3
Hier kommt das nächste Kapitel für euch. Viel Spaß beim Lesen!!
"Reserviert, Harry. Sehr reserviert. Ich meine, sieht ihm das nicht ähnlich? Wann war er mal nett oder sein Umgangston nicht so, dass man ihn nicht gegen eine Wand schleudern wollte?"
"Früher hätte ich das auch gedacht", antwortete Harry. Verständnisvoll hoben sich seine Mundwinkel und Hermine vermutete, dass er seinen verträumten Blick aus Snapes Erinnerungen zog. "Wenn du Dankbarkeit von ihm erwartest, das ist noch mindestens hundert Jahre zu früh."
"Du hast ja recht. Ich vertraue deinem Urteil und wenn du Snape verteidigst, dann aus gutem Grund."
"Sei nicht so voreilig mit deiner Vergebung. Ich habe uns blind in die Irre geführt, weißt du nicht mehr?"
"Jetzt willst du mich auf den Arm nehmen!", rief Hermine hitzig und wurde dafür mit einem pochenden Schmerz in ihrem Kopf bestraft. So viele Infos an einem Tag waren kaum zu ertragen. Ins Schulleiterbüro wollte sie demnächst auch noch, da sie mit Dumbledore dringend ein Hühnchen zu rupfen hatte. Verdrießlich murrte sie: "Wer hat uns das eingebrockt? Sag nicht, du stehst immer noch voll hinter Dumbledore."
"Ich habe ihm meine Meinung schon gesagt. Ich bin nicht mehr so leichtgläubig, da drauf kannst du dich verlassen."
Hermine tat einen tiefen Atemzug. Sie waren alle von Dumbledore an der Nase rumgeführt worden und Harry war ja wohl der Letzte, dem sie vorwerfen konnte, leichtgläubig zu sein. "Du hast mir noch gar nichts von dir und Snape erzählt. Habt ihr schon miteinander gesprochen?"
"Ich habe zu großen Respekt vor ihm, also nein. Er war so mutig. Zuerst war ich seinetwegen überfordert, dann tat er mir leid und ich fühle mich immer noch manchmal mies."
"Wofür? Weil er in diesem Zwiespalt war? McGonagalls Worte, nicht meine."
"Halt dich fest, Hermine - ich hab es nur Ginny und Ron erzählt, weil es mir so nahegeht."
"Hört sich ja ganz schön übel an, aber mich kann heute nichts mehr schocken", meinte Hermine.
Harry hielt besorgt inne. "Langer Tag, oder? Du musst es dir nicht heute anhören, wenn es zu viel für dich wird."
"Ich hab jede Menge aufzuholen. Aber das kriege ich hin, also raus mit der Sprache", ermunterte sie ihn.
Er entspannte sich wieder. "Dann ist's ja gut. Kommen wir zu deiner Frage. Hast du dich schon mal gefragt, wieso Snape kein Todesser mehr sein wollte?"
"Nein." Dazu hatte sich noch nicht die richtige Gelegenheit ergeben. "Wieso?"
"Man hört nicht einfach damit auf. Voldemort ist tot und trotzdem gibt es noch Anhänger von ihm. Die meisten sind inzwischen in Askaban, aber ob wir alle finden werden, weiß der Himmel."
"Was hat das denn mit Snape zu tun?", wollte Hermine verwundert wissen.
"Sehr viel", sagte Harry kleinlaut. "Snape ist in meine Mutter verliebt gewesen. Sie waren im gleichen Jahrgang und als sie noch Kinder waren, waren sie befreundet."
"Ach du dickes Ei. Dann hatte James ja allen Grund, ihn zu hassen", warf Hermine konsterniert ein. Ihr Kopf spulte einen an den Haaren herbeigezogenen Liebesfilm ab, den sie vor Jahren mit ihrer Mutter gesehen hatte. "Hat Snape versucht, ihm Lily auszuspannen?"
"Nein, so ist es nicht gewesen. Dad war schon gemein zu ihm, bevor sich meine Eltern verliebten. Er hatte keinen Grund dafür. Er war einfach gemein, weil Snape da war. Dad hatte es immer leicht und war immer überall beliebt und Snape nicht. Er hat nicht so leicht Freunde gefunden", klärte Harry sie auf.
Hermine wurde rot und senkte den Kopf, um ihre Wangen hinter ihren Locken zu verstecken. Was sie Snape am See gesagt hatte, war aus einem Reflex heraus passiert. Wie sollte sie denn wissen, dass sie damit den Vogel abschoss?
Harry seufzte in der Stille. "Armer Mann."
"Ja", sagte Hermine pflichtbewusst und rang sich ein trauriges Lächeln ab. Er konnte ja nicht wissen, wie ihre erste Begegnung mit Snape wirklich verlaufen war und sie wollte es ihm auch nicht unter die Nase reiben. Jahrelang hatte sie sich sein Gemecker über ihn angehört, wo noch alles für Snape gesprochen hatte. Snape ist so unfair! Wieso vertraut Dumbledore ihm eigentlich? Snape, Snape, Snape ... Sie dachten immer, an der Feindschaft zwischen ihm und James hätte Snape die Schuld gehabt. Dass es noch viel komplexer war, konnte keiner wissen. Aber Harry störte es nicht. Er wollte seinen Frieden mit dem Mann. Warum also Zwietracht sähen, wo sich endlich eine dünne Schicht frisches, unschuldiges Grün aus der Erde gekämpft hatte? Wenn Harry, nachdem er durch Snapes persönliche Erinnerungen geläutet worden war, seinen Frieden mit dem ollen Stinkstiefel machen wollte, nur zu. Sie würde ihn nicht aufhalten. Aber deshalb vor Snape in die Knie gehen? Sie dachte gar nicht daran. Die Messer waren gewetzt.
"Es ist gleich sieben. Wollen wir dann rein gehen?" Er erhob sich von der Stufe der Treppe, wo sie unterhalb des Portals in der schwächer werdenden Sonne gesessen hatten, und bot ihr seinen Arm an.
"Ich bin nicht so schwach, dass ich nicht ohne Hilfe gehen kann", erwiderte Hermine lachend und ließ sich von ihm hochziehen.
Harry zu sehen, war so gut. Drei Monate war nichts passiert. Ein langer, traumloser Schlaf, obwohl sie kleine Gedankenschnipsel hatte, von denen sie nicht wusste, wo sie herkamen. Stammten sie von früheren Träumen, von alten Erinnerungen aus ihrer Kindheit? Es gab zu wenig Zusammenhänge und keine klaren Bilder dazu. Manchmal, wenn es ganz still war, hörte sie leise Stimmen, die nach ihr riefen, aber auch die konnte sie nicht zuordnen.
Vor der Großen Halle kamen Ron und Ginny die Treppe runter. Harry hatte mit ihnen vereinbart, sich um sieben zum Abendessen zu treffen. Dafür durften die Gäste zum Anreisen den Kamin in McGonagalls Büro benutzen - nicht alle Zauberer mochten das Apparieren zur Fortbewegung. "Pünktlich auf die Minute", sagte er zufrieden.
"Mine!" Die beiden Geschwister flogen regelrecht in ihre Arme. Ginny kämpfte mit ihrer Selbstbeherrschung und Hermine damit, dass sie nicht für ihre Freunde da sein konnte, als sie um ihren Bruder getrauert hatte.
"Gut, dich wieder auf den Beinen zu sehen. Wir haben dich echt vermisst", gab Ron zu. Sein Gesicht strahlte. Er war reifer geworden. "Ich übernehme jetzt."
Er schob Harry weg, damit sie sich bei ihm einhaken konnte. Gemeinsam traten sie in die Große Halle, wo die vier Haustische standen. Als wären Hermine, Harry und Ron nie von Hogwarts abgegangen, setzten sie sich zum Tisch von Gryffindor. Um sie waren viele Leute verteilt, die freundlich grüßten.
"Ist nicht leicht, mit einem Helden zu gehen", flüsterte Ginny ihr stolz zu. Auch das war in Zwischenzeit passiert. Erst vorhin hatte Harry ihr die Neuigkeit mitgeteilt, dass sie endlich fest zusammengekommen waren, nachdem sich ihre noch ganz frische Beziehung vor einem Jahr im Sand verlaufen hatte. "Ihr drei seid zu richtigen Helden geworden und ich wette, wenn wir uns umdrehen, reden sie über euch."
Bescheiden winkte Hermine ab. Sie war glücklich über den schönen Tag und dass ihre allerbesten Freunde gesund und munter waren. Aber eine Heldin? Das hatte sie nicht in ihrem Spiegelbild gesehen.
"Mom und Dad richten dir ihre besten Wünsche aus. Sie fragen, wann du uns besuchen kommst."
Unvermittelt schnitt Ron das an, was Hermine schon den ganzen Tag im Kopf herum geschoben hatte. Die Weasleys waren zu ihrer Familie geworden, aber sie war noch nicht bereit, sich wieder auf sie einzulassen. Zuerst wollte sie zu sich selbst finden, was ihr über ein Jahr lang nicht vergönnt gewesen war. Erschwert wurde ihr dieser Wunsch, weil es zwischen Ron und ihr gefunkt hatte. Das war jedoch vor dem Dornröschenschlaf gewesen und solange sie nicht wirklich dahinterstand, wollte sie auch gar nicht daran anknüpfen.
"Bitte grüßt sie ganz lieb von mir. Ich bin noch unschlüssig, wann ich kommen werde. Poppy lässt mich sozusagen nur auf Bewährung raus. Erstmal muss ich regelmäßig zu ihr zur Kontrolle." Jeden zweiten Tag, aber das behielt sie für sich.
Ron machte ein langes Gesicht und sah damit nicht mehr so reif aus. Er und der Rest seiner Familie hatten mit Sicherheit damit gespielt, dass sie bei ihnen wohnen werde. Verständlicherweise, denn Harry und Ron wussten, dass ihre eigene Familie nicht mehr in Großbritannien war. "Wann darfst du denn dann raus?", fragte er nach.
"Ich weiß noch nicht. Wenn es soweit ist, werde ich euch natürlich besuchen", sagte Hermine schlicht.
Ron zog zweifelnd die Stirn hoch. "Besuchen? Willst du gar nicht für länger zu uns kommen? Was ist mit dem Aurortraining?"
"Ich weiß noch nicht, Ron", widerholte Hermine. "Ich will auf alle Fälle wieder zur Schule gehen. Wir haben das doch schon so oft besprochen. Ich bin eine Büchenärrin. Was soll ich da beim Aurortraining?"
Harry und Ginny zuckten die Achseln. "Jeder sollte tun, was für ihn am besten ist", sagte sie verständnisvoll. "Ihr habt ein ganzes Jahr verloren, wo ihr nur an Voldemort gedacht habt."
Hermine ergriff ihre helfende Hand und warf ihr ein dankbares Lächeln zu, als vor ihren auf dem Tisch das Essen erschien. Dazu konnte Ron nicht nein sagen. Er ließ die Worte seiner Schwester so stehen und häufte ein großes Stück Braten mit Soße auf seinen Teller. Hermines leerer Magen knurrte schmerzhaft bei dem leckeren Duft. Sie versuchte sich zu allererst an einer dampfend heißen Kartoffel. Es war ein langer Tag gewesen.
