Kapitel 11 - Ich sage die Wahrheit!
Am nächsten Morgen wurde ich durch einen Rekruten geweckt, der mir etwas zum Frühstück brachte. Das war wirklich mal ein feiner Gästeservice. Ich aß alles schön brav auf und stellte das Tablett auf den Tisch, um dann das Gästehaus im Richtung Herrenhaus zu verlassen. Auf dem Weg dort hin begegnete ich Liam. „Morgen Faith, ich wollte gerade zu dir. Ich soll dir von Meister Achilles ausrichten, dass er dich nach dem Mittag in seinem Arbeitszimmer erwartet. Wollen wir bis dahin noch ein wenig trainieren?", begrüßte er mich freundlich. „Oh es ist zwar schade das Achilles keine Zeit hat, aber das ist bei unserem Großmeister auch nicht anders. Na dann auf zum Training Liam.", antwortete ich ihm und zusammen liefen wir zu einem der Trainingsplätze. „Hope wollte heute dein Können testen. Ich hoffe du hast nichts dagegen?", erklärte mein Begleiter mir. „Nein. Was unterrichtet sie denn?", fragte ich und hoffte das es eine Disziplin war welche mir lag. „Schwertkampf und lautloses Töten.", bekam ich als Antwort von Liam und keine zwei Minuten später stand ich der guten Hope gegenüber.
„So Liam hat dich also hergebracht. Wurde auch Zeit, eine Lady lässt man nicht warten.", sagte sie hochnäsig zu uns und deutete mir mit einem Fingerzeig, dass ich in den Ring gehen sollte. Was hatte diese Frau nur gegen mich?, fragte ich mich in Gedanken. Hope folgte mir und grinste mich wieder so überheblich an. Von dieser Ziege würde ich mich nicht besiegen lassen, beschloss ich und wir zogen unsere Waffen. Hope hatte passend für sie einen Degen, ich dagegen hatte einen Säbel, welcher zwar schwerer war, aber dafür mehr Schaden anrichtete. „Ihr kämpft also mit einem preußischen Jagdschwert, Faith. Eine wirklich seltsame Wahl für eine Frau", sprach sie mich arrogant an. „Mal sehen was ihr könnt, Meister.", und mit diesen Worten setzte sie zum Angriff an.
Hope versuchte mich durch gezielte Angriffe in die Enge zu drängen, aber zu ihren Pech wich ich den meisten Schlägen von ihr aus oder blockte sie einfach. Nach ein paar Minuten funkelte sie mich schon zornig an und das war ein Zeichen für mich sie anzugreifen. Ich machte einen Schritt auf sie zu und hieb mit meiner Waffe auf ihre linke Seite. Hope parierte meinen Schlag und ich machte eine halbe Drehung um ihren Konterangriff auszuweichen. So waren wir wieder beim Anfang und Hope legte wieder los, indem sie mich von der rechten Seite angriff. Ich blockte diesen Angriff wieder und schaffte es fast sie zu entwaffnen. Als die gute Hope, mit Hilfe ihres Fußes, Staub aufwirbelte und ich diesen in meine Augen bekam. Dadurch das ich geblendet war, hatte Hope einen Vorteil, welchen sie auch gnadenlos ausnutzte. Keine drei Sekunden später stand ich ohne Waffe da und dieses elende Weib hatte gewonnen.
„Hope ist der Sieger.", hörte ich Liam`s Stimme und damit war unser kleiner Kampf vorbei. „Nun du hast leider verloren Faith. Lass mich raten dieser Ornat ist nur formell, oder?", fragte mich Liam. „Ja.", antworte ich leicht bedrückt. „Nun dann kannst du ja eine Weile mit uns üben, bevor du wieder zurück nach England gehst.", bot er mir an. Hope schnaubte abfällig über unser Gespräch und stolzierte davon. „Was hat Hope für ein Problem?", wollte ich von ihm wissen. „Oh. Sie kriegt sich schon bald wieder ein. Mach dir deswegen keine Sorgen. Wollen wir dann zu Meister Achilles, er wartet sicher schon auf uns, Faith.", wischte er das Thema Hope vom Tisch und gemeinsam liefen wir zum Herrenhaus.
Liam öffnete die Tür des Hauses und lies mir den Vortritt. Im Haus deutete mein Begleiter zum linken Zimmer und so trat ich in den Raum. „Hallo Faith.", begrüßte mich Achilles. „Leider hatte ich nicht früher Zeit für dich, aber ich hoffe Liam hat sich gut um dich gekümmert?" „Ja, es ist nicht schlimm und das hat er.", antwortete ich ihm. „Nun was wollte John mir so wichtiges mitteilen, dass er extra seine Schülerin schickt?", fragte mich der Großmeister und gab mir so die Erlaubnis zu sprechen. „Mein Meister möchte Euch hiermit bitten, die Suche nach den Artefakten einzustellen.", trug ich mein Anliegen vor. Achilles schaute mich an. „Und wieso ist John der Meinung, dass wir das sollten?", fragte mich Achilles zurück. „Weil ich ihm erzählt habe was bei der Mission in Lissabon passiert ist. Das Artefakt dort war kein Edenapfel, sondern etwas anderes. Dieses Ding strahlte eine starke Macht aus und es zerstörte Lissabon innerhalb von ein paar Minuten. Bitte hört mit der Suche nach diesen Artefakten auf, sonst sterben womöglich noch viel mehr unschuldige Menschen.", erklärte ich mein Anliegen. „Kein Mensch kann ganze Städte zerstören. Sie ist verrückt, Meister Achilles.", meinte Hope mit ihrer bissigen Art. Wie konnte diese..., „Ich bin nicht verrückt, mit Hilfe dieser Artefakte ist alles möglich. Dieses Ding hatte sich einfach in Shay's Hand aufgelöst.", verteidigte ich meine Meinung vor den anderen Assassinen. „Nun Faith", begann Achilles „Ich danke dir für deinen Bericht. Ich werde John`s Bitte überdenken. Du kannst solange bei uns bleiben wie du möchtest um dein Können zu verbessern. Ich werde dir in Kürze meine Entscheidung mitteilen und jetzt entschuldige uns bitte".
Damit war ich anscheinend entlassen und verließ den Raum und wand mich zur Haustür, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Vor der Tür hockte ich mich auf die Stufen, welche zur Eingangstür führten. Achilles glaubte mir nicht und so musste ich mir eine neue Strategie ausdenken. Vielleicht konnte ich ja Liam überzeugen das ich die Wahrheit sagte. Ich würde es versuchen und so wollte ich wieder in mein Zimmer, als ich die Stimme von Hope hörte. Von meiner Neugier getrieben, näherte ich mich dem Fenster, welches zum Arbeitszimmer des Hauses gehörte. Gut das vor diesem Fenster überall hohe Sträucher standen und so hockte ich mich darunter und konnte gut versteckt das Gespräch der Assassinen belauschen.
„Sie sagt genau das gleiche wie Shay, Meister. Das kann kein Zufall sein.", hörte ich Liam`s Stimme. „Es ist kein Zufall Liam. Diese kleine Möchtegern-Assassine lügt wie gedruckt.", sprach sich Hope gegen mich aus. „Wie kommst du auf diese Behauptung, Hope?", wollte Liam von ihr wissen. „Ganz einfach mein guter Liam. Als ich der Kleinen das Zimmer gezeigt habe, fragte sie mich mit hoffnungsvoller Stimme ob Shay da wäre. Er hat ihr diese Lüge eingetrichtert mehr nicht!", machte sie mich weiterhin schlecht. „Du könntest Recht haben, wir müssen ihre Geschichte überprüfen.", gab jetzt auch Achilles zu. „Ich glaube nicht das Faith lügt, Hope. Sie ist dafür ein zu ehrlicher Mensch.", verteidigte mich Liam weiterhin. „Oh Liam du hast dich wohl in die Kleine verguckt und deshalb willst du der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen.", ging ihn Hope erneut an. „So ein Blödsinn Hope." „Du wirst schon sehen, sie wird dich wegstoßen mein Freund.", und mit dieser Aussage von Hope war das Gespräch beendet.
Sie glaubten mir also doch nicht, wie ich es mir schon gedacht hatte. Aber das Shay lebend hier wieder ankam freute mich. Doch wo war er dann und warum hatte mich Hope wegen Shay angelogen. Mit meinem neu gewonnen Informationen schlich ich mich leise wieder auf den Weg zurück. „Na Mademoiselle, habt Ihr auch alles mitbekommen, was nicht für eure Ohren bestimmt war.", sprach mich eine Stimme hinter mir an. Ich drehte mich um und sah mir gegenüber einen Herren stehen. „Das sieht nicht so aus, als ob ich gelauscht hätte, ich meine ich habe nichts über Artefakte oder Shay gehört.", plapperte ich drauf los, bis sich mein Gehirn endlich einschaltete. „Ups, das wollte ich eigentlich gerade nicht laut sagen und das auch nicht. Ich glaube ich sollte jetzt lieber meinen Mund halten.", gab ich jetzt etwas kleinlaut zu. Wieso konnte ich nicht einmal meinen Mund halten und einfach nur still und leise denken. Argh verdammt!
Der Mann packte mich am Arm und führte mich zurück zum Herrenhaus. Er öffnete die Tür schwungvoll und diese krachte mit voller Wucht gegen die Wand. Jetzt war uns die Aufmerksamkeit von allen im Haus gewiss. „Achilles, mon ami. Das nächste mal vergewissert euch besser, das ihr nicht von kleinen Vögeln belauscht werdet.", sagte der Fremde und schob mich etwas unsanft in das Arbeitszimmer. Da mein Begleiter eh schon gesagt hatte, was ich verbrochen hatte, ging ich auf Angriff, leugnen wäre eh sinnlos gewesen. „Ihr habt gemeint, ihr wüsstet nicht wie die Artefakte wirken, doch Shay sagte es euch und ihr wollt trotzdem weitersuchen?", fragte ich vorwurfsvoll die anwesenden Assassinen. „Es stimmt, dass wir wussten wie diese Artefakte angeblich wirken, aber die Templer dürfen diese Artefakte nicht in die Hände bekommen.", meinte ihr Meister ruhig. „Das gibt euch aber noch lange nicht das Recht über das Leben der unschuldigen zu entscheiden. Das werde ich nicht zulassen!", sagte ich energisch. „Dann landet ihr im Meer, wie Shay.", fauchte mich jetzt Hope an und dann ging alles ganz schnell. Liam und der Fremde kamen auf mich zu und nahmen mir meine Waffen ab und hielten mich zusammen fest. „Bringt sie erst mal in ihr Zimmer und stellt Wachen vor die Tür und das Fenster. Ihre Waffen behalte ich hier und morgen entscheiden wir was aus ihr werden soll.", gab Achilles den Befehl, welcher sogleich ausgeführt wurde.
Da saß ich nun in meinen Zimmer und überlegte wie ich am besten aus dieser Situation entkommen konnte, Wenn es nach dieser Pute von einer Assassine ging, wäre ich schon längst über die Klippen geflogen und nicht mehr unter den Lebenden. Achilles würde mich bestimmt nicht töten, aber frei lassen würde er mich auch nicht. Lieber sperrte er mich hier bis an mein Lebensende ein und Liam? Ihn konnte ich schwer einschätzen. Stimmte es was Hope behauptete und er mochte mich? Das macht es nicht einfacher. Bestimmt hält er zu Achilles und ich könnte einfach abwarten und sehen was morgen passiert oder ich sollte heute Nacht das Weite suchen und wieder zurück nach England segeln. Dort wäre ich allem weiteren Trubel um diese Artefakte los und John erzählte ich einfach das die Assassinen seine Bitte erfüllten. Doch diese Lösung konnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren und so beschloss ich Schritt eins in die Tat umzusetzen. Von hier zu verschwinden und dann weiter sehen.
Durch meine ganzen Überlegungen war es bereits Nacht geworden und ich schlich leise zu meinem Fenster. Ich schaute hinaus und erspähte die Wache in einem Baum. Ich öffnete das Fenster und von der Wache kam keine Reaktion. So holte ich mein Gepäck und warf es aus dem Fenster. Zum Schluss schnappte ich mir noch mein Medizinkästchen und kletterte auf den Baum, welcher vor meinem Fenster stand. Von dort aus erreichte ich den Boden und hob mein restliches Gepäck auf. Wie gut das diese Wache einen so festen Schlaf hatte und so konnte ich mich leise in Richtung Stall schleichen. Als ich dort ankam war alles dunkel und ich musste mich langsam vortasten. Aber als ob es meine treue Gefährtin wusste, dass ich nach ihr suchte, schlug sie mit der Hufe gegen ihre Box. Ich folgte dem Geräusch und ertaste auf dem Weg zu ihr noch einen Sattel und Zaumzeug. Ich öffnete ihre Box und Banfhlath trat zu mir auf den Gang. Ich legte meine Hand auf ihren Hals und zusammen verließen wir den dunklen Stall. Auf dem Hof sattelte ich sie schnell und verstaute die Satteltaschen und mein Kästchen sicher auf ihren Rücken.
Noch immer tauchten keine Wachen auf. Seltsam aber mir sollte es Recht sein und ich führte Banfhlath in Richtung Herrenhaus. Ich musste nur schnell meine Waffen holen und dann war ich von hier verschwunden. Ich parkte meine Gefährtin vor der Tür und öffnete diese leise. Ich trat ein und schlich leise in das Arbeitszimmer. Ich schaute mich kurz um und auf Achilles Schreibtisch erblickte ich meine Waffen. Lautlos ging ich zum Tisch und legte meine Schmuckstücke wieder an. Als erstes die versteckten Klingen, dann meine Pistolen und zum Schluss noch meinen Säbel, Dolch und die Wurfmesser. „Du willst uns also verlassen, Faith.", sagte eine Stimme vom Eingang aus. Ich drehte mich um und erkannte Liam. „Ich muss gehen, Liam. Hope würde mich am liebsten meucheln und was euer Meister mit mir vor hat ist bestimmt auch nicht so gut für mich." „Ich würde nicht zulassen das sie dich töten, aber ich werde dich nicht aufhalten. Faith folge dem Pfad westlich vom Hauptweg, so umgehst du die Wachen und kommst am Ende der Schlucht raus. Von dort findest du bestimmt deinen Weg. Geh jetzt! Sie werden bald merken das du nicht mehr da bist.", sagte er etwas geknickt zu mir.
Ich lief auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Doch Liam dachte anders und drehte seine Kopf so, dass sich unsere Lippen berührten. Langsam bat er mit seiner Zunge um Einlass und ich gewährte sie ihm ohne zu zögern. Es war ein Kampf unserer Zungen und keiner von uns beiden wollte nachgeben. In meinem Bauch breitete sich ein kribbeln aus, welches sich bis in meinen Unterleib fortsetzte. So ein Gefühl hatte ich noch nie gespürt und es fühlte sich schön an. Nach einer kleinen Ewigkeit lösten wir uns von einander. Wir brauchten keine Worte, unser Blicke reichten vollkommen. Leider hatte ich keine Zeit mehr, ich nickte Liam nochmal zu und verschwand aus dem Herrenhaus. Draußen wartete meine treue Gefährtin auf mich, ich stieg in den Sattel und verließ Davenport in westliche Richtung.
Oh verdammt! Jetzt hatte ich den Assassinen vergessen von den Templern zu erzählen, welche ich gesehen hatte. Na ja zurück konnte ich nicht mehr und so gab ich Banfhlath die Sporen um genug Abstand zwischen mich und Davenport zu bringen. Nach einer halben Stunde lockerte ich die Zügel und meine Gefährtin konnte sich selbst einen Weg suchen. Ich versank schnell in Gedanken und berührte dabei leicht meine Lippen. Der Kuss war wirklich schön gewesen und in meinen Inneren hoffte ich Liam bald wiederzusehen. Ich mochte ihn, er war nett zu mir gewesen und hatte anscheinend doch etwas von mir gewollt. Ich schob diese Gedanken an Liam beiseite und konzentrierte mich wieder auf den Weg vor mir. Ein Glück war Vollmond und so konnten wir die Nacht durchreiten. Was die Zukunft wohl brachte?, fragte ich mich und dachte an die hiesigen Assassinen. Jeder will die Welt beherrschen, sogar Assassinen und dafür war ihnen jedes Mittel Recht. Diese Tatsache stimmte mich traurig und langsam ritt ich der Dämmerung entgegen.
