Roselyn kam langsam wieder zu sich, als sie versuchte sich zu bewegen, spürte sie, wie jemand ihren Arm nahm und festhielt. Je mehr sie zu sich kam, desto mehr sträubte sich etwas in ihr gegen die Person, die sie festhielt. Was sollte das?

Ihre Hand wurde mit der Handfläche nach oben gedreht und etwas Kaltes wurde auf die Innenseite ihres Unterarmes gesprüht, dann kam der Schmerz. Die junge Frau schrie vor Schreck und Schmerzen und versuchte sich zu befreien, doch ihr Arm schien in einem Schraubstock zu stecken, sie konnte es erst nicht zuordnen. "Roselyn, bleiben Sie ganz ruhig liegen, sonst muss ich das nochmal machen, es wird gleich besser." Es gab ein Geräusch, als hätte jemand ein Stück Metall auf einem Teller abgelegt und der Druck in ihrem Arm ließ etwas nach, dennoch konnte sie spüren, dass etwas dort steckte und nun wurde es mit einem Pflaster fixiert. Roselyn versuchte ihren Arm aus seiner Umklammerung zu entwinden und sich aufzurichten, doch wurde durch Druck auf die Schulter niedergehalten, nun riss sie die Augen auf.

Auf der Bettkante neben ihr saß der Hausherr mit dem Rücken zu ihr und hatte ihren Arm zwischen seinem Oberarm und seinem Oberkörper eingeklemmt, sodass es kein Entkommen für sie gab und sah sie über seine Schulter an. "Ich hatte Ihnen ja gesagt, dass Sie schlechte Venen haben, hätten Sie die Nadel zuvor nicht rausgezogen, hätte ich Sie jetzt nicht quälen müssen." Er ließ endlich ihren Arm frei, Roselyn sah rote Abdrücke einer Hand, wo er ihren Arm festgehalten hatte. Schockiert betrachtete sie ihren Arm, dann fuhren ihre Finger über das Pflaster, es fühlte sich merkwürdig an, sie konnte Plastik unter ihrer Haut ertasten. Mit einem Mal hatte sie völlig vergessen, dass sie sich aufsetzen wollte und somit blieb sie liegen. "Na na, nicht anfassen, lassen Sie die Stelle in Ruhe. Sie haben sich ja ganz schön zur Wehr gesetzt, ein Glück, dass die Vene bei dem Stress nicht kollabiert und unbrauchbar geworden ist. Es könnten sich ein paar blaue Flecken entwickeln, aber nichts, was nicht nach wenigen Wochen wieder verschwunden ist."

"Warum?" fragte sie leise, nicht nur ihre Stimme zitterte "Was haben Sie mit mir vor?"

"Das Warum erörtern wir später, immerhin haben wir ja genug Zeit!"

Roselyn erschauderte, wäre dieser Mann ihr nicht schon vorher unheimlich gewesen, wäre er es spätestens jetzt, was meinte er mit wenigen Wochen?

Hannibal hatte mit Bedacht den Moment abgepasst, in dem Roselyn kurz vorm Aufwachen war, um ihr zu zeigen, dass er es wirklich ernst meinte und sie dafür zu bestrafen, dass sie versucht hatte sich still und heimlich aus dem Haus zu schleichen. Er hatte nicht mit so einer starken Reaktion gerechnet, als sie versuchte sich aus seinem Griff zu entwinden, dennoch ließ er sie nicht los. Es störte ihn wenig, dass sie vor Schmerzen schrie und sicher ein paar blaue Flecken davontrug, die würde so oder so niemand zu Gesicht bekommen. Er hielt ihren Arm so ruhig, dass der Zugang nicht rausrutschen konnte, die Lage war perfekt. Als er über seine Schulter nach ihr schaute, erhaschte er den Ausdruck in ihren Augen, als sie diese aufschlug, er offenbarte einen kleinen Teil ihres Wesens, es war die pure Angst, Worte waren nicht nötig. Als er sicher war, dass sie nichts tun würde, ließ er sie los, sogleich befühlte sie die Stelle.

Was er mit ihr vorhatte?

Das würde sich erst später herausstellen und ihr Verhalten ihm gegenüber spielte dabei auch eine tragende Rolle. Er konnte ganz genau ihre Reaktion auf seine Antwort beobachten, sie schien Angst vor ihm zu haben, das würde noch interessant werden.

Als wäre es nebensächlich, schaute er auf seine Uhr, er hatte eigentlich von etwas Zeit, bis er in die Praxis musste.

"Zeit für meine Patienten, ich werde Sie dann mal ein bisschen alleine lassen. Ich empfehle Ihnen sich vom Erdgeschoss fernzuhalten."

Er holte einen Beutel mit einer leicht trüben Flüssigkeit hervor und verband diesen mit einem dünnen Schlauch mit der Nadel in ihrem Unterarm. "Sie bekommen jetzt eine Infusion mit einem Antibiotikum, wenn diese durchgelaufen ist, können Sie sich ein wenig im Haus bewegen, Sie kennen sich ja hier aus. Ich bleibe auch nicht allzu lange weg, tun Sie sich selbst einen Gefallen und hören Sie auf meine Worte! Stehen Sie erst auf, wenn die Infusion durchgelaufen ist und die Nadel bleibt, wo sie ist." Dr. Lecter stand auf, räumte seine Sachen zusammen und verließ den Raum, er konnte Roselyns Angst förmlich spüren. Hannibal brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass sie mit großen Augen jede seiner Regungen beobachtete. Das in dem Beutel nur ein Antibiotikum war, entsprach nicht ganz der Wahrheit. Das Sedativum, das der Flüssigkeit beigemengt war, würde dafür sorgen, dass sie wirklich erst aufstand, wenn der Beutel leer war. Er konnte in Ruhe seine Patienten behandeln, ohne zu befürchten, dass Roselyn etwas Dummes in seiner Abwesenheit tat.

Die ersten paar Minuten lag Roselyn im Bett und starrte die stuckverzierte Zimmerdecke an, langsam wurden ihre Augenlider schwer und sie ergab sich der Müdigkeit. Es konnte nicht schaden ein wenig zu schlafen, wer weiß wie lange diese Infusion dauern würde und so schloss sie die Augen und schlief ein. Ihr letzter Gedanke war, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte, diese plötzliche Kampfunwilligkeit kannte sie von sich selber gar nicht. Roselyn wachte langsam auf, doch hatte sie das Gefühl gar nicht geschlafen zu haben, in ihrem Kopf herrschte völlige Leere und Mattigkeit, völlig erschöpft ließ sie die Augen geschlossen und schlief wieder ein. Als sie das nächste Mal aufwachte, fühlte sie sich ausgeruht und erfrischt, die Sonne stand tief, es musste später Nachmittag sein. Der Beutel mit der Infusion war leer, doch Roselyn traute sich nicht aufzustehen.