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Hallo meine Lieben! Hier kommt das neueste Kapitel. Wenn ihr Zeit und Lust für ein Feedback habt, freue ich mich darüber. Fröhliches Lesen
Zu viert quetschten sich Hermine und ihre Freunde zusammen mit vielen anderen durch die Winkelgasse. Harry und Ron brauchten Trainingskleidung und Uniformen und waren auch mitgekommen. Selbst früher, bevor die Todesser Angst verbreitet und die Straßen leergefegt hatten, war es Hermine nicht so voll vorgekommen. Die Menschen gingen wieder hinaus und sie freute sich für sie. Am Abend würde sie allerdings totmüde ins Bett fallen, weil es so viel zu sehen gab.
Sie schoben sich zuerst zu Flourish und Blotts durch, wo Hermine und Ginny ihre Bücher bekamen, und zu Madam Malkins wegen neuer Schuluniformen. Der Gedanke, die alten Uniformen nochmal rauszuholen, schien ihnen unpassend. Wenn schon von vorn anfangen, dann richtig. Die Sachen für Zaubertränke bekamen sie in Potages Kesselladen. Hermine hatte auf Snapes Schreibtisch schon erste Vorbereitungen für Zaubertränke gesehen, womit sie wohl in den sauren Apfel beißen und ihn darin ertragen müsste. Aber eigentlich war ihr egal, welches Fach er unterrichtete, denn das Ergebnis war am Ende immer das gleiche: Rauchende Köpfe und am Boden zerstörte Schüler.
Da es Abend wurde, beendeten die vier Freunde ihren Einkaufsbummel und machten noch einen Schlenker zum Tropfenden Kessel. Harry und Ron trugen hilfsbereit die Bücher, Hermine und Ginny die leichten Sachen.
"Da vorn ist ein Tisch für euch", sagte ein junger Mann, der als Kellner jobte.
Hermine stürmte gleich darauf zu. Sie war glücklich, auf einem Stuhl zu sitzen, um ihren müden Beinen eine Pause zu gönnen.
Die Küche im Tropfenden Kessel war nicht besonders gut, aber alle hatten großen Hunger und bestellten sich was zu essen und trinken. Als das Butterbier kam, stießen sie gemeinsam an und Hermine verdrückte eine kleine Träne. Ihre Wege würden sich trennen. Die Ausbildung der neuen Auroren fing wie der Unterricht in Hogwarts am ersten September an. Während der ersten Wochen war es ihnen untersagt, das Camp zu verlassen, damit sie sich an die harten Bedingungen gewöhnten, aber Harry und Ron würde es nicht allzu schwer fallen, da mitzuhalten, nachdem sie vergangenes Jahr bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt hatten.
Um nicht daran zu denken, dass sie ihre besten Freunde eine Weile nicht sehen würde, ging Hermine am nächsten Tag zu McGonagall. Sie hatte sich fest vorgenommen, endlich mit Dumbledores Porträt zu sprechen, was ihr die Schulleiterin auch erlaubte. Anstandshalber ließ sie Hermine allein in das Büro.
Schon aus der Ferne sah die Gryffindor hinter dem Schreibtisch in einer seiner beliebten pastellfarbenen Roben Dumbledore. Mit seinem strahlenden Gesicht, der Halbmondbrille und den hellblauen Augen wirkte er lebensechter als die anderen Porträts. Sie grüßten sich höflich und Hermine setzte sich auf einen Stuhl vor dem Tisch. Unbehaglich rang sie die Hände. Als sie ihren Zusammenbruch hatte, war sie nicht davon ausgegangen, dass sie und Harry es da raus schaffen würden. Ihre Verzweiflung war so übernatürlich gewesen, dass sie Dumbledore verantwortlich gemacht hatte. Für den bodenlosen Fall, nachdem Ron gegangen war, und die Folter, an die sie jedes Mal denken musste, wenn sie die Narben an ihrem Arm sah. Aber Dumbledore war tot und ihre Verzweiflung würde ihn nie erreichen. Wie viel von ihm war in diesem Porträt noch übrig? Er konnte nichts fühlen, also war das Mindeste, was er zur Wiedergutmachung tun konnte, ihr zuzuhören.
"Ich würde Ihnen die Augen auskratzen, wenn ich könnte." Die Worte verließen einfach ihren Mund. Sie hatte oft daran gedacht, auch wenn die Porträts der Schulleiter magisch geschützt wurden.
"Würden Sie sich dann besser fühlen?", fragte er verständnisvoll.
"Wir wären Ihretwegen fast drauf gegangen!", erwiderte Hermine zornig. Ihre Brust hob und senkte sich sehr schnell. "Wie konnten Sie uns nur so alleine lassen und darauf bauen, dass ich bis zum Ende bleibe?"
"Ich hoffte es. Harry hat Sie gebraucht und Sie waren eng befreundet."
Hermine stieß die Luft aus. Selbst die beste Freundschaft konnte ins Wanken geraten. Peter Pettigrew, der seine Freunde an Voldemort verraten hatte ... Snape und Lily, die sich entfremdet hatten ...
"Sie haben sich also auf mich verlassen", stellte sie dahin.
"Sie und Mr Weasley waren seine größten Unterstützer", bestätigte Dumbledore.
"Aber Ron ist gegangen. Wenn ich auch gegangen wäre, was dann? Wir alle hätten jemanden gebraucht. Einen Anführer oder etwas Hilfe von Ihnen. Wir waren fast noch Kinder."
"Es tut mir sehr leid, was Sie durchmachen mussten", sagte er nachdenklich. "Ich dachte, wenn es gelingt, nur so. Hätte Voldemort gewusst, dass ich ihm auf die Spur gekommen war, hätte er die Horkruxe weggebracht und noch stärker bewacht."
"Sie hätten wenigstens ein paar Leute einweihen und sie Verschwiegenheit schwören lassen können. Dann hätten wir nicht das Gefühl gehabt, allein zu sein."
Dumbledores Mundwinkel sanken nach unten. "Ich war nicht bereit zu diesem Risiko."
Hermine begriff schnell, dass das eine endgültige Aussage war. Dumbledore hatte immer Nachsicht gehabt, als sie, Harry und Ron Schulregeln gebrochen hatten, wobei dieses Fehlverhalten auch oft der Schule zum Wohl geraten war. Ohne Harrys Instinkte, die ihn zuverlässig auf Voldemorts Spur geführt und ihn gebremst hatten, wäre der dunkle Zauberer viel früher an den Höhepunkt seiner Macht gelangt. Letztendlich wurde Hermine von Dumbledore ins Vertrauen gezogen und sie durfte auch den Zeitumkehrer einsetzen, um damit Sirius zur Flucht zu verhelfen. Aber jetzt war Dumbledore tot und was sein Porträt sagte, hing von den Entscheidungen ab, die er gemacht hatte, als er noch lebte. Die Option, Hilfe hinzuzuziehen, war für ihn nicht akzeptabel gewesen und das Porträt würde sie nur erwägen, wenn er diesen Gedanken zu Ende geführt hätte. Sie rang sich dazu durch, behutsamer vorzugehen.
"Vielleicht können Sie mir mit etwas weiterhelfen. Harry hat mir von Professor Snape erzählt und da Sie ihn am besten kennen, möchte ich einen Rat von Ihnen, weil ich nicht weiß, wie ich mich richtig verhalten soll."
Dumbledore runzelte die Stirn und hielt inne. "Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie sich verhalten sollen."
"Aber Sie haben lange mit ihm gearbeitet. Was kann ich tun, um nicht zu einer Last für ihn zu werden?"
"Sie haben Severus das Leben gerettet, das ist ohne Frage eine Last für ihn. Doch Sie dürfen sich das nicht zu Herzen nehmen."
"Wie soll ich denn das tun?", fragte Hermine und machte ein langes Gesicht.
Dumbledore schmunzelte. "Hat er Sie schon ins Visier genommen?"
"Wir sind uns paar Mal über den Weg gelaufen", sagte Hermine achselzuckend. "Es gab Unstimmigkeiten und er war sehr reserviert. Ich habe ihm ein Friedensangebot gemacht und versprochen, dass ich ihn bis zum Ende der Sommerpause nicht mehr stören werde, wenn wir zusammen eine Tasse Tee trinken. Mir ist wichtig, keinen Stress mit ihm zu haben. Ich freue mich so auf die Schule. Wieder in Hogwarts zu sein, ist ein großes Glück."
"In diesem Fall haben Sie eindeutig die Nase vorn", erwiderte er bestimmt. "Sie schaffen das aus eigener Kraft."
Perplex beendete Hermine das Gespräch und lief nach draußen. Neben dem großen Schlossportal lehnte sie sich an eine Mauer und schloss die Augen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie trotz ihrer Vorbereitung keine Ahnung gehabt, was auf sie zukommen würde, wenn sie bei Harry bleiben und nach Horkruxen suchen würde. Mit der Schule da weiterzumachen, wo sie nach Dumbledores Tod aufgehört hatte, war eine Herzensangelegenheit. Sie war in Hogwarts glücklich gewesen, obwohl die Jahre ziemlich turbulent über die Bühne gegangen waren. Nun, die Hauptursache dafür war beseitigt. Dagegen sollte doch ein eigensinniger Herr Miesepeter, für den es eine Last war, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, eine Kleinigkeit sein, oder?
Ein paar Tage später stand Hermine vor dem Spiegel in ihrem Zimmer und betrachtete die neue Uniform, die sie vor den Körper hielt. "Ich bin so aufgeregt! Ich kann gar nicht glauben, dass gleich die Eröffnung ist."
"Musst du nicht. Du siehst gut aus", sagte Ginny munter. Sie war schon am Nachmittag angereist, was McGonagall erlaubt hatte, und hatte ihre letzten Stunden in Freiheit mit Hermine draußen verbracht. "Komm, zieh sie an. Wir müssen runter!"
Sie schlüpften beide in ihre Uniformen und liefen die Treppen hinunter. Vor der Großen Halle standen schon die Erstklässler, die auf einen Lehrer warteten und dass sie einem der vier Häuser zugewiesen wurden. McGonagall hatte hierbei in den letzten Jahren die führende Rolle übernommen, aber da sie sich als Schulleiterin um die anderen Gäste kümmern musste, gab es bestimmt eine Vertretung dafür. Obwohl sie nervös herum zappelten, erkannten einige der Neuen Hermine aus den Zeitungen wieder und begannen zu flüstern.
Nachsichtig schoben sich die beiden Gryffindors zur Tür durch und traten in die Halle. Hermine musste daran denken, wie sie zum ersten Mal durch diese Tür gegangen war. Mit großen Augen und klopfendem Herz. Diesmal war es nicht anders. Sie staunte darüber, dass der Zauber des schönen Gebäudes und das Lichtermeer ihr immer noch den Atem rauben konnte und schlug die Hände vor der Brust zusammen.
Verträumt ließ sie Ginny vorgehen und zwei freie Plätze suchen. Als sie sich eben setzten, ging hinter ihnen schon die Tür auf und Professor Sprout brachte die Erstklässler herein, die sich zusammendrängten und nacheinander aufgerufen wurden. Jedem Schüler und jeder Schülerin wurde der Sprechende Hut aufgesetzt.
Bis zum Ende der Auswahlzeremonie gab es so viel zu sehen und so lange Beifallsstürme, dass Hermine gar nicht auf die Ehrengäste achtete, die bei den Lehrern am Tisch saßen. Ruhiger wurde es erst, als McGonagall eine kleine Rede über das vergangene Jahr anstimmte und Minister Shacklebolt zu sich bat. Er bedankte sich höflich für die Zusammenarbeit und sagte ebenfalls ein paar Sätze, aber bald entglitt Hermine die Aufmerksamkeit. Alte Erinnerungen wirbelten auf. Ihre Gefühle hatten sie voll im Griff.
Sie sah ohne festen Bezugspunkt durch die Halle, in der die Augen der gebannten Menschen funkelten. Einige Lehrer schienen nicht glauben zu können, dass die dunklen Tage der Schule wirklich vorüber waren. Professor Sprout wischte sich die Augen, Hagrid schluchzte laut und andere tätschelten sich gegenseitig an den Armen. Aber Snapes Anwesenheit fiel ihr am intensivsten auf. Seine Gesichtszüge waren weniger entgleist als die seiner Tischnachbarn, doch seine Mundwinkel zeigten keine Anspannung auf. Er ruhte in stiller Teilnahme in sich selbst und vermittelte so einen verschwiegenen Eindruck, dass Hermine sich von ihm gefangen nehmen ließ; einen ähnlichen Moment hatte sie schon in der Heulenden Hütte gehabt. Kurz bevor Snape das Bewusstsein verlor und Harry noch ein letztes Mal in die Augen sah, war er genauso zur Ruhe gekommen. Hermine konnte nicht ahnen, wieso diese grünen Augen, dieselben wie Lilys, so eine Wirkung auf Snape hatten. Als sie wieder daran dachte, erhielt dieser Moment eine schwere Bedeutung.
Eine Art stechender Schmerz durchfuhr sie. Wenn Snape Lily so liebte, musste es ihn jedes Mal, wenn er Harry sah, wie ein Fausthieb getroffen haben. Die Ähnlichkeit zu James war ihrem Freund klar und deutlich anzumerken. Sirius und Lupin hatten sich geradezu überschlagen, ihm das immer wieder mitzuteilen. Sie waren so stolz auf ihn gewesen. Doch Snape hatte dafür nur Verachtung übrig gehabt.
Das Festmahl erschien. Für Hermine hatte es einen nachdenklichen Beigeschmack. Sie sah mehrmals zum Lehrertisch, dann wurde sie von ihren Mitschülern abgelenkt. Dankbar fiel sie in die Gespräche ein.
