Hannibal hatte über Nacht eine Entscheidung getroffen, er würde Roselyn in einem der Gästezimmer unterbringen und wieder aufpäppeln. Dass Miranda Urlaub hatte, stellte sich nun als ein Glücksfall heraus, ob sie wusste wen sie ihm ins Haus geschickt hatte? Am frühen Morgen war Hannibal an der Adresse vorbeigefahren, die in ihren Papieren stand und es schien, als würde sie alleine wohnen. Mit ihrem Schlüssel hatte er ihre Wohnung betreten und ihr etwas Wäsche zum Wechseln eingepackt. Die Wohnung war klein und trostlos, man sah dass sie wenig Geld hatte, aber es war sauber. Als Hannibal ihre Wohnungstür hinter sich abschloss, war er sich sicher, dass seine Entscheidung die Richtige war. Bevor er Roselyn in das Gästezimmer brachte, kontrollierte er ihre Temperatur und sedierte sie, nur zur Sicherheit. Die junge Frau in die obere Etage zu bringen war ein Leichtes, der Ordnung halber verstaute er ihre Sachen vor dem Fußende des Bettes. Heute wischte Hannibal sein Haus selber durch und es sah aus, als wäre Roselyn nie hier gewesen. Hannibal verabreichte Roselyn eine Dosis des Antibiotikums, trug eine Salbe auf ihre Arme auf und bandagierte diese erneut.
Roselyn wachte langsam auf, noch dämmerte sie irgendwo zwischen Wachen und Schlafen vor sich hin, doch ihr Kopf wurde immer klarer. Sie spürte wie Finger ihr Handgelenk umfassten und dort kurz verweilten, als sie verschwanden, blieb an der Stelle nur das Gefühl eines kalten Luftzuges. Nun lag eine Hand auf ihrer Stirn und etwas wurde ihr ins Ohr gesteckt, was war hier los? Den Kopf wegzudrehen war nicht möglich, da ertönte ein Piepen und ihr Ohr war wieder frei. Panisch versuchte Roselyn sich zu erinnern, was passiert und wo sie hier war. War sie etwa beim Putzen ohnmächtig geworden? Bevor sie sich weiter Gedanken machen konnte, spürte sie den Einstich einer Nadel, es brannte und sie fühlte sich immer schwerer werden. Innerhalb weniger Augenblicke schlief sie wieder tief und fest.
Endlich wachte Roselyn auf, sie fühlte sich benebelt und konnte keinen klaren Gedanken fassen, als sie ihre Augen öffnete, wuchs ihre Verwirrung weiter. Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, wo sie war, doch ihre letzte Erinnerung war, zu putzen. Der Hausherr musste sie gefunden und in ein Krankenhaus gebracht haben, doch hier sah es völlig anders, als im Krankenhaus aus. Sie lag in einem normalen, wenn auch ziemlich großem Bett, die Laken waren weich, cremefarbend und machten eine teuren Eindruck. Sie setzte sich auf und spürte, wie ein Schmerz ihren Arm herauf schoss, erschrocken sah sie zur Seite. Zu ihrer Überraschung waren ihre Arme bandagiert und in ihrem Handrücken steckte eine Nadel, was sollte das alles? Wo war sie? Roselyn zog das Pflaster ab, die Nadel aus ihrer Hand und versuchte das kleine Rinnsal Blut aufzuhalten, das aus der Wunde kam, sie wollte nur noch hier weg. Mit Schwung stand sie aus dem Bett auf und wäre fast umgekippt, als sie ihre Sporttasche am Fußende des Bettes entdeckte. Hastig sank sie in die Knie und nahm sie sich neue Wäsche aus der Tasche, sie lauschte kurz, dann zog sie sich um. Ihre getragenen Sachen stopfte sie in eine der Seitentaschen und schlich zur Zimmertür, leise verließ sie das Zimmer. Den Flur erkannte Roselyn, auch hier hatte sie geputzt, nun wusste sie, wo sie sich befand. So langsam wurde ihr die ganze Sache unheimlich, sie wollte so schnell, wie möglich raus hier. Kurz hielt Roselyn inne und lauschte, es war völlig still im Haus. Als sie sich in Bewegung setzte, waren ihre Beine wie Gummi. Wie eine Ertrinkende klammerte Roselyn am Geländer fest, als sie langsam die Treppe ins Erdgeschoss hinunterging. Immer, wenn sie beführchtete nicht weiter zu kommen, motivierte sie der Gedanke bald zu Hause zu sein. Als sie im Eingangsbereich war, verlor sie den Halt unter ihren Füssen und stolperte gegen die Haustür. Mit einem Knall stieß ihr Kopf an die Tür, es gab einen dumpfen Schlag, als sie auf dem Teppich landete. Roselyn streckte die Hand aus und berührte die Tür, ihr Ziel war so nah und doch in weiter Ferne. Was war passiert? Sie musste einen Schwächeanfall gehabt haben, es war frustrierend.
Jemand kniete sich neben sie, drehte sie auf den Rücken und ihren Kopf zweimal von einer Seite zur anderen, er sah ihr ins Gesicht als wolle er einen Schaden betrachten, es war der Hausherr, was sollte das?
"Guten Abend Roselyn, wohin wollten Sie denn so eilig?", fragte Hannibal ruhig.
"Nach Hause, warum bin ich überhaupt noch hier und nicht in einem Krankenhaus?" In ihrem Blick lag Verzweifelung und ihre Stimme zitterte leicht, als sie endlich schaffte sich aufzusetzen.
Er half ihr auf die Beine und hielt sie an der Schulter fest, damit er sie besser in sein Arbeitszimmer delegieren konnte und sie im Falle einer erneuten Schwäche auffangen zu können. "Glauben Sie mir, hier sind Sie besser aufgehoben, als in einem Krankenhaus, wo es hektisch und chaotisch zugeht. Nicht, dass Sie dort verloren gehen" antwortete er sanft, während er Roselyn in das Zimmer brachte.
"Nehmen Sie Platz!" wies er sie an, während er leise die Tür hinter sich abschloss und lautlos den Schlüssel in seine Tasche gleiten ließ.
Roselyn sah sich um, bevor sie sich in einen Sessel setzte und wartete, was weiter passieren würde, als sie sich an die Stirn fasste, spürte sie etwas feuchtes, klebriges. Als sie ihre Hand wegzog und ihre Fingerspitzen betrachtete, sah sie dass Blut daran klebte. Hannibal holte seine Tasche aus einem Schrank, bereitete eine Spritze vor, legte sie ganz oben in die Tasche, ging zu Roselyn hinüber, reichte ihr ein Taschentuch, ließ sich ihr gegenüber nieder und griff nach ihrer Hand. Er betrachtete ihren Handrücken "Sie haben den Zugang herausgezogen, bedauerlich, dann muss ich wohl später einen neuen legen! Hat Ihnen schon einmal jemand erzählt, dass Sie wirklich schlechte Venen haben? Sie haben sich selbst hiermit keinen Gefallen getan!" Er reinigte mit einem Desinfektionstuch ihre Hand, nur noch ein kleiner roter Punkt blieb übrig. Der Blick der jungen Frau ging von einer Hand zur anderen, dann wischte sie das Blut mit dem Taschentuch ab.
"Bei Ihrem Sturz haben Sie sich eine Platzwunde an der Stirn zugezogen, wenn Sie wünschen, kann ich sie nähen." Bot Dr. Lecter ihr an, doch sie schüttelte den Kopf, presste kurz das Tuch auf die Wunde an ihrer Stirn, legte es aber wenig später bei Seite und erhob sich. "Wenn es möglich wäre, würde ich jetzt gerne nach Hause gehen. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, aber ich möchte in meine eigenen vier Wände zurück. Die Wunde kann ich sicherlich auch in einem Krankenhaus versorgen lassen!" Roselyn wollte nur schnell von hier weg, langsam kehrte die Kraft in ihre Glieder zurück.
"Ich bin mir sicher, dass wenn Sie in ein Krankenhaus gehen, in der Psychiatrie enden würden, sobald man dort Ihre Arme sieht." gab Hannibal zu bedenken.
Die junge Frau war inzwischen an der Tür angekommen und bemerkte, dass sie sich nicht öffnen ließ, panisch rüttelte sie an der Klinke. "Warum sollten die dort bei einer Platzwunde an der Stirn meine Arme sehen wollen? Wobei das ja auch mein Problem ist. Und warum haben Sie die Tür abgeschlossen?" fragte sie in einem leicht patzigen Tonfall, sie fühlte sich in die Enge getrieben. Mit wenigen Schritten war Dr. Lecter bei Roselyn, diese presste ihren Rücken gegen die Tür und sah sich aus schreckensgeweiteten Augen nach einem Ausweg um. "Bleiben Sie weg von mir!" Sie klang panisch, schob sich seitlich an der Wand entlang von ihm weg und hob die Hände, als wolle sie sich so vor ihm schützen, doch Hannibal war schneller und drückte ihren Hals mit einer Hand gegen die Tür. "Nein, bitte lassen Sie mich gehen!" Ihr Atem ging abgehackt, seine Hand drückte ihr immer stärker die Luft ab.
Roselyn begann zu zappeln und zerrte an dem Arm, der sie am Fortkommen hinderte und ihr stetig die Atemluft reduzierte. Während sie um mehr Luft kämpfte, drückte er ihr mit der anderen Hand ein feuchtes Tuch auf Mund und Nase, seine Hand blieb an der Stelle doch der Druck ließ etwas nach. Nun hätte Roselyn eigentlich wieder atmen können, wäre da nicht das Tuch, von dessen Ausdünstungen ihr ganz schwummerig wurde. Instinktiv hielt die junge Frau die Luft an, um die Feuchtigkeit nicht einatmen zu müssen. Hannibal sah, dass ihre Brust sich nicht mehr hob und senkte, ihr Gesicht nahm eine leichte Röte an, mit Mühe konnte er ein Lächeln unterdrücken. "Sie können nicht ewig die Luft anhalten, irgendwann müssen Sie atmen und ich habe Zeit." Seine Mundwinkel hoben sich leicht. "Sie wollen atmen, Sie brauchen nur Luft holen!" Roselyn geriet in Panik und begann um sich zu schlagen und versuchte den Kopf seitlich wegzudrehen, als sie merkte, dass ihre Bemühungen nicht fruchteten, versuchte sie Hannibal zu kratzen. Geschickt wich er ihren Händen aus und registrierte, dass ihre Bewegungen nicht nur schwächer, sondern auch langsamer und unkoordinierter wurden. Roselyns Gesicht war nun dunkelrot, ihre Lungen schrien nach Sauerstoff und es schien keinen Unterschied zu machen, ob sie aus Mangel an Sauerstoff oder wegen, was auch immer auf dem Tuch war, Ohnmächtig wurde. Dr. Lecter konnte den Kampf, der in ihrem Inneren tobte, förmlich an ihren Augen ablesen, kurz bevor sie aufgab und nach Luft schnappte, schien er sie überreden zu wollen. "Schön tief einatmen!" befahl er und es machte den Eindruck, als würde sie seinem Befehl gehorchen. Gierig sog sie die Luft in ihre Lungen, sofort begann sich alles in ihrem Kopf zu drehen, gegen ihren Willen tat sie einen weiteren Atemzug und dann noch einen, sie konnte sich nicht mehr stoppen. Bevor ihre Welt von der Bewusstlosigkeit verschluckt wurde, hörte sie noch, wie Dr. Lecter sagte "Einfach weiter atmen. Sehen Sie, es ist ganz leicht!"
Ihre Beine gaben nach, aber seine Hand hielt sie weiterhin an der Stelle, auch wenn sie jetzt verhinderte, dass die junge Frau unkontrolliert an der Wand hinunter rutschte und in sich zusammen fiel. Nachdem er Roselyn auf dem Sofa abgelegt hatte, ihr Gesicht gesäubert und ihre Stirn begutachtet hatte, entschied er, dass es völlig reichte die Wunde zu kleben. Kurz darauf brachte er die junge Frau wieder in das Gästezimmer, dieses Mal würde er dabei sein, wenn sie aufwachte.
