Kapitel 14 - Er lebt!
Das konnte nicht sein! Nein Sie hatten doch gemeint das er Tod wäre, die Klippen ins Meer hinabgestürzt. Wie konnte er das nur überleben? Ich stand in dem Zimmer und wir starrten uns beide an als wäre der jeweils andere ein Geist. Was machte er hier in New York? Wie war er hierher gekommen? Wer hatte ihn gerettet? Mein Verstand überschlug sich förmlich mit fragen, doch mein Körper schien wie von selbst zu reagieren. Während er sich im Bett aufsetzte, ging ich auf ihn zu und Tränen liefen mir die Wange hinunter. Ich heulte bestimmt wie ein Schlosshund, doch egal was ich versuchte, die Tränen wollten nicht aufhören. Als ich vor ihm stand, streckte ich meine rechte Hand aus und berührte vorsichtig sein Gesicht. Sein Bart kitzelte an meiner Handfläche und seine Haare waren jetzt schulterlang. Ich betrachtete ihn weiter und stellte fest, dass er eine Verletzung am rechten Auge hatte. Doch diese war schon gut verheilt, es würde eine Narbe bleiben, welche sich quer über sein Auge ziehen würde. Um seine Brust trug er einen Verband und auch sonst sah er etwas lädiert aus. Kein Wunder, er war bestimmt 25 Meter die Klippe runter gestürzt und gerade so dem Tod von der Schippe gesprungen.
„Du bist am Leben, mo chride.", flüsterte ich leise zu ihm. „Faith. Was? Wie?",fragte er mich verwirrt. Ich lächelte ihn an und umarmte ihn einfach. Zu groß war meine Freude, dass er am Leben war. Erst verkrampfte er sich, doch dann schien er sich langsam zu entspannen und erwiderte sogar meine Umarmung. Als ich seine Arme um mich spürte, raste mein Herz wie wild. Nach zwei Minuten löste ich mich von ihm und schaute in seine Augen. „Tschuldigung mo chride.", nuschelte ich verlegen. Was war nur mit mir los. Ich warf mich doch sonst nicht den Kerlen an den Hals und kaum das ich ihn sah, passierte so was. „Schon in Ordnung, Prinzessin. Aber was machst du hier in den Kolonien und warum bist du bei den Finnegans?", fragte er mich und setzte sich noch ein Stück auf. „Das ist eine lange Geschichte, mo chride.", wollte ich mich um dieses Gespräch drücken. „Außerdem bin ich hier, weil ich deine neue Heilerin bin. Wie fühlst du dich?", versuchte ich vom Thema abzulenken. „Guter Versuch, Prinzessin. Aber was machst du hier?", ließ Shay nicht locker. Ich ergab mich meinem Schicksal und setzte mich einfach auf die Bettkante neben Shay und fing an zu erzählen, von meiner Mission die Assassinen zu hindern noch mehr Unschuldige zu ermorden, wie ich kläglich gescheitert war und hier jetzt wegen Geldmangel festsitzen würde. Shay schaute mich nur an und sagte nichts als ich meine Erklärung beendet hatte.
Weil mir nach einer Weile das Schweigen von Shay zu viel wurde, stand ich auf und fing an in meiner Tasche zu kramen. Das holte den Herren aus seiner Starre „Was machst du da Prinzessin?", fragte er mich skeptisch. „Ich werde jetzt meiner Aufgabe nachgehen und deine Verbände wechseln. Und jetzt, Beine aus dem Bett.", befahl ich ihm. Auf Shay's Gesicht breitete sich ein Grinsen aus und er gehorchte mir ohne murren. Er legte sich seine Decke über die Hüfte und ich wurde mit einem Schlag rot im Gesicht. Er hatte unter der Decke nichts an!, schrien meine Gedanken. Um mich abzulenken kramte ich wahllos in meiner Tasche. Nur nichts anmerken lassen. Du bist eine Heilerin Faith und du hast schon oft genug nackte Menschen gesehen. Ich atmete nochmals tief durch und legte die neuen Verbände und eine Salbe bereit.
Ich stellte mich vor meinen Patienten und untersuchte als erstes seine Verletzung am Auge. Diese war gut verheilt und bedurfte meiner Hilfe nicht mehr. Dann weiter zur nächsten. Ich nahm Vorsichtig seinen Verband, welcher um die Brust gewickelt war und fing an diesen zu lösen. Der Verband war fast komplett ab, als das letzte Stück auf Shay's Haut kleben blieb. Aha, da war diese Wunde noch nicht so verheilt wie sie sollte. Ich griff um Shay und löste mit den Fingerspitzen den Verband am Rücken. Zum Vorschein kam ein Einschussloch einer Pistole und ich zog unwillkürlich scharf die Luft ein. Wie konnten die Assassinen so was nur ihren Bruder antun? „Alles in Ordnung, Prinzessin?, fragte mich Shay, welcher meine Reaktion anscheinend mitbekommen hatte. „Ja alles bestens, mo chride. Wer war es?", konnte ich meinen Mund nicht halten. „Liam", knurrte Shay nur und an seinen Tonfall merkte ich, dass er darauf nicht weiter eingehen wollte. Seinen Wunsch akzeptierend konzentrierte ich mich wieder auf meine Arbeit und holte noch eine kleine Flasche Alkohol und saubere Tücher aus meiner Tasche. Dann ging ich zur Tür und huschte schnell zu den Finnegans runter, um kurze Zeit später mit einer Schale warmen Wassers wiederzukommen. Mein Patient schaute mich zwar überrascht an, aber ich wollte ihn heilen und nicht vergiften.
Langsam stellte ich die Schale auf den Tisch und befeuchte ein weiteres Tuch mit dem Wasser. „Könnte jetzt etwas nass werden.", versuchte ich die erneute Stille zu brechen und fing an die Wunde am Rücken vorsichtig auszuwaschen. „Sag wenn es zu sehr schmerzt.", meinte ich zu meinem Patienten und tupfte mit einem weiteren Tuch die Verletzung trocken. „Es geht, Prinzessin. Du bist wirklich sehr sanft zu mir.", antwortete Shay und Lachen lag in seiner Stimme. Ich legte die Tücher beiseite und nahm mir die Flasche mit den Alkohol. Ich schüttete etwas in ein weiteres Tuch und drückte es auf die Wunde. Shay erstarrte kurz, sonst kam aber kein Laut über seine Lippen. Ich nahm das Tuch wieder weg und wand mich an Shay's nächste Verletzung.
Ich hockte mich vor ihn und betrachtete die Verletzung auf seiner Brust. Es war ein glatter Durchschuss von Liam und die Kugel steckte zum Glück nicht mehr in Shay's Körper. Ich säuberte diese Wunde sorgfältig und bevor ich den Verband erneuerte holte ich eine spezielle Salbe aus meiner Tasche. Ich öffnete den Deckel des Tiegels und sofort breitete sich das Aroma der Salbe im Zimmer aus. „Du willst das doch nicht etwa auf mich schmieren?", fragte mich Shay skeptisch. „Doch das hatte ich eigentlich vor, mo chride. Diese Salbe beschleunigt die Wundheilung und verhindert eine weitere Entzündung der Wunde. Die Salbe hilft, ich spreche aus Erfahrung", versuchte ich Shay von den Qualitäten der Salbe zu überzeugen. „Was ist da drin?", fragte er mich weiter aus. „Myrrhe, Knoblauch und Ringelblume. Aber bist du hier der Heiler oder ich?", antwortete ich leicht genervt und trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich werde dir jetzt diese Salbe auf deine Wunden auftragen und du wirst stillhalten, Mister Cormac", drohte ich ihm. „Und wenn nicht? Was wirst du dann mit mir machen. Du wirst doch nicht etwa deinen Patienten quälen oder Prinzessin?", entgegnete er mir. „Wenn es hilf ihn zu heilen. Ja.", gab ich trocken zurück. „Dann versuch es!", provozierte er mich weiter und das lies ich mir nicht zweimal sagen.
Ich stellte den Tiegel auf den kleinen Nachttisch und nahm etwas von der Salbe zwischen meine Finger. „Wie willst du es jetzt anstellen?", reizte er mich weiter. Ohne lange zu überlegen setzte ich mich einfach auf seine Beine und Shay erstarrte sofort. Eins zu null für mich, dachte ich und trug die Salbe auf beide Verletzungen auf. Als ich damit fertig war stand ich wieder von ihm auf und wischte meine Hände an einem der Tücher ab. „Das war unfair, Prinzessin.", nuschelte Shay. „Wieso?", fragte ich ihn und war mir wirklich keiner Schuld bewusst. Er hatte doch mit diesem Spiel angefangen. Aber Shay winkte nur ab und so legte ich ihn noch schnell einen neuen Verband an. „Fertig, mo chride.", sagte ich und trat einen Schritt zurück.
„Danke, Prinzessin. So etwas hätte ich dir nicht zugetraut.", sagte mein Gegenüber. „Ich stecke eben voller Überraschungen, mo chride. So brauchst du noch etwas oder kann ich dich alleine lassen? Ich werde morgen nochmal nach dir sehen.", wollte ich mich von ihm verabschieden, ich musste schließlich noch zu dem kleinen Jungen und die Grants warteten auch schon auf mich. „Du willst mich also verlassen, Prinzessin", sagte Shay etwas geknickt und er schaute mich mit einem traurigen Blick an. „Ich muss, mo chride. Ein kleiner Junge wartet noch auf mich und meine andere Arbeit ebenfalls. Ich hab wirklich keine Zeit mit dir zu plaudern, auch wenn ich es gern täte Shay.", versuchte ich mein Verhalten zu erklären. „ Aber wenn es hilft, komme ich morgen wieder hier vorbei und wir können in aller Ruhe reden. Ich denke du hast viele Fragen.", bot ich ihm an. „Das hört sich doch gut an. Wir sehen uns dann morgen, Prinzessin.", meinte Shay etwas fröhlicher. „Das hört sich so an als würdest du mich jetzt rausschmeißen, mo chride.", neckte ich ihn und nahm den Träger meiner Tasche über meine Schulter, hob die dreckigen Lappen auf und zum Schluss balancierte ich die Wasserschale mit einer Hand in Richtung Tür. Doch diese war leider verschlossen und ich hörte vom Bett ein Lachen. Ich drehte mich zu Shay um, streckte ihm die Zunge raus und öffnete die Tür einfach mit meinem Ellenbogen, dann stolzierte ich aus seinem Zimmer und lies einfach die Tür offen. Was dachte sich dieser Kerl nur, mich auszulachen. Ich ging den Flur entlang und kurz vor der Treppe hörte ich Shay nochmals rufen. „Bis morgen Prinzessin und Danke".
Ich ging die Treppe vorsichtig runter und in dem kleinen Wohnzimmer kam mir schon Barry zur Hilfe. Er nahm mir die Wasserschüssel ab und ich folgte ihm um die Tücher abzulegen. Ich sagte ihm noch, dass die Tücher gewaschen werden mussten, dann schaute ich nochmal kurz zu Cassidy. „Geht es schon ein wenig besser?", erkundigte ich mich bei ihr. „Ja, danke der Nachfrage.", antwortete sie mir und ich sagte dem Ehepaar, dass ich morgen nochmal vorbeikommen würde.
Als ich das Haus der Finnegans verließ, fing es bereits an zu dämmern. Schnell besuchte ich noch meinen kleinen Patienten mit dem gebrochen Bein, um dann ins Appel Pie zurück zukehren. Dort wartete schließlich auch Arbeit auf mich und das nicht zu knapp. Als ich in mein Bett fiel, war es bereits nach Mitternacht. Was für ein Tag, dachte ich und ließ alles nochmal Revue passieren. Shay lebte und hatte anscheinend keine Ahnung was in dieser Stadt vorging. Wie auch, er war mindestens zwei Monate nicht bei Bewusstsein und selbst jetzt konnte er sich nicht so bewegen wie er wollte. Aber da war noch etwas. Shay war anderes als in Lissabon, viel zurückhaltender, aber was wusste ich schon von Ihm. Ich kannte ihn ja kaum. Ich grübelte noch eine Weile vor mich hin und schlief dann langsam ein.
Der nächste Morgen brach schottisch an, es regnete in strömen und so wurde ich schon das erste mal nass, als ich zum Stall rannte. Wie konnte das Wetter nur so schnell umschlagen? Gestern noch strahlender Sonnenschein und heute so ein Mistwetter. Ich öffnete die Stalltür und meine Gefährtin begrüßte mich mit einem Wiehern. Ich ging zu Ihr in die Box und streichelte sie kurz. Banfhlath drehte ihren Kopf ein wenig und zwickte mich leicht in meinen Oberschenkel. „Ich gebe dir ja schon was", sagte ich zu ihr. Ich holte ein wenig Hafer für sie, gab ihr das Futter in die Krippe und steckte Banfhlath noch ein wenig Heu in die Raufe. Damit war die gute erst mal versorgt und ich konnte die anderen Tiere füttern. Neben meinem Pferd, gab es noch einen braunen Hengst, welcher einem unserer Gäste gehörte, die Grants hatten eine Kuh, drei Schweine, bestimmt sechs Hühner, zwei Ziegen und vier Schafe. Wie gut das der Stall so groß war, sonst hätte es Platzprobleme gegeben.
Nach einer knappen halben Stunde, war das liebe Vieh versorgt und ich konnte endlich selbst was essen. Ich ging durch den Hintereingang in die Küche. Dort wurde ich von Margery freundlich begrüßt und ich setzte mich an den Küchentisch. „Hier bitte Faith.", sagte sie zu mir und stellte eine Schüssel Porridge vor mich. Ich nahm mir einen Löffel und begann zu essen. Ich mochte Margery's Essen, sie konnte wirklich gut kochen und hatte schon am ersten Morgen gemerkt wie ich mein Porridge mochte. Englisch, das hieß mit Zucker und nicht wie in Schottland mit Salz. „Wenn man bedenkt, das wir heute schon wieder Juni haben. Sieht fast nach April aus, bei diesem Regen.", murmelte Margery und setzte sich mir gegenüber an den Tisch. Sie nahm sich eine Schüssel des Haferbreis und löffelte ihn in aller ruhe. „Wo warst du gestern überhaupt solange, Faith?", fragte sie mich. „Mir ist was dazwischen gekommen, hatte noch einen weiteren Hausbesuch in Greenwich und nicht so auf die Zeit geachtet. Ich hoffe ich war nicht zu spät da?", entschuldigte ich mich bei ihr. „Nein ist nicht so wild, Faith. Du hilfst Menschen in Not , die sich keinen Arzt leisten können und willst dafür nichts. Das würden andere Ärzte niemals tun. Es soll hier sogar einen Chirurgen geben, der nur die Reichen behandelt, damit er ja genug Kohle bekommt. Leider komm ich jetzt nicht auf den Namen dieses Halsabschneiders. Ist ja auch egal, aber wir haben verdammtes Glück das eine ban-lighiche bei uns wohnt und auch ab und zu mal hilft.", meinte meine Chefin zu mir. Wir aßen unser Frühstück auf und ich kümmerte mich um den Abwasch, während Margery in der Schankstube aufräumte.
Ich stellte die letzte Schüssel in den Schrank und verließ die Küche. Ich durchquerte den Flur und öffnete die gegenüberliegende Tür. Das war mein kleiner Arbeitsraum, den mir Alex zur Verfügung gestellt hatte. Dort konnte ich meine Kräuter, Medikamente und die anderen Utensilien aufbewahren. Neben einen Schrank und einer Kommode, gab es noch einen Tisch und zwei Stühle. Es war zwar nicht groß, aber es war mein eigenes kleines Reich. Ich nahm meine Tasche und begann diese zu packen. Verbandsmaterial, verschiedene Medikamente und Salben und zum Schluss noch das chirurgische Besteck. Frau konnte ja nie wissen was auf einen zukam.
Ich verließ die Taverne und beschloss heute auf Banfhlath zu reiten. So wäre ich viel schneller bei meinen Patienten und würde vielleicht nicht so nass werden. Ich zog meinen arisaid um mich und lief zum Stall. Ich holte Banfhlath aus ihrer Box und sattelte die Gute. Trotz des trüben Wetters freute sich meine Gefährtin auf den Ausritt und so führte ich sie in den Stadtteil King's Farms. Dieser Stadtteil war am Rand und dort gab es Felder und Wiesen. Perfekt für Banfhlath zum galoppieren und außerdem wohnte dort einer meiner Patienten. Also konnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Mit meinem Ziel vor Augen machte ich mich auf den Weg.
Am Nachmittag des gleichen Tages, stand ich wieder vor dem Haus der Finnegans und heute hatte ich eindeutig mehr Zeit eingeplant als Gestern. „Sheas, Banfhlath.", sagte ich zu meiner Gefährtin und sie stoppte sofort. Ich stieg ab und band die Zügel am Gartenzaun der Finnegans fest. Meine Gefährtin senkte ihren Kopf und fing an das Gras zu fressen. Ich nahm meine Tasche, ging zur Haustür und klopfte an diese. Nach ein paar Sekunden öffnete die Tür sich und Cassidy lies mich eintreten. Hatte ich nicht zu ihr gesagt, sie solle sich schonen? Ich wollte sie gerade zurecht weisen als ich die umgestürzten Möbel sah. Was war hier bitte passiert. „Was?", fragte ich und Cassidy erzählte mir was vorgefallen war. „Das waren diese Schurken von gestern Faith. Sie bedrohten meinen Mann und mich, doch Shay hat sie verjagt. Daraufhin gab mein Mann Shay seine Waffen wieder und er ist Hals über Kopf los um diese Schurken zu bestrafen.", erklärte sie mir hektisch. „Also ist er nur mit seinen Waffen los?", fragte ich sie weiter. „Nein natürlich nicht Faith. Ich gab ihm was von unseren verstorbenen Sohn zum anziehen. Die Zeit hat er sich noch genommen. Er sieht jetzt aus wie ein richtiger Gentleman. Kaum zu glauben das er von einem Boot gestürzt war.", erzählte sie mir. „Danke für die Hilfe, Cassidy. Doch schonen sie sich, ich werde ihn finden und zurück bringen.", versprach ich ihr und verließ das Haus der Finnegans, band die Zügel von Banfhlath los und saß auf. Na Warte Shay Patrick Cormac, wenn ich dich in die Finger kriege, dann wirst du dir wünschen, dass du nie dein Bett verlassen hättest. Mit diesen Gedanken ritt ich los und hoffte ihn bald zu finden.
Übersetzung: arisaid - Schultertuch für Frauen
Sheas - Halt
