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Snape warf ihr einen bösen Blick zu, unter dem Hermine sich winzig klein fühlte, und ging mit ihr den Gang runter zum Klassenzimmer für Zaubertränke. Seine langen Schritte waren zielgerichtet, er hatte wohl was Besonderes vor. Die Mühe, die Spannung zu erhöhen, indem er sie bis zur letzten Minute hinhielt, musste er sich gar nicht machen. Hermine war alles andere als optimistisch, dass die Strafarbeit für sie glimpflich ausgehen würde.
"Holen Sie sich einen Stuhl und setzen Sie sich da hin", sagte er und platzierte sich an seinem Pult.
Hermine, von einer inneren Unruhe erfüllt, setzte sich ihm gegenüber.
"Wie fühlen Sie sich?", fragte Snape neutral. Er sah nicht aus, als wäre er interessiert daran.
"Allgemein gut", antwortete Hermine, obwohl sie sich wand. Meist waren die Momente, die ab ihrem Zusammenbruch spielten, unter einem Nebelschleier. Manchmal hob sich dieser jedoch und dann trudelte sie panisch in ein tiefes Loch.
"Sind Ihre Kopfschmerzen weg?"
"Keine Kopfschmerzen mehr", bestätigte sie schnell. Er musste sie für dumm halten, weil sie brav antwortete, aber sie wollte besser nichts aufschieben.
Snape rutschte tief in seinen Stuhl. Die Ellenbogen auf den Lehnen, legte er nachdenklich vor seinem Mund die Fingerspitzen aneinander. "Trotzdem ist Ihnen heute zufällig ein Tropfen Stärkungstrank zu viel aus der Flasche gerutscht."
Hermine spürte einen Kloß in ihrem Hals. "Nein. Das war kein Zufall", sagte sie leise. "Ich habe mit Absicht mehr genommen." Sie schaffte es nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen, die plötzlich schlechte Erinnerungen wach rüttelten, und zog seine Fingerspitzen vor, auf die er einen leichten Druck ausübte. Er wusste bestimmt tausend Möglichkeiten, wie er sie bestrafen konnte und alle rasten durch seinen Kopf.
"Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Gehör beschädigt worden wäre, aber das klang so, als hätten sie es mit Absicht getan", sagte er gedehnt.
Ängstlich sah sie auf. Seine Pupillen waren riesig und schienen immer größer zu werden.
Sie atmete durch und nickte. Dann sprudelte alles aus ihr heraus. "Ich wollte Sie nicht retten. Ich hatte einen Zusammenbruch. Aber es ist nun mal so ausgegangen, dass Sie Leben. Ich hab erst davon erfahren, als ich aufgewacht bin. Sie hatten da schon drei Monate Zeit für die Aufarbeitung. Ich fange im Grunde erst damit an und ich will nicht glauben, dass ich meine Magie aufgebraucht habe, um einen Mann zu retten, der so unverschämt und undankbar ist und sich dann noch einen Spaß daraus macht, mich zu bestrafen."
Hermine beendete den Satz und presste ihre Hände an die Brust. Ihr Herz raste wieder und auf ihrer Haut prickelte etwas, das sich anfühlte wie Nadelstiche. Starr hielt sie seinen kalten Blick, während er sich langsam aufrecht hin setzte.
"Deshalb riskieren Sie Ihre Gesundheit?", fragte er spöttisch.
Ein weiterer Kloß gesellte sich zu dem anderen. Jetzt war sie wirklich in Erklärungsnot. Natürlich war es eine blöde Idee gewesen. Aber was sollte es ihn kümmern?
"Sie ziehen mich ins Lächerliche, egal was ich mache", entgegnete sie trotzig, "weil Sie mir nichts schuldig sein wollen. Aber das würden Sie ja nicht zugeben."
Snapes Augenlid zuckte. "Hüten Sie Ihre Zunge!", stieß er wütend aus.
"Das werde ich, wenn Sie mir sagen, dass ich mich irre."
Bedrohlich stellte er seine Fäuste auf den Tisch. "Ich bin Ihnen nichts schuldig."
"Dann kann Ihnen meine Gesundheit egal sein."
Sein Gesichtsausdruck war tückisch und machte sie nervös. Sie ergriff ein weiteres Mal offen das Wort, bevor er die Gelegenheit hatte.
"Wollen Sie mir jetzt sagen, wie meine Strafe aussieht?"
"Darüber habe ich zu entscheiden und zwar dann, wenn ich es möchte", entgegnete er trocken.
Einsichtig seufzte sie. Ihr Herzschlag wurde endlich wieder langsamer und mehr Stress wollte sie sich nicht zumuten. "Ja, Sir."
Snape maß sie kurz. "Sie haben etwas gesagt, das ich womöglich mit Ihnen besprechen möchte", schnitt er an.
"Ich war vorlaut. Ich weiß gar nicht mehr, was ich alles gesagt habe." Sie hoffte verbissen, damit durchzukommen.
"Trotzdem frage ich mich, wieso Sie nachlässig mit Ihrer Gesundheit umgehen", bemerkte Snape. Er zog tadelnd eine Braue hoch.
Hermines Magen verkrampfte sich und sie wusste kaum, wie sie ihm in die Augen sehen sollte, die sie mit Erinnerungen überfluteten. Er war voller Blut. Sie sah zu, wie er schwächer und schwächer wurde, sich seine Lider schlossen und die Geräusche seiner Atmung verhallten.
Innerlich kämpfte sie schon mit den Tränen. Wie sollte sie ihm sagen, was sich da abgespielt hatte und wie es sie runter gezogen hatte?
Mittlerweile war genug Zeit für eine ausführliche Schilderung verstrichen, doch Hermine hüllte sich in Schweigen. In der Heulenden Hütte hatte sich alles entschieden, ohne dass sie die Kontrolle darüber gehabt hätte. Snape sagte zwar, dass er ihr nichts schuldig war, doch wer wusste schon, wie seine Worte zu verstehen waren. Er konnte das eine sagen und das andere meinen, schließlich hatte er das als Spion tun müssen, um zu überleben. Seltsam, dass er sich nun bei ihr darüber beschwerte, dass er noch lebte.
"Ich bin niemand, der Ihnen aus Dankbarkeit die Hand schütteln wird. Das sollten Sie sich hinter die Ohren schreiben." Hermine fuhr hoch, als er sprach. Orientierungslos sortierte sie seine Worte und stammelte eine Entschuldigung.
Reiß dich zusammen, dämliches Ding!
Sie durfte jetzt nicht schon wieder einknicken.
"Das habe ich schon. Ich kann mich im Moment ... nicht richtig konzentrieren." Sie hielt mutlos inne. Sie war schon viel offener gewesen, als sie sein wollte und wenn Snape es falsch auffasste, würde ihr anfälliger Körper bald einen Herzstillstand erleben.
Snape sank zurück in seinen Stuhl. "Soll ich erraten, woran das liegt?" Sein Mund nahm einen gehässigen Zug an.
Sofort schüttelte Hermine den Kopf. "Bitte nicht."
Er stieß nachdenklich die Luft aus und rieb sich die Nasenwurzel. "Warum nicht?", fragte er sachlich. "Sie haben eine Meinung über mich und ich eine Meinung über Sie. Vielleicht finden wir die Ursache für Ihren Konzentrationsmangel dort."
Hermines Wangen färbten sich rot. Sie wollte vor Scham im Boden versinken. "Oder Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich habe schon zu viel gesagt. Fragen Sie mich bitte nicht weiter aus."
"Wo haben Sie Ihren Mut gelassen, Gryffindor? Es ist mein Wunsch, dass Sie aufhören, sich zu zieren, bevor mir übel wird", fuhr er sie an, und Hermine durchzuckte seine schneidende Stimme wie ein Blitz. "Aber das ist nicht meine Entscheidung. Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Granger, Sie haben während der Schlacht vielleicht einen Zusammenbruch gehabt, aber Sie sind auch über sich hinaus gewachsen. Ich sitze nur hier, weil Sie sich eingemischt haben. Doch ich werde mich nicht dafür bedanken. Ich hatte den Tod vor Augen und ich bin sicher, dass damit alles seine Richtigkeit gehabt hätte. Stattdessen muss ich mich wieder mit Schülern rum ärgern, die viel verweichlichter sind als Sie."
Als er seinen letzten Satz beendete, schlug Hermines Herz mit erstaunlich normaler Geschwindigkeit. Das war ja schon fast ein Lob gewesen und das erste Mal, dass sie sich durch ihn nicht eingeschüchtert fühlte.
"Ich werde mich nicht dafür entschuldigen. Ich weiß ja nicht mal, wie ich es gemacht habe", kommentierte sie mit, wie sie hoffte, fester Stimme. Sie war etwas weniger angespannt und auch der Blickkontakt löste keine Panik mehr aus. Ab da, wo sie ihren Zusammenbruch gehabt hatte, lag so ziemlich alles wieder unter einem Nebelschleier.
"Ihre Magie ist sehr ausgeprägt. Sie sollten darauf achten, sich nicht von ihr kontrollieren zu lassen, sonst verlieren Sie sie vielleicht irgendwann. Sie müssen sie kontrollieren." In Snapes Augen lag ein leidenschaftlicher Glanz. So hatte er bisher nur von den Dunklen Künsten in seinem Unterricht gesprochen. Sein Wissen über Zauberei war außergewöhnlich. Nur so hatte er alle täuschen können.
Versonnen nickte Hermine. "Vorausgesetzt, dass ich nochmal zusammen breche, dann kontrolliert", murmelte sie selbstironisch.
"Ich kann nur hoffen, dass ich dann nicht in der Nähe bin", entgegnete er mit Grabesstimme. In Verbindung mit seinem ausdruckslosen Gesicht und den schwarzen Augen war er richtig unheimlich.
Etwa eine halbe Stunde später ließ Snape sie gehen. Aber Hermine konnte nicht sagen, was in dieser Zeit passiert war, weil eigentlich nichts passiert war. Sie hatten sich weiter unterhalten, wie davor auch. Insofern war das Nachsitzen also doch glimpflich ausgegangen.
