Nachmittags saßen Harry, Ron, Hermine und Neville in der Großen Halle an einem Tisch, um ihre Hausaufgaben für Geschichte der Zauberei zu machen - Professor Binns hatte sie innerhalb der ersten fünf Unterrichtsminuten gekonnt in den gewohnten Dämmerschlaf versetzt und sie erst am Ende der Stunde mit der Tatsache konfrontiert, dass er über den Inhalt der Stunde einen Aufsatz forderte, der die Geschehnisse aus zwei gegensätzlichen Blickwinkeln beleuchten sollte.
Das war neu. Und absolut keine Verbesserung, wie Harry fand.
Hermine hatte es wie üblich als Einzige geschafft zuzuhören, weshalb sie nun wenigstens wussten, worum es in der Stunde gegangen war; Professor Binns hatte es doch tatsächlich fertiggebracht, die frühesten Jahre der Schule genauso einschläfernd zu erklären wie die diversen Koboldaufstände, die mancher Schüler wohl schon als sicherste Möglichkeit in Betracht zog, seine für später eingeplanten Kinder abends zum Einschlafen zu bewegen.
Hermine war es auch, die vorschlug, den berühmten Streit der Gründer aus der Sicht von Gryffindor und Slytherin zu betrachten. „Ich meine", sagte sie ernsthaft und winkte Draco Malfoy an ihren Tisch heran, der sich ein wenig verloren umgesehen hatte und nun sichtlich erleichtert ihr freundliches Angebot annahm, „wir sind Gryffindors, und Draco hier hat eine Menge Ahnung, was Slytherin angeht, oder? Also haben wir beide Seiten an einem Tisch, was ein echter Vorteil ist. Wir sollten zusammenarbeiten."
„Und dann fünf gleiche Aufsätze abgeben?" grinste Ron und zog seinen Wust an Pergamentblättern näher zu sich heran, um Malfoy Platz zu machen. „Teuflischer Plan, ehrlich. Mal ernsthaft, Hermine - ich glaub, so verpennt ist nicht mal Binns, dass ihm das nicht auffällt, oder?"
„Ich hatte eher an eine Art Projekt gedacht", gab Hermine gelassen zurück, auch wenn sie Ron einen leicht genervten Blick schenkte. „Wir arbeiten den Aufsatz gemeinsam aus und jeder von uns kriegt die gleiche Note dafür. – Ich kann ja kurz zu Professor Binns gehen und nachfragen, ob er es erlaubt."
Sie blickte abwartend drein, und als alle nickten, sprang sie auf und flitzte rasch aus der Großen Halle, wo überall kleine Grüppchen von Schülern saßen und lernten, während zwei Lehrer die Aufsicht führten. Keine fünf Minuten später setzte sie sich keuchend wieder zu ihnen. „Er ist einverstanden", schnaufte sie grinsend, schnappte sich Pergament und Feder und sah reihum auffordernd in ihre Gesichter. „Also? Vorschläge?"
„Wofür?" fragte Ron zurück, und als seine Freundin eine verwirrte Miene aufsetzte, bequemte er sich zu einer Erklärung: „Kommt drauf an, was wir aus der Sache machen wollen. Versuchen wir den Streit an sich zu bewerten, sehen wir uns die Charakterzüge der Gründer genauer an, oder konzentrieren wir uns auf die Auswirkungen, die der ganze Mist bis in die heutige Zeit hat? Meiner Meinung nach hat sich Binns bei der Aufgabenstellung ein bisschen schwammig ausgedrückt, oder? Na gut, nicht schwammiger als sonst auch. Aber trotzdem."
Überraschung zeichnete sich auf Hermines Gesicht ab. „Hervorragend zusammengefasst, Ron. Also gut, was denkt ihr?"
Nach einer kleinen Diskussion darüber, ob es Sinn machte, in der momentanen angespannten Situation auf der Vergangenheit herumzureiten, einigten sie sich schließlich auf die Auswirkungen auf die heutige Zeit, und damit das Ganze nicht zu umfangreich wurde, wollten sie nur das Geschehen in Hogwarts selber unter die Lupe nehmen.
„Das erste, was du als ahnungsloser Muggelstämmiger in Hogwarts gesagt kriegst", meinte Harry, während Hermine alles notierte, „ist, dass du den Slytherins aus dem Weg gehen solltest. Dass jede Hexe und jeder Zauberer, der böse geworden ist, früher in Slytherin war."
„Wenn du nicht bei Muggeln aufgewachsen bist, weißt du das schon, sobald du einigermaßen selber denken kannst", erläuterte Ron, „du hörst es von Eltern, Geschwistern und Freunden der Familie."
„Man bekommt von Anfang an eingeredet, dass man Angst vor Slytherins haben muss", sagte Neville leise und warf Malfoy einen entschuldigenden Blick zu, der sich an der Bemerkung aber nicht groß zu stören schien. Hermine nickte eifrig: „Ja, auch die Literatur ist da eindeutig vorbelastet. Ich meine, ich habe meine Schulbücher alle gelesen, bevor ich überhaupt zum ersten Mal in den Hogwarts-Express eingestiegen bin, und da war auch überall diese unterschwellige… nennen wir es mal Schuldzuweisung."
Eifrig kritzelte sie auf ihrem Pergament herum und sah dann auf, die Finger voller Tinte.
„Komisch", sagte Draco Malfoy unvermittelt, und alle sahen ihn an, „wenn du das erste Mal nach Hogwarts kommst und deine ganze Familie vor dir in Slytherin war, hast du Angst, woanders hin zu kommen."
„Ehrlich?" Neville starrte ungläubig ins Gesicht seines Gegenübers. „Und warum?"
Malfoy hob andeutungsweise die Schultern. „Keine blasse Ahnung. Ist einfach so, weißt du."
„Normalerweise", erklang eine sanfte dunkle Stimme hinter Harry, „haben Familien mit Slytherin-Hintergrund eine wesentlich engere Bindung zueinander als Familien, deren Mitglieder in anderen Häusern waren."
Harry wandte sich zu Severus Snape um, der einen forschenden Blick über die arbeitenden Schülergruppen gleiten ließ, bevor er sich einen Stuhl heranzog. „Und wie kommt es dazu?" fragte er neugierig. „Weil die meisten Familien reinblütig sind und deswegen miteinander verwandt?"
„Nicht unbedingt", erklärte der Lehrer. „Es ist wohl eher so eine Art antrainierter Schutzreflex. Wer mit Slytherin-Hintergrund nach Hogwarts kommt, der weiß genau, dass er die Mitglieder von drei anderen Häusern gegen sich stehen haben wird – egal ob er diese Feindschaft herausgefordert hat oder nicht. Es hat sich in Jahrhunderten so eingebürgert, und die Botschaft dieser Vorurteile pflanzt sich durch die Generationen hindurch fort."
Hermine, die ihn gebannt angestarrt und darüber komplett das Mitschreiben vergessen hatte, erkundigte sich leise: „Und deshalb suchen die Slytherins ausschließlich die Freundschaft von Leuten aus ihrem eigenen Haus, nicht wahr? Weil sie wissen, dass sie bei anderen vermutlich nie eine Chance haben werden, weil jeder sie für von Natur aus böse hält."
„Oder zumindest für arrogante, hinterlistige und berechnende Egoisten, ja", nickte Snape und sah dabei eindeutig verstimmt drein. „Des Öfteren taucht auch der Begriff Feiglinge auf. Damit muss ein Slytherin-Schüler eigentlich immer rechnen. Man kann nur versuchen, mit den Auswirkungen zu leben."
Von der kleinen Gruppe am Tisch völlig unbemerkt, hatten sich Dean Thomas, Ernie Macmillan und Seamus Finnegan am Nachbartisch zu ihnen herumgedreht und zugehört. Jetzt kamen sie neugierig näher, und auch Hannah Abbott und Justin Finch-Fletchley zogen ihre Stühle an Harrys Tisch heran. Anscheinend hatte die Ansprache von Minerva McGonagall und die neue Art der Hauseinteilung das Interesse aller an den Slytherins geweckt.
„Was für Auswirkungen meinen Sie genau, Sir?" erkundigte sich Hannah interessiert. „Ich meine", fuhr sie ein bisschen verlegen fort, „dass alle uns Hufflepuffs für ein bisschen beschränkt und treudoof halten, ist ja auch so ein Vorurteil, oder? Aber uns passiert im Allgemeinen nichts Fieses, von mitleidigen Blicken und ein paar blöden Witzen mal abgesehen. – Draco, du warst in Slytherin. Wie hast du das erlebt?"
„Also, ähm…", begann der blonde Junge zögernd und suchte Snapes Blick, der ihm mit einem knappen Kopfschütteln Einhalt gebot, nun selber tief Luft holte und zu erzählen begann.
