Kapitel 17 - Ale und ernste Gespräche

Tschuldige, dass du solange warten musstest, mo chride.", sagte ich als ich wieder das Zimmer betrat. Shay schaute zu mir und ich erkannte, dass er eines meiner Bücher in der Hand hatte. „So was liest du, Prinzessin?", fragte er mich. Ich ging zu ihm und nahm das Buch aus seiner Hand und schaute auf den Umschlag. „Medizinische Pflanzen und ihre Wirkung" stand dort geschrieben. „Ja ich kann nicht alles Wissen. Muss ich ja auch nicht immer, ich sollte nur wissen wo es geschrieben steht.", meinte ich und begab mich zu der Kommode. Dort holte ich einen Tiegel mit meiner speziellen Salbe heraus und stellte diesen auf den Tisch. „Zieh deinen Mantel, die Weste und das Hemd aus, mo chride.", sagte ich zu meinen Patienten. Dieser gehorchte ohne Wiederworte und so konnte ich ihn nochmals untersuchen.

Du machst doch nicht etwa wieder diese Salbe auf mich drauf?", fragte Shay nach ein paar Minuten des Schweigens. „Doch das hatte ich vor, aber in dieser ist mehr Myrre, deshalb geht es vom Geruch her. Jetzt dreh dich bitte ein Stück, damit ich an deinen Rücken komme.", bat ich ihn höflich. Ich untersuchte die Wunde am Rücken und war überrascht. Sie war nicht wieder aufgegangen. Ich versorgte die Verletzung und wand mich als nächstes seiner Brust zu. „Du hattest Glück, mo chride. Die Wunde ist nur etwas mehr gerötet als gestern und nicht wieder aufgegangen.", meinte ich. „Mhm", mehr bekam ich nicht als Antwort und so versorgte ich seine Verletzungen. „Kannst du bitte aufstehen? Ich will deinen Verband neu anlegen.", gab ich Shay weitere Anweisungen. Ich legte Shay die Verbände neu an und wunderte mich warum er so ruhig war. Nun vielleicht dachte er nach, überlegte ich und bekam Shay's Blick welcher auf mir Ruhte nicht mit.

So du kannst dich wieder anziehen." meinte ich als ich fertig war. Shay schwieg mich weiterhin an und langsam wurde mir diese Stille zu viel. Warum sagte dieser Kerl jetzt kein Wort zu mir? Soll einer die Männer verstehen! Ich räumte meine Utensilien in die Kommode zurück und die dreckigen Verbände wanderten direkt in die Wäsche. Dann drehte ich mich zu Shay um. Er hatte sich mittlerweile wieder komplett angekleidet und legte gerade seine Waffen an. „Was ist los mit dir Shay?", fragte ich ihn direkt. Er schaute mich verwirrt an „Ähm, gar nichts. Es ist gar nichts, Prinzessin. Danke für diese Behandlung. Soll ich dich dafür bezahlen?" „Nein, ich will kein Geld. Ich will den Menschen nur helfen, mehr nicht mo chride. Willst du vielleicht noch ein Ale trinken, bevor du wieder zu den Finnegans gehst?", fragte ich ihn und überschlug schnell in meinen Kopf meinen aktuellen Bestand an Bargeld. Müsste reichen. „Gerne, aber nur wenn du mir Gesellschaft leistet.", meinte er jetzt wieder grinsend zu mir. „Okay, aber lass mich erst was anderes anziehen. Ich kann mit jeder Dirne mithalten." „Nein, die wären neidisch auf dich", murmelte Shay, doch ich hörte es und wurde ein wenig rot um die Nase.

Ich verließ das Zimmer und Shay folgte mir wiedereinmal. „Geh einfach den Flur entlang und am Ende rechts. Du kommst genau an der Theke raus. Sag Alex einfach, dass ich dich geschickt hätte.", sagte ich noch und lief in die andere Richtung und ließ Shay allein. Ich stieg die Treppen zu meinem Zimmer empor und öffnete die Tür. Als ich mich umschaute, bemerkte ich das mein Chaos einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. Ich sollte dringend aufräumen. Auf den Boden lagen überall meine Sachen, saubere sowie dreckige und mittendrein noch vereinzelt ein paar Bücher. Kurz das reinste Faith-Chaos. Ich fischte meinen grauen Ornat aus der Truhe, das einzige Kleidungsstück was noch dort drinnen war und legte diesen an. Mein Kleid landete bei diesen ganzen anderen Krempel. Ich würde mich später darum kümmern. Schnell verließ ich mein Zimmer und huschte nach unten zum Schankraum.

Am Tresen sah ich schon Alex, wie er mich angrinste. Ihm gegenüber saß Shay. Beide hatten ein leeres Glas vor sich und ich war mir ziemlich sicher das da kein Ale drin war. Ich setzte mich neben Shay. „Hier, Faith, auch einen für dich.", begrüßte mich Alex und schenkte mir ebenfalls einen Whiskey ein. Shay bekam auch gleich noch einen weiteren. „Slàinte", sagte ich und hob mein Glas. Alex und Shay erwiderten meinen Trinkspruch. „So Faith, du weist ja wo alles steht, ich brauch mal ne kurze Pause. Shay, meine Frau bringt dir gleich was zu Essen. Du hältst die Stellung Faith. Bin in einer halben Stunde zurück, dann kannst du dir den restlichen Abend frei nehmen.", sagte Alex und verschwand schon in Richtung Küche.

Ich schaute mich in der Schenke um, doch es waren nur die üblichen Stammgäste hier und die hatten alle was zu trinken. Ich ging auf die andere Seite der Theke. „Und willst du noch ein Ale oder reicht die der Whiskey?", fragte ich meinen Gegenüber. „Soweit ich mich erinnere, wurde ich von dir eingeladen, Prinzessin oder war das gelogen?", grinste er mich schelmisch an. „Nein ich halte meine Versprechen, mo chride. Bitte ein frisch gezapftes Ale für dich.", und ich stellte ihm einen Krug vor seine Nase. „Trinkst du etwa kein Ale mit?", fragte Shay mich. „Doch! Aber kein Ale, das mag ich nicht so gern. Dafür das.", sprach ich grinsend und holte eine Weinflasche hervor. „Du weist schon, dass dich diese Angewohnheit noch mehr zu einer Prinzessin macht. Das einfache Volk liebt Ale und keinen Wein, Prinzessin." „Mo chride wie kommst du eigentlich darauf, dass ich eine Prinzessin bin. Nennen Sie mir doch bitte die Gründe für diese Behauptung, Mister Cormac.", forderte ich Shay lachend auf. „Wenn Sie es wünschen, Prinzessin. Als erster Grund, du sprichst wie eine dieser feinen englischen Ladys. In Lissabon hat mir dein schottischer Dialekt besser gefallen. Als nächster Punkt. Du trinkst Wein statt Ale! Das sagt schon alles. Aber warum redest du überhaupt so? Willst du nicht das die Leute wissen wo du herkommst, oder was hat dein Verhalten für Gründe? Das würde ich gern von dir Wissen oder habe ich da jetzt einen Wunden Punkt getroffen?", wollte er von mir Wissen und sah mich dabei mit einem bittenden Blick an.

Ich schaute mich kurz um und entdeckte einen Gast mit leerem Becher. Schnell füllte ich einen neuen auf und brachte dem Gast sein Getränk. „So da bin ich wieder.", meinte ich lächelnd und trank noch einen Schluck aus meinem Glas. „Ich warte Prinzessin", meinte Shay ruhig und trank einen weiteren Schluck aus seinem Becher. Mist er hatte meine Verzögerungstaktik durchschaut. Ich füllte mein Glas nach und überlegte wie ich am besten anfangen sollte. Er schaute mich mit seinen dunkelbraunen Augen an und wartete.

Ich weiß nicht wo ich am besten Anfangen soll, mo chride.", sagte ich zu ihm. „Wie wäre es am Anfang, da beginnen die meisten Geschichten doch immer.", meinte Shay ehrlich zu mir. „Okay, Shay ich werde es versuchen. Ich wurde am 29. Februar im Jahre des Herren 1736 geboren, in der schönen schottischen Stadt Edinburgh." „Du hast wirklich am 29. Februar Geburtstag?", fragte er mich ungläubig. „Ja hab ich, ist doch nicht so schlimm, oder?" „Nein. Es ist ein Datum, dass man sich leicht merken kann.", sagte Shay grinsend zu mir. „ Kann ich weiter erzählen?" „Ja aber zuerst hätte ich doch noch gerne eins".

Ich nahm seinen Krug und füllte ihn erneut auf. „Bitteschön, mo chride, wo war ich stehengeblieben?" „Das du in Edinburgh geboren wurdest.", half er mir auf die Sprünge. „Genau. Mit vier Jahren verlor ich meine Mutter an die Pocken, ich selbst überlebte und von da an kümmerte sich meine Großtante um mich." „Was war mit deinem Vater oder hattest du keinen?" „Doch Shay", sagte ich traurig, „aber über diese Person möchte ich vorerst nicht reden" „Entschuldige, ich hätte nicht fragen sollen" „Schon gut, woher solltest du so was wissen, aber weiter in meinem Leben. Meine Großtante war leider nicht mehr die jüngste und so war ich mit 10 Jahren auf mich gestellt." „ Du warst nicht wirklich ganz allein oder? Ich meine in meiner Kindheit habe ich auch so manches mal ein Brot gestohlen, aber Abends hatte ich ein zu Hause wo ich hingehen konnte."

Ich lächelte Shay traurig an. „Nein mo chride, du hast Recht, ich war nicht ganz allein sondern da waren Anna, Dougal und Rupert. Wir haben uns gegenseitig beschützt, doch in einer Oktobernacht half das alles nichts." „Was ist geschehen, Faith?", fragte Shay mich aufrichtig. „Wir legten uns in unserem Versteck schlafen, als uns in der Nacht englische Deserteure fanden. Dougal und Rupert hatten keine Chance gegen sie. Die Deserteure töteten sie. Als diese Kerle Anna und mich fanden, vergewaltigten sie meine Freundin. Anna war vier Jahre älter als ich und sah schon aus wie eine junge Dame. Diese Schweine zwangen mich, es mit anzusehen. Nachdem sie mit ihr fertig waren, wollten sie eigentlich abhauen, aber Anna verletzte ihren Offizier mit ihrem Signa duh am Bein. Dieser elende Bastard zog daraufhin seine Pistole und drückte einfach ab. Es war ein Kopfschuss, sie war sofort tot. Ich glaube wegen diesem Erlebnis habe ich eine Abneigung gegen die Dinger. Jedenfalls war ihr Anführer dann richtig sauer und das ließ er an mir aus. Er selbst nannte es einfach eine kleine Lektion, aber in Wirklichkeit war er ein krankes Schwein.", sagte ich und versuchte nicht in Tränen auszubrechen.

So bin wieder da, Faith, kannst jetzt deinen Abend genießen", sagte auf einmal Alex neben mir. Ich nickte ihm zu, nahm meine Weinflasche und deutete Shay an mir zu folgen. Wir setzten uns an einem abgelegenen Tisch, in einer kleinen Nische und Shay setzte sich genau neben mich. „Was stellte dieser Kerl mit dir an, wenn ich fragen darf?", fragte Shay mich vorsichtig. „Damals dachte ich er hätte mich nur gequält, doch mittlerweile weiß ich das dieser Kerl mich gefoltert hat. Es hat ihm Spaß gemacht mich so zuzurichten. Er fügte mir lauter Schnitte auf meinem Körper zu. Nicht tödlich aber tief genug das ich heute noch was davon habe. Während dieser Prozedur viel ich irgendwann in Ohnmacht und als ich wieder zu mir kam, brannte unser Versteck und die Kerle waren verschwunden. Heute kann ich mich nicht mehr erinnern, wie ich da raus kam. Ich weiß nur noch als ich wieder aufwachte waren fünf Tage vergangen. Mein Mentor John rettete mich. Meine Genesung dauerte mehrere Monate und im Frühjahr das folgenden Jahres entschloss ich mich eine Assassine zu werden. Mit dreizehn nahm mich mein Mentor mit nach London und dort lernte ich eine Lady Melanie kennen. Sie brachte mir bei wie eine englische Dame zu reden, wie man sich in der feinen Gesellschaft bewegte und all so was. Ich habe es mir dann über die Jahre angeeignet, so fiel ich in London weniger auf. Jetzt weist du warum ich so geschwollen rede.", sagte ich und ein Stein viel von meinem Herzen, warum wusste ich nicht, aber ich fühlte mich viel besser. Shay sah mich an und grinste „Nun Prinzessin, du hast also doch eine höhere Ausbildung genossen, dachte ich mir doch.", sagte er und trank seinen Becher aus.

Bin gleich wieder da, Prinzessin.", und damit stand er auf und holte sich seinen vierten Krug. Ich schaute ihm nach. Er hatte nichts weiter zu mir gesagt, Shay hatte einfach zugehört. Es kam keine Tränenflut wie bei Jenny als sie von meinem Schicksal erfuhr. Oder wie bei meinem Assassinenbruder Jack, dieser hatte mich förmlich mit Mitleid übergossen. „Und von wem hast du das Heilen gelernt?", holte mich Shay wieder in die Wirklichkeit. „Oh. Das war die engste Freundin meiner Mutter, Geillis. Sie lehrte mich die Grundlagen und brachte mir alles über Kräuterkunde bei. In London hatte ich mich dann immer heimlich in die Vorlesungen der Medizinstudenten geschlichen und dort was gelernt. Und ab und zu brachten mir einige Ärzte was bei. Aber das meiste habe ich durch zusehen gelernt. Darf ich dich jetzt um deine Lebensgeschichte bitten, mo chride?", fragte ich ihn grinsend. Ja Shay schaffte es irgendwie meine trüben Gedanken fortzuscheuchen und darüber war ich mehr als froh.

Nach dieser Offenheit von dir, na klar.", sagte er fröhlich. „Danke. Wo und wann wurdest du geboren Shay?", waren meine ersten Fragen an ihn. „Soll das etwa ein Verhör werden?" „Shay beantworte meine Fragen nicht mit einer Gegenfrage und ja ich will alles von dir wissen", sagte ich lachend. „Aber beschwere dich nicht, du hast es so gewollt, falls du einschläfst. Mein Leben ist nicht wirklich spannend", meinte er immer noch lachend. „Ich wurde hier in New York geboren, am 18. Dezember 1731. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, ich hab sie also nie kennengelernt. Mein Vater war bei der Handelsmarine und so kümmerte sich meine Tante um mich. Die Gute hatte es nicht immer leicht mit mir, ich zog die Schwierigkeiten magisch an." erzählte er mir und ich musste grinsen. Dieses Talent schien er heute noch zu haben, wenn ich an heute Nachmittag dachte. „Und wie hast du es geschafft diesen Schwierigkeiten zu entkommen?", fragte ich ich frech. Shay's Miene wurde kurz düster, doch er antwortete mir. „Mein bester Freund half mir, Liam O'Brian. Später begleitete ich meinen alten Herren zur See und mein Vater lehrte mich das Kämpfen. Ich erschoss sogar einen Piraten, welcher das Schiff meines Vaters entern wollte." „Und wie lange warst du auf See, mo chride?" „Herbst 1747. Ich war meine Tante besuchen und das Schiff meines Vaters versank in einem Sturm. Keiner Überlebte. Die Zeit danach liegt wie in einem trüben Nebel für mich. Ich durchstreifte die Schenken und prügelte mich mit jeden, der mich schräg anschaute. Doch Liam war immer an meiner Seite. Er brachte mich dann zu Achilles und in die Bruderschaft. Dort konnte ich meinen Kampfstil verbessern und hatte für kurze Zeit eine Familie, aber eines störte mich immer an den Assassinen." „Und was?", wollte ich unbedingt wissen. „Ich fühlte mich nicht frei. Diese Regeln, ich meine das Credo, engten mich ein und ich begann sie zu hinterfragen. Die anderen glaubten mir nicht was dort in Lissabon passiert war und wollten weiter nach diesen Artefakten suchen. Ich stahl das Manuskript und versuchte zu fliehen. Sie stellten mich auf der Klippe in Davenport. Ich war so verzweifelt, dass ich sprang. Ich meine... Mir war zu diesem Zeitpunkt alles egal. Ich hatte das Leben tausender unschuldiger Menschen auf dem Gewissen. Meine Seele wäre da eh nicht mehr ins Gewicht gefallen. Doch wie durch ein Wunder überlebte ich und meine zweite Chance werde ich nutzen, um diesen Wahnsinn aufzuhalten. Es dürfen keine weiteren unschuldigen Bürger verletzt werden.", beendete er seine Geschichte und ich war sprachlos.

Soviel Wahrheit hatte ich nicht erwartet. Ich trankt noch einen Schluck aus meinem Becher. Nach diesem Geständnis von Shay brauchte ich was stärkeres. Ich stand auf und ging zu Alex. „Zwei", sagte ich knapp und Alex stellte mir gleich die Flasche hin und einen weiteren Krug Ale für Shay. Ich nickte ihm zu, schnappte mir die Flasche, die zwei Becher, den Krug und brachte alles zu unserm Tisch. Ich stellte das Ale vor Shay ab, dazu einen der Becher und füllte diesen mit Whiskey. Ich selbst füllte meinen Becher fast voll. „Dann auf den Neuanfang, mo chride.", sagte ich und leerte meinen Becher in einem Zug. Oh das würde morgen früh Kopfschmerzen geben, doch eine Schottin wurde nicht besoffen. „Auf einen Neuanfang, Prinzessin", sagte Shay und trank ebenfalls. „ Aber, Prinzessin ich bereue es nicht, dass ich zu den Assassinen gegangen bin, sonst hätte ich dich nicht kennengelernt." „ Aber sag jetzt nicht Schicksal, mo chride. Ich glaube nicht an Schicksal sondern ...," „Ich mache mir mein Glück", sagten wir beide gleichzeitig.

Ich wollte mir gerade noch einen Becher Whisky nachschenken, als Shay mir die Flasche aus der Hand nahm. „Ich glaube du hast genug für heute Prinzessin." meinte er. „Shay.", sagte ich ernst zu ihm „Ich bin nicht betrunken. Eine Schottin ist erst betrunken, wenn sie nicht mehr stehen kann!", sprach ich zu Ende und stand auf, um zu beweisen wie nüchtern ich war. Ich sah Shay noch aufspringen, dann war alles dunkel und ich wachte am nächsten Morgen in meinem Bett auf.