Wenig später hörte sie gedämpfte Schritte, die sich ihrem Zimmer nährten, behutsam wurde die Türklinke heruntergedrückt und die Tür so leise geöffnet, dass sie kein Geräusch machte. Der gepflegte Kopf des Hausherren erschien in der Tür, dann folgte sein Körper.

"Guten Abend Roselyn, ich hoffe Sie hatten einen angenehmen Nachmittag.", sein Tonfall war absolut neutral, während er auf sie zu kam.

"Vielen Dank der Nachfrage, leider habe ich den Großteil des Tages verschlafen." die junge Frau zuckte mit den Schultern und überlegte, ob er etwas damit zu tun hatte. Dr. Lecter überwand schnell den Abstand von der Tür zu ihr, um sie von der Infusion zu befreien und Roselyn fühlte sich sofort freier, obwohl die Nadel immer noch in ihrem Arm steckte.

"Wenn Sie so nett wären, mir in mein Arbeitszimmer zu folgen!" kaum hatte sie die Füße auf den Boden gestellt, verließ Hannibal das Zimmer.

Kurz darauf fand sie sich in dem Zimmer wieder, in das er sich schon beim letzten Mal gebracht hatte, wie bei dem Mal zuvor setzte sie sich in den einen Sessel und wartete gespannt, was nun passieren würde. Dr. Lecter ließ sich mit Block und Stift ihr gegenüber nieder.

"Ich hätte ein paar allgemeine Fragen an Sie," eröffnete er das Gespräch, "bitte antworten Sie ehrlich!"

Roselyn war verwirrt, was wollte er von ihr? Sie hatte zwar die Vertretung von ihrer Freundin übernommen, wusste aber nichts Konkretes über den Hausherren. So langsam betreute sie es, sich nicht über den Mann vor ihr informiert zu haben, schließlich betrat sie alleine sein Haus.

"Ich habe mich über Ihren Werdegang informiert, wie kam es dazu, dass Sie als Jahresbeste Ihr Studium abgebrochen haben?"

Roselyn zögerte und zappelte in ihrem Sessel, dann schließlich antwortete sie: "Ich war nicht so gut, wie Sie denken. Dass ich versagt hätte, war so sicher, wie das Amen in der Kirche." Dr. Lecter notierte sich etwas, es war so ruhig im Haus, dass die junge Frau hören konnte, wie der Stift über das Papier kratzte. Es überraschte sie, das er Informationen über sie eingeholt hatte, für einen Detektiv war er eindeutig zu gut medizinisch ausgebildet.

"Fast zwei Jahre nachdem Sie Ihr Studium abgebrochen haben, putzen Sie mein Haus, wie kam es dazu?" Wieder versuchte Roselyn durch ihr Gezappel Zeit zu schinden. "Eine Freundin hat mich gefragt, ob ich für sie die Vertretung in Ihrem Haus übernehme, sie war wohl der Überzeugung, dass ich nichts anderes zu tun habe und das Geld gut gebrauchen kann!" Sie zuckte mit den Schultern. "Sie sind sicher nicht zufrieden mit meiner Arbeit gewesen, ich war es auf jeden Fall nicht!" Ihr Blick huschte über den Boden, als könne sie an dem Teppich erkennen, ob er genau so unzufrieden mit ihr war, wie sie selbst. "Bevor Sie fragen, ja es stimmt, ich brauche das Geld wirklich, sonst würde ich meine Wohnung nicht verlassen!" Erneut nickte der Hausherr und notierte sich wieder etwas in seinen Unterlagen.

"Ich merke, dass Ihre Unzufriedenheit mit sich selbst Sie sehr belastet, verraten Sie mir, ist sie der Grund für ihre Wunden?"

Die junge Frau erschauderte, ihre Augen weiteten sich, stumm begann sie auf ihrer Unterlippe zu kauen, es schien ihr die Sprache verschlagen zu haben. Hannibal hatte direkt ins Schwarze getroffen, wie nicht anders erwartet waren ihre Wunden ein überaus wunder Punkt, den sie ganz sicher nicht ansprechen wollte.

Bleiernd senkte sich das Schweigen über den Raum, minutenlang sprach niemand ein Wort, Roselyn wollte anscheinend nicht über das Thema sprechen und Dr. Lecter schien die Stille nicht zu stören. Plötzlich erhob sich Roselyn von ihrem Sitzplatz und begann aufgeregt im Zimmer auf und ab zu laufen. "Roselyn setzten Sie sich wieder, ich warte noch auf eine Antwort!" Gereizt setzte sich die Frau wieder hin, aber schwieg weiterhin, nervös begannen ihre Finger auf der Armlehne zu trommeln. "Wir beiden bleiben so lange hier, bis ich eine Antwort bekommen habe." sagte Dr. Lecter leise, es bereitete ihm ein gewissen Vergnügen Roselyn zu provozieren.

Es war Roselyn unangenehm über dieses Thema zu sprechen, sodass sie nach allen Seiten einen Ausweg suchte. Eher würde sie durch das Fenster springen, als dem Mann ihr gegenüber etwas Persönliches über sich zu erzählen. Ihre Augen huschten von einer Ecke zur nächsten, während sie versuchte ruhig auf ihrem Platz zu verharren. Zäh, wie Baumharz zogen sich die Minuten dahin, Roselyn hatte das Gefühl in einer Zeitlupe gefangen zu sein. Als ihr die Ziele für ihren Blick begannen langweilig zu werden, fing sie an ein Muster im Stoff ihrer Hose zu suchen. Schlussendlich betrachtete sie ihre Fingernägel, als wären sie unheimlich interessant.

"Ich bezweifele, dass Sie die Antwort unter ihren Fingernägeln finden!" gab Dr. Lecter belustigt zu bedenken.

Genervt riss sie ihren Blick von ihren Fingern los und schenkte ihrem Gegenüber einen finsteren Blick.

"Und wenn ich die Frage nicht beantworten WILL? Wie lange wollen sie mich hier sitzen lassen und warten?" Roselyn sprach langsam und leise, als wolle sie den Mann provozieren. Ein kurzes Aufflackern ihres Kampfgeistes, gab ihr den Mut sich so aufzuführen.

"Auch wenn es Sie nicht interessieren wird, ich habe seit heute Urlaub, also haben wir viel Zeit und deshalb" er notierte sich wieder etwas und legte anschließend seine Unterlagen beiseite, "können wir uns später noch über dieses Thema unterhalten." Er erhob sich langsam, als würde er erwarten, dass sie nun etwas Impulsives tat, doch Roselyn blieb einfach ruhig auf ihrem Platz sitzen und beobachtete ihre Spiegelung im Fenster.

"Roselyn haben Sie verstanden, was ich gerade gesagt habe?" fragte Dr. Lecter ruhig.

"Ja, Sie haben gesagt, dass wir uns wann anders über das Thema unterhalten. Aber ICH möchte nicht darüber reden, weder heute, noch wann anders!" Ihre Stimme klang noch stark, aber sie fühlte sich so schwach.

Hannibals feines Gehör realisierte den bockigen Unterton in ihrer Aussage.

"Wir werden ja sehen!" mit diesen Worten drehte er ihr den Rücken zu und verließ den Raum.

Roselyn stand auf und ging zur Tür, um zu schauen, wohin Dr. Lecter verschwand, doch der Flur war schon leer, was sollte sie nun tun? Unschlüssig trat sie auf den Flur und lauschte, ob sie etwas hörte, doch es war so still um sie herum, als wäre sie völlig alleine im Haus. Die junge Frau erschauderte, dann ging sie nach oben, in Hoffnung, dass sie die Tür zu dem Zimmer, in dem sie aufgewacht war, abschließen könne. Wenn sie in sich hineinlauschte, merkte sie, dass das Gespräch sie mehr ermüdet hatte, als sie sich eingestehen wollte, nun wollte sie sich nur noch hinlegen und schlafen.

Als sie das Zimmer betrat, stellte sie erleichtert fest, dass es tatsächlich einen Schlüssel und somit auch eine Möglichkeit gab, sich einzuschießen und ungestört zu schlafen. Beruhigt lauschte sie, wie der Riegel einrastete, dann legte sie sich in das Bett, das so verführerisch gemütlich war und schloss erschöpft die Augen.