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Der Abschied von Ron war etwas kühl verlaufen, aber Harry und Ginny hatten wiederholt versichert, dass sie Hermine bei allem unterstützen wollten. Sich selbst hatte sie ihre Entscheidung schon eingestanden und war bereit, sie zu verteidigen. Musste er eben sehen, wie er damit klarkäme.

Viel anspruchsvoller als ein schmollender Ron war da schon der schlecht gelaunte Professor, der am Lehrertisch gesessen und sie mit seinen zuweilen kalt wirkenden schwarzen Augen eingeschüchtert hatte. Merlin, das war wirklich kein guter Start mit Snape gewesen. Wie hoch die Chancen wohl standen, dass er sich ihre Worte nicht gemerkt hatte?

"Schlag es dir aus dem Kopf", murmelte Hermine in die Luft, als sie sich ins Bett legte. Ihr erschöpfter Körper zeigte Erbarmen und sie schlief augenblicklich ein.

Sie erwachte wieder bei hellem Tageslicht. Gähnend sah sie auf die Uhr und ihre Augen weiteten sich. Schon kurz nach zehn. Da hatte sie doch glatt über zwölf Stunden geschlafen und wieder eine Mahlzeit verpasst.

Ein Plopp ließ sie hochschrecken. Vor ihr stand ein Hauself mit einem Frühstückstablett. Er suchte nach einem Platz zum Hinstellen.

"Hallo du! Ist das für mich?", erkundigte sich Hermine freundlich.

Der Elf glubschte sie schüchtern mit seinen riesigen Augen an. "Ja Miss. Ihre Heilerin hat Sie beim Frühstück vermisst und mich mit Essen zu Ihnen geschickt. Möchten Sie im Bett frühstücken?"

"Das ist sehr nett von dir, danke. Stell es bitte auf den Tisch und richte Madam Pomfrey meine Grüße aus."

Er lächelte, kam ihrer Bitte nach und verschwand ploppend wieder.

Schlapp kroch Hermine aus dem Bett, setzte sich an den Schreibtisch und machte sich über das Essen her. Schon wieder musste sie gähnen. Diese Müdigkeit war echt ätzend. Drei Monate Schlaf waren nicht ausreichend gewesen, um ihre Energiezellen wieder zu füllen. Wie es dabei um ihre Magie stand, wollte sie gar nicht wissen. Vorerst verzichtete sie darauf, sie zu testen und holte sich die Kleidung selbst aus dem Schrank. Damit und mit ihren Waschsachen ging sie zum Waschraum der Gryffindor-Mädchen und nahm eine schöne Dusche. Anschließend entwirrte sie sorgfältig ihre braunen Locken, wobei sie sich diesmal besonders lange Zeit dafür nahm, da sie sie ein Jahr lang nicht richtig beachtet hatte. Da niemand außer ihr den Turm bewohnte, durchwanderte sie ihn ungestört, öffnete die Fenster, summte ein fröhliches Lied und schaute sich genau alles an, was früher ihr Zuhause gewesen war.

Während sie mit ihren vernachlässigten Haaren beschäftigt war und ihre empfindliche Haut mit Sonnenschutz behandelte, wurde draußen schon wieder fleißig an den Reparaturen gearbeitet. Sobald sie sich stark genug fühlte, würde sie sich daran beteiligen. Bis dahin hatte sie jedoch noch einen langen Weg vor sich und wollte die sonnigen Tage nutzen, um Kraft zu tanken. Die Müdigkeit steckte tief in ihren Knochen und das war sehr verdrießlich. Wenn sie auf einem schnelleren Weg zu Kräften kommen wollte, gab es nur eine Möglichkeit. Aber dafür bräuchte sie Hilfe.

"Ich möchte Sie gern um einen kleinen Gefallen bitten."

Professor Snape, den sie in seinem Büro am Schreibtisch gefunden hatte, lachte humorlos auf und knurrte: "Raus hier." Sein Nervenkostüm war dünn. Unverschämt, wie sie ihm alle auflauerten. Rehabilitiert und immer noch im Gerede als der bedauernswerteste Mensch Großbritanniens.

"Bitte", sagte Hermine, die es nur mit aller Gewalt fertigbrachte, ihm in die tückischen Augen zu sehen, mit großem Ernst. "Es ist nur eine Kleinigkeit."

Er schüttelte auffallend den Kopf. "Ich muss gar nichts mehr tun. Ist das nicht toll?"

Sie konnte nicht wissen, dass Minerva ihm ins Gewissen geredet hatte. Er hatte sich vor ihr versteckt, aber die Alte war nicht dumm. Sie hatte bis zum Abend gewartet und ihn in seinen Räumen besucht. "Das Mindeste, was du tun kannst ..." "Du hast mich darum gebeten, zu bleiben, weil du zu wenig Lehrer hast. Aber ich muss nicht mehr unterrichten. Ich könnte mich auch zur Ruhe setzen." "Was würdest du dann tun?" "Reisen vielleicht?", hatte er schnippisch geantwortet, und sie hatte die Augen verdreht.

Hermine Granger war immer noch da und er fluchte geräuschlos. "Ich habe Ihnen das Leben gerettet", erinnerte sie ihn überflüssigerweise. Das hatte er noch nötig! "Als kleines Zeichen der Dankbarkeit könnten Sie mich wieder aufpäppeln. Es ist mir unangenehm, wenn ich mich so schwach fühle. Außerdem will ich bei der Renovierung helfen."

"Wenn Sie weniger helfen würden, ginge die Welt auch nicht unter", murrte er zynisch. War sie so schwer von Begriff? Er wollte nicht gerettet werden. Als Nagini ihre Zähne in ihn schlug, war es für ihn vorbei gewesen. Ihr Gift hätte ihm den Rest geben und damit gut. Er war erschöpft genug gewesen, um kampflos zu sterben. Aber diesen Wunsch hatte sie ihm genommen.

"Der Anstand verlangt es", erwiderte sie brüsk. Sehr schlau von ihr. Sie wollte es mit ihm aufnehmen.

"Der Anstand rechtfertigt nicht, dass Sie sich immer und überall aufdrängen", half er nach.

Hermine überging seine Spitze meisterlich. "Ich würde mir ja selbst was brauen, wenn ich nicht immer so erschöpft wäre. Aber vielleicht schlafe ich über dem Kessel ein und das kann böse Folgen haben."

"Nichts werden Sie tun", befahl er mit gefährlich samtiger Stimme. Er ließ einen prüfenden Blick an ihr hinuntergleiten, sah ihr Gesicht, das noch blass war, ihren schnellen Puls am Hals.

"Um Merlins Willen! Warum nicht?"

"Sie haben drei Monate geschlafen. Ich denke, dafür können Sie zufrieden mit der Entwicklung sein", sagte er geringschätzig.

Hermine Granger schnappte nach Luft und das war ihm eine Genugtuung. Er verstand. Gutaussehend war er früher schon nicht gewesen, aber nach dem Angriff Naginis und obwohl er sich erholt hatte, waren die Spuren der Anstrengung, die sein Körper mitgemacht hatte, recht deutlich an seinem Gesicht zu sehen. Mehr gab es zum Glück auch jetzt nicht, was man von ihm unter seiner Kleidung hätte sehen können. Da mochte sie noch so vergeblich auf seinen Hals starren.

"Glauben Sie mir", setzte er boshaft grinsend fort, "die Zeit, die Sie zur Erholung brauchen, durch Magie aufzuholen, ist nicht ratsam. Sie sind als Heldin zu uns zurückgekehrt, aber das Risiko ist zu groß für Sie."

"Was für ein Risiko?", fragte Hermine und tat, als wäre der Spott nicht für sie bestimmt gewesen. Sehr aufmerksam achtete sie auf seine Körperhaltung, aber er hielt sie hin.

"Natürlich", sagte er schleppend, "haben Sie als halbwegs gebildete Hexe schon davon gehört, dass der Verlust der Magie bei Überanstrengung am besten durch viel Ruhe und Vermeidung von Stress ausgeglichen werden kann. Wenn Sie eingreifen, wird Ihr filigraner Organismus vielleicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie könnten Ihre Magie für immer verlieren."

"Uuhhh?" Vermeidung von Stress? Verlust ihrer Magie??? Hermine wurde schwindelig und sie stützte sich an Snapes Schreibtisch ab.

"Miss Granger, wenn Sie umkippen, dann nicht in meinem Büro", wies er sie mit einem Fingerzeig zur Tür zurecht.

Einen kurzen Moment darauf war sie regeneriert. Als wollte sie ihn anbrüllen, schwoll ihr Kopf. Sie hatte nicht die Kraft, wie er wusste, sich durch die Seiten von Büchern zu lesen und er ließ sie mit großer Zufriedenheit hängen.

"Ich bin schwach", gab sie schwer zu, "und dass Sie sich weigern, mir zu helfen, ist Unterlassung Ihrer Lehrerpflicht", presste sie hervor.

Snape sank in seinen Stuhl, schlug die Beine übereinander und legte getrost die Hände in den Schoß. "Im Gegenteil, Miss Granger. Das Schuljahr hat noch nicht mal begonnen."

Wütend und mit einem dicken Kloß im Hals marschierte Hermine aus dem Büro. Der Gefallen wäre eine Kleinigkeit für jemanden mit seiner Begabung, aber er weigerte sich. Warum um Merlins Willen hockte er auch in seinem Büro, wo sie ihn ohne Probleme finden konnte, anstatt wie alle anderen bei der Renovierung zu helfen? Wie klischeehaft konnte ein Mensch sein?

Seine Weigerung machte sie rasend vor Wut. Das tat er ihr nur an, um sie zu ärgern, sinnierte sie, weil er sie nicht um Hilfe gebeten hatte, sondern sie sich ihm aufgedrängt hatte. Aufgedrängt, jawohl.

Wie undankbar von ihm! Das Schicksal hatte gewollt, dass er lebte. Ein Wunder bei dem vielen Blut, das seinen Körper verlassen hatte. Aber sie war bei ihm geblieben, als es mit seinem Leben zu Ende ging und hatte darum gekämpft, ihn nicht sterben zu lassen, während Harry und Ron ihn schon aufgegeben hatten. Nicht wegen ihres Muts, sondern weil sie verzweifelt gewesen war. Sie hatte es nicht ertragen, auch nur einen Menschen mehr sterben zu sehen und war nervlich zusammengebrochen. Monat für Monat war sie mit Harry und Ron von einer Katastrophe in die nächste gestolpert. Ron, dem es zu viel geworden war, hatte seinen Zusammenbruch schon viel früher gehabt. Er hatte einen Streit angefangen und war gegangen. Auch Harry war nicht verschont geblieben. Hermine wollte es nicht raushängen lassen, aber wenn sie nicht so viel Geduld gehabt hätte, wären sie wohl schon sehr bald getrennter Wege gegangen.

Ja, was für tolle Helden sie waren, lachte Hermine hysterisch in sich hinein. Die Blumen und Grußkarten in ihrem Zimmer zeigten vielleicht das Gegenteil auf, aber sie fühlte sich nicht wie eine Heldin. Helden strahlten sogar noch auf dem Sterbebett auf ihre Mitstreiter hinunter. Sie waren unbestrittene Sieger, vor denen ihre Feinde das Knie beugten. Snape musste die Anerkennung der drei sogenannten Helden ein Dorn im Auge sein. Wenn er nach Naginis Angriff nicht mit neuer Persönlichkeit erwacht war, würde er Hermine seinen Unmut schon bald sehr viel fester unter die Nase reiben. Selbst ohne Voldemort war er immer noch dieser miesepetrige Stinkstiefel und kein Quentlein freundlicher. Da konnte Harry noch so gut über ihn reden.

Nun, Harry hatte ja auch noch nicht mit ihm gesprochen. Seine Aussagen waren durch die Erinnerungen beeinflusst worden, die er gesehen hatte. Aber sie hatte sie nicht gesehen und dass Snape ihr nicht helfen wollte, war kein Hindernis für eine Gryffindor. Sie musste eben selbst nachhelfen und würde es auch, wenn da nicht diese eine Sache wäre. Wenn es stimmte und sie dadurch ihre Magie für immer verlöre. Sie hatte keine Illusionen diesbezüglich, dass er seine Freunde daran hätte, wenn sie in Hogwarts das Handtuch werfen müsste. Aber den Gefallen würde sie ihm nicht tun.

Hermine ging frustriert nach oben. Snapes Lehren waren immer die härtesten. Dass er ihr nicht helfen wollte, war ein Beispiel für seinen miesen Charakter. Er war so unerreichbar und eigenwillig.

Die Flügel des großen Portals standen weit offen und Sonne und Wärme kam herein. Der Himmel war blau, Vögel zwitscherten von den Wipfeln der Bäume herab. Da konnte sie genauso gut raus zum See gehen und dort über Snape schimpfen. Ein guter Plan, doch je weiter sie sich vom Schloss entfernte, desto weniger grämte sie sich wegen ihm. Die Landschaft war schön und das Wetter perfekt. Der See rückte in ihre Nähe. Vom Ufer aus betrachtete sie ihn und fühlte sich an ihre ersten Jahre erinnert, die sie mit Harry, Ron, später auch Ginny und vielen anderen in Hogwarts verbracht hatte. Sie waren alle so unwissend gewesen und deshalb immer wieder von hinterhältigen Vorfällen überrascht worden. Feinde Harrys, die sich überall versteckt hatten. Voldemort war die einzige Spur zu den bösen Verbindungen gewesen. Ihm hing ein ganzes Netzwerk Verbündeter an. Was hatte Dumbledore schon die ganze Zeit gewusst? Wie viel davon Snape? Wie wahrscheinlich war es, dass in den drei Monaten, die sie verschlafen hatte, er diesen Bereich seines Lebens in eine Kiste gepackt und versiegelt hatte? Dass Dumbledores Mann seinen Aufgabenkatalog abgehakt und das Ziel vor Augen verloren hatte? Ziemlich wahrscheinlich. Er wollte ihr nicht helfen, weil er sich nichts mehr sagen lassen wollte.

Hermine zog ihre Turnschuhe aus und watete über glitschige Steine ins Wasser. Es reichte ihr bis zu den Oberschenkeln, als sie anhielt. Schottland war nicht wie die warme Mittelmeerküste, aber es ging schon. Nach ein paar Minuten wurde es ihr dann doch zu kalt. Sie legte sich ins Gras, ließ sich von der Sonne wärmen und verfolgte wieder Snapes Weigerung, ihr zu helfen. Obwohl sie ihm das Leben gerettet hatte, war sie überzeugt, dass sie auf der Liste seiner Feinde ganz an die Spitze geklettert war. Alles in allem war ihr Start mit ihm mehr als holprig verlaufen.

Als sie ins Schloss zurück lief, hatte sie so viel Sonne getankt, dass sie ins Schwitzen gekommen war und riesigen Durst bekommen hatte. Wenn sie sich beeilte, würde sie in der Großen Halle noch was vom Mittagessen ergattern. Wenn nicht, blieb ihr nur die Schulküche und die Hilfsbereitschaft der Elfen, die dort arbeiteten.

Besser die, als Snape über den Weg zu laufen.

Aber nein. Das wäre unreif gewesen. Sie musste sich ihm stellen und alles andere einfach langsam angehen lassen.

"Sie schon wieder." Snape rutschte tief in seinen Stuhl und schüttelte den Kopf. "Warum gehen Sie nicht nach draußen bei dem schönen Wetter und gesunden dort?", fragte er stichelnd.

"Da war ich. Mehr Sonne vertrage ich heute nicht."

Er trommelte mit den Fingern auf die Stuhllehne. "Was für ein Zufall. Ich vertrage es nicht, wenn man mir meine Freizeit stiehlt."

"Sieht aber nicht sehr nach Freizeit aus", stellte Hermine mit einem schnellen Blick auf seinen überfüllten Schreibtisch fest. "Sie bereiten den Schulstoff vor."

"Wollen Sie mir dabei helfen? Das ist ja Ihre Lieblingsbeschäftigung", zog er sie auf.

"Das könnte ich. Aber ich bin wegen was anderem hier. Ich habe ein Friedensangebot für Sie."

Snapes Augenbraue zuckte. "Ach ja? Bin nicht interessiert."

"Bitte, wie Sie wollen. Dann hören Sie mir wenigstens zu. Ich entschuldige mich dafür, dass ich Sie um einen Gefallen gebeten habe." An dieser Stelle legte er die Fingerspitzen aneinander. Er war ganz Ohr. "Hier, die sind für Sie. Scones."

Hermine stellte eine Papiertüte auf seinen Tisch, die sie hinter ihrem Rücken versteckt hatte. Als sie Snapes verwirrten Ausdruck sah, lächelte sie aufmunternd.

"Die sind unglaublich gut. Sie müssen sie probieren. Ich hab Freunde in der Schulküche, die so nett waren, mir auszuhelfen."

Auf rätselhafte Weise die Papiertüte betrachtend, rieb Snape über seinen Nasenrücken. Hermine nutzte seine Sprachlosigkeit und setzte sich zu ihm an den Tisch. "Es ist Zeit für den Tee. Wenn Sie so freundlich wären ...? In der Küche ist alles vorbereitet, aber ich muss mich leider schonen."

"Sie und ich trinken ganz bestimmt keinen Tee", knurrte Snape.

"Nicht mal eine Tasse? Danach, das verspreche ich Ihnen, gehört Ihnen Ihr Büro bis zum Ende der Sommerpause wieder ganz allein."

Snape knurrte abermals. Dann schnippte er mit dem Zauberstab und ein Silbertablett mit Teeservice stand zwischen ihnen auf dem Tisch.

"Wie möchten Sie Ihren Tee?", fragte Hermine höflich.

"Ich bediene mich selbst", grummelte er, schnappte nach der Kanne und goss sich lustlos eine Tasse ein.

Er blieb geheimnisvoll, wollte nicht mit ihr reden. Hermine hielt es genauso, nur damit sie nichts falsch machte. Sie konnte an seinem Gesicht ablesen, dass er sie beim kleinsten Anzeichen einer überflüssigen Handlung oder eines Worts zu viel, rauswerfen würde. Er duldete sie, weil sie versprochen hatte, bis zum Schulanfang nicht wiederzukommen. Gerade lange genug, dann würde er sie vor die Tür setzen. Sie genoss ihren Tee und das Gebäck trotzdem.