Alle bis auf die neuen Erstklässler hatten ihre Plätze in der Großen Halle gefunden. Zuerst hatte das Fehlen der langen Haustische die meisten zwar verwirrt, es fanden sich jedoch recht bald kleine und größere Grüppchen um die unzähligen Tische zusammen.
Luna sowie Draco Malfoy hatten sich, ohne lange zu zögern, zu Harry und seinen Gryffindor-Freunden gesellt, und das nahmen einige andere als Anregung und setzten sich zu Freunden aus anderen Häusern an einen Tisch. Die Slytherins allerdings blieben unter sich und verhielten sich ungewöhnlich still. Die meisten wirkten ziemlich eingeschüchtert, bis auf Blaise Zabini, der Draco kurz zuwinkte und Harry mit einem ernsten Nicken grüßte.
Die Lehrer hatten ihren gewohnten Platz behalten. Ihr langer Tisch stand wie üblich auf dem erhöhten Podest an der Stirnseite der Halle. Harry musterte das versammelte Kollegium neugierig. Er erkannte Perkins, den ehemaligen Kollegen von Arthur Weasley, der sich mit der neben ihm sitzenden Pomona Sprout unterhielt. Der alte Mann sah entspannt und zufrieden aus; anscheinend war er wirklich froh gewesen, den Job im Ministerium an den Nagel hängen zu können. Oder hatte er, als Muggelstämmiger, während der kurzen Ära von Pius Thicknesse schon seinen Hut nehmen müssen? Höchstwahrscheinlich.
Bill Weasley war kaum wiederzuerkennen in den langen, würdevollen Ordensroben, doch zumindest trug er immer noch seinen langen roten Pferdeschwanz. Nicht wenige Mädchen spähten bereits aufgeregt flüsternd in seine Richtung und fingen an zu giggeln. In der für Hogwarts typischen Überlichtgeschwindigkeit hatte sich offensichtlich auch die Neuigkeit verbreitet, dass der neue Verteidigungslehrer Fluchbrecher und Ordensmitglied war!
Monica Lupin neigte sich zur Seite und lauschte mit einem Lächeln dem wie üblich auf einem erhöhten Stuhl sitzenden Professor Flitwick, der seinen Platz ganz am Ende des Tisches hatte und ihr offensichtlich bereits alles über seine Arbeit zu erzählen schien. Sie hielt sich nicht großartig zurück, sondern antwortete lebhaft gestikulierend.
Minerva McGonagall saß genau in der Mitte des langen Tisches, verzichtete allerdings auf den Direktorenstuhl mit der hohen Rückenlehne, den Dumbledore früher genutzt hatte, und zu ihrer Rechten hatte sich Severus Snape niedergelassen – ein wenig widerstrebend, wie es schien, denn die Schulleiterin redete leise und eindringlich auf ihn ein und drückte ihn auf den Stuhl zurück, als er diesen zurückschob und gehen wollte. Ganz offensichtlich hatte er nachgeben müssen, denn er lehnte sich mit finsterer Miene in seinem Stuhl zurück und heftete den Blick stur auf die Tischplatte.
„Was hat Snape denn?" flüsterte Ron neugierig den anderen zu, und natürlich war es Hermine, die mit einer Erklärung aufwarten konnte: „Ich nehme an, er wehrt sich ein bisschen dagegen, dass McGonagall ihn ohne sein Wissen zum Stellvertretenden Schulleiter ernannt hat. Schon ein bisschen gemein, ihn nicht wenigstens vorzuwarnen, finde ich. Naja, sie wird ihn schon überzeugen können, nicht wahr?"
„Wenn jemand das schafft, dann sie", bestätigte Ginny grinsend und spähte angestrengt zu den offenen Torflügeln am Ende der Halle hinüber. „Jeder anderen hätte er überdeutlich klargemacht, wo genau sie sich den Stellvertretenden hin stecken könnte. – Hey, da kommen sie, seht mal!"
Hagrid hatte als erster die Große Halle betreten und ging den Erstklässlern voran auf den Lehrertisch zu. Die Kinder folgten dem großen Mann ein wenig ängstlich und sahen sich nervös in der Halle um. Doch der Halbriese blieb wie ein freundlicher Bodyguard neben der Reihe der Neulinge stehen, die sich nun vor den Lehrern aufgestellt hatten.
Ohne dass sie bemerkt hatten, dass er überhaupt verschwunden war, betrat Snape aus einer seitlichen Tür hinter dem Lehrertisch wieder die Halle. In den Händen hielt er einen dreibeinigen Stuhl, auf dem der altbekannte Sprechende Hut der Schule lag. Er stellte den Stuhl vor die versammelten Schüler, überreichte dem gutmütig lächelnden Hagrid den Hut und ging dann ein wenig steif zurück zu seinem Platz. Seine Körpersprache sagte deutlich, dass ihm jegliche Art der Aufmerksamkeit ein Gräuel war, und Harry bemühte sich, ein belustigtes Grinsen zu unterdrücken.
„Was meint ihr", flüsterte Ron durch das Gesumme diverser Unterhaltungen den anderen zu, „ob der Hut immer noch singt? Oder ist ihm die Lust auf Lieder inzwischen vergangen? Ich mein, immerhin hat Voldemort ihn einfach so angezündet… kriegt ein Hut eigentlich bei sowas Brandblasen? Weil, Leder ist doch auch sowas wie Haut, oder? Und er ist aus Leder. Denk ich mal."
„Pssst!" Hermine warf ihm einen tadelnden Blick zu, denen von Minerva McGonagall nicht unähnlich, doch Malfoy prustete unterdrückt los und auch Harry konnte ein spontanes Lachen gerade noch als Husten tarnen, während Ginny offen grinste und Neville hektisch unter dem Tisch abtauchte, um seinen Schuh neu zu binden.
Um es kurz zu machen: der Sprechende Hut verzichtete auf sein übliches Lied. Seine Antwort auf McGonagalls fragenden Blick bestand darin, den Spalt über der zerschlissenen Krempe, also seinen Mund, nur noch fester zusammenzupressen. Vermutlich hatte ihm sein Erlebnis im vergangenen Mai wirklich die Lust aufs Dichten und Komponieren geraubt. Harry fand das ein wenig schade; er hatte die Lieder des Hutes immer gemocht, und oft lag einiges an Wahrheit in den kunstvollen Versen verborgen. Doch selbst einen magischen Gegenstand wie diesen Hut konnte man nicht zu etwas zwingen, was er nicht wollte, richtig?
Professor McGonagall erhob sich von ihrem Platz, eine lange Liste in der Hand, und sofort verstummte das Geflüster und Getuschel in der Halle. Alle Augen waren auf die Schulleiterin gerichtet, die nun nach vorne kam und neben Hagrid trat.
„Ich habe mich ausführlich mit dem Sprechenden Hut unterhalten", begann die ältere Hexe und ließ ihren Blick über die Schülerschar wandern, „und wir sind gemeinsam zu dem Ergebnis gelangt, dass die bisherige Art der Auswahl zu wünschen übrig lässt. Es gibt nach über eintausend Jahren an dieser Schule immer noch unausrottbare Vorurteile, aufgrund der Tatsache, dass Salazar Slytherin den anderen drei Schulgründern den Rücken kehrte und das Schloss im Streit verließ. Diese Ansichten sind veraltet, meine Damen und Herren, und ich möchte dieses Jahr niemanden erleben, der Angehörige des Hauses Slytherin nur aufgrund des Wappens auf deren Umhängen beleidigt, beschimpft oder gar angreift. Grundlose Attacken werden unweigerlich einen Schulverweis nach sich ziehen, das möchte ich hier ganz klar sagen."
Streng blickte sie über ihre quadratischen Brillengläser hinweg auf die vielen Tische in der Halle und fuhr fort: „Um Ihnen ganz deutlich zu zeigen, dass niemand von Grund auf schlecht ist, nur weil er nach Slytherin einsortiert wird, darf der Sprechende Hut bei den neuen Schülern ein weiteres Haus ausrufen, dessen Charakterzüge ebenfalls auf sie passen würden. Ich hoffe, wir können Ihnen damit deutlich machen, dass einige Ihnen bekannte Slytherins vielleicht beinahe Ihre Hausgenossen geworden wären. Wer von den älteren Slytherins aus diesem Grund den Sprechenden Hut noch einmal aufsetzen möchte, ist dazu herzlich im Anschluss an die Auswahl eingeladen."
Kurz herrschte teilweise geschocktes, teilweise verblüfftes Schweigen in der Großen Halle – bis Harry Malfoy anstupste. Die beiden standen gemeinsam auf und begannen zu applaudieren, und rasch schloss sich der Rest ihres Tisches an. Die Hufflepuffs folgten ihrem Beispiel, und schließlich klatschten auch die Ravenclaws, während die meisten Slytherins überrascht und verlegen wirkten und nur zögernd in den allgemeinen Applaus einstimmten.
„Archer, Alissa", rief McGonagall über den Lärm hinweg, und es wurde wieder ruhig, während ein zierliches blondes Mädchen mit vorsichtigen Schritten aus der Reihe der Neuen heraustrat. Hagrid begleitete Alissa zu dem Stuhl und setzte ihr vorsichtig den Hut auf. Erwartungsvolle Stille breitete sich in der gesamten Halle aus; sämtliches Geflüster war augenblicklich verstummt.
„Ravenclaw!" rief der Hut. Alissa strahlte Hagrid an und ging zu einem Tisch, an dem ein paar Ravenclaws ihr zuwinkten.
„Brunner, Jessica!"
„Hufflepuff!"
„Bryant, Marvin!"
„Slytherin!" rief der Sprechende Hut, machte eine kurze Pause und fügte trocken hinzu: „Beinahe Ravenclaw."
Marvin Bryant, der zuerst recht erschrocken dreingeblickt hatte, sah nun etwas erleichterter aus, während er sich zu Jessica Brunner an einen fast leeren Tisch setzte. Nicht nur die Slytherins applaudierten dem Jungen, sondern auch einige Leute mit den Wappen von Ravenclaw auf ihren Umhängen.
„Das war eine klasse Idee von McGonagall, oder?" kommentierte Neville lächelnd, während weitere Erstklässler in ihre Häuser eingeteilt wurden. „So interessant war die Auswahl echt noch nie. Wirst du´s machen?" Er wandte sich neugierig Draco Malfoy zu. „Den Hut nochmal aufsetzen, meine ich."
Malfoy sah nachdenklich auf seinen Teller hinunter. „Ich weiß noch nicht", gab er zu, „vielleicht…"
„Faulkner, Simon!"
Ein blonder Junge, der dem Aussehen nach Dracos kleiner Bruder hätte sein können, ging nach vorne, und Hagrid setzte ihm den Hut auf.
„Slytherin – beinahe Gryffindor!" verkündete der alte Hut, sich seiner Aufgabe scheinbar vollauf bewusst. Mit einem erleichterten Aufatmen nahm Simon Faulkner den Hut ab und ging sichtlich voller Stolz auf einen halb besetzten Tisch zu, wo schon andere Erstklässler saßen. Harry und seine Freunde klatschten laut, und Malfoy zeigte dem kleinen Blonden den hochgereckten Daumen.
„Seid ihr verwandt?" erkundigte sich Hermine interessiert, doch Draco schüttelte den Kopf: „Nicht dass ich wüsste – jedenfalls nicht in einer der geraderen Linien. Falls er Reinblüter ist, sind wir natürlich irgendwie schon verwandt, aber das kann auch Hunderte von Jahren her sein."
„Jedenfalls sieht er dir ziemlich ähnlich", bemerkte Ginny mit einem leichten Lächeln und musterte den kleinen Slytherin, der sich gerade angeregt flüsternd mit einem neu zugeteilten Gryffindor an seinem Tisch unterhielt.
„Aber sind denn nicht die meisten Slytherins Reinblüter?" Hermine runzelte die Stirn und versuchte Malfoy offensichtlich noch weitere Informationen zu entlocken. Der bedachte sie mit einem forschenden Blick, bevor er zurückgab: „Naja, es ist schon so, dass die meisten Reinblüter in Slytherin gelandet sind, aber nicht umgekehrt. Mein Vater hat mir verraten, dass auch Professor Snape halbblütig ist. Dagegen sind sämtliche Weasleys in Gryffindor gelandet, und die sind ja tatsächlich reinblütig. Also, danach kann man eigentlich nicht gehen. Wieso willst du das eigentlich wissen, Gra… Hermine?"
„Es interessiert mich einfach", erwiderte sie aufrichtig. „Ich als Muggelstämmige finde sowas absolut interessant, weißt du. Vielleicht können wir uns irgendwann mal in der Bibliothek treffen, und du erklärst mir ein bisschen was über diese ganzen Verwandtschaftsverhältnisse? Ich hab nämlich dort ein Buch gefunden, in dem…"
„Irgendwann mal hört sich gut an", zischte Harry leise. „Könnt ihr das auf später verlegen? Die Neuen sind bald alle aufgeteilt, und ich möchte die zweite Chance der anderen Slytherins nicht verpassen."
Tatsächlich war McGonagall bereits bei „Simmons, Carla" angekommen, die der Sprechende Hut kurzerhand zu einer Gryffindor erklärte. Es folgten „Thomas, Sandra" – „Hufflepuff!" und „Thomas, Susan" – „Gryffindor!"
Nach „Underwood, James" – „Slytherin, beinahe Ravenclaw!" und „Vandersee, Melinda" – „Slytherin, beinahe Hufflepuff!" war kein Neuling mehr da, den der Hut hätte einsortieren können. Hagrid blieb dennoch neben dem Stuhl stehen, den Hut in einer seiner großen Pranken, und sah mit freundlich aufforderndem Gesicht in die Menge.
Niemand rührte sich.
Draco Malfoy sah kurz über die Schülerscharen hinweg und schluckte hart, dann atmete er tief durch und erhob sich mit entschlossener Miene. Harry klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und versetzte ihm einen vorsichtigen Schubser. „Geh schon. Und viel Glück!"
Er konnte sich ziemlich genau vorstellen, wie der Slytherin sich jetzt fühlen musste; er selber hatte einen ähnlichen Spießrutenlauf in seinem vierten Jahr in Hogwarts absolviert, als der Feuerkelch seinen Namen ausgespuckt und ihn zum vierten Champion ernannt hatte. Es war ein fürchterliches Gefühl gewesen, von allen angestarrt zu werden!
Luna stand entschlossen auf und klatschte fröhlich in die Hände, und gleich darauf schlossen Harry und die anderen sich ihrem Applaus an, der sich ein wenig zögernd in der Großen Halle ausbreitete. Die Slytherins applaudierten erst, als Blaise Zabini sich demonstrativ erhob, Luna den hochgereckten Daumen zeigte und ebenfalls anfing zu klatschen.
Malfoy hatte inzwischen, obwohl er unterwegs immer langsamer geworden war, den Stuhl erreicht. Mit bleichem Gesicht und starrem Blick setzte er sich und wartete darauf, dass Hagrid ihm den alten Hut über die blonden Haare stülpte. Eine Weile blieb alles ruhig, man hätte eine Stecknadel in der Großen Halle fallen hören können. Dann…
„Gryffindor – früher Slytherin!"
„Warte… was, bitte?"
Draco Malfoys völlig verwirrter Gesichtsausdruck wäre definitiv ein Foto wert gewesen, und langsam bahnte sich das Gehörte seinen Weg in die Gehirne der Anwesenden. Der Sprechende Hut hatte soeben sein Urteil von vor sieben Jahren revidiert!
