Die Anderen


I.

Im ersten Moment hielt sie Merles Anblick mitten in Woodbury für eine Halluzination. Es war mitten in der Nacht, und sie sollte eigentlich nicht herumschleichen, aber sie tat es, da sie die Nacht nicht in Philips Haus verbringen wollte, weil sie nicht wollte, dass man sich über sie den Mund zerriss. Neu in der Stadt und schlief schon mit dem Chef, diese Art von Tratscherei wünschte sie sich wirklich nicht. Als schlich sie sich, nachdem sie alleine mitten in der Nacht im Bett aufgewacht war, aus dem Haus, zurück zu ihrer eigenen Unterkunft. Und dann sah sie Merle. Er schien ebenfalls durch die Stadt zu schleichen, war dabei allerdings viel …. vorsichtiger als sie. Offenbar wollte er nicht entdeckt werden.

„Merle?!"

Merle zuckte zusammen, als er ihre Stimme hörte und schien sich angriffsbereit zu machen, doch dann erkannte er sie. „Ach, du bist es Blondie. Die Braut mit dem Schwert hatte also doch recht", stellte er fest.

„Die Braut mit dem … Michonne? Du hast Michonne getroffen? Ist sie zurück in Woodbury?", wunderte sich Andrea, „Was machst du hier?"

„Glenn und Maggie retten. Die hatten sie gefangen genommen, haben sie gefoltert und verhört. Wir wollten sie retten. Deine Freundin hat uns erzählt, was passiert ist, wie sie gefangen wurden und von wem, hat behauptet, dass du auch hier bist, aber wir waren mehr um die Omegas besorgt. Bei der Flucht sind die Dinge dann schief gegangen. Die meisten haben es raus geschafft, aber Oscar ist tot, und ich wurde von den anderen getrennt", erklärte Merle.

Wer ist Oscar? Glenn und Maggie hier? Gefangen? Verhört? Gefoltert? Was redet er da?! Das konnte doch alles nicht wahr sein?! So etwas hätte hier doch wohl kaum vorgehen können, ohne dass Andrea etwas davon mitbekommen würde?! Und Glenn und Maggie waren Omegas! Keiner hier würde sie foltern! Das wäre doch … nicht normal!

„Bist du sicher, dass du dich nicht irrst, und das alles ein großes Missverständnis war?", wollte Andrea wissen. Vielleicht war alles in Wahrheit ganz anders, als Merle dachte, vielleicht hatte es gar keine Veranlassung gegeben Maggie und Glenn zu retten, weil sie nie in Gefahr gewesen waren, sondern so wie Andrea selbst Gäste hier gewesen waren. Aber es hatte einen Alarm gegeben, das stimmte. Aber dieser war inzwischen verstummt, und sie hatte gedacht Bießer wären durchgebrochen. Nie hätte sie vermutet, dass ihr Rudel dahintersteckte.

Merle schüttelte unterdessen bestimmt den Kopf. „Es ist der Anführer der Leute hier. Die Schwertbraut sagt, er hat sie bedroht und ihr seine Leute hinterhergeschickt um sie umzubringen, stattdessen haben die die Omegas einkassiert", sagte er.

Einen Moment lang hoffte Andrea, dass er von Martinez sprach. Er konnte doch überhaupt nicht Philip meinen. Philip, mit dem sie noch vor wenigen Stunden intim gewesen war, Philip, der immer so vernünftig und hilfsbereit gewesen war. Ja, Michonne hatte ihm nie vertraut, aber Michonne war eifersüchtig gewesen, hatte sich von dem Alpha in Philip bedroht gefühlt. Es musste für das alles hier einfach eine andere Erklärung geben. Eine bessere, die mehr Sinn machte.

Laute Stimmen waren zu hören, und im nächsten Moment kamen Martinze und ein paar seiner Kollegen angerannt. Und Merle war auch schon wieder verschwunden.

„Andrea", begrüßte sie Martinez, „Fremde haben sich gewaltsam Zutritt zur Stadt verschafft. Wir glauben, dass möglicherweise immer noch welche von denen hier sind. Hast du jemand gesehen, den du nicht kennst, oder der sich verdächtig benommen hat?"

Andrea schüttelte den Kopf. „Nein", behauptete sie, „Ich habe niemanden gesehen. Welche Fremden sollen das denn sein, und was wollen sie?"

Martinez zuckte die Schultern. „Wer weiß das schon. Manche Leute ertragen es nicht, wenn andere etwas haben, das sie selbst nicht haben. Vielleicht sind es nur einfache Diebe, vielleicht haben sie aber auch Schlimmeres im Sinn. Sei auf der Hut", meinte er und machte sich dann gemeinsam mit den anderen auf die Suche nach Merle.

Offenbar hatte sie einer belogen: Entweder Merle oder Martinez. Andrea tippte auf Martinez. Trotzdem, sie wollte nicht glauben, dass sie sich so in dieser Stadt getäuscht hatte. Sie hatte die Bewohner kennengelernt. Hier lebten Familien, wie die Samuels, alte freundliche Ehepaare, nette Omegas wie Milton…Es war unmöglich, dass die ganze Stadt böse war.

Offenbar hat Martinez mich belogen um die Wahrheit vor mir zu verbergen. Vielleicht verbirgt er sie auch vor den anderen. Vielleicht sogar vor Philip. Eines war klar, sie musste mit Philip sprechen. Von ihm eine Erklärung verlangen. Wenn es stimmte, dass Martinez und seine Miliz hinter all dem steckten, dann könnte Philip alles in Ordnung bringen, davon war sie überzeugt. Wenn sie mit ihm redete, ihm alles erklärte, ihm erklärte, wer Merle und die anderen waren, dann würde sich mit Sicherheit alles friedlich regeln lassen. Davon war sie überzeugt.

Also machte sie sich auf die Suche nach Philip. Das war bei all dem Chaos gar nicht so leicht, doch sie folgte seinem Geruch und fand ihn schließlich. Er stand mit dem Rücken zu ihr vor den Mauern der Stadt, als sie ihn fand. „Philip, was geht hier…." Weiter kam sie nicht, da er sich in diesem Moment zu ihr umdrehte. Erschrocken hielt sie inne.

Philips rechtes Auge war von einem Verband abgedeckt. Blut klebte immer noch an seinem Gesicht. „Das war deine Geliebte", erklärte Philip mit Grabesstimme, „Sie hat meine Tochter getötet, obwohl ich sie angefleht habe es nicht zu tun, und dann hat sie mir das hier angetan. Penny war unschuldig. Ja, sie war krank, doch wenn es Milton gelungen wäre eine Heilung zu finden, dann hätte ich sie zurückbekommen. Doch diese Chance hat sie mir genommen."

„Deine Tochter, aber…." Dann erinnerte sich Andrea - Philips Tochter war tot, war an der Infektion gestorben. Offenbar hatte er irgendwo den Beißer, der einmal seine Tochter gewesen war, versteckt gehalten. Und Michonne hat das Kind erlöst.

Inzwischen hatte sich die gesamte Stadt um ihren Gouverneur herum versammelt. „Wir wurden überfallen!", verkündete Philip Blake nun laut, „Eine Gruppe Terroristen ist in Woodbury eingefallen, hat einige unserer Wachen getötet und mir das hier angetan! Wir wissen nicht, was sie wollten, doch sie sind eindeutig mit der Absicht zu Morden und zu Plündern hierhergekommen! Es waren Alphas, bereit sich zu nehmen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht! Aber keine Sorge, wir konnten die meisten von ihnen vertreiben, und es ist uns gelungen einen dieser Verbrecher zu fangen!" Shumpert, einer von Martinezs Männern, ein Alpha wie alle anderen auch, schob einen humpelten Merle, der über und über von Kratzern und Blutergüssen überseht war, vor die Menge.

„Was soll mit diesem Terroristen passieren, der unsere Bevölkerung angegriffen hat?!", wollte der Gouverneur von der Menge wissen, „Was soll mit diesem Alpha passieren, der hier mitten in der Nacht herumgeschlichen ist, und wer weiß was geplant hat?!"

„Arena, Arena, Arena!", brüllte die erboste Menge.

Diese Antwort schien Philip zu gefallen. Er gestattete sich ein kleines Lächeln. „In der Tat. Das hört sich nach einer angemessenen Strafe an!", verkündete er, „Denn wir sind nicht wie die! Wir werden diesem Mann, trotz allem, was er getan hat, trotz allem, was er geplant hat zu tun, eine faire Chance einräumen sein eigenes Leben zu retten! In unserer Kampfarena! Wo er die Ehre hat gegen Beißer und die, denen er ein Leid angetan hat, zu kämpfen! Wer es wünscht ihn zu stellen, der kann ihn stellen!"

Die Menge jubelte. Philip grinste. Merle zog eine düstere Miene.

Andrea sah den Gouverneur schockiert an, und zum ersten Mal vielleicht überhaupt, sah sie hinter seine charmant Fassade, und sah ihn für das, was er wirklich war: Sie sah einen verrückt gewordenen Alpha, der es genoss die absolute Macht zu haben, der es genoss von der Menge bejubelt zu werden, während er Todesurteile verkündete, und der niemanden Heil brachte, sondern allen immer nur Vernichtung.

Und der genau das jeden einzelnen Bewohner von Woodbury bringen würde.


II.

„Müssen wir ihm denn wirklich schon wieder die Hälfte von allem abgegeben, das wir mitgebracht haben?", wollte Daryl wenig begeistert wissen.

„Sieht so aus", erwiderte Andrea, „So lautet nun mal unsere Abmachung mit ihm."

„Damit war die ganze Ausfahrt aber umsonst, damit müssen wir erst wieder raus", argumentierte Daryl, obwohl ihm klar war, dass es sinnlos war. Von jemandem wie Negan konnte man kaum so etwas wie Fairness und Verständnis erwarten. Besonders viel hatten sie ja nicht gerade gefunden. Auf ihrem Rückweg vom Königreich hatten sie die Müllhalde dieser Müllmenschen gefunden und Owen, der auf besagte Müllmenschen aufmerksam geworden zu sein schien und seine Zeit offenbar damit zugebracht hatte sie zu beobachten. Aus Zeitgründen waren sie überein gekommen, dass sich Morgan und Owen um die Müllmenschen kümmern würden, während Rick, Daryl, und Jesus zumindest irgendetwas besorgten, das sie mit nach Alexandria bringen würden. Da hatten sie noch nicht geahnt, dass Negan sich bereits wieder in der Stadt breit gemacht hatte.

Er war mit weniger Begleitern als beim letzten Mal eingefallen, aber ein unsympathischer Alpha namens Justin hatte praktisch gleich bei ihrer Ankunft verlangt, dass sie ihm die Hälfte von allen ihren Eroberungen übergaben. Und dann hatten sie auch noch erfahren, was in ihrer Abwesenheit alles vorgefallen war. Gabriel hatte sie in erschütterter Gemütsverfassung auf den neuesten Stand gebracht. Woraufhin Rick losgegangen war um mit Negan zu reden, was aber scheinbar nicht besonders gut gelaufen war.

Alles in allem war Daryl vor allem froh, dass Abraham nicht getötet und Eugene nicht entführt worden war. Um Spencer tat es ihm nicht sonderlich leid, doch er hütete sich das auszusprechen. Er wusste, dass Rick sich für den jungen Alpha verantwortlich fühlte, wie er sich für jeden Bewohner von Alexandria verantwortlich fühlte, nur für ihn vielleicht noch besonders, weil er Deannas Sohn gewesen war, und er ihr versprochen hatte sich um die Stadt zu kümmern. Und schlimmer war vielleicht noch, dass genau die Gewalt, die sie versucht hatten aus Alexandria fernzuhalten, nun in die Stadt Einzug gehalten hatte. Und damit nun ausnahmelos alle vor Negan und den seinen Angst hatten.

Trotzdem hätte Daryl es vorgezogen ihnen nicht geben zu müssen, was sie verlangten. Doch Andrea sah das anders, meinte, sie sollten vernünftig sein, sich an den Plan halten, jetzt erst recht - aber sie war nun mal jemand, der immer glaubte, dass sich alles irgendwie lösen ließ, solange alle nur ruhig genug blieben. Daryl wusste es besser.

Trotzdem sortierte er gerade mit Andrea ihre Beute um sie in zwei gleichgroße Hälften zu teilen, und das unter dem wachsamen Augen von diesem Justin, während Rick verschwunden blieb, und Jesus die erste Chance genützt hatte um sich vor dieser Arbeit zu drücken. Eigentlich wäre das ja Olivias Aufgabe, aber die hatte zu viel Angst vor den Erlösern, also blieb es an ihnen hängen.

„So ist es nun mal", meinte Andrea, „Das nächste Mal haben wir ja vielleicht mehr Glück. Finden mehr."

Daryl wies sie nicht darauf hin, dass das nichts bringen würde, wenn sie wieder die Hälfte von all dem abgeben müssten, was sie fanden. Andererseits würde Negan das nächste Mal vielleicht nicht gerade dann eintreffen, wenn sie von ihrer Ausfahrt zurückkamen. Sie konnten es nur hoffen.

Unter den wachsamen Ohren des Erlösers konnte Daryl Andrea nicht einmal über das Königreich, die Müllmenschen, Carol und Morgan und Owen informieren, also darüber, was sie auf ihrer Ausfahrt wirklich erreicht hatten. Auch das würde warten müssen bis Negan und die seinen wieder weg waren und sie eine ruhige Minute ohne ihre Wärter fanden.

„Macht schon weiter! Ich langweile mich hier langsam!", beschwerte sich Justin bei ihnen.

„Wir wollen alles fair aufteilen", erklärte Andrea.

„Wen interessiert fair? Wenn ihr nicht schneller macht, dann nehme ich mir einfach die Hälfte, die mir besser gefällt!", warnte sie die der Erlöser, „Ihr steht im Moment sowieso schon alle auf dünnen Eis."

Daryl hätte ihm gerne die Meinung gesagt, doch Andrea legte ihm eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf. Der Omega seufzte, verdrehte die Augen, und sortierte dann schneller. Es gefiel ihm wirklich nicht von diesem Alpha herum geschupft zu werden, doch offenbar zählte seine Meinung nicht, offenbar war es wichtiger brav zu sein und so zu tun als hätten sie sich unterworfen. Spencer hatte das zwar nicht gerettet, aber auch das hütete er sich zu sagen. Etwas ändern würde diese Aussage ja wohl so oder so nicht. Von der Knute des verrückten Alphas würde sie sie auf jeden Fall nicht sofort befreien, also konnte er sie sich sparen.


III.

„Ich muss zurück! Ich muss Merle retten!", verkündete Daryl, kaum, dass sie das Gefängnis erreicht hatten. Glenn und Maggie hatten sie retten können, doch Oscar war gestorben, und Merle hatten sie zurücklassen müssen. Es war nicht überraschend, dass Daryl auf der Stelle zurückwollte, es war allerdings unpraktisch, beim ersten Mal hatten sie sich in die Stadt schleichen können, weil der Überraschungsmoment auf ihrer Seite gewesen war, diesmal wäre das nicht mehr der Fall.

„Sie werden ihn nicht töten, er ist jetzt im Moment ihre einzige Geisel", erwiderte Rick.

„Er ist kein Omega, er ist ein Alpha, und wir haben ein paar ihrer Männer getötet, sie werden Rache wollen", gab Daryl zurück, „Das Risiko kann ich nicht eingehen."

„Ich will Merle genauso gerne retten wie du", erklärte Rick seinem Freund, „Denkst du, er bedeutet mir nichts?"

„Ich weiß, dass du sein Herz gebrochen hast, also keine Ahnung, was er dir bedeutet oder nicht, aber er ist mein Bruder", betonte Daryl, „Ich rette ihn, mit oder ohne Hilfe."

„Ich komme mit", erklärte Rick, „Du gehst auf keinen Fall alleine zurück." Daryl hatte recht, er war furchtbar zu Merle gewesen, wenigstens zu versuchen ihn zu retten, war das Mindeste was er ihm schuldete.

„Was ist mit deinen Kindern, Rick?", mischte sich Carol ein, „Und was ist mit der anderen Gruppe, die hier aufgetaucht ist?"

„Welche andere Gruppe?", wunderte sich Rick.

„Eine kleinere Gruppe, bunt durchgemischt. Fünf Leute, sie sind auf der anderen Seite in das Gefängnis eingestiegen und….", begann Carol, ihre Erklärung, doch Rick unterbrach sie, „Versorgt sie, wenn notwendig, und seht zu, dass ihr sie wieder loswerdet. Wir können es uns nicht leisten irgendwelchen Fremden zu vertrauen."

„Oscar hast du vertraut", merkte Daryl an, „Er ist für uns gestorben."

„Ja, genau. Du siehst, was es ihm eingebracht hat sich uns anzuschließen", erklärte Rick, „Diese andere Gruppe ist ohne uns besser dran. Sie können nicht bleiben, genauso wenig wie Michonne. Auch sie muss gehen."

„Sie hat Judiths Milch gebracht", rief ihm Carol in Erinnerung, „Und sie sagt, sie sei eine Freundin von Andrea."

„Das könnte alles Täuschung sein. Ein Versuch uns auf ihre Seite zu ziehen. Vielleicht kannte sie Andrea, aber vielleicht hat sie alles, was sie weiß, aus ihr heraus gefoltert. Vielleicht ist sie eine Spionin von Woodbury. Wurde geschickt gerade um unser Vertrauen zu gewinnen, und dann, wenn unsere Aufmerksamkeit nachlässt, verrät sie uns", widersprach Rick, „Ich wollte ja auch wieder glauben können, an uns, an die Menschheit, an diese Welt, aber … Dieser Gouverneur, der hat Maggie und Glenn gefoltert, hat ihnen gedroht sie zu vergewaltigen … Das dort draußen ist keine Welt mehr, die es verdient hat, dass man in sie sein Vertrauen setzt. Alle, denen wir vertrauen können, sind wir. Deswegen retten Daryl und ich jetzt Merle. Und Andrea, falls sie dort sein sollte und Rettung brauchen sollte. Und dann haben wir nichts mehr mit Woodbury zu tun, bleiben unter uns, und halten uns von allen anderen fern, die es dort draußen geben könnte. Nur so können wir überleben. Nur so können meine Kinder überleben."

Eine Politik der Offenheit war ganz eindeutig falsch. Rick hatte sich so sehr gewünscht, dass es anders wäre, aber er hatte mehr zu verlieren als jemals zuvor. Judith war so klein und verletzlich, und Carl hätte er schon einmal beinahe verloren. Lori und Shane hatte er verloren. Er würde seine Familie kein weiteres Mal riskieren.

Ja, er würde Merle retten, weil er ihm das schuldete, und weil Merle genauso zu seiner Familie gehörte wie die anderen aus seinem Rudel hier, vielleicht sogar noch mehr, weil er für Rick da gewesen war wie es kein anderer hätte sein können, doch er würde seine Familie, sein Rudel, nicht für das Wohl irgendwelcher Fremden riskieren. Nie wieder. Nicht, wenn es dort draußen Fremde gab, die harmlose Omegas von der Straße entführten um sie zu foltern.

Wenn das die Welt war, in der sie nun lebten, würde er sich entsprechend anpassen und sehr vorsichtig damit sein, in wen er in Zukunft sein Vertrauen setzte.


IV.

Nachdem sie den Scotch ausgetrunken hatten, legten sie Wein nach. Shane war sich ziemlich sicher, dass Negan inzwischen betrunken war, und er selbst konnte die Wirkung des Alkohols auf seinen Körper nicht mehr leugnen. Rick war nicht wiedergekommen. Am Rande fragte er sich, wo der Omega wohl hingegangen war.

„Weißt du, was das Problem von diesen Omegas ist? Sie sind so empfindlich. Jede kleine Bemerkung ist gleich ein Weltuntergang für sie. Sie nehmen alles ernst, was du zu ihnen sagst, selbst wenn es offensichtlicher Unsinn war. Lucille war genauso. Einmal hab ich ihr gesagt, ihr Arsch sieht knackig in ihrer alten Jeans aus, und sie hat sich daraufhin gleich in die Idee hineingesteigert, dass sie fett wird. Dabei hatte ich es als Kompliment gemeint! Knackarsch ist doch ein Kompliment, oder? War es zumindest noch, als ich das letzte Mal nachgesehen habe. Aber im Zeitalter der politischen Korrektheit, wer weiß. Zumindest ist diese Ära jetzt vorbei. Jetzt kann man wieder sagen, was man will - wenn man ein Alpha ist, versteht sich", erklärte Negan gerade, der, ja, eindeutig betrunken war, da er seine tote Frau erwähnte, von der er prinzipiell nie sprach, „Aber Rick und dieses ganze Rudel hier, die sind immer noch so wie vorher. Tun immer noch so, als dürfte man manches nicht sagen, und sind schockiert, wenn man es sagt, und legen es dann falsch aus. Ich glaube, dass die Tatsache, dass sie von einem Omega angeführt werden, sie alle irgendwie zu Omegas gemacht hat, verstehst du, was ich meine?"

Was Shane verstand, war das Negan dringend aufhören sollte zu reden. Und zu trinken. Aber das sagte er nicht.

„Die sehen mich an und denken Großer böser Alpha und glauben, dass das heißen muss, dass ich nur Schlechtes mit ihnen im Sinn habe, weil das alles ist, was Große böse Alphas vor dem Untergang getan haben – Schlechtes. Aber das hier ist eine neue Welt, in der man ein Großer böser Alpha sein muss um zu überleben, um respektiert zu werden. Das heißt aber nicht, dass jeder Große böse Alpha sie gleich zu Tode vergewaltigen will", lallte Negan, „Ich will das nicht. Aber das wollen sie mir nicht glauben."

„Vielleicht solltest du mal versuchen nett zu ihnen zu sein", schlug Shane vor.

„Aber ich bin doch nett zu ihnen. Hab ich den Rothaarigen erschlagen? Nein, das hab ich nicht, und keiner von denen hat sich dafür bei mir bedankt. Tun stattdessen alle so, als wäre es meine Schuld, dass es fast soweit gekommen wäre. Und Spencer! Der war schlecht für sie, ich habe sie von jemanden, der schlecht war, befreit!", argumentierte Negan, „Was ist daran nicht nett?!"

Shane war zu betrunken um ihm das zu erklären. „Omegas sind wie Blumen", sagte er stattdessen, „Man muss sie hegen und pflegen, nicht anschreien und vernachlässigen, und man darf sie auch nicht übergießen, sonst sterben sie."

„Häh?"

„Wenn man sie mit zu viel Zuneigung überschüttet, dann kriegen sie Angst vor einem", erklärte Shane.

„Heißt das, ich soll weniger nett sein?", wunderte sich Negan, dem das offenkundig nicht richtig vorkam.

„Das heißt, du sollst nicht zu viel auf sie einwirken. Das überfordert sie. Gönn ihnen mal eine Pause. Lass ihnen Zeit zu atmen", übersetzte Shane.

„Warst du Hobbygärtner, oder was soll das jetzt? Wieso sollte ich Ratschläge von jemanden annehmen, dessen eigener Omega ihn mit einem Messer attackiert hat?!", verlangte Negan zu erfahren.

„Eben weil ich sehr viel Erfahrung darin habe, was man alles nicht tun soll", gab Shane zurück.

Negan lehnte sich mit neugierigem Gesichtsausdruck zu ihm hinüber. „Du kannst es mir ruhig sagen. Ich bin eh zu betrunken um mich morgen daran zu erinnern: Was genau hast du gemacht um Rick dazu zu bringen dich anzugreifen?", wollte er verschwörerisch wissen.

Shane leerte sein Glas mit einem Zug. „Ich hab ihm das Herz gebrochen", erwiderte er.

Negan schnaufte. „Spielverderber, ich wollte Details", beschwerte er sich, „Irgendwann wirst du es mir sagen, das ist sicher. Irgendwann wirst du mich um Rat anbetteln, weil was immer du getan hast, du es wieder tun wirst. Menschen ändern sich nicht. Nicht wirklich."

„Offensichtlich. Wer gerne mal einen über den Durst trinkt, der hört auch nach dem Ende der Welt nicht damit auf." Das war Ricks Stimme, der mitten in Shanes Büro stand.

„Rick!", rief Negan erfreut, „Da bist du ja wieder. Oh, Shane, jetzt kriegen wir Ärger, dein Omega ist da um dich auszuschimpfen, weil du mit einem Kumpel einen kippst, anstatt nach Hause zu kommen!"

Rick maß sie beiden mit demselben düsteren Blick. „Ich nehme nicht an, dass er in diesem Zustand bald nach Hause fährt", meinte er dann und deutete auf Negan.

„Ich fahre nirgendwo hin. Außer in die nächste Brauerei", spottete Negan und begann dann zu lachen. „Gott, bin ich besoffen", stellte er fest, „Ihr habt es wirklich geschafft mich fertig zu machen. Ich tu so was eigentlich nicht mehr." Er schüttelte den Kopf. „Ich bin ein Opfer, der Umstände, eure Ehren. Keiner hier weiß mich zu schätzen, da muss ich mich doch wohl betrinken."

Rick musterte ihn mit unübersehbarer Verachtung. „Ihr gehört ins Bett. Beide", meinte er dann mit kurzen Blick auf Shane.

„Oh, ist das eine Einladung? Ich mach so was normalerweise nicht, wenn andere Alphas im Spiel sind, aber für dich Ricky Blue Eyes würde ich eine Ausnahme machen. Sag mir nur, wie du mich haben willst", erklärte Negan voller Begeisterung.

„Schlafend, irgendwo anders als mich", sagte Rick, woraufhin Negan einen Schmollmund zog, „Ich habe ein Bett vorbereiten lassen. In eurem Haus. Hilf mir ihn dorthin zu bringen, Shane."

„Ich kann selber gehen!", verkündete Negan, sprang auf, machte einen Schritt, und landete am Boden, „Au. Vielleicht wäre ja doch etwas Hilfe angebracht."

Shane zog Negan vom Boden hoch und ließ zu, dass der andere Alpha sich auf ihn stürzte. „Ich könnte dich immer noch umbringen. Könnte dir immer noch die Kehle rausreißen. Euch beiden", hauchte Negan ihm ins Ohr.

„Das weiß ich doch", meinte Shane beruhigend.

„Ich hoffe, dass du es weißt, weil es wahr ist. Wenn ihr mir was antun wollt, dann müsst ihr früher aufstehen. Ich lasse mich nicht austricksen. Ich könnte zehn Mal so betrunken sein und würde es trotzdem noch mit allen hier aufnehmen! Ich habe schon in schlechterer Verfassung Kämpfe gewonnen! Und wenn ihr mich einsperren wollt, dann werden meine Männer es rausfinden, und sie werden Maggie töten, und mich befreien kommen!", verkündete Negan, stieß Shane von sich, und stolperte einen Schritt zurück, „Denkst du, ich wüsste nicht, dass du ein Verräter bist, Walsh? Denkst du, ich hätte es nicht bemerkt, wie du dich zwischen mich und dieses … dieses Pack stellst, weil du sie vor mir beschützen willst? Ich weiß genau auf welcher Seite du stehst!"

Er blickte sich hektisch um. „Wo ist Lucille?"

Sie lehnte immer noch an Shanes Schreibtisch. „Ich bin nicht hilflos, ich bin immer noch Negan!", verkündete der betrunkene Alpha und langte nach dem Baseballschläger. Rick war schneller. Er schnappte sich den Baseballschläger, bevor der Alpha das konnte.

Negan starrte ihn ungläubig an. „Hast du gerade … hast du gerade Lucille angefasst?!" Er schien es nicht glauben zu können.

„Ich halte sie ja nur für dich. Bis du sie brauchst", erklärte Rick und hielt ihm dann Lucille entgegen, „Hier, du kannst sie selber tragen, wenn dir das lieber ist."

Negan starrte auf den Baseballschläger und dann auf Rick. „Nein, ist schon gut. Ich gestatte dir sie für mich zu tragen", meinte er dann großmütig, „Solange du sie mir reichst, wenn ich sie verlange. Folgt mir, Fußvolk." Und dann stolzierte er voraus, direkt in den Türpfeiler des Büros hinein. Und tat in der Folge so, als wäre nichts passiert. „Wo gehen wir hin?", erkundigte er sich dann.

„Ich sage dir den Weg an", bot sich Rick großzügig an, „Erst einmal durch diese Türe durch."

Negan schwankte voraus, Rick folgte mit Lucille, und Shane schlurfte dann etwas zögerlich hinterher. Ricks Versuche Negan den Weg anzusagen schienen halbwegs zu funktionieren. Allerdings hätten sie auch besser laufen können. Trotzdem traute Shane sich nicht sich dem betrunkenen Alpha noch einmal zu nähern oder ihn gar noch einmal zu stützen. Der dunkle Moment schien zwar vorbei zu sein, aber er wollte keine Rückkehr des paranoiden Betrunkenen riskieren. Ricks unmittelbare Gegenwart schien beruhigender auf Negan zu wirken als Shanes.

Schließlich erreichten sie das Haus, das die Erlöser unwillig zusammen bewohnten, und Rick lotste Negan dort in ein unbenutztes Zimmer, indem ein Klappbett stand. Es war tatsächlich von jemandem vorbereitet worden. Bettwäsche lag darauf, die Decke war aufgeschlagen und sah einladend aus. Negan seufzte bei diesen Anblick, stolperte darauf zu, und fiel auf das Bett. Dann streckte er seine rechte Hand aus. „Lucille!", verlangte er.

Rick drückte ihm den Baseballschläger in die Hand.

„Verschwindet!", lautete der nächste Befehl, dem sie auch nachkamen.

Sie durchquerten das Haus schweigend. Draußen angekommen, meinte Shane: „Wo sind die anderen?" (Er meinte die anderen Erlöser).

„An verschiedensten Orten", gab Rick vage zurück.

„Ich kann hier nicht schlafen, nicht wenn er da ist", erklärte Shane, „Das wäre nicht gut." Er hoffte, dass Rick verstand, was er damit meinte, dass er gesehen hatte, wie Negan reagiert hatte, als er der Meinung gewesen war, dass Shane ihn in einem Moment der Schwäche erlebt hatte. Dass es ihm mit dieser Aussage um nichts anderes ging, als darauf hinzuweisen, dass Negan ihn momentan nicht in seiner Nähe haben wollte.

Rick musterte ihn kurz. „Dann schlaf bei uns", meinte er ungerührt.

Shanes Herz schlug bei diesem Angebot schneller. Er meint am Sofa, das weißt du, versuchte er sich selbst zur Ordnung zu rufen, doch das Herz wollte, was das Herz wollte. „Ich bin nur betrunken, weil mir nichts anderes mehr eingefallen ist um ihn bei Laune zu halten. Ich konnte ihn nicht alleine trinken lassen. Es ist nicht wie früher. Ehrlich", sagte er.

„Was für eine Rolle spielt das, Shane? Es steht dir frei zu tun und zu lassen, was du willst. Wenn du dich betrinken willst, dann betrink dich eben. Es kümmert mich nicht", erwiderte Rick.

„Ich will aber, dass es dich kümmert", gab Shane zu, „Ich will nichts tun, was dir missfällt. Nie wieder." Er wusste, dass er weinerlich klang und das nie gesagt hätte, wenn er nicht betrunken wäre.

Rick seufzte. „Dafür ist es ein bisschen spät, oder?", meinte er irgendwie besiegt.

„Ich liebe dich aber trotzdem", flüsterte Shane und wandte seinen Blick von Rick ab.

„Ja, ich weiß", lautete die Antwort.

Sie standen ein paar Minuten schweigend nebeneinander. „Komm schon", meinte Rick dann sanft, „Du musst ins Bett." Vorsichtig schob er Shane die Stufen des Hauses hinunter. Dieser ließ sich das eine Weile lang gefallen. Dann hielt er inne, drehte sich zu Rick um, und meinte ernst: „Rick, hör zu, sei bitte vorsichtig mit Negan. So was wie vorhin …. als du Lucille. … Mach so was bitte nicht noch mal. Negan ist nicht wie andere Alphas. Man weiß nie, wie er auf etwas reagiert, das sich seiner Kontrolle entzieht."

„Ich würde sagen", erwiderte Rick, „dass er dadurch genauso ist wie andere Alphas."


A/N: Das kürzeste Kapitel bisher.

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