Herausforderungen


I.

In dem Moment, als Maggie und Carl mit dem lebenden Baby aber ohne Lori vor ihm auftauchten, wusste Rick es - er wusste, dass sein Leben, wie er es bisher gekannt hatte, vorbei war. Er wusste, dass er Lori verloren hatte. Für immer. Dass er ihr nie wieder verzeihen könnte, sie nie wieder in seine Arme schließen könnte, ihr nie wieder sagen könnte, dass er sie liebte. Dass er seine letzte Chance ihr zu sagen, was er für sie empfand vertan hatte.

Nachdem sie sich um Hershel gekümmert hatte, ihn nach der Amputation am Leben gehalten hatte, hatte er die Chance gehabt ihr zu verzeihen, zusammen mit ihr wieder von vorne anzufangen, seine zerrüttete Familie wieder zu vereinen, aber er war zu stolz dazu gewesen, sie war ihm zu fremd erschienen. Vielleicht war er auch immer noch zu wütend auf sie gewesen.

Tapfer hatte sie alles erduldet, was er ihr in den letzten Monaten zugemutet hatte. Sie hatte sich über nichts mehr beschwert, war eine liebevoller Mutter für Carl gewesen, hatte die Schwangerschaft still erduldet, ertragen, dass Rick alle anderen ihr vorgezogen hatte, ertragen, dass Rick sich von Merle anfassen ließ, wann immer einem von beiden danach war. Sie hatte das aller ertragen, alles auf sich genommen ohne zu klagen, nur manchmal daran erinnert, dass der Geburtstermin bevorstand, hatte akzeptiert, dass ihr Gefährte sie scheinbar nicht mehr liebte. Und er hatte ihr nicht das geringste Zeichen von Zuneigung gegönnt, hatte ihre Existenz ignoriert, sie nur gelobt, als jemanden, der etwas Gutes für die Gruppe getan hatte, als sie Hershel gepflegt hatte.

Und nun war sie tot. Und er würde ihr nie wieder sagen können, dass er ihr verziehen hatte, dass er sie liebte, immer geliebt hatte, dass sie seine Gefährtin war und sonst niemand.

Er hatte sie sterben lassen. Sie war genauso tot wie T-Dog, der von den wandelnden Toten zerfetzt worden war, und Carl hatte alles mit ansehen müssen! Versagt, versagt, du hast versagt, hallte seine eigene Stimme in seinen Ohren, hallten seine eigene Vorwürfe in seinen Ohren wieder.

Er schrie auf und floh, wusste, dass er nichts anderes wollte als Lori zu finden. Er achtete nicht darauf, ob ihm jemand folgte, er musste nur zu Lori. Lori, seine Gefährtin, seine Ehefrau, die er geschworen hatte immer zu lieben. So schön am Tag ihrer Gefährtenzeremonie. So schön an dem Tag, als sie Carl geboren hatte. Lori.

Er achtete nicht auf Glenn, der ihn ansprach, er suchte den Boilerraum, den Ort, an dem Lori lag.

Dort war sie aber nicht, sie war weg. Lori war weg. Für immer. Rick war alleine, für immer. Die einzigen Menschen, die er jemals geliebt hatte, die ihn jemals geliebt hatten, waren weg. Tot. Shane. Lori. Fort, er war alleine. Du hast immer noch Carl. Und das Baby. Und dein Rudel, du bist nicht alleine, flüsterte ihm eine innere Stimme zu, doch er hörte nicht auf sie.

Und dann tauchte Merle hinter ihm auf. „Du hast den Asiaten ziemlich erschreckt, Grimes", meinte der Alpha ungefragt.

„Sein Name ist Glenn! Nenn ihn bei seinem Namen!", knurrte Rick.

„Dann eben, Glenn, du hast ihn erschreckt. Er macht sich Sorgen um dich, alle machen sich Sorgen", meinte Merle unbeirrt.

„Was willst du hier?", spukte er Merle entgegen.

„Wie gesagt, wir alle machen uns Sorgen. Ich dachte, du brauchst jetzt vielleicht….", begann der Alpha.

„Ich brauche vielleicht was? Dich? Denkst du nur weil ich zugelassen habe, dass du mich fickst, würde uns irgendetwas verbinden?", attackierte Rick den Mann, der gekommen war um ihn zu trösten, „Das tut es nämlich nicht. Du bist weder mein Gefährte, noch mein Alpha. Ich hatte eine Gefährtin, ich hatte einen Alpha! Sie sind beide tot!"

„Ich dachte, wir beide wären inzwischen zumindest Freunde", erwiderte Merle leise. Rick hatte mit seinem Versuch ihm weh zu tun offenbar Erfolg gehabt, er hatte ihn verletzt.

„Freunde", wiederholte Rick. Freunde! Rick Grimes war ein furchtbarer Freund, er tat seinen Freunden furchtbare Dinge an, Shane könnte das bestätigen, wenn er hier wäre. Aber Shane ist tot. So tot wie Lori. „Sie sind tot", verkündete Rick leise, „Und ich bin schuld daran."

„Klar, Rick Grimes persönlich hat für den Untergang der Welt gesorgt", spottete Merle, „Sei nicht blöd. Deine Kinder brauchen dich. Geh zu ihnen."

Rick schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht", klagte er, als ihm klar wurde, wie wahr das war, „Ich kann nicht." Er kauerte sich auf den Boden und presste sich seine Hände gegen den Kopf. Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht…..

Merle hatte sich neben ihn gehockt und umfasste sein Kinn und zwang ihn den Kopf zu heben und ihn anzusehen. Rick sah ihn kaum vor Tränen. „Ist schon gut, Omega", brummte Merle, und zwang dessen Hände von seinen Ohren, „Sag mir, was du brauchst."

Rick drückte sich gegen den Alpha und verbarg sein Gesicht an dessen Brust. Was er brauchte, konnte ihm keiner geben. Keiner konnte ihm Lori zurückgeben. Niemals wieder. „Sshhh, sag mir was du brauchst", wiederholte Merle.

Rick presste sich nur fester gegen den Alpha, sog dessen Geruch ein und versuchte sich daran zu erinnern, wie man ohne sein Herz lebte. Es wollte ihm nur partout nicht einfallen, wie er das bisher geschafft hatte. Was, wenn er sich nie mehr daran erinnern könnte? Was, wenn er nicht weitermachen könnte? Was, wenn er ohne Lori nicht überleben könnte?

Deine Kinder brauchen dich, hatte Merle gesagt. Ihm blieb keine Wahl, er musste weiterleben. Wenn er nur wüsste wie.

Und dann spürte er Merles starke Hände auf seinen Rücken, die ihn beruhigend streichelten. Die ihm sagten, dass alles wieder gut werden würde. Und er glaubte ihnen. Weil er ein Omega war und Merle ein Alpha. Und Alphas Omegas niemals anlogen.

Zumindest nicht dann, wenn es darauf ankam.


II.

„Spencer hatte einen Unfall, es gibt keinen Grund zur Sorge", erklärte Shane Carl und hinderte ihn daran das Haus zu verlassen und sich an ihm vorbeizuschieben um zu sehen, was sich vor seinem Haus abspielte, „Geh zurück zu Judith." Carl funkelte ihn wütend an und wollte sich weiter an Shane vorbeischieben, doch der Alpha hinderte ihn daran. „Carl, hör auf das, was ich sage."

„Ich bin kein Kind mehr! Ich ertrage den Anblick schon!", behauptete Carl und machte weiter Anstalten sich aus dem Haus zu zwängen. „Hör lieber auf deinen Vater, Junge", meinte Negans Stimme hinter Shane, und Carl erstarrte. „Er ist nicht mein Vater!", verkündete der Junge dann wütend und stürmte davon, aber zumindest zurück ins Haus.

„Uh, das hört sich verdächtig nach Teenager-Rebellion an", kommentierte Negan den Zwischenfall mitleidig, „Hat der kleine Carl seinen Alpha-Daddy nicht mehr lieb?"

Shane drehte sich zu Negan um, während er die Türe hinter sich schloss. Er wollte nicht, dass Carl doch noch hinausschlüpfte. „Ich bin im Augenblick nicht seine Lieblingsperson, aber das hat nichts zu bedeuten. Er vermisst Rick", sagte Shane und sah dann dabei zu, wie hinter Negans Rücken Justin, der mit Negan in die Stadt gekommen war, und Morales dabei waren das wegzuräumen, was einst Spencer Monroe gewesen war. Wie soll ich das nur erklären? Wie rechtfertigen? Wenn sie uns vorher schon nicht mochten, werden sie uns jetzt hassen.

Die erste Person, die sie hassen würde, kam gerade herangeeilt und blieb entsetzt vor Spencers Überresten stehen. Shane fragte sich, ob sie ihn erkannte, oder es einfach nur von anderen gehört hatte was passiert war und es deswegen wusste. „Was habt ihr getan?!", empörte sich Rosita Espinosa mit leicht hysterischem Unterton in ihrer Stimme. Shane widerstand dem Drang mit den Finger auf Negan zu zeigen und jede Schuld abzustreiten.

„Spencer hat sich das alles selbst zuzuschreiben", sagte Negan schulterzuckend, „Er wollte mich in seine kleine Intrige gegen euren Rudelführer hineinziehen. Sei lieber dankbar, dass ich euch von diesem Problem erlöst habe."

„Rosita und Spencer waren …. befreundet", meinte Shane gedämpft in Negans Richtung.

„So? Nun, dann weiß sie jetzt wenigstens, dass er ein Scheißkerl war", gab Negan laut und ohne Reue zurück.

Rosita machte Anstalten sich auf Negan stürzen zu wollen, doch sie kam nicht weit. Michonne war vor sie getreten und hielt sie zurück und zischte ihr zu, dass sie sich beruhigen sollte. „Ja, beruhig dich", stimme Negan zu, „Wir wollen doch nicht, dass Rick zu mehr als einem Toten nach Hause kommt." Rosita gab einen wütenden Schrei von sich und wurde dann beinahe gewaltvoll von Michonne und Andrea davon geschleppt, wobei sie sich allerdings ziemlich lautstark strampelnd gegen diese Behandlung wehrte.

Negan beobachtete sie Szene kopfschüttelnd. „Temperament hat sie ja, die Kleine", stellte er fest, „Sicher ist sie ein Knaller im Bett, Spencer hätte das nicht durch seine Intrigen riskieren sollen."

„Negan", meinte Shane, nachdem er für sich still für zehn gezählt hatte, „Was hast du jetzt vor? Willst du immer noch auf Rick warten?"

„Selbstverständlich", lautete die Antwort, „Es hat sich nichts geändert. Die Frage ist nur, womit ich mich beschäftige, bis der große Omega-Anführer hier eintrifft. Vielleicht sollte ich noch mal alles inspizieren."

„Das wird nicht notwendig sein. Das habe ich gerade erst getan, bevor du eingetroffen bist", warf Shane schnell ein, „Es gibt noch einen Pool-Tisch in der Garage. Einen Tischtennis-Tisch haben sie auch hier. …"

„Pool mit Alphas zu spielen interessiert mich nicht. Und Tischtennis ist was für Schwächlinge", meinte Negan, „Ich habe genug von dummen Spielen. Gibt es hier nichts Interessantes zu tun?"

„Du könntest dir Videointerviews ansehen, von Bewohner von Alexandria", schlug Shane vor, obwohl er wusste, dass er das noch bereuen würde, „Spencers Mutter hat sie durchgeführt, als sie hier noch das Sagen hatte."

„Okay, das klingt spaßig", räumte Negan ein, „Zeig es mir."

Natürlich bestand er darauf das Video von Rick zu sehen. „Wow, der macht einem ja richtig Angst da drauf. Und ich dachte, ich wäre vorher scharf auf ihn gewesen", kommentierte Negan den Anblick des bärtigen verwilderten traumatisierten Ricks, „Aber das hier …. wow… spontaner Ständer."

Shane versuchte so zu tun, als hätte er das nicht gehört. „Du bist ein glücklicher Mann, Shane Walsh", fuhr Negan fort.

„Ja, der glücklichste", log Shane.

Negan warf ihm einen scharfen Blick zu. „Oder lässt er dich zur Zeit nicht ran? Armer Shane, gibt es etwa Ärger im Paradies? Dabei hab ich mir doch so viel Mühe gegeben euch beide wieder zu vereinen", behauptete er, beinahe so als hätte er nicht damit gerechnet, dass es Ärger zwischen dem Omega-Rudelführer und seinem ehemaligen Alpha, der nun sein Gefängniswärter war, geben würde. Beinahe so, als ob er das wirklich bedauern würde.

„Es wird sich schon alles wieder einrenken. Rick ist praktisch sofort nach deiner Abfahr ebenfalls ausgebrochen", sagte Shane schnell.

„Mhm … Fast so als wollte er dringend dort sein, wo du nicht bist", bemerkte Negan nachdenklich, „Aber wir sollten da nicht zu viel hineininterpretieren, nicht wahr? Aber genug von Rick, zeig mir die anderen Videos. Die der anderen Omegas, die mit Rick hergekommen sind." Das war eine sehr spezifische Anfrage. Und Shane war nicht so naiv zu denken, dass Negan sich diese Videos nur ansehen wollte um sich dabei einen runter zu holen oder ähnliches. Mir gefällt das nicht, dachte Shane, Mir gefällt nicht, was Negan da tut. Was will er mit Alexandria? Was will er mit den Omegas? Egal, wie die Antwort darauf lauten würde, Shane würde sie nicht gefallen, so viel war sicher. Er beobachtete wie sich Negan all die Videos mit hochkonzentrierter Miene ansah. Er lernte daraus mindestens so viel wie Shane aus ihnen gelernt hatte, das war offensichtlich.

„Okay, das reicht jetzt mit den Videos", verkündete er schließlich, „Ich möchte diesen Eugene besuchen." Das konnte erst recht nichts Gutes bedeuten, aber es gab keinen Grund Negan diese Forderung zu verweigern.

Eugene war in seinem Workshop. Er hatte sich in der Garage von dem Haus, in dem er mit Abraham wohnte, einen Workshop eingerichtet, in dem er an allen möglichen Dingen herumbastelte. Das schien ihn zu beruhigen. Shane hatte Eugene als äußerst nervösen Omega kennengelernt. Von allen Omegas hatte er die Begegnung mit den Erlösern eindeutig am schlechtesten weggesteckt, und er schien jedes Mal, wenn er Shane, Morales, oder einen der anderen sah, damit zu rechnen geschlagen, vergewaltigt, oder getötet zu werden, was Shane aber nicht persönlich nahm. Nun aber wollte ihn die Person, wegen der er in diesem Zustand war, besuchen. Das konnte nur schief gehen.

Auf dem Weg zu Eugene lief ihnen scheinbar zufällig Sasha über den Weg. „Ach, Sasha könntest du Abraham suchen und ihn diese undichte Stelle am Zaun zeigen? Ich glaube, die braucht Reparatur. Sag ihm, ich will, dass er sich das ansieht", meinte Shane zu ihr, kaum, dass er sie erkannte.

„Was denn, jetzt?", wunderte sich der Beta und warf dabei einen eindeutigen Blick in Negans Richtung.

„Ja, genau. Jetzt jetzt. Bitte", betonte Shane.

Sasha zog die Augenbrauen los, ging dann aber los, wohl um genau das zu tun, zumindest hoffte Shane das.

„Ich bin beeindruckt, Shane, mein Freund, offenbar gehorcht man dir hier ja doch", meinte Negan zu der Szene. Das konnte Shane nicht feststellen, bisher hatte er kaum Befehle im eigentlichen Sinn erteilt. Das hier war sozusagen eine Premiere, aber zumindest eine die gut lief, wie es schien. Hauptsache Abraham war nicht in der Nähe, wenn Negan seinen verängstigen Omega besuchte.

Abraham schien tatsächlich nicht in der Nähe zu sein. Eugene arbeitete alleine in seiner Garage. Als er Shane erblickte, schien er sich automatisch kleiner zu machen, doch als er Negan erkannte, schrumpfte er regelrecht in sich zusammen. Der Angstgestank erfolgte so spontan wie beeindruckend. Wenn sie Pech hatten roch Abraham das durch die ganze Stadt hindurch und tauchte in wenigen Minuten hier auf.

„Ich habe nichts getan!", verkündete Eugene.

Negan setzte einen seiner Grinser auf. Doch falls er dachte, er würde Eugene damit beruhigen, irrte er sich gewaltig. Schon Shane fand Negans Grinsen im Normallfall beunruhigend, und er war ein Alpha. Eugene der Omega bekam dadurch nur noch mehr Angst und flüchtete sich ans hintere Ende der Garage. „Aber das wissen wir doch!", verkündete Negan fröhlich, „Eugene, ich glaube, wir beide haben am falschen Fuß begonnen. Ich wollte mich bei dir entschuldigen."

„Ich war auf beiden Knien und auf keinem Fuß, also haben wir genaugenommen nur auf deinen Füßen begonnen", erklärte Eugene daraufhin.

Negans Grinsen gefror. „Ja", meinte er dann langsam, „damit hast du natürlich recht. Ich bin nur der Ansicht, dass ich dir einen falschen Eindruck vermittelt habe. Es lag nie in meiner Absicht dir Angst einzujagen."

Eugenes Miene war in diesem Augenblick vermutlich ein exaktes Spiegelbild von Shanes. Erwartete Negan ernsthaft das ihm das irgendjemand glaubte? „Ich meine, ich wusste ja nicht, wer du bist, als wir uns kennengelernt haben. Ich mache gerne mal einen auf großen bösen Alpha, wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe", elaborierte Negan, „Du kennst das sicher von anderen Alphas. So sorgt man dafür, dass man respektiert wird. Aber ich bin niemand, der gerne Omegas erschreckt. Vor allem nicht besondere Omegas. Siehst du, ich habe gehört, dass du extrem schlau sein sollst. Ist das wirklich wahr?"

Gehört hatte Negan das auf Deanna Monroes Videointerview mit Eugene. Das waren Eugenes genaue Worte gewesen: „Ich bin extrem schlau. Das ist eine Tatsache und keine Angeberei."

„Ja, es ist wahr. Gegen die meisten Menschen, und ich meine das in keinerlei Hinsicht beleidigend, bin ich extrem intelligent", erklärte Eugene, rührte sich aber keinen Zentimeter von der Wand, an die er sich presste, weg.

Negan sah sich in der Garage um. „Wie ich sehe, reparierst du hier Dinge. Und baust andere", stellte er fest, „So jemanden wie dich könnte ich im Sanctuary ganz gut gebrauchen. Ich habe dort Leute, die so was tun, aber denen fehlt es an Inspiration, sie sind wie Roboter, schrauben immer nur Teile aneinander… Sag mir, Eugene, was kannst du noch alles?"

„Wie genau ist diese Frage gemeint?", wollte Eugene wissen.

„Na ja, offenbar kannst du Scheiß reparieren. Du bist aber kein simpler Mechaniker. Bist du eine Art Ingenieur?", hackte Negan nach, „Was machst du hier in Alexandria den ganzen Tag lang?"

„Was gerade benötigt wird. Ich bin anpassungsfähig und habe sehr viele Bücher gelesen. Ich weiß, wie Dinge funktionieren, wie man sie herstellt, wozu man was benötigt. Ich habe mich unwissentlich mit meinen Studien auf ein Leben nach der Infektion vorbereitet, wenn man Wissen brauchen wird, das andere schon lange für selbstverständlich hingenommen haben, und daher ignoriert haben", erklärte Eugene mechanisch und drückte sich dann dichter an die Wand. Vermutlich hatte das Gleiche gesehen wie Shane – das Glitzern in Negans Augen, das eindeutig sagte „Jackpot".

„Ach?", schnurrte Negan, „Das heißt also, du könntest zum Beispiel …. Waffen nachbauen?" Natürlich wäre das das Erste, wonach er fragen würde. „Manche, über deren Herstellung und Aufbau ich nachgelesen habe", gab Eugene zu.

Shane spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Das hier geriet schneller und auf andere Art und Weise außer Kontrolle, als er erwartet hatte.

„Und was für Waffen wären das?", wollte Negan interessiert wissen.

„Kriegsmaschinerie hauptsächlich. Mittelalterliche Waffen ebenfalls", erwiderte Eugene.

„Schusswaffen?"

„Unter Umständen. Ich weiß zumindest wie man Kugeln gießt, Munition herstellt…"

Shane wünschte sich wirklich Eugene hätte das nicht gesagt. Er konnte Negans Gier förmlich spüren, und riechen konnte er sie sowieso. „Ich wusste ihr seid was Besonderes. Andere hatten ihre Zweifel, aber ich wusste es von Anfang an", jubilierte Negan. „Eugene, mein lieber Eugene, du bist gerade der wertvollste Bewohner in diesem Teil von Amerika geworden. Keine Sorge, es wird dir im Sanctuary gefallen. Vergiss deinen letzten Besuch. Diesmal sorge ich persönlich dafür, dass es dir an nichts mangelt, und du alles bekommst, was du willst."

Eugenes Antwort bestand in einem erschrockenen Laut und darin zu versuchen zu fliehen, allerdings durch die hintere Garagenwand hindurch.

„Was geht hier vor?!" Zornig und aufgeregt stand er das – Eugenes rothaariger Alpha, Abraham - und er wirkte gar nicht glücklich. „Was macht ihr hier mit meinem Omega?!"


III.

Als Rick endlich das Gefühl hatte sich wieder einigermaßen im Griff zu haben, ließ er sich von Merle über den Gefängnishof zurück zu den anderen lotsen. Zurück zu seinen Kindern. Aber was, wenn ich das Baby nicht lieben kann? Was, wenn ich es ansehe und immer nur etwas sehe, dass Lori umgebracht hat? Rick hielt inne und machte Anstalten erneut die Flucht anzutreten. „Hey, nicht abhauen. Was willst du dort hinten tun? Alleine vor dich hinschmollen? Komm schon, Rick, wir brauchen dich. Und du brauchst uns", protestierte Merle und packte ihn am Arm, bevor er die Flucht ergreifen konnte und schob ihn weiterhin vor sich her. „Aber was, wenn…..", begann Rick, verstummte dann aber.

„Was, wenn was?", wollte Merle wissen, erhielt aber keine Antwort. Er sah Rick lange an. Und musste seine Gedanken an seinen Gesicht ablesen können. „Hör mal, Rick. Daryl und ich wir hatten einen furchtbaren Vater, und um ehrlich zu sein auch keine viel bessere Mutter. Was immer du gerade denkst, ich hab dich mit dem Jungen gesehen, du kannst gar kein schlechter Vater sein, okay? Weil du einfach zu viel Liebe in dir hast um das sein zu können. Du wirst dieses Baby lieben, du wirst es lieben, weil es hilflos ist, niemanden auf dieser Welt mehr hat, und weil es ihr Baby ist, und seines", meinte er dann ernst, „Und selbst, wenn du es nicht lieben wirst, wirst du es nicht hassen. Und dann hat es immer noch uns andere. Aber willst du es dir nicht erst mal ansehen, bevor du beschließt, was du für es empfindest?"

Rick nickte langsam. „Ansehen kann ich es", murmelte er, „Ich kann es mir ansehen." Neues Leben inmitten all des Todes, der sie umgab. Inmitten des Verlust von Lori. Und T-Dogs, der wegen Ricks Fehler hier an diesem verfluchten Ort furchtbar zu Tode gekommen war. Er setzte sich wieder langsam in Bewegung, und Merle folgte ihm, blieb dicht hinter ihm.

„Dad!" Carl rannte auf ihn zu und warf sich in seine Arme. „Es geht mir gut, Carl, es tut mir leid", erklärte Rick, „Wo ist Glenn? Ich will mich bei ihm entschuldigen."

„Glenn ist mit Maggie los um Milchpulver zu besorgen", erklärte Hershel. Natürlich, jetzt wo Lori…. Rick hätte daran denken müssen. Zum Glück hatten die anderen daran gedacht. „Sieh mal, wen ich gefunden habe!", verkündete Daryl und präsentierte Carol. Carol, die lebte, doch nicht tot war. Rick hatte nicht wahrhaben wollen, dass sie ebenfalls gestorben war, dass sie sie ebenfalls verloren hatten, hatte aber das Schlimmste befürchtet, als sie sie hier im von wandelnden Toten überfluteten Gefängnis verloren hatten. Doch sie lebte! Carol lebte!

„Willst du deine Tochter kennenlernen?", fragte die Omega-Frau, nahm Ricks Hand in ihre, und führte ihn zu Beth, die ein kleines Lebewesen in ihren Armen wiegte. „Sieh mal, wer da ist", flüsterte sie dem Wesen in ihren Armen zu, „Es ist dein Daddy. Hier ist dein Daddy."

Sie machte Anstalten das Baby an Rick weiterzureichen, der instinktiv zurückzuckte, aber Merle, der immer noch hinter ihm stand, schob ihn vorwärts. „Sieh sie dir an, Rick", sagte er.

Vorsichtig nahm Rick das kleine hilflose Wesen entgegen. So klein und schon am Leben. Fast ihr ganzer Oberkörper passte in seine seiner Hände. Er stützte sie von unten ab und betrachtete sie, wie sie in seiner Hand lag, und ihn anblinzelte. „Hallo", sagte Rick leise. Sie sah aus wie Carl. Ihre Augen suchten seine. Sie sah ihn an als wäre er das Interessanteste, das sie jemals in ihrem Leben gesehen hatte, und vielleicht war er das ja auch. „Hallo", wiederholte Rick, „Ich bin's. Dein Daddy."

Sie gab kein Geräusch von sich, sondern sah ihn einfach nur an. Und da wusste er, dass er sie lieben würde, mehr als jeden anderen, weil sie jemanden brauchte, der sie liebte, und er jemanden brauchte, den er lieben durfte ohne Zurückhaltung, ohne Grenzen. Merle hatte recht gehabt, sie brauchte ihn. Und er brauchte sie. Und sie war sein Kind, das wusste er ohne Zweifel. Sie war sein Kind, und Loris, und Shanes. Vorsichtig legte er sie in seine Armbeuge. Carl lugte über seine Schulter. „Ich habe mir gedacht, wir könnten sie Judith nennen", erklärte er.

Rick nickte. „Das ist ein schöner Name", stimmte er zu, „Hallo, Judith."

Er umarmte Carl mit seinem freien Arm und drückte ihn an sich und blickte dann wieder hinab auf sie, auf seine Tochter, auf Judith. Und in diesem Moment –mitten zwischen all den Tod und der Verzweiflung war er mit einem Mal glücklich und zufrieden und fühlte sich kein bisschen mehr alleine.

Um die Wahrheit zu sagen, wollte er Judith nie wieder loslassen, nachdem er sie das erste Mal in seine Arme genommen hatte. Beth bot ihm Hilfe an, genau wie Carl, und auch Carol. Aber Rick wollte sie nie wieder loslassen, wollte sie für immer halten. Jede Sekunde, die er sie hielt, schien ihm dabei zu helfen klarer zu werden, weniger Angst zu verspüren, glücklicher zu werden. Sie war sein Kind, er wollte alles für sie tun.

Trotzdem wusste er, dass er sie irgendwie wieder ablegen musste. Dass er sich überlegen musste, wie es weitergehen sollte. Ob sie wirklich hierbleiben wollten, wenn ja, dann mussten sie das Gefängnis besser absichern. Und ob sie die beiden überlebenden Gefangenen Oscar und Axel, beides Alphas, denn das hier war ein Alpha-Gefängnis gewesen, in ihr Rudel aufnehmen wollten oder doch noch verstoßen wollten. Bisher hatte sich jeder Verdacht gegen sie als falsch herausgestellt, und sie hatten einander geholfen. Aber wollte er Verbrecher in der Nähe seines Babys haben?

Er konnte sie riechen, sie waren nahe, lauerten irgendwo im Hintergrund, aber Merle ließ sie nicht in Ricks Nähe oder besser gesagt die Nähe des Babys. Er wusste, was Shane sagen würde, aber Shane war nicht mehr da. Shane war nicht mehr er selbst gewesen, hatte aufgehört an irgendjemand anderen als sich selbst zu glauben. Rick wollte wieder an andere glauben können. Er wollte an sie alle hier glauben können.

Hoffentlich tauchten Maggie und Glenn bald mit der Milch auf. Judith musste etwas essen. Es gab zwar manchmal Fälle von spontaner Milchproduktion bei Omega-Müttern, die ein fremdes Baby annahmen, doch Rick wollte Carol nach ihrem Verlust nicht darum bitten es zu versuchen, und Beth war noch so jung, und Maggie wollte eines Tages vielleicht ihre eigene Familie, und außerdem sagte niemand, dass das in diesem Fall klappen überhaupt würde. Wenn es passieren würde, wäre es wohl schon passiert, bei Beth, die das Baby oft gehalten hatte. Aber was, wenn sie wirklich nichts finden? Was dann? Er drängte diese dringende Frage, diese kalte Angst, aus seinen Herzen.

„Rick", sagte Daryl, „Da steht jemand vorm Gefängnis. Es sind nicht Glenn und Maggie."

Es war eine fremde Frau. Und sie hatte Milchpulver und andere Babyutensilien mit dabei. Und so war Rick doch noch gezwungen Judith aus den Armen zu geben und Michonne kennenzulernen und zu erfahren, was aus Maggie und Glenn geworden war. Der kurze Frieden, der ihm vergönnt gewesen war, war schon wieder vorbei.


IV.

Shane sah zwischen dem wutschnaubenden rothaarigen Alpha, dem verängstigten gegen die Wand gedrücktem Omega, und dem erfreut grinsenden Negan hin und her und wusste, dass das hier mit großer Wahrscheinlichkeit böse ausgehen würde, wenn ihm nichts einfiel um die ganze Situation zu entschärfen. Als erstes hob er seine Hand und machte eine beruhigende Geste. „Niemand macht auch nur irgendetwas mit deinem Omega", versicherte er dem wütenden Alpha, „Wir haben uns nur mit Eugene unterhalten."

„Ach? Und deswegen steckt er beinahe in der Wand?", gab Abraham zurück, und es war offensichtlich, dass er kein Wort glaubte.

Negan schien nicht vorzuhaben dabei zu helfen die Situation zu entschärfen. Er grinste nur weiterhin herausfordernd vor sich hin und meinte dann: „Ich habe unseren guten Eugene lediglich über seine Zukunft im Sancturay informiert. Keine Sorge, er wird dort gut aufgehoben sein. Es wird ihm an nichts mangeln."

„Seine Zukunft im -… Das kommt überhaupt nicht in Frage!", röhrte Abraham, nun eindeutig zum Angriff bereit, „Du kannst nicht einfach hierher kommen und versuchen meinen Omega zu stehlen!"

Negans Grinsen verblasste, und seine Miene wurde steinern. „Ach? Kann ich nicht?", erkundigte er sich mit einem harten Unterton, „Hast du etwa die Abmachung vergessen, die wir haben? Ihr dürft leben, aber ihr gehört alle mir. Inklusive des guten Eugenes."

Der gute Eugene gab ein erschrockenes Geräusch von sich, als er das hörte, was Abraham noch weiter erboste. Shane tat das Einzige, was er tun konnte – er stellte sich demonstrativ zwischen die anderen beiden Alphas. „Das weiß er doch, Negan", erklärte er ruhig, „Was er nicht weiß, ist was du mit Eugene vorhast, und das beunruhigt ihn. Das ist alles."

„Das ist verdammt noch mal nicht alles!", brüllte Abraham, „Wenn ihr denkt, dass ich zulassen würde, dass ihr Eugene mitnehmt, dann irrt ihr euch!"

Shane sah Lucille vor seinem geistigen Auge schon ihr blutiges Werk tun. „Niemand nimmt Eugene irgendwohin mit!", versicherte er schnell.

„Ach?" Negans kalter Blick fiel nun auf Shane. Dieser trat einen Schritt näher an den unberechenbaren Alpha heran und meinte gedämpft: „Sieh ihn dir noch nur an, er ist vollkommen verängstigt. Bei seinen Angst-Pheromonen hat sich hier in wenigen Minuten die ganze Stadt versammelt. Willst du ernsthaft vor aller Augen einen unwilligen Omega in deinen Van zerren? Wie würde das denn aussehen? Du hättest in Nullkommanichts eine ausgewachsene Revolution am Hals. Der wir nicht gewachsen wären, weil wir zu wenig Leute hier haben. Und sie wären noch dazu im Recht. Weil es so aussehen würde, als ob du dem Schwächsten von ihnen etwas antun wollen würdest."

Negan schnaufte. „Und was, Shane Walsh, schlägst du stattdessen vor?", wollte er wissen.

„Dass du Eugene dort lässt, wo er sich am Wohlsten fühlt. Was für eine Rolle spielt es schon, wo er sich aufhält? Er kann auch hier alles für dich herstellen, was du brauchst", meinte Shane ruhig, „Wie du richtig gesagt hast: Alle hier gehören dir. Sie werden tun, was du ihnen anschaffst, aber wenn du jetzt versuchst einen von ihnen von hier wegzuschaffen, dann löst du einen Aufstand aus. Und dann würde keiner mehr glauben, dass du nur ihr Bestes im Sinn hast."

„Was geht hier vor? Abraham?" Sasha war aufgetaucht und näherte sich dem immer noch aufgebrauchten Alpha vorsichtig an. „Was tust du?!" Sie stellte sich neben den Rothaarigen und legte ihm beruhigend eine Hand auf den rechten Arm. Abrahams Haltung wies nach wie vor darauf hin, dass der Alpha jeden Moment angreifen würde. Seine Muskeln waren gespannt, er lehnte sich leicht nach vorne, schien bereit jedem, der ihm missfiel, anzuspringen.

„Es ist alles in Ordnung!", versicherte ihr Shane, „Es gab nur ein Missverständnis. Nicht wahr?" Er warf Negan einen fragenden Blick zu.

Der wirkte auch immer noch angespannt, bereit Lucille zu zücken. Doch dann entspannte sich zumindest die Haltung dieses Alphas, und er verkündete: „Klar, alles nur ein Missverständnis. Ich würde doch keinen Omega aus seinem Zuhause entführen! Ihr Leute habe alle keinen Sinn für Humor!"

Abraham knurrte unwillig, aber Sashas Anwesenheit schien ihn endlich zu entspannen, und Eugene hörte endlich damit auf sich durch die Wand hinausgraben zu wollen, wie es schien. Mit kleiner Stimme fragte er: „Ich darf hierbleiben?"

„Ja, natürlich darfst du hierbleiben, Eugene, mein Freund!", verkündete Negan, „Warum solltest du das nicht dürfen?! Wir sind hier doch alle Freunde!" Er klang etwas zu aufgekratzt um glaubwürdig zu sein. Doch zumindest schien die unmittelbare Gefahr gebannt zu sein. Abraham machte keine Anstalten mehr Negan anzufallen, und Negan keine mehr Abraham Lucille näher vorzustellen. Und Eugenes Angst schien langsam aber sicher nachzulassen.

Ich bekomme nicht genug für diesen Job bezahl. Ach, stimmt ja, ich kriege gar nichts bezahlt!

„Ich brauche jetzt einen Drink!", verkündete Negan, „Kommst du, Shane? Du bist hoffentlich lange genug hier um zu wissen, wo man den guten Stoff bekommt!" Mit diesen Worten stolzierte er aus der Garage hinaus, vorbei an Abraham, den Sasha demonstrativ festhielt.

Vor der Garage hatte sich eine kleine Menge Schaulustiger gebildet. Negan maß sie mit einem kurzen Blick, dann verkündete er mit ausgebreiteten Armen: „Hier gibt es keine weitere Show mehr, Leute! Tut mir leid, keine weitere rituelle Hinrichtung! Vielleicht ein anderer Mal!"

Die Menge war von dieser Ansage sichtlich irritiert und tauschte beunruhige Blicke aus. Manche begannen zu tuscheln. Gott weiß, was sie gerade von Negan dachten, es war aber vermutlich nichts besonders schmeichelhaftes.

„Wolltest du nicht einen Drink?", fragte Shane um die Situation aufzulösen und blieb neben Negan stehen. Sollte Sasha sich um Abraham und Eugene kümmern, er musste weiterhin das Bombenräumkommando spielen.

„Klar, geh voraus", meinte Negan, winkte der verwirrten Menge freundlich zu, und folgte Shane dann fröhlich pfeifend zurück zu dessen Büro. Dort teilten sie sich eine Flasche Scotch, die Olivia Shane an seinem zweiten Tag als Willkommensgeschenk vorbeigebracht hatte. Falls sie vergiftet war, wären sie wenigstens beide tot, und Shane müsste sich nie wieder mit Negan befassen – es sei denn natürlich sie landeten zusammen in der Hölle, was nicht auszuschließen war.

„Guter Stoff. Hätte ich mitgehen lassen sollen", meinte Negan, „Nun, vielleicht hole ich das noch nach."

„Bedien dich nur", meinte Shane, der bereit war zuzulassen, dass Negan ein ganzes Haus mitnahm, wenn ihn das nur dazu bringen würde endlich wieder die Stadt zu verlassen.

„Diese Leute hier … die tun so als wäre ich … keine Ahnung … unvernünftig. Und das obwohl ich so nett zu allen bin. Ich meine jede andere Gemeinde, der hätte ich jetzt schon gezeigt, wie der Hase läuft, aber ihnen lasse ich das alles durchgehen. Und sie … tun so als hätte ich es auf sie im Speziellen abgesehen. Ich meine, dann hab ich halt einen von ihnen getötet, der hatte es verdient! Und Eugene, führt sich auf, als würde er denken, ich wollte ihn vergewaltigen und nachher auffressen oder so was. Was ich bereits hätte tun können, wenn ich es gewollt hätte! Aber nicht nur er scheint das zu denken! Warum nur sehen mich immer alles an und gehen gleich vom Schlimmsten aus?!", beschwerte sich Negan zwischen zwei schnellgeleerten Gläsern, während er hinter Shanes Schreibtisch Platz genommen hatte.

Shane war nicht dumm genug um darauf ehrlich zu antworten. „Sie haben wohl schlechte Erfahrungen gemacht", meinte er schulterzuckend, „Die meisten haben das."

„Es ist nicht leicht in dieser Welt ein Alpha zu sein", sinnierte Negan. Dann erblickte er etwas hinter Shane, und seine melancholische Stimmung wich, und die Sonne schien in seinem Gesicht aufzugehen. „Rick!"

Shane hatte den Omega weder hereinkommen hören, noch seine Gegenwart gerochen, offenbar zeigte der Scotch bei ihm bereits seine Wirkung. Rick ignorierte seinen ehemaligen Partner fast vollständig, sondern wandte sich stattdessen sofort an Negan: „Wir hatten eine Abmachung!"

„Ach, weißt du, Abmachungen kann man ändern", meinte Negan dazu, „Und ich habe dich vermisst."

„Du hast Spencer umgebracht!", brüllte Rick ihn an, „Eugene fast zu Tode erschreckt, und beinahe einen Kampf mit Abraham vom Zaun gebrochen! Und Maggie hast du auch nicht mitgebracht! Warum zum Teufel bist du hiergekommen?!"

Shane spürte, wie er Kopfschmerzen bekam. In Momenten wie diesem wünschte er sich Rick hätte ihm das Messer auch tatsächlich und nicht nur metaphorisch ins Herz gerammt.

Negan wirkte verwirrt. Ricks Wut tatsächlich schien ihn zu überraschen. „Nun, ich wollte dich einfach besuchen kommen", erklärte er dann, „Ist das etwa ein Verbrechen? Ich meine, ich bin extra vorbeigekommen, aber du warst nicht da! Nichts wäre mit Spencer oder Eugene und dem Rothaarigen passiert, wenn du anwesend gewesen wärst um mich zu begrüßen!"

Rick starrte ihn einen Moment lang ungläubig an. Dann wirbelte er ohne ein weiteres Wort herum und stürmte wieder aus dem Büro.

„Also das war jetzt unhöflich", bemerkte Negan und schenkte sich noch ein Glas Scotch ein, „Man könnte fast meinen, dass er mich nicht mag."

Das war der Punkt, an dem Shane beschloss, dass er doch noch ein weiteres Glas leeren musste und das dringend.


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