Zusätzliches Pairing: Weil ich glaube, dass ich das bisher noch nicht erwähnt hatte vages Caryl und Andrea/Philip


Begegnungen


I.

Zum ersten Mal endete ihre Welt, als sie Amy verlor, zum zweiten Mal, als sie von dem Rest ihres Rudels getrennt wurde. Sie hoffte, dass sie den anderen die Flucht ermöglicht hatte, doch sicher konnte sie sich dessen nicht sein. Was sie wusste war, dass sie alleine war. Und das hätte beinahe ihr Ende bedeutet, wenn nicht ihre Rettung in Form von Michonne aufgetaucht wäre.

Eine fremde Frau, mit einem Schwert, in Begleitung von zwei scheinbar von ihr gezähmten Beißern. Im ersten Moment hielt Andrea sie für eine Halluzination. Keiner, der sie kannte, hatte irgendeine Gewalt über Beißer, und keiner, den sie kannte, schwang ein Schwert, aber diese Frau, die sie rettete, war echt und rettete sie in den langen kalten Monaten danach noch öfter als einmal.

Michonne war ein Alpha-Beta, sie besaß Merkmale beider Geschlechter, neigte sich aber mehr ihrem inneren Alpha als ihren inneren Beta zu. Sie schien nicht auf der Suche nach Gesellschaft zu sein, zumindest machte sie im ersten Moment nicht diesen Eindruck auf Andrea. Trotzdem blieb sie bei ihr, und sie wurden Freunde, Vertraute, kamen sich näher. Andrea zögerte lange sie nach den beiden Beißern zu fragen, irgendwann erzählte Michonne ihr von selbst von ihnen, davon dass es sich um ihren Freund und ihren Bruder handelte. Sie erzählte Andrea auch von ihrem Sohn, den sie verloren hatte. Und Andrea erzählte ihr im Gegenzug dazu von Amy, und von dem Rudel, das sie verloren hatte.

Zu Beginn suchten sie noch nach Rick und den anderen. Doch bald gaben sie es auf. Das Chaos, das nach dem Überrennen der Farm entstanden war, war zu unübersichtlich. Das Rudel konnte irgendwo und nirgendwo hin geflohen sein. Falls überhaupt noch jemand lebte.

Andrea zählte die Tage, fragte sich selbst wie weit Loris Schwangerschaft in der Zwischenzeit wohl schon fortgeschritten war, um wie viel Carl gewachsen war, ob Merle eine Brunft hatte durchleiden müssen, oder die Omegas ihre Hitzen. „Ich kann ja verstehen, dass du sie vermisst, aber warum machst du dich eigentlich so wahnsinnig wegen ihnen?", wollte Michonne eines Tages von ihr wissen.

„Weil ich der Beta war. Und weil Shane, als er weggegangen ist, mir ihren Schutz anvertraut hat, und das das Letzte war, was er jemals zu mir gesagt hat. Und ich darin versagt habe, sie zu beschützen", erwiderte Andrea.

„Das weißt du nicht", korrigierte Michonne ihre Annahme.

„Es fühlt sich zumindest so an, als wäre das der Fall", erwiderte Andrea, „Ich habe das Gefühl versagt zu haben, und ich will mich nie wieder so fühlen müssen. Wenn wir sie finden, wenn wir sie finden und sich herausstellt, dass sie Leben sind, dann geht dieses Gefühl vielleicht weg."

„Ich kann verstehen, dass man unter Verlust leidet, sich für alte Fehler geißelt, aber anstatt ihnen nachzuhängen, sollte man vielleicht lieber versuchen es in Zukunft besser zu machen", war Michonnes Meinung dazu, „Anstatt dich darauf zu konzentrieren anderen zu helfen, solltest du dir selbst helfen. Diese Suche überanstrengt dich, saugt das Leben aus dir."

Und sie hatte recht, der Winter überfiel sie regelrecht, weil sie zu sehr mit der Suche nach den anderen beschäftigt gewesen waren, und meistens hatten sie nur einander um sich zu wärmen. Und dann wurde Andrea auch noch krank. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann befürchtete sie, dass Michonne sie zurücklassen würde. Es wäre die klügere Entscheidung, wenn sie es nicht tat, dann würde Andrea noch sie beide umbringen. Doch Michonne war zu sehr Alpha um jemanden, der Hilfe brauchte, zurückzulassen. Und zu loyal um eine Freundin zurückzulassen.

Sie fand immer wieder Medizin für Andrea und weigerte sich sie aufzugeben. Bindungen entstanden in dieser neuen Welt auf vielfältige Weisen und spontaner als zuvor. Michonne wurde genauso zu Andreas Rudel wie die Atlanta Gruppe zuvor ihr Rudel gewesen war. Aber Michonne war noch mehr, sie war Andreas Familie.

In dieser Zeit, in der sie nur einander hatten, und die beiden Beißer, die aber nicht zählten, kamen sie sich näher als Andrea jemals irgendeinem anderen Menschen gekommen war. Trotzdem fassten sie ihre Beziehung und das, was sie einander bedeuteten, nie in Worte. Sie brauchten auch keine Worte, zumindest dachten sie das.

Und dann kam der schicksalhafte Tag, als der Hubschrauber abstürzte. Zuerst war sich keine der beiden Frauen sicher, ob sie wirklich gesehen hatten, was sie gedacht hatten zu sehen. Wann hatten sie zuletzt einen Hubschrauber gesehen? Doch dann fanden sie das Wrack.

Aber nicht nur das. Sie waren nicht die Einzigen gewesen, die den Hubschrauber hatten abstürzen sehen und nachsehen wollten, was geschehen war. Es handelte sich um eine Gruppe Fremder. Um eine Gruppe fremder Alphas.

Michonne war natürlich misstrauisch. Andrea war es nicht, sie wollte es nicht sein. Sie wollte glauben, dass Fremde nicht gleichzusetzen mit Gefahr waren. Zumindest schienen diese Fremden in ihnen keine Gefahr zu sehen, sie waren sogar freundlich zu ihnen. Vielleicht weil sie zwei Frauen waren, vielleicht weil sie beide Betas waren. Vielleicht aber auch einfach nur, weil Michonne dazu neigte schwarz zu sehen, die Welt aber in Wahrheit nicht immer das schlimmstmögliche Szenario für sie auf Lager hatte.

Die Alphas kamen aus einer Stadt, die den Untergang irgendwie überlebt hatte, einer Stadt namens Woodbury. Und ihr Anführer war ein Alpha namens Philip Blake, der ihnen und den verletzten Piloten des Hubschraubers Hilfe und Unterkunft versprach. Und Andrea, die aus dem Geheimnis in der Scheune der Greene-Farm offensichtlich nichts gelernt hatte, glaubte ihm, dass er das ehrlich meinte. Vielleicht war sie einfach nur zu lange alleine gewesen, zu sehr an Michonnes unverblümte Ehrlichkeit gewohnt, um sich vorstellen zu können, dass es eine Lüge sein könnte. Entweder das, oder sie war einfach nur dämlich.


II.

Carol lebte offenbar zur Zeit in einem verlassenen Haus, das sie ganz alleine bezogen hatte. Es war ein nettes Haus, vor dem Untergang hatte eine kleine Familie darin vermutlich glücklich zusammen gelebt, es könnte aus einer 70er Jahre Fernsehserie stammen oder aus einem Bilderbuch - es passt kein bisschen zu Carol Peletier.

Als Daryl anklopfte, riss Carol die Türe mit einem wütenden „Was?" auf. Dann erkannte sie ihre Besucher. „Daryl! Rick! Kommt rein!" Freudig überrascht umarmte sie ihre Überraschungsgäste. „Ich dachte, ihr seid jemand anderer", erklärte sie.

„Findest du es hier sicher?", wollte Daryl sofort wissen. Er mochte den Gedanken an sie in diesem Haus nicht, ganz alleine, ganz exponiert hier mitten in der Wildnis. „Ich bin hier sicher", erklärte sie ihm, „Die Wachen aus dem Königreich patrouillieren hier in der Gegend. Und ich kann mich selbst beschützen, wie du weißt."

Rick sah sich im Haus um, während Daryl diese Diskussion mit Carol führte. „Der König hat dir ein Haus geschenkt?", fragte er dann.

Carol warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Dann seufzte sie. „Ja, der König hat mir ein Haus geschenkt. Mach kein Drama draus. Ich wollte nicht im Königreich bleiben, also hat er mir dieses Haus hier als Alternative angeboten", tat sie es ab, „Das hat nichts zu bedeuten."

„Es hat nichts zu bedeuten, dass er dir ein Haus geschenkt hat, dass er von seinen Männern bewachen lässt", wiederholte Rick ungläubig, „Kommt er dann manchmal vorbei?"

„Nun, wenn er das tut, muss ich ihn wohl oder übel rein lassen, immerhin ist es irgendwie sein Haus, nicht wahr?", gab Carol zurück.

Rick deutete auf eine Vase mit frischen Blumen darin. „Sind die von ihm?", wollte er wissen.

„Ja, aber er wollte sie eigentlich nur vor die Türe legen", erklärte Carol, als würde das das alles irgendwie besser machen. „Hört mal, ich weiß, wie das aussieht, aber so ist es nicht!", verteidigte sie sich dann etwas hilflos, „Ich meine, er ist nicht der einzige Alpha aus dem Königreich, der hier vorbei gekommen ist. Morgan war auch da. Und Richard." Dann schien sie zu bemerken, dass diese Aussage alles nur noch schlimmer machen zu schien. „Richard hatte keine Blumen dabei, er wollte nur, dass ich Ezekiel dazu bringe gegen die Erlöser zu kämpfen", erklärte sie schnell. Und blinzelte. „Nicht weil ich Einfluss auf ihn hätte oder so was", fügte sie hinzu, „Nur weil ich eine Außenseiterperspektive zu bieten habe. Macht es euch eigentlich Spaß mir zuzuhören, wie ich mich selbst in tiefer in dieses Loch eingrabe?"

„Du hast dir also einen König angelacht", stellte Rick fest.

„Bitte, er ist kein echter König. Das Königreich ist ein Zirkus! Die spielen So tun als Ob, sonst nichts", behauptete Carol.

Daryl erforschte seine Gefühle bei den Gedanken an diesen König mit Tiger und Carol. Er empfand ein wenig Unglauben, keine wirkliche Eifersucht. Vielleicht weil er sich nicht vorstellen konnte, dass wirklich etwas daraus werden würde, vielleicht aber, weil er wusste, dass niemand außer Carol Peletier Carol Peletier vorschrieb, was sie zu tun hatte, zumindest nicht mehr. Und er schon gar nicht, nicht wahr? Dieses Fenster hatte sich schon vor langer Zeit geschlossen, und er hatte das akzeptiert und sogar befürwortet, hatte wortwörtlich gesagt: „Wenn du einen Alpha brauchst, dann hol dir einen Alpha." Besser dieser Halb-Alpha-König als Tobin, nahm er an. „Hauptsache ist, du bist glücklich", meinte er.

Carol warf ihm ein warmes Lächeln zu. „Glücklicher wäre ich, wenn nicht immer alle hier auftauchen würden um mich um politischen Rat zu bitten…" Ihr Lächeln verblasste, als sie die Mienen der beiden männlichen Omegas sah. „Oh, nein, genau deswegen seid ihr hier, oder?" Sie seufzte und deutete den beiden sich an den Esstisch zu setzen, wo sie ebenfalls Platz nahm. „Also?", fragte sie dann, „Was ist los?"

„Nachdem du weg bist, wollten wir Maggie nach Hilltop bringen und wurde auf der Straße von Negan und den Erlösern abgefangen. Sie haben uns gefangen genommen, bedroht, ein paar Tage gefangen gehalten, und schließlich hat Negan sich Alexandria … nun ich würde sagen angeeignet. Hat sich uns alle angeeignet. Er hat sich die Hälfte unserer Vorräte geholt und noch ein bisschen mehr, hat seine Leute in der Stadt postiert, sagt, die Hälfte von allem, was wir finden, steht ihm zu. Hat uns unsere Waffen weggenommen und sagt er und seine Leute beschützen uns von jetzt an", berichtete Rick, „Wir hatten gehofft, dass wir König Ezekiel dazu bringen könnten uns zu helfen."

Carol zog eine ernstes Gesicht, faltete die Hände ineinander, und fragte dann geschäftsmäßig: „Wie viele Tote bisher?"

„21 Tote in Hilltop. Er sagte, die gehen auf mich. Hat mir einen Sack mit ihren Köpfen geschenkt", sagte Rick. Daryl warf ihm einen überraschten Blick zu, davon hatte er noch gar nichts gewusst. Er stieß Rick fragend an. „Ich wollte das nicht an die große Glocke hängen. Es war zwischen mir und ihm. Das war meine Strafe", erwiderte Rick auf die unausgesprochene Frage.

„Dieser Bastard!", entfuhr es Daryl.

„Wie viele Vergewaltigungen?", fragte Carol dann.

„Bisher noch keine. Außer irgendjemand verschweigt mir was. Negan hat …. einen seiner Leute umgebracht, der Enid Angst gemacht hat", erklärte Rick.

„Mhm." Carols Blick fiel auf die Vase mit den frischen Blumen hinüber. „Köpfe von Feinden, beschützt eure Ehre, selbst vor den eigenen Leuten. Hat er dir sonst noch was geschenkt? Oder jemand anderem?", wollte sie dann wissen.

„Er hat Carl Comics gegeben. Hat weniger Medikamente mitgenommen, als ich es angesprochen habe. Er hat …. Shane war einer seiner Leute. Er hat ihm das Kommando über Alexandria übertragen", gab Rick zu.

„Das ist der Diamantring", stellte Carol beeindruckt fest.

„Willst du sagen, er macht Rick den Hof? Carol, das ist doch Wahnsinn? Du hast diesen Alpha nie erlebt, er droht, selbst wenn er vorgibt zu flirten. Er ist wahnsinnig! Tötet Menschen!", empörte sich Daryl, „Er will uns unterwerfen, nicht unser Freund sein!"

Carol schüttelte den Kopf. „Ich weiß, du verstehst nicht viel von solchen Dingen, Daryl, aber denk nach. Er hatte euch, er hätte alles mit euch tun können, das hat er aber nicht. Wir kennen wahnsinnige Alphas, haben genug getroffen, wir kennen ihre Methoden: Zuckerbrot und Peitsche. Im Moment versucht er es mit dem Zuckerbrot. Und natürlich will er Unterwerfung, das ist sein Endziel, aber er will freiwillige Unterwerfung. Für Alphas ist die Grenze zwischen Kampf und Sex immer schon dünn gewesen, wenn sie wahnsinnig werden, schwindet sie völlig. Rick ist ein Omega und zugleich Negans Feind, das verträgt er nicht, kann er nicht ertragen, also tut er alles um ihn auf seine Seite zu ziehen. In seinem verzerrten Weltbild denkt er ernsthaft, dass er deine Zuneigung gewinnen kann, wenn er es nur genug versucht. Und das Klügste wäre ihn glauben zu lassen, dass er damit Erfolg hat – damit du ihn leichter umbringen kannst. Denn wenn er die Peitsche zückt, dann werden es die Köpfe unserer Leute sein, die rollen, und die Vergewaltigungen werden losgehen", verkündete sie.

„Das entspricht ungefähr unseren Plan", behauptete Rick, „Wir wollten vorgeben aufgeben zu haben, sie glauben lassen uns gebrochen zu haben und dann, wenn sie nicht mehr damit rechnen, zuschlagen."

„Aber das ist nicht dasselbe", beharrte Daryl, „Entweder er will uns brechen, oder er will, dass wir ihn lieben. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge."

„Für gesunde Menschen, nicht für ihn. Das Endergebnis ist das Gleiche, die Methode, mit der er es erreicht ist eine andere", lautete Carols Antwort, „Lass dich verführen, wenn es sein muss, Rick, und das lieber früher als später. Fick den Bastard, und ermorde ihn dann im Schlaf."

Rick schüttelte entschieden den Kopf. „Nein", erklärte er kategorisch.

„Ich meine Negan, nicht Shane", informierte Carol den anderen Omega.

„Ich weiß."

„Denkst du wirklich, Shane würde es nicht verstehen?"

„Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ich mich nicht anfassen lasse von diesem Kerl", knurrte Rick, „Niemals. Lieber sterbe ich."

„Dann muss sich jemand anderer opfern. Aber es muss ein Omega sein. Vielleicht …. Vielleicht geht es auch anders. Lass ihn Vater für Carl und Judith spielen. Und sag nicht wieder wegen Shane nein, Rick Grimes. Du weißt, dass das klüger ist. Wenn du meinen Rat nicht willst, warum fragst du mich dann danach?", fuhr Carol fort.

„Meine Kinder rührt er auch nicht an. Ich wollte, dass du uns hilfst Ezekiel davon zu überzeugen sich uns im Kampf gegen die Erlösern anzuschließen und nicht, dass du Mata Hari-Ratschläge erteilst. Das hast du Andrea damals über den Gouverneur auch gesagt, weißt du noch? Wenige Monate bevor du Karen und die anderen erschlagen hast um uns vor einer Krankheit zu schützen, die uns schon längst infiziert hat", gab Rick hitzig zurück, „Deine moralischen Grenzen verschieben sich immer dann, wenn es dir in den Kram passt. Und dann bereust du es und ziehst dich von allen zurück."

„Ezekiel wird euch nicht helfen. Er will sich nicht mit den Erlösern anlegen, und um ehrlich zu sein, wenn wir das genauso gehalten hätten, wären wir jetzt nicht in dieser Lage, nicht wahr? Und wenn Andrea getan hätte, was ich geraten habe, dann wäre uns viel Ärger erspart geblieben. Und viele Verluste. Und du, Rick Grimes, hast kein Recht auch nur irgendein Wort über meine moralischen Grenzen zu verlieren. Du hast keine Ahnung, was ich tun musste - nicht wollte, musste- weil die verdammte Welt untergangen ist und die alten Regeln nicht mehr gelten. Dinge, die du nie getan hättest, weil du zu feige bist. Shane sitzt in Alexandria, nun was hättest du wohl unternehmen können, damit das nicht passiert?", sagte Carol leise, „Nur weil ich Dinge bereit bin zu tun, für die du zu schwach bist, bin ich nicht schlechter als du!"

Rick sprang auf und funkelte sie wütend an. „Du hast keine Ahnung, wie das ist, wenn einem jemand anfasst, der nichts anderes im Sinn hat als einem wehzutun, nichts anderes als sich das zu nehmen, was du ihm nicht geben willst, der das entweiht, was dir Freude bereiten sollte und es nutzt um dir stattdessen weh zu tun, um dich am Boden zu halten, klein und hilflos!", fuhr er sie an.

„Ach? Hab ich nicht? Denkst du wirklich meine Ehe mit Ed bestand aus irgendetwas anderen?!", schoss Carol zurück.

„Leute", versuchte Daryl sich einzumischen, aber keiner von beiden hörte auf ihn.

„Aber genau das ist doch der Punkt! Ed! Du weißt nicht, dass es anders sein kann, dass das nicht normal ist, dass derjenige, bei dem du liegst, niemand ist, vor dem du Angst haben solltest! Du weißt nicht, wie es ist jemanden zu lieben. Ich schon! Ich habe geliebt und verloren und habe mir geschworen, dass ich mich niemals wieder von jemandem anfassen lasse, der das nicht verdient! Und du, du sitzt hier, versteckst dich in einem Haus, während du ein Königreich haben könntest! Du könntest Liebe haben, aber stattdessen denkst du gerade darüber nach, ob du nicht selbst hingehen solltest um Negan zu verführen und dann zu töten! Das ist nicht normal, Carol! Das ist nicht so, wie wir leben sollten!", schrie Rick sie an, „Gefühle zuzulassen ist nicht schwach oder feige! Es ist mutig!" Dann stürmte er aus dem Haus und knallte die Türe hinter sich zu.

Daryl wandte sich Carol zu und fühlte sich verpflichtet irgendetwas zu sagen. „Die halten Maggie immer noch gefangen. Plus, Shane ist wieder da, du weißt ja, wie verrückt der Rick macht", sagte er entschuldigend, „Er meint das nicht so."

Carol erwiderte darauf nichts.

„Du willst doch nicht wirklich mit Negan … nur um ihn umzubringen, oder?", traute er sich dann zu fragen.

Für einen Moment erhielt er keine Antwort. Dann meinte Carol sanft: „Nein, Daryl, nein, ich will das nicht. Außerdem glaube ich nicht, dass es funktionieren würde, Negan hat sich bereits auf Rick fixiert und auf die anderen von euch, die dabei waren, als er euch gefangen hat. Und wenn er mich ansehen würde, dann würde er vielleicht keinen Omega sehen."

„Aber du bist doch ein Omega", bemerkte Daryl verwirrt.

Carol sah ihn irgendwie traurig an. „Ja, und Negan ist ein Alpha. Und im Grunde bin ich wohl genau die Sorte Omega, die zu seiner Sorte Alpha gehört", meinte sie, „Rick hat nicht unrecht, weißt du? Ich will keine Blumen." Sie deutete zur Vase hinüber. „Ich will nur dann ein Omega sein, wenn es mir dabei hilft mich harmloser erscheinen zu lassen, als ich bin."

„Wer kann dir das nach allem was war verdenken?", bot ihr Daryl an.

Carol schüttelte den Kopf. „Ich habe Dinge getan, von denen nicht mal was weißt", meinte sie, „Weil ich es nicht ertragen könnte, wenn auch du mich so sehen würdest, wie ich bin."

„An dir ist nichts falsch", beharrte Daryl, stand auf und ging zu Carol hinüber, und legte ihr zögernd seine Hand auf die Schulter, „Du bist genau richtig. Das sehe ich. Das habe ich immer schon gesehen."

Sie sah mit wässrigen Augen zu ihm auf. „Ich hab ein Kind umgebracht, Daryl. Ein wahnsinniges Kind, aber es war ein Kind. Es war mein Kind. Ich hatte geschworen mich um sie zu kümmern, aber stattdessen hab ich sie erschossen. Welcher Omega macht so was? Welcher Mensch macht so was?", erklärte sie mit belegter Stimme, „Jemand wie ich gehört nicht an einen Ort wie das Königreich oder nach Alexandria, wo Kinder lachen."

Daryl wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm an, dass sie von der Zeit nach dem Gefängnis sprach, bevor sie alle einander wiedergefunden hatten.

„Das macht ein Mensch, der tut, was getan werden muss, und der stärker ist als alle anderen zusammen." Daryl und Carol sahen beide zu Türe, in der Rick stand. „Es tut mir leid, Carol. Ich hätte das alles nicht sagen dürfen. Ich habe das nicht so gemeint. Und hätte nicht klein machen dürfen, was du mit Ed durch litten hast", sagte er, „Verzeih mir."

„Und ich hätte deine Kinder nicht ins Spiel bringen dürfen. Oder dich schwach und feige nennen dürfen", sagte Carol, „Das bist du nicht. Du bist stark, Rick. Du stehst immer wieder auf. Ich bewundere das. Wirklich."

Sie erhob sich von Tisch und schritt auf Rick zu, der das Haus wieder betrat und ebenfalls auf sie zukam, und dann umarmten sich die beiden Omegas und hielten sich lange fest. Daryl stand etwas hilflos daneben. Gefühle zu teilen war noch nie seine Stärke gewesen, und hier waren gerade ein paar sehr schlimme Dinge ausgegraben und seziert worden: Joey und seine Gang, Carols Ehe, ihr Mord an einem Kind, ihre Taten im Gefängnis, Shane und alles, was mit ihm zusammenhing, und nicht zu vergessen Woodbury. Woodbury, wo sie Merle verloren hatten. Was vielleicht nicht passiert wäre, wenn Andrea….

Nein, für Daryl Dixon gab es kein Was wäre wenn, es gab nur ein Das was ist. Und seine Verluste und Abgründe so zu entpacken wie Carol und Rick gerade, das war auch nicht sein Stil. Nach einer längeren Omega-Umarmung schienen sich Carol und Rick endlich wieder loszulassen.

„Ich werde mit Ezekiel reden", sagte Carol, „Aber versprechen kann ich nichts."

„So etwas ähnliches hat er auch gesagt", meinte Daryl, „Er will uns nicht nicht-helfen, nur nicht in den Krieg ziehen. Jesus redet ihm gerade zu, aber ich glaube nicht, dass sich dieser König so einfach umstimmen lässt."

„Wir müssen es versuchen", meinte Carol, „Und wenn das nicht klappt, müssen wir nach anderen Verbündeten suchen. Vielleicht weiß er wenigstens von anderen Gemeinden, die uns gegen die Erlöser helfen könnten. Oder von Waffenverstecken."

„Owen hast du übrigens auch nicht gesehen, oder?", erkundigte sich Rick.

„Nein, sollte ich?", wunderte sich Carol, „Ist er nicht mehr in Alexandria? Denkt ihr, er ist abgehauen um die Überreste der Wölfe zu suchen?"

„Nein, und genau das macht mir ja Sorgen", meinte Rick, „Ich hasse es einfach, wenn einer von uns verloren geht. Dabei kommt nie was Gutes heraus." Zumindest darin waren sich alle drei Omegas einig.


III.

Nach all der langen Zeit ohne Zivilisation war es verwirrend einen Ort zu finden, an dem die Zivilisation scheinbar noch vorhanden zu sein schien. An dem es Strom gab. Und fließendes Wasser. Und das nicht nur in einer abgelegen situierten Farm, sondern in einer ganzen Stadt. Andrea hätte es nicht für möglich gehalten, dass es so einen Ort überhaupt noch geben konnte. Nicht nach all den Monaten.

Und doch gab es ihn. Obwohl sie nur von Alphas aufgegabelt worden waren, lebten hier alle Geschlechter bunt gemischt zusammen. Es gab hier Familien und Kinder, Kinder, die nicht um ihr Leben liefen um erst von den Beißern erwischt zu werden. Die Menschen hier war Nachbarn, Freunde, gingen miteinander um wie Bekannte und hielten sich nicht misstrauisch gegenseitig ihre Waffen unter die Nasen. Sie sperrten Andrea und Michonnne nicht in ihre Scheune oder verhörten sie um zu erfahren, ob sie zu einer größeren Gruppe gehörten und ob diese Gruppe eine Gefahr für sie darstellte. Der Gedanken schien ihnen nicht einmal zu kommen. Sie glaubten Andrea und Michonne ihre Geschichte einfach.

Kurz gesagt, Woodbury war so, wie die Welt sein sollte. Nicht so, wie sie zuletzt gewesen war. Michonne hasste es vom ersten Augenblick an, das war nicht zu übersehen. Sie war allem und jeden gegenüber misstrauisch. „Findest du nicht, dass das alles hier zu gut ist um wahr zu sein?", meinte sie zu Andrea, und offensichtlich war sie wirklich der Meinung, dass hier irgendetwas einfach nicht stimmen konnte.

Aber auf den ersten Blick schien alles in Ordnung zu sein. Es schien kein dunkles Geheimnis zu geben, keine Scheune mit Beißern darin. Zumindest keine verborgene. Ja, auch in Woodbury suchten sie nach einer Lösung um die Beißer zu heilen, sie studierten sie, aber jeder wusste davon, und es wurden immer nur einzelne Beißer unter extremen Sicherheitsvorkehrungen untersucht. Michonne fand das überhaupt nicht gut, Andrea verstand es aber. Sie alle waren infiziert, sie alle würden zu Beißern werden, wenn sie starben. Bedeutete das nicht, dass es nötig war ein Heilmittel zu finden?

Milton Mamet, der Wissenschaftler, der die Beißer erforschte, war kein einfacher Tierarzt, er wusste, was er tat. Außerdem war er ein Omega, offensichtlich tat er, was er tat, aus Überzeugung heraus und nicht aus Selbsttäuschschung. Milton war vielleicht ein wenig in Philip Blake, den Alpha, der Woodbury anführte, verknallt, aber ansonsten schwer in Ordnung. Andrea mochte ihn. Sie mochte auch Philip Blake, den Gouverneur von Woodbury („Klingt das nicht besser als Alpha? Weniger archaisch, mehr politisch"), der wirklich großzügig zu seinen Gästen war. Versprach die Leute des abgestürzten Piloten für ihn zu suchen und Andrea und Michonne anbot in Woodbury bleiben zu können, wenn sie es wollten, und das obwohl er sie kaum konnte und Michonne ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit anfeindete.

„Sie will dich nun mal beschützen", meinte Philip in Bezug auf Michonnes Verhalten zu Andrea, „Das sieht sie als ihre Aufgabe an. Es ist nie leicht ein Alpha zu sein, nicht einmal, wenn man es nur zum Teil ist." Er schien der Alpha-Beta-Frau ihr Verhalten wirklich nicht übel zu nehmen.

„Warum sollten wir nicht hierbleiben?", wollte Andrea von Michonne wissen, „Du bist es doch, die gesagt hat, dass ich loslassen muss, weitermachen soll, damit aufhören soll ständig nach meinem verloren Rudel zu suchen. Und genau das tue ich jetzt. Ich lasse los, mache weiter. Finde mir ein neues Rudel. Ist das nicht das, was du wolltest?"

„Aber nicht hier, nicht mit diesen Leuten. Mit denen stimmt etwas nicht, kannst du das nicht spüren?", gab Michonne zurück. Und Andrea gab sich wirklich Mühe irgendetwas zu spüren, was auf Täuschung oder feindselige Absichten hinwies, aber sie fand nichts. „Nein, kann ich nicht", gab sie zu, „Was ich spüren kann ist, dass du wütend und abweisend bist, und ich habe keine Ahnung warum. Was ist so furchtbar an dem Gedanken wieder ein normales Leben aufzunehmen? Oder willst du das vielleicht einfach nicht mehr? Willst du dein Schwert einfach nicht an die Wand hängen und deine Beißer von der Leine ins Jenseits weiterziehen lassen? Brauchst du die ewige Angst vor Angriffen, die ewige Suche nach einem Unterschlupf, nach Medizin und Essen? Die Ungewissheit darüber, ob es ein Morgen gibt? Ich bin nämlich müde, Michonne. Ich habe das jetzt schon so lange gemacht, ich will einfach eine Pause einlegen. Ohne Angst leben können. Kannst du das denn nicht verstehen?`"

„Martinez und seine Schläger, Blake … all diese Alphas, die sind keine gute Menschen", betonte Michonne, „Das weiß ich einfach."

„Dann sind sie eben keine gute Menschen", gab Andrea zurück, „Vielleicht braucht ein Ort wie dieser nicht-gute Menschen um zu funktionieren, vielleicht braucht er jemanden, der ihn verteidigt, der kein guter Mensch ist. Unser Alpha war bei Leibe kein guter Mensch, aber er hat uns am Leben gehalten, wäre für uns gestorben. Vielleicht müssen in dieser neuen Welt nicht alle Menschen gut sein, vielleicht reicht es, wenn einige von ihnen stattdessen nur gut genug sind."

Aber Michonne wollte nicht heruntersteigen, nicht aufhören. Es kam Andrea fast so vor, als würde sie es vorziehen, wenn die Leute hier tatsächlich ein dunkles Geheimnis hüten würden, tatsächlich gefährlich wären, nur damit sie beiden einen Grund hätten weiterzuziehen.

Es war frustrierend, dass sie sich über ihre Zukunft uneins waren. Dort draußen hatten sie auch öfter über ihr weiteres Vorgehen gestritten, aber meistens, war es darum gegangen, dass Andrea wollte, dass Michonne sie zurückließ und ihr eigenes Leben rettete, was sich diese weigerte zu tun. Das hier war etwas anderes, ein tiefer gehendes Problem, eine größere Frage. Und dieser Streit war auch nicht nur kurz und hitzig und schnell vorbei, er dauerte an. Hatte begonnen, als sie die Stadt betreten hatten, und schien nicht zu Ende gehen zu wollen. Und er zerstörte, das, was sie hatten. Seit sie in Woodbury angekommen waren, hatten sie einander nicht mehr angefasst.

Trotzdem hätte Andrea nicht damit gerechnet, dass Michonne wirklich gehen würde. Dass sie sie verlassen würde. Wenn ich ihr sage, dass sie gehen soll, bleibt sie, und wenn sie bleiben soll, geht sie? Was ist daran bitte fair? Vermutlich wartete sie vor der Stadt auf Andrea, wartete darauf, dass diese ihr nachgelaufen käme, sich entschuldigte, und ihretwegen die Chance auf eine tatsächliche Zukunft in der Zivilisation aufgab. Aber das würde nicht passieren.

Ganz unrecht hatte Michonne nicht gehabt. Woodburys Alphas waren nicht so wie andere Alphas. Offenbar veranstalteten sie Arenakämpfe, vor angeketteten Beißern, die den Kampf noch gefährlicher und schwerer machten und den Verlierer möglicherweise auffraßen. Andreas erster Kampf, den niemanden in Woodbury für ungewöhnlich halten zu schien, bestritt Martinez, der Anführer der Wache, gegen Tim, einen seiner Lieutnants. Die Zuseher schienen sich für die Römer von einst zu halten und jubelten den ganzen Kampf lang. Andrea fand das alles einfach nur abstoßend. Aber war es Grund genug diese Stadt wieder zu verlassen?

Offenbar kämpften nur die, die wirklich kämpfen wollten, und beide Gegner überlebten diesen Kampf.

„Unsere Alphas müssen sich irgendwie abreagieren", erklärte ihr Philip, „Die Welt hat sich verändert, hat sie verändert, tief in sich spüren sie eine ständige Unruhe, sehen in jedem anderen Alpha einen Konkurrenten, selbst in ihren engsten Vertrauten – irgendwie müssen sie Stress abbauen. Warum nicht so? Es wird keiner ernsthaft verletzt. Um ständige Alphakämpfe zu vermeiden, lassen wir kontrollierte zu. Das mag dir barbarisch vorkommen, aber es ist besser als die Alternative. Nicht jeder Alpha hat sich so gut im Griff wie ich."

Andrea dachte daran, wie Shane über Ed hergefallen war, und musste sich eingestehen, dass das hier vielleicht die bessere Lösung war. Es kam ihr barbarisch vor, ja, aber sie war ein Beta, sie wusste nicht, was in Alphas wirklich vor sich ging. Vielleicht brauchten zumindest manche von ihnen das hier tatsächlich.

Sie konnte Michonne nicht danach fragen, weil Michonne sich abgesetzt hatte. Sie zurückgelassen hatte. „Ich möchte zum Wachdienst eingeteilt werden", erklärte sie Philip.

„Um nach deiner Freundin Ausschau zu halten? Ich denke nicht, dass sie zurückkommen wird", erwiderte Philip.

„Weil ich darin Übung habe", berichtigte Andrea den Alpha, „Ich weiß, dass Michonne nicht mehr zurückkommen wird. … Ich hätte nur nicht gedacht, dass sie mich so einfach verlässt." Wenn sie sich nur halb so bitter anhörte, wie sie sich fühlte, wüsste Philip nun alles, was in ihr vorging.

„Manche Menschen können ihre Füße einfach nicht still halten", meinte Philip, „Manche sind fürs Nesterbauen nicht geschaffen. Ich an ihrer Stelle wäre geblieben, alleine schon deswegen, weil ich dich nie verlassen würde."

Es war ein billiger Anmachspruch. Trotzdem, Philip Blake war charmant, und Michonne hatte sie verlassen. Und er hatte sie auf einen Drink eingeladen, den sie angenommen hatte. Und war bereit ihr den Wachdienst zu überlassen. „Weil ich an deine Kompetenz glaube. Und weil ich dich mag", erklärte er, „Genug um auf deinen Instinkt zu vertrauen." Im Gegensatz zu Michonne, das musste er nicht sagen, das war impliziert.

Vielleicht hatte Andrea ihren Drink nur viel zu schnell geleert, vielleicht wollte sie sich einfach nur an Michonne rächen, vielleicht mochte sie Philip Blake in Wahrheit ja auch – er sah sehr gut aus, war charmant, und roch nach Alpha, er hatte ihr eine Heimat angeboten, als sie keine mehr gehabt hatte. Also ließ sie zu, dass er sie küsste, ließ sich von ihm verführen und in sein Bett lotsen. Warum auch nicht? Michonne war diejenige, die gegangen war, sie schuldete ihr nichts. Nicht mehr. Und Woodbury war ihre neue Heimat, als war es höchste Zeit sich hier Beziehungen aufzubauen.

Amy hatte immer gesagt, dass Andrea einen fragwürdigen Männergeschmack hatte. „Ich ziehe deine Freundinnen vor. Deine Typen, ich weiß nicht, aber manchmal glaube ich fast, du suchst dir absichtlich die aus, die irgendwie gefährlich sind", hatte sie immer behauptet, „Quer durch alle Geschlechter." Nach Philip Blake begann sich Andrea zu fragen, ob Amy nicht recht damit gehabt hatte, doch damals, als alles begann, hielt sie ihn noch für einen geistig gesunden guten Alpha, für einen Anführer, den man gerne folgte, und für genau das, was er vorgab zu sein: Für den Heilsbringer. Zu ihrer Verteidigung: Der Großteil von Woodbury teilte ihre Meinung, was das anging.


IV.

Während Carol versuchte Ezekiel zu proaktiverer Hilfe zu bewegen, besichtigten Daryl und Rick das Königreich. Die Bewohner von diesem schienen tatsächlich glücklich zu sein. „Sie wissen nichts von den Erlösern", erzählte der Alpha-Wachmann Richard ihnen, „Der König hält den Deal von ihnen fern." Zu den Wachen des Königs zählten neben Richard auch noch sein Sohn Benjamin, ein junger Omega, der von Morgan offenbar im Kampfmönch-Stockschlagen unterrichtet worden war, ein gemütlicher etwas in die Breite gehender Omega namens Jerry, der einem muslimischen Omega namens Nabila den Hof zu machen schien, und die Bogenschützin Dianna, die ein weiterer Alpha war, sowie Haufen anderer Ezekiel begeisterter aus allen Geschlechtern. Ein Teil von Daryl fragte sich, warum sich jemand wie Richard jemanden wie Ezekiel unterordnete, gerade wenn er mit dessen Führungsstil unzufrieden war. Lag es am dem Tiger? Ein Teil von Daryl verstand überhaupt nicht, warum irgendjemand hier bei dieser Königsnummer mitmachte.

Natürlich wurde sein eigenes Rudel auch nicht vom typischen Alpha angeführt, aber niemand zweifelte jemals an Ricks Kompetenz. Jeder wusste, dass er es mit jedem noch so gemeinen Alpha aufnehmen konnte. Ezekiel wirkte allerdings nicht wie der Typ, der in einem Kampf gegen einen besonders starken Alpha bestehen konnte; natürlich könnte er seinen Gegner einfach von seinem Tiger fressen lassen, aber….

„Sie folgen ihm, weil sie ihn lieben, Daryl", erklärte Jesus ungefragt, „Folgt ihr nicht genau deswegen Rick?"

Besagter Omega war im Moment zum Glück nicht in Hörweite, sondern plauderte mit Benjamin über Morgan, zumindest nahm Daryl an, dass das ihr Thema war. „Kannst du jetzt Gedanken lesen, oder was?", gab Daryl brummig zurück.

„Die Frage stand dir ins Gesicht geschrieben", erklärte Jesus, „Denkst du, du bist der Erste, der sie sich stellt, wenn er hier auftaucht? Der Mann hat einen zahmen Tiger. Hast du dich je gefragt, wie es dazu kam?"

Daryl zuckte die Schultern. „Er war ihr Zoowärter. Hat sich immer um sie gekümmert, selbst als sie in ein Betonloch gestürzt ist, sich dabei verletzt hat und vor Schmerzen geschrien hat, ist er einfach so zu ihr heruntergesprungen, hat ihre Wunde versorgt, hat sie gerettet. Er hat getan, was kein anderer getan hätte. Sie hat ihm das niemals vergessen. Sie liebt ihn. Sie ist ein Alpha, und er ist auf jede Weise, auf die es ankommt, ihr Gefährte", erzählte Jesus, „Und für diese Leute hier ist er auf jede Weise, auf die es ankommt, ihr König."

Und Carol hatte er ein Haus geschenkt, weil sie Abgeschiedenheit haben wollte. Und Morgan hatte offenbar vorgehabt hier zu bleiben. Auf Dauer. Trotzdem dieses ganze Königgehabe. Daryl könnte das nicht durchstehen. „Und warum bist du dann nicht geblieben, wenn er doch so toll ist?", wollte Daryl wissen.

Jesus zuckte die Schultern. „Wäre gegen meine Nomaden-Natur gewesen", behauptete er, aber Daryl wusste, dass da mehr dahinter steckte. Vielleicht Bindungsängste. Daryl war ja wirklich alles andere als ein Beziehungsexperte, aber er hatte das sichere Gefühl, dass er das mit Jesus gemeinsam hatte, wenn auch aus anderen Gründen. Er fragte aber nicht weiter nach. Es gab Dinge, die auch ein Fake Freund nicht über seinen Partner wissen musste.

Schließlich kam Morgan zu ihnen geeilt. „Der König will mit euch drei sprechen", teilte er ihnen mit.

Sie pilgerten also zurück zum „Thronsaal".

„Die schöne Carol hat mir ins Gewissen geredet", verkündete Ezekiel, kaum, dass sie eingetreten waren, „Und wir wollen euch wirklich helfen, aber der Schutz des Königreichs muss immer Vorrang haben. Ein offener Konflikt mit den Erlösern kommt nicht in Frage. Jeder Omega, der hier Asyl suchen möchte, dem wird es gewährt. Jeder Einwohner von Alexandria, egal welches Geschlecht er besitzt, ist hier immer willkommen und würde unseren Schutz gewährt bekommen, wenn er es wünscht. Auch vor Negan. Wenn ich Waffen hätte, würde ich sie euch zur Verfügung stellen. Doch was wir haben, müssen auch wir teilen – mit den Erlösern. Was davon überbleibt, sind wir bereit mit euch zu teilen. Und ich werde versuchen mit Negan zu sprechen."

„Zu sprechen", wiederholte Daryl, „Worüber?"

„Über seinen Umgang mit euch, der beunruhigend anders ist als der mit anderen Gemeinden, denen er seinen Schutz aufgezwungen hat. Von Rudelführer zu Rudelführer will ich versuchen seine Absichten in Erfahrung zu bringen", erklärte Ezekiel, „Aber mehr kann ich euch im Moment nicht anbieten. Es gibt eine kleine Gruppe von …. etwas seltsamer Individuen, die sich in einer Müllhalde ihr Nest gebaut haben. Vielleicht sind die bereit euch zu helfen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Erlöser von ihrer Existenz wissen, oder einfach nur kein Interesse an ihnen haben, aber ich würde euch zur Vorsicht raten, diese … Leute haben die Regeln der Zivilisation vollkommen hinter sich gelassen und leben in einer Parallelgesellschaft. Leider sind sie die einzige andere Gemeinde, von deren Existenz ich weiß, die euch möglicherweise helfen würde. Es gab Gerüchte über eine Gemeinde, die Widerstand geleistet hat und von den Erlösern böse bestraft wurde, woraufhin sie sich in alle Winde zerstreut hat. Aber das waren dann auch schon alle, die in Frage kommen. Es betrübt mich, dass ich keine größere Hilfe sein kann, aber das Königreich kann es sich nicht leisten von den Erlösern als Feind angesehen zu werden."

„Ich verstehe", sagte Rick, „Wir sind für jede Hilfestellung dankbar, die Ihr uns geben könnt. Auch wenn wir der Meinung sind, dass es ein Fehler ist weiterhin freiwillig unter der Knute der Erlöser zu buckeln."

„Darüber sind wir uns dann wohl uneins", meinte Ezekiel, „Morgan wollte meine Erlaubnis nach seinen Kameraden Owen zu suchen, er wird euch also begleiten, wenn ihr geht. Die schöne Carol wird es wohl ebenso halten." Er warf einen melancholischen Blick in Carols Richtung. „Habt eine sichere Heimreise. Ich werde ein Gespräch mit Negan in die Wege leiten."

„Als ob das irgendetwas bringen würde", murmelte Daryl.

„Er gibt sich als vernünftiger Mann. Er wird Argumenten zugänglich sein", behauptete Ezekiel.

Daryl schnaubte ungläubig. Und dann sagte Rick auch noch: „Vielleicht solltet Ihr das lieber doch nicht tun, Eure Hoheit. Mit Negan sprechen, meine ich." Daryl starrte seinen Freund ungläubig an. Was sollte denn das jetzt?! „Was wenn genau das zu dem offenen Konflikt führt, den Ihr nicht wollt?", fuhr der Omega-Anführer fort, „Das Letzte, was ich will, ist das Königreich einer unnötigen Gefahr auszusetzen." Daryl starrte ihn verwundert an. Ging es hier gerade um Hilltop? Offensichtlich. Rick schien zu befürchten Ezekiels Kopf bald in einem Sack geschenkt zu bekommen.

„Das ehrt dich, Rick Grimes", meinte Ezekiel, „Doch niemand tötet einen anderen, nur weil dieser mit ihm sprechen möchte."

„Was wenn Negan nicht gefällt, was Ihr zu sagen habt? Ich habe ihn erlebt, er …. Er mag es nicht, wenn man seine Regeln bricht", gab Rick zu bedenken.

„Besorgte Kritik anzubringen bricht keine Regel, die mir bekannt wäre. Macht euch keine Sorgen, ich weiß, wie man mit Menschen umgeht. Sogar mit Menschen wie Negan", sagte der König. Rick deutete eine Verbeugung an. Genau wie Jesus. Was Daryl dazu zwang es ebenfalls zu tun, ansonsten wäre er dumm dagestanden.

Damit schien die Audienz beendet zu sein.

„Was sollte das eben, Rick? Ich dachte, du willst seine Hilfe?", beschwerte sich Daryl, kaum, dass sie den Thronsaal verlassen hatten.

„Wir können nicht einfach alle hierher übersiedeln", sagte Rick, „Wer weiß, was Negan tun würde? Wenn wir einen Schlag gegen die Erlöser ausführen wollen, muss es ein koordinierte Schlag sein, von dem sie sich nicht mehr erholen, damit sie nicht zurückschlagen können. Wenn sie das Königreich zuvor angreifen, haben wir unseren einzigen Verbündeten verloren, bevor die Schlacht begonnen hat."

„Sie werden uns nicht helfen, nicht so, wie wir wollen, das hat er uns gerade selbst gesagt", rief Daryl ihm in Erinnerung.

„Wenn es soweit ist, werden sie uns helfen. Das hier sind gute Menschen, sie werden nicht einfach so daneben stehen, wenn wir Hilfe brauchen. Ezekiel wird nicht einfach so daneben stehen. Jesus wusste das, deswegen hat er uns hergebracht", behauptete Rick, „Aber wenn er bis dahin nicht vorsichtig ist…." Er warf einen Blick auf Carol. „Du musst hierbleiben und ihn anleiten, Carol", beschloss er dann.

„Kommt gar nicht in Frage!", erwiderte diese sofort, „Ich lasse meine Freunde nicht im Stich, wenn sie meine Hilfe brauchen!"

„Du hilfst uns am besten, indem du den König und sein Königreich am Leben erhältst. Er denkt vielleicht, er könnte mit Negan wie mit einem normalen Menschen reden, aber da irrt er sich. Du musst dabei sein und dich notfalls dazwischen stellen. Das war doch deine Idee: Auszunutzen, dass wir sind, was wir sind, um Negan beizukommen", meinte Rick, „Er wird einen Omega nichts antun. Und Ezekiel auch nicht, wenn du ihn darum bittest."

Carol schüttelte den Kopf. „Das gefällt mir nicht, Rick. Wir sollten uns nicht aufteilen, das ist uns noch nie gut bekommen", meinte sie.

„Es wird ja nicht für lange sein", behauptete Rick, „Ich habe nicht vor länger den unterwürfigen Omega zu spielen als unbedingt nötig. Aber bisher sind wir nicht stark genug. Wir brauchen mehr Verbündete. Und Waffen. Wir müssen diese Müllleute aufsuchen und irgendwo Waffen auftreiben. Und zugleich dürfen wir nicht darauf vergessen zu Hause alles ruhig zu halten."

Daryl sagte nicht, dass er die dumpfe Ahnung hatte, dass das Letzte das Schwerste von all dem sein würde.


A/N: Carol und Rick sollten in diesem Kapitel eigentlich nicht miteinander streiten, aber offenbar hatten sie andere Pläne.

Ich muss hoffentlich nicht extra-betonen, dass ich nicht der Meinung bin, dass die Tatsache, dass Carol Lizzie erschossen hat, sie zu einer Unfrau oder dergleichen macht. Ich mag diese Tat vielleicht nicht gerade gutheißen, kann es aber unter den gegeben Umständen nachvollziehen (das ist der prinzipielle Unterschied wie die Charaktere vor und nach Alexandria mit solchen Situationen umgehen, ohne Infrastruktur greifen sie eben mal zu radikalen Mitteln, aber andere Lösungen würden oft zum gleichen Resultat führen, gerade im Fall von Lizzie – entwaffnen, fesseln und zurücklassen wäre ebenso ein Todesurteil gewesen oder schlimmeres). Ihre Patentlösung für alles ist nun mal jeden umzubringen, aber so sehr das nicht gut ist, ist es durchaus verständlich und manchmal vielleicht klüger, wenn man bedenkt, wie oft sich Ricks Gnade im Endeffekt gerächt hat.

Reviews?