Ruhig betrachtete Dr. Lecter die junge Frau, ihre Körpersprache war weniger abweisend, ihren geschienten Arm hielt sie weiterhin schützend an sich gedrückt.
"Warum fügen Sie sich selbst so viel Leid zu?" fragte Dr. Lecter sachlich, auch wenn er nicht erwartete, dass er eine vernünftige Antwort bekam.
Roselyn räusperte sich, dann antwortete sie noch etwas heiser, aber klar verständlich: "Ich habe das Gefühl, dass ich es verdient hätte, dass ich alle enttäuscht habe!" Ihre Stimme war seltsam emotionslos, als würde sie über jemand Fremden sprechen und unter ihrem rechten Auge zuckte es unwillkürlich.
Hannibal nahm ihr das leere Glas aus der Hand und sie ließ es geschehen. Sachte legte er seine Hände an beide Seiten ihres Kopfes auf Höhe der Temporallappen und massierte die Stellen leicht, so als wolle er ihre Erinnerungen reaktivieren. Roselyns Augen starrten vor sich hin, der Blick war leer, sie sah einfach durch alles hindurch.
"Was, glauben Sie, haben Sie verdient und warum?" fragte Dr. Lecter nun fordernder. Die junge Frau atmete schwer und schnell.
"Das alles, die schlechten Jobs, die Einsamkeit, ich kann mich selbst ja nicht lieben, wie soll es dann jemand anderes tun? Ich bin ein Nichts, eine Enttäuschung!" Ihre Stimme wurde wütender und ein wenig lauter, in ihren Blick trat eine eisige Kälte. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, so stark, dass die Knöchel weiß hervor traten. Völlig unvermittelt spannte sie sich am ganzen Körper an und biss sich so heftig auf die Unterlippe, dass Blut zwischen ihren Zähnen hervorquoll.
Hastig legte Hannibal seine Hand auf ihren unverletzten Arm und ihre Körperspannung ließ ein wenig nach. "Lassen Sie das, wenn Sie sich selbst verletzen, bringt das auch nichts, kommen Sie zu sich!" Roselyn schien ganz in Gedanken versunken und als sie wieder sprach, konnte Dr. Lecter die Abdrücke die ihre Zähne in ihrer Lippe hinterlassen hatten, erkennen: "Sie hätten mich einfach fiebern lassen sollen, es einfach weiter steigen lassen sollen ohne einzugreifen, vielleicht wäre dann alles vorbei gewesen, meine Existenz ist sowieso Sinnlos! Ich fürchte, Sie haben ihre Zeit mit mir verschwendet." nun grinste die junge Frau sarkastisch. "Roselyn, wollten Sie sich umbringen?" fragte er sie geradeheraus, doch die junge Frau antwortete nicht, sondern spannte sich wieder an. Minutenlang hielt sie die Spannung, bis sie begann heftig zu zittern. Es klatschte laut, als Dr. Lecter Roselyn eine Ohrfeige verpasste, sie schrie auf und begann hemmungslos zu weinen, so zog er sie an sich heran und drückte ihre gerötete Wange an seine Schulter. Er konnte fühlen, wie sie versuchte von ihm weg zu kommen, sie wand sich und drückte ihn mit einer Hand von sich weg. Dr. Lecter ließ sie aber nicht los und schließlich ergab sie sich und hielt still. Ihre Tränen befeuchteten sein Jackett und das Hemd, doch ihr Weinen wurde leiser und weniger verzweifelt, dann hörte er, wie ein ein leises "Ja" in seine Schulter genuschelt wurde. Als sie verstummte, löste er ihren Kopf von seiner Schulter und betrachtete ihr Gesicht, die blutig gebissene Unterlippe, zu der sich ein roter Abdruck seiner Hand auf ihrer Wange gesellte. Roselyns Augen waren nun wässrig und geschwollen vom Weinen, in ihrem Blick lag so viel Verletzlichkeit, dass er versucht war, sie wieder in seine Arme zu nehmen, um sie vor allem Unglück zu beschützen. Statt der Versuchung nachzugeben, strich er mit seinen Daumen die salzige Feuchtigkeit von ihren Wangen und betrachtete die Flüssigkeit, die seine Finger benetzte. "Dann haben Sie ja Glück, dass Sie an mich geraten sind!" schien er fast zu sich selber zu sagen.
Roselyn fühlte sich taub, stumpf und einfach nur leer, ihr Ausbruch hatte sie ihre letzten Reserven bekostet. Aufrecht sitzen zu bleiben schien eine unmögliche Aufgabe für sie zu sein, die junge Frau begann zu schwanken. Dr. Lecter registrierte, dass Roselyn im rasanten Tempo abbaute. Ohne auf ihren schwachen Protest einzugehen, drückte er sie sanft, aber bestimmt in ihr Kissen und deckte sie zu. Fast augenblicklich schlossen sich ihre Augen, alles war anstrengend.
"Ruhen Sie sich aus und tun Sie nichts Unüberlegtes!" war das Letzte, das Roselyn hörte, bevor sie einschlief. Wie Dr. Lecter anmerkte, dass sie wohl zu erschöpft für so etwas sei, hörte sie nicht mehr, genau so wenig, wie sie mitbekam, dass er mit seinem Daumen über ihre blutige Unterlippe fuhr, etwas von der roten Flüssigkeit aufsammelte und kostete.

Leise fiel die Tür ins Schloss, als Dr. Lecter das Zimmer verließ.
Ob es nun ihr Glück oder Pech war, an ihn geraten zu sein, hing vom Auge des Betrachters ab.