Harry war müde vom Ausflug am Vorabend, da er anschließend mit Snape noch eine gefühlte Ewigkeit in dessen Arbeitszimmer gesessen hatte. Sie hatten die meiste Zeit geschwiegen, alles Nötige war längst gesagt. Aber irgendwie hatte Harry das Gefühl gehabt, der ältere Zauberer könnte durchaus noch ein wenig Gesellschaft brauchen. Immerhin würde am kommenden Tag für ihn – genau wie für Harry und seine Freunde – ein neues Jahr an der Schule beginnen. Und im gleichen Maße, wie Harry sich darauf freute, schien Snape beinahe Angst davor zu haben.

Natürlich, Harry war klar, dass sich für seinen Lehrer alles ändern würde, dass für ihn in Hogwarts nichts mehr den gewohnten Gang gehen würde, und dass es ihn eine Menge Überwindung gekostet hatte, sich dieser Herausforderung überhaupt zu stellen.

Deswegen war er einfach bei ihm sitzen geblieben, und erst lange nach Mitternacht hatte sich der Tränkemeister schließlich schwerfällig aus seinem Sessel hochgestemmt, ihm eine gute Nacht gewünscht und war in sein Schlafzimmer verschwunden.

Harry war eine Menge durch den Kopf gegangen, angefangen bei dem Besuch in Godric´s Hollow, bis hin zu seinen eigenen Erwartungen an sein unausweichlich letztes Jahr im Schloss, das ihm inzwischen eine zweite Heimat neben dem Grimmauldplatz geworden war. Um halb zwei hatte er zum letzten Mal auf die Uhr gesehen und sich gewünscht, er könnte am Morgen einfach liegen bleiben und abends nach Hogsmeade apparieren.

Doch Molly Weasley ließ ihm und den anderen keine Wahl: morgens um Sechs warf sie entschlossen die gesamte Bande aus dem Bett und ließ sie die fertig gepackten Schulkoffer nach unten in die Eingangshalle bringen, wo der unvermeidliche Tumult auch Mrs Black aufschreckte. Mrs Weasley ließ ihre schlechte Laune an dem ebenso schlecht gelaunten Porträt aus und zerrte nach zehn sehr lauten und beeindruckenden Minuten wutschnaubend die dicken Vorhänge wieder vor das Gemälde. Danach scheuchte sie alle zu einem hastigen Frühstück in die Küche, als wäre nichts passiert.

Es war erst kurz nach Sieben, als alles bereitstand, und Ron verdrehte demonstrativ die Augen: „Es hätte gereicht, um Neun aufzustehen. Typisch Mum, immer macht sie Hektik, wenn wir zum Zug müssen. Ich weiß nicht… denkt sie vielleicht, der würde nur so zum Spaß mal ´ne Stunde früher abfahren, nur um uns eins auszuwischen oder so?"

„Ja", grinste Ginny. „Wetten, es könnte wesentlich geordneter ablaufen, wenn sie nicht alle in künstliche Panik versetzen würde? Aber die Aktion mit Mrs Black fand ich echt cool. Noch zwei oder drei Minuten länger, und das Bild wär freiwillig von der Wand gesprungen und nach Island ausgewandert, ganz sicher! – Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Morgen? Jemand eine Idee?"

Keiner von ihnen konnte mit einem guten Plan aufwarten, also lungerten sie im Salon herum, spielten Zaubererschach, schmökerten in den Büchern aus den Regalen und stritten sich lachend darüber, wer im Ernstfall gewinnen würde: Mrs Black, Mrs Weasley, McGonagall oder Snape. Mrs Weasley bekam die meisten Punkte, knapp gefolgt von Snape.

„Runter jetzt, und zwar alle!" Erschrocken schossen sie hoch und grinsten sich dann erleichtert zu, als sie die Stimme von Molly Weasley erkannten. Es war Zeit zum Aufbruch.

Rasch eilten sie hintereinander die Treppen hinunter, nahmen ihre Mäntel von der Garderobe und bemerkten zu ihrem Erstaunen, dass Snape sie schon erwartete. Er stand in der Diele, in seinen dunklen Reiseumhang gehüllt, und nickte ihnen zu. „Das ging schnell", bemerkte er anerkennend.

Harry und Ginny grinsten sich an; der Professor mochte zwar ein neutrales Gesicht machen, doch in seiner Stimme lag eindeutig Belustigung. Auch Hermine schmunzelte. Aber Mrs Weasley trieb das kleine Häufchen gnadenlos aus dem Haus und in Moodys altes Auto, das – da dieser das so in seinem Testament verfügt hatte – in den Besitz des Phönixordens übergegangen war. Snape fuhr, während Molly auf dem Beifahrersitz saß und ängstlich die Umgebung beobachtete.

„Sir", fragte Hermine neugierig und neigte sich ein wenig nach vorn, „ich dachte, die Lehrer sind bereits alle in der Schule?"

Snape warf ihr im Innenspiegel einen raschen Blick zu und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr. „Sie haben mich gestern eskortiert, und heute bin ich Ihre Begleitung", sagte er gelassen. „Gleiches Recht für alle."

„Sie fahren mit dem Hogwarts-Express?" rief Ron ungläubig, und ihr Chauffeur lachte leise. „Nein, natürlich nicht. Ich bringe Sie nur zum Zug. Danach werde ich nach Hogsmeade apparieren und mich den Kollegen anschließen."

Tatsächlich begleitete er die Sechs bis auf den Bahnsteig, während Molly Weasley wie üblich nervös um alle herumscharwenzelte. Und dort, im Dampf der knallroten Lokomotive, machte Harry wieder einmal die angenehme Erfahrung, nicht als Einziger angestarrt zu werden. Wo auch immer sie sich aufhielten, umgab sie unterdrücktes Getuschel und aufgeregtes Gemurmel, und neugierige Blicke folgten der großen schmalen Gestalt von Severus Snape, was diesem überhaupt nicht zu behagen schien.

Harry und die anderen taten ihm großzügig den Gefallen, bis kurz vor der Abfahrt bei ihm und Mrs Weasley auf dem Bahnsteig stehen zu bleiben. Erst als ein lauter Pfiff ertönte, stiegen sie endlich ein, winkten ihren beiden Begleitern zum Abschied – und wären im Gang beinahe mit zwei finster dreinschauenden Auroren zusammengeprallt. Die beiden Männer entschuldigten sich überraschenderweise höflich bei Harry, stiegen aus und schlossen die Türen. Der Zug setzte sich mit einem heftigen Ruck in Bewegung, und die Sechs marschierten los, um nach einem freien Abteil zu suchen.

„Täusch ich mich, oder ist der Zug dieses Jahr noch voller als sonst?" grummelte Ron missmutig. „Natürlich", gab Hermine sachlich zurück, „wenn du mal bedenkst, dass fast alle Hogwarts-Schüler das vergangene Schuljahr nochmal wiederholen und zusätzlich neue Erstklässler dazukommen, dann war das doch wohl zu erwarten, oder?"

Natürlich hatte sie Recht. Doch das machte die Sache nicht leichter; sie mussten fast bis zum Ende des Zugs durchgehen, bis sie ein Abteil fanden, in dem nur ein einzelner Schüler saß. Sein Anblick machte ihnen unmissver ständlich klar, weshalb die Auroren im Zug gewesen waren.

Draco Malfoy machte Anstalten aufzustehen und zu gehen, als Harry sich mit seinen Freunden hineindrängte. Doch Hermine hielt den Blonden mit einem sanften Griff nach seinem Ellbogen zurück: „Bleib ruhig hier, Malfoy, wir beißen nicht. Und du hast sicher keinen Ärger während der Fahrt, wenn du bei uns im Abteil sitzen bleibst. Übrigens trägst du einen falschen Umhang, warte mal." Sie zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel, tippte Malfoy auf die Brust, und aus dem Slytherin-Zeichen auf seinem Schulumhang wurde ein Gryffindor-Wappen.

„Danke", murmelte der junge Mann verlegen, setzte sich wieder hin und sah aus dem Fenster. Er sah aus, als wäre ihm bei dem Gedanken nicht besonders wohl, den Rest seiner Schulzeit in einem anderen Haus verbringen zu müssen. Doch die Alternative war ja auch nicht unbedingt besser.

Harry beschloss, von Anfang an Nägel mit Köpfen zu machen. „Hör mal zu, Draco", sagte er ruhig. „Das Ganze ist bestimmt nicht einfach für dich, das ist mir klar. Aber in deinem eigenen Haus wärst du nicht sicher gewesen, das weißt du, oder? Und du bist kein Feigling, das hast du in der Verhandlung bewiesen. Also, lass uns die Vergangenheit abhaken und das Jahr mit Anstand hinter uns bringen. Zusammen. Okay?"

Malfoy nickte widerstrebend, hielt sich aber die nächste Stunde noch sehr zurück, während die anderen sich vergnügt unterhielten. Ginny hingegen versuchte immer wieder mit freundlicher Hartnäckigkeit, ihn ins Gespräch mit einzubeziehen. Und schließlich, während es Mittag wurde, wagte es der Blonde doch, sich vorsichtig daran zu beteiligen.

Obwohl Ron ihm des Öfteren misstrauische Blicke zuwarf, beantwortete er recht bereitwillig Ginnys Fragen, wie er die restlichen Ferien verbracht habe, welche UTZ-Fächer er belegen wolle und was er nach seinem Abschluss machen würde.

Seine Antwort auf die letzte Frage ließ sogar Harrys Kinnlade herunterfallen: „Ich bringe meinen Vater nach Askaban. Und sein beschissenes Familienvermögen spende ich dem Fond für Kriegsopfer, ich will keinen Knut davon haben. Das ist Blutgeld." Der junge Mann wirkte so grimmig und entschlossen, dass niemand an seinen Worten zweifelte.

Das Erscheinen der Hexe mit dem Imbisswagen trug wesentlich zur Entspannung der Lage bei. Während sie sich durch verschiedene neue Leckereien aßen, schien sich Draco Malfoy an ihre Gesellschaft gewöhnt zu haben, und als Ginny Rons Kürbispastete mit einem eindrucksvollen Schwellzauber belegte, so dass er beim Essen plötzlich aussah wie ein Hamster, lachte sogar der Slytherin-Junge fröhlich auf.

Am späten Nachmittag wurde es ruhiger im Abteil. Hermine las in einem dicken Wälzer, Neville und Luna hatten sich über den Klitterer gebeugt und versuchten das Kreuzworträtsel zu lösen, Ron döste, in die Ecke am Fenster gelehnt, Ginny machte sich über die restlichen Schokofrösche her, und Harry sprach leise mit Malfoy über die letzten Termine in der Aurorenzentrale.

„Hört mal", sagte Malfoy schließlich laut und deutlich. Er räusperte sich und blickte ein wenig verlegen in die Runde, während Ron in seiner Ecke aufgeschreckt hochfuhr. „Ich… ich war immer ziemlich fies zu euch. Und ihr wollt mich trotzdem in eurem Haus aufnehmen, das ist wirklich anständig von euch. Ich verspreche euch, ich werde versuchen mich zu benehmen und euch nicht zu enttäuschen."

Harry und seine Freunde wechselten beeindruckte Blicke. In den letzten paar Stunden war jedem von ihnen schon klar geworden, dass der Krieg und seine eigenen schrecklichen Erfahrungen aus dem arroganten, selbstherrlichen und boshaften Todesser-Anwärter einen ernsthaften, verantwortungsbewussten jungen Mann mit Prinzipien gemacht hatten. Ron schaute zwar immer noch ein wenig misstrauisch drein, doch als Draco erst Harry und dann allen anderen die Hand entgegenstreckte, schlug am Ende auch er mit fest zusammengepressten Lippen ein.

„Na dann… willkommen bei den Gryffindors", sagte er lahm. „Und wenn du´s versaust", setzte er drohend hinzu, „dann werf ich dich höchstpersönlich in den See!"

„Deal", gab Malfoy grinsend zurück, und alle lachten.