Langsam, sehr langsam kam Roselyn wieder zu sich, ihre Lider waren immer noch schwer, ihr Mund war trocken und sie wusste weder, welcher Tag, noch welche Uhrzeit war. Ohne ihr Zutun gab sie einen unwilligen Laut von sich, die Decke lastete auf ihr, wie ein Gebirge. Wie aus weiter Ferne hörte sie eine Stimme: "Roselyn, Sie kommen langsam zu sich, nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen."
Roselyn nahm alle Kraft zusammen, die sie mobilisieren konnte und öffnete die Augen, über ihr war die kunstvolle Zimmerdecke zu sehen. Die junge Frau blinzelte mühsam und schaffte es irgendwie ihren Kopf in Richtung der Stimme zu drehen.
"Sie scheinen sich aber wirklich keine Pause zu gönnen. Ich bin mir sicher, würde die Wirkung des Muskelrelaxans schon mehr abgeklungen sein, würden Sie sicherlich aufstehen und zur Tür rauslaufen. Gut, dass es noch wirkt!" Dr. Lecter legte seine Finger an ihr Handgelenk, während er sich auf die Kante des Bettes setzte, er schien mit dem langsamen Pochen zufrieden zu sein.
"Dann werde ich mal aufpassen, dass Sie hier liegen bleiben und wir uns ein bisschen unterhalten können!"
Ihr Herzschlag beschleunigte sich ein wenig, Panik stieg in ihr auf, sie war noch zu benommen und saß in der Falle.
"Wer und was sind Sie?" fragte Roselyn verunsichert.
"Sie sind zum Putzen in mein Haus gekommen und wissen gar nichts über mich? Finden Sie das nicht ein wenig unvorsichtig?" die junge Frau ging nicht auf seine Antwort ein und so sprach er weiter. "Mein Name ist Dr. Hannibal Lecter, ich bin forensischer Psychiater."
Als Roselyn hörte, dass er Psychiater war, geriet sie in Panik, dieser Putz-Job stellte sich als ein Albtraum heraus. War Miranda der Meinung, dass sie so einen Arzt brauchte und hatte sie Roselyn deshalb zu diesem Mann zum Putzen geschickt? Was sollte das? Sie junge Frau hatte wieder das Gefühl in der Falle zu sitzen.
"Roselyn, beruhigen Sie sich, alles wird gut, wir werden reden, mehr nicht!" Hannibal konnte mit der Hand, die immer noch um ihr Handgelenk lag, spüren wie ihr Herz schneller schlug, aber er würde nicht nachgeben.
Die junge Frau schloss wieder die Augen und versuchte sich zu beruhigen, doch lauerte ihr die Angst auch hier auf. Sie hatte ganz im Gegenteil sogar das Gefühl, dass sich die Panik noch verstärkte und sie unruhiger wurde, sie wollte nur noch hier weg.
Noch ziemlich benommen versuchte Roselyn sich aufzusetzen, doch sie scheiterte kläglich. "Ich werde auch jetzt nicht mit Ihnen über mich sprechen!" Irgendwie schaffte sie es ihm den Rücken zuzudrehen, um ihrer Aussage mehr Nachdruck zu verleihen. Dr. Lecter schien sich über die junge Frau zu amüsieren, als er sie wieder auf den Rücken drehte. "Seien Sie nicht kindisch, Sie können dieses Gespräch nicht ewig vermeiden." informierte er Roselyn in einem neutralen Tonfall. Die junge Frau wurde etwas munterer und versuchte sich wieder aufzurichten, doch wurde sie sofort wieder in ihr Kissen zurück geschubst.
Dr. Lecter drückte mit seinen Händen ihre Handgelenke auf beiden Seiten ihres Kopfes in die Matratze. "Zurück zu unserem Thema von gestern. Was hat Sie so aus dem Leben gerissen, dass Sie kein Teil der Gesellschaft mehr sein wollen?" Er konnte sehen, wie sich ihre Pupillen weiteten, ihre Atemfrequenz wurde schneller und ihr Puls beschleunigte sich abermals, Adrenalin flutete ihren Kreislauf. Die junge Frau begann sich unter seinen Händen stark zu winden und so verstärkte er seinen Griff etwas."Ich ... ich … ich … weiß es nicht! Es gibt keinen Punkt, auf den ich zeigen und sagen kann, dass es daran liegt. Außerdem brauchte ich keine Gespräche oder Therapie, schon gar nicht unter Zwang. Bitte nehmen Sie ihre Hände weg, Sie tun mir weh."

Er konnte in ihrem Gesicht erkennen, dass sie die Wahrheit sagte. Ihre Antwort reichte ihm für den Moment und so ließ Dr. Lecter ihre Handgelenke los. Fast sofort unternahm die junge Frau einen neuen Fluchtversuch, den er aber schon erwartet hatte. Bevor sie auch nur an das Zimmer verlassen konnte, hatte Dr. Lecter Roselyn wieder eingefangen. Es gab ein kleines Handgemenge, in dem ihr ein Arm kräftig auf den Rücken gedreht wurde. Der Schmerz, der daraufhin durch ihre Schulter schoss, veranlasste sie zu einer halben Drehung, in der sie stolperte und hinfiel. Dr. Lecter hielt ihr Handgelenk weiter eisern fest und beide Kontrahenten konnten hören, wie etwas in ihrem Arm brach.
Roselyn krümmte sich weinend auf dem Boden und versuchte irgendwie den Schmerz zu ertragen. "Roselyn, Sie hätten wirklich im Bett bleiben sollen. Hören Sie bitte auf zu rebellierten, Sie haben dadurch nur noch mehr Probleme." Dr. Lecter sah Roselyn streng an, dann begutachtete er ihren verletzten Arm, kundig huschten seine Fingerspitzen über ihren Unterarm. "Vom Klang her gehe ich mal davon aus, dass beide Unterarmknochen gebrochen sind. Die Frage ist nur, wo genau?" Hannibals Finger drückten weiter an ihrem Arm herum und er schien der Stelle immer näher zu kommen, der jungen Frau wurde übel, der Schmerz war schier unerträglich. Die junge Frau hörte noch ein triumphierendes "Hier" und spürte, wie sich die Finger auf eine Stelle legten, die daraufhin ihren ganzen Körper in Brand zu stecken schien. Roselyn hörte noch ihren eigenen Schrei, bäumte sich auf und verlor anschließend das Bewusstsein.

Als Roselyn wieder aus ihrer Ohnmacht aufwachte, war ihr immer noch speiübel, ihr Arm schien taub zu sein, denn sie spürte wirklich gar nichts. Als sie ihren Arm hob, sah sie, dass er verbunden war und sich nicht bewegen ließ, unter dem Verband musste sich eine Schiene befinden. Sie wackelte mit den Fingern und sie taten, was sie von ihnen wollte, obwohl es befremdlich war, die Bewegung nur zu sehen, aber nicht zu fühlen. Schützend hielt sie ihren Arm an sich gepresst, als sie sich aufrichten musste, weil ihr Magen einen Salto zu machen schien. Dr. Lecter hielt ihr eine Schale unter das Kinn, als sie zu würgen begann und rieb ihr den Rücken, wodurch ihr noch schlechter wurde. Ihr Magen krampfte sich zusammen, sie erschauderte und sah Sterne, während sie weiter würgte. "Das ist der Schock, es wird Ihnen gleich besser gehen!" Tatsächlich kam nur ein wenig Magensäure und Speichel hoch und so schnell die Übelkeit und der Würgereiz gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Dr. Lecter stellte die Schale bei Seite und fragte: "Und fühlen Sie sich jetzt besser?"
Roselyn nickte. "Ja, ein wenig" antwortete sie heiser. Er drückte ihr ein Glas mit Wasser in die Hand. "Hier trinken Sie etwas! Ihre Stimme scheint etwas gelitten zu haben, nicht dass sie noch komplett versagt." Gierig leerte Roselyn das Glas, sie war so durstig, dass sie schon fast dankbar war, als er das Glas nachfüllte.