Kontrolle


I.

Shane hatte gedacht, dass die anderen sich ihm gegenüber nach dem Zwischenfall mit Lori misstrauisch verhalten würden, doch nach dem Zwischenfall mit Randall waren sie erst wirklich misstrauisch, vielleicht sogar verängstigt. Das geht vorbei, sie werden einsehen, dass ich recht hatte, dass ich nur getan habe, was ich tun musste um sie zu schützen.

Ihm war durchaus klar, dass er nicht gerade der beliebteste Bewohner der Farm war, und das schon länger nicht mehr. Das verletzte ihn zwar, aber er konnte damit leben. Irgendwann würden die anderen einsehen, dass er immer nur ihr Bestes gewollt hatte.

Dale war immer gegen ihn gewesen, vielleicht trauerte er deswegen kaum um den alten Beta. Er hatte Shane böse Dinge an den Kopf geworfen, ihm gesagt, dass er die Art Alpha war, der für eine Welt wie diese gemacht war. Das hätte natürlich eine Beleidigung sein sollen, aber auf gewisse Weise hatte der Beta damit recht gehabt: Von ihrer ganzen Gruppe war Shane vielleicht der Einzige, der in dieser Welt hier überleben könnte. Und deswegen war es seine Pflicht dafür zu sorgen, dass auch die anderen überlebten, weil nur er dafür sorgen konnte.

Randall und seine Kohorten waren eine Gefahr gewesen, er hatte nicht anders handeln können. Dass die anderen das nicht einsahen, bewies nur, dass sie nicht bereit waren ohne seine Führung zurecht zu kommen.

Dass Hershel ihn konfrontieren würde, hatte er erwartet. Immerhin war es immer noch seine Farm, und Alphas waren von Dominanz-Demonstrationen anderer Alphas, egal unter welchen Umständen, nie begeistert. „Vielleicht solltest du einfach weggehen, Shane", schlug ihm der Greene-Alpha vor, „Die Farm verlassen. Die andern hier lassen." Das war nicht ganz das, was Shane erwartet hatte.

„Wenn ich gehe, dann nicht ohne Rick, Carl, und mein Baby. Und nicht ohne den Rest des Rudels. Denkst du wirklich, du könntest sie anführen? Du bist ein alter Mann. Wie willst du sie beschützen? Oder denkst du Merle würde das übernehmen? Und dass er sich dich unterordnen würde?!", erwiderte Shane halb amüsiert, halb ungläubig, „Er würde kurzen Prozess mit dir machen, und du hättest es verdient, weil du die einzige Person, die deine Familie beschützen kann, weggeschickt hast. Wer soll sonst Beth, Maggie, und Patricia beschützen, wenn nicht ich? Jimmy?"

Hershel schüttelte unglücklich den Kopf. Er hatte Shane in einem einsamen Moment draußen vor der Scheune abgefangen. Dort, wo die Exekution stattgefunden hatte. Vermutlich hatte er einen Moment gewählt, in dem es keine Zeugen geben würde. Shane wusste nicht, was sich der alte Mann davon erhoffte. Er mochte ein Alpha sein, aber er war kein Gegner für Shane, Shane respektierte seine Stellung als Anführer des Greene-Rudels und die Tatsache, dass er Carl gerettet hatte, aber das war auch schon alles. Heshel Greene war kein Gegner für ihn, in keinerlei Hinsicht. Wenn er Shane hinauswerfen wollte, dann musste er schon das ganze Rudel hinauswerfen.

„Hast du schon mal daran gedacht, dass du den anderen einen Gefallen damit tun würdest, wenn du gehst?", wollte Hershel wissen, „Dass es besser für sie wäre, wenn du nicht mehr da wärst? Alle haben Angst vor dir!"

Shane lachte. Weil diese Situation einfach absurd war. „Sie zu verlassen wäre das Schlimmste, was ich ihnen antun könnte. Sie brauchen mich", erklärte er, „Sie werden ihre Angst vergessen, sobald sie einsehen, dass sie keine Angst haben müssen. Dass ich mich nie gegen sie wenden würde."

Hersehl schüttelte wieder den Kopf. „Ich kann dich nicht einladen hier zu bleiben, nicht guten Gewissens, das geht einfach nicht", sagte er, „Die anderen schon, aber nicht dich."

„Nun, dann lade mich einfach nicht ein. Ich bleibe aber trotzdem, das kann ich dir versichern. Wenn du mich loswerden willst, dann musst du schon versuchen mich raus zu werfen. Viel Spaß dabei", spottete Shane, „Dort wo Rick ist, wo meine Familie ist, bin ich auch." So einfach war das. Hershel könnte es akzeptieren, oder sich damit abfinden - Shane hatte nicht vor ihm eine andere Wahl zu lassen.

„Sag mir ehrlich: Hast du Otis umgebracht?", wollte der alte Mann dann wissen.

Shane lachte trocken. „Ist es nicht ein wenig spät mir diese Frage zu stellen?", gab er zurück, „Nicht ich habe ihn umgebracht, es waren die Beißer. Er war einfach nicht schnell genug. Wenn er schneller, stärker, und besser gewesen wäre, würde er jetzt noch leben. Wenn er besser hätte zielen können, würde er jetzt noch leben."

„Wirst du das später auch einmal über Lori sagen, oder über Merle oder über alle anderen die du dir sonst noch vom Hals schaffen wirst, wenn sie dich zu sehr ärgern?", erkundigte sich Hershel.

Nun wurde Shane langsam doch ärgerlich. „Glaub mir, Hershel, der einzige, der im Moment Gefahr läuft mich so sehr zu ärgern, dass ich ihn mir vom Hals schaffen will, bist du", erklärte er bedrohlich und ließ den anderen Alpha dann stehen. Er kehrte ihn vollkommen unbesorgt den Rücken zu, womit er ausdrückte, wie wenig er von ihm hielt. Auf irgendeine Art von Respektbezeugung hatte er im Moment keine Lust.

Im Übrigen war es nicht wahr, dass alle vor ihm Angst hatten. Carl hatte keine Angst vor ihm. Er war frustriert über die Dinge, die passiert waren, und machte sich Vorwürfe. Er dachte, dass Dales Tod seine Schuld wäre, dass ein Fehler, den er gemacht hätte, dazu geführt hätte, dass Dale von den Beißern erwischt worden war. Und dieses Geheimnis vertraute er Shane an, nicht Lori, nicht Rick, nur Shane, weil er wusste, dass Shane ihn nicht verurteilen würde.

Shane würde Carl niemals verurteilen. Ein Vater verurteilte seine Kinder nicht. Das hatte Shane von Mister Grimes gelernt. „Du solltest das alles deinem Dad erzählen, Kumpel", meinte Shane zu Carl, „Er sollte Bescheid wissen."

„Aber er wird es nicht verstehen, er….", jammerte Carl.

„Nein, hör zu, ich kenne deinen Dad schon sehr lange, und ich kann dir eines versichern, er wird dir vergeben. Er vergibt jeden, immer. Und das, was du getan hast, hast du nicht aus böser Absicht getan, du wolltest niemanden weh tun. Es war ein Fehler, eine Dummheit. Das wird er verstehen", betonte Shane, „Du wirst dich besser fühlen, wenn du es ihm gesagt hast. Er wird dich dafür nicht verurteilen, dass verspreche ich dir."

Shane wusste, dass Rick jedem vergab, weil er davon überzeugt war, dass Rick ihm vergeben hatte. Nicht, dass es etwas zu vergeben gab, aber Rick war besessen davon gewesen Dales letzten Willen zu respektieren, und Shane hatte ihm diese Chance geraubt. Es war zwar notwendig gewesen, aber Shane war durchaus bewusst, dass Rick deswegen unglücklich war. Seit dem Tod von Randall wich der Omega Shane aus, verbrachte mehr seiner Zeit mit Lori, Daryl, und Carol. Aber das war okay, Shane war überzeugt davon, dass Rick, wenn er ihn nur ein wenig Zeit lassen würde, von selbst zu ihm kommen würde.

In dieser Nacht kam Rick wirklich zu ihm. Shane hatte sich angeboten Wache zu halten, was allen nur recht zu sein schien. Sie waren sich immer noch nicht sicher, ob der Rest von Randalls Gruppe hier vielleicht nicht doch eines Tages auftauchen würde, und seit dem Zwischenfall mit Dale waren sie auch wieder doppelt auf der Hut, was Beißer anging. Gerade in der Nacht sollte immer mindestens eine Person Wache halten.

„Carl hat mir erzählt, was passiert ist. Er hat gesagt, du hast ihn zu mir geschickt", begann Rick, während er sich neben Shane stellte und in die Nacht hinausblickte, „Danke dafür."

„Er ist ein guter Junge. Und hat sich sehr schuldig gefühlt. Was er gebraucht hat, war sein Omega-Vater, der ihm versichert, dass er ihn immer noch liebt", meinte Shane, „Es war nichts dabei."

„Ich liebe auch dich immer noch. Das ist dir doch klar, oder?", erwiderte Rick darauf, „Egal was du getan hast."

Shane warf Rick einen Seitenblick zu. „So schmeichelhaft das auch ist, mein Hübscher, ich habe nichts Falsches getan", konnte er sich nicht verkneifen, „Randall musste sterben, egal ob das Dale gefallen hätte oder nicht."

Rick lehnte sich näher zu ihm hinüber und flüsterte: „Und Otis? Musste der auch sterben?"

„Es war er oder beide von uns, Rick. Und beide von uns hätte bedeutet auch Carl. Und damit auch du", erwiderte Shane gedämpft, „Das war keine Wahl, es gab nur eine Entscheidung. Es gibt nichts, das ich nicht für dich tun würde." Und dann blickte er Rick direkt ins Gesicht.

Dessen Miene spiegelte nicht gerade das wieder, was Shane erwartet hatte dort zu finden. Für jemanden, der gerade so ein großes Kompliment bekommen hatte, wirkte er nicht besonders begeistert oder gerührt oder erfreut. Eher vage besorgt. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, hatte Shane das Gefühl möglicherweise nicht zu wissen, was in seinem Omega vorging. Deswegen traf es ihn auch unerwartet, als dieser sich doch zu ihm hinüberlehnte und ihn küsste. Und dann seine Zunge ins Spiel brachte und an Shanes Kleidung zu zerren begann.

Eigentlich sollte ich ja Wache schieben, aber …. Immerhin war das hier Rick, und der war in letzter Zeit selten genug in Stimmung gewesen. Was auch immer ihn jetzt dazu veranlasste über Shane herzufallen, der Alpha wollte sein Glück nicht in Frage stellen, sondern genießen. Selbst wenn es in aller Öffentlichkeit am dreckigen Boden stattfand, wenn er eigentlich Wache schieben sollte.

Nachdem es vorbei war, hatte Shane eigentlich keine Lust sich wieder anzuziehen und Wache zu schieben. Er wollte lieber ewig zusammen mit Rick im Dreck liegen und mit diesem kuscheln. „Weißt du, ich habe mir gedacht, dass wir das Baby, wenn es ein Junge sein sollte, nach deinem Vater benennen sollten", vertraute er seinem Omega an.

„Von mir wirst du keinen Einspruch hören, aber Lori hat vielleicht andere Vorstellungen", wandte Rick ein.

„Lori", schnaubte Shane abfällig, „hat offensichtlich kein Interesse an diesem Kind. Immerhin wollte sie es töten. Wieso sollte sie es danach noch benennen dürfen?"

Rick schien sich in seinem Armen zu versteifen. „Denkst du nicht, dass sie das alles in ein paar Monaten vielleicht ganz anders empfindet? Immerhin wird sie das Kind austragen. So was verbindet", ließ er sich dann zaghaft vernehmen.

„Pech für sie, wenn sie ihre Meinung ändert. Ich werde nicht vergessen, was sie tun wollte. Wenn sie das Kind auf die Welt gebracht hat, kann sie froh sein, wenn ich sie überhaupt stillen lasse", knurrte Shane. Lori, warum musste Rick auch mit Lori anfangen? Der Omega in seinen Armen war ganz still geworden, er sagte nicht nur nichts mehr, er bewegte sich auch nicht mehr.

„Rick? Alles in Ordnung?", erkundigte sich Shane, nun doch leicht besorgt. Rick konnte doch nach allem, was passiert war, nicht immer noch ernsthaft weiterhin Loris Verteidiger spielen wollen, oder? „Ja, mir geht es gut. Ich sollte wieder nach Carl sehen", ließ sich der Omega dann vernehmen und stand auf. Das kam jetzt doch ziemlich erprupt. Aber immerhin fühlte sich Carl schuldig und brauchte Trost. Und Shane sollte wirklich weiterhin Wache schieben.

„Von mir aus." Der Alpha kam ebenfalls mühsam auf die Beine. „Grüß den Jungen von mir", meinte er, „Denkst du Carl, wünscht sich einen Bruder oder eine Schwester?"

„Ich denke, er wünscht sich vor allem eine heile Familie", erwiderte Rick, irgendwie bedeutungsschwanger.

„Keine Sorge", meinte Shane dazu, „ich habe nicht vor zuzulassen, dass Hershel uns vor der Geburt von der Farm verbannt. Das Kind wird hier geboren werden, in Sicherheit."

Rick erwiderte darauf nichts. Vielleicht hatte er ja doch auf etwas anderes angespielt.

Am nächsten Morgen erwartete Rick ihn mit gepackter Ausrüstung und dem Vorschlag auf eine Erkundungsmission zu gehen. „Wir sollten überprüfen, ob irgendwo in der Nähe etwas von Randalls Rudel zu sehen ist", meinte der Omega.

Das war gar keine so dumme Idee, also stimmte Shane zu. Ein kleiner Ausflug wäre vielleicht genau das Richtige um den anderen Gelegenheit zu geben sich zu beruhigen. Wenn sie wieder zurückkämen, dann wäre die ganze Randall-Sache mit Sicherheit vergessen.

„Hab ein Auge auf das Rudel, während wir weg sind", bat Shane Andrea, „Lass niemanden Unsinn anstellen." Sie schien für einen Moment überrascht zu sein, dass er ausgerechnet sie für diese Aufgabe auswählte, nickte dann aber. „Ich passe auf", versprach sie.

Und dann machten sich Shane und Rick auf zu ihrem Ausflug. Sie fuhren ein Stück hinaus, ließen das Auto dann stehen, und gingen zu Fuß weiter. Rick war seltsam schweigsam. Omegas, ständig zerbrachen sie sich über irgendetwas den Kopf. Das musste ein sehr anstrengendes Leben sein. (Nicht, dass Shanes Leben in der letzten Zeit viel entspannter gewesen wäre).

„Willst du mir endlich sagen, was eigentlich los ist?", fragte Shane schließlich, als er das Schweigen nicht mehr ertrug.

„Ich denke, das hier ist eine gute Stelle", meinte Rick und setzte seinen Rucksack ab, „Hier sind Vorräte, Wasser, Waffen, Munition, Verbandszeug, und ein paar Medikamente drinnen. Damit solltest du eine Weile auskommen."

Shane starrte seinen Omega verständnislos an. „Wovon sprichst du bitte?", wollte er dann wissen.

Rick leckte sich nervös die Lippen. „Ich finde, es ist besser, wenn du nicht mit mir zurück zur Farm kommst. Zumindest eine Zeit lang nicht", erklärt er dann.

Shane wollte nicht glauben, was er da hörte. „Moment mal. Ist das etwa dein Ernst?", wunderte er sich, „Verbannst du mich gerade?"

„Sozusagen. Du hast recht, weißt du? Es ist wichtig, dass das Kind an einem sicheren Ort geboren wird, und ich kann nicht riskieren, dass du diese Sicherheit gefährdest", erklärte Rick.

„Hat Hershel dich hierzu angestiftet? Keine Sorge, mit dem werde ich fertig. Alte Alphas beißen nicht mehr. Wenn er Ärger macht, dann töte ich ihn einfach. Wird schwer für Beth und Maggie werden, aber sie werden darüber hinwegkommen", erklärte Shane, „Sie sind noch jung und anpassungsfähig."

„Siehst du das, genau das meine ich. Hast du dir selbst in letzter Zeit eigentlich mal zugehört?", wollte Rick von ihm wissen, „Das hier hat nichts mit Hershel zu tun. Letztlich würde er dich bleiben lassen, weil er ein gutes Herz hat."

Jetzt war Shane verwirrt. Wenn nicht Hershel der Grund für das hier, wer oder was trug dann die Verantwortung für …. Oh, natürlich. Gestern Abend. Alles war so gut gelaufen, bis Lori zum Thema geworden war. „Also ist es Lori! Das hätte ich mir denken können! Was hat sie dir eingeredet? Etwa, dass ich gefährlich bin? Das ist Unsinn. Randall war die Gefahr, er musste sterben. Ich habe nichts getan, was nicht dem Wohl der Gruppe gedient hat. Das weiß sie sehr genau, sie will es nur nicht wahrhaben, weil sie dich für sich haben will. Sie war immer schon eifersüchtig auf mich! Und jetzt wollte sie sogar unser Baby töten!", argumentierte Shane, „Du kannst ihr nichts von dem, was sie von sich gibt, glauben!"

„Es geht hier nicht um Lori. Es geht um dich, Shane. Du bist …. Du bist nicht mehr du selbst. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, aber seit Carl angeschossen wurde, ist es nicht mehr zu übersehen … Es geht dir nicht gut, und du bemerkst es nicht einmal! Du bist wirklich eine Gefahr für uns. Heute waren es Otis und Randall. Morgen sind es Hershel und Lori. Wie lange bis du in Merle oder Andrea oder T-Dog einen Feind siehst? Oder sogar in einen der Omegas?", behauptete Rick, „Du bist vollkommen außer Kontrolle!"

„Ach? Und das ist dir über Nacht klar geworden, oder wie? Oder hast du mich nur verführt, damit ich das hier nicht kommen sehen? Diesen … diesen Verrat. Weißt du, ich hätte das von allen erwartet, aber nicht von dir! Ich würde alles für dich geben, und du…" Shane fehlten die Worte. „Und du benutzt mich nur, bis es dir unangenehm wird, und du mich wegwirfst! Es ist nicht Lori, nicht wahr? Du bist es! Ich wollte das bisher nicht sehen, weil ich dich zu sehr liebe, aber du wolltest dieses Baby nie haben! Von dem Moment an, als du von seiner Existenz erfahren hast, hast du den Gedanken daran nicht ertragen, dass es nicht von dir ist. Du hast ihr eingeredet, dass sie es wegmachen soll, weil es nicht deines ist! Sie wollte immer ein zweites Kind, warum sollte sie es abtreiben wollen? Nein, du hast ihr das eingeredet, und um dich zu schützen hat sie das verschwiegen! Weil sie Angst hatte, dass ich dich dann als den Verräter sehe, der du bist! Und ich war die ganze Zeit über wütend auf sie, dabei hätte ich wütend auf dich sein sollen!" Shane hatte das Gefühl zum ersten Mal seit Langem wieder klar zu sehen. Er hatte sich ablenken lassen, von Rick und seinen Gefühlen für den Omega. Er hatte vergessen wie erleichtert und erlöst er sich gefühlt hatte, als er nur ihn, Lori, und Carl gegeben hatte, und das Baby. Rick hatte ihn das vergessen lassen. Rick, der ihn mit Sex abgelenkt hatte, nicht nur letzte Nacht, sondern schon während seiner Hitze, und davor im CDC, und ….

Rick starrte ihn vollkommen verdattert an. Er hatte wohl nicht erwartet, dass Shane ihn auf die Schliche kommen würde! „Seit du wieder in unserem Leben aufgetaucht bist, hast du versucht dich zwischen Lori und mich zu stellen, unsere Einheit zu schwächen! Du hast es nicht ertragen, dass wir zusammen etwas gefunden haben, das du mit keinem von uns jemals finden konntest: Glück!", fuhr Shane wütend fort, „Ich kann nicht glauben, dass mir das so lange entgangen ist, aber du warst von Anfang gegen mich und meine Art zu führen! Du hast meine Position als Rudelführer bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit untergraben! Weil du diesen Moment von Anfang an geplant hast! Den Moment, in dem du mich loswirst! Verbannung, dass ich nicht lache! Du hast ja nicht einmal die Eier mich herauszufordern und umzubringen!"

Rick schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß nicht, was mit dir passiert ist, Shane. Aber das hört jetzt auf", verkündete er, „Nimm diesen Rucksack und geh einfach!"

„Warum zum Teufel sollte ich das tun?!", wollte Shane herausfordernd wissen.

„Weil du allen nur noch Angst machst! Weil du mir nur noch Angst machst!", schrie Rick ihn mit Tränen in den Augen an, „Du solltest uns beschützen, aber stattdessen muss ich uns alle vor dir beschützen!"

Ein Teil von Shane war bestürzt, als er das hörte. Der Teil, der immer ein guter Alpha hatte sein wollen, wusste, dass irgendetwas gerade vollkommen schief lief. Ein anderer Teil wurde aber wütend. Wie konnte Rick das behaupten? Wie konnte Rick es wagen das alles so darzustellen, als wäre er der Böse hier?!

„Du hast recht, es ist an der Zeit, dass ich uns beschütze! Vor deinem Wahnsinn! Ich gehe zurück zur Farm!", verkündete er düster, „Zu meinem Rudel, zu meiner Familie! Aber ohne dich! Nimm deinen verdammten Rucksack und verschwinde! Ich will dich nie wieder sehen!" Dann drehte er sich um und stapfte zurück in Richtung Wagen. Und ignorierte dabei Ricks lautstarkes Weinen.

Wie kann dieser wahnsinnige Omega es wagen?! Ich bin der Rudelführer hier! Ich bin der Alpha hier! Wenn irgendjemand jemand anderen aus dem Rudel verbannt, dann bin ich das! Er fuhr herum, als ihn jemand am Arm packte, und schleuderte seinen Angreifer zu Boden. Es war kein Angreifer, es war nur Rick. Der weinend vor ihm lag und murmelte: „Es tut mir leid, Alpha."

Und einfach so wollte Shane ihm am liebsten auch schon wieder alles verzeihen, alles zurücknehmen, so tun als wäre nichts davon je passiert, zusammen mit ihm nach Hause zurückzukehren, zu Carl, zu Lori, zu ihrem Rudel. Aber dann würde alles wieder von vorne losgehen.

Rick und er waren in diesem ewigen Tanz gefangen. Immer schon. Dem ewigen Tanz, in dem sie sich stritten, einander vergaben, von vorne anfingen, ein Herz und eine Seele waren, solange bis Rick beschloss, dass ihm die Dinge, so wie sie waren, nicht gefielen, so lange bis Rick beschloss, dass er etwas ändern wollte, dass er etwas besser wusste, und dann war auf einmal Shane der Dumme, Shane, der ewig auf Rick wartete, welcher ihn aber in Wahrheit gar nicht wollte, weil er lieber Lori heiratete, Shane, der seine Karriere über sein Liebesleben stellte, weil Rick sich entschlossen hatte Polizist werden zu müssen und jemand brauchte, der auf ihn aufpasste, Rick, der beschloss ihn einfach so ohne Vorwarnung zu küssen und sich gleich darauf niederschießen ließ, Rick, der ins Koma fiel und sich weigerte aufzuwachen, egal wie sehr Shane ihn brauchte, Rick, der nicht einmal den Anstand besaß tot zu bleiben und Shane von seiner Familie trennte, von seiner Geliebten und seinen Kindern, Rick, der mit einem fremden Alpha auf haarsträubende Expeditionen ging, egal, was Shane davon hielt, Rick, der sich in dumme Ideen verrannte und dem Rudel davon erzählte, anstatt sie mit Shane zu besprechen, Rick, der darin versagte sich um sein eigenes angeschossenes Kind zu kümmern, Rick, der ihn dazu zwang Otis zu töten, Rick, der sich ständig irgendwelchen Gefahren und feindlichen Alphas aussetzte, Rick, der sich in jedem Streit immer gegen Shane stellte und auf die Seite von allen anderen, Rick, der eine demokratische Abstimmung darüber wollte, ob sie einen Feind des Rudels am Leben ließen, und das Abstimmungsergebnis dann änderte, sobald es ihm nicht mehr in den Kram passte, Rick, der ihn mit in die Wildnis nahm um ihn zu verbannen, als ob er das Recht dazu hätte. Rick, dem Shane das alles immer wieder verzeihen würde, weil er eben Rick war.

Ein Alpha beschützt sein Rudel vor Gefahren, und die größte Gefahr für mein Rudel ist dieser Omega hier. Die größte Gefahr für mich ist dieser Omega hier, erkannte Shane. Vielleicht war er ja wirklich dabei den Verstand zu verlieren. Und wenn, dann war das nur Rick Grimes' Schuld!

Shane zog seine Waffe und richtete sie auf dem am Boden liegenden Omega. Rick erbleichte, als er die Waffe erblickte. „Shane, was … was tust du da?", wollte er heiser wissen.

„Es tut mir leid, Kumpel, aber ich muss das tun", erklärte Shane, „So ist es am besten für uns alle. Du bist eine Gefahr für uns. Ich muss dich beseitigen, solange ich klar genug bin es zu tun."

Ricks Augen weiteten sich, und er hob abwehrend die Hände. „Shane, Alpha, bitte, tu das nicht. Du willst das doch im Grunde gar nicht tun! Denk nach, ich bin ein unbewaffneter Omega, der vor dir am Boden liegt. Was daran klingt nach einer Tat, die in Ordnung wäre? Du bist kein Mörder, Shane. Wenn du das tust, wird dich das dein Leben lang verfolgen. Wie willst du jemals wieder Carl in die Augen sehen, oder Lori, oder eurem Baby?", bettelte er und erhob sich langsam und vorsichtig, während der Lauf von Shanes Waffe jeder seiner Bewegungen folgte, „Du bist nur verwirrt, Shane. Du willst mir doch gar nichts tun."

Die Waffe in Shanes Händen zitterte. Er hörte nichts anderes mehr als Ricks Stimme, die Stimme seiner Sirene. Ich muss ihn beseitigen, ich muss. Wenn ich es jetzt nicht tue, dann werde ich es für immer bereuen.

„Shane, bitte, nimm die Waffe runter. Du bist mein Alpha, ein guter Alpha, du würdest mir niemals weh tun. Du willst niemanden weh tun", beschwor ihn Rick weiterhin, „Du willst uns einfach nur alle beschützen. Und das ist okay. Es tut mir leid, dass ich undankbar war. Aber das ist jetzt vorbei. Vergiss den Rucksack. Du nimmst die Waffe runter, und wir beide gehen zusammen nach Hause. So wie es sein sollte."

Langsam ließ Shane die Waffe sinken. Und atmete tief durch. Rick hatte ja recht, er wollte ihm nicht weh tun. Er liebte Rick, verdammt noch mal. So sehr, dass es weh tat. Dass es jeden einzelnen Tag weh tat.

„Gut so, und jetzt wirf die Waffe auf den Boden", bat Rick, und Shane kam dieser Bitte nach. Am Rande seiner Wahrnehmung fragte er sich, ob Rick wohl seine Omega-Pheromone einsetzte um ihn zu beruhigen.

Shane starrte auf die am Boden liegende Waffe. und als er sah, dass sein Omega auf ihn zukam, öffnete er erwartungsvoll seine Arme für diesen. Doch statt einer Umarmung erhielt einen Messerstich in die Schulter.

Shane taumelte erstaunt zurück und sah die tränenverzerrte Parodie einer Grimasse, die Ricks Gesicht war. „Ich habe dich geliebt! Und dachte du liebst mich! Aber du musstest es ja ruinieren!", schrie Rick ihn an, „Hörst du mich: Ich war das nicht, du warst es! Du hast uns zu Grunde gerichtet! Du hast uns zu Grunde gerichtet!"

Shane stolperte angesichts der allumfassenden Wut in Ricks Stimme und blieb wie erstarrt am Boden liegen. Das Messer steckte immer noch in seiner Schulter und tat verdammt weh. Er griff danach und riss es sich aus seiner Schulter, woraufhin die Wunde zu bluten begann. Shane sah sich nach Rick um. Der war verschwunden. Das Einzige, was von ihm geblieben war, war der Rucksack, der demonstrativ ein paar Meter von Shane entfernt dastand und den Alpha leise zu verspotten schien.


II.

Shane wollte nicht wieder in alte Muster verfallen und sich minütlich fragen, ob Rick lebendig zu ihm zurückkehren würde. Er wollte Vertrauen haben, sich reif und geistig gesund verhalten. Trotzdem konnte er nicht anders als sich Sorgen zu machen. Und je länger Rick weg war, desto größer wurde seine Sorge.

Während der Abwesenheit des Omegas tat Shane sein Bestes um Alexandria an die Anwesenheit ihrer neuen Gäste zu gewöhnen. Es lief nicht so besonders; die meisten Bewohner machten nach wie vor einen großen Bogen um sie, wenn sie sie irgendwo in der Stadt sahen. Der Bogen, dem sie um Shane machten, war zwar bedeutend kleiner als der, den sie um die anderen drei Alphas machten, aber es war nicht zu übersehen, dass sie sich auch an ihn noch nicht gewöhnt hatten.

Er hatte sich mit jedem Bewohner getroffen und unterhalten, und versucht freundlich und zugänglich zu wirken, aber man konnte in wenigen Minuten meistens auch nur sehr wenig erreichen. Und letztlich war er immer noch der Anführer der Besetzer ihrer Stadt, und das vergaß keiner so einfach. Nicht einmal Carl vergaß es so einfach.

Shane sah seine Kinder jeden Tag, aber Carls anfängliche Freude darüber mit ihm wiedervereint zu sein, war einer gewissen unterschwelligen Feindseligkeit gewichen, oder zumindest Teenager-Missmut, der Junge zog ständig eine düstere Miene. Vielleicht machte er sich ja nur ebenfalls Sorgen um Rick, aber Zuneigung fühlte sich trotzdem anders an. Einmal hatte Shane den Fehler gemacht zu versuchen Carl nach seinem Liebesleben zu fragen, diesen Fehler würde er nicht noch einmal machen, der Junge hätte ihm fast den Kopf abgebissen.

„Dieser Ort ist irgendwie seltsam", meinte Morales am Ende der ersten Woche zu Shane, „Die tun so, als würden wir immer noch in der Welt davor leben."

Tatsächlich fasste das das Leben in Alexandria ganz gut zusammen. Alle schienen gute Nachbarn zu sein, die gerne zusammenlebten, außer, wenn sie sich mal um Nichtigkeiten stritten, und jeder schien eine Art Job zu haben, eine Tätigkeit, der er nachging, eine Aufgabe. Omega Olivia war für die Katalogisierung und Verteilung der Ressourcen zuständig, andere betätigten sich landwirtschaftlich, sofern das möglich war. Beta Holly und ihre Gruppe schoben Wachdienst, und das tat fast immer nur jemand aus ihrer Gruppe. Glenn und die abwesenden Bewohner waren für die Versorgungsfahren zuständig. Es gab Klempner und Tischler in Alexandria. Und Pater Gabriel war im wahrsten Sinne des Wortes der Seelensorger der Gemeinschaft.

Negan hätte diesen Ort nicht verstanden, das wusste Shane. Nicht weil er prinzipiell dagegen gewesen wäre das Leben von vorher wieder aufzunehmen, aber deswegen, weil es hier gerechte Arbeitsteilung gab, jeder das tat, was ihm Spaß machte und worin er gut war, alle alles teilten, und niemand offensichtlich das Sagen und damit alle Vorteile zu haben schien.

„Lass sie doch, vielleicht hilft es ihnen. Vielleicht macht es sich glücklich", mutmaßte Shane, „Hier hört man Kinderlachen. Das muss eine gute Sache sein. Oder nicht?"

Morales spukte auf den Boden. „Orte wie dieser werden von Orten wie dem Sanctuary gefressen. Denk man meine Worte, Shane, Alexandria wird nicht bleiben, wie es jetzt ist. Gewöhn dich lieber nicht an seine Annehmlichkeiten", meinte der andere Alpha.

Soweit Shane in der Lage gewesen war das festzustellen, hatte Morales seine Bekanntschaften mit Glenn und Andrea nicht erneuert, seit er hier angekommen war, er behandelte sie nicht anders als die anderen Bewohner von Alexandria. Carl mied er sowieso, die Gründe dafür waren aber wohl persönlicher als im Fall der anderen. Kinder hatten für einen Menschen nicht mehr die gleiche Bedeutung wie zuvor, nachdem er seine eigenen verloren hatte. Auf jeden Fall war nicht zu übersehen, dass er sich hier nicht besonders wohl fühlte und lieber überall anders wäre. Aber zumindest hielt er mit dieser Meinung hinter dem Berg und gab sich professionell, was Shane zu schätzen wusste.

Was Jacob und Avery anging, so kannten sie niemanden von früher, was ihnen ihren Job vermutlich leichter machte als den beiden anderen. Sie konnten einfach nur diejenigen sein, die sie waren, Besetzer aus dem Sanctuary, die hier waren um alle Bewohner von Alexandria im Auge zu behalten. Sie hielten von allen Abstand, soweit es ging, und schienen sich nicht daran zu stören im Gegenzug genauso behandelt zu werden.

Nicht, dass Shane sich anmerken ließ, dass er es ihn störte, dass Andrea und Glenn ihn mit Kälte begegneten und alle anderen nicht bereit zu sein schienen sich für ihn zu erwärmen. Erstens wusste er, dass er nach der Farm und wegen der Tatsache, dass er nun zu Negan gehörte, Misstrauen verdient hatte, und zweitens gehörte er zu Negan, er war sogar ganz froh darüber, dass niemand den Fehler machte ihm blind zu vertrauen - das sprach für Alexandria, wies darauf hin, dass diese Leute im Gegensatz zu dem, was Morales dachte, vielleicht doch eine Chance hatten zu überleben. Es tat nur trotzdem weh.

Rick, Carl, und Judith waren seine Familie, Andrea, Glenn, und Daryl waren sein Rudel gewesen, genau wie Maggie, Rick im Sanctuary zu sehen war als wäre er nach langer Zeit in der Verbannung endlich wieder nach Hause gekommen. Er hat diejenigen, die er liebte, zu denen er gehörte, wieder gefunden. Doch die wollten ihn nicht zurück. Damit hatte er zwar gerechnet, es tat aber trotzdem weh.

„Beichten die Leute hier Ihnen wirklich ihre Sünden, Pater?", wollte Shane von Gabriel wissen, als er den Beta bei einem seiner zur Gewohnheit gewordenen Rundgänge durch die Stadt unweit des Tores traf. Gabriel schien ebenfalls tägliche Rundgänge zu machen, das war Shane aufgefallen. Vielleicht kontrollierte er ja auch die Umgebung. Wenn er das tat, war es weniger auffällig, als wenn Michonne und Abraham das erledigten. Von einem Priester erwartete man vielleicht, dass immer wieder mal nach den Rechten bei seinen Nachbarn sah. Hoffentlich dachten Morales, Jacob und Avery, dass es das war. Hoffentlich hatten sie nicht erkannt, dass der gute Pater sie überwachte, während sie die Stadt überwachten.

Die Bewohner von Alexandria hatten sich diese Routine angewöhnt – die Routine ihre Gäste niemals aus den Augen zu lassen. Wenn Olivia den Erlösern Snacks vorbeibrachte, war das nicht einfach nur Omega-Fürsorge. Genauso wenig wie eine scheinbar relaxte Sasha, die Morales Wasser brachte, wenn er am Turm saß. Oder Andrea, die bei ihren Häusern vorbeikam und sich erkundigte, ob es ihnen an irgendetwas fehlte. Genauso wenig wie ihre gemeinsamem Familienessen, bei denen immer mindestens Andrea oder Michonne, wenn nicht sogar beide, anwesend waren. Sie hatten offensichtlich nicht vor Shane mit seinen Kindern alleine zu lassen. Wenn er Judith mit ins Büro nahm, tauchte nach wenigen Minuten Olivia auf „um ihm bei der Kinderbetreuung zur Hand zu gehen". Er schien gerade mal alleine gelassen zu werden, wenn er mit Carl alleine war – weil er da vermutlich von Carl überwacht wurde. Diese Leute waren gut, aber nicht so subtil, wie sie dachten. Glück für sie, dass Shane die dümmsten Erlöser als seine Begleiter ausgewählt hatte, die er für halbwegs harmlos hielt und auf deren Loyalität er glaubte zählen zu können.

„Manchmal. Auch wenn von meiner Kirche nur noch ich übrig zu sein scheine, bin ich weiterhin an das Beichtgeheimnis gebunden. Wollen Sie beichten, Shane? Haben Sie denn etwas zu beichten?", wollte Gabriel von ihm wissen.

Shane hätte zu viel zu beichten. Er war ein Monster, das wusste er, Erlösung würde er nie erlangen. Und Gottes Vergebung interessierte ihn weniger als die von denen, den er Unrecht getan hatte.

„Was bringt es zu beichten, wenn man weiß, was man falsch gemacht hat, und weiß, dass es nicht zu vergeben ist?", gab Shane zurück.

„Wer wirklich bereut, dem wird auch vergeben. Sie können mir alles sagen. Ich bin gezwungen Ihnen zu vergeben", meinte der Beta.

Shane dachte an Otis und an Randall, an Lori, und vor allem an Rick. Daran, wie er mit seiner Waffe auf Rick zielte und zu dem Entschluss kam, dass er ihn töten musste um sich von ihm zu befreien. „Ich habe einmal…."

Shane unterbrach sich, weil Avery angerannt kam. Wirklich schnell. „Shane, Shane, es ist Negan! Er steht vorm Tor!", keuchte er.

„Jetzt schon?!" Shane hatte eher früher als später mit einem Besuch von Negan gerechnet, aber nicht schon jetzt. Das kann nichts Gutes bedeuten. „Pater, wären Sie so nett mir Andrea herzuholen? Avery, treib Morales auf, falls er nicht nüchtern ist, wasch ihm zumindest den Mund aus, bevor du ihn herbringst", sagte Shane dann möglichst gefasst, „Dann lasst uns Negan begrüßen."

Die Tore öffnete sich, und Negans Wagen rollten herein. Er war nur mit zwei Wagen gekommen, also schien er sich kein Tribut zu erwarten. Glenn tauchte neben Shane auf. „Bringt er Maggie?", wollte der Omega wissen. Shane bezweifelte das doch sehr, sagte aber nichts.

Negan sprang mit einem breiten Grinsen und Lucille in der Hand aus dem ersten Auto. „Shane! Schön dich wiederzusehen! Wie war deine erste Woche? Hast du dich bereits eingewöhnt?", begrüßte er den anderen Alpha.

„Unereignisreich. Und einigermaßen", erwiderte Shane, „Was führt dich her?"

„Ich hatte einfach Sehnsucht. Und wo wir gerade davon sprechen, wo steckt Rick?" Negan sah sich suchend um. Sein Blick glitt über Morales und Avery, über Andrea und Michonne, über Glenn. „Er ist auf Versorgungsfahrt gegangen", erklärte Shane, „Wir erwarten ihn bald zurück."

„So schnell schon? Er scheint vorzuhaben mich zu verwöhnen", kommentierte Negan. Nun, da er von Ricks Versorgungsfahr wusste, würde ihnen keine andere Wahl bleiben als ihm einen Anteil von was auch immer Rick mit zurückbrachte abzugeben, womit der eigentliche Zweck der Versorgungsfahrt ab absurdum geführt wurde. „War das Jacob oben am Turm? Heißt das etwa, dass ihr den armem Rick vollkommen alleine und ungeschützt hinausfahren habt lassen?", wollte Negan dann wissen, „Eigentlich haben wir unsere Leute doch hier stationiert um die Omegas zu beschützen, oder nicht?" Die Kritik klang leicht verwirrt und nicht mal irritiert, aber Negan warf Shane trotzdem einen eindeutigen Blick zu.

„Rick ist nicht alleine gefahren, er hat erfahrene Kämpfer bei sich", erklärte Shane und beschloss nicht zu erwähnen, dass diese erfahrenen Kämpfer ebenfalls Omegas waren, „Ich wollte ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis etablieren und nicht den Eindruck erwecken, dass wir unsere Gastgeber auf Schritt und Tritt überwachen."

„Verstehe", meinte Negan und blickte sich um, „Ich nehme an, dass ich es an deiner Stelle auch wichtig finden würde Freunde zu finden. Aber wir dürfen darüber nicht vergessen, warum wir hier sind. Ich meine, ich sage nicht, dass jeder hier auf Schritt und Tritt beschützt werden muss, aber Rick ist immerhin der Rudelführer. Er ist wichtig. Also sollten wir in Zukunft, dafür sorgen, dass er sich nicht mehr ohne Erlöser-Begleitung in Gefahr begibt, ja?"

Die Botschaft war unmissverständlich. „Natürlich", meinte Shane ehrerbietig.

Negan wandte sich Glenn zu. „Es tut mir leid, aber Maggie konnte es diesmal nicht schaffen. Vielleicht das nächste Mal. Falls deine Sehnsucht zu groß wird, kann ich dich aber jederzeit zu ihr bringen", erklärte er dem Omega, der nicht zu wissen schien, was er darauf antworten sollte, „Nun, überleg es dir. Shane, wie wäre es, wenn wir, während wir auf Rick warten, ein wenig Zeit mit deiner Familie verbringen? Ich will die Kleine wiedersehen und Carl. Ich habe Lust auf Spagetti. Wie wär's, wenn ich uns allen eine Portion koche?"

Shane wusste, dass er diesen Vorschlag nicht ablehnen konnte. Er hoffte nur, dass Rick sich mit seiner Rückkehr zur ihrer aller Wohl beeilen würde, denn ansonsten bestand noch die Gefahr, dass sich Negan hier häuslich niederließ, bis der Omega wieder kehrte. Und das würde mit Sicherheit zu einer Katastrophe führen.


III.

Seit Sophia aus der Scheune gekommen war, ging es Carol Peletier gar nicht gut, und Daryl wusste nicht, was er tun sollte um ihr zu helfen. Sie war ein Omega, der sein Kind verloren hatte, Trauer und Depressionen waren also zu erwarten gewesen, doch Daryl hatte Angst, dass mehr dahinter steckte, dass Carol möglicherweise nicht mehr weiterleben wollte, genau wie Hershels Tochter Beth. Beth, die versucht hatte sich das Leben zu nehmen. Was wenn Carol das auch versuchen würde?

Daryl hielt Selbstmord zwar für den Ausweg der Feigen und Schwachen, aber das bedeutete nicht, dass er nicht sehen konnte, wie irgendjemand so weit getrieben werden konnte sich das Leben nehmen zu wollen. Wenn man, so wie Carol, alles verloren hatte, zuerst sein normales Leben, dann seinen Ehepartner, und schließlich auch noch sein Kind, was blieb einem da noch um sich daran festzuhalten?

Ironischweise war Carol nach dem Tod ihres brutalen Alphas geradezu aufgeblüht, doch dann war Sophia weggelaufen, und seit dem ging es bergab. Daryl versuchte für sie da zu sein so gut er konnte. Doch was hatte er dem, was sie verloren hatte, schon entgegen zu setzen?

„Du bist eine der stärksten Personen, die ich kenne, Carol. Du hast Ed überlebt, du wirst auch das hier überleben", hatte Daryl ihr nach der Scheune zugeflüstert, als sie in seinen Armen geweint hatte, doch wirklich sicher, was er sich dessen nicht.

„Aber Sophia! Wie kann ich ohne Sophia weitermachen? Was wenn es stimmt, was sie sagen? Was, wenn Omegas einfach nicht dafür gemacht sind alleine zu überleben?", hatte Carol geweint, und Daryl hatte ihr die dümmste Antwort überhaupt zurückgeflüstert: „Du bist nicht alleine."

Er hat das wortwörtlich gemeint. Sie war nicht alleine, die anderen waren auch noch hier, das Rudel war auch noch hier. Aber was, wenn Carol dachte, er hätte damit vor allem sich selbst gemeint? Sie war seitdem zunehmend anhänglich geworden und als Freund war er gerne für sie da, aber was, wenn sie sich mehr von ihm erwartete? Was, wenn sie sich Dinge von ihm erwartete, die er nicht geben konnte? Würde sie eine Zurückweisung ertragen?

Es war der Tag, an dem Rick mit Shane aufgebrochen war, um wer wusste was zu tun. Carol war an diesem Morgen sogar freiwillig aufgestanden, wirkte erfrischter als in den Tagen zuvor, und Daryl hatte sich dazu entschlossen das als gutes Zeichen zu deuten und fand, dass es an der Zeit war, das er mal wieder auf die Jagd ging. Wenn es einen Tag gab, an dem er Carol alleine lassen konnte, dann war dieser Tag heute.

Am Hof schäkerte Merle mit Andrea. Ja, er schäkerte wirklich. Offenbar hatte er sich damit abgefunden von Maggie zurückzugewiesen zu werden und sah sich nach Ersatz um. Oder vielleicht auch nicht. Wenn Daryl ehrlich war, dann hatte er nie wirklich verstanden, was zwischen seinem Bruder und dem blonden Beta vor sich ging. Sie schien sich aus irgendwelchen Gründen etwas aus ihm zu machen, und er war ihr für alles, was sie für ihn getan hatte, dankbar, was in Merles Fall selten genug vorkam.

„Kleiner Bruder, wohin gehst du?", wollte Merle wissen, als er ihn sah.

„Jagen", erwiderte Daryl knapp, „Ich komme gerade von Carol, es geht ihr besser. Also dachte ich, ich könnte gehen."

Andrea wirkte nachdenklich. „Vielleicht sollten wir uns nicht zu sehr aufteilen, solange Rick und Shane weg sind", meinte sie dazu, „Falls, was passiert…"

„Falls was passiert, bin ich darauf vorbereitet", gab Daryl zurück.

Um die Wahrheit zu sagen, fühlte er sich langsam aber sich eingesperrt. Er mochte die Farm nicht, mochte die Dinge nicht, die dort passiert waren. Überall lauerten Geister. Sophia im Schuppen, Randall auf dem Vorplatz, Dale so ziemlich überall. Daryl brauchte dringend einen Szenenwechsel.

„Ich gehe mit ihm und passe auf, dass er nichts anstellt", bot sich Merle großzügig an. Beinahe so, als ob nicht normalerweise Daryl derjenige wäre, der auf Merle aufpasste.

„Na gut, bleibt aber nicht zu lange weg", gab Andrea daraufhin nach.

„Wer ist gestorben und hat die zur Chefin gemacht?", schnaubte Daryl, nachdem Andrea weg war.

„Hör lieber auf die Lady, Daryl, die weiß, wovon sie spricht", behauptete Merle, „Du warst also bei Carol, was? Und es geht ihr besser? Hat sie das dir zu verdanken? Kann ich stolz auf meinen kleinen Bruder sein?"

Daryl verdrehte die Augen. Typisch Merle, der hatte immer nur Sex im Kopf. „Nichts von dem, was du dir vorstellst, ist passiert", korrigierte Daryl seinen Bruder, „Sie hat gerade erst ihre Tochter verloren."

„Na und? Noch nie was von Trostsex gehört? Oder ist sie nicht dein Typ? Weißt du, manchmal mache ich mir wirklich Sorgen um dich, kleiner Bruder", seufzte Merle. Das war nicht das erste Mal, dass er etwas in dieser Richtung fallen ließ, er schob seit Jahren solche Kommentare. Wollte ihn seit Jahren mit jeder nur möglichen Person verkuppeln, mit der sich Daryl auch nur irgendwie gut verstand, egal welchen Geschlechts. Daryl wusste, dass Merle niemals verstehen könnte, dass sein Bruder einfach anders war und er sich für all das, was Merle im Leben wichtig zu sein schien, nicht interessierte.

In ihrer Jugend hatte Daryl noch versucht zu verbergen, dass er anders war. Ihr Dad hätte ihn erschlagen, wenn er davon Wind bekommen hätte, dass Daryl nicht nur ein Omega, sondern auch noch ein Freak war. Daher hatte er sein Bestes getan Interesse an weiblichen Alphas und Betas vorzutäuschen. Und auch krampfhaft versucht an dem, was man mit diesen Mädchen tun konnte, Gefallen zu finden. Es war ihm nie gelungen. Die Mädchen waren immer verständnisvoll gewesen, hatten angenommen es läge an ihrer Weiblichkeit oder zumindest ihren Alpha- bzw. Beta-Geruch. Die eine oder andere hatte sich sogar bereit erklärt einige Monate lang so zu tun, als wären sie ein richtiges Paar. Aber sie waren Jugendliche, und besonders die Alphas wollten einen Partner, mit denen sie auch tatsächlich all das tun konnten, was sie gerne mit ihm getan hätten. Also hielt nichts davon lange.

Nicht, dass eine lange stabile Beziehung seinen Vater ihm gegenüber milder gestimmt hätte. Der große Alpha hasste seinen Omega-Sohn so oder so und ließ ihn das bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren. Am Schlimmsten war es, wenn Merle dazwischen ging, denn dann wandte sich die Wut ihres Vaters gegen Merle, und das wiederum sorgte über kurz oder lang dafür, dass Merle eine gewisse Wut auf Daryl entwickelte, dafür, dass er seinetwegen geschlagen wurde.

„Kannst du nicht einfach wenigstens versuchen ihn nicht auf die Palme zu bringen?!", schrie Merle ihn mehr als einmal an, „Kannst du nicht einfach versuchen normal zu sein?!"

Das tat mehr weh als jeder Schlag seines Vaters. Daryl wusste, dass Merle ihn liebte und das nicht so meinte, dass er nur frustriert war, darüber, dass er selbst als Alpha nichts tun konnte um seinen Omega-Bruder vor seinem stärkeren Alpha zu beschützen, aber es tat weh, weil es ihm das Gefühl vermittelte, dass er Merle enttäuschte. Es war schlimm genug, dass Merle seinetwegen geschlagen wurde. Nun bekam er auch noch das Gefühl vermittelt, dass Merle geschlagen wurde, weil er sich für jemanden einsetzte, der seinen Schutz nicht wirklich verdient hatte.

Die Dixon-Brüder brauchten lange um den Schatten ihres Vaters zu entkommen. Vielleicht hatten sie das bis heute nie wirklich geschafft. Daryl versuchte jedes Anzeichen von Schwäche oder Andersartigkeit zu verstecken, jedes Anzeichen von Omegatum zu verbergen. Er maskierte sogar seinen Geruch, doch sein Vater konnte nie vergessen, dass sein Sohn in Wahrheit ein Omega war. Merle konnte es genauso wenig jemals vergessen, allein der Gedanke, dass ein anderer Alpha Daryl etwas antun könnte, trieb ihn in den Wahnsinn. Zu behaupten er wäre überfürsorglich wäre eine Untertreibung. Umgekehrt wurde im Laufe der Jahre immer offensichtlicher, dass in Wahrheit Merle derjenige war, der Fürsorge brauchte.

Vor dem Ausbruch war er ein nutzloser Junkie, der das Leben in keinerlei Form zu ertragen schien. Jetzt, da er clean war, wirkte er zum ersten Mal seit Jahren wieder irgendwie brauchbar. Trotzdem war er immer noch Merle … überfürsorglich in Bezug auf Daryl und von diesem und seinen Entscheidungen enttäuscht. Und rassistisch, sexistisch, und beleidigend zu allen und jedem, weil er sich angewöhnt hatte sich anzuhören wie sein Vater um sich so selbst zu schützen.

Angesichts der Tatsache, dass er Daryls sexuelles Interesse an jeder nur vorstellbaren Variante der Geschlechterkombination der Menschheit unterstützt hätte, wusste Daryl, dass sein Bruder nicht alles, was er von sich gab, auch so meinte. Aber es bestärkte ihn trotzdem darin gar nicht erst zu versuchen Merle zu erklären, was mit ihm los war. Es waren nicht nur die weiblichen Alphas und Betas, die nichts für ihn gewesen waren.

„Nicht jeder ist wie du, Merle. Nicht jeder hat andauernd nur Sex im Kopf. Vor allem in dieser neun Welt", verteidigte er sich also allgemeiner.

„Oh, doch. Das hat jeder. Vor allem in dieser neuen Welt. Walsh und Officer Friendly haben es gestern Abend hier draußen im Dreck getan, vor aller Augen sozusagen. Und da sollten sie eigentlich Wache schieben. Vermutlich nutzen sie ihren Ausflug auch vor allem dazu", gab Merle unbeeindruckt zurück.

Daryl hatte kein Interesse daran Details aus dem Sexleben von Rick und Shane zu erfahren oder auch nur zu hören welche Details Merle daraus wusste. „Shane Walsh ist kaum ein Beispiel, dem man nacheifern sollte", warf er also schnell ein.

„Oh, nein, er ist total irre. Genau wie Grimes, was das angeht. Ich weiß, du denkst dein Omega-Kumpel ist besser als sein Alpha, aber manchmal frage ich mich, wer von den beiden eigentlich irrer ist. Er denkt doch wirklich, dass er Walsh unter Kontrolle halten könnte. Dass er seinen Wahnsinn eindämmen kann, wenn er es nur genug versucht. Was für eine Wahnvorstellung", schnaubte Merle.

Daryl hatte nicht vor diese Beleidigung von Ricks Person einfach so dastehen zu lassen. „Omegas besitzen eine gewisse Macht über Alphas", erklärte er, „Sie können sie dazu bringen gewisse Dinge für sie zu tun. Rick hat Shane schon dazu gebracht Dinge nicht zu tun."

„Wie etwas Randall nicht zu töten?", spottete Merle, „Omegatricks funktionieren nur eine gewisse Zeit lang - bei Alphas, die diese nicht als solche erkennen. Im Grunde ist immer der Alpha, der den Omega kontrolliert, egal in welcher Art von Beziehung. Omegas mögen sich gerne etwas anderes einreden, aber so ist es nun mal."

Daryl warf seinem Bruder einen düsteren Blick zu. „So wie du mich kontrollierst?", erkundigte er sich.

„Ja. Genauso", meinte Merle ungerührt, „Sieh es ein, Brüderchen, gleichberechtigte Beziehungen mag es geben – unter Betas, zwischen Betas und Omegas, vielleicht sogar manchmal zwischen Alphas und Betas. Aber niemals zwischen Alpha und Omega."

Manchmal fragte sich Daryl dann wiederum, ob Merle all diese Dinge, die er sagte, vielleicht doch ernst meinte. Und manche meinte er eindeutig ernst, hatte er von seinem Vater übernommen, als hätte er sie via Muttermilch eingesogen.

Daryl überlegte sich gerade, ob er protestieren sollte, als er Ricks Wagen erblickte, der in Richtung Farm abbog. „Sieht aus, als wären sie zurück", meinte er und folgte dem Auto. Er achtete nicht darauf, ob Merle ihm hinterherkam.

Als er die Farm erreichte, war Rick bereits ausgestiegen. Alleine. Von Shane gab es keine Spur. Und Rick? Der sah aus wie der Tod. „Was ist passiert?", wollte Daryl sofort besorgt wissen. Waren sie etwa Randalls Leuten in die Arme gelaufen?

Rick wandte sich zu ihm um, und seine Miene verhieß absolutes Desaster. „Ich bin jetzt der Alpha", erklärte Rick langsam, „Ich bin jetzt der Rudelführer." Das bedeutete, so wusste Daryl, dass Shane Walsh nicht zu ihnen zurückkommen würde.


IV.

König Ezekiel herrschte offensichtlich über ein Königreich genannt Das Königreich. Es war eine kleine, eher abgelegen situierte Gemeinde, deren Infrastruktur nicht mit der von Alexandria zu vergleichen war. Nichts im Königreich wirkte besonders neu, aber alles schien zu funktionieren, und die Bewohner schienen glücklich zu sein. Die Wachen des Königreichs trugen eine Art Schutzpanzer über ihrer Kleidung, der vielleicht eine Art Uniform repräsentieren sollte, für Daryl aber im Grunde vor allem die Frage aufwarf, warum niemand anderer jemals auf die Idee gekommen war sich zusätzlich zu schützen, denn vor Beißerbissen waren diese Menschen mit ihren Schulterpolstern, Arm- und Beinschützern, und ihren Pseudo-Panzer über den Oberkörper auf jeden Fall besser geschützt als die meisten anderen. Schusswaffen besaßen diese Leute nicht, sie hatten Speere und Stöcke. Einige wenige benutzten Pfeil und Bogen, was sie Daryl gleich noch sympathischer machte. Pferde schienen zum Inventar des Königreichs zu gehören, genau wie dieser König mit dem seltsamen Namen.

Jesus schien hier kein Unbekannter zu sein. Jeder begrüßte ihn freundlich. Er war aber nicht der Einzige mit Bekannten hier. In der seltsamen Pseudo-Uniform bekleidet begrüßte sie Morgan Jones.

„Morgan!" Rick schloss den Alpha voll überraschter Freude in die Arme. „Ist Owen auch hier?"

Morgan runzelte auf diese Frage hin überrascht die Stirn. „Sollte er? Hier ist er nicht aufgetaucht. Carol war hier. Jetzt aber nicht mehr", erwiderte er.

Nun war es an Daryl die Stirn zu runzeln und altbekannte Sorge stieg in ihm auf. „Sie ist nicht mehr hier, wo ist sie dann?", wollte er wissen.

„Nicht weit von hier. Ich kann euch zu ihr bringen, wenn ihr wollt. Es geht ihr gut, sie möchte nur ihre Ruhe haben", erklärte Morgan, „Das Massaker an den Erlösern …. Sie braucht Zeit das zu verdauen."

„Wo wir gerade beim Stichwort sind", murmelte Rick, „Es gibt böse Neuigkeiten aus Alexandria, Morgan. Wir waren bei dieser Sache nicht so erfolgreich, wie wir dachten. Es gibt viel mehr Erlöser, als wir angenommen haben. Und Negan lebt ebenfalls noch. Und er war nicht begeistert von unseren Taten. Maggie befindet sich in seiner Gewalt, und er hat Alexandria besetzt."

Morgans Miene verdüsterte sich. „Ja, so etwas hatte ich schon befürchtet", meinte er, erklärte aber nicht genauer, was er damit meinte.

„Rick und Daryl sind wegen einer Audienz beim König hier", verkündete Jesus.

„Dann kommen sie gerade richtig. Er hat im Moment Zeit für euch", meinte Morgan, „Folgt mir."

Daryl warf einen fragenden Blick auf Rick, der nur mit den Schultern zuckte. Die Aussicht auf diesen König schien ihn genauso zu verwirren wie Daryl.

Der König residierte in einem verlassen Theater (vielleicht war es auch mal ein Kino gewesen), saß dort auf einem tatsächlichen Thron, und ach ja, befand sich in Gesellschaft eines ausgewachsenen Tigers. Daryl empfand diesen Anblick im ersten Moment als zu bizarr um wahr zu sein. Der Tiger war zwar angekettet, doch die Kette lag nur locker in den Händen des Königs, und er (allerdings war es in Wahrheit wohl eine sie) blickte gelangweilt in die Richtung der Neuankömmlinge. „Mach keine ruckartigen Bewegungen", zischte Daryl Rick zu, „Und egal, was du sonst tust, dreh ihr nicht den Rücken zu. Niemals."

„Ihr müsst keine Angst vor Shiva haben", erklärte die Gestalt am Thron, „Sie ist eine Freundin des Königreichs und seiner Verbündeten. Und Paul Rovia ist ein Verbündeter von uns, so ist es doch, nicht wahr? Wen hat er uns hier mitgebracht?"

Jesus, dem der Anblick des Tigers nichts auszumachen schien (und der sie nicht vorgewarnt hatte, der Scheißkerl), deutete auf Rick und Daryl. „Das sind Rick Grimes und Daryl Dixon aus Alexandria", erklärte er.

„Willkommen, Rick Grimes und Daryl Dixon aus Alexandria. Ihr befindet euch in der Gegenwart von König Ezekiel. Irre ich mich, oder ist Alexandria derselbe Ort, von dem unser Freund Morgan kommt und die schöne Carol?", sagte der König.

Der König irritierte Daryl aus mehreren Gründen, und wenn er Michonne nicht gekannt hatte, hätte er vielleicht nicht gewusst, was er vor sich hatte, so aber erkannte er es. Der Mann war dunkelhäutig, und sein Haar bestand aus langen Rasterzöpfen, die irgendwie grau wirkten, als wären sie eingepudert worden, vielleicht waren sie das ja sogar. Er trug einen langen Mantel, und wirkte sonst eher modisch gekleidet, zumindest was Königreich-Mode anging, aber zumindest trug er keine Krone. Er strahlte eine gewisse Autorität aus, was aber auch mit der Tatsache, dass ein riesiger Tiger neben ihm lag, zu tun haben konnte. Trotzdem fehlte ihm die überwältigende Aura eines Alphas wie Negan. Und er schien auch kein Interesse daran zu haben irgendjemanden hier Frucht einzuflößen oder Respekt abzuringen.

Trotz Tiger konnte Daryl spüren, wie sich Rick neben ihm sichtlich entspannte. Zwischen all den Alphas der letzten Zeit, war das hier eine wahre Wohltat. „Ja, …. Eure Hoheit, wir stammen aus demselben Ort wie Morgan und Carol", sagte Rick.

„Und was führt in der letzten Zeit so viele Gäste aus Alexandria in unser Königreich?", wunderte sich der König.

„Eine Gruppe namens Erlöser", erklärte Rick.

„Von denen haben wir schon gehört, ja", gab der König zu und machte dann eine Handbewegung, die dazu führte, dass sich einige seiner Wachen zurückzog. Morgan blieb als einziger der Uniformierten im Raum. Dann seufzte König Ezekiel. „Ach, Paul, wir hatten das doch schon. Habe ich nicht klar gemacht, wie ich dazu stehe?", meinte er dann und klang dabei vor allem erschöpft und viel weniger feierlich als noch zuvor.

„Die Situation hat sich geändert", erklärte Jesus, „Die Erlöser haben Hilltop bestraft. Gregory und 20 andere sind tot. Und Alexandria wird von ihnen besetzt."

Der König seufzte. „Alles tragisch, daran besteht kein Zweifel. Aber ich bin meinen Untertanen verpflichtet. Ich kann mich nicht einfach in die Konflikte anderer einmischen", sagte er, „Und was würde es schon bringen? Wir sind nicht besonders viele, und unsere Waffen sind zwar spitz, aber das reicht nicht aus um wütenden Alphas aufzuhalten."

„Komm schon, Zeke, du weißt, dass es falsch wäre einfach weiter daneben zu sitzen und nichts zu tun. Die Erlöser plündern auch das Königreich. Willst du nicht, dass das aufhört?", argumentierte Jesus, überhaupt nicht ehrerbietig.

„Ich muss das tun, was das Beste für meine Leute ist. Es tut mir leid, Paul. Und es tut mir auch leid für euch, tapfere Alexandriner, aber wenn ihr Verbündete sucht, dann müsst ihr sie an einem anderen Ort suchen", erklärte der König.

„Alexandriner ist eine Versform, nicht die Bewohner von Alexandria", meinte Jesus dazu.

„Halt die Klappe, Paul", erwiderte der König nicht ohne Zuneigung in seiner Stimme, „Wer von uns beiden ist gelernter Schauspieler?"

Daryl wandte sich an Jesus. „Ist er dein Ex-Freund?", wollte er ungläubig wissen.

Nun lachte Ezekiel. „Paul und mich verbindet vieles", gab er zu, „Beide haben wir gelernt uns zu verstellen. Aber uns trennt auch vieles. Loyalität ist keine neue Entdeckung für mich. Ich muss das Königreich beschützen, das ist die Aufgabe eines Königs. Eines Alphas. Ihr könnte gerne hier bleiben. Aber erwartet euch keine Unterstützung in eurem Konflikt mit den Erlösern."

Offensichtlich war der Trip hierher Zeitverschwendung gewesen. Aber zumindest hatten sie Morgan und Carol wiedergefunden, wenn auch nicht Owen.

„Dieser Negan und seine Erlöser … sie haben uns auf der Straße abgefangen, wollten uns bestrafen, zur Unterwerfung zwingen, wollten einen oder mehrere oder alle von uns umbringen, aber dann … als er erfahren hat, dass ich als Omega unser Rudel anführe, hat er sein Verhalten vollkommen geändert. Und jetzt hat er eine Liste erstellt, von allen Bewohnern von Alexandria und ihren Geschlechtern", erklärte Rick langsam, „Er hat lauter Alphas in unser Nest gesetzt um uns zu überwachen. Er hat mir mehr oder weniger gesagt, dass er meinen Alpha töten wird, wenn wir aus der Reihe tanzen. König Ezekiel, bitte, ich …. Ich habe Angst um uns alle."

Ezekiel schien über diese Rede einen Moment lang nachzudenken. „Fuck", meinte der König dann, „Also gut. Ich sage keine Truppenunterstützung oder ähnliches zu, aber ich werde zusehen, was ich für euch tun kann." Immerhin war König Ezekiel nicht nur ein König, sondern auch zum Teil ein Alpha.


A/N: Intersex-Charaktere wie Michonne oder Ezekiel, werde ich in kommenden Kapiteln wohl noch näher erklären.

Okay, also im Canon manifestiert sich Shanes Wahnsinn hauptsächlich durch seine Besessenheit von Lori. Da er in meiner Fic im Unterschied dazu aber Rick wahrhaft liebt (psychologisch gesehen ist sind Liebe und Besessenheit nicht das gleiche und schließen einander mitunter aus), hat sich sein Hauptwahn hin zu seiner zweiten großen Besessenheit verschoben – die diejenigen, die ihm am Herzen liegen, zu beschützen – welche seine Hauptbesessenheit ersetzt hat. Daher kommt der Punkt, an dem er sich gegen Rick wendet auch so spät und für Rick vollkommen aus dem Nichts, da sich Shane erst dann gegen Rick wendet, als er ihn als Bedrohung für die anderen, die er liebt, anzusehen beginnt, das entspricht auch Shanes Objektivierung seiner eigenen zerrissenen Gefühle in Bezug auf Rick im Canon, wo er in Rick einen schlechten Anführer sieht, jemanden, der die Gruppe durch seine Entscheidungen in Gefahr bringt. Mein Shane hat einige unaufgelöste tiefsitzende Ressentiments in Bezug auf Rick, Eifersucht gehört aber nicht zu den beherrschenden, die steht relativ weit unten auf der Liste, da sie im Rahmen eines polyagamen/polyamoren A/B/O-Settings keine Bedeutung hätte. Zugleich ist die Tatsache, dass er sich letztlich aber doch gegen Rick wendet um so bedeutender, weil er sich als Alpha gegen einen Omega wendet, was nach den gesellschaftlichen Konventionen unverzeihlich ist, da sich hier ein Stärkerer gegen einen Schwächeren wendet und es entspricht dem Überschreiten der letzten Grenze zum Wahnsinn. Trotzdem bringt Rick ihn hier nicht um, weil er das nicht über sich bringt. Im Endeffekt ist es eher so wie Beths, die auf Dawn eingestochen hat, wenig effektiv, mehr von symbolischer Bedeutung (und ging für Rick besser aus als für Beth), war als solches Mittel aber offensichtlich effektiv: Shane ist nicht zurück zu seinem Rudel gegangen und hat seine Strafe der Verbannung akzeptiert und seinen Abstieg in den Wahnsinn als solchen erkannt (Prinzipiell stimmt es, dass jemand, der Wahnsinnig ist, nicht weiß, dass er wahnsinnig ist. Beginnender geistiger Verfall wird aber sehr wohl bemerkt, sprich man kann feststellen, dass sich irgendetwas in seinen Denkmustern verändert und das nicht zum Guten, man kann aber selten selbst etwas dagegen tun, aber es kommt vor, dass sich Leute aus genau diesen Gründen selbst einweisen. Das ist auch der Hintergedanke dieser Pädophilie-Prävention-Initiative, die es vor ein paar Jahren gab. Selbstkontrolle dadurch, dass man Hilfe sucht. Da dies hier Fiktion ist, konnte sich Shane durch Abstand und Zeit selbst heilen, was im echten Leben eher selten funktionieren dürfe, im Rahmen von TDW haben wir Beispiele dafür aber schon öfter erlebt: Etwa mit Morgan oder Negan, deren geistige Gesundheit durch Gefangenschaft, Exil etc. im Laufe der Zeit wieder besser wurde).

Prinzipiell gibt es in meinem Verse zwei Hauptfaktoren für den „durchgedrehten Alpha": Der eine, der wird von Shane verkörpert, ist der Alpha, der unter den drastisch erhöhten Anforderungen, denen er nicht denkt Herr werden zu können zerbricht, sprich sein Beschützerinstinkt dreht durch und gerät vollkommen außer Kontrolle. Der zweite Faktor betrifft Alphas wie Negan, die mit der veränderten Machtdynamik nicht klar gekommen sind, und dadurch, dass sie nun eindeutig am oberen Ende der Nahrungskette, gleich unter den Zombies, stehen mehr oder weniger größenwahnsinnig geworden sind und nun denken, dass ihnen alles zusteht, weil sie der Top Dog sind. (Typ A wäre zum Beispiel auch Morgan und Typ B der Gouverneur, deren jeweiliger Wahnsinn steht uns aber noch bevor).

Reviews sind immer erwünscht.