Es war bereits dunkel, als der Hogwarts-Express im Bahnhof Hogsmeade anhielt. Scharen von Schülern strebten auf den Bahnsteig hinaus und verteilten sich aufgeregt schwatzend auf die von Thestralen gezogenen Kutschen; allerdings waren ungewohnt wenige Slytherins darunter. Anscheinend waren einige Todesser-Sprösslinge zusammen mit ihren Eltern geflohen, oder sie hatten schlicht und einfach nicht den Mut gehabt, sich den anderen Schülern zu stellen.

„Die neuen Erstklässler bitte hier rüber!" Hagrids vertraute Worte schallten über die Schülermenge, und etliche unsicher wirkende Kinder näherten sich vorsichtig dem Halbriesen mit seiner Laterne. „Keine Sorge, Hagrid ist cool", rief Draco ihnen zu, und ein wenig beherzter gingen sie auf die große Gestalt des Wildhüters zu, während Harry und seine Freunde den jungen Malfoy erstaunt musterten.

„Naja", erklärte der mit einem Schulterzucken, „man muss ihnen doch nicht schon von Anfang an Angst machen, oder? Der erste Abend ist ohnehin schon aufregend genug. Und die sind irgendwie alle so unglaublich winzig, findet ihr nicht?"

Harry musste ihm Recht geben. Es schien unmöglich, dass auch sie in ihrem ersten Jahr so klein und verunsichert ausgesehen hatten wie diese Kinder, die Hagrid jetzt zu den Booten folgten. „Du kommst am besten mit uns", meinte Hermine entschieden und nahm Malfoy beim Arm, „sonst gibt´s vielleicht schon Ärger, bevor die Schule überhaupt angefangen hat."

„Wobei doch Harry sonst immer für solche Aktionen zuständig ist, oder?" bemerkte Ginny lachend und knuffte ihren Freund in die Seite, was eine kurze, spielerische Rangelei zur Folge hatte.

Grinsend holten Harry und Ginny schließlich die anderen wieder ein und folgten Malfoy und Hermine in die nächste Kutsche. Ron, Neville und Luna stiegen hinter ihnen ein und quetschten sich mehr schlecht als recht dazwischen.

Rumpelnd schwankten sie den steinigen Weg zur Schule hoch und fuhren schließlich durch das von steinernen Ebern bewachte Tor. Doch bevor sie die Eingangshalle auch nur betreten konnten, wurden sie bereits von Minerva McGonagall auf den Eingangsstufen abgefangen.

Die Schulleiterin trug den mitternachtsblauen bestickten Umhang, der sie als Mitglied des Phönixordens auszeichnete, und hielt eine brennende Fackel in der Hand, genau wie die anderen Lehrer, die hinter ihr das Schlossportal verließen. Sie wirkten ungewohnt ehrfurchtgebietend, und die Schüler, die auf dem Weg munter geschwatzt hatten, verstummten rasch. Sie scharten sich schweigend vor dem Schloss und sahen McGonagall erwartungsvoll an.

„Ich bitte Sie alle, Ihren Hauslehrern auf das Schlossgelände zu folgen. Die Gryffindors bitte zu Professor Snape. Slytherins, Sie halten sich an Professor Lupin. Die Gedenkfeier für die Opfer der Schlacht um Hogwarts wird heute hier auf dem Gelände abgehalten, und ich möchte, dass Sie geschlossen daran teilnehmen. Bitte benehmen Sie sich entsprechend. Die Ordensmitglieder unter Ihnen treten bitte vor."

Harry stieß Ron an. Hermine, Neville und Ginny – die ihre Aufnahme in den Orden sofort nach ihrem Geburtstag so vehement forciert hatte, dass sogar ihrer Mutter die Gegenargumente ausgegangen waren – folgten ihnen nach vorne und blieben abwartend vor McGonagall stehen. Diese beschwor mit einem Schwung ihres Zauberstabs für jeden von ihnen einen mitternachtsblauen Umhang herauf. Sie konnten sie nur fassungslos anstarren, sogar Ginny war um Worte verlegen und brachte keinen Ton hervor.

Minerva McGonagall musterte das kleine Grüppchen mit unübersehbarem Stolz. „Sie alle haben sich dem Orden angeschlossen, also haben Sie auch das Recht, bei offiziellen Anlässen wie diesem die Ordensroben zu tragen. Sie sind keine Kinder mehr, sondern erwachsene und verantwortungsbewusste Mitglieder der Gesellschaft, und ich bitte Sie, auch als solche zu agieren. Seien Sie sich immer der Tatsache bewusst, dass Sie in der Öffentlichkeit den Orden repräsentieren, solange Sie diesen Umhang tragen. – Bitte gesellen Sie sich jetzt wieder zu Ihren Schulkameraden, da Sie trotz alledem immer noch Schüler sind", fügte sie lächelnd hinzu, während sie ihnen höchstpersönlich die Umhänge um die Schultern legte. Dann wandte sie sich entschlossen wieder den vor dem Schloss versammelten Schülern zu: „Lassen Sie uns gehen. Es wird Zeit."

Zum Erstaunen seiner ehemaligen Schützlinge winkte Severus Snape, überraschend nobel in den Ordensroben und mit ordentlich zusammengebundenem Haar, die ziemlich irritiert dreinblickenden Gryffindors zu sich, während sich Monica Lupin, ein ermutigendes Lächeln auf den Lippen, beherzt der etwas verloren wirkenden Slytherins annahm. Sie brachte rasch und ziemlich mühelos das Getuschel in ihren Reihen zum Verstummen, zwinkerte zu Harry und den anderen herüber und lotste ihre Schüler dann gelassen in die Dunkelheit hinein.

Snape mit den Gryffindors folgte ihr, und er trug den Phönix-Umhang mit einer Art würdevoller Bescheidenheit. Für ihn war es offensichtlich wirklich eine Ehre, sich zu dieser Gruppe zählen zu dürfen. Nun, er hat ja auch hart genug darum kämpfen müssen, dachte Harry, während er wie selbstverständlich an der Seite seines Lehrers blieb, und ohne Hermines Hilfe würde er sich wohl immer noch für einen kleinen Bauern im Schachspiel des Ordens halten. Er hat diesen Auftritt verdient.

Die Prozession von Schülern und Lehrern erreichte die Grünfläche in der Nähe der Peitschenden Weide, deren Zweige sanft in der nächtlichen Brise wogten. Ein Feuer in einer riesigen, bronzenen Schale flackerte auf der Schlosswiese, und in einem Halbkreis dahinter standen die restlichen Mitglieder des Phönixordens, viele der Einwohner von Hogsmeade sowie etliche Ministeriumsbeamte und Auroren. McGonagall und die Lehrer traten zu ihnen, und die Schüler bildeten einen großen Kreis um die Feuerstelle.

Schweigend warteten sie, bis Hagrid mit den neuen Erstklässlern in den Kreis trat und die nervösen Kinder um sich scharte, die nach altem Brauch mit den Booten über den See gekommen waren. Auch der Halbriese trug inzwischen den mitternachtsblauen Umhang und glühte beinahe vor Stolz.

Kingsley Shacklebolt, ebenfalls in Ordensroben, trat schließlich vor und begann zu sprechen. „Wir haben uns heute – an Allerheiligen, dem Tag, an dem seit jeher die Menschen ihrer Verstorbenen gedenken – alle hier an dem Ort versammelt, wo vor einem halben Jahr die bisher größte Schlacht zwischen Licht und Finsternis geschlagen worden ist. Heute, am Tag der Neueröffnung unserer Schule, stehen wir auf dem Schlachtfeld, um all jener zu gedenken, die für den Sieg des Lichts ihr Leben gegeben haben.

Die Lücke, die entsteht, wenn ein Lebenslicht erlischt, lässt sich nicht mehr schließen. Jenen, die zurückbleiben, öffnet sich ein großer leerer Raum, welchen man nach und nach mit Erinnerungen füllt. Die Trauer, die in uns allen herrscht, hört niemals auf; sie wird ein Teil unseres Lebens. Sie verändert sich und wir ändern uns mit ihr. Trost kommt in diesen schweren Zeiten vielleicht mit der Erkenntnis, mit der Trauer nicht alleine zu sein."

Während Kingsley sprach, kamen in einer kleinen Prozession die Hauselfen von Hogwarts, ebenfalls mit flackernden Fackeln, über die Wiese. Aus dem Verbotenen Wald näherten sich die Zentauren und reihten sich schweigend in den Kreis ein, und Kingsley sprach weiter. Seine ruhige, tiefe Stimme zog sie in ihren Bann, verlieh den Worten Gewicht, und die Augen aller hingen an seinen Lippen.

„Drei Dinge überleben den Tod. Es sind Mut, Erinnerung und Liebe. Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Licht und Wahrheit in die Welt gekommen ist, hat sein Leben einen Sinn gehabt. Angeblich heilt die Zeit alle Wunden; sie füllt die Lücke aber nicht. Diese Lücke bleibt für immer. Und das ist gut so – dadurch erinnern wir uns ständig an diesen einen, wichtigen Menschen. Irgendwann werden wir unsere tiefe Trauer in eine glückliche Erinnerung wandeln können. Ist sie anfangs auch schmerzhaft, leben wir doch für den Rest unseres Lebens mit ihr und sogar durch sie."

Minerva McGonagall trat vor und ergriff das Wort: „Wenn das Licht erlischt, bleibt die Finsternis. Es wird Stille sein und Leere. Es wird Trauer sein und Schmerz. Wenn die Trauer schließlich vergeht, bleibt die Erinnerung. Es wird dankbare Erinnerung sein, die wie ein heller Stern die Nacht erleuchtet, bis weit hinein in den Morgen. Wo Menschen sich voller Dankbarkeit und Liebe erinnern, schwindet die Finsternis. – Lumos Solem!"

Sie trat auf die riesige Feuerschale zu und hob ihren Zauberstab, dessen Spitze gleißend aufleuchtete. Die Ordensmitglieder taten es ihr gleich. Auch die Schüler holten ihre Zauberstäbe heraus und wiederholten McGonagalls Zauber. Nur Monica arbeitete wie gewohnt mit ihrer Handfläche, über der ein kleiner, strahlend weißer Lichtball schwebte: „Solas."

Das Feuer hörte nach und nach auf zu flackern. Schließlich brannte es völlig ruhig und wurde heller und heller, als wolle es sich den Lichtern der Zauberstäbe anpassen. Aus seiner Mitte stieg ein strahlend goldenes Etwas auf, das sich zum kristallenen Abbild eines aufflatternden Phönix verfestigte.

Die Ordensmitglieder ließen ihre Zauberstäbe sinken und traten zu Kingsley Shacklebolt, und abwechselnd nannten sie die Namen all derer, die in der Schlacht ihr Leben verloren hatten. Jeder Name erstrahlte in leuchtenden, verschlungenen Buchstaben in der Luft, schwebte dann zu dem Phönix-Standbild und verewigte sich auf einer der Phönixfedern. Fawkes flatterte wie ein rot-goldenes Gespenst herbei, landete auf McGonagalls Arm und begann leise und sanft zu singen.

Stumm und reglos standen sie alle minutenlang vor dem neu entstandenen Denkmal, das sanft und golden in der undurchdringlichen Dunkelheit glühte, und hörten wie gebannt dem Lied des Phönix zu, das von Verlust, Trauer und Trost erzählte. Viele hatten Tränen in den Augen, doch auf einigen Gesichtern sah Harry ein winziges, staunendes Lächeln aufleuchten.

Dann, als Fawkes schließlich verstummte, explodierte das Feuer in einem lautlosen, blendend hellen Blitz, und rote und goldene Funken hüllten die kristallene Phönix-Statue ein, bevor sie wie ein Feuerwerk in die Luft stiegen und verblassten.

Schließlich ergriff Kingsley erneut das Wort. „Dieses Mahnmal soll das Andenken der Opfer von Hogwarts ehren und dem drohenden Vergessen vorbeugen. Wenn wir uns daran erinnern, wenn wir auch unseren Kindern von diesem Krieg erzählen, dann wird niemand je vergessen, was hier geschehen ist. Das Wissen um die Fehler in der Vergangenheit wird vielleicht verhindern, dass Ähnliches erneut geschehen kann.

Bewahrt die Erinnerung an die Schlacht und an diese Menschen in euren Herzen, und eine neue, bessere Welt wird aus der Asche des Krieges aufsteigen wie ein Phönix. Erinnert euch, und eine Welt der Toleranz, der Einigkeit und des Friedens wird entstehen. Erinnert euch, und die Zaubererwelt wird zu der Welt des Lichts werden, die sie schon immer hätte sein sollen. Erinnert euch, und die Finsternis wird sich niemals wieder erheben können. Erinnert euch!"

Während das Feuer langsam erlosch und die Feuerschale sich mit Wasser füllte, leuchtete das Denkmal weiter. Sie betrachteten es noch eine Weile, ohne dass auch nur einer einen Ton gesagt hätte. Dann sammelten die Hauslehrer ihre zutiefst beeindruckten Schützlinge um sich, und sie kehrten, angeführt vom Phönixorden und den anderen Erwachsenen und flankiert von den Hauselfen, schweigend zurück zum Schloss.