Nach ein paar Stunden wachte Roselyn auf und brauchte einige Augenblicke um ihre Gedanken zu sortieren. Im Zimmer herrschte samtene Dunkelheit, ihre Unterlippe brannte, ihr Arm schmerzte und ließ sich nicht bewegen. Die junge Frau versuchte die Bilder, die auf sie einstürmten, in eine logische Reihenfolge zu bringen. Da lag sie nun mit offenen Augen in der Dunkelheit und grübelte vor sich hin. Was Dr. Lecter nach ihrem Zusammenbruch mit ihr wohl vorhatte? Er musste sie für eine tiefgestörte Person halten und nach ihrer lebensmüden Aussage würde er sie sicher nicht nach Hause gehen lassen. Nun hatte sie noch mehr Probleme am Hals und keine Ahnung, wie sie die wieder loswerden sollte.

Ihre Gedanken drehten sich um das letzte Gespräch, am Rande registrierte sie, dass die Nadel aus ihrem Arm verschwunden war, das Nachdenken machte sie müde. Die junge Frau schlief ein, doch ihr Schlaf war sehr unruhig, immer wieder wachte sie auf und als es dämmerte, gab sie auf wieder einschlafen zu wollen.

Als Hannibal das Zimmer betrat, folgte ihm der Blick zwei müder Augen, ihre Besitzerin schaute ihn sehr erschöpft an.

"Guten Morgen Roselyn, wie war Ihre Nacht? Sie sehen nicht sonderlich erholt aus, wenn ich das mal so sagen darf." stellte Dr. Lecter neutral fest.

"Das stimmt, ich habe wirklich nicht gut geschlafen." antwortete Roselyn, während sie versuchte ein Gähnen zu unterdrücken.

Dr. Lecter beließ es bei der Aussage von Roselyn, stattdessen erkundigte er sich nach ihrem Arm. "Ich würde gerne prüfen, ob Sie sensorische Ausfälle haben. Dafür brauche ich einmal Ihre beiden Hände." neugierig streckte die junge Frau ihm die Hände entgegen. "Jetzt schließen Sie bitte die Augen!" Roselyns Gesichtsausdruck wurde panisch. "Nur ganz kurz" präzisierte Dr. Lecter.

Es kostete Roselyn viel Überwindung, widerwillig schloss sie die Augen und es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, während Dr. Lecter jeden ihrer Finger antippte und nach Unterschieden fragte. "Gut, keine Ausfälle, Sie können die Augen jetzt wieder öffnen!" erlöst riss Roselyn ihre Augen wieder auf.

"Wie sieht es mit Schmerzen aus? Brauchen Sie etwas?" fragte Hannibal ruhig. Die junge Frau schaute den Mann mit großen, runden Augen an, zu gerne würde sie mit Ja antworten, aber sie hatte Angst, dass sie dann nicht mehr so klar im Kopf sein würde. Als sie den Mund öffnete, stahl sich ein unsicheres "Nein" über ihre Lippen.

Dr. Lecter drehte sich auf dem Absatz um und mit den Worten "ganz, wie Sie meinen!" verließ er das Zimmer, natürlich wusste er, dass sie Schmerzen hatte..

Roselyn widerstand dem Drang aufzustehen und ihm zu folgen, unschlüssig saß sie im Bett und wusste nicht, wohin mit sich. Erwartete er, dass sie ihm folgte?

Ehe sie zu einem Schluss kam, betrat Hannibal wieder das Zimmer, dieses Mal trug er ein Tablett und der satte Duft von frischem Brot erfüllte den Raum. Mit offenem Mund verfolgte die junge Frau, wie er kleine Füßchen am Tablett ausklappte und es über ihrem Schoß platzierte. Sie spürte, wie ihr der Speichel in dem Mund schoss und schloss ihn hastig, bevor sie nach aus Versehen begann zu sabbern. Vor ihr lagen auf einem Teller drei kleine Scheiben Weißbrot mit Quark und Marmelade und eine Tasse mit dampfendem Tee. Gierig schlang Roselyn die erste Scheibe herunter, sie war so hungrig.

Bei der zweiten Scheibe ermahnte sie sich zum langsamen Essen und merkte erst jetzt, dass Hannibal sie die ganze Zeit beobachtete. Sie errötete und nahm scheu einen Schluck vom Tee. Als der Teller leer war, fiel ihr eine kleine Schale mit zwei Tabletten neben dem Teller auf, fragend sah sie Dr. Lecter an. "Es ist ein Schmerzmittel, falls Sie doch noch Schmerzen bekommen!" Er hob die kleine Schale vom Tablett und stellte sie auf ihren Nachttisch, während Roselyn den letzten Schluck Tee nahm.

Hannibal nahm das Tablett wieder auf und verließ das Zimmer und ließ eine weiterhin unschlüssige Roselyn zurück.

Als Hannibal den Raum wieder betrat, sahen ihn Roselyns müden Augen an, sie machte einen sehr erschöpften Eindruck. "Sie sehen sehr erschöpft aus, können wir uns trotzdem unterhalten?" fragte Dr. Lecter, als er sich auf dem Stuhl neben ihrem Bett niedergelassen hatte. "Wir können das auch hier machen, wenn Sie das Bett nicht verlassen wollen!"

Roselyn nickte "Sie wollen sicherlich mit mir über das Gespräch von gestern sprechen!" die junge Frau sah Dr. Lecter fragend an.

"In der Tat", Hannibal lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schlug das eine Bein über das andere. "Gestern machte es den Eindruck, als hätten Sie einen Todeswunsch, stimmt das?"

"Ja, den hatte ich!" antwortete die junge Frau ohne Umschweife wobei sie das 'hatte' extra betonte, es wäre sinnlos ihr Gegenüber anzulügen. Am vorherigen Tag hatte sie bei ihrem Zusammenbruch so viel preisgegeben, dass sie nun nicht mehr zurück konnte.

"Hatten Sie das schon häufiger?" Roselyn wusste, in welche Richtung sich das Gespräch bewegte, doch wollte sie wirklich in diese Richtung? Einen Rückzieher konnte sie aber auch nicht machen. "Ja, aber mir fehlte der Mut ihn umzusetzen." Sie klang etwas niedergeschlagen.

"Dann waren Sie sicher froh, als Ihr Körper Ihnen die Entscheidung abnahm?"

Die junge Frau nickte nur, dann merkte sie an: "Das war aber auch nicht das, was ich wollte!"

Hannibal beugte sich nach vorne. "Was ist es denn, was Sie wollen?"

"Das wüsste ich auch gerne. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was ich genau will." die junge Frau hob hilflos die Hände und zuckte mit den Schultern. "Aber ich möchte nach Hause"

Es wurde still im Raum, Roselyn kannte die Kernaussage der Antwort, bevor Dr. Lecter den Mund öffnete.

"Auch wenn Sie es gerade nicht hören möchten, es wäre unverantwortlich Sie in Ihrem Zustand nach Hause gehen zu lassen. Sie sind hochgradig selbstgefährdend und alles weist auf eine sehr schwere depressive Episode hin, die dringend behandlungsbedürftig ist, auch medikamentös, deshalb bleiben Sie noch ein bisschen mein Gast!"

"Aber, das können Sie nicht machen, Sie können mich doch nicht in Ihrem Haus einsperren! Das ist kidnapping." die junge Frau war fassungslos.

"Sind wir mal ehrlich, wer sollte mich davon abhalten?" Hannibal stellte wieder beide Füße nebeneinander "Es liegt ganz bei Ihnen, wie Sie Ihren Aufenthalt hier gestalten. Fakt ist, dass Sie das Haus nicht verlassen, bis ich der Überzeugung bin, dass ich Sie gehen lassen kann."

"NEIN!" brüllte Roselyn schon fast "Sie werden mich jetzt gehen lassen!" Sie rutschte auf der anderen Seite vom Bett runter, richtete sich auf und stampfte mit dem Fuß auf den Boden um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen, aber sie fühlte sich fast sofort albern .

In aller Seelenruhe erhob sich Dr. Lecter von seinem Stuhl, schloss den Nachtschrank auf und holte etwas Kleines heraus. Die Augen der jungen Frau verfolgten jede seiner Bewegungen, während er das Bett umrundete. Als er die Hand hob, lag nur eine kleine Sprühflasche in seiner Hand, wollte er sich jetzt mit etwas einsprühen? Tatsächlich legte sich sein Finger auf den Kopf der Flasche und die völlig überraschte Roselyn bekam einen feinen Sprühnebel ins Gesicht. Verärgert wischte sie sich die chemisch riechende Flüssigkeit aus dem Gesicht und fragte unwirsch "Was sollte das denn? Womit haben Sie mich eingesprüht?" bei dem Gedanken an den Geruch verzog sie unwillkürlich das Gesicht und musste kurz würgen.

"Es ist ein Medikament, dass über die Schleimhäute aufgenommen werden kann. Ich würde vorschlagen, dass Sie sich wieder auf das Bett setzen oder noch besser hinlegen" Hannibal klang streng und so folgte die junge Frau seiner Anweisung, denn sie spürte, wie sie zu taumeln begann. Innerhalb weniger Minuten war sie nicht mehr in der Lage einen klaren Satz zu formulieren, ihre Muskeln schienen sehr müde zu sein und so war selbst ihre Zunge zu müde, um sich zu bewegen. Dr. Lecter stellte die kleine Sprühflasche wieder in den Nachtschrank und entnahm ihm stattdessen ein oranges Röhrchen mit Tabletten. "Sie sind jetzt sehr taumelig und möglicherweise ist sogar sprechen zu anstrengend, die Wirkung hält ein paar Stunden an. Es wird zu Halluzinationen in verschieden starken Ausprägungen kommen, das Mittel macht nicht müde, aber enthält einige halluzinogene Stoffe" Er hielt kurz inne. "So kann ich sicherstellen, dass von Ihrer Seite aus keine Fluchtgefahr besteht, wobei ich natürlich noch einige andere Möglichkeiten habe, Sie von einer Flucht abzuhalten!" sinnierte Hannibal weiter. Mit einem feuchten Tuch entfernte er die Reste der Substanz von ihrem Gesicht und den Händen.

Eine Wolke der Dunkelheit schien sich plötzlich von Dr. Lecter ausgehend im Zimmer auszubreiten.

"Wie ich vorhin schon sagte, Sie brauchen dringend Medikamente zur Behandlung Ihrer Depression und heute fangen Sie damit an." Hannibal schüttete eine Tablette aus dem Röhrchen auf seine Handfläche und stellte das Gefäß zurück an seinem Platz. Sanft, aber bestimmt zwang er ihre Kiefer auseinander und ließ die Tablette in Ihren Mund fallen. Bevor Roselyn auch nur daran denken konnte die Tablette auszuspucken, setzte Dr. Lecter ihr ein Glas Wasser an die Lippen und nahm es erst weg, als es komplett leer war. Roselyn war innerlich wie versteinert, weil Dr. Lecter inzwischen ein stattliches Geweih gewachsen war und sein Körper so schwarz zu sein schien, dass sämtliches Licht von ihm verschluckt wurde, die Tablette schien tonnenschwer in ihrem Magen zu liegen und in Flammen zu stehen. Als die junge Frau den Mund geöffnet bekam, ließ sie etwas ähnlich einem kurzem Jaulen vernehmen, fast erwartete sie, dass Rauch aus ihrem Mund aufstieg. "Schade, dass Sie mir nicht erzählen können, was Sie gerade sehen. Es ist immer wieder erstaunlich, was das Gehirn einem vorgaukeln kann." Hannibal schien diesen Umstand wirklich zu bedauern. "Wirklich Schade, dass sie die Halluzinationen vergessen haben werden, wenn Sie wieder bei klarem Verstand sind."

Dr. Lecter schritt zur Tür und verließ den Raum, auf der Schwelle dreht er sich noch einmal um. "Ich muss jetzt meine Brötchen verdienen gehen, wir sehen uns dann später!" Roselyns Herz schlug so schnell und laut, dass sie kaum seine Worte verstand. Die junge Frau schloss ihre Augen, denoch schienen ihre Synapsen in Flammen zu stehen. Sie sah Farben, obwohl ihre Augen geschlossen waren, hörte Geräusche und Stimmen, obwohl sie alleine im Raum war, schmeckte, obwohl ihr Mund leer war. Der Boden schien sich zu bewegen, Tränen liefen ihr unablässlich aus den Augen und benetzten ihre Wangen. Ihr Atem ging schnell und ihr Herz raste, dann war nur noch Schwärze um sie herum.

Ihre Sinne kehrten zurück, sie hatte das Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein, Mund und Hals waren schmerzhaft trocken, alle Muskeln schmerzten und ihre Augen fühlten sich verquollen an. Ein Heulkrampf schüttelte ihren Körper, der ihr nicht so recht gehorchen wollte, jemand trocknete ihre Augen und sprach beruhigend auf sie ein. Ohne, dass sie es steuern konnte, rollte sie sich zu einer Kugel zusammen und verkrampfte sich so stark, dass ihre Muskeln vor Anspannung kleine Zuckungen machten. Eine Hand strich mehrmals über ihr Rückgrat, das letzte Mal mit so viel Druck, dass es richtig wehtat, Heulkrämpfe schüttelten ihren Körper und sie hatte das Gefühl, als würde sie über ihrem Körper schweben. Durch ihre Position engte sie ihre Lunge ein, sodas sie nicht mehr richtig ein- und ausatmen konnte und nun bekam sie Panik, wodurch sie sich aber nur noch mehr verkampfte. Sie spürte einen Stich und ein Brennen und dann wurde alles um sie herum ganz leicht, sie fühlte sich wie eine Feder. Sie wurde auf den Rücken gedreht und hatte schlagartig mehr Platz für die Luft, auch wenn ihre Muskeln nun müde zu sein schienen und sie sich sehr anstrengen musste, um die Luft in ihre Lungen zu ziehen. Etwas wurde ihr über Nase und Mund gestülpt und presste ihr Luft in die Lungen, sie wusste nicht, wie lange es ging, mit der Zeit kam ihre Kraft zurück und ihre eigenen Atemzüge wurden wieder kräftiger.

"Roselyn, öffnen Sie mal bitte die Augen" forderte Dr. Lecter. Zögernd öffnete die junge Frau ihre Augen, sie hatte Angst, dass wieder ein Monster vor ihr stand, doch vor ihr stand ein scheinbar ganz normaler Mensch, Erleichterung macht sich in ihr breit. Ohne ihr Zutun fielen ihre Augen nach wenigen Augenblicken wieder zu und Roselyn döste kurz weg, erschrocken riss sie ihre Augen wieder auf. Zu ihrer Überraschung war die junge Frau alleine im Zimmer, dennoch schien nicht viel Zeit vergangen zu sein. Roselyn setzte sich im Bett auf und erhob sich anschließend, sie fühlte auch zwar müde, aber war sonst nicht irgendwie unsicher auf den Beinen oder so.