Kapitel 12 - Was nun?

Nach einigen Stunden erreichte ich Lexington und der Morgen fing an zu grauen. Mein Magen hing mir in den Kniekehlen, meine letztes Mahl war auch schon fast einen Tag her und so beschloss ich mir eine kleine Rast zu gönnen. Als hätte ich es geahnt, zählte ich noch schnell mein Geld und stellte mit entsetzen fest, dass es nur noch drei Pfund waren. Das durfte doch nicht wahr sein. Man hatte mich bestohlen, aber nur wo? Ich überlegte kurz und kam zu dem Entschluss, das ich vor zwei Tagen noch alles hatte, als ich von Lexington in Richtung Davenport aufbrach. Dann musste der Diebstahl in Davenport passiert sein. Na toll die Assassinen wollten mich nicht nur töten, sondern vergriffen sich auch noch an fremden Eigentum. Ich hatte jetzt gar nichts mehr. Kein Geld um in die Heimat zu kommen und keine Hilfe von meinen Brüdern und Schwestern.

Betrübt hielt ich vor dem Gemischtwarenladen an und der Besitzer schaute mich mit großen Augen an. War wohl so frühe Kundschaft nicht gewohnt oder ich störte ihn nur beim Fegen, konnte auch sein. Ich stieg von meinem Ross und lächelte den Mann freundlich an. Vielleicht half es ja. „Madain mhath, mo buidheag. Hast du deinen Laden schon offen?", fragte ich und ließ meinen Londoner Dialekt einfach mal sein. „Guten morgen Miss, für euch öffne ich meinen Laden gerne etwas früher. Benötigt ihr etwas spezielles?", fragt er mich freundlich. „Nur ein paar Vorräte.", antwortete ich ihm. „Wenn es weiter nichts ist. Ein bisschen Trockenfleisch und ein paar Äpfel habe ich noch vorrätig." „Das reicht mir vollkommen aus.", sagte ich zu ihm und folgte dem Besitzer in seinen Laden.

Der Mann machte sich gleich daran, das Fleisch und zehn Äpfel in einen kleinen Sack zu packen. Er reichte mir meinen Einkauf und ich hoffte, dass mein Geld noch reichen würde. „Das wären dann neunzig Pence." „Oh bitte hier ist das Geld.", meinte ich zu ihm und war erstaunt wie preiswert es war. So preiswert war ich in den Kolonien noch nie weggekommen. Ich wollte unbedingt wissen, wieso ich so wenig bezahlen musste und fragte einfach den netten Verkäufer nach dem Grund. Seine Antwort war wirklich interessant, denn der gute Herr gab seine Waren preiswert an Landsleute, so wie ich, war er gebürtiger Schotte und von den Sassenach verlangte er das dreifache.

Und wo wollt ihr um diese Tageszeit hin, Miss?", fragte er mich weiter aus. „Das weiß ich noch nicht so genau, dort wo ich Arbeit bekommen kann. Ihr habt nicht zufällig einen Vorschlag? Oh habt ihr da etwa Chinarinde?", fragte ich ihn. „Ja hab ich ganz neu im Sortiment, doch leider wissen die wenigsten was es ist. Seid ihr etwa eine Heilerin?" „Ja, meine Ziehmutter brachte mir viel über die Heilkunst bei und es macht mir Spaß. Ich helfe gerne den Menschen.", antwortete ich ihm ehrlich. „Dann junge Dame gibt es in New York auf jeden Fall genug Arbeit für euch. Warte kurz. Mein Schwager dritten Grades lebt dort mit seinem holden Drachen. Den beiden gehört eine kleine Taverne in Lower Manhattan. Diese liegt an der Grenze zu Greenwich. Ich schreibe ein paar Zeilen für euch und den Weg noch dazu. Wenn nicht fragt in der Stadt einfach nach dem „Appel Pie" und den Grants. Die Menschen werden euch den Weg schon sagen.", erzählte er gut gelaunt und verschwand kurz nach hinten um den Brief zu schreiben.

Er kam wieder hervor, überreichte mir den Brief und ich bedankte mich für seine Hilfe. Als ich den Laden verlassen wollte rief er mir noch etwas zu „Miss bleiben sie bei ihren schottisch Dialekt. Der passt viel besser zu ihnen". Ich winkte ihm, als Zeichen des Verstehens und stieg draußen auf meine treue Gefährtin. Also auf nach New York und mal sehen was mich dort so alles erwartet.

Nach einer Woche erreichte ich endlich New York. Diese Stadt war verdammt breit gefächert und so musste ich mich durch zwei Stadtteile fragen, bis ich vor einem großen Haus stand. In der einen Haushälfte war eine kleine Taverne untergebracht und bei der anderen stand das darin befindliche Geschäft leer. Jetzt war ich endlich bei meinem nächsten Ziel angekommen, doch was machte ich jetzt mit Banfhlath? Ich konnte sie schlecht ohne Aufsicht hier stehen lassen, wenn ich in die Taverne ging. Ich schaute mich etwas um und entdeckte ein kleines Mädchen. Bestimmt war sie nicht älter als zehn und ihren Sachen nach zu urteilen, hatte die kleine sehr arme Eltern oder gar keine. Ich ging auf die kleine zu und sie schaute mich erstaunt aus ihren großen braunen Augen an.

A leannan, willst du dir ein paar Pence verdienen?", fragte ich sie. „Ja klar doch Miss, was soll ich für sie erledigen?" „Siehst du das schwarze Pferd bei der Taverne, es ist meine treue Gefährtin. Kannst du kurz auf sie aufpassen? Du bekommst auch zwanzig Pence", fragte ich sie höflich. „Abgemacht! Für das Geld können Sie sich auch ruhig Zeit lassen. Miss.", sagte sie mir freudestrahlend. Ich lächelte ihr zu und gemeinsam liefen wir zu Banfhlath. Bevor ich in die Taverne ging, tätschelte ich noch Banfhlath und sagte ihr das ich gleich wieder das sein würde.

Ich öffnete die Tür zur Taverne und ging mit zügigen Schritten zur Bar. „Mo buidheag, ciamar a tha thu?", sprach ich den Besitzer an. Der Wirt grinste mich an „Ihr seid eine Landsfrau und so wie Ihr klingt aus Edinburgh. Ich selbst stamme aus Aberdeen. Was führt Euch in die Kolonien?", fragte er mich. Ich griff in meine Tasche und reichte ihm den Brief von seinem Schwager. Der Wirt öffnete den Brief und begann zu lesen. Als er den Brief gelesen hatte schaute er mich an. „Also seid ihr eine Jungfrau in Nöten, sozusagen. Wenn du willst kannst du hier gerne als Bedienung anfangen, bist du was als Heilerin findest.", schlug er mir vor. „Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen.", bedankte ich mich bei ihm. „Du kannst ruhig Alex zu mir sagen und du bist...?" „Faith. Ich heiße Faith McGregor und danke für das Angebot". Alex winkte ab und rief nach einer gewissen Margery.

Die gute Margery betrat meckernd den Raum und stockte kurz als sie mich erblickte. „Und wer seid Ihr?", fauchte sie mich an „Ich bin Faith und es freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen.", antwortete ich ihr höflich. „Was seid ihr doch für eine nette und freundliche Sassenach. Was willst du von mir Alex. Ich habe hinten noch genug zu tun.", fuhr sie den Wirt weiter an. Das war dann wohl der Hausdrachen, wie es sein Schwager zu sagen pflegte. „Kannst du Faith das Zimmer oben im Dachgeschoss zeigen.",fragte Alex seine Frau. Margery drehte sich zu mir um und musterte mich genauer. „Diese Sassenach soll also unsere neue Aushilfe sein? Hast wohl nur wieder mit deinem Schwanz gedacht! Wie kannst du so etwas nur hinter meinen Rücken entscheiden? Sieh sie dir doch an, man könnte meinen sie kommt von einem Schlachtfeld und du willst sie unbedingt als unsere neue Aushilfe. Argh!", kam die gute jetzt richtig in fahrt und beschimpfte ihren Mann die nächsten fünf Minuten, ohne dabei großartig Luft zu holen.

Während die beiden diskutierten, schaute ich mich in der Taverne um. Viele der Gäste hatten ihre Aufmerksamkeit auf das Ehepaar gelenkt und einige feuerten die Beiden auch noch an. In meine Beobachtungen vertieft bemerkte ich gar nicht wie die Gastwirte ihre Meinungsverschiedenheit geklärt hatten, als mich Margery anfauchte „Was kannst du kleine Sassenach alles"? Ich überlegte einen Moment. Das ich normalerweise Leute über den Jordan schickte sollte ich besser nicht erwähnen. „Kochen, putzen und ausschenken werde ich hinbekommen.", erklärte ich ihr und hoffte, dass es für sie genug war. „Gut. Die Treppe ganz nach oben, das zweite Zimmer von links. Hast du noch andere Sachen außer dieser seltsamen Kutte?" Ich nickte und fragte sogleich noch wo ich meine Gefährtin unterstellen konnte. Sie verdrehte die Augen und sagte, dass der Stall hinter dem Haus sei.

Als ich schon fast wieder aus der Schenke war, rief mir Margery noch zu, dass ich mich gefälligst beeilen sollte. Draußen wartete Banfhlath brav auf mich und lies sich von den kleinen Mädchen streicheln. Die gute hatte wirklich einen sehr guten Charakter und zickte niemals großartig rum. Eine wirklich ausgezeichnete Gefährtin. „Ihr Pferd war ganz lieb. Krieg ich jetzt mein Geld, Lady?", fragte mich das kleine Mädchen direkt. „Hier deine zwanzig Pence.", sagte ich und gab ihr ihren Lohn. Die kleine strahlte mich an und winkte mir nochmals zum Abschied, bevor sie hinter der nächsten Straßenecke verschwand.

Ich nahm die Zügel von Banfhlath und führte sie um das Haus herum, in Richtung Stall. Dort waren nur zwei weitere Boxen belegt und so bekam meine Gefährtin die größte Box. Schnell sattelte ich sie ab und gab noch eine große Portion Heu in die Raufe, dann schnappte ich die Satteltaschen und begab mich zu meiner neuen Unterkunft.

In meinem neuen Zimmer schaute ich mich erst mal um. Viele Möbel gab es nicht, ein Bett, Tisch, zwei Stühle und eine Kleidertruhe. Das Sonnenlicht schien durch ein Fenster, welches auf das Hausdach führte. Man konnte sogar den Staub tanzen sehen,die Sonne sendete ihren Strahlen direkt in mein neues Zimmer. Es würde voll und ganz reichen, außerdem könnte ich das Zimmer später noch verschönern. Hauptsache ich hatte einen trockenen Schlafplatz. Ich legte meine Satteltaschen auf das Bett und fing an mein Kleid in diesen zu suchen. Als ich das Kleid fand, hatte ich schon sämtlichen Inhalt der Satteltaschen im Zimmer verteilt. Nun das Chaos würde ich später beseitigen, jetzt musste ich mich bei dem Drachen melden. Ich schlüpfte schnell in das Kleid und verließ mein neues Zimmer, um in die Küche zu gehen.

Als ich in die Küche trat, stand Margery mit dem Rücken zu mir. „Da bin ich, Margery.",sagte ich zu ihr. „Nenne mich nicht so Sassenach, für dich heißt es Chefin, verstanden!", fauchte sie mich an. Bevor ich noch etwas auf diese Bemerkung erwidern konnte, scheuchte sie mich aus der Küche in den Schankraum. Dort wurde ich freundlich von ihrem Mann begrüßt „Hallo Faith, hab dich gar nicht erkannt in dem Kleid. Das steht dir hervorragend und bitte urteile nicht zu hart über meine Frau, sie ist sonst nicht so griesgrämig". Ich nickte ihm nur zu „Was soll ich tun, Alex", fragte ich ihn und schaute mich im Gastraum um. „Ganz einfach, du fragst die Leute was sie wollen, sagst das dann mir und ich werde die Drinks zubereiten und du bringst es der Kundschaft an den Platz. Das ist meiner Frau letztens eingefallen, sie nennt es ein neues Geschäftsmodell um mehr Kundschaft anzulocken.", erklärte er mir meine Aufgabe. „Also soll ich die Leute bedienen, richtig Alex?" „Genau so ist es und jetzt los mit dir. Die Leute dort hinten in der Ecke haben noch nichts". Damit war meine Einweisung beendet und ich lief zu dem besagten Tisch.

Was darf ich den Herren bringen?", begrüßte ich die Gäste höflich. Einer der Herren drehte sich zu mir um und grinste mich an „Na so was hab ich in noch keiner Taverne erlebt, man fragt tatsächlich was wir haben wollen.", sagte der Herr erstaunt zu mir. „Das ist ein neuer Service, das gibt es nur im „Appel Pie". Möchten sie vielleicht einen Becher Ale?", fragte ich weiter nach. „Na wenn das so ist, dann nehme ich dich Schätzchen.", antwortete mein Gegenüber frech und meine Laune war im Keller. „Sag wenn ich dich kastrieren soll, kannst es ja gerne versuchen mich anzutatschen.", fauchte ich ihn gereizt an. Bevor der Herr aber noch einen weiteren Kommentar abgeben konnte, schaltete sich sein Begleiter ein. „Lass es gut sein Gist, wir nehmen zwei Ale, Miss.", sagte er freundlich zu mir. „Kommt sofort, meine Herren.", antwortete ich ihnen und verschwand in Richtung Tresen, zu Alex.

Zwei Ale für die beiden Herren in der Ecke", gab ich die Bestellung weiter. Während Alex das Ale in die Becher füllte, schaute er mich skeptisch an „Faith, wenn du weiter so böse guckst, vergraulst du noch unsere Kundschaft. Immer schön lächeln. Hier das Ale.", belehrte er mich. Ich nahm die zwei Becher und ging wieder zu den beiden Herrschaften zurück. „Bitteschön, ihr Ale. Das macht dann 10 Pence", sagte ich freundlich und stellte die Getränke auf den Tisch. „Das ist ja ein wahrer Wucherpreis", regte sich dieser Gist auf doch sein Kumpane gab mir das Geld. „Das solltet ihr nicht zahlen, Colonel Monro.", versuchte Gist die Zahlung rückgängig zu machen. Ich lies die beiden Herren alleine und wand mich meinen nächsten Gästen zu und so ging das noch eine ganze Weile, bis endlich die letzten Trunkenbolde verschwunden waren.

Als ich die letzten Becher abgewaschen hatte, taten mir meine Füße weh und ich wollte nur noch ins Bett. So zündete ich mir eine Kerze an, wünschte Alex noch eine gute Nacht und verschwand in meinem Zimmer. Ich stellte die Kerze auf den Tisch und wollte gerade mein Kleid ausziehen, als ich von unten Lärm hörte. Schnell griff ich die Kerze und lief die Treppe wieder herunter. Im Schankraum angekommen, erblickte ich vier Kerle welche anscheinend Streit mit Alex suchten. Diese Feiglinge, dachte ich und bevor ich überhaupt nachdachte trat ich in den Raum. „Hey ihr Deppen, findet ihr es gerecht, wenn vier Männer auf einen Losgehen? Sucht euch gefälligst jemanden der euch in die Schranken weißt.", rief ich zu den Eindringlingen. Diese drehten sich zu mir und grinsten mich böse an. „Etwa du, kleines Miststück?", sagte ihr Anführer und schon gingen sie auf mich los.

Übersetzung: Madain mhath, mo buidheag - Guten Morgen mein Freund

Mo buidheag, ciamar a tha thu - Wie geht es dir, mein Freund