Kapitel 21 - Die Morrigan
Durch den Schuss geriet die Menge in Panik und versuchte so schnell wie möglich das Gelände des alten Fort zu verlassen. Währenddessen gingen die Schurken auf den jetzt Stricklosen Templer los. Da ich einmal hier war, konnte ich den beiden helfen. Shay hatte gerade eine der Wachen, mit einem klassischen Luftattentat erledigt und mischte sich nun in den Kampf mit ein. Der Templer schien sich von einem der Wachen, einen Säbel geliehen zu haben, um sich damit besser zu verteidigen. Kurz gesagt, die beiden kämpften mit einer Überzahl an Gegnern und einer dieser Kerle wollte Shay gerade von hinten angreifen, als ich diesem Kerl meine versteckte Klinge in eine seiner Nieren rammte. Mein Gegner ging auf die Knie und mit meiner zweiten verstecken Klinge durchtrennte ich seine Halsschlagader. Damit war es einer weniger. Shay bedankte sich mit einem kurzen Blick bei mir, dann wendete er sich dem nächsten Feind zu.
Durch meine kleine Rettungsaktion hatte ich jetzt die Aufmerksamkeit von einigen Wachen auf mich gezogen und so zog ich mein preußisches Jagdschwert. Das gute Stück war zwar etwas schwerer als ein normaler Säbel, aber es war auch effektiver. Zwei der Wachen grinsten dreckig in meine Richtung, als sie bemerkten, dass ich zum anderen Geschlecht gehörte. „Na Kleine, willst du mir nicht lieber ein wenig gefällig sein", sprach mich einer der beiden an. Na toll, schon wieder ein paar Kerle, die dachten wir Frauen seien nur gut fürs Bett. Wie ich solche Typen hasste! Bei solchen Äußerungen wurde ich meistens wütend, aber diese Herren wollten es ja nicht anders. Statt einer Antwort von mir, bekam der Kerl einen Hieb mit meinem Säbel. Leider wich er aus und wollte einen Konterangriff starten. Diesen entging ich mit einer viertel Drehung und rammte meinem Gegner die Schwertspitze in seine linke Seite. Er schrie auf und ich stach mit meiner versteckten Klinge genau in sein Herz und schickte ihn zu seinem Schöpfer.
Sein Kumpane schaute mich ganz entsetzt an. Doch anstatt mich jetzt endlich als ernsten Gegner zu nehmen, ging er wie sein toter Freund einfach auf mich los. Ich konterte mit einer Linksdrehung, dann ein Hieb und einer weiteren Drehung und zum Schluss schlitzte ich ihm seine Kehle auf. Damit hatte ich Nummer drei erledigt und die anderen Wachen lebten auch schon nicht mehr. Sie waren die Opfer von Shay und dem Templer geworden.
„Danke mein Freund, ohne Euch wäre ich jetzt Futter für die Würmer. Ihr habt sie tatsächlich aus ihrem eigenen Bau vertrieben.", sprach der Templer Shay an. „Ich suchte noch nach einer neuen Unterkunft.", antwortete Shay. „Dann wartet noch mit dem Einzug, ein paar dieser Kerle sind hier bestimmt noch irgendwo. Ich vermute sie verstecken sich auf ihrem Schiff.", meinte Gist und zeigte in die Richtung des Flusses, welcher westlich an das Fort grenzte. „Das ist die Morrigan.", sagte Shay freudig. „Wie kommt die hier her?", fragte er in die Runde. Diese Fragte konnte ich ihm leider nicht beantworten und so zuckte ich nur mit meinen Schultern. Langsam liefen wir drei in Richtung des Schiffes, Shay und der Templer unterhielten sich ein wenig. Ich hielt mich im Hintergrund und sah mich in dem Fort ein wenig um.
Das erste was mir auffiel, war das Hauptgebäude. Dieses stand auf einer Anhöhe und war nicht einfach nur ein Haus, sondern mehr eine riesige Villa, inklusive eines kleinen Türmchens. In der Mitte des Gebäudes gab es einen Durchgang, um hinter das Haus zu gelangen. Darüber war ein Balkon angebracht, von welchem Blauregen hinab hing. Dieser blühte gerade und verströmte einen wundervollen Duft. Vor dem Hauptgebäude war ein großer Garten angelegt, mit eigenen Springbrunnen und Beeten mit Blumen, welche in verschiedenen Farben leuchteten. Die Wege säumten Sträucher und kleine Ziertannen an einer kleinen Ecke, rechts vom Hauptgebäude war eine überdachte Terrasse, welche von Efeu überwuchert wurde und somit schön schattig war. Ja dieser Garten lud förmlich zur Entspannung ein. Wenn man dann die Treppe runterging in Richtung Ausgang waren auf der rechten Seite noch zwei große Nebengebäude und ein großer Hof, auf welchem noch der Galgenbaum stand. Dieser ganze Komplex wurde von einer hohen Mauer umgeben und man konnte nur über eine Brücke in das ehemalige Fort gelangen. Es war also eine verdammt gut gesicherte Festung, mit Mauer, Wassergraben und Geschützen. Der einzige andere Durchgang in der Mauer führte zu dem angrenzenden Dock, wo jetzt die Morrigan lag.
Ich beendete meine Beobachtungen und konzentrierte mich wieder auf die beiden Herren vor mir. Wir standen mittlerweile hinter der Villa und schauten hinab zu den Docks. Dort gab es einen Geschützturm, einige Lagerhäuser und noch ein etwas größeres Gebäude, aber für was dieses dienen sollte wusste ich nicht. „Ich habe einen Vorschlag mein Freund", fing der Templer an und meinte damit definitiv Shay. „Ich organisiere ein Crew für euer Schiff und ihr beide könnt die restlichen Verbrecher vertreiben.", erklärte er uns sein Vorhaben. „Abgemacht", sagte Shay zu ihm und beide besiegelten den Deal mit einem Handschlag. „Und wie wollen wir am besten Vorgehen?", mischte ich mich nun ein. „Eh, dich kenne ich doch. Du bist diese hübsche aber bissige Bedienung aus dem Appel Pie, also bist du eine...", fing der Templer erneut an aber ich schüttelte nur mit meinem Kopf. Das war eindeutig nicht der richtige Zeitpunkt für so eine Unterhaltung. „Ich helfe lediglich einen guten Freund, mehr nicht und ich bin nicht bissig!", fauchte ich den Templer an. „Nun wegen mir. Ich wünsche euch viel Glück, Master Cormac.", meinte der Templer noch und verabschiedete sich von uns. Wir standen jetzt vor der Aufgabe die Morrigan zurückzuerobern.
Wir gingen näher zur Mauer und schauten auf das Gelände hinab, als wir einen dieser Verbrecher sahen, wie er sich in einer Nische zwischen den Lagerhäusern versteckte. Unsere Feinde schienen also auf uns zu warten, doch wie sollten wir jetzt am besten vorgehen? Ich drehte mich zu meinem Partner und dieser schien zu überlegen. „Faith", sprach er mich nach ein paar Minuten des Schweigens an. „Ja, mo chride" „Kannst du auf den Baum dort vor uns springen.?", fragte er mich. „Ja", antwortete ich ihm skeptisch und kletterte auf die Mauer um von dort auf den Baum zu gelangen. Als ich auf dem Baum saß, schaute ich wieder zu meinem Partner, welcher gerade sein Gewehr anlegte. Wollte Shay etwa alle Halunken im Umkreis von hundert Metern anlocken, denn den Knall würden sie bestimmt hören. Doch Shay schoss und es ertönte nur ein ganz leises Pfeifgeräusch, welches sofort unterging als die Knallkörper explodierten. Seit wann konnte man so was mit einem Gewehr verschießen. Da müsste ich wohl bei Shay mal ein wenig nachhaken, was er da genau für eine Waffe hatte.
Aber wie auch immer das Gewehr funktionierte, Shay's Plan schien aufzugehen. Der Schurke, welcher sich versteckt hatte, rannte aus seinem Versteck und fing an die Umgebung abzusuchen. Das war meine Chance und so sprang ich vom Baum und erledigte den Kerl mit meiner verstecken Klinge. Wieder einer weniger. Neben mir hörte ich einen dumpfen Aufprall und mein Partner stand direkt neben mir. „Der nächste hat sich da drüben in dem Heukarren versteckt. Den übernehme ich, klettere wieder zurück auf den Baum und warte dort auf mich.", waren Shay's Anweisungen „Woher weist du das?", wollte ich von ihm wissen, doch als ich ihn anschaute, wusste ich die Antwort schon. Er sah sie mit Hilfe seines Adlerblickes. Ich drehte mich um und zielte mit dem Seilwerfer auf den Baum und war innerhalb eines Augenblickes wieder oben. So konnte ich jetzt Shay in Aktion beobachten. Er wand genau den selben Trick an, nur dass er sich hinter der Hausecke eines der Lagerhäuser versteckte. Der Attentäter sprang hervor und begann die Gegend abzusuchen. Shay pfiff mehrmals und als der Attentäter um die Hausecke kam, um zu sehen woher das Pfeifgeräusch stammte, griff Shay ihn an und erledigte den Kerl. Das war eindeutig ein klassisches um die Ecke Attentat, wie im Lehrbuch beschrieben ausgeführt, wenn es für unsere Zunft so etwas gäbe.
Shay gab mir ein Zeichen und ich sprang auf das nächstgelegene Dach, das rechts von mir war. Kurz darauf standen wir beide auf dem Dach nebeneinander und Shay suchte mit Hilfe des Adlerblickes weiter versteckte Meuchelmörder. „Im Gebüsch unter dem Baum, links von uns und dort hinten auf der Bank, vor dem kleinen Lagerhaus sind die nächsten beiden", erklärte Shay mir. „Welchen von beiden soll ich mir vornehmen?", fragte ich. „Suche dir einen aus oder du kappst die Flagge dieser Bande von der Morrigan. Das wäre mir lieber.", sagte er. Ich schaute hinauf zu der Flagge und dachte an meine Erfahrungen mit Schiffen. Mein Magen, so dachte ich, fing jetzt schon an zu rebellieren. Trotz allen stimmte ich Shay's Vorschlag zu. „Danke.", murmelte er noch und kurz darauf war er auf einem der Bäume, um sich keine Minute später auf seinen Feind zu stürzten.
Ich atmete tief durch und sah aus den Augenwinkeln noch, wie Shay um eine Ecke verschwand. Ich blickte in Richtung des Schiffes und versuchte mir einen Plan zu machen. Die Morrigan war eine zweimastige *Sloop von ungefähr 48 Meter Länge, 49 Meter hoch und 11 Meter breit. Ich sollte jetzt also die fünfzig Meter hochklettern und das auf einem schaukelnden Ding. Da würde ich bestimmt in ein paar Minuten Seekrank werden. Mit meinen leichten Zweifeln im Kopf, sprang ich zum nächsten Baum und setzte über diese Route meinen Weg zum Schiff fort. Mit einem letzten großen Sprung landete ich auf der Brücke des Schiffes und musste mich erst mal an die Bewegung der leichten Wellen gewöhnen. Wie ich Schiffe hasste! Langsam lief ich die Stufen der Brücke hinunter und stand somit auf dem Hauptdeck. Ich rannte auf den Hauptmast zu und kletterte so schnell wie ich konnte daran hoch. Als ich auf den ersten Abschnitt einen Zwischenstopp einlegte, brauchte ich eine kleine Pause um Luft zu holen. Ich konzentrierte mich wieder auf meine Aufgabe und verdrängte so das mulmige Gefühl in meinem Magen.
„Du schaffst das Faith. Shay glaubt an dich und es ist ja keine so schwere Aufgabe", machte ich mir Mut und weiter ging es nach oben. Den nächsten Abschnitt erreichte ich schneller und ein Blick nach oben verriet mir wie weit hoch ich noch musste. Es waren vielleicht nur noch zehn Meter. Das würde ich doch wohl hinbekommen und so kletterte ich weiter. Oben angekommen durchtrennte ich die Stricke an denen die Flagge befestigt war. Geschafft! Der Wind trug die Flagge mit dem Assassinensymbol weg und ich begann den Abstieg in Richtung Boden.
Nach einer viertel Stunde erreichte ich das Deck der Morrigan. Jetzt so schnell wie möglich runter vom Schiff oder ich würde mit meinem Mageninhalt die Fische füttern. So sprang ich über die Reling auf das Anlegedock und hatte endlich wieder festen Boden unter den Füßen. An Land warteten schon etliche Männer, unter diesen waren auch Shay und der Templer. Der Templer hatte ja richtig schnell eine Mannschaft organisiert. Ich ging zu den beiden „So Aufgabe erledigt", meldete ich meinen Erfolg. „Danke", sagte Shay zu mir. „Obwohl es hat ganz schön lange gedauert, Prinzessin.", gab er mit einem Augenzwinkern noch hinzu. „Nun Master Cormac, eure Freundin sieht leicht blass aus um die Nase. Seid wohl nicht sehr Seetauglich, was?", setzte der Templer noch einen drauf. Dieser Kerl hatte Nerven. Ich würde ihn beim nächsten Kommentar an die Gurgel gehen, das schwor ich mir gerade. Ich wollte ihm eine gepfefferte Antwort entgegnen, als Shay mich einfach einlud mir die Morrigan zu zeigen. „Das ist sehr nett von dir, mo chride, aber gib mir bitte noch fünf Minuten.", sagte ich zu ihm. Er grinste mich nur frech an. „Du bist wirklich von den paar Minuten Seekrank geworden. Das Schiff liegt doch nur ruhig im Hafen, Prinzessin. Wie hast du es dann knapp drei Monate auf der Überfahrt ausgehalten?", wollte Shay von mir Wissen. „Ich hatte einen sehr guten Arzt an Bord", antwortete ich leicht zickig. „Wie lange hat es gedauert bis du dich an den Seegang gewöhnt hast", war seine nächste Frage. „Ein drittel der Reisezeit.", antwortete ich ehrlich auf seine Frage. „Na dann wird es Zeit, das du dich mit den Bewegungen der Morrigan vertraut machst." und mit dieser Feststellung schnappte er einfach meinen Arm und führte mich zu seinem Schiff. Was hatte dieser total durchgeknallte Ire jetzt schon wieder mit mir vor?
Keine fünf Minuten später folgte ich Shay durch das Zwischendeck und er zeigte mir die Kombüse, diverse Lagerräume, die Mannschaftsquartiere und zum Schluss gab es sogar eine kleine Krankenstadion, mit einer einzelnen Koje und einem Behandlungstisch. Als wir wieder das Deck betraten, führte Shay mich als letztes in sein Reich. Also das war wirklich Luxus, obwohl der vordere Teil mit Kisten und anderem Zeug zugestellt war. Mitten in diesem Chaos stand sogar eine Kanone. Im hinteren Teil war das erste was mir auffiel der riesige Schreibtisch, auf welchem lauter Karten lagen. Das zweite was mir ins Auge stach, war das große Bett rechts vom Schreibtisch. Links von diesem waren Truhen und andere Gegenstände.
„Wie gefällt dir die Morrigan?", fragte mich Shay mit einem leuchten in seinen Augen. „Es ist ein Schiff.", meinte ich nur trocken und mit einem Schlag war er enttäuscht. Sofort taten mir meine Worte leid. „Es tut mir leid Shay. Ich wollte dich oder die Morrigan nicht beleidigen, es ist nur so. Ich werde verdammt schnell Seekrank und bin froh, wenn ich festen Boden unter meinen Füßen habe.", erklärte ich meine Reaktion. Shay schaute immer noch etwas traurig und seufzte „Na dann hat sich meine Frage an dich schon erledigt.", gab er zu. Nun hatte er aber meine Neugier geweckt. „Mo chride, was wolltest du mich fragen." „Nichts.", kam es immer noch leicht betrübt von meinem Gegenüber. „Shay, sag schon was los ist", redete ich jetzt etwas lauter. Doch er rückte nicht mit der Sprache heraus. So schwiegen wir uns an und langsam setzte mir das Geschaukel des Schiffes zu. Ich setzte mich einfach auf die Bettkante von Shay's Bett.
Das brachte Shay dazu mich anzusehen. „Faith du bist ganz blass, dir ist bestimmt ganz schön übel, oder?", fragte er mich besorgt. Ich nickte nur auf seine Frage. „Dann bringe ich dich lieber etwas an die frische Luft", und schon hatte er mich hochgehoben und trug mich aus seinem Reich. Shay lies mich erst an Land wieder runter. „So jetzt müsste es dir bald besser gehen, Prinzessin", meinte er und strich mir eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. Ich sah gebannt in seine Augen und Shay blickte mich genauso an. In seinem Blick lag etwas, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte. Ich versank förmlich in seinen fast schwarzen Augen und am liebsten hätte ich mich gestreckt und seine verführerischen Lippen geküsst.
Wir hörten einen Ruf vom Schiff und Shay brach den Zauber, welcher zwischen uns lag. „Danke Prinzessin, dass du mir Banfhlath ausgeliehen hast, doch ich muss zum Colonel nach Albany", sagte Shay zu mir und drehte sich zur Morrigan, um an Bord zu gehen. „Shay", rief ich ihm nochmal zu. Er drehte sich zu mir um. „Ich werde über dein Angebot nachdenken, okay?", rief ich weiter. „Du weist doch gar nicht, was ich dich fragen wollte", kam seine Antwort. „Ich kann es mir denken, mo chride. Lass was von dir hören, wenn du wieder in New York bist, ja?" Er nickte mir nur zu und ging auf die Brücke, ans Steuerruder und gab seiner Mannschaft den Befehl zum auslaufen. Ich beobachtete wie die Morrigan auslief und ging erst zu den Finnegans zurück, als die Sonne schon fast untergegangen war. Ich musste schließlich noch meine Tasche und meine treue Gefährtin abholen.
*Sloop war in der britischen Marine im 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Bezeichnung für ein nicht klassifiziertes, also von der Rangeinteilung der Kriegsschiffe nicht erfasstes Marinefahrzeug, das von einem Seeoffizier im Range eines Commanders kommandiert wurde.
