Wir
I.
Das Erste, was Andrea versuchte, war mit Philip zu sprechen. Zumindest zu versuchen ihn zur Vernunft zu bringen, erschien ihr erfolgsversprechender als zu versuchen Merle zu befreien, da sie annahm, dass Martinezs Männern den Alpha streng bewachen würden, und sie keine Chance hätte ihn ohne Blutvergießen aus der Stadt zu schaffen. Ein Teil von Philip musste vernünftig sein, bereit sein ihr zuzuhören. Immerhin war er der Anführer hier. Eine Position, die er sich nicht erarbeiten hätte können, wenn er vollkommen uneinsichtig gewesen wäre. Vielleicht war er ja im Grunde einfach nur wütend über Michonnes Tat.
Wenn sie ihm erklären würde, dass Merle nichts mit dem, was Michonne getan hatte, zu tun gehabt hatte, dass er lediglich versucht hatte seine Omega-Freunde zu retten, dann musste er doch einfach ein Einsehen haben. Immerhin war er selbst ebenfalls ein Alpha. (Ein Alpha, der Omegas gefoltert hatte. Aber das waren fremde Omegas gewesen, mögliche Feinde, sie müsste ihn nur fragen, was er tun würde, wenn jemand Milton kidnappen würde).
Leider lief ihr Gespräch nicht so wie erhofft. Sie fand Philip dort, wo er seine Tochter verloren hatte, umgeben von seinem anderen Geheimnis. Philip hatte offenbar nicht nur seine tote Tochter versteckt gehalten, nein, er hatte auch die Köpfe seiner Feinde gesammelt, wie es schien. Unter ihnen auch den Kopf des Piloten, den er und seine Männer damals als sie Andrea und Michonne getroffen hatten, „gerettet" hatten. Martinez und die anderen hatten die Kameraden des Piloten nicht einfach nicht gefunden, so viel klar, sie hatten sie stattdessen getötet.
„Warum?", wollte Andrea von Philip wissen, „Dieser Mann, seine Freunde, sie hatten euch nichts getan, waren keine Gefahr für euch. Er war verletzt. Er war nicht einmal ein Alpha."
„Aber er und die seinen hätten alles zerstören können, was ich hier aufgebaut habe. Sie sind in mein Revier eingedrungen ohne Erlaubnis, ohne Einladung, und sie hätten alles zerstört, was sie vorfinden, ich musste das verhindern. Ich musste verhindern, dass sie zu ihren Leuten zurückkehren und denen von uns erzählen", erwiderte Philip, und Andrea wurde von einem Flashback heimgesucht, das ihr Shane zeigte, der argumentierte, dass sie Randall töten mussten, weil er seine Leute über sie informieren könnte. Aber das war etwas anderes. Randalls Leute hatten uns bereits angegriffen, wir wussten, dass sie gefährlich waren. Nichts an diesen Leuten hat darauf hingewiesen, dass sie sinistere Absichten verfolgen.
„Aber Michonne und mich habt ihr nicht umgebracht, uns habt ihr aufgenommen, oder zumindest die Chance eingeräumt bleiben zu können", meinte Andrea, „Warum habt ihr uns nicht einfach auch umgebracht?"
Philip schüttelte den Kopf. „Ihr beide habt keine Gefahr für uns dargestellt, ihr ward nur zu zweit, unorganisiert, ward geschwächt und auf der Suche nach Hilfe, nach einer Heimat. Und ihr ward zwei gesunde Beta-Frauen im gebärfähigen Alter. Ihr ward eine willkommene Ergänzung für unsere Gemeinde. Außerdem hattet ihr nichts anderes in eurem Besitz als das, was ihr bei euch getragen habt. Alles, was wir uns von euch nehmen konnten, ward ihr. Also haben wir versucht euch zu nehmen. Du hast dich assimilieren lassen, bist zu einer von uns geworden. Michonne hingegen, nun, das ist eine andere Geschichte. Dass wir zugelassen haben, dass sie diese Stadt lebendig verlässt, war ein Fehler, der mich mein Auge und meine Tochter gekostet hat." Sein zerstörtes Auge hinter seinem Verband schien Andrea regelrecht anzuglühen, als er das sagte.
Er ist wirklich ein Monster. Ein vollkommenes Monster. Wie hatte sie das bisher nicht bemerken können? Wie hatte sie nur so blind sein können?
„Du nimmst dir von anderen also das, was sie zu bieten haben. Diese Leute, sie hatten Hubschrauber, Waffen … also hast du dir diese Dinge genommen. Und ihre Leben", stellte Andrea fest.
„Du hast es erfasst. Ich kann nicht zulassen, dass jemand, der mehr hat als ich, in meinem Revier herumläuft. Das geht nicht. Ich bin der Alpha hier. Alle anderen haben sich mir zu unterwerfen", erklärte Philip vollkommen ungerührt.
„Aber hast du ihnen denn überhaupt eine Chance eingeräumt sich zu unterwerfen? Oder hast du sie einfach getötet?", wollte Andrea wissen, und erhielt darauf keine Antwort, was ihr alles sagte, das sie wissen musste.
„Und was ist mit Merle?", fuhr sie fort, „Hast du ihm eine Chance eingeräumt sich zu unterwerfen? Dir anzuschließen?"
„Er ist hier zusammen mit seinen Leuten eingedrungen und hat meine Leute getötet, während Michonne Schlimmeres getan hat, mit der er offensichtlich unter einer Decke steckt", gab der Alpha zurück, „Er hat keine Chance verdient."
Andrea wollte gerade Maggie und Glenn erwähnen, also den Grund, warum Merle in Woodbury eingedrungen war, doch sie hielt inne. Wenn sie die beiden erwähnte, dann würde sie damit zugeben, dass sie mit Merle gesprochen hatte, bevor er gefangen worden war. Und das wiederum könnte dazu führen, dass Philip ihr vorwarf mit den Eindringlingen und vor allem mit Michonne konspiriert zu haben, und damit wäre sie mit einem Schlag ebenfalls ein Feind. Und das könnte dazu führen, dass sie zusammen mit Merle in der Arena landete. Ich muss klug sein, wenn ich das Falsche sage, bin ich damit keinem eine Hilfe.
„Merle ist mein Freund", sagte sie langsam, „Ich weiß, es sieht anders aus, aber er ist ein guter Kerl. Ich bitte dich ihm eine Chance zu geben, mit ihm zu sprechen. Ich bin sicher, er kann dir alles, was vorgefallen ist, zufriedenstellend erklären. Und wenn ich ihn frage, dann wird er sich uns sicher anschließen. Er ist mir was schuldig, er wird tun, worum ich ihn bitte."
Philip schüttelte den Kopf. „Das Rudel hat bereits entschieden. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich die Entscheidung ihn in die Arena zu schicken jetzt nicht mehr rückgängig machen", behauptete er, „Und ich will es auch nicht. Es ist Monate her, dass du ihn das letzte Mal gesehen hast. Er ist vielleicht nicht mehr der Mann, den du gekannt hast. Die Welt dort draußen ist ein harter Ort. Genau deswegen sammle ich diese Köpfe, um das niemals zu vergessen, um mich darauf vorzubereiten, dass ich eines Tages unweigerlich auf einen Alpha und sein Rudel treffe, die die Härte der Welt dort draußen verkörpern. Leute wie Merle müssen sterben, damit Woodbury gegen das, was dort draußen ist, bestehen kann."
Nein, offenbar hatte er nicht vor sich erweichen zu lassen. Offenbar hatte er nicht vor vernünftig zu sein. Alles andere, was sie sagen könnte, würde zu viel enthüllen. Philip Blake war kein guter Alpha, kein guter Anführer, ihm ging es darum seine Macht zu verteidigen, nicht sein Rudel. Er mochte es anders darstellen, anders argumentieren, doch bisher hatte er in diesem ganzen Gespräch kein einziges Mal den wahren Grund erwähnt, warum Merle nach Woodbury gekommen war. Oder warum Michonne in die Stadt zurückgekommen war. Er stellte es nach wie vor als unprovoziertem Angriff von Fremden dar, sogar ihr gegenüber, wenn sie alleine waren, wenn kein anderer anwesend war, der sie hören konnte.
„Was ist mit Michonne?", wollte sie wissen, „Was auch immer zwischen euch vorgefallen ist, sie ist mit Sicherheit nicht in die Stadt zurückgekommen um deine Tochter zu töten und dich zu entstellen. Sie ist gekommen um mich zu retten, weil sie denkt, ich wäre hier in Gefahr."
„Sie ist diejenige, die eine Gefahr ist. Ich habe es dir schon mal gesagt, manche Menschen wollen keine Heimat finden, sind nicht dafür geschaffen die Beine stillzuhalten. Sie hätte sich hier niemals einleben können, und das wusste sie. Sie mag deinetwegen zurückgekommen sein, aber nur um dich dazu zu zwingen mit ihr zu gehen, weil sie den Gedanken nicht ertragen konnte, dass du ohne sie glücklich leben könntest", sagte Philip, „Nach dem, was sie getan hat, ist sie der Feind. Das nächste Mal, wenn ich sie sehe, wird sie sterben. Das kann ich dir versichern. Sie hat sich mit feindlichen Alphas verbündet, hat diese in unsere Stadt eingeschleust, hat mein Kind getötet und mir mein Auge genommen. Es ist mir vollkommen egal, warum sie das alles getan hat, fest steht sie hat es getan und kann keine Gnade dafür von mir erwarten. Du kannst nicht ernsthaft Gnade von mir erwarten!"
„Sie hat mir das Leben gerettet", betonte Andrea.
„Das habe ich auch. Mehr noch: Ich habe dir eine Heimat geboten", betonte Philip, „Lass mich eines klar stellen: Du bist hier keine Gefangene. Wir zwingen niemanden sich uns anzuschließen. Wenn du gehen willst, dann geh. Aber du musst dich entscheiden: Für sie oder für mich. Wenn du dich für sie entscheidest, dann bist du hier aber nicht mehr willkommen. Nie wieder." Was er nicht sagte war, dass er sie zwar gehen lassen würde, ihr aber vermutlich gedungene Mörder hinterherschicken würde, genau wie er Michonne gedungene Mörder hinterhergeschickt hatte und den Leuten des Piloten. Weil er nicht zulassen konnte, dass sie alles, was sie über Woodbury wusste, jemand anderen erzählen könnte.
„Das ist also meine Wahl: Loyal zu dir zu bleiben oder zu sterben", stellte sie trocken fest.
„Kein Grund melodramatisch zu werden", meinte Philip schulterzuckend, „Woodbury ist ein guter Ort. Mit guten Menschen. Dein Leben hier ist komfortable. Hier kannst du Menschen helfen, Dinge bewirken. Wenn du keine Lust mehr dazu hast mit mir das Bett zu teilen, dann werde ich dich nicht dazu zwingen. Du kannst in dieser Stadt tun und lassen, was du willst. Ja, meine Gründe dich aufzunehmen, mögen hart in deinen Ohren klingen, aber die müssen dir keine Angst machen. Selbst, wenn du dich niemals fortpflanzt, bist du für uns hier wertvoll, du hast genug anderes zu bieten. Woodbury ist nicht dein Gefängnis, es ist deine Heimat. Alles, was du tun musst, um hier glücklich weiterleben zu können ist deine fehlplatzierte Loyalität zu Michonne und Merle zu vergessen. Das ist doch wohl kaum zu viel verlangt."
Alleine, dass er das sagte, bewies, dass er sie überhaupt nicht kannte. Michonne hätte es besser gewusst.
II.
„Wie es aussieht haben wir alles, was wir brauchen. Es gibt also keine Grund für uns noch länger zu bleiben", erklärte Negan, nachdem er die Beute inspiziert hatte, „Trotzdem muss ich dir sagen, Rick, dass ich nach allem, was passiert ist, irgendwie das Gefühl vermittelt bekommen habe, dass du nicht wirklich Herr der Lage bist, hier in Alexandria. Besser gesagt: Sobald die Katze weg ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Vielleicht liegt es daran, dass du ein Omega bist, auf jeden Fall hast du deine Leute nicht wirklich unter Kontrolle. Ich meine das mit Spencer … Das hat mich schon nachdenklich gestimmt. Und dein rothaariger Freund … Der hat scheinbar vergessen, wie die Abmachung lautet, kaum, dass er dachte, ich würde seinen Omega zu nahe treten. Und es sind nicht nur die Alphas. Dieser heißblütige Beta, ich glaube, sie wollte mich angreifen, nachdem ich Spencer … nun, losgeworden bin. Das alles sagt mir, dass ich richtig gehandelt habe, als ich dir meine Alphas zur Unterstützung zur Seite gestellt habe. Offenbar brauchst du sie um hier Ordnung zu halten."
Negan hatte tatsächlich alles, was Justin zuvor naserümpfend in seinem Wagen verstaut hatte, noch einmal kontrolliert. Mindestens die Hälfte der Anwesenden schien von ihm zu erwarten, dass er verkünden würde, dass er Eugene trotz allem doch ebenfalls mitnehmen wollte.
Abraham und Rosita waren daher zu ihrer eigenen Sicherheit eingesperrt worden, während Eugene gezwungen worden war sich beim Tor für die Verabschiedung einzufinden. Sasha stand neben ihm und hielt ihn fest, sowohl um ihm Mut zu machen als auch um ihn daran zu hindern die Flucht zu ergreifen, wenn er das versuchen sollte. Und auf seiner anderen Seite stand Andrea, die ihren noch vorhandenen Arm um ihn gelegt hatte. Von den Betas flankiert zu werden schien Eugene zu entspannen. Trotzdem war seine Angst nach wie vor groß und weder zu übersehen noch zu überriechen.
Rick hatte zuvor lange mit Eugene gesprochen, worüber genau wussten nur die beiden, aber es schien zumindest irgendetwas bewirkt zu haben. Eugene schien zumindest ein wenig ruhiger zu sein als unmittelbar nach seiner Begegnung mit Negan.
Trotzdem fand Daryl es nicht richtig ihn hier draußen auszustellen, als ob er derjenige wäre, der sich falsch verhalten hätte, als ob Negan das Recht dazu hatte ihn mitzunehmen, wenn er es wollte. Als ob sie diejenigen wären, die sich bei Negan entschuldigen müssten, dafür, dass er sich daneben benommen hatte, dafür, dass er einen von ihnen getötet und andere bedroht hatte.
Angeblich war Negan schwer betrunken gewesen. Er und Shane schienen sich nach dem Zwischenfall mit Eugene und Abraham einem wahren Saufgelage hingegeben zu haben. Rick hatte sie dann einfach irgendwann ins Bett gesteckt, ganz und gar nicht zur Freude der anderen Erlöser. Justin wollte offensichtlich vor allem nach Hause, und Morales schien von der Vorstellung in der Zeit, während Negan und Shane außer Gefecht gesetzt waren, das Sagen zu haben in leichte Panik versetzt zu werden. Die anderen beiden Alexandria Erlöser, deren Namen Daryl sich nicht gemerkt hatte, weswegen er sie für sich Erlöser A und Erlöser B getauft hatte, waren sichtlich nervös, während Negans andere Begleiter - drei weitere missgelaunte Alphas - gemeinsam mit Justin die Stadt unsicher gemacht hatten und allen, die ihnen über den Weg gelaufen waren, böse Blicke zugeworfen hatten. Viel mehr hatten sie nicht angestellt, weil es nichts zum anstellen gab.
Sämtliches Sozialleben der Bewohner von Alexandria war nach dem Eugene-Zwischenfall einen grausamen Tod gestorben. Die meisten Bewohner blieben einfach in ihren Häusern und warteten darauf, dass die Erlöser wieder aus der Stadt abhauten. Gerade mal diejenigen, die Wachdienst hatten, kamen ihrer Aufgabe noch nach. Das meiste andere musste vom ursprünglichen Rudel übernommen werden. Zumindest hatten sich Aaron und Eric bereit erklärt Abraham und Rosita zu bekochen und dann in ihrem Haus festzusetzen.
Daryl vermisste Carol geradezu schmerzhaft. Genau wie Morgan und Tara. Er wünschte sich sie wären hier und nicht irgendwo dort draußen auf ihren jeweiligen Missionen, sie könnten jeden Mann und jede Frau gebrauchen. Aber so waren sie im Moment eindeutig unterbesetzt. Noch mehr da Maggie immer noch im Sanctuary festgehalten wurde. Glenn stand ebenfalls bei denen, die die Erlöser verabschiedeten, auch wenn er eindeutig mit den Nerven am Ende war. Getrennt von seiner schwangeren Gefährtin, das musste ihn ja einfach fertig machen.
Auf jeden Fall zeigte Negan keinerlei Anzeichen eines Katers. Er hatte ein paar Stunden durchgeschlafen, war dann gegen Mittag wieder in der Stadt aufgetaucht, und hatte dabei versucht Gabriel ein wenig zu terrorisieren, indem er ihn nach seinem Kragen fragte, nachdem das aber nichts bewirkt hatte, hatte er seine Leute (alle bis auf Shane) aufgetrieben und verlangt seine Beute inspizieren zu dürfen, und nun schien er endlich - endlich - zu planen zu verschwinden. Aber scheinbar nicht ohne vorher noch einmal Rick gründlich zu demütigen.
Der nahm diese ganze Rede mit stoischer Miene hin, obwohl Daryl sehen konnte, dass es in ihm kochte. Michonne stand hinter Rick und trug eine steinerne Miene zur Schau.
„Vielleicht sollte ich ja überlegen hier mehr Leute zu stationieren, nur um sicher zu gehen", fuhr Negan fort. Er schien auf eine Antwort zu warten, die er aber offensichtlich nicht bekommen würde. Zumindest nicht in der Form, die er sich wünschte.
„Wenn du das für richtig hältst, dann muss es wohl so sein", meinte Rick nur ruhig.
Etwas Dunkles blitzte in Negans Augen auf, doch er sagte nichts. „Nun, ich schätze wir sehen uns in ein paar Wochen. Da erwartet ihr doch eure Versorgungsfahrt zurück, nicht wahr? Deren Rückkehr will ich auf keinen Fall verpassen", meinte Negan dann aber, „Richtet Shane meine Grüße aus." Dann fiel sein Blick auf Glenn. „Was ist mit dir, Schätzchen? Hast du dir mein Angebot durch den Kopf gehen lassen? Es war ernst gemeint, weißt du? Wenn du dich zu sehr nach deiner Frau sehnst, dann kannst du gerne mit uns fahren", sagte er zu dem Omega.
Diese Aussage schien die meisten Anwesenden zu überraschen, Rick eingeschlossen. Für einen Moment hatte Daryl Angst, dass Glenn einfach ja sagen würde, zu Negan ins Auto steigen würde, mit ihm mitfahren würde. Jeder könnte es verstehen. Natürlich wäre es ein schwerer Fehler, eine furchtbare Fehleinschätzung, aber es wäre allemal verständlich.
„Ich denke, ich warte fürs Erste weiterhin hier auf Maggie", sagte Glenn, „Bereite alles auf ihre Ankunft vor. Sie wird doch bald soweit sein, dass sie nach Hause zurückkommen kann. Oder etwa nicht?"
Negan war von dieser Antwort offensichtlich enttäuscht, fing sich aber wieder schnell, und verkündete: „Ja, klar. Bald wirst du sie wiedersehen. Vielleicht schon bei meinem nächsten Besuch!" Er wandte sich an seine Leute. „Macht euch bereit, wir hauen von hier ab!", befahl er, „Morales, sag Shane er soll von sich hören lassen."
Dann stieg er endlich in seinen Wagen, und die beiden Erlöser-Fahrzeuge starteten und fuhren in Richtung Tor. Alle starrten den beiden Wägen wie erstarrt hinterher. Erst als sich die Tore hinter ihnen schlossen, gestattete sich Daryl wieder aufzuatmen. Negan war weg, damit sollte sich alles wieder entspannen. Er trat hinüber zu Rick. „Wo steckt Shane? Hast du ihn umgebracht?", wollte er nur halb scherzend wissen.
„Schläft noch", erwiderte Rick nur gedämpft, „Wollte ihn nicht wecken. Negan war das dringendere Problem."
„Nun, äh, damit kann jeder wohl wieder seinen Dinge nachgehen", verkündete Morales gerade, „Oder nicht, Rick?"
Der nickte. „Ja, nun das unsere Gäste wieder weg sind, kann das Leben wieder weitergehen", meinte er laut, „Sasha, Eugene, ihr solltet nach Abraham und Rosita sehen. Es gab offenbar Gerede über ein Loch in einer der Außenmauern. Andrea, Michonne, wollt ihr mir und Daryl nicht zeigen, wo das ist? Glenn kann uns ja zur Hand gehen."
Morales nickte nur abwesend und gab Erlöser A und Erlöser B irgendwelche sinnfreien Anweisungen, während sich die drei Omegas gemeinsam mit Andrea und Michonne auf zum fiktiven Loch in der Mauer machten.
„Wir haben neue Verbündete, mehr oder weniger. Eine kleine Gemeinde genannt das Königreich. Carol ist noch dort. Der Alpha will uns helfen, möchte aber keinen direkten Konflikt mit den Erlösern riskieren", erklärte Rick leise, „Morgan und Owen suchen Kontakt zu einer anderen Gemeinde, die scheinbar nicht unter Erlöserkontrolle steht und uns vielleicht weiterhelfen kann. Was war das mit diesem Angebot?" Er warf einen fragenden Blick auf Glenn.
Der zuckte die Schultern. „Zwischen Tür und Angeln, praktisch als er ankam. Hat erklärt, dass Maggie diesmal nicht dabei wäre, ich aber mit ihm zurück zum Sanctuary kommen könnte, wenn ich möchte. Oder er mich auch extra später abholen kommt, wenn ich das möchte. Ich dachte nicht, dass er das ernst gemeint hat, bis er es jetzt wieder erwähnt hat", berichtete Glenn.
„Er scheint erpicht darauf mehr von uns Omegas zurück zum Sanctuary zu bringen", stellte Daryl düster fest, „Vermutlich bereut er es, dass er alle außer Maggie freigelassen hat."
„Ich glaube, da steckt mehr dahinter", meinte Rick, „Er klappert uns ab. Einen nach den anderen. Sucht den Omega, der ihn Gratifikation gewährt. Mit Maggie scheint er auch nicht besonders viel Glück gehabt zu haben, vielleicht ist er deswegen so früh hierher zurückgekommen."
„Und warum hat er dich dann noch mal vor aller Ohren heruntergeputzt?", wollte Daryl wissen.
„Um mich daran zu erinnern, wer die Macht hat", erwiderte Rick, „Für den Fall, dass ich es vergessen habe. Alphas wie Negan hassen es sich machtlos zu fühlen. Schwäche zu zeigen. Er hat sich gehen lassen, hat zu viel getrunken, vor meinen Augen. Das musste er wieder gerade biegen."
„Wie geht es jetzt weiter?", wollte Michonne wissen.
„Wie gehabt. Wir tun so, als wären wir brave unterdrückte Sklaven, während wir unsere Möglichkeiten weiterhin erforschen", erklärte Rick, „Passt aber mit unseren ansässigen Erlösern auf. Vergesst nicht, wer sie sind."
Das musste ausgerechnet Rick sagen. Aber jetzt Shane Walsh zu erwähnen, hätte nichts gebracht. Außerdem dachten in diesem Moment vermutlich alle fünf an ihn.
„Vielleicht müssen sie nicht die sein, die sie sind", meinte Andrea, „Vielleicht können wir sie assimilieren." (Offensichtlich hauptsächlich wegen Shane).
„Nein, viel zu gefährlich", meinte Rick kategorisch, „Wir können ihnen nicht trauen. So einfach ist das."
Die anderen tauschten vielsagende Blicke aus. Irgendwann würden sie sich der Frage stellen müssen, was sie mit ihren vier Gästen tun sollten. Aber Rick wollte das im Moment scheinbar nicht diskutieren. Daryl fiel wieder ein, was Carol gesagt hatte. Über Verführung und all das. Rick wollte diesen Weg scheinbar nicht gehen. Zumindest eindeutig nicht mit Negan. Aber was war mit Shane? Er mochte es leugnen, aber er stand schon wieder mit einem Fuß in einer Beziehung zu diesem Alpha. War das vielleicht nicht nur schlecht? Oder war es besonders schlecht?
„Es ist deine Entscheidung, Rick", sagte Daryl schließlich, „Aber wir alle hier verstehen, dass das alles für dich etwas anders ist als für uns."
„Es gibt uns, und es gibt die", sagte Rick, „So ist das nun mal. Selbst Negan will nicht, dass wir das vergessen, trotz all seiner Versuche uns davon zu überzeugen, dass es anders sein könnte. Da es das aber nicht ist, dürfen wir nie vergessen, dass es nicht so ist. So einfach ist das."
So einfach, erinnerte sich Daryl, war es in der Vergangenheit noch nie gewesen.
III.
Ein Teil von Rick hatte damit gerechnet, dass sie zu spät kommen würden. Dass Merle lange tot sein würde, bis sie zurück in Woodbury wären. Der Teil von ihm, der am liebsten niemanden riskiert hätte, nicht jetzt, nachdem sie gerade erst Maggie und Glenn gerettet hatten, der Teil von ihm, dem von Sekunde zu Sekunde klarer wurde wie verletzlich sie nun nach ihren jüngsten Verlusten waren, der Teil von ihm, der wollte, dass nur Daryl und er nach Woodbury zurückkehrten, auch wenn sich Michonne nicht davon abhalten ließ mitzukommen. Axel hatte auch angeboten mitzukommen, doch Rick hatte abgelehnt, nach dem, was Oscar zugestoßen war, wollte er nicht noch einen weiteren Toten auf sein Gewissen laden. Der Alpha sollte lieber im Gefängnis bleiben und die anderen beschützen, Hershel, der nach der Amputation immer noch geschwächt war, Glenn und Maggie, die sich gerade erst von der Gefangenschaft in Woodbury erholten, Beth, Carol, Carl und Judith – sie hatten so viele verloren, Rick ertappte sich jedes Mal wieder dabei neu nachzurechnen und festzustellen, dass sie ihre Gruppe mit Ausnahme von Merle, den er schon fast für verloren hielt, eigentlich nur noch aus Omegas und Hershel bestand. Loris und T-Dogs Abwesenheit war wie eine klaffende Wunde, und er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass Andrea weg war, und natürlich fehlte ihm die Person, die er immer noch am meisten vermisste.
Wenn sie ein weiteres Mal nach Woodbury hineinschleichen wollten, dann würden sie eine Ablenkung brauchen. Etwas, das ihnen einen Vorsprung verschaffte. Rick tat es nicht gerne, er tat es aber trotzdem: Er nutzte eine Horde wandelnder Toter um wieder in die Stadt zu kommen. Die Wachposten waren von deren Anwesenheit so abgelenkt, dass sie zu dritt hineinschlüpfen konnten.
Es war Abend, und die Stadt wirkte seltsam verlassen. Bis sie die Rufe hörten und das Gejubel. Merle kämpfte in einer Arena um sein Leben, gegen einen Haufen wandelnder Toter. In Momenten wie diesen wusste Rick, warum die anderen sie Beißer nannten. Die Toten versuchten Stücke aus Merle hinauszubeißen. Merle war nur mit einem Stab bewaffnet, er kämpfte zwar tapfer aber, es war klar, dass er keine Chance hatte, nicht auf lange Sicht.
Rick hätte Daryl nicht aufhalten können, selbst, wenn er es gewollt hätte. Daryl sprang zu seinem Bruder in die Arena, also tat Rick das auch. Wenn sie schon sterben mussten, dann würden sie zumindest gemeinsam sterben.
Es gab einige verwirrte Schreie. „Du bist so dämlich, Grimes", begrüßte Merle ihn wenig begeistert, während sich Rick und Daryl um ihn herum gruppierten, „Ich meine, Daryl hatte schon immer kein Hirn, aber du, du hast Kinder, du solltest es besser wissen!"
„Wie sollte ich meinen Kindern in die Augen sehen, wenn ich einen Freund im Stich lassen würde?", gab Rick zurück. Er und Daryl hielten ihre Waffen bereit und schossen die wandelnden Toten nieder, die sich ihnen näherten.
„Das sind sie, das sind die Eindringlinge!"
„Erschießt sie!"
Viele verwirrte Rufe. Rick gab Merle im Stillen recht - das hier war dämlich, das hier würde ihrer aller Ende sein. Doch dann erzitterte auf einmal die Erde unter ihnen, und es gab einen lauten Knall.
„Ein Anschlag!"
„Sie waren nur die Ablenkung!"
„Seht nach!"
Rick sah wie eine Gruppe Bewaffneter auf die zugestürmt kam. Und dann sah er auf einmal nur noch Rauch. Rauch umgab sie überall. Jemand hatte eine Rauchgranate in die Arena geworfen. „Lauf!", befahl Rick den Dixon-Brüdern. Sie liefen los. Und sie wurden verfolgt, doch irgendjemand schien ihnen Feuerschutz zu geben. Michonne? Sie hatte doch keine Schusswaffe besessen. Nur ihr Katana.
„Los! Kommt schon!" Diese Aufforderung kam von einer dunkelhäutigen Beta-Frau, die Rick nicht kannte. Trotzdem folgte er ihrer Anweisung. Offenbar war sie es gewesen, die ihnen Feuerschutz gegeben hatte. Sie und ein weißer Beta-Mann, den er ebenfalls nicht kannte. Sie rannten zusammen auf den Zaun los, doch inzwischen war das Chaos ausgebrochen.
Ein wandelnder Toter griff ihn an, Rick zuckte zur Seite, jemand Dunkler sprang über ihn hinweg und erledigte den Beißer. Blut spritzte. Michonne? Nein, es war ein kräftiger Omega-Mann, der ihn gerettet hatte, mit einem blutigen Hammer in der Hand. „Komm weiter!", rief er und schubste Rick in Richtung der Anderen. Sie hatten die Mauer kaum überwunden, als ein Auto quietschend vor ihnen bremste.
Die Türe schwang auf. Hinter dem Steuer saß Andrea. „Los, kommt schon!", forderte sie sie auf. Rick sah sich suchend nach Michonne um. Dann sah er sie, wie sie blutend von der Mauer heruntersprang und zu ihnen humpelte. Rick packte sie und half ihr in das Fahrzeug. Dann fuhr Andrea los.
Das Auto war heillos überfüllt. Merle, Daryl, und ihre drei fremden Retter quetschen sich neben- und aufeinander auf die Rückbank, während Rick und Michonne versuchten sich den Beifahrersitz zu teilen. „Das hier ist kein geeignetes Fluchtfahrzeug", stellte Rick fest.
„Sehr witzig. Ich dachte, ich rette Merle. Ich hatte keine Ahnung, dass ihr mit einer ganzen Armee anrückt!", verteidigte sich Andrea.
„Guter Punkt", meldete sich Daryl zu Wort, „Wer seid ihr eigentlich? Und warum habt ihr uns geholfen?"
„Wir sind euch gefolgt", erklärte der fremde Omega, „Die anderen waren der Meinung, dass ihr Hilfe braucht, und wir wollten uns unseren Platz im Gefängnis verdienen. Euch zeigen, dass wir etwas beitragen können."
Es dauerte einen Moment bis Rick wieder diese andere Gruppe, die im Gefängnis aufgetaucht war, einfiel. Soviel dazu, dass ich der Rudelführer bin. Irgendjemand hat meine Befehle untergraben! Und das nicht zu knapp! Das würde nicht ohne Konsequenzen bleiben! Aber erst einmal musste sie das hier überstehen.
„Werden wir verfolgt?", wollte er wissen.
„Sieht nicht so aus", meinte Andrea nach einem Blick in den Rückspiegel.
„Gut, dann fahr uns zu unserem Fahrzeug. Hier ist eindeutig zu wenig Platz. Oder sind es Fahrzeuge? Wie seid ihr uns nachgekommen?", wandte er sich an ihre neue Bekannten auf der Rückbank.
„Es kann sein, dass wir uns einen der Gefangentransporter ausgeborgt haben", gab der Omega zu, der offensichtlich der Wortführer der anderen Gruppe war.
„Toll. Den dürfen wir nicht zurücklassen, das wäre ein Hinweis auf unseren Aufenthaltsort. Aber wie kamt ihr an die Rauchbomben? Und wie habt ihr die Explosion ausgelöst?", wollte er wissen.
„Das war ich", mischte sich Andrea ein, „Offenbar sind mehrere Pläne aufeinander getroffen und haben einander ergänzt."
„Anders ausgedrückt: Ihr hattet verdammtes Glück. Ich will nicht undankbar klingen, echt nicht, aber Blondie war offenbar die einzige mit einem Plan, der auch durchdacht war. Der Rest von euch ist ja wohl wahnsinnig. Das nächste Mal lasst mich gefälligst sterben!", beschwerte sich Merle, „Ihr hättet alle umkommen können, ihr hättet umkommen müssen! Und ihr - Fremden helfen, einfach so? Seid ihr wahnsinnig?!"
„Das habe ich auch gesagt", murmelte der männliche Beta.
„Ihr seid gute Menschen, das ist mir aufgefallen. Und wir wollen wirklich bleiben", erklärte sein Omega-Freund.
„In der Theorie hat es sich besser angehört, als in der Praxis", meinte die Beta-Frau, „Wir sind von der offenbar irrigen Annahme ausgegangen, dass ihr wisst, was ihr tut, und wir euch nur ein wenig unter die Arme greifen müssen."
„Das habt ihr", räumte Rick ein, „Ihr habt uns unter die Arme gegriffen. Danke."
„Wenn ihr wollt, dass ich aufhöre irre im Kreis zu fahren, dann müsst ihr mir endlich sagen, wo diese Autos stehen", meldete sich Andrea wieder zu Wort.
Daryl übernahm die Richtungsangabe, während Rick sich sammelte. „Ich bin Tyreese Williams. Das ist meine Schwester Sasha. Und das ist Allen", stellte der fremde Omega seine Gruppe vor, „Seine Frau und sein Sohn sind noch im Gefängnis."
War die passende Antwort darauf „Freut mich?". Sollte er sagen: „Das ist nett, aber ihr könnt nicht bleiben?" Jetzt nachdem sie ihnen geholfen hatten. Ich habe sie aber nicht darum gebeten. Aber offenbar hatten die anderen das getan. Und Michonne, was sollte er mit ihr machen? Instinktiv hatte er nicht ohne sie fliehen wollen, instinktiv hatte er sie beschützen wollen und als Teil ihrer Gruppe angesehen. Konnte er sie wirklich immer noch wegschicken, vor allem jetzt, da Andrea wieder mit ihnen vereint war, Andrea, die Michonne nach eigenen Angaben gut kannte?
Andrea hielt den Wagen abrupt an. „Wir parken auch hier", erklärte Sasha.
„Gut, Konvoi. Wir fahren voraus. Dann ihr, dann Andrea", beschloss Rick. Er sagte sich, dass sie das alles auch immer noch im Gefängnis regeln konnten. Im Moment war alles das zählte, dass sie Merle zurück hatten. Und Andrea. Und dass sie diesmal alle überlebt hatten. Das war ein Sieg.
Wie es nach diesem Sieg weitergehen sollte, würde sich noch zeigen, aber vielleicht fiel ihm ja bis sie das Gefängnis wieder erreichten eine Lösung für all das hier ein. Du hast doch selbst gesagt, dass eure Gruppe zu klein ist und fast nur noch aus Omega besteht. Wäre es nicht gut, wenn ihr neue Freunde findet? Sie haben euch geholfen. Vielleicht mit Hintergedanken, vielleicht ohne, aber sie haben euch geholfen. Und dieser Tyreese ist selbst ein Omega. Von seiner Gruppe dürfte kaum Gefahr ausgehen. Und Michonne hat sich bewiesen, oder etwa nicht?
Das war alles wahr, aber trotzdem wusste Rick tief in seinem Herzen, dass er all diese Menschen nicht bleiben lassen konnte.
IV.
Das Erste, was Shane feststellte, als er aufwachte war, dass er nicht am Sofa lag, sondern in Ricks Bett. Wenn auch alleine. Trotzdem roch alles um ihn herum nach Rick. Was ist passiert? Ist etwas passiert? Ich kann mich nicht erinnern. Seine letzte Erinnerung reichte bis zu dem Moment zurück, als sie Negan ins Bett gebracht und alleine im Haus der Erlöser zurückgelassen hatte. Er war sich ziemlich sicher, dass er Rick vorgeweint hatte, dass er ihn immer noch liebte, aber danach …. Nun danach erinnerte er sich an nichts mehr.
Mach dich nicht lächerlich. Du weißt, dass nichts passiert ist. Daran würdest du dich mit Sicherheit erinnern. Trotzdem, das hier war Ricks Bett, das musste ein gutes Zeichen sein, oder? Musste etwas bedeuten.
Altbekanntes Schuldgefühl stieg in Shane auf. Negans Witz war nicht so weit von der Wahrheit entfernt gewesen, in vielerlei Hinsicht war es so wie früher, wenn Rick ihn bertunken in irgendeiner Bar auflas und nach Hause brachte, nachdem Shane wieder einmal seinem „Ich werde alleine sterben"-Impuls nachgegeben hatte und einen über den Durst getrunken hatte. Er fühlte sich jetzt genauso schuldig wie bei jenen Gelegenheiten damals, auch wenn Rick behauptete, er könne tun und lassen was er wolle, wusste er es im Grunde besser. Er hätte sich nicht so gehen lassen dürfen. Er hatte Verantwortung. Musste Ricks Rudel beschützen. Vor Negan gut dastehen. So wirken als hätte er alles im Griff.
Aber war es dafür nicht schon zu spät? Hielt ihn Negan auch im nüchternen Zustand für einen Verräter?
Sein Kopf tat ihm weh, und ein Blick auf die Uhr neben Ricks Bett sagte ihm, dass es bereits Nachmittag war. Höchste Zeit sich zusammenzureißen und herauszufinden, was es Neues gab. (Hoffentlich keine weiteren Toten).
In der Küche traf er auf Carl, der ihm einen düsteren Blick zuwarf. „Negan ist weg", erklärte er und reichte ihm eine Tasse Kaffee, „Ich klettere mit Enid über die Mauer. Wir machen einen Ausflug. Es ist mir gleich, was du davon hältst." Und deswegen informierst du mich über alles, was du planst? Sah Teenager-Rebellion so in den Zeiten der Apokalypse aus? Ja, ich laufe weg, aber ich sagen allen vorher, dass ich es tue und wie ich es anstelle? Nun, vermutlich funktionierte es nicht anders, nicht, wenn man verhindern wollte, dass diverse Leute, die verzweifelt nach einem suchten, gefressen wurden oder dergleichen.
„Von mir aus", sagte Shane, „Geht nicht unbewaffnet raus und passt aufeinander auf."
Carl schnaubte und ging. „Du bist dran auf Judith aufzupassen!", rief er dann noch, bevor er aus dem Haus verschwand und die Türe hinter sich zuknallte. Warum genau ist er sauer auf mich? Angesichts der jüngsten Ereignisse gab es mehrere Möglichkeiten, was das anging.
Oh, mein Kopf. Kein Alkohol mehr. Nie wieder. Auch das war nicht das erste Mal, dass er diesen Schwur tätigte, allerdings war er das erste Mal seit dem Ausbruch der Infektion, dass er ihn wieder einmal dachte. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Keine Spur von Rick, Andrea, oder Michonne im Haus. Shane malte ein bisschen mit Judith. Wenigstens eine Person in diesem Haus schien ihn noch zu mögen. Sie malte ihn, zumindest nahm er an, dass das Bild ihn darstellen sollte, da es anders aussah als ihre üblichen Bilder von Rick.
„Shane." Der Alpha sah von Judiths Meisterwerk auf und erblickte Rick, der im Raum stand und auf ihn und seine Tochter hinabblickte, die gemeinsam am Boden saßen und mit Malkreide unschuldiges Papier verunstalteten. Sein Gesichtsausdruck war undeutbar. Früher wusste ich immer, was er denkt, dachte Shane bekümmert.
„Hi", sagte der Alpha, „Hör mal, wegen gestern. Oder war es vorgestern? Nun wegen all dem: Es tut mir wirklich leid. Einfach alles. Ich hab mein Bestes getan. Und in jeder Hinsicht versagt." (In diesem Moment hoffte er, dass er wirklich recht damit hatte, dass nichts zwischen ihnen geschehen war, woran er sich im Moment nicht erinnern konnte, worauf man diese Worte beziehen konnte). „Von jetzt an, werde ich es besser machen."
„Morales dreht gerade etwas durch angesichts des Gedankens das Sagen zu haben", informierte ihn Rick, „Vielleicht solltest du ihn erlösen." Der unbeabsichtigte Wortwitz erwischte sie beide gleich kalt. Ihr Blick traf sich einen Moment lang. Dann sah Shane wieder weg. Offensichtlich wollte Rick nicht darüber reden. Über nichts davon. Damit konnte Shane umgehen. Das redete er sich zumindest ein. Und Rick hatte ja recht, es war höchste Zeit wieder an die Arbeit zu gehen.
Shane quälte sich mühsam auf die Beine. „Dann hütest du jetzt wohl Picasso. Viel Spaß dabei", meinte er, „Ich sehe dann mal nach Morales."
Er hatte das Zimmer beinahe schon verlassen, als er Rick sagen hörte: „Ich liebe dich auch, Shane, ich habe nie aufgehört. Aber das ändert nichts. Verstehst du das nicht?"
Shanes verräterisches Herz verstand es eindeutig nicht, denn es jubelte so laut, dass Rick und Judith es einfach hören mussten. „Doch", behauptete Shane trotzdem ohne sich umzudrehen, „ich verstehe es. Aber ich werde trotzdem nicht damit aufhören alles zu tun, was ich kann, um dir zu beweisen, dass ich bereit bin alles zu tun um es wieder gut zu machen. Ich weiß, du denkst, ich habe es versaut, als ich diese Stelle hier angenommen habe. Aber du irrst dich. Es war der einzige Weg."
Rick erwiderte nichts darauf. Was Shane zum Anlass nahm weiter zu gehen und das Haus der Grimes zu verlassen.
A/N: Wie ihr seht unterscheiden sich die Ereignisse in der späteren 3. Staffel bei mir zunehmend vom Canon, aber immerhin ist das hier ja auch ein AU und manches muss aus gewissen Gründen einfach anders ablaufen. Und manches wollte ich einfach anders ablaufen lassen.
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