Zusätzliche Warnings: Wieder mal erhöhte Warnstufe in Bezug auf Negan

Zusätzliche Pairings: Rick/Merle, Erw. von Rick/Maggie/Glenn und von Richonne


Identität


I.

Seit sie gezwungen gewesen waren die Farm hinter sich zu lassen, waren sie auf der Suche nach einem sicheren Hafen, einer neuen Heimat, einem Nest, einem Ort, an dem sie zumindest einige Zeit lang bleiben könnten. Doch konnte es in dieser Welt, in der sie nun lebten, so einen Ort überhaupt noch geben?

Nicht alle hatten es bis hierher geschafft. Sie hatten Patricia und Jimmy verloren. Und Andrea. Dieser spezielle Verlust war der härteste, und das einzige, was sie tröstete, war die Hoffnung, dass Andrea nicht tot war, sondern immer noch irgendwo dort draußen lebte. Doch der Verlust, der Rick am Härtesten getroffen hatte, war natürlich ein andere gewesen.

Shane war immer in seinen Gedanken, selbst, wenn er es nicht war. Als Rick ohne Shane zur Farm zurückgekehrt war und verkündete hatte, dass er nun der Alpha sei, dass er nun der Rudelführer sei, schienen die meisten davon ausgegangen zu sein, dass Shane umgekommen war. Er hatte diese Annahme nicht korrigiert, und nur Lori hatte ihn wissend angesehen und dabei zugleich irgendwie enttäuscht gewirkt.

Und dann hatte wieder einmal begonnen alles schief zu gehen, und Rick war der Kragen geplatzt. In einem hatte Shane recht gehabt eine Demokratie funktionierte unter diesen Umständen nicht mehr, es musste eine klare Führungsstruktur geben, jemanden, der im Notfall die Entscheidungen traf und dem gehorcht wurde. Bisher war Shane dieser jemand gewesen, doch nun war Shane nicht mehr da, und Rick, der die Person, die er am Dringendsten brauchte, aus seinem Leben verbannt hatte, für diese Leute, wurde von ihnen nur ständig kritisiert.

„Ich bin Shane für euch alle losgeworden! Ich, der Omega, habe dieses Rudel vor meinem Alpha, vor dem ihr euch gefürchtet habt, beschützt. Das wäre nicht meine Aufgabe gewesen, aber ich habe es getan. Für euch alle. Damit ihr alle überlebt. Aber wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher, wenn einer von euch denkt, dass er der bessere Rudelführer wäre, dann soll er das jetzt sagen, wenn sich keiner findet, dann schlage ich vor, dass ihr endlich aufhört euch zu beschweren und einseht, dass dies ich euer Anführer bin!", hatte Rick gebrüllt, „Und wenn ich das bin, dann habt ihr mich auch zu gehorchen!"

Einen Moment hatte er erwartet, dass sich Merle oder Hersehl zu Wort melden würden, doch das taten sie nicht. Keiner wollte der Rudelführer sein, keiner wollte derjenige sein, der die schweren Entscheidungen traf, der tat, was notwendig war, um dem Rudel beim Überleben zu helfen. Keiner wollte Shane sein.

Also wurde Rick wirklich zum Rudelführer, zum Alpha, zu demjenigen, den sich die anderen unterordneten. Vielleicht war das überraschend, aber Hershel war alt, und Merle hatte kein Interesse daran anzuführen, keiner der beiden Alphas wollte die Rolle übernehmen. Die Betas wollten das genauso wenig. Lori war schwanger und hatte damit genug zu tun, und T-Dog war der typische Gefolgsmann. Er war nützlich und loyal, hatte aber kein Interesse daran selbst die großen Entscheidungen zu treffen. Und alle anderen – Glenn, Daryl, Carol, Maggie, Beth, selbst Carl - waren Omegas. Genau wie Rick einer war, vielleicht begrüßten sie es, dass ein Mitomega ihr Anführer war, vielleicht auch nicht, sicher war, dass sie nicht selbst der Anführer sein wollten, denn der ganze Stress, den dieser Posten mich sich brachte, nun der wäre wohl für jeden Omega zu viel.

Aber nicht für Rick, für Rick durfte er nicht zu viel sein. Nachdem er Shane aus ihrer Gruppe und aus seinem Herzen verbannt hatte, dachte er das Schwierigste hinter sich zu haben, dass es nichts mehr gab, das er nicht ertragen konnte, dass er sich allem stellen konnte, egal was die Zukunft brachte.

Was er nicht erwartet hätte, war die Einsamkeit. Lori war praktisch eine Fremde. Sie dachte, er hätte Shane umgebracht, und er korrigierte sie in dieser Annahme nicht, denn möglicherweise hatte er das ja auch. Er hatte ihn alleine verletzt in der Wildnis zurückgelassen, genauso gut hätte er ihm das Messer gleich ins Herz anstatt nur in die Schulter rammen können. Auf jeden Fall war Lori entsetzt von seiner Tat, wollte nichts mehr davon wissen, dass sie diejenige gewesen war, die betont hatte, dass Shane gefährlich war. Das wiederum machte Rick wütend, denn vor allen anderen, hatte er sie vor Shane beschützen wollen. Und das schien sie nicht zu begreifen. Und wie konnte sie nicht begreifen, dass sich Rick, als er sich gegen Shane gewandt hatte, auch gegen sein eigenes Herz hatte wenden müssen? Wie konnte sie nicht begreifen, was er alles für sie geopfert hatte? Ihre Ehre war praktisch am Ende, sie lebten nur noch nebeneinander her, Rick schlief bei Carl, Lori bei Carol, sie hatten einander nichts mehr zu sagen, und sie trug das Kind eines anderen in sich. Ja, Shane hatte damit nicht unrecht gehabt: Rick war über diese Tatsache niemals wirklich hinweggekommen.

Zunächst hatte sich auch Carl von seinem Vater abgewandt. Hatte nicht verstanden, warum Shane weg war, warum Rick ihn weggeschickt hatte. Aber Kinder und Omegas waren eher zur Vergebung bereit, vor allem, wenn sie erkannten, dass jemand anderer litt, und letztlich litt niemand unter Shanes Abwesenheit mehr als Rick. Obwohl er sich Mühe gab, war sein nächtliches Weinen zumindest für Carl, der neben ihm schlief, wohl nicht zu überhören. Und eines Nachts kuschelte sich Carl gegen ihn und flüsterte ihm zu: „Ist schon gut. Es wird alles wieder gut werden, Dad." Und von da an, war er wieder sein Kind, hatte ihn wieder lieb, und warf ihm nicht mehr ständig kalte oder wütende Blicke zu und ignorierte ihn.

Damit sollten die Dinge eigentlich besser werden, doch das wurden sie nicht. Nicht wirklich. Ricks Trauer, seine Sehnsucht nach Shane, wurde immer schlimmer anstatt besser. Zunächst war ihm nicht klar warum, und dann, als er es herausfand, war es beinahe zu spät.

Merle presste ihm eines Morgens scheinbar unvermittelt eine Hand voll Tabletten in die Hand und erklärte harsch: „Schluck die." Rick sah etwas verwirrt zwischen seiner Hand und Merle hin und her, doch der Alpha war schon wieder weg. „Du zeigst Hitze-Symptome, Dad", erklärte Carl, als ihm der fragende Blick seines Vaters traf. „Wirklich?" War es schon wieder an der Zeit? Rick hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren.

Tatsächlich hatte er bisher nicht über ihr offensichtlichstes Problem als Gruppe nachgedacht. Er war mit dem Ziel einen sicheren Hafen für die Geburt zu finden beschäftigt gewesen, und hatte dabei gar nicht an alles andere gedacht, was davor noch passieren könnte und würde. Sie waren sieben Omegas, Carl würde möglicherweise noch länger keine Hitze bekommen, da er noch zu jung war, aber die anderen sechs sollten alle regelmäßig darunter leiden, sowie Merle unter der Brunft. Und Hershel vielleicht ebenfalls, dieses spezielle Gespräch hatten sie nie miteinander geführt. Und früher oder später würden ihnen die Unterdrücker und Hemmer jeder Sorte ausgehen.

„Oh", machte Rick und starrte dann auf die Tabletten in seiner Hand. „Die Sorte kenn ich nicht", gab er zu. Carl beugte sich vor und zuckte die Schultern. „Ich glaube die Hälfte davon sind Geruchshemmer, die sehen aus wie die aus der Werbung", meinte der Junge.

„Ich schlucke das aber nicht alles auf einmal, oder?", wunderte sich Rick. Das wäre doch Verschwendung, oder nicht?

Es war Carol, die sich zu ihm setzte. „Merle hat mich …. gebeten dir zu helfen, Rick", meinte sie (gebeten war wohl eine nette Umschreibung dafür), „Was genau ist das Problem?" Rick tat sein Bestes sich nicht wie ein Jugendlicher im Aufklärungsunterricht zu fühlen, aber irgendwie konnte er nicht anders als sich trotzdem so vorzukommen. Er zeigte Carol den Inhalt seiner Hand. „Das ist nicht das, was ich normalerweise benutze", verteidigte er sich, „Und ich kann die ja wohl kaum alle auf einmal schlucken, oder?"

„Das ist das Billigprodukt", erklärte Carol, „Bekommt man im Supermarkt, nicht in der Apotheke. Die Hälfte sind Geruchshemmer, die andere Hitzeunterdrücker. Jeweils eine sollte für den Anfang reichen. Ich nehme an Daryl und Merle schlucken die in Massen auf einmal in der Annahme, dass sie dann auch wirklich wirken. Davon wird aber in der Packungsbeilage abgeraten. Trotzdem solltest du jetzt ein paar davon nehmen. Merle wird schon nervös."

Rick hob seinen Blick und sah Merle, der neben Daryl stand und unruhig vor sich hin scharrte und immer wieder giftige Blicke zu Rick hinüber warf. Um den Alpha zu beruhigen, schluckte Rick jeweils eine der zwei Tabletten-Sorten. Den Rest steckte er, da ihm nichts Besseres einfiel, in seine Hosentasche.

„Hast du noch Vorrat von dem hier? Haben die Greenes das? Glenn?", erkundigte sich Rick.

Carol hob die Schultern. „Es war damit zu rechnen, dass uns das früher oder später ausgeht. Daryl hat kein Beta-Parfum mehr übrig. Keine von uns Frauen hat mehr frische Binden oder Tampons. So ist es nun mal", meinte sie sachlich, „Das sind die Dinge, die am häufigsten geplündert werden." Daran hätte ich denken müssen, aber ich hatte nicht gedacht, dass wir solange durch die Wildnis irren.

Außerdem kam der Winter und mit ihm die Kälte. Und sie hatten alle ihre Fahrzeuge und sonstige Annehmlichkeiten hinter sich lassen müssen. Es war dringender als jemals zuvor irgendwo Unterschlupf zu finden. Und Nachschub von dem, was sie brauchten.

Je kälter es wurde, desto schlechter ging es Rick. Shanes Abwesenheit hatte begonnen körperlich weh zu tun, und, nein, es war keine einfache Hitze, da es nicht wegging, egal was Rick versuchte. Es ähnelte eher Fieberschüben, die kamen und gingen. Shane sollte spüren, dass ich ihn brauche, er sollte zu mir zurückkommen…. Wenn er könnte, dann würde er zu mir zurückkommen. Aber Shane kam nicht zurück, das bedeutete, dass er tot sein musste, nicht wahr? Und ich habe ihn getötet.

„Fuck, mach doch etwas, du bist doch Arzt!", brüllte Merle Hershel während eines besonders schlimmen Anfalls an. Der jüngere Alpha war derjenige, der unter Ricks Zustand abgesehen von Rick am Meisten litt. Er schien in ständiger Brunft zu sein, ähnlich wie Rick in ständiger Hitze zu sein schien, und zwischenzeitlich hatte Heshel in mit einem speziellen Präparat für Stiere ruhig gestellt, doch auch das war ihnen inzwischen ausgegangen.

„Ich bin Tierarzt!", brüllte Hershel zurück, „Und kein Gynäkologe! Wir haben alles versucht, oder?! Außer Shane magisch erscheinen zu lassen, und das werden wir wohl nicht hinbekommen!"

Sie hatten wirklich alles versucht. Sämtliche Arten von Unterdrückern, es auszureiten ohne Unterdrücker, jemand Rick zur Hand gehen zu lassen, mehrere jemande Rick zur Hand gehen zu lassen, Rick dem Alpha zu geben, den er brauchte für alles, was er brauchte. Aber nichts hatte geholfen, weil es keine Hitze war, nicht wirklich. Kurze Hitzeschübe mischten sich zwar immer wieder unter die restlichen Symptome, aber Fieber, Schmerz, Halluzinationen, und Erschöpfung dominierten Ricks Zustand.

Loris Hand hatte sich kalt und fern auf seinem Körper angefühlt, und sie hatte seinen Geruch nicht ertragen können. Als Maggie und Glenn versucht hatten ihm zu helfen, hatte das besser funktioniert, bis zum nächsten Schub ein paar Tage später, als sie gedacht hatten alles wäre vorbei. Merle hatte sich an Rick abgearbeitet auf jede nur erdenkliche Art und Weise, aber so angenehm das kurzfristig gewesen war, es war keine langfristige Lösung. Sie wussten keine langfristige Lösung.

„Wir müssen was tun, wir können ihn doch nicht einfach sterben lassen!", brüllte Merle verzweifelt, und sprach damit aus, was sich bisher keiner der anderen getraut hatte auszusprechen, wenn sie nichts fanden um Rick zu helfen, dann würde er sterben.

Rick konnte Carl weinen hören, war aber zu schwach um sich nach seinem Kind umzusehen. Er war überhaupt zu schwach um aufzustehen. Carol wiegte ihn in ihren Schoss, summte ihm beruhigende Lieder vor, Lieder, die sie wohl Sophia vorgesummt hatte, als sie noch klein gewesen war, streichelte sein durchnässtes Haar. Simple Gesten der Zuneigung halfen mehr als sexuelle Gefallen, zumindest das hatten sie feststellen können, aber Rick war zu erschöpft, zu müde, um noch viel von dem, was um ihn herum passierte, wahrzunehmen.

„Was wenn ihr ihn einfach in den Schnee legen? Sollte das das Fieber nicht senken?", sagte jemand, vielleicht war es .

„Und was wenn er dann auch noch eine Lungenentzündung bekommt?", wandte jemand anderer ein, vielleicht Lori.

Weitere Stimmen stritte, wirbelten durcheinander. Rick verstand sie nicht mehr. Sich einfach in den Schnee zu legen, hörte sich verlockend an. Sich einfach hinzulegen und nie wieder aufzustehen. Warum dieses Rudel führen? Wozu sich die Mühe machen? Warum nicht einfach aufgeben? Am Ende würden sie doch sowieso alle so enden.

„Dad, bitte, ich brauche dich", weinte Carl.

„Rick, hör zu, du leidest unter Omega-Fieber. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht, dass es so etwas überhaupt wirklich gibt. Aber … nun, es kann nichts anderes sein, du erlebst kurze Hitzeschübe, gefolgt von intensivem Sub Drop, gepaart mit Fieber und Schmerzen. Wir können es nicht behandeln, weil du jedes Mal, wenn wir einen deiner Zustände erfolgreich behandelt haben, in einen anderen verfällst. Wenn die Hitze vorbei ist, folgt der Sub Drop, wenn der weicht, kommt das Fieber, wenn wir das Fieber wegbekommen haben, kommt die Hitze zurück. Und dann beginnt wieder alles von vorne. Verstehst du mich?", erklärte Hershel. Rick hörte es, verstand es aber nicht wirklich. Omega-Fieber hatte er für eine Legende gehalten, einen Mythos. Eine Schauergesichte. Daran, so sagte man, starben vernachlässigte Omegas. Ich bin aber kein vernachlässigter Omega. Und was ist Sub Drop? Ach, ja … nach intensivem Sex, wenn es einem schlecht geht, meistens dem Omega, zu wenig Endorphine und dergleichen.

Natürlich war das wegen Shane. Das war alles wegen Shane. Lori würde das hassen, alles bestätigt bekommen, was sie immer befürchtet hatte. Omegas, die ihren Gefährten verloren, starben. Omegas, die ihren Alpha verloren, überlebten das nicht. „Starb an gebrochenen Herzen" war für Omegas mitunter schmerzhafte Realität. Hieß es in den alten Lehrbüchern und Filmen. Alles Märchen hatte Rick immer gedacht. Ausreden von Leuten, die nicht wussten, was Depression war, oder wie man Menschen, die darunter litten, zu behandeln hatte.

Aber das hier war mehr als nur eine simple Depression. Für die hatte Rick es zu Beginn auch gehalten. Aber er hatte nichts gesagt, hatte nur leise in der Nacht geweint, gehofft, dass es vorbei gehen würde, und dann nach der Hitze hatten die Dinge begonnen schief zu gehen.

Shane mochte nicht abgedrückt haben, er schaffte es aber möglicherweise doch noch Rick umzubringen. Ich will aber nicht sterben, nicht so, nicht wegen ihm. Wenn ich das zulassen würde, dann wäre ich genauso verrückt wie er.

„Legt mich in den Schnee!", befahl Rick dann heiser, „Legt mich in den Schnee, und Merle soll sich auf mich legen!"

„Rick, das funktioniert nicht. Wir haben das alle schon versucht, und…", begann Hershel, aber Rick schnitt ihm das Wort ab. „Tut es einfach", befahl er, „Und wenn ich eingeschlafen bin, dann soll Merle aufstehen und weggehen, und ihr lasst mich einfach liegen. Egal was passiert, solange bis ich von selbst aufstehe. Oder sterbe."

Jetzt protestierten alle. „Tut es einfach", befahl Rick, „Dann wäre es wenigstens vorbei!"

Aber Rick hatte nicht vor zu sterben, er hatte vor zu Leben. Sie taten es. Rick konnte Lori und Carl weinen hören. „Das ist reiner Wahnsinn, Grimes", grummelte Merle, als er sich auf ihn legte, „Wenn du so dringend bei Shane sein willst, kannst du es leichter haben."

Wenn Rick das hier überstanden hätte, dann würde er Shane Walsh nie wieder brauchen, das wusste er. „Auch ein Omega kann ein Alpha sein", murmelte er.

„Jetzt phantasierst du schon wieder", beschwerte sich Merle.

„Sei ruhig!", befahl ihm Rick, „Sei ruhig und mach dich schwer."

„Frecher kleiner Omega", zischte Merle in sein Ohr.

„Psst."

Merle schwieg, Rick genoss sein entspannendes Gewicht auf sich, und dann wurde er langsam müde. Der kalte Schnee unter ihm, machte ihn nichts aus, war angenehm, bekämpfte das Fieber in seinem Körper. Rick fühlte, wie seine Lider schwerer wurden. Er schloss die Augen und schlief ein.


II.

„Also, wie läuft das eigentlich bei euch? Beglückt diese hier Rick, wenn er gerade eine Hitze durchleidet, und schläft sonst nur mit Blondie, oder seid ihr eine einträchtige - wie nannten sie das, ach ja - atypische Triade? Oder ist Blondie Ricks Freundin und du seine andere? Mir könnt ihr es ruhig verraten", wollte Negan über die Spagetti hinweg von Andrea und Michonne wissen.

Carl zog eine entsetzte Grimasse. „Negan", meinte Shane warnend und deutete mit dem Kinn vielsagend auf Carl. „Was?", verteidigte sich Negan, „Der Junge ist alt genug um zu wissen, dass sein Daddy Sex hat. Und die Kleine versteht noch nicht, worum es hier geht. Oder ist es dir einfach unangenehm über das Sexleben deines Ex zu sprechen, Shane?"

Natürlich war es Shane unangenehm über Ricks Sexleben zu sprechen. Oder das Sexleben von Andrea oder sonst jemanden, was das anging. Nicht, dass Negan das verstehen würde. Aber er wusste, dass das Thema Carl noch unangenehmer sein musste als ihm. Was Negan einfach nur ziemlich egal war. Für ihn war immer alles ein Machtspiel. Anderen Themen aufzuzwingen, die ihnen unangenehm waren, war nur ein weiteres Mittel um seine Überlegenheit zu demonstrieren.

„Wie genau funktioniert das eigentlich?", wollte Negan dann von Michonne wissen, „Kriegst du eigentlich Brünfte? Reagierst du auf Hitzen?"

Michonne maß ihn nur mit einem stummen Blick.

„Komm schon", forderte Negan, „Ich möchte es doch nur wissen. Ist ja nicht so, dass ich besonders viel von diesem Wissen hätte. Sprich dich aus. Warst du immer schon so? Oder bist du erst so geworden- durch den Ausbruch und die Zeit danach?" Heute kannte er offenbar wirklich keine Grenzen, was persönliche Fragen anging.

„Negan, findest du nicht, dass wir dieses Thema vielleicht lassen sollten?", wandte Shane vorsichtig ein.

„Sei keine Pussy, Shane. Ja, die Braut hatte eine Schwer, aber sie ist keine von uns, nicht wirklich zumindest", meinte Negan wegwerfend, „Du musst keine Angst vor ihr haben."

Shane war anderer Meinung – jeder konnte gefährlich werden, wenn man ihn nur lange genug reizte, ganz egal, welches Geschlecht er hatte. Aber das war nicht der Punkt. Manche Fragen stellte man einfach nicht. „Immerhin sind wir hier Gäste", versuchte er es weiterhin.

„Falsche Höflichkeit ist genauso untergangen wie das Internet und das Kabelfernsehen", tat Negan es ab und wandte sich wieder Michonne zu, „Oder bist du etwa eine von denen, du weißt schon, die sich umwandeln lassen wollten, und bei denen es schief ging. Hast du zu wenig bezahlt? Einen Pfuscher engagiert? Wurde die Umwandlungsprozedur vom Ende der Welt unterbrochen? Also, das wäre wirklich scheiße. Würde mir leidtun, wenn es so wäre. Vielleicht würde ich mich sogar für meine Kommentare von vorhin entschuldigen." Er faltete seine Hände und blickte Michonne aufmerksam an. „Also, sprich."

Spagetti konnte im Grunde jeder kochen. Doch Negans Soße war sogar einigermaßen gut gewesen. Judith hatte begeistert gegessen. Die anderen hatte sich nicht anmerken lassen wollen, dass es ihnen schmeckte, aber Judiths Begeisterung war Negan nicht entgangen. Er war sichtlich stolz auf seine Leistung. Stolz darauf zumindest von einem Grimes Omega Lob erhalten zu haben, auch wenn es nur der jüngste war. Doch dann hatte er sich offensichtlich zu langweilen begonnen, weswegen er dazu übergangen war die Anwesenden über ihr Sexleben auszufragen, und dann hatte er ein interessanteres Thema gefunden.

Negan war die Art Alpha, der bei anderen immer nach Schwächen suchte. Er fragte all das nicht aus morbider Neugierde. Er fragte es, weil er nach Michonnes Schwächen suchte und damit auch gleich nach den Schwächen von Andrea und Rick.

Shane rechnete fast damit, dass Michonne ihren Teller voll von kaum angerührten Nudeln nach Negan werfen würde. Stattdessen meinte sie langsam: „Du willst also alles wissen, ja? Wenn es sein muss, erzähl ich dir alles."

Negan machte eine Geste, die wohl „nur zu" heißen sollte.

„Ich wurde nach meiner Geburt als 90% Beta identifiziert. In der Pubertät habe ich mich dann aber als Alpha manifestiert, zumindest dachten das alle. Ich habe mit Brunft auf die Hitze einer Omega-Klassenkamerdin reagiert", sagte sie.

„Klarer Fall", meinte Negan.

„War es aber nicht. Ich war nie wirklich wie die anderen Alphas. Ich hatte zum Beispiel keinen Brunft-Zyklus, ja ich hatte Brunft-Reaktionen, bekam aber keine ohne äußere Einflüsse", fuhr Michonne fort, als hätte er gar nichts gesagt.

„Das geht doch vielen so", behauptete Negan.

„Nur Alphas, die ständig von Omegas umgeben sind. Das war bei mir nicht der Fall, es vergingen oft sogar Jahre zwischen meinen Brunftausbrüchen", korrigierte ihn Michonne ungerührt.

„Okay, das ist nicht normal", meinte Negan dazu.

„Also wurde bei mir eine Brunft-Störung diagnostiziert. Meine Eltern rieten mir von einer korrigierenden Hormon-Behandlung ab", erzählte Michonne.

„Weil sie Betas waren", vermutete Negan.

„Weil sie der Meinung waren, dass das, was den Alpha gesellschaftlich am Meisten am Vorankommen hindert, die Brunft ist", widersprach Michonne, „Sie waren keine Betas, sie waren ein Alpha und ein Omega."

„Selbsthassende Alphas, zum Glück sind die inzwischen ausgestorben", meinte Negan abfällig dazu.

Zum Glück ließ sich Michonne nicht provozieren. „Also lebte ich mein Leben weiter, war aber immer noch der Meinung, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte, was tiefer ging als eine simple Brunft-Störung. Zum Beispiel war mein Geruchssinn nie so wie der von anderen Alphas. Auf der High-School hatten wir diese Geruchstests, die man ab und zu zu Studienzwecken durchgeführt hat. Mein Geruchssinn wurde als typisch für das Beta-Spektrum Minus 1 bewertet – also wie der eines Betas, der von Hitzegeruch nicht abgestoßen sondern angezogen wird", erzählte sie weiter, „Ich habe niemanden jemals von diesem Ergebnis erzählt, weil ich nicht noch seltsamer wirken wollte. Außerdem ist der Geruchssinn der Betas ja nicht schlechter als der von Alphas, er ist nur anders. Sie riechen Dinge, die Alphas nicht riechen, und umgekehrt."

„Aber du wusstest, dass du es dich anders macht", sagte Negan.

„Ich verfiel auch nur sehr selten in Alpha-Rage, was ich zunächst auch für eine gute Sache hielt. Viele Alphas streben nach Selbstkontrolle, nur wenige erreichen sie, ich hatte sie von Anfang an. Das war eine gute Sache. Ich war zwar anders, aber nicht schlechter. Und es konnte ja auch keine Fehlidentifikation im eigentlichen Sinn sein, immerhin reagierte ich mit Brunft auf Omegas in Hitze, und das tun nur Alphas. Es war mir also ein Rätsel. Ich war mir ein Rätsel", fuhr Michonne fort, „Persönlichkeitstest über typische Merkmale identifizierten mich immer entweder als atypischen Alpha oder als atypischen Beta. Irgendwann fand ich mich einfach damit ab einfach ein atypischer Alpha zu sein."

„Und dann hast du doch einen medizinischen Test machen lassen", vermutete Negan.

„Ich machte den Test, weil ich schwanger war. Reine Routine. Dann wurde ich aufgeklärt. Fehlidentifikationen wären in Fällen wie meinen verständlich, wurde mir erklärt. Ändern würde sich an meinem Leben nichts. Ich wäre zwar ein Teil-Beta aber mehrheitlich Alpha, ich könnte mich immer noch als Alpha sehen. Aber das wollte ich nicht. Ich wusste endlich, wer ich war. 60% meiner sekundären Geschlechtsmerkmale sind Alpha, 40% Beta. Ich bin ein Alpha-Beta. Es gibt mehr von uns, als die meisten wissen. Vor dem Untergang gab es Studien, die behaupteten, dass geschätzte dreißig Prozent der Bevölkerung fehlidentifzierte Intersex sind", schloss Michonne, „Sekundäre Geschlechter sind fluider als man lange Zeit dachte."

„Jetzt aber nicht mehr", meinte Negan, „Diese ganzen halben Sache sind entweder tot oder zu was Ganzen geworden, ihnen ist nichts anderes übrig geblieben. Mich wundert, dass das bei dir nicht der Fall war."

Michonne sah ihn nur stumm an. „Mein Körper hielt es wohl nie für notwendig", meinte sie.

„Ja, mir ist aufgefallen, dass ihr hier alles habt - sehr viele Omega, viele Betas, erstaunlich wenig Alphas, und eben auch dich. Du denkst, ich hätte Vorurteile, aber ich habe keinen meiner Leute jemals gefragt, ob sie immer schon das waren, was sie jetzt sind. Wer sich nach dem Ausbruch auf natürliche Weise nach Oben korrigiert hat, der hat das eben. Jeder ist das, was er eben ist", sagte Negan, „Im Übrigen war ich mir nie sicher, was an diesem Mythos dran ist, den mit der natürlichen Geschlechtsumwandlung. Wenn er wahr wäre, dann hätten sich nach dem Ausbruch doch praktisch alle Betas in Alphas, und alle Omegas in Betas verwandeln müssen, oder? Wie gesagt, ich habe zwar nie gefragt, aber kennt ihr jemanden, dem das passiert ist? Es ist ja nicht mal Rick passiert, oder?"

„Unser Rudel hatte immer Alphas, niemand musste je zum Alpha werden. Oder zum Beta", erklärte Andrea ruhig, „Unser Zusammenhalt als Rudel war immer unsere größte Stärke. Niemand wurde je in eine Rolle gedrängt, die er nicht haben wollte, niemand sagt, dass nur Alphas Rudelführer sein können."

„Oder es wandeln sich nur die um, die zu dem werden, was sie immer hatten sein sollen", sagte Michonne, „Diejenigen, die es nicht tun, sind einfach glücklich mit sich selbst."

„Natürlich wärst du jemand, der Trans für eine Frage des wahren Ichs hält. Du warst also niemals versucht? Nicht auch nur ein kleines bisschen? Dich zum Alpha korrigieren zu lassen? In deinem Fall hätte es ohne Probleme geklappt", wollte Negan wissen, „Warum also nicht das werden, was zum Großteil schon bist?"

„Weil ich eben auch ein Beta bin, und das keine Sekunde lang verlieren wollte. Mich hat beunruhigt nicht zu wissen, warum ich anders bin, nicht dass ich anders bin. Ich war nie daran interessiert jemand zu sein, der ich nicht bin", erklärte Michonne ruhig, „Ich weiß, dass ein Alpha wie du nicht verstehen kann, wie es jemand vorziehen kann kein Alpha sein zu wollen, aber es war mir immer wichtiger ich zu sein als angepasst zu sein."

„Und wie passt Rick ins Bild?", wollte Negan wissen, „Das hast du mir immer noch nicht beantwortet."

„Rick ist ein Omega, der manchmal einen Alpha braucht. Wenn er gerade keinen braucht, habe ich meine Partnerin", sagte Michonne.

Negan sah zwischen ihr und Andrea hin und her. „Keine Dreier also? Wie enttäuschend", stellte er fest. Michonnes „Sei wer und was du bist"-Gedanken interessierten ihn offenbar nicht sonderlich. An ihrer Stelle hätte er sich zum Alpha „korrigieren" lassen, wie er es nannte, das wusste jeder im Raum.

Shane selbst hoffte vor allem, dass das Thema endlich abgeschlossen war. Michonne hatte recht, es hatte viele Fehlidentifikationen gegeben, bevor alles zu Ende gegangen war. Tests nach der Geburt irrten sich oft, die Pubertät konnte alles noch einmal radikal ändern. Und die Vorstellung von Intersex war immer noch neu und machte vielen Angst. Wie konnte man weder das eine noch das andere sein, fragten sie sich und übersahen dabei, dass die entsprechenden Menschen in Wahrheit beides waren.

Aber in den Zeiten der künstlichen Geschlechtsumwandlungen hatte Intersex einen noch negativeren Beigeschmack bekommen. Schief gegangene Umwandlungen konnten dazu führen, dass man zwischen zwei Geschlechtern stecken blieb und zum Intersex wurde. Betas, sie sich erhofft hatten, ein Alpha zu werden, endeten stattdessen als verbitterter Beta-Alpha, nach wie vor nicht zur Brunft fähig, nach wie vor mehr Beta als Alpha. Omegas, die versucht hatten zum Beta zu werden, wurden zu Omega-Betas und wurden ihre Hitzen dadurch erst nicht los. Immer wieder waren solche Meldungen durch die Medien gegeistert, und immer wieder wurden Intersex, denen man auf der Straße begegnete, deswegen misstrauisch angestarrt, als diejenigen, bei denen die Umwandlung schief gegangen war. Deswegen verbargen die meisten, die wussten, was sie waren, das oder behielten es zumindest soweit sie konnten für sich. Wenn es dann doch raus kam, war es meistens ein Desaster.

Shane und Rick hatten es vor dem Ausbruch mit mehr als einem Fall zu tun gehabt, in dem der zuvor angeblich liebende Alpha-Partner angesichts des wahren Geschlechterstatus seines Partners gar nicht mehr so liebend war, und nur selten hatte sich jemand wirklich nur mit chemischen Hilfsmitteln für etwas anderes ausgegeben als er war, meistens hatte die betroffene Person nur verschwiegen, dass sie nicht ganz das war, wofür sie sich ausgegeben hatte. Oder eben nicht mehr. Das waren die Fälle, in denen der Alpha-Partner nie liebend gewesen war, und dank denen Shane wusste, dass natürliche Geschlechtsumwandlungen aufgrund von emotionalen und körperlichen Trauma sehr wohl möglich waren. Und gerade an diese Fälle wollte er sich nicht erinnern.

In einem hatte Negan aber recht, in ihrer neuen Welt waren Omegas und selbst Betas gegenüber den Alphas in der Unterzahl. Ob das nur daran lag, dass sie eher starben als die Alphas konnte keiner sagen. Vielleicht hatten sich viele von ihnen in Betas verwandelt, vielleicht hatten sich viele Betas in Alphas verwandelt. Keiner konnte es wissen. Doch natürliche Geschlechtswechsel nahmen oft Jahre in Anspruch und sorgten für Instabilität bei dem Geschlechtswechsler.

Nach dem Ausbruch hatten sich sämtliche Kinder fast sofort im Sekundärgeschlecht manifestiert, was eine Folge des Traumas war, aber Negan hatte recht damit, dass Shane von keiner einzigen erwachsenen Person wusste, sie sich traumabedingt körperlich verändert hatte. Ob Andrea und Michonne recht hatten und die wiederkehrenden Rudelstrukturen das verhindert hatten, oder ob alle bei denen die Umwandlung eingesetzt hatte einfach gestorben waren, wusste Shane nicht, was er wusste war, dass sie nach all den Jahrhunderten immer noch kaum etwas über das Thema sekundäres Geschlecht wussten.

Er selbst hatte Michonne zwar vom ersten Moment ihrer Bekanntschaft an als Alpha-Beta identifiziert gehabt, aber das lag daran, dass er den entsprechenden Geruch kannte, andere würden sie ansehen und sie für einen Alpha halten oder für einen Beta, abhängig davon wie sie sich ihnen präsentierte. Negan aber, der Alpha der Alphas, wusste durch seine Nase alles, und das was er nicht wusste, presste er aus den Leuten heraus.

Und wenn er keine ausreichende Reaktion bekam, wandte er sich anderen Opfern zu. „Tja, damit hätten wir wohl das geklärt. Was hältst du von einem Drink auf der Veranda, Shane, während die Damen sich um den Abwasch kümmern?", meinte Negan nun zu Shane.

Wieder einmal konnte er nicht einfach nein sagen. „Sehr gut. Wir können die Kinder ja mit nach draußen nehmen. Frische Luft tut ihnen sicherlich gut", strahlte Negan, schnappte sich Judith, und trug sie nach draußen. Carl folgte ihm auf fliegenden Fuß.

Shane beeilte sich ebenfalls hinaus zu kommen. Letztlich traute er Negan nicht genug über den Weg um ihn mit den Kindern allein zu lassen. Der hatte auf einen Schaukelstuhl auf der Veranda Platz genommen, Judith auf seinen Knie platziert, und wippte mit dem Stuhl und dem Kind hin und her. Carl stand mit schneeweißem Gesicht neben der Szene.

„Meine Güte, Junge, du tust ja glatt so, als hätte ich vor dieses süße kleine Ding zu ermorden", seufzte Negan, „Also gut, nimm du sie." Er hielt Carl Judith entgegen, der sie an sich nahm, fest an seine Brust drückte, und dann auf Shanes Nicken hin mit ihr wieder im Haus verschwand. Negan schüttelte den Kopf und deutete Shane im anderen Schaukelstuhl Platz zu nehmen. Der Alpha kam der Aufforderung nach.

„Und? Fandest du unseren kleinen Gender Studies Exkurs so lehrreich wie ich?", wollte Negan wissen.

„Mir ist nicht ganz klar, wozu er gut war", gab Shane zu.

„Ganz einfach. Wenn wir uns dieses Rudel hier aneignen wollen, dann müssen wir diese Leute hier verstehen. Müssen verstehen, für wen sie sich halten, wer sie sein wollen", erklärte Negan, „Sie wollen die sein, die sie wirklich sind, die bleiben, die sie immer schon waren. Sie wollen keine Alphas sein. Das zu erfahren war doch lehrreich findest du nicht?" Für Shane war es eher lehrreich Negans Reaktion auf all diese Enthüllungen zu sehen, wenn auch auf beunruhigende Weise.

Doch seine Beunruhigung wechselte Quelle, als sich im nächsten Moment Spencer Monroe vor der Veranda aufbaute. „Sie sind Negan, nicht wahr?", begann er, „Ich bin Spencer Monroe. Ich wollte mich gerne mit Ihnen unterhalten." Shane wusste sofort, dass das nichts Gutes bedeuten konnte.


III.

Als Rick seine Augen wieder öffnete, lag er alleine im kalten Schnee. Er lebte noch, da war er sich zumindest ziemlich sicher. Mühselig richtete er sich auf, kämpfte sich auf die Beine, alles um ihn herum schwankte, doch zum ersten Mal seit langer Zeit schaffte er es wieder sich auf den Beinen zu halten.

„Ich lebe!", verkündete er mit rauer Stimme, „Ich kann auch ohne dich überleben!" Der Mann, mit dem er sprach, war nicht da, aber das machte nichts, wichtig war, dass Rick selbst daran glaubte.

Sein Rudel umringte ihn. „Rick, alles in Ordnung?" „Mann, Grimes, das war hardcore!" „Dad, Dad!" „Wie fühlst du dich?"

Rick machte eine gebieterische Geste. „Ich lebe noch", verkündete er, „Und ich werde wieder gesund werden. Ich werde Rudelführer sein. Aber ich will nicht Alpha sein. Ich bin einfach nur Rick Grimes, Omega-Rudelführer."

„Vor allem bist du irre", meinte Merle, nicht ohne Zuneigung in seiner Stimme.

„Du musst trockene Sachen anziehen, und das schnell", meinte Hershel voller Fürsorge. Daryl hielt ihm trockene Kleidung unter die Nase. „Danke, ich danke euch allen", meinte Rick, „Wir werden diesen Winter und alles andere überstehen. Irgendwann kommt wieder der Frühling."

Zunächst kam die Lungenentzündung, die ihre letzten Antibiotika aufbrauchte. Aber auch die überlebte Rick. Genau wie der Rest des Rudels. Einst waren sie Fremde gewesen, nun waren sie eine gut geölte Maschine. Ein Rudel, nicht nur dem Namen nach. Immer auf der Suche nach einer Heimat, einem sicheren Hafen, an dem das Baby geboren werden könnte.

„Wenn du nur Rudelführer bist, aber nicht der Rudelalpha, heißt das ich bin der Rudelalpha? Oder muss ich mit Herhsel darum kämpfen? Ich würde es tun. Armer alter Mann, er hätte keine Chance", meinte Merle irgendwann zu Rick, während er ihn mit eindeutigen Absichten beschnupperte und seine Hand Ricks Knie hinauf wandern ließ. Ricks Omega-Fieber war zwar vorbei, aber Merle war seit damals etwas besitzergreifend geworden, zumindest schien er sie beide jetzt für Sexfreunde oder ähnliches zu halten. Nachdem Lori und Rick praktisch am Ende waren, hatte Rick keine wirklichen Einwände. Körperwärme auszutauschen war nicht der falscheste Weg um zu überleben, und solange Merle sich nicht einbildete, dass das hier die wahre Liebe war, wäre alles in Ordnung. Das hier würde keine Shane 2.0.-Situation werden.

„Halt die Klappe, Merle", befahl Rick, „Wenn dein Ego es braucht, dann bist du Rudelalpha, aber du hörst auf mich, klar?"

„Aye, aye, Officer Friendly, Sir!", hauchte Merle in sein Ohr.

„Und nenn mich nicht so", fügte Rick verschnupft hinzu, „Das habe ich noch nie gemochte…." Er unterbrach sich kurz, als Merles Hand an einen anderen Ort wanderte. „Weiter hinten bitte", keuchte er dann.

„Was immer du sagst, Boss", gurrte Merle und machte sich dann an die Arbeit.

Rick war irgendwie immer noch einsam, aber zumindest war er nicht mehr alleine. Zumindest weinte er nicht mehr jede Nacht beim Gedanken an Shane. Er schloss seinen Alpha weg in eine kleine Box, die er irgendwo in seinen Herzen verstaute, und die er sich schwor nie wieder zu öffnen. Shane Walsh war tot, Rick war am Leben, er musste weiterleben, für sie beide, für ihr Baby, für ihr ganzes Rudel.

Und dann fanden sie letztlich doch einen Ort, den sie ihre Heimat nennen konnten, an den das Baby geboren werden konnte. Dieser Ort war, und ja, die Ironie entging Rick keineswegs, ein Gefängnis. Und es zu erobern kam sie teuer zu stehen. Viel zu teuer.

Aber es war eine Heimat, ein sicherer Hafen. Zumindest für eine Zeit lang.


IV.

Shane beobachtete voller düsterer Vorahnung und schlechter Laune wie Spencer Monroe mit Negan Kricket spielte. Andrea trat neben ihn und sah den beiden spielenden Alphas eine Zeit lang zu. „Was macht Spencer da?", wollte sie schließlich wissen.

„Ich habe keine Ahnung", gab Shane zu, „Ich weiß nur, dass ich wünschte, er würde es nicht tun." Die beiden spielenden Alphas lachten geraden über einen gemeinsamen Scherz.

„Sie scheinen sich gut zu verstehen", bemerkte der Beta.

„Negan versteht sich mit niemanden gut", erwiderte Shane prompt, „Das lässt er einen nur glauben. Und dann, gerade wenn man sich in falscher Sicherheit wieg, schlägt er unbarmherzig zu."

Darauf erwiderte Andrea nichts.

Die beiden anderen Alphas hatten ihr Spiel inzwischen beendet und kehrten zur Veranda zurück. „Hast du etwas zu trinken für uns?", wandte sich Negan an Andrea, die nickte und verschwand um ihm Limonade oder sonst was zu bringen. Als wäre das selbstverständlich. Negan ignorierte unterdessen Shane und wandte sich wieder Spencer zu. „Deine Mama hatte also hier das Sagen, bevor Rick aufgetaucht ist"; stelle er fest.

„Oh, ja, sie und mein Dad haben diesen Ort hier aufgebaut. Sie war der typische Beta, hatte sich immer unter Kontrolle, hat den Frieden aufrecht erhalten. Wenn sie noch leben würde, wäre sie wohl immer noch die Anführerin von Alexandria", sagte Spencer. Dieses Lied hatte er Shane ebenfalls vorgesungen. Was er sich von all dem erhoffte, wusste Shane nicht, er wusste nur, dass der junge Alpha offenbar kein anderes Lied kannte.

„Und dann wurde sie von den Toten gefressen, wie tragisch", meinte Negan voll des falschen Mitglieds.

„Oh, ja, und seit dem hat Rick die alleinige Kontrolle über die Stadt an sich gerissen. Und einen Fehler nach dem anderen begangen, wegen seiner Sturheit und seinem Größenwahn, und seinem … Omegatum", erklärte Spencer voller Abneigung, „Ist nicht Ricks Schuld, nehme ich an, aber dort draußen sind ihm Dinge zugestoßen, die ihn gefährlich machen. Für sich und für andere. Er denkt immer zuerst an das, was er unmittelbar vor Augen hat, und erst viel zu spät an das Große Ganze. Es fehlt ihm einfach an Weitblick. Habe ich schon erzählt wie er unseren einzigen Arzt exekutiert hat? Ja, Pete war ein Arsch, aber er war unser Arzt, wir hätten ihn gebraucht, aber Rick dachte er muss Sheriff und Jury spielen."

Ja, das klang nach Rick, soviel war sicher. Allerdings hatte dieser Pete-Arsch vermutlich nur bekommen, was er verdient hatte.

„Omegas sind einfach zu gefühlsbetont. Bei ihnen ist immer alles gleich ein furchtbares Drama. Omegas und besonders ein Omega wie Rick Grimes sollten keine Anführer sein", sagte Spencer.

Andrea kam mit einen Tablett voller Limonadengläser an, Negan nahm sich ein Glas vom Tablett und leerte eines mit einem kräftigen Zug. „Ich nehme an, du würdest es besser machen", bemerkte er dann neutral.

„Ich bin der Sohn meiner Eltern, ich habe von ihnen Weitsicht gelernt. Natürlich bin ich ein Alpha, aber in Zeiten wie diesen sehe ich das als Vorteil an. Vielleicht bin ich nicht der perfekte Kandidat, aber ich bin bereit das zu tun, was für mein Rudel das Beste ist, anders als Rick. Wenn nun also ich an seiner Stelle hier das Sagen hätten, dann könnte ich eine viel reibungslosere Partnerschaft mit den Erlösern garantieren als die bisherige. Es müsste keine Aufpasser mehr geben", erklärte Spencer überzeugt, „Natürlich müsste mich zu diesem Zweck jemand in der Position als Rudelführer bestätigen…"

Negan starrte ihn einen Moment lang nachdenklich an. „Seh ich das richtig, Spencer? Du wartest bis Rick weg ist, Sachen für euch alle und für mich besorgt, nutzt seine Abwesenheit um dich hinter seinen Rücken als perfekter Anführer zu verkaufen, und willst nun, dass ich ihn für dich töte und an seiner Stelle dich als neuen Rudelführer einsetze?", wollte er dann gar nicht neutral, sondern eindeutig wütend wissen, und machte einen bedrohlichen Schritt auf Spencer zu.

„Tö- was? Nein, das ist ein Missverständnis, ich….", begann Spencer, doch Negan ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ein richtiger Alpha würde den Rudelführer fordern und nicht versuchen hinterrücks loszuwerden. Ein richtiger Alpha würde nicht gegen einen Omega intrigieren! Weißt du, was dein Problem ist, Spencer? Dein Problem ist, dass du kein Rückgrat hast! Sollen wir nachsehen, ob das wirklich so ist?!", knurrte Negan, und dann hatte er auch schon sein Messer gezogen und dieses den vollkommen überraschten Spencer Monroe in den Bauch gerammt. Dann schnitt er den Bauch des anderen Alphas auf und zog sein blutüberströmtes Messer wieder hinaus. Spencer gab noch einen gurgelnden Laut von sich, bevor er nach vorne kippte und der Inhalt seines Bauches aus ihm herausfiel.

Andrea schrie auf, ließ das Tablett fallen, und rannte los, doch Shane fing sie ab, bevor sie sich irgendwie einmischen konnte. „Na so was", meinte Negan, angesichts der Schweinerei, die von Sekunde zu Sekunde schlimmer wurde, „Offenbar habe ich mich geirrt. Das sieht mir alles anatomisch korrekt aus." Spencer hatte seinen letzten Atemzug aber zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon getan (zumindest hoffte Shane das für ihn). Negan griff nun nach Lucille, die er an das Haus gelehnt hatte, und zerstörte mit ihr auch noch Spencers Kopf.

Michonne war aus dem Haus geeilt gekommen, genau wie Carl, und beide starrten gleichermaßen ungläubig auf das Massaker vor ihnen. „Das war Spencer, er hat Spencer….", erklärte Andrea und rang nach Worten. Negan hielt in seiner zermatschenden Arbeit inne und blickte auf. „Was?", verteidigte er sich, „Ich habe euch einen Gefallen getan. Diese Schlange wollte die Macht über euer Rudel an sich reißen! Ich habe das verhindert! Ich habe Ricks Position beschützt!"

Rick würde das vermutlich anders sehen. „Spencer hat nicht … er wollte nicht, dass du Rick tötest, verdammt!", stimmte Andrea Shanes Gedanken zu, „So hat er nicht gedacht, er hat das als simple Transaktion gesehen, dass du ihm zum Führer von Alexandria erklärst, und er dafür tut, was du sagst. Er hat nicht von dir erwartet, dass du Rick dafür umbringst! Wozu auch? Du hast uns doch schon alle in deiner Gewalt! Du kannst den Rudelführer jederzeit austauschen, wenn es dir in den Kram passt! Spencer hat nicht so kompliziert und verschlagen gedacht, er war seit dem Ausbruch nie wirklich außerhalb dieser Mauern! Er hat Alexandria als Unternehmen angesehen und nicht als …. Straßengang!"

Negan sah auf den Haufen, der einst Spencer gewesen war. Dann zuckte er die Schultern. „Woher hätte ich wissen sollen, dass er ein Idiot ist?!", verteidigte er sich dann, „Ich dachte, er meint es ernst! So wie man es eben meint, wenn man so was sagt! Hat ihn keiner vorgewarnt, bevor er mich angesprochen hat, wie die Dinge unter meiner Führung laufen? Nun dann, ist es eure Schuld, und nicht seine oder meine!"

Andrea zitterte unübersehbar – allerdings nicht vor Angst, sondern vor Wut – und Shane erklärte gedämpft: „Ganz ruhig. Wenn es nicht noch mehr Tote geben soll, dann bleib ganz ruhig." Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie wirklich ruhig zu bleiben schien, ließ er sie los und wandte sich Negan zu.

„Rick wird davon nicht begeistert sein", informierte er den mörderischen Alpha. Und er wird schwer enttäuscht von mir sein, dass ich das zugelassen habe.

Negan zuckte die Schultern. „Ich habe das für ihn getan", betonte er, „Und genau das werde ich ihm auch sagen. Wenn er seine Leute nicht unter Kontrolle halten kann, soll er sein Nest nicht verlassen. Vielleicht lernt er ja etwas aus der ganzen Geschichte." Negan war einer dieser Alphas, die eher sterben würde, als zuzugeben, dass sie einen Fehler begangen hatten. Allerdings hatte er einen Punkt: Rick hätte Alexandria unter den gegeben Umständen niemals verlassen dürfen. Shane hatte keine Ahnung gehabt, dass Spencer Monroe so etwas versuchen würde, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass Rick davon ebenfalls keine Ahnung gehabt hatte. Oder irrte er sich in den Omega?

Verdammt, Rick, wo steckst du? Ich brauche dich hier. Ich kann das hier nicht ohne dich. Ich kann dein Rudel nicht retten, wenn du nicht da bist um mir dabei zu helfen. Eventuell konnte er nicht einmal sich selbst ohne Ricks Hilfe retten.


A/N: Ich habe die siebte Staffel von TWD nie auf Deutsch gesehen, daher habe ich keine Ahnung, wie sie versucht haben Negans geschmacklosen Guts-Witz zu übersetzen, so dass er auch im visuellen Kontext der Szene Sinn ergibt. Ich habe mein Bestes getan und bin halbwegs zufrieden.

Spencer sollte eigentlich schon bei Negans ersten Besuch in Alexandria sterben, aber nachdem Negan da bereits eine Person zu Tode geprügelt hatte, habe ich mir das für jetzt aufgespart, da ich noch nie ein Fan von der Neigung der Show war Negans schreckliche Taten gedoppelt auf einmal zu präsentieren und finde, dass er unheimlicher wirkt, wenn seine psychotischen Taten scheinbar aus dem Nichts kommen und auf verschiedene Zeitpunkte verteilt sind.

Ich habe es übrigens immer seltsam gefunden, dass alle immer Negans Meinung zu sein scheinen, dass Spencer tatsächlich wollte, dass dieser Rick für ihn umbringt. Zumindest in der Serie glaube ich nicht, dass das seine Absicht war - wie Andrea sagt: Er wollte einfach nur das Erbe seiner Mutter antreten und der Chef werden, soweit durchgedacht, wie die Frage angeht, was aus Rick werden soll, hat er seine Sache sicher nicht, weil er nun mal ein Monroe-Nachkomme war (ich weiß wirklich nicht wie aus den Genen von Deanna und Reg diese beide entstehen konnten, vielleicht waren die zwei in Wahrheit adoptiert?), und die einfach dämlich sind. Und ja, kaum zu glauben, aber ich breche hier eine Lanze für Spencer Monroe, indem ich sage, dass er nicht böse war, sondern einfach nur dämlich.

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