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Hallöchen, hier ist das neue Kapitel. Viel Spaß beim Lesen!!
Sonne, viel frische Luft, leichte Spaziergänge um den See - Hermine wurde jeden Tag kräftiger. Sie absolvierte alle Untersuchungen bei Madam Pomfrey mit Bravour und besuchte wieder häufiger die Bibliothek, ohne dabei vor Müdigkeit einzuschlafen. Sie hielt ihr Wort und mied Snapes Büro, obwohl ihr die ruhige Teeparty mit ihm aufgrund fehlender Alternativen gefallen hatte. Das war schon was Besonderes, einfach nur ein paar Minuten mit ihm, in denen sie sich nicht wie Katz und Maus gehasst hatten. Seither schien ein Tag wie jeder andere. Wenig abwechslungsreich und müßig. Das war alles schön und gut, um wieder zu Kräften zu kommen, wenn sie nur nicht diese elende Langeweile gehabt hätte. Denn jeder auf Hogwarts, von den Ministeriumsmitarbeitern und den Hogwarts-Professoren über die freiwilligen Helfer bis hin zu Hagrid war mit Renovierungsarbeiten beschäftigt. Sogar Professor McGonagall schloss sich, gewaltige Baupläne in ihren zierlichen Händen, den Arbeitern vom Ministerium an, um zu überwachen, dass auch ja alles seine Richtigkeit hatte und nichts da landete, wo es nicht hingehörte. Warum Snape im Schloss geblieben war, wenn er sich nicht wie die anderen am Wiederaufbau beteiligte, war Hermine ein Rätsel. Davon gab es noch so viele, die ungelöst waren. Doch ein so kluger Mann mit solchen Begabungen wäre mit Sicherheit ein sehr unterhaltsamer Gesprächspartner. Leider hatte Hermine jede Gelegenheit hierfür ausgeschlossen und um es mit ihm nicht schlimmer werden zu lassen, wollte sie sich an die Abmachung halten. Die meiste Zeit bekam sie ihn nur bei den Mahlzeiten in der Großen Halle zu Gesicht.
Erst in der Woche vor Schulbeginn passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Die Helfer im Schloss waren alle in großer Aufregung. Nur noch ein paar Tage, dann würde Hogwarts offiziell wieder öffnen. Pünktlich dazu erschienen die Bücherlisten und ein Artikel im Tagesprophet, in dem sich Rita Skeeter über die Schule, die Lehrer und das Gerücht äußerte, dass Hermine Granger von den Toten auferstanden war und nochmal die Schulbank drücken wollte. Da hatte die olle Schabracke es also wieder geschafft, ihren Platz beim Propheten zurückzuerobern. Für sie war es eine Freude, andere durch den Dreck zu ziehen, was Hermine nicht nachvollziehen konnte. Erstaunlich war jedoch, dass nicht schon viel früher etwas zu ihrer Genesung durchgesickert war.
Hermine legte die Zeitung weg und biss die Zähne zusammen. Für eine Seite Skeeter war sie ganz gut weggekommen.
"Dad sagt, dass sie beim Tagespropheten objektiver werden wollen", wusste Ginny bei ihrem Besuch in Hogwarts zu berichten. Sie hatten sich im leeren Gemeinschaftsraum breit gemacht, aßen Eis mit Kürbissirup und führten eins ihrer Freundschaftsgespräche, die Hermine so vermisste. "Er kennt den Ministeriumssprecher. Anscheinend waren Interviews über Harrys Kampf gegen Voldemort sehr gefragt. Die Zuschauer sind in Scharen aufgerufen worden, ihre Berichte abzuliefern, aber die meisten wollten nichts davon wissen. Die Realität hat sie nachdenklich gemacht." Das hatte gedauert. Viele hielten Harry für verrückt, als er im vierten Jahr von Voldemorts Rückkehr sprach. Er war von der Zeitung ganz schön durch den Dreck gezogen worden. "Als Harry sich bereit erklärte, sein Schweigen zu brechen, gab es für den Propheten strenge Auflagen vom Ministerium. Jedes Interview musste vor der Veröffentlichung durch Aussagen von anwesenden Zeugen belegt werden."
Es war sinnlos, zu hoffen, dass die Skeeter von selbst einen aufrichtigen Artikel schreiben würde. Fast alles, was sie in den Jahren ihres Wirkens veröffentlicht hatte, war ein Lügengemisch. Auch die Biografie über Dumbledore, die nach seinem Tod erschienen war. Ein schwacher Trost, dass ihr jetzt auf die Finger geschaut wurde. Wenigstens vorübergehend konnte sie keinen allzu großen Schaden anrichten oder ungerechtfertigt Menschen mit ihrer spitzen Feder verletzen.
Hermine war froh über Ginnys Besuch. Sie war gekommen, um sie abzuholen, da Hermine sich endlich bereit fühlte, um bei den Weasleys vorbeizuschauen. Nur vor dem Wiedersehen mit Ron hatte sie leichten Bammel. Er hatte nicht auf ihren Brief geantwortet, Harry und Ginny dafür mit Freuden.
"Du hast nichts dagegen, wenn wir den Kamin zum Fuchsbau nehmen? Ich hab schon McGonagalls Erlaubnis eingeholt", fragte sie ihre rothaarige Freundin beim Aufbrechen.
"Nicht die Spur."
Ginny steuerte fröhlich auf den Ausgang zu. Sie hatte die Apparierprüfung erfolgreich abgelegt, aber Hermine wollte ihre Kräfte noch aufsparen und auch nicht mit saurem Magen im Fuchsbau ankommen, was beim Seit-an-Seit apparieren genauso gut passieren konnte. Mit etwas Übung, wenn sie wieder ganz auf der Höhe war, wäre es ein Kinderspiel.
Nacheinander traten sie auf den Flur. "Was sehen meine Augen! Zwei so hübsche junge Damen. Wo geht's denn hin?", trällerte die Fette Dame.
"Ich besuche meine Freunde und später wollen wir in die Winkelgasse, unsere Bücher besorgen", antwortete Hermine.
"Die ist aber launisch. Sie wollte mich nicht reinlassen, weil ich nicht mehr hier wohne", erfuhr sie von Ginny, als sie außer Hörweite waren. "Wenn du mir das Passwort nicht geschickt hättest, würde ich immer noch mit ihr streiten."
"Sie langweilt sich genauso wie ich. Bald wohnst du ja wieder hier und ich kann es gar nicht erwarten, bis es soweit ist."
McGonagalls Büro war leer, aber vor dem Kamin auf dem Boden lag ein Zettel.
"Sie wünscht uns einen schönen Tag und bittet mich, vor 21 Uhr wieder da zu sein", las Hermine vor und besah sich ungläubig die letzte Zeile.
"Sie hat ihre Schäfchen eben gern im Trockenen", lachte Ginny.
"Da gehe ich ein Mal aus und muss auch noch pünktlich nach Hause kommen", murmelte Hermine verstimmt.
"Es hat auch Vorteile, wenn du hier wohnst."
Hermine stöhnte vorwurfsvoll. "21 Uhr, Ginny. Wie alt bin ich?"
"Du hast wenigstens dein eigenes Zimmer", sagte Ginny und schob sie vor zum Kamin. "Komm jetzt. Kannst du dich noch erinnern, wie man mit Flohpulver reist, oder muss ich dir erst einen Crash-Kurs geben?"
"Haha. Ich erinnere mich an alles davor und danach und ich bin ja wohl kaum verreist, während ich geschlafen hab."
Alles dazwischen war ein grauer Wolkenschleier für Hermine. Das Ende der Schlacht, Harrys Kampf gegen Voldemort, die Tränen, die für die Toten und Verletzten geweint wurden, die Berichte in den Zeitungen und der Hoffnungsschimmer am Horizont, dass es langsam aufwärts ging. Im Zaubereiministerium hatte es nach dem Sturz der Todesserherrschaft große Veränderungen gegeben. Kingsley Shacklebolt, der zum Phönixorden gehörte, war Minister geworden. Hermine kannte ihn und war zufrieden mit der Wahl. Die gesamte Zaubererschaft brauchte jetzt Zuversichtlich und jemanden, der dafür sorgte, dass Voldemorts Anhänger ihren Prozess bekamen und statt ihnen endlich Frieden herrschte.
Die Reise war kurz und verlief problemlos. Kaum im Fuchsbau, wurde sie von Molly in den Arm genommen. Auch Arthur und George begrüßten sie herzlich, und sogar Bill und Fleur und Percy waren zum familiären Treffen gekommen. Harry stand bescheiden am Ende der Schlange, Ron hinter ihm. Er grinste ganz normal und Hermine fiel ein Stein vom Herzen.
Nachdem sie alle umarmt hatte, gingen sie nach draußen in den Garten, wo ein reichlich gedeckter Tisch mit selbstgemachtem Sirup und Gebäck auf sie wartete - die wunderbare Gastfreundschaft der Weasleys. Hermine bereute ihre Entscheidung in Hogwarts geblieben zu sein, keine Sekunde, wurde aber doch von schönen Erinnerungen überschwemmt, die sie an den Fuchsbau hatte.
Recht schnell wurde sie ins Gespräch gezogen und von allen Seiten ausgefragt. Keiner schien es ihr übel zu nehmen, dass sie in Hogwarts wohnte und mit der Schule weitermachen wollte, aber wie McGonagall wollte auch Molly Weasley ihre Schäfchen gerne im Trockenen haben. Es waren die anstrengendsten Stunden, die Hermine seit langem gehabt hatte. In Hogwarts war sie oft allein und streifte ohne Ziel durch die Gegend oder hatte sich in ein Buch verliebt und wollte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Hier nahmen alle lebhaft an den Gesprächen teil, lachten und rereten aufeinander ein. Etwas benommen entschuldigte sie sich und Ron brachte sie auf die andere Seite des Hauses. Alle ließen ihm auffällig den Vortritt, wie Hermine merkte, aber vielleicht war es gut so. Sie mussten sich sowieso noch aussprechen.
"Die können einen ganz schön erdrücken, was?", versuchte er die angespannte Stimmung zu lockern.
"Sie sind wie immer lieb und großherzig. Aber ich bin das viele Reden nicht mehr gewohnt", sagte Hermine versöhnlich.
Sie setzte sich unter einem Baum auf eine Bank und plauderte ruhig mit Ron, der an dem Baumstamm lehnte. Der Wind brachte das Laub zum Rascheln und um sie herum waren die Hühner, die den Weg und das Gras scharrend nach Futter absuchten. Das war ein Zuhause wie im Bilderbuch, aber Hermine würde nicht dort leben wollen. Sie gehörte woanders hin und im Moment war das Hogwarts.
"George hat mich in seinem Laden arbeiten lassen", verriet Ron und grinste stolz, doch es hielt nicht lange, dann seufzte er.
"Du willst ins Scherzartikelgeschäft einsteigen?" Hermine war verblüfft. George und sein untrennbar mit ihm verbundener Zwillingsbruder Fred hatten einen sehr erfolgreichen Laden in der Winkelgasse, bis Fred bei der Schlacht umgekommen war.
Resigniert fielen Rons Schultern nach unten. "Ich will immer noch Auror werden, aber es war gut, dass ich ihm helfen konnte. Fred ist natürlich nicht zu ersetzen."
Um ihm zu zeigen, dass sie Verständnis für ihn hatte, legte sie ihre Hand auf seinen Arm. "Das erwartet auch niemand von dir, oder?", erkundigte sie sich einfühlsam.
"Sie sagen es nicht direkt. Aber wenn ich versage ..." Er atmete tief aus.
"Wieso solltest du?"
"Ich stehe mit leeren Händen da", sagte er stürmisch. "Kein Schulabschluss, kein Talent für besondere Dinge. Alle meine Brüder haben was erreicht."
"Du auch, Ron."
"Was denn?", stieß er ohne zu überlegen aus.
"Ich dachte, ich hab drei Monate verschlafen. Erinnere dich an den Stein der Weisen, womit alles angefangen hat. Du hast das Schachspiel gewonnen und nur wegen dir sind wir weitergekommen."
"Nicht nur wegen mir", hielt er schmollend dagegen.
"Ja, weil wir ein Team waren und Jahr für Jahr Seite an Seite gegen Voldemort gearbeitet haben", warf Hermine ein.
Ron sah schuldbewusst zu Boden. Was in ihm vorging, war nicht schwer zu erraten. Als er, während sie sich vor Voldemort und seinen Anhängern versteckt hatten, nach ihrem großen Streit weggegangen war, hatte er nicht daran gedacht, dass er nicht zurückkommen konnte, weil das Camp durch Zauber geschützt gewesen war. Er hatte sich alleine durchgeschlagen und war zu seiner Familie gegangen. Selbst als er mit dem Delumunator wieder den Weg zu ihnen gefunden hatte, war Hermine noch schrecklich böse auf ihn gewesen. Ron war plötzlich aufgetaucht und hatte Harry aus einer lebensbedrohlichen Situation gerettet.
"Du hast uns vielleicht im Stich gelassen", sagte sie wissend, "aber du wolltest zurückkommen und hast uns gefunden."
"Der Deluminator hat euch gefunden", meinte er bescheiden.
"Aber es war dein Wunsch, der ihn aktiviert hat."
"Weil ich zu dir wollte."
Der Deluminator hatte Ron Hermines Stimme hören lassen und ihm den Weg zu ihr gewiesen. Er war ein Geschenk von Dumbledore. Damit konnte man Lichter von Straßenlaternen oder Lampen einfangen und wieder zurück schnipsen. Sie hatten nicht gewusst, dass er auch den Weg zu jemandem zeigen konnte, den man aus den Augen verloren hatte.
Hermine zog die Beine an und legte die Arme darum. "Ich konnte dir nicht verzeihen, Ron. Du bist gegangen und Harry und ich waren allein. Aber ich verstehe, dass du Angst hattest. Deine Familie war in Gefahr und du musstest wissen, ob es ihnen gut ging. Wir wussten alle nicht weiter."
"Trotzdem hast du nicht die Nerven verloren und bist bei Harry geblieben. Du hast uns immer zusammen gehalten."
Hermine war überrascht, dass er das zur Sprache brachte. Sie bemühte sich, es sich nicht anmerken zu lassen, als Ron sich schwungvoll über die Bank hiefte und neben sie setzte. Die Hühner stoben aufgeschreckt auseinander.
"Du und ich ... Ich hätte von selbst drauf kommen können, dass du was anderes willst. Du bist einfach allen immer voraus. Du warst erst am Tag davor erwacht und als wir dich besuchten, wusstest du sofort, dass du wieder zur Schule gehen willst", sagte er unerwartet.
Hermine biss sich auf die Unterlippe. "Kurz war es auch so, dass ich dachte, wir könnten ein Paar sein", entgegnete sie leise. "Aber als du weg gingst, habe ich die Nerven verloren. Harry musste mich trösten, obwohl er selbst am Boden zerstört war. Als du uns wieder gefunden hast, hatte ich dauernd Angst, dass du irgendwann wieder gehen könntest. Woher hätte ich wissen sollen, wie lange wir noch durchhalten, Ron? Wir hatten keine Spur zu den Horkruxen und keine Chance, ohne sie da raus zu kommen. Meine einzige Hoffnung war, dass uns jemand zu Hilfe kommt oder dass Dumbledore noch einen anderen Plan hatte, falls wir getötet worden wären."
Sie unterbrach sich und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Eine Gänsehaut streifte ihren Rücken. Mit dem wollte sie auch noch reden, hatte es aber aufgeschoben, weil er so einen übermächtigen Einfluss auf Harry gehabt hatte und sie McGonagalls Zustimmung brauchte. Es war Sitte, dass von jedem toten Schulleiter ein Porträt im Schulleiterbüro angebracht wurde. Damit konnte man sich dann unterhalten oder einen Rat einholen, doch leider war Dumbledores Porträt mit Ratschlägen genau wie der echte sehr zurückhaltend gewesen. Kontakt zu ihm hätten sie über das Porträt eines anderen toten Schulleiters gehabt, ein mürrischer Vorfahr von Sirius Black, der Harrys Pate gewesen war und vor zwei Jahren getötet wurde.
Ron runzelte bedauernd die Stirn und legte freundschaftlich den Arm um sie. Hermine drückte sich an ihn. Er war damals nicht da gewesen. Jetzt war er es.
