Zusätzliches Pairings: Etwas Cenid


Verhandlungen


I.

Sich an einen Stuhl gefesselt in Philips Büro wieder zu finden war nicht gerade Andreas Hauptziel gewesen, als sie nach Woodbury zurückgekehrt war, aber sie wusste, dass es auch schlimmer hätte kommen können. Immerhin lebte sie noch. Was gar nicht so selbstverständlich war.

Zunächst hatte sie noch gedacht, dass alles gut gehen würde. Dass sie in die Stadt zurückkehren könnte und so tun könnte, als wäre nichts passiert. Martinez schien nichts zu ahnen und davon auszugehen, dass die aus harmlosen Gründen außerhalb der Mauern gewesen war. Das ausgeborgte Auto war ihm nicht aufgefallen, und sie brachte Medikamente mit, die sie am Rückweg vom Gefängnis aufgegabelt hatte. „Milton hat mich gebeten die zu besorgen. Für seine Forschungen", erklärte sie, und keiner stellte diese Behauptung in Frage, alle wussten, dass sie Milton bei seinen Experimenten assistiert hatte.

Doch so nichtsahnend Martinez und seine Leute waren, so misstrauisch war Philip. Zunächst ging sie ihm absichtlich aus dem Weg, obwohl ihr klar war, dass ihm ihre Rückkehr in die Stadt wohl kaum entgehen würde. Und dann wurde sie mitten in der Nacht von ihm überfallen und in sein Büro geschleppt und an diesen Stuhl festgebunden. Also ja, offenbar war er der Meinung zu wissen, wo sie gewesen war.

„Hältst du mich für dämlich?", waren seine ersten Worte an sie, „Denkst du ich wüsste nicht, dass die Explosion dein Werk war? Dass du deinen Freunden bei der Flucht geholfen hast? Milton hat alles gestanden." Das wiederum konnte sie den Omega nicht übel nehmen, er hatte ihr nur zögerlich geholfen, und dass er sich als Omega verpflichtet fühlte seinem Alpha die Wahrheit zu sagen, nun das war mehr als verständlich. Sie hoffte nur, dass Philip keine Gewalt angewandt hatte um Milton zu diesem Geständnis zu bewegen. Zuzutrauen wäre es ihm ja.

„Ich bin zurück gekommen", betonte Andrea, „Du hast mir gesagt, dass ich mich entscheiden muss. Und das habe ich. Ich habe mich für dich entschieden, deswegen bin ich zurück gekommen."

„Oder du bist als Spion zurückgekommen!", schleuderte der Alpha ihr entgegen, „Um uns zu unterwandern."

„Mit welchem Endziel?", erkundigte sich Andrea, ehrlich neugierig geworden. Wenn ihr schon ein sinisterer Plan unterstellt wurde, dann wüsste sie gerne welcher es war.

Diese Frage schien Philip für einen Moment aus den Konzept zu bringen. „Das weiß ich auch nicht, aber ich werde nicht zulassen, dass du unsere Gemeinde spaltest. Du bleibst jetzt erst einmal hier, wo du keinen Ärger machen kannst, während ich mich um deine Freunde kümmere!", verkündete er dann und rauschte davon, und ließ sie alleine in seinen Büro zurück. Was hat er damit gemeint, dass er sich um meine Freunde kümmern will?, fragte sie sich, Hat er etwa das Gefängnis gefunden? Dieser Gedanke beunruhigte sie und wollte sie die anderen warnen lassen, aber was, wenn es nur ein Bluff gewesen war, um bei ihre genau diese Reaktion zu provozieren? Wenn er die anderen durch sie finden wollte? Werde ich jetzt schon genauso paranoid wie er? Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen zurückzukommen, doch sie hatte nach wie vor das Gefühl keine andere Wahl gehabt zu haben, es den Leuten hier zu schulden zumindest zu versuchen sie zu retten.

Nach einer Weile auf diesem Stuhl begann sie sich zu fragen, ob Philip tatsächlich die Stadt verlassen hatte um irgendetwas anzustellen, oder ob er nur auf sie vergessen hatte. Sie musste dringend auf die Toilette, und Durst bekam sie auch.

Und dann tauchte Milton auf. „Andrea, zum Glück geht es dir gut! War er sehr wütend? Es tut mir leid, dass ich dich verraten habe!", verkündete er und machte sich daran sie von ihren Fesseln zu befreien.

„Ja, er war sehr wütend, aber das spielt im Moment keine Rolle", erwiderte sie, „Wichtiger ist, wo er jetzt ist."

„Das weiß ich nicht. Er hat die Stadt vor einiger Zeit zusammen mit Martinez und den anderen verlassen", berichtete Milton. Also plante er offensichtlich wirklich etwas. Die Frage war nur was. Wenn die ganzen Alphas tatsächlich die Stadt verlassen hatten, dann wäre das jetzt der perfekte Zeitpunkt um die Rebellion gegen Philip anzuzetteln, die er ihr unterstellt hatte, zu planen. Wobei sie natürlich, wenn sie das täte, ihr eigenes Todesurteil unterschreiben würde. Und darauf hatte sie auch wieder keine Lust.

Aus der Stadt zu fliehen und zum Gefängnis zurückzukehren, war auch keine Möglichkeit. Sie schloss nach wie vor nicht aus, dass sie Philip so direkt zum Rudel führen würde, und schloss auch nicht aus, dass das genau der Grund war, warum Milton sie ausgerechnet jetzt losband. Wissentlich oder unwissentlich konnte er genau das tun, was sein Alpha von ihm erwartete.

Was also blieb ihr zu tun? Den Kopf unten zu halten, sich in der Stadt nützlich zu machen, und so zu tun als wäre alles in Ordnung, bis sie mehr über Philips Pläne in Erfahrung bringen konnte. Das war die klügste Strategie. Und mit Sicherheit das Einzige, das Philip nicht von ihr erwarten würde. Also würde sie genau das tun.

Immerhin war sie ein Beta, sie hatte sich unter Kontrolle, zumindest die meiste Zeit über, und ließ sich von Logik und nicht von blindem Instinkt leiten. Damit war sie Philip, der die Kontrolle über sich selbst beinahe vollkommen verloren hatte, einen Schritt voraus. Dieses Spiel, das sie hier spielten, konnte sie sehr gut spielen. Das würde der Gouverneur von Woodbury über kurz oder lang schon noch bemerken.


II.

Es war Carls Idee gewesen über die Mauer zu klettern, nicht Enids, zur Abwechslung einmal. Er hatte einfach genug und musste nach raus aus Alexandria. Seit seiner Rückkehr fiel ihm das durchatmen zunehmend schwer.

Als er Shane im Sanctuary wiedergesehen hatte, war er einfach froh gewesen ihn zurückzuhaben, zu wissen, dass er noch lebte, und hatte naiv gehofft, dass ihre Familie nun wiedervereint sein würde, dass alles wieder gut werden würde. Er wusste, dass sein Dad nie verkraftet hatte Shane zu verlieren, und seine mirakulöse Auferstehung sollte alles wieder gut machen, sollte seinen Dad wieder heilen. Aber schnell wurde klar, dass sich nichts so entwickelte, wie es sollte.

Shane stand auf der Seite dieser unheimlichen Erlöser, wollte sich nicht wieder mit Carls Dad versöhnen, wollte nicht zu ihnen überlaufen, sondern seiner bescheuerten Aufgabe nachkommen, und er sah in Carl immer noch ein Kind. Das war vielleicht noch schlimmer, als die Tatsache, dass er Carls Dad unglücklich statt glücklich machte - er sah Carl an und schien nicht zu sehen, wie erwachsen er geworden war, schien nicht zu sehen, dass Carl und nicht mehr Rick diese Familie zusammenhielt. Carl wusste ja, dass Shane nicht dabei gewesen war in den schlimmen Zeiten, dass er nicht wissen konnte, was Carl alles auf sich genommen hatte, aber trotzdem er hatte ihm davon erzählt, er hatte ihm viel davon erzählt, doch Shane schien das gar nicht wahrzunehmen. Er schien überhaupt vor allem Judith wahrzunehmen und Carl kaum noch.

Natürlich war er nicht eifersüchtig auf seine kleine Schwester, das wäre kindisch und sinnlos. Er wollte lediglich gesehen werden. Er wusste, dass er nicht mit Judith konkurrieren konnte, sie war ein entzückendes Kleinkind, er war ein Teenager, aber Dad hatte ihm zumindest nie das Gefühl vermittelt ihn nicht zu sehen, nicht einmal in seinen dunkelsten Momenten.

Zuletzt war die Scheiße losgebrochen. Spencer war gestorben, es hatte weitere Konflikte gegeben. Carl konnte spüren, wie sehr das der ganzen Stadt zusetzte, und er brauchte frische Luft. Er haute nicht einfach ab, er informierte Shane geschäftsmäßig darüber, was er vor hatte, und nachdem dieser sich offenbar nicht einmal genug für ihn interessierte um Einwände vorzubringen, verließ er die Stadt. Er plante zurück zu sein, bevor seinem Dad, Michonne, oder Andrea auffallen würde, dass er weg war, und da alle drei im Moment genug andere Sorgen hatten, nahm er an, dass ihm das auch gelingen würde, und wenn nicht, hatte er Shane gesagt, was er vorhatte, keiner konnte ihm also vorwerfen unverantwortlich zu handeln.

In Alexandria fühlte er sich erdrückt, unter ständiger Beobachtung. Hier draußen fühlte er sich frei. Und er hatte Enid an seiner Seite, die andauernd über die Mauer kletterte, und lebendig wieder zurückkam.

„Sollen wir uns eine der versteckten Waffen besorgen gehen?", wollte Enid von ihm wissen, als sie durch den Wald spazierten.

„Warum? Willst du schießen üben?", erkundigte sich Carl. Sie hatten einige ihrer alten Verstecke außerhalb der Stadt reaktiviert, Carl wusste, wo er suchen müsste. Vielleicht fühlte Enid sich ja genauso hilflos wie er, vielleicht würde es ihr helfen eine Waffe in der Hand zu halten und auf einen Baum zu schießen. Oder auf ein paar Beißer. Aber natürlich waren Schüsse schon unter normalen Umständen gefährlich, unter diesen hier vielleicht noch gefährlicher. Wer wusste schon wie viele Erlöser hier immer noch herumhingen und sie hören konnten.

„Nein, ich dachte nur, du willst es vielleicht", erwiderte Enid, „Du bist so anders, seit du zurückbist. Vielleicht würde es dir guttun deine Wut abzuarbeiten."

„Ich bin nicht wütend", behauptete Carl, auch wenn das nicht der Wahrheit entsprach. Er war wütend, er war wütend, weil er es satt hatte sich hilflos zu fühlen, dieses Gefühl aber nicht vergehen wollte. Es schien allgegenwärtig zu sein. Vielleicht war das ja auch der wahre Grund, warum er so wütend auf Shane war, weil sein Anblick ihn immer daran erinnerte, dass er hilflos war und sich immer noch in der Gefangenschaft der Erlöser befand.

Die Wut war neu. Joey und seine Gang hatten Carl traumatisiert, Ron ihn erschrocken. Aber Negan und die Erlöser machten ihn wütend. „Und es ist zu riskant", erklärte er, „Wer weiß, wer es hören könnte."

„Okay", erwiderte Enid darauf nur, doch es war offensichtlich, dass sie eigentlich mehr sagen wollte, sich aber nicht traute. Seit der Bekanntschaft mit den Erlösern hatte auch sie sich verändert, seit Negan diesen einen getötet hatte, weil er etwas zu ihr gesagt hatte. Sie war stiller geworden, genügsamer. Sie reagierte auf ihre Hilflosigkeit nicht mit Wut, sondern stattdessen mit Kapitulation. Vielleicht glaubte sie alles nur so durchstehen zu können. War das nicht ihr Motto - „Hauptsache du überlebst irgendwie"?

Carl wollte aber nicht einfach nur überleben, er wollte leben. Alexandria hatte ihn nach so langer Zeit endlich wieder die Möglichkeit dazu geboten nicht mehr nur irgendwie zu überleben, sondern auch wirklich zu leben. Und nun wurde ihm das wieder genommen.

„Es ist nicht okay! Wenn du anderer Meinung bist, dann sag es! Hör auf dich wie eine verschreckte Maus zu benehmen!", fuhr Carl sie an. Kapitulation passte nicht zu Enid, nicht zu der Enid, die er kennengelernt hatte, und für die er Gefühle entwickelt hatte. Gefühle, die aus so vielen Gründen schon immer ins Nichts geführt hatten, und nun erst recht dorthin führten. Warum darf ich nicht einfach wie andere Teenager sein? Mich verlieben, mein Herz gebrochen bekommen, schlechte Noten nach Hause bringen. Warum muss ich stattdessen Leichen und bewaffnete Alphas bekämpfen?! Das ist nicht fair!

„Ich versuche nur vernünftig zu sein, Carl", verteidigte sich Enid, „Einer von uns beiden muss es ja sein!"

„Plötzlich bin ich der Unvernünftige?!", empörte sich Carl.

„Um ehrlich zu sein: Ja", gab Enid mit zitterender Stimme zurück. Sie schien kurz davor zu stehen in Tränen auszubrechen. „Ich verstehe ja, dass du Schlimmes durchgemacht hast, aber in letzter Zeit bist du deswegen immer so gemein zu allen!"

„Ich bin überhaupt nicht gemein!", verteidigte sich Carl und rechnete damit, dass Enid jede Sekunde wirklich zu weinen begann, „"Ich will nur … dass du wieder du bist!"

„Und ich will überleben, Carl! Mein Vater ist nicht der Rudelführer! Ich bin kein Omega! Ich genieße keinen besonderen Schutz. Ich habe keine riesige Familie. Ich habe nur mich!", schleuderte ihm das Beta-Mädchen entgegen.

„Du hast Glenn!", rief Carl ihr in Erinnerung.

„Der neben sich steht, weil Maggie weg ist! Die ich auch nicht mehr habe!", rief Enid.

„Du hast mich!", schrie Carl aufgebracht und packte Enid an den Schultern und schüttelte sie, „Du bist nicht alleine, okay? Du hast mich!"

„Du warst auch weg! Und wärst fast nicht wiedergekommen! Wer sagt, dass du das nächste Mal wiederkommst?!", fuhr der Beta ihn an, und das tötete Carls Wut ab wie nichts anderes. Was wenn er das nächste Mal wirklich nicht wiederkommen würde? Genau deswegen hasste er es ein Omega zu sein, das ewige Opfer, ständig in Gefahr, ständig hilflos. Wenn er nicht aufpasste, würde er enden wie Beth, Tyreese, und Denise….

Er ließ Enid los und schlug sich die Hände vors Gesicht. Nun war ihm danach zu weinen. Diejenigen, die er liebte, sahen ihn nicht, und diejenigen, die ihn sahen, wollten nur Böses von ihm. Nun war er es, der weinte.

„Carl, Carl, das tut mir leid. Komm her", klagte Enid und nahm ihn in die Arme, „Ich hätte das nicht sagen sollen, es tut mir leid…." Sie wiegte ihn ein wenig tröstend in ihren Armen hin und her, und dann meinte sie: „Carl, du stinkst."

Verwirrt hob er den Kopf und sah sie fragend an. Was meinte sie denn damit jetzt schon wieder?

Und dann roch er ihn. Er löste sich vorsichtig von Enid und drehte sich um. Ein fremder ausgewachsener Alpha stand ein paar Schritte von ihnen entfernt und starrte sie intensiv an. Carl erkannte diesen Blick wieder und wäre am liebsten weggelaufen, doch er wusste, dass weglaufen es nur noch schlimmer machen würde. Enid stellte sich schützend vor ihm.

„Tu das nicht, du darfst dich als Beta nie dazwischen stellen", flüsterte Carl ihr zu.

„Wenn er dich will, dann muss er an mir vorbei!", verkündete Enid hart.

Der Alpha machte einen Schritt auf sie zu. Carl packte Enids Hand, bereit wegzulaufen und sie hinter sich herzuziehen, vielleicht wäre es ja doch besser einfach zu laufen und auf das Beste zu hoffen. Besser als zuzusehen, wie dieser Alpha Enid zerriss um an Carl heranzukommen.

„Ken, verschwinde!", bellte eine bekannte Stimme. Der Alpha, der offenbar Ken hieß, starrte in die entsprechende Richtung, knurrte dann leise, zog sich aber zurück. Carl und Enid ließen ihn keine Sekunde aus den Augen. An Kens Stelle tauchte Negan in ihrem Blickfeld auf, mit seinem verdammten Baseballschläger in der Hand. „Alles klar, Kids?", fragte er fröhlich und grinste zu ihnen herüber.

Carl drückte Enids Hand. Immer noch bereit wegzulaufen. „Bist schon ein großer Junge, was Carl?", bemerkte Negan. Dann griff er in seine Lederjacke, fischte etwas heraus, und warf es ihnen zu. „Beta Mädchen, fang!" Enid fing eine kleine Dose mit Pillen darin auf. Beide Teenager starrten auf die Dose. „Ist das, was drauf steht, das könnt ihr mir ruhig glauben, Kinder", meinte Negan, „Nimm eine davon, Carl."

Weder Carl noch Enid rührten sich. Negan seufzte. „Nimm eine davon, Carl", wiederholte Negan um einiges härter und bestimmender als zuvor. Zitterend öffnete Enid die Dose, holte eine Tablette heraus, und reichte diese dann weiter an Carl. Der starrte die Tablette lange an.

„Carl, ich frage nicht noch einmal", verkündete Negan warnend.

Carl nahm die Tablette und schluckte sie. „Guter Junge", lobte der Alpha ihn. Keiner der drei rührte sich für ein paar Minuten vom Fleck. Schließlich meinte der Erlöser: „Ihr fragt euch vielleicht, warum ich immer noch hier bin. Sagen wir so, ich bin wieder hier. Auf dem Weg zurück nach Hause, habe ich etwas gefunden. Wollt ihr es sehen?"

Carl hatte überhaupt keine Lust darauf. Enid vermutlich genauso wenig. Aber er wusste, dass Negan ihnen keine Wahl lassen würde. „Na dann, kommt mit", meinte Negan auffordernd und deutete mit seinem Baseballschläger in die entsprechende Richtung. Carl drückte Enids Hand, und sie setzten sich langsam in Bewegung. Carl warf immer wieder nervöse Blicke in Richtung Negan, der sie nur schweigend dabei beobachteten, wie sie langsam einen Fuß vor den anderen setzen. Da es ihm doch ein wenig peinlich war vor Negan Händchen zu halten, ließ Carl Enids Hand schließlich los und ging voraus mit festeren größeren Schritten. Irrte er sich oder entlockte das Negan ein Lächeln?

Und dann sah er, was Negan ihnen hatte zeigen wollen. „Tara!" Sie war dreckig, ihre Frisur ein Chaos, aber es war Tara, und sie war einigermaßen unverletzt. „Carl! Enid!", rief sie aus, als sie die beiden Teenager erblickte, „Seid ihr in Ordnung?"

„Bist du in Ordnung? Wo ist Heath? Und wo ist das Auto?", wollte Carl wissen, als er sie zur Begrüßung umarmte, und dann drehte er sich mit vorwurfsvollen Blick zu Negan um, der langsam hinter ihnen her spaziert kam.

„Hey, Kleiner, ich bin unschuldig. Ich habe nur sie gefunden. Genau in diesen Zustand, ohne Begleitung oder Fahrzeug. Sag's ihnen, Süße!", verteidigte sich Negan sofort.

Tara nickte. „Das ist wahr", meinte sie, „Wir wurden von einer Horde überrascht und mussten das Auto aufgeben. Wir wurden getrennt. Ich bin Heaths Spur gefolgt um ihn wiederzufinden, aber sie hat ins Nichts geführt."

„Seht ihr? Ich bin ihr Retter", betonte Negan, „Und habe dafür bisher noch nicht einmal ein Danke bekommen. Früher wussten Jungfrauen in Nöten sich besser zu bedanken."

„Lass sie in Ruhe, du bist nicht ihr Typ!", giftete Carl in Negans Richtung, und löste sich von Tara, während er den Alpha herausfordernd anfunkelte. Seine Angst war verschwunden, sein Misstrauen blieb, aber dafür war seine Wut zurückgekehrt, und sie richtete sich endlich gegen die Person, die sie zu verantworten hatte. Offenbar wirkte die Tablette, ansonsten würde er sich nicht so gegenüber einem Alpha verhalten, das wusste er.

„Wie schade", kommentierte Negan das, „Aber zumindest bist du wieder mehr du selbst, junger Mann. Gefällt mir." Er grinste Carl zufrieden an, als wäre das alleine sein Verdienst. Carl ging darauf nicht ein. Er hatte keine Lust dazu sich auf Negans Spielchen einzulassen. Ihm fiel ein, dass Tara nicht wusste, was mit Denise passiert war. Oder wo Maggie steckte. Oder wie genau die Situation in Alexandria war. Vielleicht wusste sie nicht einmal, um wen es sich genau bei ihrem Alpha-„Retter" handelte. Tara verwuschelte ihn unaufgefordert die Haare. „Schon gut, Kleiner, ich bin auf den Laufenden", meinte sie, als hätte sie seine Gedanken erraten. Sie wirkte viel zu gefasst, von Denise wusste sie sicherlich nichts. Aber warum hätte Negan das auch extra erwähnen sollen? Was Dwight getan hatte, hatte nichts mit ihm zu tun, dachte er vermutlich.

„Auf jeden Fall steht damit wohl fest, dass das hier diese Tara ist, die auf Versorgungsfahrt gegangen ist und mit leeren Händen zurückgekommen ist", meinte Negan, „Das wiederum ist ein Problem. Findet ihr nicht?" Er sah zwischen den beiden Beta-Frauen und dem Omega-Jungen hin und her. Shane sah Carl vielleicht nicht, aber Negan sah ihn viel zu deutlich, fand er. Es könnte schlimmer sein, das wusste er, Negan hatte nicht Tara gerettet, er hatte Carl gerettet, aber trotzdem gefiel dem Jungen nicht, wie dieser Alpha ihn ständig ansah. Bist schon ein großer Junge, was Carl?, hallte es in seinen Kopf wieder.

„Nein, es ist kein Problem. Du warst doch gerade erst in Alexandria. Dein nächster Tribut ist erst in einigen Wochen fällig", erwiderte Carl voller Überzeugung, „Bis dahin haben wir neue Sachen für dich besorgt."

„Nun, das will ich euch auch geraten haben. Immerhin schuldet ihr mir etwas für all den Schutz, den ich euch angedeihen lasse", erwiderte Negan ohne seinen Blick von Carl abzuwenden, „Du kannst nicht leugnen, dass ich euch beschütze. Bringe Tara praktisch bis zur Haustüre. Kümmere mich um dich. Das wirst du Rick doch ausrichten, oder Carl? Dass ich auf dich aufgepasst habe, dass ich dich beschützt habe? Denn das habe ich."

Es war einer deiner eigenen Leute, vor dem du mich beschützt hast, und vor dem du mich nur beschützen musstest, weil du mich so fertig gemacht hast mit all deinen Taten, sagte Carl darauf nicht. „Ja", erwiderte er stattdessen, „das hast du." Er ließ seinen Blick über Tara und Enid gleiten. „Das werde ich nicht vergessen", versprach er.

Was Alphas wie Negan nicht verstanden war, dass niemand jemals irgendetwas von dem, was sie taten, vergaß. Und dass das keine gute Sache war, zumindest nicht für sie.


III.

Der Angriff erfolgte überraschend und kam praktisch aus dem Nichts heraus. Rick war eigentlich der Meinung gewesen, dass endlich alles gut werden würde. Ihre Gäste hatten sich noch nicht einmal eingelebt gehabt. Sie hatten damit begonnen das Gefängnis auf einen möglichen Vergeltungsschlag von Woodbury vorzubereiten, doch nicht wirklich damit gerechnet, dass es soweit kommen würde. Axel wurde in den Kopf geschossen, und eine Gruppe wandelnder Toter landete im Gefängnishof. Es war ein Wunder, dass es nicht mehr Tote gab. Es gelang den meisten von ihnen sich in die Zellenblöcke zu retten. Wo die es prompt zu einer Diskussion darüber kam, wie es jetzt weitergehen sollte.

„Er wird nicht aufhören, bis wir alle tot sind", prophezeite Michonne.

„Dann müssen wir ihm eben zuvorkommen. Ihn zuerst töten", meinte Merle.

„Nein, nein, wir greifen nicht noch einmal an. Das ist nicht unsere Art. Wir sind keine Angreifer. Wir verteidigen uns nur. Wir haben immer nur angegriffen um unsere Leute zu retten, und das werden wir jetzt nicht plötzlich ändern", bestimmte Rick, „So sind wir nicht. Vielleicht gibt er ja Ruhe, vielleicht was das einfach nur sein Vergeltungsschlag."

„Was ist mit Andrea? Offenbar hat er sie wieder gefasst", warf Michonne ein.

„Das wissen wir nicht, und selbst, wenn es so ist, es war ihre Entscheidung dorthin zurückzugehen", erwiderte Rick.

„Jemand, der so angreift, gibt nicht einfach Ruhe, Rick", sagte Merle, „Was willst du tun? Das Gefängnis aufgeben und weiterziehen? Denn entweder das, oder wir wehren uns. Er wird uns keine andere Wahl lassen."

Rick schüttelte den Kopf. „Das wissen wir nicht", betonte er.

„Er ist ein verrückter Alpha, Rick. Das ist es, war er tun wird. Das weißt du", beharrte Merle, „Du darfst jetzt keine Schwäche zeigen, du musst auf so einen Angriff mit Stärke reagieren. Was hätte Shane getan?!"

„Ich bin nicht Shane!", explodierte Rick, „Shane ist nicht hier! Ich bin hier!"

„Das ist vielleicht eine dumme Idee, aber in einem hat Rick recht: Wir wissen nicht, was dieser Gouverneur denkt oder vorhat. Aber vielleicht können wir es herausfinden. Vielleicht können wir mit ihm reden", warf Sasha vorsichtig ein.

„Das ist so ein typischer Beta-Vorschlag", knurrte Merle.

„Es ist ein guter Vorschlag", meinte Rick, „Keiner von uns will hier weg, wenn es nicht sein muss. Zum ersten Mal seit langen sind wir hier sicher. Wenn es einen Weg gibt hierbleiben zu können, ohne, dass zu weiteren Auseinandersetzungen kommt, dann sollten wir ihn gehen."

Merle knurrte unzufrieden, sagte aber nichts mehr. „Dann reden wir also mit ihm. Laden ihn zu einem neutralen Treffpunkt ein um zu verhandeln", meinte Rick, „Das ist eine gute Idee, Sasha."

Michonne wirkte zweifelnd und Merle unzufrieden, aber keiner widersprach mehr. Jetzt mussten sie sich nur noch überlegen, wie sie Woodbury über ihre Absicht zu verhandeln informieren sollten. Immerhin konnten sie schlecht einfach einen Brief schreiben.

Auch wenn sie letztlich genau das taten.

„Mir gefällt das alles nicht", sagte Merle nachher unter vier Augen noch einmal zu Rick, „Wenn wir schon verhandeln, dann solltest nicht ausgerechnet du verhandeln gehen. Lass das Hershel machen."

„Mein Rudel, meine Verantwortung. Ich mache mir keine Sorgen. Du wirst bei mir sein", gab Rick zurück, „Der große starke Alpha an meiner Seite." Merle, der noch nie auf hanebüchene Komplimente angesprungen war, schnaubte nur. „Im Ernst, es wird nichts passieren. Nicht bei Verhandlungen. Hab Vertrauen."

Das war leichter gesagt als getan. Rick ging mit Daryl, Merle, Carol, Tyreese, und Sasha zu den Verhandlungen. Der Gouverneur tauchte auf, zusammen mit Martinez und ein paar seiner Männern, und mit Andrea. Die versuchte Frieden zwischen den beiden Gruppen auszuhandeln, schien dabei aber keinen besonders großen Erfolg zu erzielen.

Die Tatsache, dass Rick ein Omega war, beeindruckte den Gouverneur nicht. „Feind ist Feind", meinte er, „Egal wonach er riecht. Ich kenne Typen wie dich, Rick Grimes, Typen, die sich nicht mit ihren angestammten Platz abfinden, die immer mehr sein wollen, als sie sind. Du wirst dich niemals mit Frieden zufrieden geben."

„Ich will Frieden. Wir haben euch nur angegriffen, weil ihr unsere Leute entführt hattet. Uns reicht das Gefängnis, wir interessieren uns nicht für euer Revier. Es gibt keinen Grund, warum wir nicht Seite an Seite in Frieden zusammenleben können. Auf beiden Seiten gab es Tote. Aber es muss nicht noch mehr Tote geben", erklärte Rick, „Wir können das hier und jetzt beenden."

„Ja, das können wir. Wenn ihr euch mir unterwerft, hier und jetzt. Nein? Das dachte ich mir. Siehst du, ich hatte recht, du willst deine Macht nicht aufgeben", betonte der Gouverneur. Aber das war nicht der Grund, warum sich Rick nicht unterwerfen wollte. Der Grund war, dass er diesem Alpha nicht vertraute. Dass er nicht wusste, was mit Carl und Judith passieren würde, wenn er es tat, mit Hershel, mit Beth, mit Maggie und Glenn, mit Carol, ganz zu schweigen von Michonne und Merle.

„Keiner macht dir deine Macht streitig", betonte er, „Aber ich kann mein Rudel nicht einfach deiner Gnade ausliefern. Das kann ich einfach nicht."

„Ich verstehe. Wirklich. Ich meine, an deiner Stelle würde ich die Dinge vielleicht genauso sehen. Na gut, du willst Frieden, hier ist ein Alternativ-Vorschlag. Ich verstehe ja, warum ihr meine Stadt überfallen habt, und warum es zu Toten kam. Weil ihr eure Freunde retten wolltet. Die Omegas waren. So wie du ein Omega bist. Ich verstehe das wirklich. Und dann dein Alpha hier, den musstest du auch retten, aus offensichtlichen Gründen. Das kann ich alles verzeihen, es macht mich nicht glücklich, aber ich kann es verzeihen. Aber es gibt jemanden in eurer Gruppe, dem ich nicht verzeihen kann. Jemanden, den ihr aufgenommen habt, obwohl sie eine Attentäterin ist. Vielleicht seid ihr euch dessen ja nicht bewusst, aber sie ist es. Michonne hat meine Tochter getötet, mir mein Auge genommen. Liefere sie mir aus und es herrscht Frieden", verkündete der Gouverneur, „Ist das kein Angebot? Ein Leben gegen die Leben eures ganzen Rudels?"

Rick behauptete, er müsste darüber nachdenken, auch wenn das gelogen war. Im Grunde wollte der Gouverneur immer noch, dass Rick sich ihm unterwarf, denn wenn er Michonne auslieferte, jemanden, den er in sein Rudel aufgenommen hatte, jemanden, der er Schutz versprochen hatte, dann würde er genau das tun.

„Er ist ein verdammtes Monster!", sagte Carol, als sie das hörte, „Und er will keinen Frieden. Selbst, wenn wir Michonne ausliefern würden, wie lange würde es wohl dauern bis er wieder damit beginnt uns als Bedrohung anzusehen?"

„Ist schade, dass aus dieser Friedens-Idee nichts werden wird", meinte Daryl später zu Rick, „Martinez ist gar kein so übler Kerl, für einen Alpha-Bastard."

Bevor sich die beiden Gruppen wieder trennten, hatte er noch Gelegenheit mit Andrea zu sprechen. „Ich wurde nicht gefoltert, wenn ihr das denkt. Ja, Philip misstraut mir, das ist offensichtlich, aber im Moment duldet er meine Gegenwart. Vielleicht sieht er mich als Druckmittel gegen euch. Oder vielleicht hofft er tief im Inneren, dass ich mich doch noch auf seine Seite schlage."

„Er hat Michonne verlangt", informierte Rick sie, „Mach dir keine Illusionen darüber, wer er ist."

Andrea seufzte. „Du klingst wie Carol. Lock ihn zurück in dein Bett und töte ihn, hat sie gesagt. Als würden sich so alle Probleme lösen", meinte sie, „Die Leute von Woodbury wissen nicht, wie Philip wirklich ist. Für sie ist er ihr Anführer."

„Dann musst du sie sehen lassen, wie er wirklich ist", erwiderte Rick, „Oder die Stadt einfach vergessen und mit uns kommen. Vielleicht sollten wir doch einfach alles aufgeben und weiter ziehen. Wenn er kein anderes Rudel in seinem Herrschaftsgebiet dulden kann, dann…."

„Du kannst nicht mit Judith durchs Land ziehen, Rick", gab Andrea zurück, „Und das solltest du auch nicht. Nicht ihr habt diesen Konflikt angefangen, er hat das. Und deswegen hat er kein Recht von euch zu verlangen euren sicheren Hafen aufzugeben. Und ich bin immer noch nicht bereit Woodbury aufzugeben. Milton und die anderen, sogar Martinez und seine Miliz, sind keine Monster, es sind gute Leute, die dem falschen Alpha folgen. Es muss einen Weg geben uns alle vor ihm zu retten. Vielleicht gibt es sogar einen Weg Philip vor sich selbst zu retten."

Rick wollte ihr gerne widersprechen, doch er dachte daran, wie er Shane in der Wildnis hatte aussetzen wollen anstatt ihn zu töten, also konnte er verstehen, dass sie immer noch Hoffnung übrig hatte. Vielleicht kannte sie eine Seite von Philip Blake, die er einfach nicht sehen konnte. Und wenn sie dieser Seite dazu verhelfen könnte die Oberhand zu gewinnen, dann wäre das ein Sieg für sie alle.

Also kehrte jede Gruppe wieder in ihr Nest zurück, wohl wissend, dass es keine wirkliche Einigung gegeben hatte, und dass ihr Konflikt nicht beigelegt worden war.


IV.

Wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich einmal so ende, dann hätte ich nur gelacht. Jetzt finde es gar nicht witzig. Gegen Winslow den Möchtegern Pyramidis zu kämpfen war gar nicht so einfach. Jadis und ihre Hyänen lachten und jubelten jedes Mal, wenn Winslow Morgan beinahe ins Jenseits beförderte, während Morgan unterdessen keine wirkliche Ahnung davon hatte, wie er Winslow zur ewigen Ruhe betten sollte.

Das Ding auf seinem Kopf schützte sein Gehirn, und solange er das Gehirn nicht zerstören konnte, konnte er das Ding nicht dazu bringen liegen zu bleiben. Winslow war langsam, sogar noch langsamer als normale lebende Tote, was ein Vorteil für Morgan war, der von Eastman gelernt hatte, wie man sich schnell und elegant gegen einen größeren und stärkeren Gegner verteidigte. Doch ihn von den Füßen zu werfen, brachte nichts, wenn er nie am Boden blieb. Und seine stacheligen Auswüsche am ganzen Körper machten es unmöglich ihn zu durchbohren. Denk nach Morgan. Wie besiegst du etwas, das immer wieder aufsteht?

Offensichtlich indem er das verwendete, was hier in Massen vorhanden war: den Müll. Ob Zufall oder Absicht, Jadis und die ihren hatten hier alles zusammengesammelt, was man in der Welt zuvor hatte finden können. Darunter musste auch irgendetwas sein, das Morgan gegen Winslow verwenden könnte.

Ein schlauer Kämpfer wusste, dass man gegen einen überlegenen Gegner am besten gewann, indem man seinen Vorteil gegen ihn kehrte. Morgan suchte sich ein freiliegendes Stück Wand, das teilweise zwischen den Schutt eingeklemmt war, und flüchtete sich in diese Richtung. Winslow stürzte auf ihn zu, und seine Speerfortsätze bohrten sich durch die Wand. Morgan hüpfte in Sicherheitsabstand, und tatsächlich - es hatte funktioniert: Winslow war für den Moment gefangen, konnte ihm nicht folgen, da er an dem Wandstück feststeckte. So weit so gut.

Die Müllmenschen buhten lautstark, doch Morgan ignorierte sie und langte nach einer kaputten Fensterscheibe. Er nahm das längste Stück Glas, achtete nicht darauf, dass er sich dabei die Handflächen zerschnitt, und hackte dieses dann in die Richtung von Winslows Kopf. Die Glasscherbe blieb mitten in Winslows Hals stecken, also war er gezwungen sie noch einmal hinauszureißen und noch einmal hin zu hacken. Endlich trennte sich Winslows Kopf von seinen Schultern und fiel zu Boden.

Das wär's. Morgan riss sich Streifen seiner Ärmel von seinen Pullover und verband seine blutenden Handflächen. Dann wandte er sich den wütenden Müllmenschen zu. „Das war's. Ich habe gewonnen!", verkündete er.

Jadis schnaufte. „Alpha Morgan hat gewonnen", gab sie zu, „Alpha Morgan ist stark. Wäre würdiger Vater für Kinder."

„Das schmeichelt mir, aber nein danke, deswegen sind wir nicht hier", erwiderte Morgan, „Ich habe gekämpft und gesiegt. Seid ihr jetzt bereit mir zuzuhören?!"

Er balancierte durch den Müll hindurch auf Jadis zu und behielt dabei ihre Leute im Auge. Sie schienen zumindest momentan nicht vorzuhaben ihn anzugreifen.

„Sprich Morgan Alpha!", forderte Jadis.

„Es geht um eine Gruppe namens Erlöser. Sagt euch das etwas? Ihr Anführer ist ein Alpha namens Negan. Er und seine Leute unterwerfen und versklaven andere Rudeln. Sie haben unsere Leute versklavt, und früher oder später werden sich das euch mit euch tun!", erklärte Morgan laut und sah sich prüfend um. Keiner der Anwesenden zeigte eine besondere Reaktion. Nicht einmal Owen, aber der kannte die ganze Geschichte ja schon.

„Wir wollten euch um Hilfe bitten im Kampf gegen sie", fuhr Morgan fort.

„Euer Kampf ist nicht unserer", meinte Jadis.

„Er könnte aber zu euren werden. Wenn Negan von euch erfährt, wird er hier auftauchen, und er wird sich sicher nicht einfach so damit zufrieden geben gegen einen Beißer zu kämpfen um euer Wohlergehen zu erringen, er….", argumentierte Morgan.

„Reden, reden, rede, das ist alles, was Morgan Alpha kann!", unterbrach ihn Jadis, „Reden interessiert uns nicht."

„Was interessiert euch dann? Was wollt ihr als Gegenleistung für eure Hilfe haben?", wollte Morgan wissen.

„Waffen", sagte Jadis sofort.

„Waffen?", wiederholte Morgan perplex.

„Schusswaffen", präzisierte Jadis, „Bringt uns Schusswaffen, und wir reden."

„Nein", schaltete sich Owen herrisch ein, „Wir bringen euch Schusswaffen, und ihr kämpft in unserem Krieg. Ansonsten gibt es keine Waffen für euch!"

Jadis maß ihn mit einem Seitenblick. „Frecher Omega Owen. Aber gut: Wir bekommen Schusswaffen, und ihr bekommt Hilfe", räumte sie dann ein, „Deal?"

Das war überhaupt kein Deal. Wenn sie alle ihre Waffen an diese Müllmenschen gaben, dann hätten sie keiner mehr übrig. Wie sollten sie sich dann noch gegen irgendjemanden verteidigen können? „Können wir euch nichts anderes…", begann Morgan, doch Jadis ließ ihn nicht ausreden. „Deal oder kein Deal?", bellte sie.

„Deal", gab Morgan mürrisch nach.

„Bringt uns Waffen", forderte Jadis dann, „Bringt uns viele Waffen."

Als Morgan und Owen die Müllhalde hinter sich ließen, konnte der Omega sich offenbar nicht verkneifen zu kommentieren: „Das war reine Zeitverschwendung. Selbst wenn wir ihnen Waffen bringen sollten, werden sie sicher behaupten, dass es zu wenig Waffen sind."

„Sie sagten, es ist ein Deal", widersprach Morgan, „Wir sollten nicht automatisch davon ausgehen, dass sie sich nicht an den Deal halten. Immerhin haben sie uns zugehört, nachdem ich Winslow besiegt habe."

„Du lernst nicht dazu, Morgan Alpha", seufzte Owen theatralisch.

„Ihr Angebot ist besser als nichts", hielt Morgan dagegen, „Rick wird meiner Meinung sein."

„Weil ihr beide Narren seid", meinte Owen dazu, „Aber ich gebe zu, es war nicht nur Zeitverschwendung. Ich werde ewig von den Bildern deines Kampfes gegen Winslow zehren. Der Mann gegen das Monster. Sehr sexy, das hat die Mülllady schon richtig erkannt."

Morgan war sich zu 80% sicher, dass sich der Omega gerade über ihn lustig machte. Ganz sicher war er sich allerdings, wie so oft wenn es um Owen ging, dessen nicht. Also beschloss er einfach nur zu erwidern: „Kein Sorge, den nächsten Beißer mit Dornenpanzer darfst du bekämpfen."

„Das", behauptete Owen, „wäre nur halb so witzig."


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