der Stelle. Aber auch für sie musste er jetzt gehen, musste einen klaren Kopf behalten, durfte dem Instinkt nicht nachgeben Rick einfach um Verzeihung anzuflehen, um einen Platz in seiner Familie, um irgendeinen Platz in seinem Rudel, an der Seite von seinen Kindern.
Carl hielt ihm Judith fragende entgegen. Doch Shane schüttelte den Kopf. „Ich muss ein paar Dinge regeln, Kumpel. Hey, wie wäre es, wenn du sie stattdessen zu deinem Dad bringst? Ich glaube, es würde ihn jetzt guttun, wenn er sie halten könnte", meinte er.
„Was Dad guttun würde, wäre sein Alpha", sagte Carl mit unüberhörbarem Vorwurf in seiner Stimme, „Du kannst jetzt nicht einfach gehen. Du hast keine Ahnung in wie vielen Nächten er-"
„Nein, sag es mir nicht, Carl. Das ist Ricks Sache, okay? Nicht deine. Würdest du an seiner Stelle wollen, dass jemand das einem Alpha über dich erzählt?", unterbrach ihn Shane, „Ich weiß, du willst, dass wir uns wieder vertragen und alles so wird, wie es war. Aber das ist nicht so einfach. Dein Dad … hat schon lange keinen Alpha mehr."
Carl schüttelte wütend den Kopf. „Du kannst nicht einfach in unser Leben zurückwalzen und uns dann wieder verlassen!", erklärte er knurrend.
„Ich verlasse euch nicht. Niemals wieder. Die Dinge sind jetzt nur anders. Das ist alles", versicherte ihm Shane, „Und du weißt, dass egal, was zwischen Rick und mir vorfällt, oder nicht vorfällt, das keinen Einfluss darauf hat, was du mir bedeutest, oder deine Schwester, ja?"
„Klar", spottete Carl, „Weil das noch kein Scheidungskind jemals zuhören bekommen hat."
Damit es eine Scheidung geben kann, muss es erst mal eine Ehe geben, dachte Shane bitter. Und schluckte sie dann hinunter, die Bitterkeit, die alte Bitterkeit, die er jahrelang in sich gehegt und gepflegt hatte, die darüber, dass Rick beschlossen hatte ihnen niemals eine Chance zu geben. Das ist nicht fair, und das weißt du. Du hast ihm gesagt, dass du unbedingt Polizist sein willst. Aber Rick hätte keiner werden müssen. Und was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Du hattest ihn, und du hast's versaut. Du bist hier, weil du das wiedergutmachen willst und nicht um alte Ressentiments aufzuwärmen.
„Ich liebe euch, okay? Alle drei. Und das hier ist der beste Weg um euch das zu beweisen", beharrte Shane.
Carl schüttelte nur den Kopf, und seine Miene spiegelte traurige Weisheit, die über sein Alter hinausging, wieder.
Shane nutzte die Argumentationspause um an ihm vorbei aus Ricks Haus zu schlüpfen. Draußen wurde er erwartet – von Andrea und der schwarzen Frau, die ein Alpha-Beta war, Michonne. Das hier war auch ihr Haus, erinnerte sich Shane. „Du lebst also noch, Shane", stellte Andrea fest.
„Es freut mich auch dich zu sehen, Andrea", meinte der Alpha.
Sie schnaubte. „Morales und die beiden anderen lungern beim Tor herum. Ihr wolltet eigene Häuser? Wie wäre es, wenn euch die jetzt zeige?", meinte sie dann.
Michonne neben ihr strahlte Feindseligkeit aus. Shane versuchte das nicht als Herausforderung zu nehmen. Sie und alle anderen hier hatten jeden Grund in ihm den Feind zu sehen. „Ich hatte nicht vor sie so lange …. alleine zurück zu lassen. Sie haben sich doch benommen, oder?", erkundigte er sich stattdessen schnell.
„Sie haben mit niemand interagiert, wenn du das meinst. Ich denke, dass sie angesichts des …. Zwischenfalls etwas irritiert darüber sind, was eigentlich von ihnen erwartet wird. Vielleicht solltest du sie aufklären", erwiderte Andrea.
„Klar." Shane hatte keine Ahnung, was genau von seinen Männern erwartet wurde. Oder von ihm. Negan war eventuell einfach irre geworden. Das kam vor, besonders bei Alphas. Wahnsinnsschübe nach dem Ende der Welt. Shane hatte seine eigenen hinter sich, vielleicht war das hier alles einfach nur ein Resultat von einem Wahnsinnsschub von Negan. Und nun sollte er auf einmal wieder anführen. Dabei hatte er das seit Jahren nicht mehr gemacht. Konnte er es überhaupt noch?
„Mein Katana", ließ sich Michonne plötzlich vernehmen. Shane war überrascht, dass sie das Wort ergriff, und ihre Stimme klang anders als er erwartet hätte. Er wusste zwar nicht, was er erwartet hatte, aber das hier nicht wirklich.
„Bitte?"
„Mein Schwert. Negans Leute haben es mir weggenommen", erklärte Michonne, „Ich hätte es gerne zurück."
„Klar. Das sollte kein Problem sein. Ich werde das weitergeben", stotterte Shane, „Du wirst dein Eigentum bald wieder in Händen halten." Michonne wölbte ihre Augenbrauen. Blöde Formulierung unter diesen Umständen, Shane, blöde Formulierung.
Andrea rettete ihn, indem sie einfach losging. Shane folgte ihr erleichtert. Das Grimes-Haus und seine Bewohner brachten ihn im Moment kein Glück. Er war für alles, was ihn von ihnen wegführte, dankbar. Doch das blieb nicht seine letzte Konfrontation.
Glenn kam ihm entgegen geeilt. „Was ist mit Maggie?", wollte er wissen.
„Ihr wird nichts passieren. Der Doc wird auf sie aufpassen, und sobald es ihr besser geht, kehrt sie nach Hause zurück", versicherte Shane den aufgelösten Omega.
„Und was wenn nicht?", wollte Glenn wissen, „Was wenn er beschließt, dass er sie dort behalten will? Bis zur Geburt und danach. Für immer vielleicht. Was wenn er unser Baby stehlen will? Was wenn er Maggie stehlen will?!" Jedes Wort schien Glenn mehr in Panik zu versetzen. Er stank nach Paranoia, aber für einen Omega waren all diese Sorgen legitim unter den gegeben Umständen, nahm Shane an.
„Wenn nicht, dann hole ich sie persönlich zurück", erklärte Shane ruhig, aber bestimmt.
Glenn atmete erleichtert auf. Er schien Shane dieses Versprechen zu glauben. Erfolg bei so einer Unternehmung für möglich zu halten. Gut so.
Der nächste, auf den er traf war Daryl. Er stand ein paar Schritte entfernt von Morales und den anderen beiden und beobachtete sie genau. Seine ganze Körperhaltung spiegelte Misstrauen und Aggression wieder. „Daryl." Shane blieb vor dem Dixon-Bruder stehen und wartete, dass dieser sich zu ihm umwandte. Sein Gesicht verriet Shane nichts.
„Das mit Merle tut mir leid", sagte Shane.
„Mir auch", meinte Daryl darauf nur.
„Carol ist außerhalb der Stadt? Genau wie Morgan und sein Omega? Müssen wir uns Sorgen machen? Sind sie überfällig?", erkundigte sich Shane bei dem Tracker.
„Sie sind taff, können auf sich aufpassen", sagte Daryl, „Carol ist nicht mehr die, die du gekannt hast. Morgan ist ein Kampfmönch. Sie kommen klar."
Shane wartete auf mehr Information, doch die bekam er nicht. Daryl war noch nie jemand für Smalltalk gewesen. „Okay, dann…."
„Dwight", unterbrach ihn Daryl.
„Dwight?", wiederholte Shane, „Was ist mit Dwight?"
„Er hat eine Freundin von mir auf den Gewissen. Dafür werde ich ihn umbringen", gab Daryl bekannt. Warum zum Teufel sagt er mir das? Das gehört zu den Dingen, die er mir definitiv nicht sagen sollte! „Ich denke nicht, dass Negan das gefallen würde", gab Shane schwach zurück.
„Mich kümmert nicht was diesem Stück Dreck gefällt und was nicht", spukte Daryl, „Wenn Dwight hier noch mal auftaucht…."
„Schon klar, wird er nicht", unterbrach ihn Shane, „Kein Dwight hier in Alexandria. Ich hab's verstanden."
Daryl nickte nur und stampfte dann davon. War auch nett dich zu sehen.
Andrea blickte Shane erwartungsvoll an. Der Alpha ging hinüber zu Morales, Jacob, und Avery. „Entschuldigt die Verspätung, Leute", sagte Shane zu ihnen, „Andrea wird uns zeigen, wo wir aber jetzt wohnen werden. Kommt mit."
Und wenn sie ihr neues Zuhause erreicht hätten, dann würde Shane mit den anderen drei Alphas über ihre Aufgaben hier sprechen müssen. Und über alles, was sie nicht tun sollten. Seine Schwierigkeiten, nahm er an, fingen gerade erst an.
III.
Shane, da ist ein Haufen Beißer in der Scheune, hätte Glenn sagen sollen, aber er hatte kein Rückgrat. Zumindest nicht, wenn es um Maggie Greene ging, die einen Moment abweisend und kalt zu ihm war und ihn im nächsten entkleidete und verführte. Maggie war offenbar die Art Mädchen, das wusste, was sie wollte. Und die Art Omega, der sich holte, was er wollte. Und aus irgendwelchen Gründen wollte sie Glenn. Er war sich nicht ganz sicher warum. Wenn er Maggie wäre, hätte er wohl T-Dog gewählt, oder vielleicht Daryl, aber sicher nicht den schlaksigen asiatischen Omega.
In der Welt vorher war Glenn in nichts besonders erfolgreich gewesen. Ja, er hatte Freunde gehabt und hatte sich als Pizzabote ganz gut durchgeschlagen, aber im Grunde hatte er immer gedacht, dass ihm etwas in seinem Leben fehlen würde. Er hatte nie wirklich gewusst, was ihm fehlte. Bis zur Welt danach, als er Andrea und Amy ansah, oder Shane, Lori, Carl, und Rick, oder sogar Daryl und Merle, und ihm klar wurde, dass das was ihm gefehlt hatte vor allem das Gefühl von Zugehörigkeit gewesen war. Ein Teil von ihm hatte sich immer nach einem Rudel gesehnt, und jetzt wo er endlich eines hatte, wurde dieses auf gefühlter täglicher Basis beinahe bis tatsächlich dezimiert.
Sie hatten Amy, Jim, Ed, und Jaqcui verloren, und dann wohl auch noch Sophia und beinahe Carl. Ihrer aller Nerven lagen blank, Lori war schwanger, Rick geriet in Hitze, und die Greenes waren ein alles in allem seltsamer Haufen.
Hershel war Tierarzt und musste trotzdem Carls Leben retten, und dafür waren sie ihm alle dankbar, aber es war eine Art offenes Geheimnis, dass Shane Otis bei ihrem gemeinsamen Ausflug zum FEMA-Camp wohl umgebracht haben musste. Glenn hoffte nur, dass es nur ein offenes Geheimnis innerhalb seines Rudels war und nicht auch im Greene-Rudel, denn ansonsten wären sie auf der Greene-Farm wohl nicht mehr lange willkommen.
Nicht, dass es ein besonders angenehmer Ort wäre um sich dort häuslich niederzulassen. Patricia weinte den ganzen Tag um Otis. Hershel war unrund, weil sich so viele Fremde und darunter gleich zwei Alphas auf seinem Grund und Boden befanden. Maggie sandte ihm verwirrende Signale, und ihre Schwester Beth und deren seltsamer Freund Jimmy, nun, Glenn wusste nicht, was mit denen nicht stimmte, aber irgendetwas stimmte eindeutig nicht mit ihnen. Vielleicht hätten sie das Ende der Welt besser verkraftet, wenn sie Gras geraucht hätten und Punk Rock Fans wären, aber so waren sie offenbar brave Teenager mit Neigung zu Depression, die nichts in ihren bisherigen Leben verbrochen hatten und nun damit leben mussten, dass die Welt nie mehr in Ordnung kommen würde. So gesehen war es kein Wunder, dass nichts mit ihnen stimmte.
Doch es war Maggie, die seine Gedanken fast durchgehend beschäftigte. Maggie, der rebellierende Omega, der Rick und Shane ihr Zimmer überließ, damit sie dort Ricks Hitze gemeinsam verbrachten, was Hershel fast einen Schlaganfall bescherte. Maggie, die Glenn verführte und nicht genug von ihm zu bekommen schien. Was ihn zugleich schmeichelte und verunsicherte, bis er das mit der Scheune herausfand, woraufhin er noch verunsicherter war als sowieso schon.
Zu seiner Verteidigung: Da Shane und Rick miteinander auf nicht absehbare Zeit beschäftigt waren, gab es für Glenn keine Möglichkeit sie sofort über die Scheune zu informieren. Aber vermutlich sollte er irgendjemand anderen informieren. Er sollte es Andrea sagen, oder Lori, oder Dale, oder T-Dog, oder zumindest Daryl. Aber Maggie hatte ihn gezwungen zu schwören, dass er niemanden sagen würde, was sich in der Scheune befand.
„Sie stellen keine Gefahr für uns da", behauptete sie, „Jeder, der hier auftaucht, wird gefangen und dort hineingesteckt. Mein Dad arbeitet an einem Heilmittel für sie."
Glenn war sich nicht sicher, was von all diesen Aussagen die verrückteste war. Dass ein Tierarzt schaffen wollte, was dem CDC nicht gelungen war, dass das Greene-Rudel die Beißer offenbar fing anstatt die zu erledigen, oder die Behauptung, dass die besagten Beißer nicht gefährlich wären. (Glenn wusste es besser. Er war von denen schon mehrmals beinahe getötet worden, und genug andere hatten weniger Glück gehabt als er und waren tatsächlich getötet worden).
Ich darf das nicht für mich behalten, ich muss es den anderen sagen. Aber was würde passieren, wenn er es den anderen sagte? Er hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was Shane, Andrea, T-Dog, und Daryl tun würden. Aber das da in der Scheune waren nicht einfach nur irgendwelche Beißer, das waren die restlichen Greenes und Nachbarn.
Im Grunde verhielten sich die Greenes nicht anders als Morgan sich verhalten hatte, oder? Nur, dass Morgan nur einen einzigen Beißer gestalkt und nirgendwo eingesperrt hatte, und immer darauf geachtet hatte, dass genug Abstand zwischen besagtem Beißer und seinem Sohn war, und er hatte seine Besessenheit von seinem verwandelten Omega vor niemanden verborgen. Hatte mit seinem Verhalten gerade Mal sich selbst gefährdet und ein wenig Duane. Hershel und die anderen hingegen gefährdeten all ihre Gäste – vom verletzten Carl, über die schwangere Lori, bis hin zur verzweifelten Carol.
Letztlich musste Glenn sich entscheiden, wem seine Loyalität galt: Seinem Rudel oder Maggie. Und es gab einen klaren Gewinner. Er hatte endlich das gefunden, wonach er immer gesucht hatte, das konnte er nicht aufs Spiel setzen für eine möglicherweise nur flüchtige Affäre.
Nachdem Ricks Hitze vorbei war, und Shane beim Camper auftauchte um sich Kaffee zu besorgen, gestand ihm Glenn also alles. Shane, der zuerst noch zufrieden gelächelt hatte und so ähnlich dreinblickte wie Glenns erste Alpha-Freundin, nachdem sie seine erste Hitze mit ihm verbracht hatte, ging sofort in den Krisen-Modus über, wies T-Dog, Andrea, und Daryl an mit ihm zu kommen und machte sich auf zur Scheune. Sofort bereute Glenn sein Geständnis auch schon wieder. Was jetzt kam, würde nicht angenehm werden.
Und das wurde es auch nicht. Alle kamen angerannt, als das Massaker an den Beißer in der Scheune begann. „Nein, nein, das ist meine Familie, lasst sie!", jammerte Hershel, doch keiner achtete auf ihn. Die meisten waren damit beschäftigt zu verhindern, dass sie von den Toten gebissen wurden, und diese in ihre endgültiges Grab zu befördern.
Und dann tauchte der letzte Beißer aus der Scheune im Freien auf, und alle erstarrten.
Sophia war noch nicht lange tot, aber lange genug. Carol gab einen Schmerzensschrei von sich und wollte auf ihre Tochter zueilen, doch Daryl packte sie und hielt sie fest. „Sieh nicht hin!", forderte er von ihr, „Sieh nicht hin!"
Irgendjemand musste das Mädchen in die Scheune gesperrt haben. Irgendjemand musste von Anfang an gewusst haben, dass ihre Suche nach ihr zu keinem Ergebnis führen würde. Mit einem Mal war Glenn wieder froh, dass er die Wahrheit enthüllt hatte. Der Anblick von Sophia als Beißer machte ihm klar, was für vollendete Lügner die Greenes waren, und wie falsch sie mit der Idee irgendjemanden in diesem Zustand wieder heilen zu wollen lagen.
Dann stellte sich Shane direkt vor Sophia und jagte und ihre eine Kugel in den Kopf. Carol heulte noch einmal auf und wurde dann von Daryl weg von der Scheune eskortiert. Sophia war der letzte der Beißer gewesen.
„Wie konntet ihr das nur tun?! Das war meine Familie! Ich hätte sie retten können!", echauffierte sich Hershel.
Shane baute sich wütend vor ihm auf. „Das war Sophia. Wir hätten auf der Suche nach ihr sterben können!", erwiderte er wütend, „Und für das da, gibt es keine Heilung. Das CDC hat keine gefunden. Schlimmer noch, wir sind bereits alle infiziert. Nach unserem Tod werden wir alle so enden!" Dann ließ er Hershel ohne ein weiteres Wort stehen.
Maggie warf Glenn einen wütenden Blick zu, den dieser versuchte zu ignorieren, während sie sich um ihre aufgelöste jüngere Schwester kümmerte. Glenn folgte seinem Rudel, das sich geschlossen von der Scheue entfernte.
Glenn konnte hören, wie Rick hitzig mit Shane diskutierte. „Verdammt, Shane, das hättest du nicht tun dürfen! Jetzt schmeißt er uns mit Sicherheit raus!"
„Ich habe auch keine Lust weiter hierzubleiben!"
„Warum hast du nicht einfach gewartet? Wir hätten mit den Greenes reden können, sie überzeugen können uns die Beißer töten zu lassen!"
„Ich musste handeln, wir waren in Gefahr!"
„Und ihm das alles in Hörweiter seiner Kinder an den Kopf zu werfen…. Das war ein Fehler!"
„Es ist besser, dass er die Wahrheit weiß!"
„Warum hast du das alles nicht vorher mit mir besprochen? Ich dachte, wir wollten ab jetzt Partner sein. Unsere Entscheidungen gemeinsam treffen?!"
Shane hielt inne und strich Rick dann voller Zuneigung durchs Haar. „Du warst nicht in der Verfassung zu sehen, was nötig ist. Also habe ich es für uns erledigt. Sobald die Nachwirkungen der Hitze nachlassen, und du wieder klar denken kannst, wirst du einsehen, dass ich richtig gehandelt habe. Im Übrigen musst du dir über solche Kleinigkeiten keine Gedanken machen. Ich bin der Alpha, ich regle so was für uns", erklärter er sanft.
Ricks Blick spiegelte mehr als nur ein wenig Irritation angesichts dieser Aussage wieder. Es hörte sich auch ziemlich besorgniserregend an. Und das war der Moment, in dem Glenn klar wurde, dass Shane so eben ohne zu zögern Sophia, ein Omega-Kind, erschossen hatte. Ja, sie war schon tot gewesen, aber sie hatte nicht nur nach Tod gerochen, ein Teil von ihr hatte immer noch nach Sophia gerochen.
Und das war der Moment, als Glenn klar wurde, dass sie in Schwierigkeiten steckten.
IV.
„Was sollen wir jetzt tun? Wie geht es weiter?"
Sie hatten sich alle in Ricks Haus versammelt, und es war Glenn, der diese Frage gestellt hatte. „Die haben immer noch Maggie", fügte er hinzu.
„Die ist für den Moment vermutlich sicherer als wir", meinte Abraham, „Die dringender Frage ist, was mir mit diesen Alpha-Eindringlingen machen, die sich hier eingenistet haben." Glenn hatte keine Ahnung, was Abraham oder Michonne im Sanctuary widerfahren war. Er selbst war einigermaßen anständig behandelt worden – niemand hatte ihn belästigt, und man hatte ihm gestattet bei Maggie zu sein. Alles in allem war es nach der Aufreihung also eher eine Entspannung gewesen. Abrahams innerer Alpha fühlte sich aber offensichtlich durch alles, was geschehen war, beleidigt und bedroht, und keiner musste nachfragen, um zu wissen, dass er Shane und die anderen am liebsten getötet hätte.
Shanes Anblick auf der Krankenstation des Sanctuarys verfolgte Glenn immer noch. Die ganze Begegnung war ihm unwirklich vorgekommen, wie ein seltsamer Traum. Doch hier in Alexandria war er wieder gewesen, genau wie Morales. Zog es Alphas automatisch in die Dienste von jemand wie Negan? Glenn hatte nicht vergessen, wie sich Shane auf der Krankenstation schützend vor ihn und Maggie gestellt hatte, als Negan aufgetaucht war. Auch ohne diese Szene hätte er gewusst, dass Negan der gefährlichste Alpha war, um den sie sich am meisten Sorgen machen mussten.
„Wir machen vorerst gar nichts mit ihnen", sagte Rick.
„Das sind nicht mehr Shane und Morales, das sind jetzt unsere Feinde", erklärte Daryl hart, „Vergiss das nicht."
„Darum geht es gar nicht", behauptete Rick, „Ich habe das letzte Mal getan, was getan werden musste, oder? Das würde ich auch jetzt wieder, aber die Dinge sind nicht so einfach. Es gilt nicht nur Maggie zu bedenken." Er nickte Jesus zu, der vortrat und gedämpft erklärte: „Simon ist nach Hilltop gekommen und hat Gregory und zwanzig andere getötet."
„Himmel", entfuhr es Aaron, der sich sichtlich verstört enger an seinen Gefährten Eric presste.
„Das hat Negan angeordnet um uns zu bestrafen. Um mich zu bestrafen, um genau zu sein. Und er hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass es das nächste Mal Alexandria sein wird", erklärte Rick, „Und es ist noch schlimmer, sie haben eine Liste, mit allen Bewohner, inklusive ihres Geschlechts, erstellt. Wenn wir gegen seine Männer vorgehen, wird er sich nicht mehr nur willkürlich rächen. Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann wissen wir, wen er töten lassen würde. Es geht ihm um die Omegas. Die Betas würde er zunächst noch am Leben lassen, aber die Alphas…." Er sprach nicht weiter.
„Ich bin bereit dieses Risiko einzugehen", behauptete Spencer.
„Aber ich nicht", fuhr Rick dazwischen, „Keiner hier wird sterben, wenn es nicht sein muss. Wir sind im Moment ihre Gefangenen, das ist wahr. Aber es muss nicht so bleiben. Wenn wir uns von ihnen befreien wollen, dann müssen wir aber schlau vorgehen."
„Und was genau stellst du dir unter schlau vorgehen vor?", wollte Gabriel wissen.
„Wir lassen sie in den Glauben, dass sie gewonnen haben, dass sie uns gebrochen haben. Wir spielen nach ihren Regeln, solange bis sie denken unser Widerstandsgeist wäre gebrochen. Und dann, wenn sie nicht mehr so aufmerksam sind wie jetzt, dann schlagen wir zu", erklärte Rick.
„Langer Atem", sagte Daryl, „War noch nie meine Stärke. Die haben Denise umgebracht. Und all die Leute aus Hilltop."
„Aber uns noch nicht. Und so soll es auch bleiben", betonte Rick.
„Man wirft sich nicht vor Mobbern in den Staub", meinte Spencer knurrend, „Negan hält sich schon für unbesiegbar. Wenn wir tun, was er von uns will, wird das noch mehr glauben."
„Genau darum geht es ja", meldete sich Andrea zu Wort, „Wir wollen, dass er denkt, er hätte die totale Kontrolle. Obwohl er sie eben nicht hat."
„Spencer hat recht. Das ist ein blöder Plan", behauptete Abraham.
„Es ist der Beste, den wir haben", meinte Michonne, „Oder hat irgendwer hier einen besseren, der nicht damit endet, dass wir alle grausam zu Tode kommen?"
Darauf hatte erst mal niemand eine Antwort. „Was, wenn wir", begann Spencer, brach dann aber ab, als ihn alle erwartungsvoll anblickten, „Nein, vergesst es."
„Und was ist mit Jesus?", wollte Rosita wissen.
„Sie denken, er lebt hier", erklärte Sasha, „Begrüßt also den neuesten Einwohner von Alexandria. Paul Rovia. Falls jemand fragt, er lebt hier schon länger."
Daryl schnaubte.
„Darf ich mich an dieser Stelle erkundigen, ob Negan und unsere Gäste von der Existenz unserer abwesenden Freunde wissen?", schaltete sich Eugene in das Gespräch ein. Von allen Gefangenen war er der Verstörteste gewesen, als sie wieder in Alexandria angekommen waren, doch inzwischen schien er sich wieder einigermaßen gefangen zu haben. Er saß zwischen Rosita und Abraham auf dem Boden. Auf Abrahams anderer Seite lehnte Sasha und auf Rositas anderer Spencer. Für jemanden wie Eugene waren Veränderungen schwer zu verkraften, deswegen schienen sich sein Alpha und sein Beta zusammenzureißen und wenigstens zu versuchen ihm Stabilität vorzugaukeln. Für den Moment schien es zu funktionieren, doch Glenn nahm an, dass sie das nicht lange aufrecht erhalten konnten.
„Er weiß von Taras und Heaths Fahrt, und ich musste Carol, Morgan, und Owen auf die Liste setzen. Ich wollte nicht, dass sie erschossen werden, wenn sie hier auftauchen", sagte Rick.
„Ist das eine Möglichkeit? Ich meine, besetzen die von nun an die Wachtürme und kontrollieren, wer rein und raus geht?", wollte Tobin wissen, dem wohl praktische Überlegungen dieser Art am Wichtigsten waren.
„Anzunehmen. So genau wissen wir das noch nicht", gestand Rick, „Was den täglichen Ablauf in Alexandria angeht, so haben wir den noch nicht ausführlich besprochen." (Das überraschte Glenn nicht, jeder hatte den lautstarken Streit im Haus der Grimes hören können).
„Wäre es keine gute Idee gewesen sich darüber zu informieren, bevor du uns alle zusammenrufst?", sagte Spencer trotzdem. Vermutlich konnte er nicht anders. Er war einer dieser Alphas, die es nicht leiden konnten von einem Omega herumkommandiert zu werden.
„Ich hielt eine unmittelbare Krisenbesprechung für angebracht", rechtfertigte sich Rick.
„Und das war sie auch", betonte Michonne.
„Wie viel haben wir noch übrig? Tara und Heath werden erst in vier Wochen zurückerwartet. Kommen wir bis dahin durch?", wandte sich Rick jetzt an Olivia.
„Sie haben die Hälfte unserer Vorräte mitgenommen. Und ein Drittel der Medikamente", bemerkte Olivia, „Und alles, was an sie an Waffen finden konnten. Nein, es reicht nicht für ein Monat, aber ich sehe nicht, wie wir ohne Waffen Nachschub besorgen können."
„Sehr vorsichtig", erklärte Rick, „Wie lange kommen wir aus?"
Olivia schien kurz über diese Frage nachzudenken. „Bei der derzeitigen Anzahl der Bewohner? Zwei Wochen, wenn wir rationieren", meinte sie dann.
Rick nickte und erklärte:„Dann müssen wir bei nächster Gelegenheit jemanden losschicken, damit er was auftreibt. Ich werde das Morgen mit Shane besprechen. Ich weiß, ihr seid alle erschüttert und wütend, aber zunächst müssen wir uns auf unsere unmittelbaren Probleme konzentrieren. Also haltet eure Köpfe unten, provoziert unsere Gäste nicht, und kommt zu mir, wenn ihr ein Anliegen habt, um alles andere kümmere ich mich. Jesus, wo kommst du unter?"
„Er kann Morgans Haus haben, solange der nicht da ist", schlug Andrea vor.
Jesus zuckte mit den Schultern. „Mir ist alles recht", meinte er. Er schien noch was sagen zu wollen, überlegte es sich dann aber wohl anders.
„Gut, damit hätten wir alles besprochen. Jetzt sollten wir alle versuchen etwas Schlaf zu finden", schloss Rick die Versammlung, „Wir sind alle übermüdet und erschöpft. Morgen wird alles besser aussehen."
Nach Glenns Erfahrung war das eher selten der Fall.
A/N: Reviews?
