Urteile


I.

Randall Culver hieß der Beta, der von den anderen auf der Farm gefangen gehalten wurde, und das nun schon seit gut einer Woche. Maggie hatte eigentlich dringendere Probleme als den feindlichen Kämpfer in ihrer Scheune. Zwischen dem endgültigen Ende ihrer Familie, der Sorge um ihren Vater, Beths Selbstmordversuch, und all den Scherereien mit Merle, war der gefangene Beta ihr kleinstes Problem. Es waren auch für die anderen eher Randalls Begleiter, die ihnen Sorgen machten. Wie viele von denen es gab, wo sie waren, was sie planten und all das. Scheinbar sollte Merle den gefangenen Beta zu all diesen Themen „befragen".

Unter anderen Umständen hätte Maggie das alles mehr gestört, als es sie störte, doch ihr Vater hatte ihr erzählt, wie es zu Randalls Gefangenahme gekommen war. „Ich war in einer Bar, als Rick mich gefunden hat. Ja, ich weiß, keine große Überraschung. Ich wollte trinken und zugleich auch nicht. Ich wollte euch Mädchen nicht enttäuschen, aber vergessen können. Du kannst mich dafür gerne verurteilen. Auf jeden Fall hat Rick sich zu mir gesetzt, und wir haben uns unterhalten, und ich war eigentlich schon bereit mit ihm nach Hause zu kommen, als diese zwei fremden Alphas aufgetaucht sind. Sie haben freundlich getan, sich harmlos gestellt, aber ihre Absichten waren alles andere als freundlich. Das konnte ich vom ersten Moment an spüren. Es war Shane, der sie umgebracht hat. Aber nicht wegen dem, was sie möglicherweise vorhatten, sondern weil sich einer der beiden Rick auf eine Weise genähert hat, die ihm nicht gefallen hat. Ich weiß, dass das der wahre Grund war. Er ist in Alpha-Rage verfallen, das war kein schöner Anblick, das kann ich dir sagen. Nachdem er mit den beiden fertig war, hat er sich um ihre Komplizen gekümmert. Er hat sie alle umgebracht, alle bis auf Randall", hatte er ihr berichtet.

„Weil er ein Beta war?", vermutete Maggie.

„Oh, nein, weil Rick ihn darum gebeten hat ihn zu verschonen", sagte ihr Dad, „Shane hätte Randall genauso umgebracht wie die anderen auch. Beta oder nicht. Er hat ihn nur am Leben gelassen, weil Rick das wollte. Rick hat ihm erklärt, dass wir ihn lebendig brauchen, damit wir ihn befragen können."

Und bis jetzt, fast eine Woche später, hatte Randall auf keine einzige Frage geantwortet, auf die es ankam, das wusste Maggie. Er hatte nur immer beteuert anders zu sein als die anderen, sich mit den falschen Leuten eingelassen zu haben, unschuldig zu sein, niemanden von der Farm erzählen zu wollen, wenn sie ihn freilassen würden. Vermutlich waren seine Tage gezählt, und er würde bald das Schicksal seiner Gefährten teilen.

„Einen Moment lang war ich mir nicht sicher, dass Shane auf Rick hören würde. Schatz, hör zu, was auch immer passiert, du musst dich von Shane Walsh fernhalten, versprich mir das. Er hat sich nicht mehr unter Kontrolle. Er ist einer von diesen Alphas, vergiss das bitte nie", fuhr ihr Vater fort, „Er mag seine charmanten Momente haben, doch darunter lauert ein wildes Tier."

„Du musst dir keine Sorgen machen, Daddy", versicherte Maggie ihrem Vater, „Ich habe nicht vor ihn zu unterschätzen." Sie sagte ihrem Vater nichts von ihrem Kleinkrieg mit Shane, oder von ihren Erlebnissen mit Merle, er war schon besorgt genug und sollte seine Aufmerksamkeit lieber auf Beth konzentrieren und nicht auf sie.

Maggie sagte ihm nicht, dass Shane Walsh sie an einen Alpha erinnerte, den sie auf der High-School gekannt hatte, einen Alpha, der immer so überlegen getan hatte, und so beherrscht, den Maggie aber auf den ersten Blick als faules Ei entlarvt hatte. Es war die Art gewesen, wie er auf sie und andere Omegas reagiert hatte, die hatte ihr alles gesagt, was sie wissen musste. Der Unterschied zu anderen Scheißkerl-Alphas aus ihrer Schule war, dass dieser Alpha immer so getan hatte, als wäre er anders als die, dass er nie bereit gewesen war zuzugeben, dass er genauso war wie sie, weder vor anderen noch vor sich selbst. Im Grunde war er der Meinung gewesen, dass er an der Spitze der Nahrungskette stand und alle anderen unter ihm, und dass Omegas wie Maggie ihn brauchten um sie vor der großen bösen Welt zu verteidigen. Sie hätte ihm damals nur zu gerne mit ihrer Schrotflinte bewiesen, wie sehr er sich irrte.

Shane Walsh hielt sich offensichtlich ebenfalls für den Heilsbringer und alle anderen für schwach und schutzbedürftig oder für seine Feinde. Als Omega fiel Maggie in seinen Augen zum Glück in die erste Kategorie und nicht in die zweite, und das obwohl sie die Pillen für Lori besorgt hatte. Lori hingegen war in seinen Augen durch die alleinige Tatsache, dass sie über eine Abtreibung nachgedacht hatte, von seiner Schutzbefohlenen zu seiner Feindin geworden, da für ihn offensichtlich war, dass sie nur hatte abtreiben wollen um ihm eins auszuwischen. Zumindest konnte er nicht gegen sie vorgehen, solange sie sein Kind in sich trug, im Moment war die verhasste Schwangerschaft, die sie beenden hatte wollen, ihr bester Schutz gegen den außer Kontrolle geratenen Alpha.

Doch wer wusste, wie lange das halten würde? Shane Walsh hatte einen gefestigten Eindruck gemacht, als er hier angekommen war. Nach der Erzählung ihres Vaters zu schließen, lagen diese Tage aber weit hinter ihm. Er schien zunehmend mehr die Gewalt über sich selbst zu verlieren, und Maggie wusste, wie das enden würde. Sie hatte es bereits erlebt.

Jener Alpha aus der High-School, für ihn waren die Dinge nicht gut ausgegangen. Es war nicht Maggie gewesen, die ihn erledigt hatte, es war der Beta-Bruder einer ihrer Omega-Schulfreundinnen gewesen, und er hatte keine Schrotflinte benutzt, sondern eine Glock, aber das Endergebnis war dasselbe gewesen. Shane Walsh schien unaufhaltsam auf das gleiche Ende zuzusteuern.

Maggie wünschte sich, dass es anders wäre. Sie hatte nicht gegen Alphas an sich. Ihr Vater war ein Alpha, und sie liebte ihn – trotz seiner beträchtlichen Fehler – sehr. Es gab auch gute Alphas, das wusste sie. Das eine oder andere Mal war sie schon einem begegnet. Sie misstraute Alphas nicht prinzipiell, sie bevorzugte nur andere Geschlechter.

Auch im 21. Jahrhundert wurden Omegas, die mit anderen Omegas ausgingen, immer noch schief angesehen, mindestens. In der High-School hatte Maggie daher versucht vor allem mit Betas auszugehen, aber letztlich waren es andere Omegas, die sie am stärksten anzogen. Vielleicht hatte sie zu diesen einfach mehr Vertrauen als zu Betas oder gar Alphas. Vielleicht waren ein trinkender Alpha-Vater, gleichgültige Beta-Verwandte, und Klassenkameraden, die ihre dunkelsten Impulse weder bekämpften noch unterdrückten, genug gewesen um sie für immer zu verbrennen. Es war nun einmal wie es war.

Ihre Familie hatte immer Verständnis gezeigt. Andere weniger. Als diese neue Gruppe auf der Farm auftauchte, hatte sie zuerst versucht alle soweit es möglich war zu ignorieren, doch dann hatte sie sich Glenn nicht mehr entziehen können oder wollen. Nach dem Scheunenzwischenfall, nach der Entdeckung der Wahrheit, der Tatsache, dass sie alle bereits infiziert waren, war sie nicht nur wütend auf Glenn gewesen, wegen dem ihre Familie nun tot war, wegen dem Arnold, Shawn, und Anette nun endgültig fort waren, sondern sie hatte sich auch nach Trost gesehnt. Und letztlich konnte niemand einen Omega besser trösten als ein Alpha. Ihr Dad war aber verschwunden, und Shane Walsh war derjenige, der das Massaker zu verantworten hatte, und außerdem führte er sich Lori gegenüber auf wie ein Macho-Alpha, also suchte sie Trost bei dem anderen Alpha der Gruppe, Merle Dixon.

Nur, dass Merle ihre Versuche nett zu ihm zu sein falsch verstand und sich mehr von ihr erwartete, als sie bereit war zu geben. Und als sie ihn zurückwies, wurde er wütend. Zwar respektierte er die Abweisung, aber ein Teil von Maggie fragte sich ständig wie lange das wohl der Fall sein würde.

Und dann wurde Beths Zustand immer ernster. Sie verfiel zunehmend in Depressionen. Der Scheunen-Zwischenfall hatte sie noch härter getroffen als alle anderen. Omegas galten als gefühlsbetonter als die anderen Geschlechter, als sensibler. Wahr war, dass sie tiefer mit ihren Gefühlen verbunden waren als die anderen. Während Alphas ihr Leben lang lernten ihre eigenen Gefühle nach Möglichkeit zu unterdrücken, wurden Omegas dazu aufgefordert sich ihren hinzugeben. Vielleicht weil man das typische Alpha-Gefühl als negativ und das typische Omega-Gefühl als positiv ansah. Wut etwa war in den Köpfen der Leute mit Alphas verbunden, Liebe aber mit Omegas. Doch so leicht war es nicht, auch Omegas kannten und empfanden negative Gefühle. Ihr kalter Zorn konnte genauso viel Schaden anrichten wie die heiße Wut eines Alphas, da sie aber nach Harmonie strebten, weil sie Konflikte verabscheuten, war das seltener von Bedeutung. Was jedoch von Bedeutung war, war ihre Neigung zu Angstzuständen, Verzweiflung, und Depression. Der erste Omega ihres Vaters, Maggies Mutter Josephine, hatte zu Depressionen geneigt, auch wenn sie das scheinbar nicht an ihre Tochter vererbt hatte. Anette war stabiler gewesen, doch Beth hatte immer schon Anzeichen für Melancholie gezeigt. Und jetzt erwischte es sie endgültig.

Als Maggie Glenn bat nach ihrem Vater zu suchen, und der mit Rick und Shane loszog, hatte Beth noch keinen Versuch unternommen gehabt sich das Leben zu nehmen, kurze Zeit später schon. Maggies Dad tat sein Bestes für sie da zu sein, aber letztlich war er Tierarzt, kein Therapeut, wenn Beth in dieser Welt, in der sie gerade lebten, ihrem Leben wirklich ein Ende setzen wollte, dann gäbe es wenig, was sie tun könnten, um sie davon abzuhalten. Sie musste sich nur vom nächstbesten Toten beißen lassen, da würde es nichts nützen alles, was spitze Enden besaß, vor ihr zu verstecken.

Während Beth also Maggies Hauptsorge war, war die der anderen Randall.

Maggie schaute quer über den Hof und sah, dass Merle gerade von einem „Gespräch" mit ihren Gefangenen kommen zu schien. Er wurde von Rick und Shane erwartet. Ein Teil von Maggie wollte nicht lauschen, aber ein anderer Teil wollte wissen, was vor sich ging, sehr dringend sogar - der Teil, der es hasste zu wissen, dass Randall gefoltert wurde.

Vorsichtig schlich sie sich in Hörweite. Der Versuch dabei unauffällig zu wirken, kostete sie Zeit, und so sah sie Merle davon gehen, bevor sie nur ein Wort von seinem Bericht hören konnte. „Langsam glaube ich, dass er gar nichts mehr sagen wird", sagte Shane gerade, „Wir müssen uns wohl darauf einstellen ihn loszuwerden."

„Was meinst du damit?", wollte Rick sofort voller Sorge wissen.

„Was denkst du wohl, was ich meine? Du hast nicht unrecht gehabt, Informationen wären wichtig für uns gewesen, aber entweder weiß er nichts, oder er will uns nichts sagen. Zeit nachzuholen, was ich in der Stadt hätte tun sollen", erklärte Shane kalt.

„Wir können ihn doch nicht einfach umbringen!", protestierte Rick, „Er ist nicht in der Verfassung irgendjemanden was zu tun, er…"

„Nur weil er ein Beta ist, ist er noch lange kein guter Mensch, Rick. Du weißt mit wem er zusammen unterwegs war. Seinen Bullshit von wegen, dass er anders wäre, den glaubst du doch hoffentlich nicht, oder? Ich weiß, du magst den Gedanken daran nicht, aber du musst dir keine Sorgen machen, du musst nichts tun. Ich werde das für uns erledigen", verkündete Shane voller Überzeugung, „Immerhin bin ich der Alpha, so was ist mein Job."

„Er ist unser Gefangener, Shane! Seit wann exekutieren wir Gefangene?!", beschwerte sich Rick.

„Wir sind keine Polizisten mehr, Rick. Die Regeln sind jetzt anders. Wir müssen jetzt immer das tun, was für unser Rudel am besten ist, und nicht das, was wir getan hätten als es noch Gerichte und Gefängnisse gab", sagte Shane mit leichter Herablassung, „Wir müssen an Carl denken und das Baby. Ein Fehler könnte ausreichen um uns alle umzubringen."

Rick schüttelte den Kopf. „Du kannst das nicht einfach alleine entscheiden", beschwor er seinen Alpha, „Lass uns erst hören, was die anderen dazu sagen. Sie haben ein Recht dazu ihre Meinung ebenfalls zu äußern."

Maggie konnte von Shanes Miene ablesen, dass er Rick in diesem Punkt ganz und gar nicht zustimmte. Ihr Vater hatte gesagt, dass Shane gefährlich war. Sie begann sich langsam zu fragen, ob er überhaupt wusste, wie recht er damit gehabt hatte.


II.

Maggie begann sich langsam zu fragen, ob sie Glenn Rhee jemals wiedersehen würde. Seit dem furchtbaren Moment, als sie alle vor den Erlösern knien hatten müssen, lebte sie in ständiger Angst – in Angst um Glenn, um ihr ungeborenes Baby, um ihr Rudel, um sich selbst. Wenn ein Haufen Alphas einen schwangeren Omega verschleppten, hatte das im Normalfall nichts Gutes zu bedeuten.

Doch bis jetzt war sie weder vergewaltigt noch anderweitig misshandelt worden, und zur Abtreibung hatte sie auch niemand gezwungen. Sie wollte dieses Baby wirklich haben, weil es das Baby von Glenn und ihr war, und das obwohl sie gesehen hatte, was mit Lori passiert war. Aber ihre Umstände waren anders gewesen als Loris damals. Sie hatte geplant ihr Kind hinter den sicheren Mauern von Alexandria unter medizinischer Aufsicht zur Welt zu bringen. Das war ihr damals, als sie die Entscheidung getroffen hatte, als logisch erschienen. Nun konnte sie nicht anders als sich für naiv und dumm zu halten, sie hätte wissen müssen, dass Alexandria nicht halten konnte. Die Farm, das Gefängnis, Woodbury – nichts davon hatte gehalten. Auch Alexandria würde nicht von Dauer sein, das wusste sie jetzt. Sie hatte das Ende nur nicht so schnell erwartet.

Sie konnte Jesus, Gregory, und dem Rest der Bewohner von Hilltop nicht die Schuld an all dem geben. Wenn, dass wusste sie, war die Schuld bei ihnen selbst zu suchen. Sie waren nachlässig geworden, zu selbstsicher. Rick würde die Schuld bei sich suchen, doch in Wahrheit waren sie alle gleich schuld an dem, was passiert war. Keiner von ihnen hatte bedacht, dass das alles nach Hinten losgehen könnte. In der Vergangenheit hatte keiner von ihnen jemals gezögert Rick vor einem potentiellen Fehler zu warnen, doch diesmal hatte den Fehler keiner erkannt, bevor es zu spät gewesen war.

Nachdem man sie von der Straße weggeholt hatte, hatte man sie in das Nester dieser Alpha-Gruppe gebracht, mit dem Versprechen auf medizinische Unterstützung. Sie hatte daran zunächst nicht geglaubt, war aber wirklich von einem (Beta) Arzt untersucht und stabilisiert worden, der ihr versprochen hatte, dass für sie und ihr Baby kämpfen würde, und man hatte sogar Glenn gestattet an ihrer Seite zu sein.

Doch dann waren sie und Glenn getrennt worden, und seit dem hatte sie ihn nicht mehr wiedergesehen, und niemand wollte ihr sagen, was aus ihrem Gefährten geworden war. Alle versicherte ihr nur immer wieder, dass es ihm gut gehe, aber auf die Frage, wann sie ihn wiedersehen würde, bekam sie keine Antwort. Es war also offensichtlich, dass man erpicht darauf war den schwangeren Omega nicht aufzuregen.

Sie wollen also, dass ich das Kind auf die Welt bringe. Aber warum?

Dafür gab es viele mögliche Erklärungen, und nur eine lautete, dass die Grunde dafür mit menschlichem Anstand zu tun hatten. Männliche Löwen töteten die Kinder ihrer Rivalen. Was wenn sie einfach sehen wollten, ob Maggie ein gebärfähiger Omega war, und planten nach der Geburt das Baby zu töten um sie stattdessen mit ihren eigenen Nachkommen erneut zu schwängern? Sollte sie Glenns Baby nur gebären um es kurz danach zu verlieren? Und das war noch das jugendfreundlichste Szenario, das ihr einfiel.

Der Beta-Arzt vermittelte ihr das Gefühl ihr wirklich helfen zu wollen, doch im Grunde war er nur ein Sklave dieser Alphas hier, im Ernstfall gäbe es nichts, was er tun könnte, um sie zu beschützen, das wusste sie. Und sie nahm an, dass er es ebenfalls wusste. Er musste es einfach wissen.

Glenn war fort, und was aus an anderen geworden war, wusste sie nicht. Vielleicht waren die schon lange tot oder zu Sexsklaven gemacht worden. Oder beides. Rückte die Zeit näher, in der sie, das letzte überlebende Mitglied der Greene-Familie, sich den Rest ihres Clans anschließen würde?

„Wenn das nicht ein hübscher schwangerer Omega ist!" Maggie sah von ihrem Bett auf der Krankenstation auf und erkannte den Alpha, der herein kam. Es war der Anführer dieser sogenannten Erlöser – Negan, der echte dieses Mal.

„Wo ist mein Mann?", wollte Maggie sofort wissen.

„Wow, du kommst gleich zur Sache was? Kein, danke, dass ihr mein Leben und das meines Babys gerettet habt. Kein, hallo, schön dich wiederzusehen, wie geht es dir? Gleich die wichtigste Frage", stellte der Alpha fest, und meinte dann freundlicher, „Aber angesichts deines Zustands kann ich das verstehen. Nun dein Ehemann ist wieder dort, wo er hingehört: Zuhause in eurem wunderbaren Alexandria. Genau wie der Rest deiner Gefährten, übrigens. Wir hätten dich ja auch dorthin zurückgebracht, aber dein Zustand hat das nicht zugelassen."

Das klang zu gut um wahr zu sein. Und wenn es eine Lüge war, hätte Maggie keine Möglichkeit das nachzuprüfen. Sie konnte sich aber nicht vorstellen, dass es wahr sein sollte. Warum sollte dieser Negan ihr Rudel einfach so wieder freilassen? Es sei denn natürlich, er hätte es nicht nur einfach so getan.

„Und was mussten sie dir dafür geben?", erkundigte sich Maggie also.

Negan lachte. „Oh, du bist schnell von Begriff, das ist gut", meinte er, „Aber keine Sorge, ich habe nichts von ihnen verlangt, das sie nicht in der Lage waren mir zu geben. Ich wollte nur, dass sie ihren Widerstand einstellen und meinen Anteil an ihrer Beute als Gegenleistung für den Schutz, den ich ihnen in Zukunft angedeihen lasse."

„Ich verstehe." Das tat sie wirklich. Was der Alpha wirklich von ihnen gewollt hatte, war Unterwerfung, und die hatte er bekommen, die hatte er ja schon auf der Straße erzwungen, als er sie abgefangen hatte. Unterwerfung war leicht zu bekommen, wenn man der anderen Partei keine andere Wahl ließ. Ihr war als könnte sie die Stimme ihres Vaters in ihrem Kopf hören, die sie warnte vorsichtig zu sein. Keine Sorge, Dad, ich weiß genau, mit wem ich es zu tun habe. Es gab nichts an Negan, das sie nicht durchschaute. Vielleicht wollte er ja sogar durchschaut werden, normalerweise half es ihm vermutlich dabei das zu bekommen, was er wollte. Die Frage war nur, was genau er von ihr wollte.

Der Alpha war vor ihrem Bett stehen geblieben und setzte sich nun uneingeladen auf dieses und nahm ihre rechte Hand in seine. „Hör mal, meine Liebe, … Maggie, nicht wahr? Wenn wir gerade vom Thema Schutz sprechen. Schwangerschaften können in dieser Welt, in der wir leben, überaus gefährlich sein. Und so sehr ich dich auch mit deinem Gefährten und deinen Freunden wiedervereint sehen will, so sehr widerstrebt es mir dich einer unnötigen Gefahr auszusetzen. Daher habe ich mich gefragt, ob es nicht vielleicht klüger wäre, wenn du für die Dauer deiner Schwangerschaft hier bleiben würdest. Hier, wo dir jederzeit medizinische Versorgung zur Verfügung steht", verkündete er dann und klang dabei fast so, als wäre er wirklich nur besorgt um sie.

Maggie wusste es besser. „Ich möchte bei Glenn sein", erklärte sie und starrte auf die Hand, die Negan immer noch in seinen Händen hielt und nun beruhigend tätschelte.

„Wir können Glenn natürlich hierher zurückholen, und dann könnt ihr beide euch hier gemeinsam häuslich einrichten", erwiderte Negan darauf, „Wie gesagt, es geht mir nicht darum euch voneinander zu trennen. Es geht mir um deine Sicherheit und um die von deinem Baby."

Maggie entwand ihm ihre Hand. „Mein Rudel bietet mir Sicherheit, meine gewohnte Umgebung bietet mir Sicherheit. Fremde Alphas, die mich gefangen halten, bieten mir keine Sicherheit!" Sie funkelte besagten fremden Alpha herausfordernd an.

„Ich kann dir versichern, dass keiner hier euch etwas antun würde", behauptete Negan unbeeindruckt, „Im Gegenteil, uns geht es nur darum euch zu beschützen. Das ist es, was wir tun. Wir beschützen diejenigen, die sich nicht selbst schützen können."

„Ich kann mich selbst schützen", betonte Maggie, „Konnte ich schon immer. Ich bin immer noch hier, oder? Wenn ihr nicht aufgetaucht wärt, hätte ich es nach Hilltop geschafft, hätte dort medizinische Versorgung erhalten, und wäre jetzt schon wieder auf dem Weg nach Hause! Du machst dir Sorgen um mein Baby? Deinetwegen hätte ich es beinahe verloren!"

Einen Moment lang wirkte Negan wirklich betroffen. Doch der Moment verging, und seine Miene wurde hart. „Einen Moment mal, ja? Ihr wart es, die uns angegriffen haben. Wir haben uns nur verteidigt. Wir wussten nicht, wer ihr seid, oder warum ihr uns angegriffen habt. Ihr wart für uns nur ein Haufen Arschlöcher, die unsere Außenposten überfallen und unsere Leute umgebracht haben. Ich war wirklich nachsichtig mit euch. Zu nachsichtig vielleicht. Manche meiner Leute sind vielleicht der Meinung, dass ich euch zu viel vergeben habe, nur weil ihr Omegas seid. Andere hätte ich für solche Taten getötet und nicht medizinisch versorgt", meinte er dann mit einem drohenden Unterton.

„Oh, das ist also? Du willst, dass ich mich bedanke: Danke, dass du keinen schwangeren Omega, dessen Körper sich gegen ihn gewandt hatte, auf offener Straße mit deinem stacheligen Baseballschläger zu Tode geprügelt hast, sondern dich stattdessen wie ein anständiger Mensch verhalten hast und getan hast, was jeder geistig normale Mensch getan hätte, und dafür gesorgt hast, dass besagter Omega medizinische Versorgung erhält", ätzte Maggie, „Das war sehr großzügig von dir!"

Negan funkelte sie an. „Den Sarkasmus kannst du dir sparen. Deine Freunde hatten wenigstens Respekt vor mir. Du denkst wohl, du könntest dir alles erlauben, nur weil du schwanger bist", knurrt er dann.

„Im Gegenteil: Ich weiß, dass es vollkommen egal ist, wie ich mich verhalte. Du wirst im Endeffekt das mit mir machen, was du mit mir machen willst, egal was ich tue oder sage. Vielleicht redest du dir ein, dass es anders ist, dass ich selbst dafür verantwortlich bin, wie du mich behandelst. Aber das hier ist kein Date, du machst mir nicht den Hof, auch wenn du dir das in deinem kranken Hirn vielleicht anders ausmalst. Ich bin deine Gefangene, du bist mein Wärter. Nichts, was ich zu dir sage, kann daran etwas ändern", belehrte ihn Maggie, „Ich hatte es schon öfter mit Alphas wie dir zu tun. Ich weiß, was von euch zu erwarten ist. Früher oder später lasst ihr immer die Maske fallen und zeigt euer wahres Gesicht. Wozu es hinauszögern?"

Negan warf ihr einen besonders düsteren Blick zu, stand dann von ihrem Bett auf, und verkündete: „Ich werde großzügig sein und dein Verhalten auf deine Hormone schieben." Dann stolzierte er mit großen Schritten aus der Krankenstation und nahm auf den Weg seinen Baseballschläger mit, den er an Eingang angelehnt zurückgelassen hatte.

Maggie sah ihm einigermaßen überrascht hinterher. Sieh mal einer an, offenbar habe ich diese Runde gewonnen. Zu Schade, dass ihr das nichts außer Befriedigung einbrachte.


III.

Rick hatte nervös beobachtet wie sich Shanes Miene bei der Diskussion über Randalls Zukunft zunehmend verfinstert hatte. Offenbar hatte er angenommen, dass sich alle seinem Willen fügen würden, sobald er verkündete, dass er vorhatte Randall zu töten. Das war nicht der Fall. Derjenige, der sich am heftigsten gegen diese Idee aussprach war Dale, der darauf beharrte, dass sie besser als das sein mussten.

Trotzdem fiel das Mehrheitsvotum gegen Dale und für Shane aus. Eigentlich sollte der Alpha zufrieden sein, doch Rick konnte spüren, dass er das nicht wahr. In letzter Zeit war er niemals zufrieden, wie es schien.

Seit dem Zwischenfall mit Randalls Leuten waren die Dinge noch schlimmer geworden, sofern das überhaupt möglich war. Shane schien in alles und jedem den Feind zu sehen. Er knurrte Merle an, Dale, Lori, sogar T-Dog. Wenn er derjenige gewesen wäre, der Randall „befragt" hätte, wäre der Beta schon lange tot.

Was ist nur los mit ihm? Wie kann ich das wieder in Ordnung bringen?, fragte sich Rick immer wieder und erhielt keine Antwort auf diese Frage. Ein Teil von ihm hatte gehofft, dass Dales Argumente vielleicht Shanes Herz erreichen könnten, ihn wieder klarsehen lassen könnten, aber Dale war noch nie Shanes größter Fan gewesen oder umgekehrt. Die einzigen, die heutzutage zu Shane durchzudringen schienen, waren die Omegas.

Leider nutzte er sie aber auch zunehmend als Ausrede für die Dinge, die er sich einredete tun zu müssen. „Ihr wollt wirklich einen Mann wie Randall in der Nähe des Ortes freilassen, an dem Beth lebt? Und Maggie? An dem Carol schläft? Carl?", hatte er argumentiert und dieses Argument war natürlich in erste Linie auf Hershel zugeschnitten gewesen, aber auch auf alle anderen. Die Botschaft war klar: Beschützt die Omegas. Jemand wie Randall stellte eine zu große Gefahr für sie da um weiter leben zu dürfen.

Rick war anderer Meinung. Jemand wie Randall mochte eine Gefahr für sie alle darstellen, aber es war eine Sache jemanden im Kampf zu töten, es war eine andere einen wehrlosen Gefangenen hinzurichten. Er fürchtete, dass Shane sich, wenn er Randall tötete, endgültig verlieren würde.

„Ich will nicht, dass du es tust", bettelte er deswegen. Wenn Randall schon sterben sollte, dann wenigstens nicht durch Shanes Hand.

„Ich muss es aber tun. Wer soll es sonst tun? Ich bin der Alpha, und Randall ist mein Gefangener", erwiderte Shane, „Du musst dir keine Sorgen machen, es wird schnell gehen."

„Vielleicht können wir erhängen", schlug Rick vor, dem das offizieller vorkam.

„In welchem Fall ebenfalls irgendjemand den Eimer wegkicken muss. Und wer soll das tun? Etwa Maggie? Daryl? Glenn? Willst du diese Aufgabe T-Dog aufhalsen oder Andrea? Nein, ich tu es", beharrte Shane, „Es ist meine Aufgabe."

Es sollte aber nicht Shanes Aufgabe sein, es sollte niemandes Aufgabe sein. Keiner von ihnen war ein Henker. Und Randall … was wenn er die Wahrheit gesagt hatte, was wenn er wirklich anders war als seine Begleiter, was wenn er niemanden jemals von der Farm erzählen würde? Nicht, dass Shane für dieses Argument zugänglich war. Im Grunde war das der Hauptgrund, warum er Randall töten wollte: Weil er von der Existenz der Farm wusste, weil er das Rudel kannte und die Greenes. Mit diesem Wissen durfte er in Shanes Augen nicht mehr weiterleben.

Wann ist es nur soweit mit ihm gekommen? Gibt es nichts, womit ich ihn retten kann? Rick wollte Randall nicht hinrichten, weil ihm der Gedanke Angst machte, dass eines Tages nötig sein könnte jemand anderen hinzurichten, einen von ihnen vielleicht, vielleicht jemanden wie Merle oder jemanden wie … wie Shane.

Letztlich kam dann doch wieder alles anders als geplant. Sie verloren Dale, und sein Tod änderte die Meinung der Gruppe: Um seinen letzten Wunsch zu ehren, wollten sie Randall nun verschonen. Sie planten ihn weit weg von der Farm freizulassen, und er sollte noch einmal schwören niemanden zu verraten, wo er gewesen war, und wen er getroffen hatte.

Es klang zu gut um wahr zu sein. Sie alle schmiedeten diese Pläne, waren mit ihnen einverstanden, zumindest fast alle. Shane war die meiste Zeit über einfach still. Das hätte ein Warnzeichen sein sollen, aber die Trauer um Dale war zu frisch und lenkte sie alle zu sehr ab.

Schließlich meldete sich Shane doch zu Wort. „Ist das euer Ernst? Wir hatten schon beschlossen, dass wir Randall umbringen. Und jetzt ändert ihr einfach eure Meinung, weil … Warum? Weil Dale ins Gras gebissen hat? Schade um den alten Mann, aber das ändert gar nichts. Nicht wer Randall ist, oder was Randall weiß. Randall wird sich Dales Tod nicht zu Herzen nehmen. Randall kümmert Dale nicht, Randall kümmert nichts außer er selbst. Er würde alles schwören und versprechen, nur um mit dem Leben davon zu kommen. Und ihr seid bereit ihm auf einmal zu glauben? Du bist bereit ihm auf einmal zu glauben, Rick?", empörte er sich, „Du siehst nicht klar, keiner von euch tut das. Dales Tod hat euch das Gehirn vernebelt. Ich werde nicht zulassen, dass ihr uns alle gefährdet, nur weil wieder mal einer von uns gestorben ist." Und dann ging er los. In Richtung Scheune. In Richtung Randall. Alle starrten ihm einen Moment lang wie betäubt hinterher.

Dann rannte Rick los. Er krallte sich an Shane fest. „Nein, nein, nein, nein", jammerte er, „Bitte tu es nicht!"

„Tut mir leid, Bruder, das ist zu deinem eigenen Besten", erwiderte Shane und stieß ihn dann von sich und beschleunigte seine Schritte. Rick sprang ihn an um ihn zu Boden zu ringen. Pech nur, dass er das noch nie gekonnt hatte. Shane hatte ihn in wenigen Sekunden auf den Boden festgenagelt. „Tu dir selbst einen Gefallen und bleib liegen, Rick, ich will dir nicht weh tun", zischte der Alpha ihm zu und setzte seinen Weg dann fort.

Nun war Merle derjenige, der ihn ansprang, doch auch der landete schnell am Boden. Und als er wieder aufstehen wollte, verkündete Shane bedrohlich: „Fordere mich nicht heraus, Dixon." Merle machte Anstalten ihn trotzdem noch einmal anzugreifen, ließ es aber dann bleiben und senkte den Blick.

Keiner der anderen setzte auch nur dazu an sich einzumischen. Daryl hatte sich zwar in Bewegung gesetzt, doch Carol klammerte sich an ihm fest und beschwor ihn nichts zu unternehmen, und er schien auf sie zu hören. Andrea und T-Dog wechselten unsichere Blicke, und Beth hatte sich an Hershel festgekrallt. Lori hielt Carl umklammert, der wütend wirkte. Patricia und Jimmy wirkten beide hauptsächlich verwirrt. Glenn sah verloren aus, und erst da fiel Rick auf, dass Maggie verschwunden war. Er hoffte nur, dass sie keine Dummheit vorhatte.

Sie war immer noch abgängig, als Shane Randall zu ihnen schleppte. Shane baute sich vor ihnen allen auf und präsentierte ihnen seinen Gefangenen.

In diesem Moment tauchte der weibliche Omega mit einer Schrotflinte in der Hand auf und zielte auf Shane. „Lass ihn los!", forderte sie.

Shane sah sie nur vielsagend an. „Netter Bluff, aber wir wissen beide, dass du nicht abdrücken wirst. Nicht für den hier", meinte er und bellte dann: „Nimm das Gewehr runter!" Maggie starrte ihn einen endlosen Moment lang durch ihren Gewehrlauf hindurch an, bevor sie die Waffe sinken ließ.

Shane ließ seinen Blick nun über sämtliche andere Anwesende gleiten. „Ich weiß ihr wollt die Wahrheit nicht hören, gerade jetzt, aber die Wahrheit ist: Dieser hier ist eine Gefahr für uns alle", verkündete er schließlich, „Und so gehen wir mit Gefahren um." Er nickte Rick zu, achtete nicht auf Randalls Proteste, und brach diesem dann mit einem schnellen Ruck das Genick. Dann zog er seine Waffe und schoss dem gerade wiedererwachenden Randall in den Kopf.

Alle starrten ihn entsetzt an. „Irgendwann wird euch klar werden, dass das hier sein musste", schloss Shane.

Rick war sich ganz und gar nicht sicher, dass das jemals der Fall sein würde.


IV.

„Natürlich könnten wir sie trotzdem einfach alle erschießen", meinte Daryl, „Wir hätten mindestens drei Wochen, bevor Negan davon erfahren würde. Zeit genug Maggie zu retten."

„Wie bitte?!" Rick wurde aus seinen Gedanken gerissen.

„Shane, Morales, und ihre beiden Freunde. Wir könnten sie als Heckenschützen erledigen, nun, da wir draußen sind. Mit den Waffen aus den Verstecken", erklärte Daryl.

Ricks Blick fiel automatisch auf die Mini-Axt in seiner Hand. „Erstens würde ich mich nicht darauf verlassen, dass Negan wirklich erst in dreieinhalb bis vier Wochen wieder bei uns auftaucht. Und zweitens hatten wir das doch schon: Nein, es ist zu riskant", erwiderte er mit einem Anflug von Ärger.

„Wäre nicht das erste Mal, dass wir unsere Pläne ändern" , meinte Daryl und sah dann ebenfalls auf die Axt, die auf Ricks Schoß lag, „Und du bis dabei weich zu werden. Shane Walsh? Schon wieder? Hast du aus dem ersten Mal nichts gelernt?"

Rick hätte wirklich nur zu gerne auf dieses Gespräch verzichtet. „Es ist nichts passiert, und es wird auch nichts passieren", erklärte er.

„Ach, du hast also kein Geschenk von ihm angenommen?" Daryl deutete auf die Axt.

„An diesen Bogen kann ich mich auch nicht erinnern", schnappte Rick zurück, „Und selbst wenn, hat mich das das letzte Mal nicht davon abgehalten zu tun, was nötig war, oder?"

Daryl musterte ihn einen Moment lang. „Es hat dich das letzte Mal fast umgebracht, Rick. Vielleicht müssen wir ihn ja gar nicht töten. Vielleicht läuft er über. Immerhin ist er verrückt nach dir - die Betonung liegt auf verrückt", bot er dann an, „Aber die anderen…"

„Nein, Leute umzubringen hat uns erst in dieses Lage gebracht", würgte Rick ihn ab, „Wir halten uns an den Plan. Im Übrigen steht es dir nicht zu mein Liebesleben zu kritisieren. Du mit deiner heimlichen Affäre da hinten." Er nickte in den Rückspiegel, und wurde von Jesus mit einer Grimasse belohnt.

„Irgendwer hätte mich ruhig vorwarnen können, ich bin wie ein Trottel im Büro dieses Shanes gestanden. Weißt du, dass er denkt, dass wir zusammenleben? Heißt das eigentlich, dass ich jetzt zu Daryl ziehen muss?", meldete sich Jesus zu Wort.

„Wenn wir diese Coverstory aufrecht erhalten wollen, dann wohl schon", erwiderte Rick, „Es ist doch eine Coverstory, oder?"

„Natürlich", sagte Daryl sofort.

„Soll ich über diese Sofort-Antwort beleidigt sein?", erkundigte sich Jesus, „Zu deiner Info: Du könntest es schlechter treffen."

„So habe ich das gar nicht gemeint!", verteidigte sich Daryl, und Rick bekam Mitleid mit ihm. Das Thema Liebe war Daryl beinahe so unangenehm wie das Thema Sex. Es musste ihm schwer genug gefallen sein Shane und Rick anzusprechen, Ricks Racheversuch via Jesus hatte diesem zwar ein wenig Genugtuung verschafft, aber jetzt tat es ihm schon wieder leid.

„Nimm es nicht persönlich, Jesus. Daryl ist nun mal anders als wir anderen", erklärte er, „Er sieht niemanden so."

„Und ist mein Leben dadurch nicht unkomplizierter", murmelte Daryl.

„Also habe ich einen Fake-Freund, mit dem nie was laufen wird? Das haben sie in den Filmen aber immer anders dargestellt", seufzte Jesus theatralisch, „Also, du und dieser Shane-Alpha? Von vor dem Ausbruch?"

„Auch danach. Es ist kompliziert", wich Rick aus.

„Seit wann kennt ihr euch?"

„Seit wir Kinder waren", gab Rick zu, „Wir sind zusammen aufgewachsen. Später waren wir Partner, dienstlich. Dann waren wir mehr. Und dann ging es schief. … Er ist Judiths Vater."

Jesus pfiff. „Dieser Negan hat gewusst, was er tut, als er ausgerechnet ihn als Aufpasser nach Alexandria geschickt hat", stellte er fest.

„Ja."

Das Gespräch verebbte wieder. Schließlich meinte Jesus: „Wenn ihr wirklich vorhabt euren Plan durchzuziehen, dann brauchen wir Verbündete. Habt ihr Lust auf einen kleinen Umweg? Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich euch König Ezekiel vorstelle."

„König? Was?", entfuhr es Daryl.

„Keine Sorge, ihr werdet ihn mögen", versicherte ihnen Jesus.

Rick hoffte nur, dass das auch stimmen würde. Nach all den Alpha-Begegnungen der letzten Zeit war das letzte, was er brauchte, ein weiterer aggressiver Macho-Alpha, der sein Revier markierte.

Als er das dachte, wusste er natürlich noch nichts von dem Tiger.


A/N: Ja, also mein Headcon für Daryl war letztlich, dass er asexuell sein muss, da er innerhalb von neun Staffeln genug potentielle Love Interests beiden Geschlechts vor die Nase gesetzt bekommen hat, aber nie was gelaufen ist. (Und Carol sich kaum, dass sie in Alexandria waren den nächstbesten Kerl für Sex angelacht hat). Ich weiß, dass sich das in der 10. Staffel scheinbar ändert (bitte nicht spoilern, die habe ich noch nicht gesehen), aber das kommt für mich zu spät, also ja, Daryl hat in dieser Fic kein Interesse an Sex, was aber nicht heißt, dass er keine romantischen Gefühle für jemanden entwickeln kann (Jesus hat also eine Chance, wenn ihm das reichen sollte).

Und ja, wir nähern uns einem großen Umbruch in zweifacher Hinsicht. Einerseits dem Shane-Rick-Finale in der Vergangenheitsebene und anderseits dem Kingdom (yeah!) in der Gegenwartsebene.

Übrigens bin ich mir selbst nicht sicher, ob ich Shane jetzt letztlich mehr oder weniger psychotisch als im Canon darstelle - das Ziel war, dass er auf andere Art und Weise psychotisch werden sollte, und vielleicht etwas weniger, aber nach der Randall-Szene bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn jetzt nicht stattdessen wahnsinniger gemacht habe. Andererseits ist das hier ein A/B/O-Setting, sprich Dominanz-Demonstrationen sind an der Tagesordnung, also würden es die Charaktere vielleicht nicht als wahnsinniger empfinden als wenn er Randall wie im Canon heimlich umgebracht und dann darüber gelogen hätte. Eure Gedanken dazu.

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