Gesten
I.
Das Gefängnis war ihrer aller Heimat geworden, ein Ort, an dem sie versuchten eine neue Zivilisation aufzubauen. Zunächst war sich Rick nicht sicher gewesen, ob die Bewohner von Woodbury sein Angebot auch annehmen würden. Doch als jemand (sie alle wussten, wer dieser jemand war) Woodbury anzündete, war das keine Frage mehr. Zunächst befürchteten sie noch, dass der Gouverneur noch nicht fertig mit ihnen war, doch seine Tat als Feuerteufel schien seine letzte Bosheit gewesen zu sein, er ließ sich nicht mehr blicken, es gab nirgends mehr eine Spur von ihm.
Zusammen sanierten sie das Gefängnis, richteten sich ein, orientierten sich neu. Ricks Rudel und diese Stadt voller Fremder, der Andrea vertraute, was diese Stadt ihr zurückgezahlt hatte, verschmolzen zu einer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die auch weitere verlorene Neuankömmlinge aufnahm, wenn sie diese für würdig erachtet wurden.
Die Fragen waren Ricks Idee gewesen. Seine letzte wirkliche Idee als Rudelführer. Es war eine Reihe einfacher Frage, deren Antworten einige die wichtigsten Dinge, die man über den Befragten wissen musste, aussagten. „Wie viele Beißer hast du getötet?",. „Wie viele Menschen hast du getötet?", „Warum?" – Das Warum war das, worauf es ankam. Die Antwort eines Philip Blakes würde anders ausfallen als die eines Bob Stookeys. Letzterer war ein Beta aus der Gegend, den sie wie viele andere auch in ihre Gemeinschaft aufnahmen, auch wenn sich sein Hang zum Alkohol als Problem erwies, das Daryl aber letztlich bald in den Griff bekam. Bob machte sich in der Gemeinschaft nützlich, wie alle anderen auch, er umwarb Sasha, die das mit gewisser Amüsiertheit zur Kenntnis nahm, schloss Freundschaft mit Tyreese und Daryl. Er bewies, dass man nicht perfekt sein musste um in die Gemeinschaft des Gefängnis aufgenommen zu werden.
Zum ersten Mal, seit er aus dem Koma erwacht war, befand sich Rick wieder in einer funktionalen Gemeinschaft. Hershel musste nicht mehr alles stemmen, sie hatte jetzt richtige Ärzte, mehr als nur einen - Dr. Caleb Subramanian war der Hauptgewinn, ein kompetenter Beta, Virologe, mit viel praktischer Erfahrung, seine Anwesenheit alleine vermittelte ihnen das Gefühl sicher zu sein.
Aus Woodbury waren andere Kinder ins Gefängnis gezogen. Carl und Judith waren jetzt nicht mehr alleine. Ryan Samuels, der sich entschlossen hatte, Andrea zu retten, war Vater zweier lebenslustiger Töchter, dem Alpha Mädchen Lizzie und ihrer Omega Schwester Mika, die Andrea „Tante Andy" nannten und die anderen Kinder ständig zu Unfug anzustiften schienen. Sie waren so … normal. Ja, sie hatten sich wie alle anderen Kinder in viel zu jungem Alter in ihren sekundären Geschlechtern gefestigt, aber sie waren ein gutes Beispiel für ganz normale Kinder, die Art von Kinder, von der sich Rick wünschte, dass seine Kinder sie sein könnten.
Leider hatte Carl kein Interesse daran ein normales Kind zu sein. Er blickte auf die jungen Bewohner aus Woodbury herab, nannten sie „Kinder" als wäre er selbst keines, wollte nicht Carols Unterricht besuchen, sondern liebe Wache schieben und die Wandelnden Toten jagen. Rick hatte sich seinetwegen mehr oder weniger vollkommen von allen Anführerpflichten zurückgezogen. Es gab nun einen Rat, dem Hershel vorstand, der alle wichtigen Entscheidungen traf. Rick selbst wollte sich auf seine Familie konzentrieren, auf seine Kinder, auf das Baby, das er kaum kannte, und den Sohn, der ihm fremd geworden war und seine Kindheit hinter sich gelassen hatte. Er wollte nicht mehr Rudelführer sein, nicht einmal mehr Sheriff. Das überließ er Daryl, der diesen Job kompetent erfüllte. Er versuchte sich als Farmer, lernte von Maggie und Beth was er konnte, und versuchte dieses am seinen Sohn weiterzugeben.
Der stand all dem jedoch ablehnend gegenüber. „Ich will kein Farmer sein! Ich bin kein Farmer, ich bin dein Sohn, und du bist auch kein Farmer, hör auf ihn zu spielen!", schrie Carl Rick eines Tages an, „Wir sind viel mehr als das!" Aber Rick hatte kein Interesse daran mehr zu sein.
Diese Monate nach dem Brand von Woodbury, in denen er Farmer spielte und für seine Kinder da war, heilten ihn, heilten ihn von dem Verlust der Zivilisation, vom Verlust von Morgan, vom Verlust von Shane, vom Verlust von Lori, von seinem Versagen als Anführer, seinen ständigen Ängsten, vom Anblick des toten Merles und der einarmigen Andrea. Ein paar mehr davon und sie hätten vielleicht auch Carl geheilt. Carl verstand nicht, dass Rick alles, was er zuvor gewesen war, aufgegeben hatte um Carl zu retten. Für ihn sah es danach aus, als hätte Rick aufgegeben.
Er war nicht der Einzige, dem ihr neues Leben Heilung brachte. Auch die anderen Omegas blühten auf. Carol schien sich vom dem Verlust von Sophia zu erholen und fand ihre Bestimmung darin die Kinder zu unterrichten. Sie und Daryl standen sich näher als jemals zuvor, wenn sie auch kein Paar zu sein schienen, und Daryl hatte den Verlust von Merle dadurch überwunden, dass er sich nützlich machte, dass er den Sheriff spielte. Nicht jeder hätte eine so große Gruppe Menschen – fast achtzig von ihnen – unter Kontrolle halten können, doch Daryl konnte es, und es schien ihn zu erfüllen.
Beth war in den letzten Monaten ebenfalls aufgeblüht. Dem selbstmordgefährdeten Omega, den Rick auf der Farm kennengelernt hatte, war eine strahlende junge Frau gewichen, die fürsorglich und clever war, eine wundervolle Singstimme hatte, und alle ständig mit ihren Liedern unterhielt, und oft lachte. Rick war sich ziemlich sicher, dass Carl ein bisschen verknallt in Beth war, und er nicht der einzige Junge unter zwanzig im Gefängnis war, dem es so ging. Maggie und Glenn hatten miteinander wahre Liebe gefunden, die Hershel billigte, und konnten die friedliche Zeit nutzen um sich endlich wirklich kennenzulernen. Nach all den Strapazen, die sie zuvor zusammen hatten erdulden müssen, hatten sie nun endlich Zeit ihre Liebe unter entspannteren Bedingungen zu hegen und zu pflegen. Maggie hatte sich zum Oberhaupt der Landwirtschaftsbrigade ernannt und war für ihre Nahversorgung verantwortlich, während Glenn auf Versorgungsfahrten ging und all die Dinge, die sie nicht selbst produzieren konnten, für sie besorgte.
Tyreese war ebenfalls von der Bürde der Anführerschaft zurückgetreten und überließ es seiner Schwester im Rat zu sitzen und die meisten Entscheidungen zu treffen. Ob Allens Unterstellung, dass Omegas nicht anführen konnten, ihn getroffen hatte oder nicht, konnte Rick nicht sagen, doch der ehemalige NFL-Spieler hatte in einer Beziehung mit Karen, dem Alphas aus Woodbury, sein Glück gefunden und schien froh darüber zu sein nicht mehr anführen zu müssen.
Auch die Narben von Michonne und Andrea waren verheilt. Jeder Graben zwischen den beiden Frauen hatte sich geschlossen, sie waren ein Herz und eine Seele. Michonne schien glücklich zu sein, dort wo sie war, und Andrea gewöhnte sich tapfer an ein Leben mit nur einem Arm. Sie hatten eine möglichst nutzbringende Prothese für sie angefertigt, die ihren Arm ersetzte und ihr unter anderem ermöglichte ein Schießgewehr zu halten, auch wenn sie sich erst auf ihren linken Arm als dominanten Arm umlernen musste. Genau wie Hershel mit nur einem Bein klarzukommen lernte, lernte sie mit nur einem Arm klarzukommen - die beiden unterstützten sich gegenseitig dabei und scherzten zusammen über den „Club der Extremitäten Benachteiligten".
Die vergleichsweise friedlichen Zeiten führen auch wieder zu regelmäßigen Zyklen für die Alphas und Omegas, doch dank Calebs Ideen und den Erfahrungen von Hershel und Dr. Stevens entwickelten sie ein System um diese Phasen zu managen, auch dann, wenn sie gerade keine Unterdrücker zur Hand hatten.
Das Leben war nicht perfekt, immer wieder gab es Zwischenfälle und Rückschläge, doch nach langer Zeit schien es endlich nicht mehr die Hölle zu sein. Bis die Seuche ausbrach, die Seuche, die so viele von ihnen tötete, die Seuche, die Carol zur Mörderin machte, die Seuche, die Rick zwang, doch wieder das zu sein, was er nicht mehr sein wollte – der Rudelführer.
Er verstand, warum Carol getan hatte, was sie getan hatte. Sie hatte uninformiert und blauäugig versucht eine Pandemie zu verhindern, indem sie die Infizierten tötete, bevor sie andere anstecken konnten. Doch es war zu spät gewesen und unbestreitbar falsch. Tyreese war maßlos schockiert über den Mord an Karen, und alle anderen waren schockiert darüber, dass überhaupt jemand von ihnen ermordet worden war. Rick wusste, dass er handeln musste, aber er wollte Carol nicht outen. Das hätte womöglich ihr Ende bedeutet. Die Tatsache, dass sie ein Omega war, schützte sie nicht davor so behandelt zu werden, wie eine Mörderin eben behandelt werden musste.
Also tat Rick mit ihr das, was er einst mit Shane hatte tun wollen/getan hatte. Er setzte sie gut ausgerüstet aus, verbannte sie aus dem Rudel, aus ihrem Nest, aus ihrem Zuhause. Wer Grenzen überschritt, der musste die Konsequenzen tragen. Carol nahm ihre Strafe stoisch hin. Nachdem alles, was sie getan hatte, umsonst gewesen war, sah sie vielleicht selbst ein, dass sie falsch gehandelt hatte.
Weniger verständnisvoll war Daryl, dem Rick als einen der wenigen verriet was wirklich vorgefallen war. Trotzdem war Daryl eindeutig nicht mit der Entscheidung, die Rick getroffen hatte, einverstanden. „Wir sind nicht nur flüchtige Bekannte, Rick, wir sind ein Rudel, wir halten zusammen!", warf Daryl ihm vor, „Jemanden zu verstoßen ist kein Zusammenhalt! Du wolltest nicht mehr anführen, wolltest nicht mehr die Entscheidungen treffen! Du hättest das dem Rat überlassen sollen!" Dem Rat, dem Daryl angehörte.
„Dann hätte jeder davon erfahren, und manche hätten vielleicht eine schlimmere Strafe als reine Verbannung gefordert", widersprach Rick, „Es war der erste Mord in unserer Gemeinschaft, Daryl. Denkst du wirklich die Mehrheit der Menschen hier hätte verstanden, warum Carol dachte das tun zu müssen? Ich habe sie gerettet. Ich musste sie retten. Ich konnte nicht zulassen, dass ihr etwas zustößt."
Daryl schüttelte nur den Kopf. „Das war ein Fehler, Rick", beharrte er.
Obwohl Daryl ihm also zürnte, wandte er sich aber trotzdem nicht von ihm ab, wie Rick befürchtet hatte. Vielleicht deswegen, weil er der Meinung war, dass er sich dann nicht besser verhalten würde als Rick. Ich will die Entscheidungen ja auch nicht treffen, ich will ja auch nicht anführen, aber manchmal muss ich es eben. Rick war zwar zurückgetreten, aber auf sehr reale Weise war er eine Art Warchief. In Krisenzeiten hatte er das Sagen, in Friedenszeiten ließ er andere die Entscheidungen treffen, doch selbst dann, war er immer noch derjenige, an den sich die anderen wandten, wenn es Ärger gab, wenn wirklich schwere Entscheidungen getroffen werden mussten.
Der Gouverneur hielt ihn, wie sich herausstellte, auf jeden Fall immer noch für den Anführer ihrer Gruppe und schien nicht zu verstehen, dass er freiwillig auf diesen Posten verzichtet hatte. Vielleicht hatte Daryl recht, vielleicht war es ein Fehler gewesen Carol zu verbannen, ein viel größerer Fehler jedoch war es gewesen Philip Blake mit dem Leben davon kommen zu lassen.
Nach beinahe sieben Monaten trügerischen Frieden, kehrte der Gouverneur wie das Monster aus einem Alptraum in ihre Leben zurück. Die Seuche hatte viele von ihnen getötet, der Gouverneur tötete noch viel mehr.
Und zu all dem war er nur fähig, weil Rick beschlossen hatte ihm am Leben zu lassen.
II.
Während Shane mit Tara und ein paar anderen Freiwilligen auf Versorgungsfahrt war, machten sich die anderen daran die Müllmenschen mit ihren Waffen zu versorgen. Dazu mussten sie sich aus der Stadt schleichen, möglichst ohne, dass die Erlöser es bemerkten. Während Shanes Abwesenheit hatte Morales das Sagen. Womit er offensichtlich unglücklich war.
Daryl hatte im Grunde nur noch Verachtung für seinen einstigen Gefährten übrig. Ja, er hatte seine Familie verloren, das war aber kein Grund sich den Erlösern anzuschließen. Er konnte verstehen, warum Shane das getan hatte – der Mann war schon zuvor nicht ganz normal im Oberstübchen gewesen, was Negan und seine Leute sicherlich entzückt zu ihrem Vorteil genutzt hatten, und außerdem hatte er in der Philosophie der Erlöser vermutlich eine Art Erweiterung seiner eigenen Philosophie gesehen, aber Morales war okay gewesen. Nicht sonderlich schlau oder nett, aber okay. Er war Daryls Waffenbruder gewesen, jetzt aber war er ein Erlöser und schien damit kein Problem zu haben. Shane hatte wenigstens den Anstand vorzugeben, dass ihm diese ganze Situation unangenehm wäre. Morales aber zeigte keinerlei Anzeichen eines schlechten Gewissens, und schien auch keinen Sinn darin zu sehen seine Bekanntschaft mit Daryl, Andrea, oder Rick zu erneuern. Er tat so, als wären sie Fremde, und als wäre er im Recht. Deswegen hatte Daryl auch kein bisschen Mitleid mit ihm. Die Suppe hatte er sich selbst eingebrockt. Sollte er sie ruhig selber auslöffeln.
Als Aufpasser war er aber um einiges ernster zu nehmen als Shane Walsh, der im Grunde jeden das hatte tun lassen, was er wollte, und jede noch so dumme Erklärung für eine zeitweilige Abwesenheit aus der Stadt akzeptiert hatte. Morales hingegen wollte nicht nur wissen, was man vorhatte, sondern auch wann man plante zurückzukommen.
„Wenn es uns gelungen ist, etwas zu erlegen. Du weißt, wie das ist. Das kann man im Vorfeld nie genau wissen", erklärte Daryl geduldig, „Sonst würde man es nicht Jagd nennen, sondern Zielschießen."
Morales ließ sich von so etwas wie Logik nicht beeindrucken. „Warum müsst ihr überhaupt auf die Jagd gehen? Shane ist doch auf Versorgungsfahrt", argumentierte der Alpha.
„Wenn man bedenkt, wie gut die letzten davon gelaufen sind, ist es umso wichtiger, dass wir auf die Jagd gehen. Wir alle müssen immerhin was essen", erwiderte Daryl, „Wild lässt sich sehen oder auch nicht. Ist in die Fallen gegangen oder auch nicht. Kommt auf Wetter, Beißer, und unser Glück an. Ich kann keine Prognose abgeben."
„Und ich kann euch nicht auf gut Glück gehen lassen", gab Morales zurück, „Wenn ihr in drei Tagen nichts gefunden oder erlegt habt, dann müsst ihr trotzdem zurück sein."
„Von mir aus", meinte Daryl, der keine Lust auf lange Verhandlungen hatte. Drei Tage sollten ihnen ausreichen, „Dann brechen wir auf. Wir sehen uns in drei Tagen."
„Kommt nicht zu spät zurück!", rief Morales ihm hinterher, als Daryl schon wieder im Gehen war. Daryl tat ihm nicht den Gefallen darauf zu reagieren.
Michonne und Jesus erwarteten ihn vor den Toren. „Wir haben drei Tage", erklärte Daryl ihnen.
„Sollte ausreichen", meinte Michonne, die offenbar ähnlich dachte wie Daryl, „Na dann mal los." Die Tore öffneten sich, und drei gingen mit Bogen und Speeren bewaffnet nach draußen in den Wald. Sie hatten nicht vor zu jagen. Alibihalber würden sie versuchen etwas zu fangen, doch in Wahrheit hatten sie andere Pläne. Sie würden alle ihre versteckten Schusswaffen aufsuchen und einsammeln, und sich dann mit Morgan treffen und die Waffen zu den Müllmenschen bringen. Morgan seinerseits hatte sie nicht auf ihren Jagdausflug begleitet, sondern würde sich von der anderen Expedition, die gerade draußen unterwegs war absetzen, um sie zu treffen.
Daryl wusste, dass Rick alles in allem nicht damit einverstanden war, dass er bei dieser ganzen Aktion nicht dabei sein konnte. Aber sie waren sich alle einig, dass es verdächtig wirken würde, wenn er die Stadt einfach so verlassen würde. Dass er mit Shane und den anderen auf die Versorgungsfahrt gehen würde, war nie zur Debatte gestanden. Dass er mit Daryl jagen gehen würde, wäre zu unglaubwürdig. Insofern musste er das hier aussitzen.
Ein Teil von Daryl wünschte sich, er hätte dieses Privileg ebenfalls. Jede Faser seines Körpers hasste den Gedanken, dass sie die wenigen Waffen, die ihnen noch geblieben waren, Fremden überlassen sollten. Dass sie ihren einzigen Schutz gegen die Erlöser aufgeben sollten, ihn nicht mehr zur Verfügung haben würden, wenn es hart auf hart kam und sich die Erlöser doch noch entschließen sollten Alexandria anzugreifen. Aber Rick war davon überzeugt, dass nichts wichtiger war als Verbündete zu gewinnen und so ungerne Daryl es zugab, er hatte damit nicht ganz unrecht. Auf Hilltop konnten sie im Augenblick nicht zählen, genauso wenig wie auf das Königreich. Also mussten sie sich wohl an diese Müllmenschen halten.
Zum Glück hatte keiner ihre Waffenverstecke geplündert. Diese Gefahr hatte immer bestanden, vor allem, da sie keine Möglichkeit gehabt hatten sie zu kontrollieren, doch offenbar waren sie nicht gefunden worden. Soweit so gut. Sie hatten sich aufgeteilt und jeder kam mit seiner bescheidenen Ausbeute zurück zu den anderen. Sogar Jesus tauchte mit seinen Fundstücken auf, und das obwohl Daryl halb damit gerechnet hatte, dass der andere Omega die Gelegenheit nutzen würde um sich bewaffnet abzusetzen. Ich weiß, er gehört jetzt zu uns, aber ich kann mich immer noch nicht dazu durchringen ihm zu vertrauen. Aber in letzter Zeit fiel es ihm prinzipiell schwer Vertrauen zu irgendjemanden zu fassen.
„Wollen wir die ihnen wirklich bringen?", konnte sich Daryl doch nicht verkneifen und sah Michonne fragend an. Zusammen hatten sie gerade mal sechs Pistolen und zwei Gewehre retten können. Das hier war die Notfallration schlechthin. „Sollen wir nichts davon für uns behalten?"
Michonne schüttelte den Kopf. „Es ist sowieso schon so wenige. Wir können nichts zurückbehalten, wenn wir ihre Hilfe wollen", erklärte sie bestimmt, „Mir ist nicht wohler dabei als dir. Aber es muss sein."
Sie begaben sich zum ausgemachten Treffpunkt, wo sie von einem nervös wirkenden Morgan erwartet wurden. „Gab es Probleme?", wollte Daryl wissen.
„Das nicht gerade. Ich konnte mich leicht absetzen. Hatte eine gute Ausrede auf Lager, die nach Owen zu suchen. Der hat sich nämlich vor mir abgesetzt", erklärte der Alpha, was wiederum seine Nervosität erklärte.
„Will er zur Müllhalde?", vermutete Michonne.
„Wenn ich das nur wüsste. Falls wir ihn dort treffen umso besser. Falls nicht … er ist Owen. Keiner kann ihm Vorschriften machen, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, hat er das", erwiderte Morgan mit besorgter Miene, „Vielleicht hat er sich ja zu irgendeinem alten Wolfversteck aufgemacht, wo sie Waffen gebunkert haben, um uns auszuhelfen."
„Zuzutrauen wäre es ihm", gab ihm Daryl recht, „Aber wir können nicht warten."
Zu viert machten sie sich auf zur Müllhalde. Von Owen gab es dort keine Spur. Dafür versammelten sich all diese seltsamen Müllmenschen um sie herum. Daryl gefielen die gar nicht. Nicht nur, dass sie nach Müll stanken, und man daher ihre Stimmung nicht wittern konnte, nein ihre ganze Art sich zu bewegen und sie anzustarren missfiel Daryl.
„Wir bringen eure Waffen", erklärte Morgan der Frau, die offenbar die Anführerin war, woraufhin seine drei Begleiter ihre Schätze vor die Füße der Frau warfen. Diese musterte die Ausbeute mit steinerner Miene. „Zu wenige Waffen, Morgan Alpha. Bringt uns mehr Waffen", befand sie dann.
„Das ist alles, was wir haben", betonte Morgan.
„Bringt uns mehr Waffen", wiederholte die Frau, „Oder kein Deal."
Daryl nahm das zum Anlass um wieder nach ihren Waffen greifen zu wollen, doch Michonne hielt ihn zurück. „Nein, warte", meinte sie, „Es ist okay, wir bringen euch mehr Waffen." Daryl warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Das müssen wir einfach. Wir brauchen diese Leute", betonte der Alpha-Beta.
„Also schön. Wir kommen mit Nachschub wieder. Aber wenn ihr dann noch mehr verlangt, dann platzt unser Deal", wandte sich Morgan an die Anführerin der Müllmenschen.
„Bringt uns mehr Waffen und unser Deal steht", erwiderte diese. Daryl glaubte ihr kein Wort.
Nachdem sie die Müllhalde wieder verlassen hatten, lautete seine erste Frage: „Wo zum Teufel sollen wir mehr Waffen hernehmen?!"
„Wir finden mehr Waffen. Wir müssen einfach", erwiderte Michonne.
Morgan seufzte. „Genau davor hat Owen uns gewarnt. Und jetzt sind wir die Sklaven der Erlöser und die von diesen Leuten. Wenn ihr denkt zu wissen, wo ihr mehr Waffen auftreiben könnt, dann geht an die Arbeit. Ich muss zurück zu Shane und den anderen, bevor er misstrauisch wird. Falls ihr Owen findet, sagt ihm …. Nein, das bringt nichts, ich werde es ihm selber sagen, sobald er mir wieder unter die Augen kommt. Viel Glück", verkündete er und war dann schon wieder weg.
„Also? Wo kriegen wir diese Waffen her?", wiederholte Daryl, „Holen wir sie uns von Taras Freunden?"
„Nein. Wir suchen nach ihnen. Dies ist immer noch die USA, das Land, in dem jeder Hirni ein ganzes Arsenal besessen hat. Irgendwo werden wir schon noch was finden. Sie haben uns nie gesagt wie viel mehr an Waffen sie wollen", gab Michonne zurück, „Aber jetzt müssen wir erst mal jagen gehen. Unsere Coverstory aufrecht erhalten."
„Ich weiß vielleicht ein paar Orte, die noch niemand geplündert hat", merkte Jesus an, „Keine Sorge, wir werden noch irgendwo ein paar Waffen auftreiben."
Daryl fand die Einstellung der beiden viel zu optimistisch, aber das wäre Ricks Problem, nicht seines. Jetzt mussten sie erst mal dafür sorgen, dass Morales nicht misstrauisch wurde. Alles andere würde sich von selber weisen müssen.
III.
Für Andrea war es wie ein Trip direkt in die Hölle. Einen Moment lang fragte sie sich, ob sie möglicherweise gestorben und dort gelandet war. Philip Blake kehrte in ihre Leben zurück wie ein Monster aus der Hölle, hatte es irgendwie geschafft sich eine neue Gefolgschaft aufzubauen, die seinen verrückten Plänen folgte, und hatte es geschafft Michonne und Hershel als Geiseln zu nehmen. Die Tatsache, dass er Michonne noch nicht getötet hatte, war eigentlich überraschend, doch er schien sich auf einen neuen Erzfeind eingeschossen zu haben, und das war Rick.
Als Philip mit seinem Gefolge und seinen Geiseln (und seinem verdammten Panzer, er hatte einen verdammten Panzer!) vor dem Gefängnis aufgetaucht war, hatte Andrea angeboten mit ihm zu verhandeln, da sich der Ratsvorsitzende in der Gewalt des verrückten Alphas befand, doch Philip wollte nur mit Rick sprechen. „Du interessierst mich nicht, Beta-Weib. So sehr es mich enttäuscht dich lebendig zu sehen, hat dich dein Verrat wenigstens etwas gekostet, und du hast zumindest daraus gelernt", meinte er, während er den vor ihm knienden Hershel mit Michonnes Katana bedrohte, und nickte in die Richtung von Andreas Prothese, „Aber ich verhandle nur mit eurem Rudelführer. Holt mir Rick Grimes."
„Rick ist nicht mehr unser Rudelführer. Wir haben einen Rat gebildet, der Dinge entscheidet und….", begann Andrea.
„Lügen alles Lügen! Bringt mir Rick Grimes!", brüllte der wütende Alpha, der jede Sekunde noch wütender zu werden schien. Also brachten sie ihm Rick.
„Ich bin nicht mehr der Rudelführer", erklärte der Omega, „Ich bin nicht einmal im Rat. Forderungen solltest du lieber an Andrea richten und…."
„Unsinn. Jemand wie du verzichtet nicht einfach auf all diese Macht! Lüg mich nicht an, Rick Grimes, ich kenne dich, ich weiß, wie du bist!", widersprach ihm der Alpha, „Ich weiß, wer du bist. Der Omega, der König sein wollte. Letztlich bist du derjenige, der hier das letzte Wort hat. Das wissen wir alle."
„Na schön", änderte Rick seine Taktik, „Du hast Recht, ich habe das letzte Wort hier. Und dieses letzte Wort ist, dass das alles nicht notwendig ist. Wir sind eine offene Gemeinschaft geworden, nehmen diejenigen auf, die hierbleiben wollen. Wir würden auch euch aufnehmen. Das Gefängnis mit euch teilen, es ist groß genug für uns alle."
Philip lachte. „Als ob es hier Platz genug für uns beide gäbe!", spottete er, „Als ob ich hier jemals mit euch leben könnte. Nach allem, was geschehen ist!"
„Das könntest", meinte Rick ruhig und ehrlich, „Der Krieg ist vorbei. Was geschehen ist, ist geschehen. Du kannst neu anfangen. Wir alle können das. Zusammen." Andrea konnte spüren, wie er seine Pheromone einsetzte um den aufgebrachten Alpha zu beruhigen.
Und für einen Moment, nur für einen Moment, schien Philips Gesicht darauf hinzudeuten, dass er darüber nachdachte das Angebot anzunehmen, dass er versuchte sich vorzustellen, wie sein Leben aussehen würde, wenn er und seine Leute das Friedensangebot annehmen würden, wenn er hier im Gefängnis mit ihnen leben würde.
Doch dann versteinere seine Miene wieder, und sein unverletztes Auge blitze auf. „Nein", verkündete der mit Grabesstimme, „Das könnte ich nicht." Dann holte er mit dem Katana aus und schlug Hershel den Kopf ab.
Andrea hörte einen spitzen Schrei, der entweder von Maggie oder von Beth stammen musste. „Es wird niemals Frieden geben zwischen uns!", verkündete Philip, „Schießt auf das Gefängnis!" Und dann feuerte der Panzer auf das Gefängnis, und die Hölle brach tatsächlich los.
Es gab verwirrte Schreie. Vorwürfe an Philip von seinen eigenen Leuten. Schusswechsel. Andrea verlor Michonne aus den Augen, und Rick, und sogar Philip. „Wir müssen die Leute aus dem Gefängnis schaffen!", schrie sie niemanden im Speziellen zu.
Sie konnte sehen, wie sich Rick auf Philip stürzte und mit den Fäusten auf diesen einschlug. Sie hörte Philip lachen. Rick war wütender als Andrea ihn jemals gesehen hatte, wirkte kein bisschen mehr wie Rick und war eine Kampfmaschine. Es gelang ihn Philip am Boden festzupinnen. „Warum hast du das gemacht?! Hershel hat dir niemals etwas getan! Niemals!", schrie er, während er den Alpha mit Schlägen ins Gesicht eindeckte.
„Komm schon, Omega, bring's zu Ende! Tu es! Beweise allen, dass du bist wie ich!", forderte Philip, der unter ihm lag, von ihm. Das reichte um Rick dazu bringen einzuhalten, was wiederum ausreichte um Philip Gelegenheit zu geben sie beide einmal herum zurollen, so dass nun er Oben lag. „Ich wusste, dass du es nicht kannst!", verkündete der Alpha voller Verachtung.
Andrea rannte los, auf die beiden zu, um Rick zu helfen, doch Michonne war schneller als sie. Irgendwie war es ihr gelungen sich zu befreien und ihr Katana zurückzubekommen, mit welchem sie nun Philip durchbohrte. „Das hätte ich schon damals beim ersten Mal tun sollen", verkündete sie. Philip gab einen ächzenden Laut von sich, und Michonne trat ihn zu Boden und zog ihr Schwert aus ihm heraus.
Überall um sie herum tobte der Kampf. Rick sah sich erstaunt um, als würde er erst jetzt wahrnehmen, was geschah. Truppen von beiden Seiten waren gestorben und hatten sich in Beißer verwandelt. „Carl! Judith!", rief Rick aus und rannte los, blindlings in Richtung Gefängnis. Andrea nickte Michonne zu, dass sie ihm folgen sollte, was sie auch tat. Sie selbst trat zu Philip. Er war nicht tot, er lebte noch immer.
Er sah keuchend zu Andrea auf. „Wirst du mir jetzt meinen Arm abschneiden?", wollte er wissen.
„Du hättest es verdient", meinte Andrea, „Nach allem, was du angerichtet hast, hättest du es verdient, dass ich dich hier und jetzt töte. Warum, Philip? Warum nur hast du nicht einfach das Angebot angenommen? Warum hast du nicht einfach lockerlassen können?"
„Ich nenne mich jetzt Brian", informierte Philip sie, als würde das irgendeine Bedeutung haben und vielleicht hatte es ja eine, „Ich wollte neu anfangen. Alles hinter mir lassen. Denjenigen, die ich liebe, ein gutes Leben bieten." Er stemmte sich mühselig hoch. „Aber ich konnte es nicht. Verstehst du das denn nicht? Ich konnte es nicht!", schrie er sie an, als würde er denken, dass es daran irgendetwas zu verstehen gab. Konnte irgendjemand wirklich verstehen, was in einem Wahnsinnigen vorging? Oder ein Nicht-Alphas, was in einem Alpha vorging?
„Oh, doch ich verstehe. Du hast es selbst gesagt, immer wieder. Über Rick. In Wahrheit hast du aber immer nur von dir selbst gesprochen", meinte Andrea, „Du wolltest König sein. Nichts anderes hat dich jemals zufrieden stellen können. Es ist nicht, dass du dich nicht ändern konntest, Brian, es ist, dass du es nicht wolltest!" Und dann verpasste sie ihm einen kräftigen linken Hacken, der ihn tatsächlich taumelnd zu Boden gehen ließ. „Der Tod wäre zu gut für dich!", verkündete sie und rannte dann ebenfalls zurück zum Gefängnis. Sollten sich die Beißer um ihn kümmern oder seine eigenen Leute, es war ihr gleich. Philip Blake, der Gouverneur, Brian, wie auch immer er sich nannte – dieser Alpha hatte zum letzten Mal ihr Leben zerstört, von nun an war er einfach nicht mehr wichtig. Was für jemanden wie ihn vielleicht die größte Strafe von allen wäre.
„Andrea! Andrea! Warte! Komm zurück!", rief er ihr hinterher, doch sie drehte sich nicht zu ihm um, auch dann nicht als seine Rufe verstummten.
IV.
„Du musst mich auf Ausfahrt gehen lassen", kündigte Rick Shane ohne Vorwarnung an, kaum, dass dieser Olivia und Andrea fertig dabei geholfen hatte ihre Ausbeute in den Vorratskammer zu verstauen.
Shane unterdrückte ein Seufzen und drehte sich dann zu Rick um. Der Omega sah ihn abwartend an. „Damit noch ein Omega aus dieser Stadt irgendwo dort draußen verloren geht? Carol ist nie zurückgekommen, und Owen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit abgehaut, Gott weiß wohin. Und wenn etwas Negan nicht gefallen wird, dann die Tatsache, dass ich seit ich hier das Kommando übernommen habe es irgendwie geschafft habe andauernd Omegas zu verlieren", meinte er, „Und wenn ich es schaffe dich zu verlieren, dann habe ich die Ehre Lucille näher kennenzulernen, als ich es jemals wollte. Also, warum genau sollte ich dich das tun lassen?"
„Weil wir immer noch nicht genug gefunden habe. Er wird bald hier auftauchen und uns das Wenige, was wir gefunden haben, wieder nehmen und sich darüber beschweren, dass es zu wenig ist. Wäre es nicht besser, wenn er sieht, dass wir, wenn wir uns etwas vorgenommen haben, das auch erreichen können? Dass wir in der Lage sind alles zu tun, was er von uns erwartet?", argumentierte Rick.
„Natürlich wäre es das", gab Shane zu, „Mir ist nur nicht klar, was das mit dir zu tun hat. Jeder kann das erledigen, warum solltest du es tun?"
„Weil keiner entschlossener ist Erfolg zu haben als ich, deswegen", erklärte Rick.
Jetzt seufzte Shane doch. „Weil Rick Grimes immer alles selber machen muss. Das ist es doch, oder? Du musst mir nichts beweisen, ich weiß wozu du fähig bist. Negan weiß es auch. Er tut nur so, als würde er es nicht sehen. Du musst jetzt nicht mehr alles selber machen", erwiderte er, „Genau deswegen bin ich doch hier: Um dir zu helfen."
„Das hier ist immer noch mein Rudel, nicht deines. Alles fällt auf mich zurück. Wenn wir Negan nicht zufrieden stellen, dann ist es meine Schuld", behauptete Rick unnachgiebig, „Und es darf aber nicht meine Schuld sein."
„Negan hat klar gemacht, dass er es nicht gerne sieht, wenn du die Stadt verlässt, Rick. Es tut mir leid, aber ich kann nicht riskieren, dass er hier auftaucht und du schon wieder weg bist", wehrte Shane ab, „Denn das würde auf mich zurückfallen, und dann kann ich euch vielleicht nicht mehr beschützen."
Rick schnaufte. Er war offensichtlich wütend. Dann drehte er sich wortlos um und stapfte davon. Das war nicht so gut gelaufen. Shane hatte niemals in seinen Leben der Alpha sein wollen, der einem Omega verbot irgendwo hinzugehen, und nun war er doch zu genau diesem geworden. Was hat er mir angetan? Er wusste nicht einmal, ob der er an den er dachte Negan oder Rick war.
Ihr Ausflug war keine Katastrophe gewesen, aber auch kein Erfolg. Sie hatten Vorräte gefunden, aber keine Spur von Heath, und Owen hatten sie auch noch verloren. Morgan behauptete zwar, der Omega könnte auf sich aufpassen und würde ständig verschwinden und dann irgendwann wieder auftauchen, aber Shane war nicht blöd, er hatte den ziemlich dringenden Verdacht, dass Owen losgezogen war um zu versuchen Negan umzubringen. Was natürlich zum Scheitern verurteilt war. Wenn sie Glück hatten, würde er getötet, bevor irgendjemand einen Zusammenhang zwischen ihm und Alexandria herstellen konnte. Aber darauf würde Shane sich nicht verlassen.
Solltest du deine letzte verbleibende Zeit hier damit verbringen mit Rick zu streiten? Aber was blieb ihm sonst übrig? Er musste Schadensbegrenzung betreiben, genug erreichen um Negan zumindest davon absehen zu lassen die ganze Stadt für Owens Versuch leiden zu lassen. Rick jetzt gehen zu lassen, konnte nur falsch sein. Sein Dauerkopfschmerz meldete sich wieder zu Wort.
„Du siehst aus wie jemand, der Entspannung vertragen könnte", meinte Morgan, der neben ihm auftauchte, „Komm mit, ich zeig dir ein paar Techniken."
„Das ist wirklich nicht notwendig", wehrte Shane ab.
„Der aufkeimende Schmerz in deinen Schläfen sagt etwas anderes", meinte Morgan, „Glaub mir, ich erkenne die Symptome. Lass mich dir helfen. Was kann es schon schaden?" Shane wusste, dass er ablehnen sollte, aber irgendwie war Morgan im Moment der Einzige hier, der auf seiner Seite zu stehen schien. Alle anderen waren aus irgendwelchen Gründen wütend auf ihn. Also gab er nach.
Was es schaden konnte, war, wie sich herausstellte, von anderen ausgelacht zu werden, weil er Stock-Ti-Chi oder was auch immer das sein sollte von Morgan Jones beigebracht bekam. Morgan wirkte bei seinen Übungen elegant, Shane hingegen sah vermutlich aus wie ein schwerer Fall von Körperkoordinationsproblemen. Carl kam vorbei, sah ihnen ein paar Minuten lang zu, und begann dann laut zu lachen. Shane wäre das alles ja furchtbar peinlich, aber … Carl lachte. Er wusste nicht, wann er den Jungen zum letzten Mal lachen gehört hatte. Also lachte er auch. Und Morgan lachte ebenfalls.
Bis er sich wieder beruhigte und meinte: „Na, na, Carl, das ist nicht nett. Wenn du denkst, dass du es besser kannst, dann komm her und zeig uns, was du drauf hast." Das trieb Carl das Lachen schnell wieder aus. „Ich glaube nicht, dass…", begann er, aber Shane meinte: „Na komm schon, Kumpel, lass mich nicht als Einzigen blöd dastehen. Vielleicht lernst du ja was dabei. Das wird sicher lustig, komm schon, wir können was zusammen machen. Ich warne dich auch vor, falls Enid vorbeikommt."
Carl wirkte zwar nicht begeistert, ließ sich scheinbar aber doch dazu herab zu ihnen hinüber zu kommen und sich von Morgan einen Stock reichen (er hatte in weiser Voraussicht ein paar zur Seite gelegt, da er offenbar vorhergesehen hatte, dass Shane zumindest seinen ersten zerstören würde). Carl warf Shane einen zögerlichen Blick zu. Seit ihrem letzten Gespräch war ihre Beziehung seltsam gespannt, doch zumindest schien der Junge nicht mehr dauerwütend auf Shane zu sein, und Shane, der, wenn er ehrlich war, keine Ahnung hatte wie er mit der neuen Information, die er bekommen hatte, umgehen sollte, tat einfach sein Bestes um so zu tun als hätte sich nichts geändert, aber auch zur Kenntnis zu nehmen, was Carl ihm erzählt hatte und all die Bedeutung, die damit einherging, zu verstehen. Carl war nicht mehr der kleine Junge, der in seinen Schoß kroch und Frösche jagen ging, das musste er akzeptieren.
„Du wirst schon sehen, wie leicht man dabei dumm aussieht", meinte Shane fröhlich, „Nimm deine Ausgangsposition ein." Carl starrte Shanes Füße an und dann Morgans, und ahmte die Fußhaltung dann nach. „Gerader Rücken, tief durchatmen. Schön. Und jetzt seht mir zu", wies sie Sensei Morgan an.
Carl stellte sich nicht viel besser an als Shane, aber zumindest ein wenig. Und seine Gegenwart half Shane dabei sich weniger lächerlich zu fühlen. Zwanzig Minuten später war sein Kopfschmerz wie weggeblasen.
Der Omega namens Aaron näherte sich ihnen. „Entschuldige, Shane? Ich wollte eine kurze Ausfahrt machen. Es gibt da einen Ort, an dem ich oft bei meinen Rekrutierungsfahrten vorbeigekommen bin, den ich oft erforschen wollte, an einem See, dort könnte jemand Vorräte gebunkert haben. Vielleicht hat Heath sich dort versteckt", erklärte er.
Soweit Shane wusste, war das das erste Mal, dass Aaron freiwillig mit ihm sprach. Der Omega führte gemeinsam mit seinem Gefährten Eric ein eher zurückgezogenes Leben, seit Shane in der Stadt angekommen war, wobei das aber vor allem darin zu liegen schien, dass er durch seine Gefangenschaft im Sanctuary schwer traumatisiert worden war. Bei ihrem Zweiergespräch war Aaron höflich, aber zurückhaltend gewesen, und wenig erfolgreich darin seine Angst zu verbergen. Dass er sich jetzt traute Shane von sich aus anzusprechen war überaus bemerkenswert. Vielleicht erwärmen sie sich ja doch langsam für mich.
„Also gut, fahr aber nicht alleine, nimm mindestens zwei Personen mit, und tragt euch bei Morales aus. Wenn dort irgendwer lebt, der feindselig ist, dann lasst ihr ihn in Ruhe und kommt zurück, geht kein Risiko ein", meinte Shane. Falls dort jemand hauste, würde sich Shane zusammen mit seinen Leuten bewaffnet dieser Person annehmen.
Aaron nickte. „Ja, Alpha", sagte er gehorsam und entfernte sich dann wieder.
Shane fiel noch etwas ein. „Aaron, warte einen Moment!", rief er dem Omega hinterher, der regelrecht erstarrte. Okay, scheinbar hat er doch immer noch Angst vor mir. „Frag vielleicht Tara, ob sie mitkommen möchte. Falls die Chance besteht, dass Heath dort ist, will sie vermutlich dabei sein", meinte Shane.
„Ich werde sie fragen", versprach Aaron und eilte dann davon.
Shane wandte seinen Blick wieder zu Carl, der sich gerade beinahe selbst mit dem Stock ein Auge ausstach. „Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen", schlug er vor, „Und was trinken. Das hier ist anstrengender als es aussieht."
„In einem erholten Körper wohnt auch ein erholter Geist", behauptete Morgan.
„Klar, Obi-Wan. Dir ist schon klar, dass du all diese Sprüche gestohlen hast, oder?", stichelte Shane.
„Aber geholfen hat es, oder? Keine Kopfschmerzen mehr", meinte Morgan.
Damit hatte er recht, der Schmerz war verschwunden, Carl verbrachte freiwillig Zeit mit ihm und hatte sogar gelacht, Aaron hatte es gewagt ihn anzusprechen. Ja, dieses komische Morgan Jones-Training hatte geholfen. Sehr sogar. Shane fühlte sich erfrischt und entspannt. Beinahe gut. Langsam aber sicher wurde er doch zu einem Teil von Alexandria, wie es schien. Langsam aber sicher akzeptierten sie ihn hier.
Es dauerte mehrere Stunden bis ihm auffiel, dass Rick verschwunden war, und ihm klar wurde, dass all diese scheinbare Freundlichkeit offenbar nur dazu gedient hatte ihn abzulenken und unvorsichtig werden zu lassen. Das war der Moment, in dem der Kopfschmerz zurückkehrte.
A/N: Reviews?
