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Viel Spaß beim Schmökern!
Hermine war noch nicht hundertprozentig wiederhergestellt und wurde immer müder. Sie verließ die Große Halle lange bevor der Ansturm auf die Betten begann. Diese weise Entscheidung verschaffte ihr einen großen Vorsprung und so lehnte sie sich in der Eingangshalle kurz gegen die Treppensäule, um durchzuatmen.
Merlin, was für ein Abend! Fröhlich und glanzvoll - ganz wie in den besten Zeiten, die sie in Hogwarts gehabt hatte. Ihre Schulkameraden hatten so viel zu erzählen, dass ihr der Kopf schwirrte und der Bauch weh tat vom vielen Lachen. Etwas schade war es da schon, dass Harry und Ron nicht dabeisein konnten, aber auch so hatte es am Wert der Unterhaltung nicht gemangelt. Viele Gesichter waren ihr bekannt, aus ihrem eigenen Haus und auch von den anderen. Neville und Luna gingen weiter zur Schule und sogar Draco Malfoy hatte sie gesehen. Von ihm wollte sich Hermine ganz bestimmt nicht aus der Ruhe bringen lassen und sie nahm sich vor, ihn nicht mehr als nötig zu beachten.
Erschöpft zog sie sich die Treppe hoch, als sie in ihrem Blickwinkel eine Bewegung feststellte.
"Warum sind Sie nicht beim Fest?", fragte Snape, als er auf sie zu rauschte. Er war ihr nach gegangen. Die Lehrer hatten ihren eigenen Eingang in die Große Halle und durch die Geräusche darin waren seine Schritte nicht zu hören gewesen. "Haben Sie sich wieder mal übernommen?"
Er blieb stehen und sein schwarzer Umhang wirbelte um seine Beine. Sein leicht gehässiger Blick stach ihr direkt ins Herz und sie spannte sich an.
"Wollen Sie mir das bis in alle Ewigkeit vorhalten?", flüsterte sie. Wie gemein von ihm. Aber Harry hatte sie ja davor gewarnt, dass sie keine Dankbarkeit erwarten durfte.
Snape musterte sie kritisch mit einer hochgezogenen Braue. Hermine wusste nicht, ob er sie verstanden hatte. Sie biss die Zahne zusammen und stieg die Treppe hoch. Ihr war danach, ihm zu sagen, dass er unverschämt war und wenn sie noch länger bliebe, würde sie damit heraus platzen.
Die ersten Stufen brachte sie ohne Hürde hinter sich. Die Erschöpfung machte ihr nicht so zu schaffen wie Snape, der am Fuß der Treppe stand und sie musterte.
"Sie wollen gehen? Zu schade. Ich habe einen Trank zusammengestellt, der Ihren Anforderungen entsprechen sollte", sagte Snape in schneidendem Ton.
Sie blieb stehen und drehte sich um. Eine Hand am Treppengeländer, schaute sie entgeistert zu ihm hinunter. "Sie haben für mich ein Stärkungsmittel gebraut?"
Sein Mund wurde zu einer schmalen Linie. "Nun fallen Sie mir ja nicht aus dem Häuschen."
Hermine verkrampfte sich unbehaglich. Ein Stärkungstrank war keine große Sache für ihn, aber wenn er auf ihre Bedürfnisse abgestimmt war, musste er sich die Zusammensetzung gut überlegt haben.
"Zwei Tropfen beim Aufstehen. Keinen einzigen mehr", wies er sie belehrend an.
Hermine nickte. Diesem fordernden Blick wollte sie besser nicht widersprechen.
Er streckte seine Hand aus, wedelte lustlos, als wäre er mental gar nicht involviert, mit dem Zauberstab durch die Luft und ließ ein dunkelgrünes Fläschchen auf seiner Handfläche erscheinen.
Da er anscheinend nicht vorhatte, ihr entgegenzukommen, stieg sie rasch die Treppe hinab und nahm ihm den Trank ab. "Dankesehr."
Seltsamerweise reichte schon dieses kleine Wort aus, um ihn die Augen verengen zu lassen. Sein Blick wurde einnehmend. "Wenn Sie sich nächstes Mal in mein Sterben einmischen, werde ich Sie vorher ausschalten."
Fassungslos keuchte Hermine auf. Das Fläschchen verklemmte sich fest in ihrer Hand wie in einem Schraubstock und sie biss sich auf die Zunge. Er war sogar noch unverschämter als sie dachte, aber ihr Löwenmut musste zurückgedrängt werden. Ein neues Schuljahr lag vor ihr und Snape zu verärgern würde ihr nicht helfen. Harry war so oft in diese Falle gegangen und hatte sich jedes Mal die Zähne an der Schlange ausgebissen.
Am nächsten Morgen kam die Gryffindor gerade rechtzeitig aus dem Bett. Sie hatte das pünktliche Aufstehen geübt, um sich an den Rhythmus in Hogwarts zu gewöhnen. Ihr Zimmer war behaglich eingerichtet und fast alles in den letzten Wochen zufriedenstellend verlaufen, doch sich morgens aufzuraffen, fiel ihr nicht leicht. Der Verlust ihrer Kräfte äußerte sich heimtückisch und plötzliche Erschöpfungszustände waren keine Seltenheit. Immerhin war sie sehr zuversichtlich an ihre Genesung herangegangen. Das auf ihrem Nachttisch stehende, von ihr ignorierte Fläschchen warf diesen Vorteil jedoch weit zurück. Snape, dieser anmaßende Idiot, machte sie rasend. Er hatte die natürliche Gabe, sein Umfeld aus dem Gleichgewicht zu bringen und pures Chaos zu hinterlassen.
Nachdem sie ihre braunen Locken gebändigt und sich angezogen hatte, plumpste sie aufs Bett, nahm das Fläschchen und las das braune Etikett: "Trank zur Stärkung. Zwei Tropfen nach dem Aufstehen."
Sehr aufschlussreich. Musste er wirklich noch ein Geheimnis aus dem Inhalt machen?
Ron hätte sich an ihrer Stelle über die verklemmte Kritzelei lustig gemacht und ihn so lange imitiert, bis sie lachend in Tränen ausgebrochen wären. "Stellen Sie das wieder hin, Miss Granger. Nur zwei Tropfen. Können Sie nicht lesen?"
Selbstverständlich reichte Rons Imitation stimmlich nicht an Snape heran. Von den Schülern, die es versucht hatten, konnte er aber am besten seine Augenbrauen bewegen.
Da Ron nicht in Hogwarts war, um sie zum Lachen zu bringen, drehte Hermine sinkenden Herzens den Verschluss von ihrem Trank ab und träufelte sich zwei Tropfen auf die Zunge.
Igitt! So bitter wie das schmeckte, würde sie sowieso keine drei Tropfen davon runter bekommen, aber vielleicht war das ja Absicht von ihm.
Was dachte er sich überhaupt, dass er so gemein zu ihr war? Im Gegensatz zu seinem hartnäckigen Vorurteil hatte sie nicht darauf gewartet, sein Leben retten zu dürfen. Sie war nur zufällig Zeuge geworden, wie Voldemort ihn umbringen wollte, und hatte dabei die Nerven verloren.
Trotz ihrer Verärgerung über Snape zeigte der Trank die gewünschte Wirkung und Hermine ging gestärkt in die Große Halle. Er verstand was von seinem Fach, da konnte man über ihn sagen, was man wollte. Warum musste dieses Genie nur so einen gemeinen Charakter haben?
Während Hermine beim Frühstück ihren Gedanken nach hing, teilten die Hauslehrer, unterstützt von Vertrauensschülern, die Stundenpläne aus uns halfen jenen, die sich nicht zurechtfanden. Alles ging etwas drunter und drüber und vor allem die neuen Schüler brauchten Anleitung. Doch schließlich begann der Unterricht.
Nachdem die ersten drei Tage verstrichen waren, kam es Hermine vor, als wäre sie nie weg gewesen. Erstaunlich schnell hatte sie sich mit der Routine in Hogwarts arrangiert. Die fortgeschrittenen Fächer forderten sie zwar, aber sie war immer eine gute Schülerin gewesen und wusste, wie man damit fertig wurde. Im Gegensatz zu den anderen hätte sie sich auch mal zurücklehnen und entspannen können. Das tat sie natürlich nicht, weil sie Angst davor hatte, dann Harry und Ron zu vermissen.
Richtig anstrengend für sie war eigentlich nur Zaubertränke, was hauptsächlich dem Lehrer geschuldet war. Snape schien sie ständig im Auge zu behalten und hatte die Anforderungen, die Professor Slughorn im sechsten Jahr gestellt hatte, deutlich erhöht. Obwohl Hermine, die allen anderen weit voraus war, gut mithalten konnte, war sie nicht gut genug für seine Erwartungen. Er war mit allem unzufrieden und sie wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Zustand mit ihr zu tun hatte.
Eine ganze Weile spielte Hermine die Ahnungslose - Snape war schon damals als Lehrer gemein und ungerecht gewesen. Vor allem gegen Schüler aus Gryffindor hatte er eine besondere Abneigung gehabt. Dieses Verhalten war besser geworden, denn er machte keinen Unterschied mehr zwischen ihnen und den Slytherins, was Hermine sich damit erklärte, dass Harry nicht mehr da war und Snape der Anblick von James erspart blieb. Außerdem war Voldemort endgültig Geschichte und Snape brauchte keinem mehr was vormachen. Dass Harry sein Schweigen gebrochen hatte, war es zu verdanken, dass Snapes Ansehen wiederhergestellt war. Er machte daraus einfach, was er am besten konnte. Leider war Hermine sein neues Angriffsziel.
Als auch Ginny, die ebenfalls ihr siebtes Jahr machte und ähnliche Fächer wie Hermine belegte, die einseitig verbalen Attacken bemerkte, konnte Hermine die Augen nicht mehr länger verschließen. Die siebte Klasse Zaubertränke war eine kleine Gruppe Schüler, in der sich die Besten aller vier Häuser eingefunden hatten. Gryffindors, Ravenclaws, Hufflepuffs und Slytherins schwitzten gemeinsam an dampfenden Kesseln, aber kein Schüler bekam es so ab wie Hermine.
Rachsüchtig warf sie einen Blick in Snapes Richtung, der mit dem Trank von Justin, einem Hufflepuff-Jungen, abgelenkt war. Schnell bückte sie sich zu ihrer Tasche, nahm den Stärkungstrank heraus und ließ davon einen kleinen Tropfen auf ihre Zunge fallen.
Als sich Snape von Justin losmachte, war Hermine längst wieder mit ihrem Zaubertrank beschäftigt. Jetzt hieß es abwarten.
Die Wirkung setzte nur wenige Minuten später ein. Hermine wurde von einer inneren Unruhe gepackt, die ihr Herz schneller schlagen ließ. Snape hatte sie gewarnt, ja nicht einen Tropfen zu viel zu nehmen. Doch da sie die ungerechte Schikane von ihm nicht hinnehmen wollte, musste sie sich was einfallen lassen, mit dem sie zurückschlagen konnte, und das war ihre erste Idee gewesen.
Bald fing sie zu schwitzen an, dann zu zittern und arbeitete auf Hochtouren weiter. Sie stellte den Trank in rasender Geschwindigkeit fertig und hob die Hand, damit Snape ihn sich ansehen konnte.
Seine aufmerksame Augen bemerkten sie. Langsam wanderte eine Braue auf seinem Gesicht nach oben und er bequemte sich zu ihr.
"Mein Trank ist fertig", sagte Hermine flapsig. Schweiß tropfte von ihrem Kinn und ihr Herz raste weiter. Jetzt konnte sie nicht mehr umkehren.
"Fünfzehn Minuten vor der Zeit", murmelte er misstrauisch. "Haben Sie eine Grundzutat vergessen?"
"Er ist vollkommen korrekt gebraut und seine Farbe so klar wie im Leerbuch beschrieben", verteidigte sich Hermine. Dass er an ihr zweifelte, passte ihr nicht. Sie war eben nur sehr schnell gewesen, was bei diesem Trank keine negative Auswirkung hatte.
Snape warf einen prüfenden Blick in den Kessel, und Hermine, der nun etwas unwohl war, spürte ein warmes Kribbeln auf ihrer Haut. Sie fühlte sich wie unter Strom gesetzt. Mehrmals atmete sie tief ein und aus, aber da Snape direkt neben ihr stand, konnte sie sich einfach nicht beruhigen.
"Zufriedenstellend", sagte Snape gnädig.
Impulsiv warf Hermine ihre braunen Locken in den Nacken und räumte ihren Platz auf. Zufriedenstellend war weit unterhalb ihrer Leistung und sie würde einen Besen fressen, wenn Snape das nicht wusste.
Als sie den Kessel gesäubert hatte und die restlichen Zutaten wegräumte, stand Schweiß auf ihrer Stirn. Unruhig zappelte sie von einem Fuß auf den anderen. Sie war kaum noch in der Lage, sich zu bändigen.
"Geht's dir nicht gut?", flüsterte Ginny leise.
Hermine blieb eine Antwort erspart. Snape gesellte sich an ihren Tisch und blickte sie wissend an. Ihr verräterisches Rumgezappel war ihm also aufgefallen. Mal sehen, was er tun würde.
"Geben Sie mir sofort den Stärkungstrank", befahl er mit leiser, sehr dunkler Stimme.
Sie weigerte sich und schüttelte den Kopf.
"Miss Weasley", setzte Snape schroff an, die schwarzen Augen noch immer auf Hermine zeigend. "Geben Sie mir den Stärkungstrank von Miss Granger."
Ginny schaute ratlos zu ihrer Freundin, bis diese einknickte. Sie hatte kein Recht, Ginny in diesen Disput zu ziehen.
"Er ist vorn in meiner Tasche", brummelte sie.
Beklommen reichte Ginny ihm das Fläschchen. Er riss es ihr aus der Hand und steckte es ein.
"Diese gedankenlose Aktion kostet Ihrem Haus fünfzehn Punkte und Sie werden heute Abend ab halb acht in meinem Büro nachsitzen."
"Ja, Sir", sagte Hermine tonlos.
Aufgekratzt und innerlich rasend vor Wut säuberte sie ihren Platz und machte sich vor allen anderen davon. Der Verlust der Punkte war wieder mal eine Zugabe von ihm gewesen und total überflüssig. Sie brauchte dringend frische Luft und etwas, woran sie sich abreagieren konnte.
Einen Spaziergang um den Schwarzen See und eine kurze Ruhepause später saß Hermine an ihren Hausaufgaben und schweifte immer wieder zu Snape ab. Wenn er wollte, dass sie zum Nachsitzen kam, schön und gut. Das hatte sie sich verdient. Sie hatte sogar damit gerechnet, weil sie seine Anordnung missachtet hatte. Aber doch nur, weil er so gemein gewesen war und sie ihm etwas entgegensetzen wollte.
Hermine beendete ihre Hausaufgaben und ging in den Gemeinschaftsraum, wo sie Ginny und ein paar andere Gryffindors traf. Ginny lief zu ihr und zog sie zu den Sesseln. "Du siehst aus, als könntest du jemanden zum Reden brauchen. Willst du mir vielleicht sagen, was das heute mit Snape war?"
Als Hermine sich setzte, strich sie sich unbehaglich eine Locke hinters Ohr. "Ich glaube, ich hab vorhin Mist gebaut. Du hast ja selbst gemerkt, dass er ständig auf mir rum hackt ..."
"Lass mich raten. Du wolltest dich an ihm rächen ...?" Ginny blieb der Mund offen stehen.
Hermine grinste fadenscheinig. "Ich hab dir ja von dem Stärkungstrank erzählt. Erst wollte er mir nicht helfen und dann hat er mir einen zusammengestellt, mit der Anweisung, immer nur zwei Tropfen zu nehmen."
"Du hast dich nicht daran gehalten, oder?", ahnte Ginny.
Anstatt ihre Tat zu verharmlosen, nickte Hermine geständig. "Vorhin im Unterricht sind mir endgültig die Nerven durchgegangen und ich hab heimlich noch einen Tropfen genommen."
"Das muss ja ein Nachspiel haben", stellte Ginny mitfühlend fest.
Ihre Worte erreichten einen wunden Punkt. Snape hatte den Braten gleich gerochen und als sie mit Ginny zum Essen in die Große Halle ging und im selben Augenblick Snape seinen Platz aufsuchte, drehte sich ihr Magen um. Vielleicht war die Racheaktion nicht die Beste von ihren Ideen gewesen.
