Konfrontationen
I.
Andrea hatte mit den Bewohnern von Woodbury gesprochen, mit vielen von ihnen, ihnen erklärt, was vor sich ging, wie Philip wirklich war, was er mit all jenen, die er als Gefahr ansah, getan hatte. Und wie sie sich erhofft hatte, waren die meisten Leute, mit denen sie gesprochen hatte, schockiert. Und nicht alle stellten sie gleich als Lügnerin hin. Immerhin war niemanden vollkommen entgangen, was mit Philip passierte, niemand war so blind.
Leider gab es dann aber immer noch die, die loyal zu ihren Gouverneur standen. Es war Karen, ein weiblicher Alpha aus Martinezs Miliz, die Andrea an einer Ecke abpasste, am Arm packte (und das nicht sehr sanft), und dann zu Philip schleifte. Der Alpha befand sich offenbar auf dem Weg zu Miltons Krankenstation.
„Die hier hat versucht die Stadt gegen Sie aufzubringen, Boss", erklärte sie.
„Er ist nicht dein Boss, Karen, er ist nur ein machthungriger Alpha, der euch unbedingt in einen sinnlosen Krieg gegen eine kleines Rudel lotsen möchte, das euch gar nichts getan hat", erklärte Andrea, „Es gibt keinen Grund für euch auch ihn zu hören."
„Ich denke du verwechselt uns beide, Andrea. Du bist die machthungrige hier. Versuchst meine Stadt an dich zu reißen. Aber keine Sorge, deinen Mitverschwörer haben wir ebenfalls gefangen", behauptete Philip unbeeindruckt.
„Meinen Mitverschwörer?" Von wem sprach er? „Jeder hier, der dich für genauso wahnsinnig hält wie ich, ist in deinen Augen wohl ein Mitverschwörer", stellte Andrea fest.
„Oh, nein, ich spreche von niemanden von uns, ich spreche von deinem Freund", korrigierte sie Philip, „Aber sieh selbst…"
Der Anblick kam Andrea unangenehm vertraut vor. Martinez und Shumpert führten einen übel zugerichteten Merle vor sich her in ihre Richtung. „Dein Assassine wurde geschnappt, bevor er Erfolg haben konnte", erklärte Philip zufrieden, „Und nun werdet ihr beide bezahlen. Kommt mit."
„Merle, was machst du hier?", wollte Andrea wissen.
„Wollte es beenden", erwiderte Merle, „Wollte das tun, was ihr nicht könnt, du und Rick. Leider wurde ich geschnappt." Offenbar hatte Philip in einem recht, der Alpha war wirklich gekommen um ihn zu töten. Warum nur war er davon ausgegangen, dass er Erfolg haben würde? Warum war er alleine hergekommen? Nun, vermutlich weil keiner der anderen bei seinem verrückten Plan mitgemacht hätte. Aber so waren sie wieder da, wo sie angefangen hatten - Merle in der Gewalt der Woodbury Alphas, und Andrea nicht in der Lage ihm zu helfen. Wie es im Moment aussah, konnte sie nicht einmal sich selbst helfen.
Sie wurde zu Miltons Labor gebracht. „Was geht hier vor?", wollte der Omega nervös wissen, als seine Gäste eintrafen. Er sah unsicher zwischen Philip, Merle, Andrea, Karen, Martinez, und Shumpert hin und her.
„Was hier vorgeht ist, dass ich bisher zu nachsichtig war", erklärte Philip, „Die Arena war eine nette Idee, aber nicht durchdacht. So bringt man niemanden um, den man wirklich tot sehen möchte. Das tut man anders. Milton, ich will, dass diese beiden leiden. Ich möchte, dass du ihnen ein Stück toter DNS injiziert. Ich denke, wir wissen beide, was dann mit ihnen passieren wird. Ich halte das für eine angemessene Strafe. Findet ihr nicht?"
Milton sah Philip an, als wäre er davon überzeugt, dass dieser den Verstand verloren hatte. Karen wirkte unangenehm berührt, und selbst Martinez und Shumpert schien dieser Vorschlag zu überrumpeln. Seht ihr wem ihr eure Gefolgschaft versprochen habt? Erkennt ihr euren Fehler?! „Was? Zu grausam? Das liegt an mir zu entscheiden!", behauptete der verrückt gewordene Alpha, „Tu es!"
Milton wich vor dem wütenden Alpha zurück. „Nein!", verkündete er dann, „Nein, ich werde das nicht tun. Es gibt Grenzen, und ich habe schon viel zu lange stumm dabei zugesehen, wie du jede einzelne von diesen überschritten hast. Aber das geht jetzt endgültig zu weit! Du willst sie foltern? Dann foltere sie gefälligst selbst! Du willst sie töten, dann töte sie gefälligst selbst! Ich aber habe genug von dir! Und keine Lust mehr weiterhin Entschuldigungen für dich zu erfinden! Du bist krank, Philip! Hör endlich damit auf so zu tun als wäre es anders!" Der Omega zitterte vor rechtschaffener Wut. „Lass dir endlich helfen!"
Philip nickte, als würde er Milton recht geben. „So entscheidest du dich also, ja? Nun, ich wusste schon lange, dass du ein Verräter bist", meinte er dann, zog seine Waffe, und schoss Milton mitten in die Brust. Andrea schrie erschrocken auf, genau wie Milton, der zurücktaumelte und Philip einen anklagenden Blick zuwarf. „Was? Du hast doch gesagt, dass ich es selbst tun soll!", verteidigte sich Philip, „Du kannst mir aber trotzdem noch von Nutzen sein, Milton. Bindet die beiden fest und sperrt sie hier mit ihm ein, er wird im Tod für uns beenden, was er im Leben nicht tun wollte." Die drei anderen Alphas waren wie erstarrt und blickten Philip an, als würde ihnen jetzt zum ersten Mal auffallen, dass ihr Anführer nicht mehr ganz bei sich war.
Philip maß sie mit einem kalten Blick. „Was? Tut gefälligst, was ich euch sage!", brüllte er seine Untergebenen dann an.
„Ihr müsst nicht tun, was er sagt! Er hat gerade einen unbewaffneten Omega erschossen!", rief Andrea aus, „Er ist offensichtlich nicht ganz bei sich! Zusammen können wir ihn überwältigen!"
Philip packte sie persönlich am Arm, setzte sie auf Miltons freie Liege, und schnallte sie an dieser fest. „Nein, nein, tu das nicht! Tu das….!" Sie unterbrach sich, als sie sah, wie Merle sich losgerissen hatte und von hinten auf den Gouverneur stürzte. Philip schüttelte ihn ab, und verpasste Merle dann einen Schuss in den Bauch.
„So geht es auch. Das erhöht die Chancen, dass du auch wirklich bekommst, was dir zusteht, Beta-Weib! Ich kann nicht glauben, dass ich dich hier aufgenommen habe! Dir eine Heimat geben wollte!", spukte Philip, bevor er sich den verschreckten Alphas zuwandte, die sich an der Türe versammelt hatten, „Kommt schon, ihr verdammten Feiglinge. Für die Drecksarbeit seid ihr euch offensichtlich zu gut, aber für den geplanten Angriff seid ihr hoffentlich trotzdem noch zugebrauchen!"
„Lass das Gefängnis in Ruhe! Rick will nichts von dir! Er interessiert sich nicht für ein Revier!", bettelte Andrea und versuchte sich von den Riemen, die sie zurückhielten, zu befreien. Wenn sie schon sterben musste, wenn Merle schon sterben musste, dann sollten die anderen nicht ebenfalls sterben müssen.
„Falsch. Das sagt er vielleicht, aber es ist eine Lüge. Alles, was er sagt, sind Lügen. Und er beschützt meine Feindin, alleine dafür muss er sterben. Viel Spaß mit deinen beiden Freunden, Andrea, genieße ihre Gegenwart so lange du noch kannst!", gab der Gouverneur zurück und schob Karen, Shumpert, und Martinez aus dem Raum, „Sehr lange wird es nicht sein!" Dann schloss er die Türe hinter sich.
„Nein! Komm zurück! Nein!", schrie Andrea, „Karen! Martinez! Shumpert! Helft mir! Helft mir!" Doch niemand kam zurück, niemand öffnete wieder die Türe.
Merle stöhnte. „Halt still, ein Bauchschuss kann lange Zeit in Anspruch nehmen, wenn du stillhältst….", wandte sich Andrea an ihn.
„Frisst mich der baldwiedererwachte Beißer und danach dich. Mach dir keine Sorge, ich werde ihn ausschalten", keuchte Merle. Aber wer schaltet dich aus? Selbst wenn Merle sie vor Milton retten würde, wer würde sie vor Merle retten? „Wie du richtig sagst, ein Bauchschuss kann lange Zeit in Anspruch nehmen", fuhr er fort.
„Du kannst dich kaum bewegen, wie willst du….", begann sie.
„Für den hier reicht es noch", hustete Merle, stemmte sich vom Boden hoch, und stürzte sich dann auf Milton und zertrümmerte dessen Schädel mit seinen bloßen Händen mit einer Reihe präziser Hammerschläge. Dann gab er einen Stöhnlaut von sich und brach zusammen. „Das tat nicht so gut. Ich hoffe es reicht", presste er.
„Merle", jammerte Andrea, „Merle, befrei mich."
Doch der Alpha reagierte nicht. Möglicherweise hatte er das Bewusstsein verloren, möglicherweise war er aber auch schon gestorben. Okay, ich nehme alles zurück. Ich habe keine Ahnung, wie man dieses Spiel spielt. Philip Blake war eine ganz andere Kategorie verrückter Alpha als sie befürchtet hatte. Er war viel schlimmer. Und sie fürchtete, dass Rick und die anderen genauso wenig mit ihm fertig werden würden wie sie.
II.
„Wer ist dieser verrückte Omega, den sich Morgan da zugelegt hat? Weißt du, dass er mir lauter Fragen über Negan und die Erlöser gestellt hat? Regelrecht gelöchert hat er mich. Und dann all dieses Gerede von Wölfen. Gibt es irgendetwas, das du vergessen hast mir zu sagen, Rick?!"
Shane war regelrecht ins Haus gestürmt bekommen. Für Carl und Judith hatte er kaum einen zweiten Blick übrig gehabt. Stattdessen war er zielsicher auf dem am Esstisch sitzenden Rick zugesteuert, und hatte ihn mit Fragen und Vorwürfen in Bezug auf Owen überhäuft.
Carl nahm an, dass das früher oder später hatte passieren müssen. Warum die Erwachsenen davon ausgegangen waren, dass sie Owen vor den Erlösern geheim halten würden können, hatte er noch nie verstanden. Owen benahm sich selbst an seinen guten Tagen nicht wirklich wie ein normaler Mensch. Früher oder später hatte das irgendjemandem von ihren Gästen auffallen müssen. Auch wenn er inzwischen kein W mehr auf seiner Stirn trug.
Carls Dad musterte den aufgelösten Alpha mit vollkommener Ruhe. „Morgan ist der Meinung, dass jeder eine zweite Chance verdient hat, dass jeder sich ändern kann. Er lebt nach diesem Prinzip. Er war der Meinung, dass Owen sich ändern kann. Und er hat sich geändert", verkündete er dann, „Du musst dir wirklich keine Sorgen wegen ihm machen."
„Ich muss mir keine …. Rick, wenn dieser Kerl gefährlich ist, dann sagst du es mir besser. Ich muss solche Dinge wissen", gab Shane zurück.
„Er ist ein Omega. Was genau soll er schon groß anstellen?", tat Rick diese Aufforderung ab.
„Erspar mir das!", fuhr Shane ihn an, „Sag mir, ob er gefährlich ist!"
„Nicht für dich", meinte Rick nur.
„Ja, das hat er mir auch gesagt, und stell dir vor: Ich finde das kein bisschen beruhigend! Du bist in den gleichen Kursen wie ich gesessen, Rick, das Einzige was gefährlicher ist als ein Psychopath ist ein hoch intelligenter funktionaler Psychopath. Wie kannst du so jemanden hier leben lassen, neben deinen Kindern?!", ereiferte sich Shane, „Neben Carl! Neben Judith!"
„Ich kann auch mich aufpassen!", meldete sich Carl nun zu Wort, immerhin war er ja anwesend, Shane hatte kein Recht so über ihn zu sprechen, als wäre er das nicht.
„Das bestreite ich nicht, Kumpel", versicherte ihm Shane schnell, wandte sich aber dann schon wieder seinem Dad zu, als würde Carl überhaupt keine Rolle spielen, „Aber wie kann man sich gegen jemanden verteidigen, der einen im Schlaf umbringen könnte!?"
„Tja, ich weiß nicht, Wie kann ich jemanden, der früher mal wahnsinnig war und Menschen umgebracht hat, hier in Alexandria schlafen lassen, nur weil er sagt, er hat sich geändert?", ätze Carls Dad, „Lass mich nachdenken…."
Shane machte einen Schritt zurück, als wäre er geschlagen worden. „Das ist nicht fair, Rick", meinte er dann leise.
„Er hat Leben gerettet, Shane, Leben aus dieser Stadt, deswegen habe ich ihm erlaubt zu bleiben, erlaubt zu leben. Und weil Morgan mich darum gebeten hat", erklärte Carls Dad, „Und bisher hat er mir keinen Grund geliefert an ihm zu zweifeln. Keiner von uns hier ist unschuldig. Und er ist ein Omega. Er mag das anders darstellen, aber wir können nicht wissen, ob sie ihn nicht zu diesem Leben, das er gelebt hat, gezwungen haben."
„Das glaubst du doch wohl selber nicht", spottete Shane.
Er erhielt ein Schulterzucken zur Antwort. „Nachdem du, während ich diese Entscheidung getroffen habe, damit beschäftigst warst unschuldige Menschen einzuschüchtern und zu bestehlen, steht es dir nicht zu mich dafür zu kritisieren", lautete das letzte Urteil von Rick Grimes.
Shane sah den Omega mit brennenden Augen an. „Tollwütige Hunde kann man nicht zähmen, Rick, deswegen nennt man sie ja tollwütig. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt." Dann stürmte er wieder aus dem Haus hinaus, ohne ein weiteres Wort.
Carl spürte den wohlbekannten Ärger in sich aufsteigen. „Ich wünschte, er wäre nie zurückgekommen!", verkündete er, „Ich wünschte er wäre gestorben und nicht Mom!"
„Sag so was nicht, Carl", bat ihn Rick, „Sag so was nicht, weil du es nicht zurücknehmen kannst, sobald du es gesagt hast. Das meinst du doch nicht so."
„Vielleicht ja doch. Und warum verteidigst du ihn jetzt schon wieder?! Eben hast du ihn noch fertig gemacht!", grummelte Carl.
„Das war etwas anderes", behauptete sein Dad.
„Ja klar. … Wie kann er solche Dinge über Owen sagen, er kennt ihn doch kaum? Wo er doch mit Negan rumrennt", maulte der jüngere Omega, „Negan ist schlimmer als die Wölfe, die haben zumindest nie so getan, als ob sie was anderes wären als sie sind." Er dachte an die Begegnung im Wald zurück und erzitterte. Er konnte den besorgten Blick seines Vater auf sich ruhen spüren. „Carl? Ist irgendetwas vorgefallen mit Negan, was du mir nicht erzählt hast?", wurde er dann gefragt.
„Nein, nichts ist vorgefallen", behauptete Carl, „Ich brauche frische Luft." Er achtete nicht auf den Protest, sondern rannte aus dem Haus. Draußen atmete er durch, sah sich suchend um, und erblickte Morales, der gerade die Straße durchquerte. Sie sind ständig da. Negans Leute. Überall sind sie….
Er schüttelte sich und machte sich dann auf die Suche nach Owen. Er fand den ehemaligen Wolf dort, wo er meistens zu finden war, an die Mauer gelehnt dasitzen und ein Holzstück zu einem Speer schnitzend. „Hallo, Carl", sagte Owen ohne aufzusehen.
„Warum stellst du allen dauernd Fragen über die Erlöser und Negan?", verlangte Carl zu wissen.
Owen zuckte die Schultern. „Man muss seinen Feind kennen", meinte er.
„Du hast doch nicht vor was Dummes zu tun, oder?", wollte Carl wissen.
Owen schnitzte stumm weiter. Carl setzte sich neben ihn. „Ich möchte nicht, dass du weggehst", verkündete er. Owen hielt in seiner Schnitzerei inne und blickte hinüber zu Carl. „Ist was passiert?", wollte er dann wissen. Warum fragten ihn das alle nur immer?
„Damals als du … als die Sache mit Ron passiert ist …. Würdest du das wieder tun?", wollte Carl von dem ehemaligen Wolf wissen.
„Klar. Sag mir, wer es war, und ich bring ihn für dich um", lautete die Antwort.
„So hab ich das nicht gemeint", wehrte Carl ab.
Owen musterte ihn prüfend. „Wie dann? Willst du wissen, ob ich es bereue? Ob ich lieber tot wäre als hier? Ist es das? Ich passe mich an, Carl, das ist es, was ich tue. Wer das nicht kann, den wird ein schlimmes Ende ereilen. Ich bin gerne hier. Es ist als hätte ich ein Zuhause." Er ließ seinen Blick über die Stadt gleiten. „Es ist nicht das schlechteste So tun als ob, das ich jemals gespielt habe. Ich tue so, als wäre Morgan mein Alpha, als wäre ich ein Teil von Alexandria. Ist nett. Besser als vorher."
„Alexandria ist dein Zuhause. Morgan ist dein Alpha. Du tust nicht nur so als ob", meinte Carl.
„Mhm. Man sagt doch, dass man, wenn man lange genug vorgibt etwas zu sein irgendwann dazu wird. Vielleicht gebe ich es ja schon lange genug vor", erwiderte Owen, „Das macht es aber nur dringender."
„Du kannst ihn nicht umbringen. Die würden dich erwischen, dich töten", flüsterte Carl.
„Mhm. Vielleicht. Weißt du, es gibt Dinge, die Morgan nicht tun kann. Oder Rick. Oder sonst jemanden hier. Wenn sie aber trotzdem jemand tun muss, warum sollte ich sie dann nicht tun? Sollte zu einer Gemeinschaft nicht jeder etwas beitragen?", meinte Owen, „Außerdem haben die Denise umgebracht."
„Das war aber nicht Negan", murmelte Carl.
„Hast du Angst um mich oder ihn?", wollte Owen wissen.
Carl wollte darauf nicht antworten. „Shane hat Angst vor dir. Spiel ihm vor harmlos zu sein. Tu so, als wärst du nicht du", forderte er dann.
„Keine Lust", teilte ihm Owen mit, „Soll er Angst haben. Soll er sich daran erinnern, wie es ist ein Wolf zu sein. Vielleicht hört er dann auf ein Hund sein zu wollen."
Dieses Gespräch hatte keinen Sinn, es drehte sich im Kreis. Owen würde nicht auf ihn hören, er hörte auf niemanden, das war nun mal seine Natur. Zumindest das hatte Shane richtig erkannt.
Carl erhob sich wieder und ließ Owen alleine zurück. Stattdessen suchte er Shane. Er fand ihn in seinem Büro. Shane schien angestrengt auf einen Haufen Akten zu starren, der vor ihm lag, und brauchte einen Moment um Carl zu bemerken. „Oh, hi, Kumpel, was gibt's?", wollte er wissen.
Ich will, dass du aufhörst mich wie ein Kind zu behandeln, ich will, dass du mich siehst!, hätte Carl ihn am liebsten angeschrien. Stattdessen sagte er: „Ich wollte dir sagen, warum Owen zu uns gehört. Dad würde es dir nicht erzählen, weil er denkt, es stünde ihm nicht zu. Also muss ich es dir sagen."
Shane schien irgendwie zu spüren, was jetzt kommen würde - düstere Vorahnung spiegelte sich in seinen Augen wieder. „Okay. Dann sag es mir", meinte er langsam.
Vielleicht wirst du mich ja danach sehen, dachte Carl. Und dann erzählte er es ihm.
III.
Sie waren so damit beschäftigt sich auf den unvermeidlichen Angriff des Gouverneurs vorzubereiten, dass ihnen erst viel zu spät auffiel, dass Merle verschwunden war. Genauer gesagt fiel es Daryl auf. „Wo zum Teufel steckt Merle?", wollte er wissen, und niemand hatte eine Antwort parat.
„Vielleicht ist er Allen suchen gegangen", schlug Rick schließlich vor, obwohl er genau wusste, dass das nicht der Fall war. Merles letzte Worte zu ihm fielen ihm wieder ein, und er hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wo Merle gerade steckte - und auf der Suche nach Allen befand er sich garantiert nicht.
„Das ist Unsinn, und das weißt du auch!", protestierte Daryl sofort, „Er ist nach Woodbury gegangen. Wir müssen…."
„Wir müssen das Gefängnis verteidigen", unterbrach ihn Rick, „Merle ist ein erwachsener Mann, der selbst auf sich aufpassen kann. Es war seine Entscheidung sich ohne Vorwarnung abzusetzen, jetzt muss er mit den Konsequenzen leben. Wir können ihn jetzt nicht suchen gehen. Nicht so lange wir nicht wissen, wo unser Feind gerade ist, und was er plant."
Daryl fluchte lautstark, und für einen Moment fürchtete Rick, dass der jüngere Dixon Bruder einfach gehen würde, ihn ebenfalls im Stich lassen würde, doch er tat es nicht. „Verdammt, Merle", murmelte er nur.
„Wir halten uns an den Plan", betonte Rick, „Wenn alles vorbei ist, dann können wir Merle suchen gehen."
Sie hatten das Gefängnis auf einen Angriff von außen vorbereitet. Jeder, der versuchen würde hier einzudringen, würde er bereuen.
Tatsächlich versuchte der Gouverneur gemeinsam mit seinen Truppen anzugreifen. Doch es gelang ihnen dank ihren Vorbereitungen ihre Angreifer in die Flucht zu schlagen. Sie verfolgten ihre fliehenden Feinde aber nicht, Rick wollte ihnen eine Chance einräumen ihren Fehler einzusehen und doch noch Frieden zu schließen.
Was es umso merkwürdiger machte, als die Schießerei draußen vor dem Gefängnis losging. „Merle", meinte Daryl nur und stürmte schon los. Rick wollte die Verfolgung aufnehmen, doch dazu kam es nicht. Allens Rückkehr bremste Daryl aus und ersparte es Rick ihm zu folgen.
„Es ist dieser verrückte einäugige Alpha aus Woodbury! Ich habe alles gesehen", erklärte Allen düster, „Er hat seine eigenen Leute umgebracht, als die sich geweigert haben erneut anzugreifen. Er nannten sie Verräter und hat damit begonnen sie zu erschießen!"
Als nicht Merle. Aber diese Neuigkeiten waren auch nicht gerade beruhigend. „Dann muss ich ihn suchen gehen. Ich muss nach Woodbury", verkündete Daryl, „Was immer er vorhatte, offenbar ist es nicht gelungen. Ich muss herausfinden, was passiert ist."
„Das ist vielleicht keine so gute …. Daryl, so warte doch, Daryl…." Aber Daryl hatte offenbar nicht mehr vor weiter zu warten. Soll ich ihm schon wieder hinterher rennen? Soll ich Merle schon wieder hinterher rennen? Zumindest Daryl rannte er hinterher, allerdings ohne Erfolg -der andere Omega weigerte sich innezuhalten oder auch nur weiterhin über das Thema zu diskutieren.
„Es ist zu gefährlich, Daryl, was wenn sie doch noch einmal angreifen? Wir wissen nicht, was der Gouverneur als Nächstes vorhat!", rief Rick ihm hinterher, aber Daryl drehte sich nicht einmal mehr um.
„Ja, er ist offensichtlich ein verrückter Alpha", meinte Allen, „Jemand, der seine eigenen Leute umbringt, sobald sie illoyal erscheinen. Und dieser jemand hat beschlossen, dass wir seine Feinde sind." Offenbar war der Beta nur zurückgekommen um Rick mit einer neuen Runde Vorwürfe einzudecken. Rick blieb stehen und drehte sich zu Allen um. „Ich werde nicht zulassen, dass er auch nur einen hier etwas an-" Rick unterbrach sich, als er sah, dass Allen mit einer Waffe auf ihn zielte. Daryl war zu weit weg, die anderen waren ihnen nicht in diesen Gang gefolgt, hier standen nur Rick und Allen. „Was tust du?", wollte Rick angespannt wissen.
„Was irgendjemand tun muss", betonte Allen, „Du hast uns diesen verrückten Feind eingebrockt. Dieser Alpha hat es deinetwegen auf uns alle abgesehen. Hat es auf mich deinetwegen abgesehen. Er hat mein Kind getötet, und jetzt wird er mich töten, und das ist alles nur deine Schuld! Du bist genauso verrückt wie er!" Und dann machte er Anstalten abzudrücken.
Ein Schuss knallte durch den Gang. Und dann kippte Allen nach vorne über. Hinter Allen stand Carl mit einem Revolver in den Händen. „Carl", keuchte Rick. Der Junge war eigentlich gemeinsam mit Beth dazu abgestellt worden Judith zu beschützen, dafür hatte er eine Waffe bekommen, unter diesen Umständen wäre es Rick unverantwortlich vorgekommen dem Jungen keine Waffe zu geben. Offensichtlich hatten ihn die Schüsse genauso angelockt genau wie Daryl und Rick.
„Sind noch andere Feinde hier?", wollte Carl wissen, „Sind wir sicher?"
Carl, der gerade eiskalt einen Menschen getötet hatte, nicht irgendeinen Menschen, sondern Allen, der, ja, mit einer Waffe auf Rick gezielt hatte, aber nicht zu ihren Feinden gehört hatte, nicht wirklich. „Carl, warum hast du…." Rick fehlten die Worte. Sein Kind, sein kleiner Junge, hatte eben einen Mord begangen. „Er wollte dich erschießen. Was hätte ich sonst tun sollen?!", verteidigte sich Carl. Er schien nichts dabei zu finden, dass er Allen erschossen hatte.
„Was ist passiert?" Daryl eilte zu ihnen, drängte sich an Carl vorbei, und schoss Allen in den Kopf. Rick konnte nicht antworten. „Ich musste es tun, Dad. Du kannst mich nicht ewig beschützen. Ich musste schon Mom töten. Ich bin kein kleines Kind mehr. Ich kann schießen, Shane hat es mir beigebracht. Wozu sonst, wenn nicht um uns zu verteidigen?!", erklärte Carl.
Er hat es dir beigebracht, damit du dich gegen die Toten verteidigen kannst, nicht damit du Lebende umbringen kannst! Aber Carl musste vollkommen verängstigt sein. Innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne hatte er T-Dog, seine Mutter, Oscar, Axel, und Allens Sohn verloren. Hatte sich gegen Massen an Toten verteidigen müssen, und gegen lebendige bewaffnete Menschen, und gerade eben hatte er dabei zugesehen, wie das Leben seines einzigen verbliebenen Elternteils bedroht worden war. Er hatte all ihre Diskussion darüber, ob sie angreifen oder sich nur verteidigen sollten, mit angehört. Er war gezwungen gewesen seine eigene Mutter zu erschießen, damit sie nach ihrem Tod nicht zurückkam. Sein Vater hatte ihm eine Waffe in die Hand gedrückt und ihm gesagt, dass er das Leben seiner kleinen Schwester, das seiner Freundin Beth, und sein eigenes mit allen Mitteln verteidigen sollte.
Carl lebte noch. Anders als Sophia und Duane lebte er noch. Aber was für ein Leben war das? Carl, es tut mir so leid, ich war so mit meinen Schuldgefühlen, und Judith, und Woodbury, und Andrea, und Michonne, und Tyreese und Sasha und Allen beschäftigt, dass ich nicht an dich gedacht habe. Nicht daran gedacht habe, wie das alles für dich sein muss.
Er hatte Carl vorgeschoben, wieder und immer wieder, um zu rechtfertigen, dass andere Leute hier nicht bleiben durften, obwohl Carl es doch gewesen war, der Tyreese gesagt hatte, dass er und die anderen nach Woodbury gehen und Rick helfen sollten. Carl war seine Kindheit geraubt worden. und erst in diesem Moment war Rick klar geworden in welchem Ausmaß.
„Es tut mir so leid, Carl", brach es auch Rick hinaus, „Ich hab dich so lieb. Komm her." Unsicher, weil er die Stimmung seines Vaters spürte, stolperte Carl auf Rick zu und in dessen wartenden Arme, während Rick ihm die Waffe entwand und diese an Daryl weiterreichte. „Ich weiß, dass du mich nur beschützen wolltest, ich weiß, dass du Angst hast, aber du musst jetzt keine Angst mehr haben, Carl. Alles wird gut werden. Ich muss noch was erledigen, aber wenn ich das getan habe, dann werden wir sicher sein, das verspreche ich dir", erklärte Rick dem Jungen in seinen Armen. Michonne, Maggie, Glenn, Carol, Sasha, und Tyreese kamen herangeeilt. „Daryl und ich fahren nach Woodbury", verkündete Rick, „Michonne will mitkommen, nehme ich an. Das ist ein letzter Ausflug, den ich machen muss. Danach ist dann endlich Schluss mit all dem hier."
„Komm, Carl, lass uns nach Beth und Judith sehen", meinte Carol und berührte den Jungen an der Schulter. Dieser löste sich unwillig von Rick, hielt dann aber inne. „Meine Waffe", sagte er, „Ich brauche meine Waffe zurück."
Daryl warf einen fragenden Blick auf Rick. Der nickte, woraufhin Daryl dem Jungen seine Waffe wieder reichte. Carl nahm sie entgegen und ließ sich erst, als er sie wieder sicher in seiner Hand hielt, von Carol wegbringen.
„Es gab diese Studien über junge Menschen, deren Gehirnchemie sich verändert, wenn sie unter extremer Gewalt aufwachsen", erklärte Rick mit belegter Stimme, als er seinem Jungen hinterher sah, „Er sieht alles, was wir tun, bekommt jede Entscheidung, die wir treffen, mit. Was wir tun, hält er für normal. Für richtig. Ich kann so nicht weiter machen. Ich muss an Carl denken. Aber wenn ich an Carl denke, dann kann ich nicht für alle entscheiden."
„Niemand sagt, dass du alleine entscheiden musst, Rick", verkündete Hersehl, der herangehumpelt gekommen war, „Wir sind alle für dich da."
„Wir müssen nach Woodbury", erklärte Rick, „Das hier beenden."
Sie fuhren mit einem der Gefängniswägen, als sie die verschreckte Alpha-Frau einholten, die durch die Wälder irrte. „Karen, richtig? Wir sind nicht hier um dir was zu tun", verkündete Rick, nachdem er den Wagen angehalten und Türe geöffnet hatte, „Was ist passiert?"
„Er hat alle umgebracht. Jeden, der Anstalten gemacht hat zu fliehen. Alle bis auf Martinez und Shumpert. Die nichts getan haben um ihn aufzuhalten. Sie sind zusammen verschwunden", erklärte Karen erschüttert, „Er ist vollkommen wahnsinnig. Das hätte ich schon wissen müssen, als …." Sie unterbrach sich.
„Als was?", wollte Rick wissen. Doch der weibliche Alpha antwortete nicht.
„Wir fahren nach Woodbury", informierte Rick sie, „Du kannst gerne mitfahren."
Karens Miene spiegelte Sorge wieder. „Was ihr dort finden werdet, wird euch nicht gefallen", meinte sie düster.
Merle. Andrea. „Wir müssen es selbst sehen", erklärte Rick, „Steig ein. Dieser Krieg zwischen uns, es war immer sein Krieg, es war nie unserer. Es wird Zeit ihn zu beenden."
Karen zögerte noch einige Momente, bevor sie zu ihnen in den Wagen stieg. Damit ging die Fahrt weiter. Daryl und Michonne warfen ihrem Gast manchmal finstere Blicke zu, doch sie ignorierte die beiden. Dank ihrer Mitfahrerin wurden sie auch ohne weiteres nach Woodbury eingelassen. Dort angekommen stiegen sie alle aus den Wagen und sahen sich um. Alles wirkte friedlich, doch dieser Anschein täuschte. „Wohin?", wollte Rick lediglich wissen.
„Miltons Labor. Ich führe euch hin", erwidere Karen.
In Miltons Labor fanden sie einige Leute vor. Und zwei Leichen, die am Boden lagen. Ricks Herz brach, als er das vorfand, was er befürchtet hatte, dort zu sehen. „Merle", stieß Daryl hervor und kniete sich zu einer der beiden Leichen und gab Klagelaute von sich. Rick starrte einige Momente lang fassungslos auf die Szene vor sich. Dann fiel sein Blick auf die Liege, auf der Andrea lag.
„Dr. Stevens, was ist passiert?", erkundigte sich Karen.
Ein männlicher Beta, der sich wohl angesprochen fühlte, trat ein Stück zur Seite, als er sich zu ihr umdrehte um ihr zu antworten: „Er hatte sie schon gebissen. Mir fiel nichts anderes ein als zu amputieren. Manchmal hält man die Infektion so auf. Ich konnte kein Risiko eingehen, habe so viel ich konnte abgenommen." Andreas Körper auf der Liege bewegte sich. Sie war vollkommen verschwitzt, ihr rechter Arm fehlte, aber sie war am Leben. Es war doch keine vollkommene Katastrophe, sie hatten nicht beide verloren.
Andrea suchte Karens Blick. „Zum Glück hat Ryan sich Sorgen gemacht. Er und die anderen haben nach mir gesucht. Mich gefunden und gerettet", erklärte sie und deutete mit dem Kopf auf einen Beta-Mann, der neben ihr stand, „Leider kamen sie zu spät um Merle zu retten."
Karen wandte den Blick ab, offenbar voller Scham.
Michonne schob sich an den anderen vorbei, ging zu Andrea hinüber. „Hi", meinte diese sanft zu ihr, „Ich sagte doch, dass wir beide das hier überleben."
Rick musterte die Betas, die sich um sie versammelt hatten, die sie gerettet hatten, trotz ihrer Angst vor ihrem durchgedrehten Alpha. Andrea hatte Woodbury unbedingt retten wollen, und letztlich hatte Woodbury sie gerettet.
„Euer Alpha ist fort. Hat seine eigenen Truppen getötet und ist mit den letzten treuen Männern, die er noch hatte, geflohen", verkündete Rick, „Wir haben keinen Streit mit euch. Unser Streit war mit ihm. Wenn ihr lieber hierbleiben wollt, dann verstehe ich das, aber jeder, der das möchte, kann zu uns ins Gefängnis kommen und dort mit uns leben. Gemeinsam können wir uns eine sichere Heimat aufbauen, davon bin ich überzeugt. Wir alle haben hier etwas verloren, vielleicht aber können wir gemeinsam Heilung finden. Was aber auch immer die Zukunft bringt, wir werden uns ihr mit vereinten Kräften stellen. Oder nicht?" Er warf Karen einen fragenden Blick zu. Als einzige Überlebende der Miliz hatte sie im Moment wohl in Woodbury das Sagen.
Sie nickte, ohne ihn anzusehen. „Ja, das werden wir", bestätigte sie, „Die Zeiten von Philip Blake sind endgültig vorbei. Woodbury braucht keinen Gouverneur. Wir brauchen niemanden, der unsere Entscheidungen für uns trifft, wir treffen sie selber."
Ricks Blick glitt zu dem weinenden Daryl über Merles Leiche, und er fragte sich, ob der verstorbene Alpha das alles hier wohl gutgeheißen hätte, doch er hoffte, dass dem so war, denn immerhin waren Merles letzte Worte an ihn nicht gewesen, dass er so bleiben sollte wie er war. Zumindest war der Krieg endlich vorbei, und wenn schon nichts anders, dann hätte Merle zumindest das gefreut, das wusste Rick mit Sicherheit, denn immerhin war Merle für dieses Ziel gestorben.
IV.
Carol hatte eigentlich vor allem gehofft, dass Gavin Ezekiels Bitte einfach nicht weiterleiten würde, oder, dass Negan sich einfach weigern würde Ezekiel zu treffen, dass er das Ansuchen des Königreichs nicht ernst nehmen würde. Dass sie kurz gesagt niemals eine Antwort erhalten würden. Damit wäre alles gegessen gewesen, alles in Ordnung. Im Grunde hatte sie nicht nur gehofft, dass das der Fall sein würde, nein, sie war sogar davon ausgegangen. Warum sollte sich jemand wie Negan mit jemandem wie Ezekiel treffen?
Um so überraschter war sie, als Gavin unangekündigt im Königreich auftauchte und sie darüber in Kenntnis setzte, dass Negan einer Audienz zugestimmt hatte. Gavin war inkognito und scheinbar alleine aufgetaucht, und hatte darum gebeten bei Ezekiel vorsprechen zu dürfen. Carol nahm an, dass seine Alphas irgendwo vor dem Königreich auf der Lauer lagen und angreifen würden, falls Gavin nie wieder aus dem Königreich zurückkehren würde, aber Ezekiel war niemand, der seine Gäste einfach verschwinden ließ, also bestand diese Gefahr so oder so nicht.
Gavin teilte dem König also mit, dass Negan einem Treffen zugestimmt hatte. Dann meinte er noch: „Falls Ihr es Euch inzwischen aber anders überlegt habt, Eure Hoheit, bin ich gerne bereit das auszurichten." Carol war offenbar nicht die Einzige, die nach wie vor darauf hoffte, dass aus diesem Treffen nichts werden würde.
Ezekiel hatte aber leider nicht vor zu verzichten, er wollte Negan treffen, so viel war klar. „Sag Negan, dass wir uns schon freuen und dort sein werden", meinte der König. Gavin zog eine Grimasse, nickte aber nur. Offenbar wusste er es besser, als noch einmal zu versuchen Ezekiel das alles auszureden. Carol wusste es nicht besser, biss aber weiterhin auf Granit.
„Dein Rudel hat mich um Hilfe gebeten. Das hier ist meine Art zu helfen", erklärte er, „Wünscht du dir keine Hilfe für die deinen?"
„Waffen und Truppen wären eine Hilfe. Das hier ist einfach nur Wahnsinn. Was genau denkst du, dass du zu Negan sagen könntest, dass ihn zur Vernunft bringen würde?", erwiderte Carol heftig, „Wenn er ein vernünftiger Mensch wäre, würde er sich nicht verhalten, wie er sich verhält!"
„Jeder Mensch hat seine eigene Art zu denken, Carol, auf die man sich einlassen muss um mit ihm zu kommunizieren", belehrte sie der König, „Selbst denjenigen, die keine Vernunft zu besitzen scheinen, kann man diese beibringen, wenn man sich auf ihr Niveau begibt."
„Und du glaubst, dass du weißt, wie Negan denkt?", vergewisserte sich Carol.
„Ich habe zumindest eine Idee, wie er denken könnte. Ich habe gelernt mich in andere Hineinzuversetzen, in Menschen wie in Tiere. Das ist, worin ich gut bin", behauptete Ezekiel, „Ich will zumindest versuchen euch zu helfen."
Je näher das Treffen rückte, desto nervöser würde Carol. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, und Jerry schien sie erfolgreich zu täuschen - er war so fröhlich wie immer - Richard aber schien ebenfalls zunehmend nervös zu werden. „Ich finde, dass du Richard zu diesem Treffen nicht mitnehmen solltest, Eure Hoheit", meinte Carol deswegen zum König.
„Ich soll zu einem Treffen mit einem Hohen Alpha ohne den Hauptmann meiner Wache, meinen stärksten Alpha, gehen? Ich denke nicht. Ich will ernst genommen werden, oder?", hielt Ezekiel dagegen.
Carol wusste nicht, wie sie ihm erklären sollte, dass Richard kurz vorm Zusammenbruch stand, ohne Richard dabei in irgendeiner Art und Weise schlecht zu machen, aber es wäre ihr trotzdem lieber gewesen, wenn der Alpha nicht mitgekommen wäre. Aber vielleicht würde diesmal zumindest kein anderer Alpha versuchen Richard dazu zu bringen die Kontrolle über sich zu verlieren. Trotzdem wäre es ihr lieber, er würde nicht mitkommen. Doch als sie versuchte den Mann vorzuschlagen freiwillig zurückzubleiben, lehnte dieser den Vorschlag kategorisch ab.
„Dianne wird bei uns sein. Sie kann dich vertreten", beharrte Carol.
„Ich lasse meinen König nicht allein in die Höhle des Löwen gehen!", fuhr Richard sie nur an, „Was für eine Alpha wäre ich, wenn ich das zulassen würde? Dianne ist eine gute Kämpferin und loyal, aber ich bin der Alpha der Wache. Es ist meine Aufgabe mitzukommen."
„Aber was, wenn Jared dort ist?", wandte Carol ein.
„Dann ist er eben dort", erwiderte Richard, „Ich bin bis jetzt mit ihm klargekommen, ich werde auch noch weiterhin mit ihm klarkommen." Carol wünschte sich, sie könnte das auch glauben.
Letztlich nahm Ezekiel Richard, Dianne, Carol, und einige Betas mit. Jerry blieb im Königreich zurück um alles am Laufen zu halten und sich um Shiva zu kümmern, und Benjamin wurde ebenfalls zurückgelassen, was diesmal wenigstens sowohl Ezekiel als auch Richard für eine gute Idee hielten. Vielleicht würde seine Abwesenheit Richard zumindest ein wenig beruhigen.
Das Treffen fand nicht im Sanctuary statt, was Carol gleich auffiel und ihren inneren Alarm zum klingeln brachte. Negan schien keine unnötigen Zeugen für dieses Treffen haben zu wollen, was auch immer der Grund dafür war. Stattdessen trafen sich die beiden Parteien in einem Erlöseraußenposten, genauer gesagt in dem Erlöseraußenposten, den Carol damals zusammen mit den anderen ausgelöscht hatte. Ich darf mir nichts anmerken lassen, muss so tun, als würde ich diesen Ort nicht kennen. Sie machte sich keine Illusionen darüber, dass sie Negan nicht bemerken würde, aber mit etwas Glück würde er nicht wissen, wer sie wirklich war.
Negan hielt nicht einmal im Außenposten Hof, er hielt ihn davor ab. Saß in einen seiner Autos. Carol erkannte ihn sofort an der Art und Weise wie alle anderen vor ihm katzenbuckelten. Negan entging ihre Ankunft natürlich nicht.
„Eure Hoheit!", strahlte er Ezekiel an, „Ich wollte es nicht glauben, als Gavin mir gesagt habt, dass Ihr mich sprechen wollt. Aber hier seid Ihr. Was kann ich für euch tun? Habt Ihr etwa Beschwerden über Gavin einzubringen?" Er grinste Ezekiel mit falscher Freundlichkeit an. Die Mitglieder seiner Wache ignorierte er vorerst, während seine Unter-Alphas damit beschäftigt waren jeden einzelnen von ihnen kritisch zu beschnuppern. Zumindest war Jared nicht unter ihnen.
„Ganz im Gegenteil. Gavin war ein bemerkenswert entgegenkommender Partner für das Königreich, wir wissen all seine harte Arbeit sehr zu schätzen", erklärte Ezekiel, „Nein, das worüber ich sprechen möchte, hat nichts mit dem Königreich oder unserer Geschäftsbeziehung zu tun."
„Ach? Warum geht es denn dann?", erkundigte sich Negan scheinbar arglos, es gelang ihm jedoch nicht zu verbergen, dass er nicht sah, was Ezekiel ansonsten mit ihm zu besprechen haben könnte.
Carol versuchte ruhig zu bleiben. Bisher war alles gut gegangen, nichts sprach dafür, dass sich das ändern würde. Negan gab sich vernünftig, er war kein rasende Irrer, es gab keinen Grund anzunehmen, dass er negativ auf das, was kommen würde, reagieren würde. Ablehnend ja, vielleicht würde er sogar lachen, aber er hatte keinen Grund darüber wütend zu werden.
„Es geht um gewisse Eindrücke, die möglicherweise ohne dahinterstehende Absicht vermittelt werden", sagte Ezekiel, „Es geht um eine Stadt namens Alexandria. Ich habe gehört, dass sie vor kurzem Teil des von den Erlösern beschützten Gebiets geworden ist."
Bei dem Wort Alexandria blitzte etwas in Negans Augen auf. „Das habt Ihr also gehört. Ich frage mich, wo Ihr das gehört habt", meinte er langsam.
„Von den verschiedensten Quellen. Wir leben alle nachbarschaftlich zusammen, oder nicht? Tauschen Neuigkeiten aus", behaupte Ezekiel, „Was ich gehört habe, hat mich allerdings beunruhigt."
„So? Hat es das? Wieso das denn?" Negans Ton war neutral, aber es lag eine Härte in seinen Augen, die Carol nicht gefiel.
„Alexandria scheint anders behandelt zu werden als andere Gemeinden, die eine Partnerschaft mit den Erlösern eingegangen sind. Ich höre, dass dort Erlöser stationiert wurden, die das Kommen und Gehen der Einwohner kontrollieren. Dass eine Liste von sämtlichen Einwohnern erstellt wurde, in die ihre Geschlechterzugehörigkeit aufgenommen wurde. Ich höre, dass ein schwangeres Mitglied der Gemeinschaft von Alexandria im Sanctuary gefangen gehalten wird. Ein Omega. Und wenn man bedenkt, dass das Rudelführer von Alexandria ebenfalls ein Omega ist, und sein Rudel überdurchschnittlich viele Omegas zu beinhalten scheint, während die Erlöser sich vor allem aus Alphas zusammensetzen zu scheinen, dann ist doch wohl klar, warum ich all diese Neuigkeiten als beunruhigend empfinde, oder etwa nicht?", sagte Ezekiel, und jede Spur seiner normalerweise dauervorhandenden Freundlichkeit war aus seiner Stimme verschwunden. Er hörte sich hart an, auf eine Weise, die Carol noch niemals gehört hatte. Er wirkte auch hart. Der freundliche König war verschwunden. An seiner Stelle stand ein anderer Mann in dem Mantel des Königs vor Negan, ein Alpha. Bis zu diesem Moment hatte Carol Ezekiel niemals so gesehen, aber in diesem Moment war er trotz seines Beta-Anteils eindeutig ein Alpha, der einen anderen Alpha zurechtwies.
Negan richtete sich kerzengerade auf. „Was genau unterstellst du mir hier, König Ezekiel?", wollte er wissen.
„Ich unterstelle dir den Eindruck zu vermitteln, ein Alpha zu sein, der mit Alexandria Dinge vorhat, die eines Alphas nicht würdig sind", erklärte Ezekiel hart.
„Nun dieser Eindruck täuschte", knurrte Negan, „Ich habe nichts mit Alexandria vor, außer es zu beschützen. Ich verschleppe keine Omegas. Ich kidnappe keine Schwangeren. Der schwangere Omega ist nur im Sanctuary, weil er medizinische Unterstützung braucht. Sobald sie stabil ist, darf sie zu ihrem Gefährten in ihr Nest zurückkehren. Und die Alphas sind nicht in der Stadt um ihre Einwohner zu überwachen oder zu terrorisieren. Sie sind dort um sie zu beschützen. Wir haben doch schon festgehalten, dass die Stadt von ungewöhnlichen vielen Omegas bewohnt wird, und von einem Omega angeführt wird - sie kann jeden Schutz gebrauchen, den sie kriegen kann. Ich planen nicht dort eine Sklavenhandelsstation oder ein Bordell oder sonst irgendetwas Unlauteres zu errichten - wer das behauptet lügt."
„Ich habe nicht gesagt, dass du das planst, ich habe gesagt, du würdest einen gewissen Eindruck vermitteln", erwiderte Ezekiel ruhig. Er schien kein bisschen Angst vor Negan zu haben.
„Nun dieser Eindruck täuscht", schnappte Negan daraufhin.
„Dann solltest du vielleicht in Erwägung ziehen die entsprechenden Schritte zu unternehmen um diesen Eindruck zu korrigieren", schlug Ezekiel auf einmal wieder freundlich klingend vor, „Nur damit keine Missverständnisse mehr aufkommen. Ich meine, wenn ich schon einen falschen Eindruck vermittelt bekommen habe, wer weiß schon, wer den dann noch vermittelt bekommen hat."
Negans Augen gefielen Carol überhaupt nicht, als er versprach: „Keine Sorge, ich werde die nötigen Schritte einleiten um jeden falschen Eindruck zu korrigieren." Für sie klang das überhaupt nicht nach einer guten Sache.
A/N: Uh-Oh.
Ja, es gibt einen triftigen Grund warum Rick Owen Wolf erlaubt hat in Alexandria zu bleiben, der im Laufe der Zeit noch zur Sprache kommen wird. Nachdem wir in der Vergangenheitsebene die dritte Staffel nun verlassen haben, werden wir die inhaltlich relevanten Punkte der vierte eher schnell abhandeln, bevor wir zum Alexandria-Arc kommen und damit auch zu den Wölfen.
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