Wahrheiten
I.
Andrea hatte nicht gelogen. So sehr sie alle anderen vor Philip retten wollte, so sehr hoffte sie aber auch, dass sie möglichweise immer noch in der Lage sein würde Philip zu retten. Immerhin hatte er sie nicht getötet oder eingesperrt. Nachdem Milton sie von ihrem Stuhl befreit hatte, hatte Philip sich mit ihrer Gegenwart in Woodbury grummelnd abgefunden und sie schließlich sogar wieder ins Vertrauen gezogen, was seine Pläne anging. Als der Brief des Rudels in der Stadt eingetroffen war (sie hatten ihn in einer Flasche über die Mauer geworfen), hatte er sich von Andrea dazu überreden lassen sich zumindest anzuhören, was Rick zu sagen hatte, zu diesem Treffen zu gehen und sie mitzunehmen.
Es war zwar nichts bei diesem Treffen herausgekommen, aber trotzdem hatte Philips Verhalten der letzen Zeit in Andrea Hoffnung geweckt, Hoffnung, dass er möglicherweise doch noch zu retten war, dass er doch noch vernünftig werden würde.
Deswegen hatte sie vor noch einmal mit ihm reden. Vielleicht drang sie ja doch zu ihm durch. Allerdings fand sie ihn dabei vor, wie er eine Folterkammer vorzubereiten schien, was ihren Optimismus einen gehörigen Dämpfer verpasste. Er legte diverse spitze und scharfe Gegenstände nebeneinander auf, von denen er manche von Milton entwendet zu haben schien, und betrachtete alles von Säge, über Skalpell, bis zu Nussknackern mit einem genüsslichen Gesichtsausdruck.
„Was … wird das hier?", erkundigte sich Andrea vorsichtig und blickte sich besorgt in der Kammer um, an der nichts besonders einladend wirkte.
„Das hier wird eine Folterkammer für Michonne", erklärte Philip bereitwillig, „Wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie sich wünschen nie geboren worden zu sein."
„Dir ist schon klar, dass Rick sie nicht an dich ausliefern wird, oder?", erkundigte sich Andrea, weil ihr das vielversprechender vorkam, als den Alpha als Monster oder verrückt zu beschimpfen.
„Natürlich ist mir das klar. Ich bin ja nicht dämlich. Aber das wird mich nicht davon abhalten sie trotzdem hier reinzustecken", erwiderte Philip ungerührt, „Martinez ist in diesem Moment damit beschäftigt einen weiteren Angriff auf das Gefängnis vorzubereiten. Wir werden uns Michonne einfach holen." Er hörte sich so an, als würde er über die geplanten Umbauarbeiten an seinem Haus sprechen und nicht über den geplanten Mord an einer Gruppe Menschen.
„Warum?", wollte Andrea wissen, „Warum lässt du sie nicht einfach in Ruhe? Sie stellen keine Gefahr für dich da! Überlass ihnen das Gefängnis, vergiss Michonne, und lebe dein Leben weiter! Wäre das wirklich so unvorstellbar für dich?!"
Philip legte den Schraubenzieher, den er gerade in der Hand hielt, ab und wandte sich dann Andrea zu. Sein zerstörtes Auge wurde inzwischen von einer schwarzen Augenklappe verdeckt, die ihn wie einen Piraten und damit lächerlich hätte aussehen lassen müssen, stattdessen passte sie ihm aber ganz gut und ließ ihn irgendwie ernsthafter und grimmiger wirken. Und gefährlicher. Er hatte jeden Versuch sich als charmanter Anführer auszugeben aufgegeben. „Alles, was passieren wird, ist ihre Wahl", erklärte der Alpha, „Sie haben mich angegriffen, mehrmals. Sie weigern sich mein Revier zu verlassen. Sie weigern sich mir Michonne ausliefern. Alles, was ich von Rick wollte, war, dass er sich mir unterwirft, aber das hat er nicht getan. Dazu war er zu stolz, zu machtgierig. Der Omega, der König sein wollte. Nun, er kann das ja gerne wollen, aber er muss auch bereit sein den Preis dafür zu bezahlen. Du weißt, was mit denen geschieht, die sich nicht assimilieren lassen."
„Wenn du sie jetzt angreifst, dann lässt ihnen keine Zeit um entweder zu gehen oder sich zu unterwerfen. Du zwingst sie dazu sich verteidigen", meinte Andrea, „Es ist wie mit den Leuten des Piloten, du lässt ihnen keine Chance sich zu unterwerfen."
Philip zuckte die Schultern. „Ich bin der Meinung, dass sie nichts beitragen können", meinte er, „Sie sind Konkurrenz. Konkurrenz kann ich nicht dulden."
Andrea starrte ihn ungläubig an. Wie hatte sie nur jemals denken können, dass sie diesen Alpha retten konnte? Wie hatte sie nur denken können, dass sein Wahnsinn dabei war zu vergehen, dass er vernünftiger wurde? Sie hatte sich täuschen lassen, die Tatsache, dass er sie wieder freigelassen hatte, und dass er zum Treffen mit Rick gegangen war und sich angehört hatte, was dieser zusagen hatte, das alles war reine Täuschung gewesen, das alles hätte sie und alle anderen in falscher Sicherheit wiegen sollen und Philip mehr Zeit einräumen sollen sich zu überlegen, wie er mit ihnen allen verfahren sollte. Aber nun zeigte er sein wahres Gesicht.
Das muss aber nicht nur schlecht sein, es kann auch gut sein. Ich kann das nutzen um der ganzen Stadt zu zeigen, was für ein Monster ihr Alpha in Wahrheit ist. Bisher hatte sie sich ruhig verhalten, aber nun nicht mehr, nun würde sich alles ändern.
Die Bewohner der Stadt mussten von dieser Folterkammer erfahren, und von Philips Plänen, und davon, wie er mit anderen umging. Und es musste schnell geschehen, bevor er zum Angriff auf das Gefängnis blasen konnte.
Philip hatte seine Aufmerksamkeit schon längst wieder von ihr abgewandt. „Schließ die Türe auf deinem Weg nach draußen", meinte er nur und wandte sich dann wieder der Inspektion seiner Folterinstrumente zu. Ihre Anwesenheit schien für ihn nicht länger eine Rolle zu spielen. Er dachte wieder nur an seine Rache. Die er aber nicht bekommen würde, dafür würde Andrea schon sorgen.
II.
„Nun, wenn es Schusswaffen sind, die sie wollen, dann können wir die ganze Sache vergessen", meinte Daryl, „Wenn wir ihnen die geben, die wir noch haben, haben wir selbst keine mehr, und wenn wir losfahren um neue zu besorgen, wird das auffallen, und niemand sagt, dass wir überhaupt welche finden würden. Negan scheint inzwischen ja schon praktisch hier zu wohnen, er würde es auf jeden Fall merken, wenn jemand von uns für längerer Zeit verschwindet und dann mit leeren Händen zurückkommt."
Sie hatte sich zur Lagebesprechung im Haus der Grimes versammelt. Tara war entsetzt gewesen von Denise zu erfahren, und hatte sie ihrerseits auf den neuesten Stand gebracht, was ihre Erlebnisse und Heaths Schicksal anging. Sie ging zwar nicht ins Detail, aber es war offensichtlich, dass ihre Expedition eine einzige Katastrophe gewesen war, und sie von Glück reden konnten, dass sie überhaupt zurückgekommen war. Mit leeren Händen, was laut Carl, Negan wiederum gar nicht geschmeckt hatte. Morgan und Owen berichteten ihrerseits von ihrer Begegnung mit den Müllmenschen, und ihre Nachrichten waren auch nicht gerade umwerfend. Freiwillig wollten diese Leute ihren Rudel offensichtlich nicht helfen, und was sie als Gegenleistung forderten, nun das würde auch nicht so einfach aufzutreiben sein.
„Wir müssen es aber trotzdem versuchen", meinte Rick, „Vielleicht gibt es irgendwo dort draußen immer noch Waffen, die wir noch nicht gefunden haben. Wir haben nicht wirklich gesucht, oder? Alexandria war zu gut ausgerüstet."
Neben ihren Rückkehrern waren Rick, Carl, Andrea, Michonne, Daryl, Gabriel, Sasha, Glenn, Jesus, und Aaron bei der Besprechung anwesend. Rosita, Abraham, und Eugene waren noch zu erregt von allem, was vorgefallen war, und sie konnten sich nicht alle hier drinnen versammeln, ohne dass es ihren Gästen auffallen würde. Shane mochte die Dinge hier vielleicht locker handhaben, aber Morales und Erlöser A und B waren weder blind noch blöd, sie behielten die ganze Stadt im Auge.
„Brauchen wir ihre Hilfe denn wirklich? Die der Müllmenschen, meine ich", wollte Owen wissen.
„Gegen Negan und die Erlöser brauchen wir jede Hilfe, die wir kriegen können", gab Rick zurück, „Die sind nicht wie die Wölfe, ziehen nicht einfach durchs Land und hinterlassen eine Spur der Vernichtung, sie ziehen ins Land, unterwerfen dieses Land und alle seine Bewohner, und gehen auch dann nicht wieder weg, bis sie alles und jeden ausgeblutet haben. Und sie sind einfach zu viele. Ich hätte nicht gedacht, dass es irgendwo eine so große Gruppe Überlebender gibt. Oder eine so große Gruppe Alphas."
„Ich kann ja sogar verstehen, dass sie sich alle diesem Negan unterordnen", meinte Tara, „Er hat etwas an sich …. Eine gewisse Härte, von der man nicht will, dass er sie gegen einen richtet. Er ist nicht wie Brian, ich meine der Gouverneur, er versteckt seine Härte nicht hinter seinen Charme, selbst, wenn er so tut, als wäre er charmant, ist seine Härte immer unter der Oberfläche vorhanden. Das ringt wohl jeden anderen Alpha, sei er noch so verrückt, Respekt ab."
„Ja", meinte Carl leise, „Das tut es wohl."
Daryl warf einen besorgen Blick in Richtung des Jungen. Seit er und Enid mit Tara zurück in die Stadt gekommen waren, nach einer Begegnung mit Negan, war er sehr still. Daryl wusste nichts über die Details, aber offensichtlich war etwas mit Negan vorgefallen, das Carl verschreckt hatte. Was wiederum Rick in seiner Meinung bestärkte, dass sie alles tun mussten, was in ihrer Macht stand, um Negan und seine Leute loszuwerden. Dass sie dringend Verbündete finden mussten.
„Was denkt ihr würde passieren, wenn Negan nicht mehr da ist?", wollte Owen interessiert wissen, „Mit den anderen Erlösern, meine ich? Würden die sich gegeneinander wenden? Wer würde dann das Sagen haben?"
Rick zuckte die Schultern. „Simon ist seine rechte Hand, also würde er in der Rangfolge aufrücken, zumindest nehme ich das an. Wobei nicht gesagt ist, dass alle mit dieser Lösung glücklich wären. Also würden es vielleicht interne Kämpfe geben, aber das ist alles reine Spekulation, weil es keine Möglichkeit gibt Negan auszuschalten. Er weiß sich zu schützen, benutzt andere für seinen Schutz. Genau deswegen hat er Maggie bei sich behalten, und deswegen gibt er sich nie die Blöße. Er hat immer eine Versicherung in der Hinterhand, und lässt niemals seine Deckung fallen, nicht einmal im betrunkenen Zustand. Wenn wir versuchen würden ihn umzubringen und dabei versagen würden …. Seine Rache würde nicht nur uns treffen, sondern auch Hilltop und jeden anderen, den er für unseren Verbündeten hält", meinte er, „Die Variante uns zu befreien, indem wir Negan töten, steht einfach deswegen nicht zur Debatte, weil sie im Moment nicht durchführbar ist. Nicht solange wir ohne Waffen, praktisch alleine, auf weiter Flur dastehen. Selbst wenn sich uns das Königreich anschließen würde, was es aber nicht tun wird, hätten wir immer noch keine Chance. Wir brauchen diese Müllmenschen."
„Die uns aber nicht ohne die entsprechende Bezahlung helfen werden", betonte Morgan, „Das haben sie uns klar gesagt."
„Dann müssen wir eben versuchen zusätzliche Waffen aufzutreiben", sagte Rick, „Uns bleibt keine andere Wahl."
Tara schien zunehmend unruhig zu werden. „Was ist los? Musst du mal austreten?", wunderte sich Andrea leise, woraufhin Tara den Kopf schüttelte. „Nein", meinte sie, „es ist nur … Ich hab's versprochen. Ich musste es schwören."
Nun sahen alle in ihre Richtung. „Was genau musstest du schwören?", wollte Glenn wissen.
„Nichts zu verraten", erklärte Tara.
„Worüber?", wollte Sasha wissen, erhielt aber keine Antwort.
Die anderen tauschten Blicke aus. „Möchtest du es vielleicht nur mir anvertrauen?", bot sich Gabriel dann großzügig an, „In Form der Beichte?" Offenbar plante er zu entscheiden, ob es sich um eine wichtige oder unwichtige Information handelte, und sie nur dann weiterzugeben, wenn er der Meinung wäre, es wäre für die anderen ebenfalls relevant. Ganz schön gefinkelt für einen Priester.
Tara schüttelte den Kopf. „Nein, ich … ich muss es allen sagen. Ich habe es zwar geschworen aber … diese Leute haben Denise umgebracht und Maggie gekidnapped, Spencer mitten in der Stadt getötet … Ich habe bei meiner Geschichte etwas ausgelassen. Nachdem ich von der Brücke gefallen bin, wurde ich an den Strand gespült. Nur war der Ort, an dem ich mich wiederfand, nicht verlassen. Dort lebte ein Rudel. Ein bewaffnetes Rudel", erklärte sie mühsam, „Und es war nicht nur eine handvoll Leute mit einer handvoll Waffen. Es war eine ganze Gemeinde. Die alles haben, was wir brauchen. Genug Waffen für die Müllmenschen auf jeden Fall."
Rick schien darüber nachzudenken. „In diesem Fall", meinte er, „sollten wir uns vielleicht lieber an sie anstatt an die Müllmenschen wenden."
Tara schüttelte den Kopf. „Sie werden uns aber nicht helfen", erklärte der Beta, „Sie haben bereits die Bekanntschaft der Erlöser gemacht und legen keinen Wert darauf diese Bekanntschaft zu erneuern. Was diesen Leuten angetan wurde, war schlimm, Rick. Die Erlöser wollten wohl ein Exempel an ihnen statuieren. Sie … sie haben alle umgebracht. Alle Alphas, sogar die Kinder. Und alle männlichen Betas."
Nach dieser Erklärung herrschte betroffenes Schweigen. Die Frage, die sich keiner zu stellen traute, lag in der Luft. Blüht das auch uns?
„Wenn wir ihnen sagen, dass sie sich rächen können, dass wir ihnen dabei helfen sich zu rächen, vielleicht….", begann Michonne, doch Rick unterbrach sie.
„Nein", meinte er schlicht, aber voller Autorität, „Wir lassen diese Menschen in Ruhe. Lassen ihnen ihre Waffen und ihren Frieden. Wir werden sie nicht in einen weiteren Konflikt mit den Erlösern hineinziehen."
„Was, wenn wir uns einfach ihre Waffen ausborgen?", stellte Daryl die offensichtliche Frage.
„Und sie schutzlos zurücklassen?", gab Rick zurück, „Damit würden wir ihnen genau das antun, was die Erlöser uns angetan haben. Aber so sind wir nicht. Es war richtig uns das alles zu erzählen, Tara, aber es muss eine andere Lösung geben. Wir übergeben den Müllmenschen unsere Waffen, und wenn ihnen das nicht reicht, dann versuchen wir weitere aufzutreiben."
Die Gesichter der meisten anderen spiegelten Zweifel wieder, aber niemand sagte etwas dazu. Trotzdem schien Rick zu denken, dass er sich rechtfertigen müsste. „Wir sind nicht die Erlöser, wir sind gute Nachbarn. Gute Nachbarn zwingen anderen nicht ihre Kriege auf, und nehmen ihnen nichts weg, das sie brauchen. Genau so haben die Erlöser vermutlich angefangen, sie haben etwas gebraucht und es sich einfach genommen, und um ihr Gewissen zu beruhigen als Gegenleistung versprochen die Bestohlenen zu beschützen. Ich bin nicht Negan, und wir sind keine Erlöser. Wir machen so etwas nicht", erklärte er, „Wir sind besser als das."
Für sich dachte Daryl, dass in der heutigen Welt, diejenigen, die besser waren als die anderen, meistens diejenigen waren, die am Ende tot waren. Aber im Grunde gab er Rick recht: Er wäre lieber tot als ein Erlöser.
III.
„Was machen wir jetzt?", wollte Merle wissen, kaum, dass die das Gefängnis wieder erreicht hatten, „Gegen den Gouverneur und seine Leute, meine ich?"
„Wir bereiten uns auf einen neuen Angriff vor. Überlegen uns eine Strategie, wie wir überleben können. Überlegen uns, ob wir vielleicht nicht doch einfach gehen sollten", erwiderte Rick, „Was bleibt uns anderes übrig?"
„Du weißt genau was", gab Merle zurück, „Und ich spreche nicht davon Michonne auszuliefern."
„Wir greifen nicht an", meinte Rick fest, „Wir sind niemand, der andere grundlos angreift."
„Ein Präventivschlag ist niemals grundlos", behauptete Merle.
„Was denkst du, wie er seinen Angriff auf uns rechtfertigen wird?", hielt Rick dagegen, „Die Antwort war vorher nein, und sie ist es immer noch."
Merle knurrte, war offenbar nicht bereit nachzugeben, doch ihre Diskussion wurde von der heraneilenden Maggie unterbrochen. „Es gibt Ärger, Rick", erklärte sie, „Allens Sohn ist gestorben, während ihr weg wart. Beißerbiss. Scheinbar hat ihn ein Beißer, der während des letzten Angriffs hereingeschlüpft ist, erwischt."
Rick erinnerte sich noch genau, wie er gedacht hatte, dass es ein Wunder gewesen war, dass nicht mehr von ihnen gestorben waren. Danach hatte er nicht mehr viele Gedanken an den Angriff verschwendet, er hatte den Brief nach Woodbury gebracht, und war dann zum Treffpunkt gegangen. War damit beschäftigt gewesen in die Zukunft zu blicken statt in die Vergangenheit. Vielleicht war das ein Fehler gewesen.
„Allen hat sich darüber sehr aufgeregt", schloss Maggie.
„Ich rede mit ihm", bot sich Tyreese an, „Er ist mein Freund, ich schaffe es sicher ihn zu beruhigen."
Wenn er Carl verloren hätte, dann gäbe es nichts, was Rick beruhigen könnte, das wusste er. „Das weiß ich zu schätzen", meinte er zu dem dunkelhäutigen Omega, „Aber er soll mir ruhig alles in Gesicht sagen, was er mir zu sagen hat." Und wieso hätte Allen auch nicht der Meinung sein sollen, dass das alles Ricks Schuld wäre? Sein Sohn war wegen Ricks Kleinkrieg mit dem Gouverneur gestorben, mit dem keiner aus Tyreeses Gruppe irgendetwas zu tun gehabt hatte, bis Rick sie mit hineingezogen hatte. Welchen Vorwurf Allen auch immer anbringen wollte, Rick hätte ihn verdient.
Allen tobte in einer der Zellen, während Hershel offenbar erfolglos versuchte ihn zu beruhigen. „Da ist er ja!", rief Allen dann aus, als er Rick erblickte, „Bist du jetzt zufrieden?! Jetzt, wo du mir alles genommen hast?!"
„Was passiert ist, tut mir sehr leider", erwiderte Rick nur, „Ich weiß, dass ich nichts sagen kann um…"
„Ganz richtig! Du kannst nichts sagen!", fuhr Allen ihn an, „Deinetwegen habe ich alle verloren! Zuerst musste Donna sterben, weil du uns nicht bleiben lassen wolltest! Und jetzt ist mein einziges Kind tot, weil du uns in deinen Krieg hineingezogen hast!"
„Hey, jetzt warte mal", mischte sich Tyreese, der gemeinsam mit Sasha trotzdem mitgekommen war, um mit Allen zu reden, „Donna wurde gebissen, bevor wir das Gefängnis erreicht haben. Sie wäre so oder so gestorben. Rick trifft keine Schuld an dem, was ihr zugestoßen ist."
„War ja klar, dass du dich auf seine Seite stellen würdest! Schon wieder!", fiel Allen jetzt über den dunkelhäutigen Omega hier, „Als er entschieden hat, dass wir nicht bleiben können, hast du dich ihm ja auch gefügt. Wolltest nicht einmal versuchen für uns zu kämpfen! Verfluchte Inter-Omega-Loyalität! Denkst du, nur weil ihr beide Omegas seid, die denken anführen zu können, müsstet ihr loyal zueinander sein? Newsflash, Tyreese, du hast es geschafft alle umzubringen, alle bis auf Sasha und mich. Wie lange noch, bis es uns auch erwischt? Und Rick, der hat es geschafft genug von seinen Leuten umzubringen, bevor wir uns ihm angeschlossen haben, dann hat er noch ein paar seit dem umgebracht, und den Rest wird er auch noch umbringen! Was sagt und das? Nun, offenbar, dass Omegas keine Anführer sein sollten!"
„Hey, es gibt keinen Grund sexistisch zu werden, Allen. Wir spüren und teilen deinen Verlust, aber….", mischte sich Sasha, ein, doch Allen ließ auch sie nicht ausreden. „Ach halt doch den Mund! Ihr Williams Geschwister seid doch zu niemanden loyal außer zueinander!", fuhr er sie an.
„Offenbar bist zu wütend als dass man mit die reden kann", stellte Tyreese fest.
„Was willst du jetzt tun?", wollte Rick wissen.
„Was ich tun will?! Ich habe keine Ahnung, was ich tun will! Ich will hier aber kein Gefangener mehr sein! Deine verkrüppelter Alpha und deine Omega-Freunde haben mich hier nämlich festgehalten! Schon wieder! Denn das ist alles, was ihr jemals tut: ihr sperrt uns in Zellen und stellt uns Ultimaten!", schrie Allen.
Rick hob beruhigend die Hand. „Okay, okay, schon verstanden. Es steht dir frei zu gehen", versicherte er dem wütenden Beta, „Aber ich würde dir raten das Gefängnis nicht zu verlassen, dort draußen ist es nicht sicher, und der Gouverneur…."
„Bei dir ist es nicht sicher, Rick!", brüllte Allen, „Und dein Gouverneur interessiert mich nicht!" Er drängte sich an Hershel, Rick, Tyreese, und Sasha vorbei und stürmte den Gang entlang in Richtung Ausgang.
„Er wird sich schon wieder beruhigen", meinte Tyreese, „Und dann wird er sich entschuldigen und bleiben wollen."
Rick teilte den Optimismus des anderen Omegas nicht, was das anging. Immerhin hatte Allen nicht unrecht. Aber wenn er das Gefängnis verlässt, ist er nicht sicher. Er könnte den Gouverneur und seinen Leuten in die Arme laufen. Doch er konnte verstehen, warum Allen in ihm den Feind sah und seine Gegenwart nicht mehr ertrug.
Allen ließ sich den Rest des Tages über nicht mehr blicken, die anderen schmiedeten Verteidigungsstrategien, und gingen dann völlig übermüdet zu Bett. Maggie und Glenn schliefen in ihrer Zelle, Beth und Hershel teilten sich eine, genau wie Tyreese und Sasha, und Daryl und Merle. Carol hatte ihre eigene Zelle, genau wie Michonne, und die hätte Allen jetzt wohl auch. Rick warf einen prüfenden Blick auf den leise schnarchenden Carl, der sich auf seiner Pritsche zusammengerollt hatte, und versuchte dann Judith in den Schlaf zu wiegen. Sie fühlte sich schwer in seinen Armen an, vielleicht war er auch nur erschöpft. „Es ist ein Wunder, dass du überhaupt weißt, wer ich bin, so selten wie du mich siehst", flüsterte er seiner Tochter zu.
„Du musst ja ständig rumrennen und versuchen die Welt zu retten", kommentierte das Merle, der zu ihm in die Zelle getreten war.
„Was willst du hier, Merle?", wollte Rick wissen.
„Hier schlafen, was sonst?", erwiderte Merle, als wäre das eine wirklich dumme Frage.
„Das machen wir nicht mehr. Schon vergessen?", rief Rick ihn in Erinnerung, „Und außerdem…" Er nickte in die Richtung von Carl hinüber.
„Vergiss deine dreckigen Fantasien, Grimes, ich sagte schlafen", spottete Merle, „Ich weiß, dass du nicht mehr richtig schläfst. Und du brauchst dringend eine erholsame Nacht. Komm schon."
Rick seufzte, und legte Judith dann in die Krippe, die sie ihr gebastelt hatten, dann legte er zu Merle auf die zweite Pritsche, auf der sich der Alpha schon positioniert hatte, und ließ sich dann ohne Widerstand umarmen und kuschelte sich dichter an seinen Schlafpartner. „Siehst du? Ist doch gleich viel besser", meinte Merle, und er hatte recht, Rick fühlte sich gleich viele entspannter.
„Dieser Allen-Freak redet Unsinn, das weiß du, oder? Du machst das alles großartig", erklärte Merle leise.
„Dieser Allen-Freak hat dabei geholfen dich zu retten, vergiss das nicht. Und ich dachte eigentlich, dass du der Meinung bist, dass ich alles falsch mache", gab Rick zurück, „Du willst doch, dass wir angreifen."
„Ich bin nicht dein Kumpel Shane, es ist mir nicht wichtig, dass alle meiner Meinung sind", erwiderte Merle, „Ich will nur, dass ihr alle sicher seid. Daryl, du, die Kleinen, Hershel und Company, Carol, Glenn, sogar Blondie und ihre Samurai-Freundin. Und du willst das auch. Das ist dir wichtiger als alles andere. Das respektiere ich. Ich respektiere dich. Es gibt gewisse Dinge, die du nicht tun kannst, und das ist okay. Dafür gibt es andere."
„Mhm….", erwiderte Rick, der nicht ganz verstand, was das eigentlich heißen sollte.
„Ich will nur sagen: Ändere dich nicht Rick Grimes, du bist schon in Ordnung so wie du bist", schloss Merle.
„Du bist auch in Ordnung, so wie du bist", murmelte Rick schläfrig, „Passt immer auf mich auf."
„Darauf kannst du Gift nehmen", lautete die Antwort, der er gerade noch mitbekam, bevor er in tiefen Schlaf fiel.
Am nächsten Morgen fühlte er sich erfrischt und besser als seit langem. Merle war verschwunden. Er dachte sich nichts dabei. Nahm an, der Alpha wäre nur in seine eigene Zelle zurückgekehrt und zum Frühstück gegangen, oder wollte etwas mit Daryl besprechen. Er hätte es besser wissen müssen. Doch Merles Worte von letzter Nacht hatte er schon wieder vergessen.
IV.
Shane nahm sich die Zeit die Wiederkehrer persönlich in Alexandria zu begrüßen und alle drei gleich zu einem Interview einzuladen. Die Tatsache, dass sie alle mit leeren Händen zurückgekommen waren, war zwar nicht gut, aber keine Katastrophe, zumindest sah er das so. Sie mussten lediglich umplanen - wieder einmal -aber sie könnten das alles immer noch in Ordnung bringen, davon war er überzeugt. Er plante es selbst irgendwie in Ordnung zu bringe, Rick zu beweisen, dass er wusste, was er tat. Er war sich zwar noch nicht sicher, wie er das alles angehen sollte, aber er würde es angehen. Doch zunächst wollte er sich ein Bild von den drei Rückkehrern machen.
Tara Chambler war ihn auf Anhieb sympathisch. Der dunkelhaarige Beta besaß einen leisen Sinn für Humor, den er zu schätzen wusste, und wusste sich selbst offenbar zu helfen. Deanna Monroe schien sie für fähig gehalten zu haben und extra für die Versorgungsfahrten ausgewählt zu haben. Dass sie sich für eine Karriere bei der Polizei interessiert hatte, sprach in Shanes Augen ebenfalls für sie. Sie war offenbar jemand, auf den man sich verlassen konnte. Und jemand, der keinen unnötigen Groll zu hegen schien. Immerhin war Denise Cloyd, jener Omega, den Dwight getötet hatte, ihre Partnerin gewesen. Trotzdem schien sie keinen Groll gegen Shane zu hegen (der ja auch wirklich keinerlei Anteil an diesen speziellen Zwischenfall gehabt hatte). Stattdessen war sie auf einer Mission, wie es schien. „Ich hätte gerne Unterstützung bei der Suche nach Heath", erklärte sie Shane, „Er hat mir Zeichen hinterlassen, das bedeutet, dass er irgendwo zu finden sein muss. Sei es nur als Beißer. Er kann nicht einfach vom Erdboden verschluckt worden sein. Er hat mich gerettet, ich schulde es ihm das Gleiche für ihn zu tun."
„Loyalität ist eine gute Sache, und ich bin deiner Meinung, wir lassen niemanden dort draußen zurück. Allerdings müssen wir uns unsere Kräfte einteilen. Nachdem deine Mission ein Fehlschlag war, müssen wir kompensieren, irgendwie anders an Vorräte kommen. Wir können aber nicht zu viele Leute auf einmal auf getrennte Missionen wegeschicken. Wir müssen uns also überlegen, wie wir es am Besten anstellen Vorräte aufzutreiben und zugleich nach Heath zu suchen", erwiderte Shane, „Natürlich wäre es von Vorteil, wenn du auf eine derartige Doppelmission mitgehen würdest. Wenn du dich dazu in der Lage fühlst."
„Rumsitzen hat noch niemanden je geholfen, ich bin mehr ein Beta der Tat", erwiderte Tara, „Wann geht es los?"
„Nicht sofort. Ich muss noch alles organisieren, und du solltest dich ein wenig erholen. Kräfte sammeln. In ein paar Tagen rücken wir dann aus. Ich gebe dir Bescheid", meinte Shane.
Tara nickte. „Okay, ich will aber auf jeden Fall dabei sein", meinte sie, bevor sie sich erhob und andeutete gehen zu wollen, „Gibt es sonst noch etwas?"
„Nein, im Moment nicht. Danke, dass du vorbeigekommen bist", meinte Shane. Liebend gerne hätte er Tara länger hier behalten, wenn das sein nächstes Gespräch aufschieben würde, aber er war tatsächlich fertig mit ihr. Es war an der Zeit sich seinem nächsten Interview-Partner zu stellen.
Shane erinnerte sich natürlich noch an Morgan Jones (auch wenn ein Teil von ihm wünschte, dass es nicht so wäre).
„Morgan, es freut mich dich wohlbehalten zu sehen. Setz dich doch", forderte er den anderen Alpha auf, als dieser sein Büro betrat.
„Shane", meinte Morgan freundlich und nahm ihm gegenüber Platz.
Wie sollte er dieses Gespräch nur beginnen? „Ich habe von Duane gehört. Das tut mir wirklich leid", sagte er langsam, „Mir ist klar, dass ich eine gewisse Mitschuld an dem, was passiert ist, trage und ….."
„Stopp", unterbrach ihn Morgan, „Ich weiß dein Mitgefühl wirklich zu schätzen, aber wir wissen beide, dass niemand außer mir die Schuld an dem trägt, was passiert ist. Keiner hat mich gezwungen zu gehen, es war meine Entscheidung. Es war die falsche Entscheidung, aber mein Stolz hat mich dazu verleitet viele Dinge zu tun, die sich rückblickend als falsch herausgestellt haben."
„Wir haben beide Fehler gemacht. Ich weiß, dass ich dir niemals das Gefühl vermittelt habe willkommen zu sein. Ich war von Anfang an feindselig zu dir, aus einer unbegründeten Eifersucht heraus, für die ich mich nur entschuldigen kann", erwiderte Shane.
„Es war keine gänzlich unbegründete Eifersucht. Deswegen bin ich ja gegangen. Ich wusste doch, was ihr füreinander empfindet, und wollte mich nicht dazwischen drängen", sagte Morgan, „Aber das war eine Ausrede, die ich mir selbst erzählt habe. Ich war zu stolz um erwachsen genug zu sein um offen auf das zu verzichten, was ich sowieso niemals hätte haben können. Aber ich dachte, wenn ich gehe, dann müsste ich mich der Tatsache, dass ich sowieso keine Chance hätte, nicht stellen. Und das war die falsche Entscheidung."
„Wenn ich damals vernünftiger gewesen wäre, dann hätte ich mich nicht bedroht gefühlt und hätte selbst reifer und zurückhaltender reagiert", erklärte Shane, „Ich könnte jetzt viele Ausreden vorschieben, aber die Wahrheit ist: Ich war damals nicht ganz bei mir. Ich hatte weder meine Instinkte noch meine Gedanken vollkommen unter Kontrolle, und wollte das nicht wahrhaben. Anstatt Hilfe zu suchen, habe ich getan als wäre alles in Ordnung. Wir hätten dich gebrauchen können. Duane und du, ihr wart Teil unseres Rudels, aber ich wollte euch nicht bei uns haben, weil ich verunsichert war, was Rick anging."
„Diese Welt, sie kann jeden von uns schon mal vorübergehend seinen Verstand einbüßen lassen", meinte Morgan, „Ich weiß genau, wie das ist. Man weiß was los ist, kann aber nichts dagegen tun."
Shane nahm diese Aussage in aller Bedeutungsreichweite zur Kenntnis. „Es geht mir jetzt besser", versicherte er Morgan, „Ich will meine alten Fehler nicht wiederholen."
„Mir geht es genauso", erklärte Morgan, „Ich habe meinen Verstand zurückbekommen und meinen Stolz hinter mir gelassen."
„Das würde ich gerne auch über mich sagen", meinte Shane unumwunden, „Aber es ist nicht immer leicht." Er dachte an Negan und alles, was mit ihm einherging. „Manchmal fühle ich mich überfordert und habe Angst abzustürzen. Ich gebe mein Bestes aber, ich schätze ich bin weit davon entfernt perfekt zu sein."
„Niemand verlangt Perfektion. Man kann zweifeln, man darf nur nicht wieder damit beginnen andere zu gefährden", erwiderte Morgan freundlich, „Das ist das, worauf es ankommt. Wir sind Alphas, es gehört zu unserem Wesen andere zu schützen und sie nicht zu gefährden. Solange wir uns daran halten, wird sich alles andere von selbst weisen."
„Rick hat gesagt, dass du jetzt ein Kampfmönch bist. Den Kampfteil kann ich nicht beurteilen, aber die Mönchsweisheit hast du schon mal drauf", stellte Shane voller ehrlicher Bewunderung fest.
Morgan lachte. „Ich hatte einen guten Lehrmeister. Aber Rick übertreibt, ich bin weder ein Kämpfer noch ein Mönch, nur ein Alpha, der besser sein will, als er es früher war. Ich ziehe das Leben dem Tod vor und gebe jedem eine zweite Chance. Mehr kann man nicht tun", meinte er.
Shane wünschte sich, er hätte auch nur ein Zehntel von Morgans scheinbarer Selbstsicherheit und Weisheit. Er wollte nicht schon wieder eifersüchtig werden, aber irgendwie schien Morgan Jones immer wieder der Alpha zu sein, der etwas besaß, was Shane nie haben konnte. Aber besser zu sein, war auch Shanes Ziel.
„Ich möchte, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen und neu anfangen", erklärte er.
Morgan nickte. „Das ist auch mein Ziel", gab er zu, „Und im Interesse des Neuanfangs sage ich dir, dass, was immer zwischen Rick und mir war oder nicht war, im Augenblick für keinen von uns eine Rolle über die Tatsache hinaus spielt, dass wir ein Rudel sind und Freunde. Ich habe einen Omega, aber das ist definitiv nicht Rick."
„Es ist nett von dir das zu betonen, aber … ich bin mir ziemlich sicher, dass ich alles, was jemals zwischen mir und Rick war, unwiederbringlich zerstört habe", gestand Shane, „Gefühle hin oder her, dieser Zug ist abgefahren. … Hah, in ein paar Jahrzehnten werden Kinder wie Judith diesen Ausdruck nicht mehr verwenden, weil sie nichts mehr damit anzufangen wissen. Alles ändert sich, so ist es nun einmal. Rick hat sich auch geändert, er braucht keinen Alpha mehr, und das ist wohl auch ganz gut so. Ich habe in dem Job auf jeden Fall eklatant versagt. Jetzt kann ich nur noch versuchen zumindest einen Bruchteil seines Vertrauens zurückzuerobern, um zumindest meine Kinder nicht vollständig zu verlieren."
Morgan musterte Shane nachdenklich. Vielleicht sogar ein bisschen mitleidig. „Rick kann manchmal hart zu anderen sein, ohne es sein zu wollen. Es ist seine Art sich selbst zu schützen, bedeutet aber nicht, dass er sich vor diesen anderen, zu denen er hart ist, vollkommen verschließt", teilte er Shane dann mit.
Als ob ich das nicht selber wüsste. Aber ich habe ihn einmal zu oft weh getan. Er konnte immer noch Ricks Stimme hören, die ihm sagte, dass er ihn liebte, dass das aber nichts änderte. Shane wollte ihm so gerne beweisen, dass er diese Liebe auch verdient hatte, weil er wollte, dass Rick endlich damit aufhörte sich selbst dafür zu hassen, dass er nicht aufhören konnte Shane zu lieben. Aber eine glückselige Wiedervereinigung, wie Carl sie sich offenbar vorgestellt hatte, würde es nicht geben, niemals geben, das wusste er. Weil Rick jemanden an seiner Seite verdient hatte, der ihn ebenfalls verdiente, und diese Person war Shane definitiv nicht. Er wollte Ricks Vertrauen zurück und alles tun um ihm zu helfen, aber würde nie mehr Ricks Alpha sein.
„Eigentlich wollte ich nicht über Rick reden", meinte Shane nach einer Pause, aus der Morgan vermutlich mehr heraushörte als ihm lieb war, „Du hast deinen Omega erwähnt. Owen, nicht wahr? Mit ihm unterhalte ich mich als nächstes. Ist er mit dir nach Alexandria gekommen? Ich habe in all diesen Unterlagen nichts über ihn finden können." Er deutete auf Deannas Akten.
„Ehm, nein. Owen ist vor einigen Monaten nach Alexandria gekommen. Nach mir. Er ist unsere neuste Neuanschaffung hier gewesen. Vor euch", erklärte Morgan, schien aber nicht ins Detail gehen zu wollen.
„Okay, dann schick ihn mir doch bitte rein, damit ich mit ihm sprechen kann. Es wird auch nicht lange dauern. Du kannst gerne auf ihn warten", meinte Shane.
Morgan wirkte etwas nervös, als er meinte: „In Ordnung." Er zögerte einen Moment, verließ dann das Büro und schickte seinen Omega herein.
Dieser war ein dunkelhaariger Mann mit wachem Blick, der Shane mit offenen Misstrauen musterte. Nach zwei angenehmen Gesprächen stand ihm jetzt ein scheinbar unangenehmes bevor.
„Hi. Mein Name ist Shane. Du bist Owen, richtig? Morgans Omega?", begann Shane die Unterhaltung.
Owen nickte nur.
„Morgan hat mir gesagt, du bist vor ein paar Monaten in die Stadt gekommen. Wie ist dein allgemeiner Eindruck von Alexandria?", wollte Shane wissen.
Owen lächelte hintergründig. „Es sind gute Leute", sagte er dann sanft, „Und das wird sie über kurz oder lang umbringen. Ich tippe eher auf kurz."
Das war nicht ganz der Gesprächsbeginn, mit dem Shane gerechnet hatte. „Du … eh … vertrittst einen anderen Standpunkt als Morgan und Rick, was die allgemeine Politik von Alexandria angeht?", versicherte sich Shane.
„Mhm… in den meisten Belangen, vielleicht in allen. Aber keine Sorge, ich bin kein Wolf mehr, ich bin jetzt ein braver Hund", meinte Owen dazu und legte seinen Kopf schief, „Was von beiden bist du?"
„Ich bin hier um Rick zu helfen", erklärte Shane.
„Man kann auf viele Arten helfen", behauptete Owen, „Aber wenn ich dich so ansehe … die tun alle so als wäre es anders aber … nein, du bist ein Hund. Du bist Ricks Hund. Tust, was er dir anschafft."
„Wenn das so wäre, würde ich kaum hier sitzen", widersprach Shane voller Bitterkeit.
„Ich korrigiere, du willst sein Hund sein. Du bist ein Wolf, der sich hinab würdigt um ein Hund sein zu können. Du bist sein gezähmter Wolf, so wie ich Morgans bin. Aber er nützt dich nicht. So wie Morgan sich weigert mich zu nützen." Owen lachte und beugte sich dann vor und beschnupperte Shane. „So viel Angst. Und kein bisschen davon für dich selbst. Damit kann ich arbeiten. Sag mir, Shane: Was ist mit Negan? Ist er ein Wolf, oder tut er nur so als wäre er einer?"
Shane starrte Owen ungläubig an. Wer zum Teufel ist dieser Kerl? „Negan ist Negan. Wer weiß schon, wer Negan wirklich ist, er muss Negan sein, damit die Erlöser funktionieren", sagte er etwas verwirrt fast gegen seinen Willen, „Was spielt es für eine Rolle wer oder was er wirklich ist?"
„Mhm …. Na dann, erzähl mir lieber von den andere Erlösern", forderte Owen, „Sag mir, was sie tun würden, wenn sie ihren Alpha verlieren würden."
A/N: Reviews?
