Kapitel 18 - Das letzte Ale war wohl schlecht
Mein Kopf zersprang und ich schwor mir in Gedanken, nie wieder Alkohol zu trinken. Das letzte Glas Wein war eindeutig schlecht gewesen und eine andere Frage drängte sich mir auf. Was war gestern Abend noch passiert? Ich wusste, dass ich aufgestanden war, doch an den Rest danach konnte ich mich absolut nicht erinnern. Langsam quälte ich mich aus meinem Bett und suchte mir am Boden was zum anziehen, ich trug noch immer meinen Ornat von gestern, nur meine Stiefel standen ordentlich am Bettende. Ich hob mein Kleid vom Boden hoch und begutachtete es. Das Kleid sah wirklich aus als würde es einem leichten Mädchen gehören. Der Ausschnitt war eindeutig sehr großzügig. War mir bisher noch nie so wirklich aufgefallen. Ich hatte das Kleid von Jenny geschenkt bekommen, also war es nicht wirklich verwunderlich, dass das Kleid so aussah. Müsste ich mir wohl bei nächster Gelegenheit ein neues holen, dachte ich und behielt den Ornat gleich an und ging Richtung Küche, nachdem ich noch schnell meine Stiefel angezogen hatte.
„Madain mhath", sagte ich als ich die Küche betrat und lief zum Schrank, um mir eine Tasse zu holen. Ein Tee würde jetzt Wunder wirken. „Guten Morgen, Prinzessin.", bekam ich als Antwort und hätte vor Schreck fast meine Tasse fallen gelassen. Ruckartig drehte ich mich zu der Stimme um und schaute ungläubig auf die Person, welche am Esstisch saß. „Was machst du denn um diese Uhrzeit schon hier?", fragte ich perplex. „Oh ich hab hier geschlafen, schon vergessen man kann sich hier Zimmer mieten?", bekam ich als Antwort. „Oder hast du das durch deinen Zustand gestern Abend vergessen?", fragte er mich weiter. „Könntest du bitte etwas leiser reden.", sagte ich und ging nicht weiter auf seinen Kommentar ein, setzte mich Shay gegenüber an den Küchentisch, stellte meine Tasse Tee hin und nahm mir eine kleine Schale von dem Porridge, welches auf dem Tisch stand.
„Geht es dir so schlecht Prinzessin? Kann es vielleicht daran liegen das du alles durcheinander getrunken hast?" „Eigentlich vertrag ich Wein und Whiskey." „Aber du hast zum Schluss meinen Krug Ale getrunken." „Oh das erklärt alles.", sagte ich und fing langsam an mein Frühstück zu essen. Ich aß den ersten Bissen und sprang gleich auf und rannte zur Tür hinaus. Dieses Porridge war salzig. Ich spuckte es neben der Tür aus in Margery's Kräuterbeet und ging wieder zurück in die Küche. „So schlecht?", grinste mich Shay an und ich funkelte zornig in seine Richtung. „Nein. Das Porridge ist salzig und ich hasse salziges Porridge", sagte ich nur. Ich setzte mich wieder hin, schob die Schale beiseite und nahm mir etwas Käse vom Tisch und dazu eine Scheibe Brot.
„Und dir geht es anscheinend super heute morgen?", fragte ich mein Gegenüber. „Kann mich nicht beschweren. Warum fragst du?" „Weil ich nett sein wollte.", giftete ich ihn an. „Ich merke schon, du bist jemand den man frühmorgens nicht ansprechen sollte. Aber zu deiner Information Prinzessin, du hast mich gefragt!", erwiderte Shay leicht eingeschnappt. „Entschuldige. Ich wollte dich nicht angiften.", antwortete ich. „Schon gut, Prinzessin. Einer hübschen Dame wie dir kann ich so ein Verhalten ausnahmsweise durchgehen lassen." meinte Shay wieder lächelnd zu mir.
Auf so ein Kompliment war ich überhaupt nicht gefasst und ich merkte wie ich langsam rot wurde. „Ich muss los, es warten ein paar Patienten auf mich", nuschelte ich verlegen und stand schnell vom Tisch auf und rannte förmlich aus der Küche. Ich huschte in mein Arbeitszimmer, schloss schnell die Tür und lehnte mich gegen diese. Mein Herz klopfte wie wild. Was war nur mit mir los. Bei Liam hatte ich doch auch nicht so reagiert und diesen hatte ich geküsst. Shay wollte nur nett sein, doch er war der erste Mann der mir sagte ich sei hübsch und was tue ich! Ich renne vor ihm weg, genauso wie in Lissabon. Das hatte ich ja mal wieder toll hinbekommen.
Um mich abzulenken packte ich meine Tasche zusammen, das hieß Medizin, diverse Kräuter, Skalpell, Alkohol und Verbandszeugs. Als ich damit fertig war, öffnete ich die Tür des Zimmers und trat in den Flur. Von dort lief ich zur Küche, doch Shay war nicht mehr da. Diese Tatsache stimmte mich ein wenig traurig. „Du hast es echt vergeigt, Faith", sagte ich zu mir selbst und durchquerte die Küche in Richtung Hinterausgang. Als ich am Esstisch vorbei kam, sah ich ein Tuch liegen. Das gehörte bestimmt Shay und er hatte es vielleicht hier vergessen. Ich nahm das Tuch an mich und beschloss später bei den Finnegans vorbeizuschauen. Doch zuerst waren meine Patienten dran.
Die frische Luft tat mir gut und meine Kopfschmerzen gingen ein wenig zurück. Mein Weg führte mich heute in den Stadtteil Waterfront, dort wollte ich ein krankes Kind besuchen. Ich hatte vor ein paar Tagen, von der Familie erfahren. So war ich vor drei Tagen das erste mal dort und hoffte jetzt das es der Tochter schon besser ging. Die Familie lebte erst seit kurzem in den Kolonien, kam ursprünglich aus Hessen und konnte sich gerade so die Miete für ihr Haus leisten. Der Weg zu der Familie dauerte eine dreiviertel Stunde, obwohl ich schon auf meiner Gefährtin unterwegs war.
Banfhlath blieb stehen und ich schaute auf, ich war wie fast immer in meine Gedanken versunken. Ja meine treue Gefährtin konnte bestimmt meine Gedanken lesen, sie wusste immer wo ich hin wollte. „Gut gemacht, das gibt heute Abend eine extra Portion", sagte ich zu ihr und streichelte ihren Hals. Ich stieg von Banfhlath ab und lies sie in dem kleinen Garten der Familie grasen. Ich klopfte an die Haustür und nur ein paar Augenblicke später wurde mir die Tür geöffnet. „Oh sie sind wirklich wiedergekommen.", sprach mich eine Frau von gerade mal Mitte zwanzig an. „Hallo, darf ich reinkommen. Ich wollte nochmal nach Ihrer Tochter sehen, wenn sie es erlauben?", fragte ich sie höflich. „Aber natürlich. Sie sind ein gern gesehener Gast, Miss McGregor. Dank Ihnen geht es Elisabeth schon besser.", antwortete die Mutter mir und lies mich eintreten.
Ich folgte der Mutter durch einen dunklen Flur zu dem Zimmer der Tochter. Die kleine musste sich den Raum mit ihren drei Geschwistern teilen und diese hatten mir beim letzten Besuch genau zugeschaut, was ich mit ihrer Schwester machte. Ich betrat das Zimmer der vier Kinder und schaute zum Fenster. Das Bett meiner kleinen Patientin stand genau davor, damit sie ja alles sah was draußen passierte. So hatte es mir jedenfalls ihr großer Bruder das letzte Mal erklärt. „Schau, Elisa wer das ist.", meinte die Mutter und die kleine drehte sich zu uns um. „Tante Faith.", sprach Elisa mich freudig an. „Ich bin so froh, dass du da bist. Das blöde Bein juckt ganz fürchterlich.", erzählte sie weiter. „Das ist ein gutes Zeichen, dann heilt es nämlich.", meinte ich zu ihr. „Heute werde ich deinen Verband wechseln und in ein paar Tagen kannst du wieder langsam anfangen zu laufen.",erklärte ich weiter. Ich fing an den alten Verband abzuwickeln. Auf den ersten Blick sah es schon gut aus. Die Wunde der Kleinen verlief fast über den gesamten Unterschenkel und ich musste die Verletzung mit mehren Stichen nähen. Ich griff in meine Tasche und holte alles nötige raus, als Elisa die Salbe erblickte verzog sich ihr Mund. „Ist das wieder dieses eklige Zeug?", fragte sie mich. „Ja. Und wie du an deinem Bein sehen kannst hilft dir diese Salbe. Sie macht das deine Verletzung viel schneller heilt, damit du wieder auf Bäume klettern kannst. Doch du solltest nicht noch mal runter fallen.", sagte ich mit einem lächeln und fing an die Wunde zu reinigen. „Das könnte jetzt weh tun", versuchte ich die Kleine zu warnen und machte etwas Alkohol auf ein sauberes Tuch. Doch Elisa war richtig tapfer, sie gab keinen Ton von sich. Als nächstes verteilte ich die Salbe auf ihrer Verletzung und zum Schluss gab es noch einen neuen Verband für das Bein.
„Gut gemacht. Wir sind dann fertig für heute. Ich werde dich in drei Tagen nochmal besuchen und dann sehen wir wie weit dein Bein geheilt ist.", lobte ich meine kleine Patientin. Sie grinste mich nur an und ich steckte ihr noch einen Honigbonbon zu. Dann verabschiedete ich mich von Elisa und ging mit der Mutter aus dem Zimmer. „Danke meine Liebe, aber bevor sie gehen warten sie kurz.", sagte sie mir, also wartete ich an der Haustür auf sie. Als die Mutter zurück kam, drückte sie mir ein kleines Käserad in die Hand. Ich wollte protestieren doch sie gab mir keine Chance dazu. „Es ist zwar nur ein kleines, aber ich bin Ihnen so Dankbar, dass sie meiner Tochter geholfen haben.", sagte sie und schob mich einfach zur Tür hinaus.
Ich nahm eines der Tücher aus meiner Tasche und schlug den Käse darin ein. Den Käse verstaute ich noch in meiner Satteltasche und dann machte ich mich auf zu meinem nächsten Hausbesuch. Über den Tag gesellte sich ein kleiner Schinken und frisches Brot zu dem Käse. Obwohl ich keinen Lohn für meine Arbeit wollte, schenkten es mir die Leute denen ich half einfach. Und wer war ich, ihnen ihre Freundlichkeit einfach auszuschlagen. Als die Sonne sich langsam immer mehr Richtung Westen neigte, schlug ich den Weg nach Greenwich ein, ich wollte einer gewissen Person noch etwas vorbei bringen.
Kurz bevor ich die Finnegans erreichte, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Mir war so als würde ich verfolgt werden. Ich führte Banfhlath in eine kleine Gasse und wand mich im Zickzack Kurs langsam nach Norden. Es ging an Hinterhöfen und kleinen Gärten vorbei bis ich den Stadtrand erreichte. Dort gab ich meiner Gefährtin die Sporen und galoppierte eine große Runde um die Felder und nach einer knappen halben Stunde ritt ich wieder Richtung Stadtkern. Ich beschloss den Besuch auf morgen zu verschieben und schlug den Heimweg ein. Es war mittlerweile fast dunkel als ich vor dem Tor der Grants hielt und Banfhlath schnell in den Stall führte. Hoffentlich hatte ich es geschafft den Verfolger abzuhängen.
Ich sattelte meine Gefährtin schnell ab, brachte sie in ihre Box und gab noch einen Arm voll Heu in die Raufe. Als ich gerade die Box verschlossen hatte, spürte ich einen Blick auf mir. Das konnte nicht sein. Ich hatte mir solche Mühe gegeben den Verfolger abzuhängen. Wie hatte es der Fremde geschafft an mir dran zu bleiben. Ich atmete tief durch und drehte mich zur Stalltür um. Draußen war es mittlerweile komplett dunkel und so konnte ich nur eine Silhouette von jemanden erkennen. Wer zum Teufel war das nur?
