„Ich bin in einer Muggelgegend aufgewachsen und ging die ersten Jahre in die Muggelschule, weil mein Vater darauf bestanden hat. Ich sollte wenigstens ein bisschen was Normales lernen, auch wenn meine Mutter eine Hexe war. Zauberei war in unserem Haus nicht gern gesehen, und nur wenn mein Vater außer Haus war, wagte es meine Mutter, mir von der magischen Welt zu erzählen, von Hogwarts und vom Haus Slytherin, in dem sie während ihrer Schulzeit gewesen war.
Sie schwärmte vom Unterricht, der riesigen Bibliothek und vom Zusammenhalt der Slytherins, die jeden aus den eigenen Reihen vor Streichen der anderen Schüler schützten. Und ich stellte mir das wunderbar vor, zusammen mit so vielen anderen Kindern zaubern zu lernen, nicht mehr verstecken zu müssen, was ich war. Ich freute mich darauf, dass an der Schule alles anders werden würde."
„Und, war es anders?" fragte Hermine gespannt, während von der völlig vergessenen Feder in ihrer Hand Tinte aufs Pergament tröpfelte.
Nachdenklich runzelte der Lehrer die Stirn. „Ja, ich denke schon. Anfangs zumindest. Aber meine Freundschaft mit einer gleichaltrigen Schülerin aus Gryffindor sorgte für ein gewisses… Unverständnis bei meinen Hausgenossen, und dann hat schnell irgendeiner herausgefunden, dass ich kein Reinblüter bin. Halbblüter in Slytherin haben es nicht besonders leicht. Weil die anderen nicht genau wussten, inwieweit sie mir vertrauen konnten, rückten die meisten etwas von mir ab. Allerdings nicht alle. Lucius Malfoy, der Slytherin-Vertrauensschüler in meinen ersten Jahren, hat den größten Teil der hausinternen Schikanen unterbunden. Und einige meiner Klassenkameraden fanden wohl, dass mein Ehrgeiz im Unterricht und mein Wissen über die Dunklen Künste mich durchaus zu einem echten Slytherin machten, und daher hatte ich bald ein paar gute Freunde."
Avery und Mulciber, dachte Harry und ahnte dunkel, dass der Einfluss der beiden sowie die Protektion durch den angesehenen und wesentlich älteren Lucius Malfoy größtenteils verantwortlich gewesen waren für die Entwicklung des Mannes, der jetzt ein wenig steif hier mitten unter ihnen saß.
„Zu meiner Schulzeit war die Rivalität zwischen Slytherin und Gryffindor ziemlich beachtlich", fuhr dieser trocken fort. „Natürlich spielte dabei auch der Aufstieg von Lord Voldemort eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die meisten Schüler in meinem Haus hatten Väter – oder zumindest nähere Verwandte – die das Dunkle Mal trugen. Das stellte den Rest von uns vor die Entscheidung: mitziehen und damit unter deren Schutz stehen, oder die eigene Familie bedroht sehen. Und diese Bedrohung war durchaus ernst zu nehmen." Er warf Draco einen kurzen Blick zu, der zustimmend nickte.
„Es verging eigentlich keine Woche, ohne dass sich feindliche Grüppchen kleine, aber durchaus erbitterte Kämpfe in den Fluren und auf dem Schlossgelände lieferten", erzählte der Professor weiter, „und je mehr in der Welt außerhalb der Schule passierte, um so verbissener versuchten auch wir Schüler, den anderen zu zeigen, auf welcher Seite wir standen. Wir waren jung, voller Eifer und sehr darauf bedacht, das eigene Haus als Sieger zu sehen. Ich denke, so gut besucht wie damals war der Krankenflügel schon lange nicht mehr. Madam Pomfrey muss wohl des Öfteren einige Doppelschichten eingelegt haben.
Die ganze Sache hat sich damals ziemlich hochgeschaukelt, und die Streiche der heutigen Schüler hätten uns kaum beeindruckt. Aus der gewöhnlichen Konkurrenz zwischen den Häusern, wie sie Ihnen vertraut ist, wurde ein echter Kleinkrieg. Und wir als Angehörige des Hauses Slytherin standen gegen den Rest der Schule, schon allein aufgrund der Tatsache, dass Voldemort ebenfalls einer von uns gewesen war. Wann immer es schlechte Nachrichten über eine Entführung, einen Mord oder Ähnliches gab, mussten wir den Kopf dafür hinhalten."
„Man sucht sich rasch Anschluss in Slytherin", warf Draco Malfoy ein, „es ist die einzige Möglichkeit, nicht ständig ein Opfer der anderen zu werden. Wäre man auf sich allein gestellt, würde man das perfekte Ziel abgeben. Und weil einem das von Anfang an klar ist, nimmt man auch die Freundschaft mit Leuten in Kauf, die einen etwas mieseren Charakter haben. Irgendwann wirst du automatisch selber zum Fiesling. Ich hatte das Glück, dass meine Familie ziemlich angesehen war, und wenn man´s genau nimmt, war ich von Anfang an ein arroganter, verzogener Arsch. Deswegen musste ich mir keine Freunde suchen – die anderen wollten mich zum Freund haben und hätten fast alles für eine solche Chance getan."
„Also, ich weiß nicht", sagte Ernie zweifelnd, „ich wäre lieber allein, als mich mit solchen Typen wie Crabbe und Goyle abzugeben. Hättest du dir nicht andere Freunde suchen können?"
„Und wo?" gab Malfoy bitter zurück. „In Hufflepuff vielleicht? Oder gar bei den Gryffindors? Ganz ehrlich, Macmillan, wie hättet ihr reagiert, wenn ich mich mit euch hätte anfreunden wollen?"
„Genau wie ich vermutlich." Harry sah Draco direkt an. Er erinnerte sich sehr deutlich an Malfoys Versuch, ihm seine Freundschaft anzubieten, noch bevor sie in ihre Häuser eingeteilt worden waren. Was wäre wohl passiert, wenn er die ausgestreckte Hand geschüttelt hätte? Wäre er selber vielleicht zusammen mit dem blonden Jungen in Slytherin gelandet? Immerhin hatte der Sprechende Hut darüber nachgedacht…
„Genau", meinte Draco knapp und fügte entschuldigend hinzu: „Außerdem, ich hab ja schon erwähnt, dass ich bereits als Muster-Slytherin wie aus dem Bilderbuch hier ankam. Freunde aus anderen Häusern, das wär mir damals nie in den Sinn gekommen. – Potter, du bist weitläufig mit den Blacks verwandt, daher hatte ich vermutet, du würdest auch in mein Haus kommen. Außerdem gab es Gerüchte, du könntest ein genauso mächtiger Schwarzmagier wie Voldemort sein, deswegen hatte mein Vater mir geraten, deine Nähe zu suchen. Ansonsten hätte ich nie versucht, dir vor der Auswahl meine Freundschaft anzubieten."
Der junge Malfoy wandte sich an Ernie. „Und zu deiner Frage, was Crabbe und Goyle betrifft: bei denen konnte ich mir wenigstens sicher sein, dass sie die Verbindung zu mir nicht einfach für ihre eigenen Zwecke ausnutzen wollten. So viel Hirn hatten sie beide nicht, aber dafür waren sie als Bodyguards ganz passabel." Er grinste freudlos. „Ich sagte ja, ich war ein Arsch."
Ein unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, bis Hermine ihre Aufmerksamkeit wieder aufs eigentliche Thema brachte: „Gut, wir wissen also, dass jeder schon mit vorgefasster Meinung hier in der Schule ankommt. Dass jemand aus Slytherin bei den anderen Schülern kaum eine Chance auf eine Freundschaft hat. Und dass das alles vorwiegend auf alten Vorurteilen basiert."
Zustimmendes Nicken bei allen. Hermine fuhr fort: „Das alles sorgt dafür, dass die Slytherins lieber unter sich bleiben. Was würde passieren, wenn sich trotzdem jemand von euch mit anderen Häusern abgeben würde, Draco?"
„Er würde wohl im eigenen Haus auf ziemlich verlorenem Posten stehen und müsste dann mit dem Misstrauen von allen vier Häusern rechnen", antwortete der frischgebackene Gryffindor aalglatt.
Snape nickte zustimmend. „Einer der Wesenszüge eines Slytherin ist vorausschauendes Denken, wie bei guten Schachspielern, deswegen wäre schon der Versuch für einen von uns völlig undenkbar. Er würde damit riskieren, sämtliche Unterstützung im eigenen Haus zu verlieren. Wir denken nicht nur bis morgen, sondern wägen alle Möglichkeiten ab, bevor wir handeln. Wir denken in alle Richtungen ein paar Schritte weiter, um auf so viel wie möglich vorbereitet zu sein."
„Während wir Gryffindors oft spontan reagieren", ergänzte Harry mit einem Nicken. „Deshalb fallen wir auch öfter auf die Nase bei unseren Aktionen, weil wir eben nicht abwarten, bis wir alle Fakten kennen. Wir… naja, wir stürmen die Festung, bevor wir wissen, ob noch jemand drin ist."
„Schön gesagt", grinste Ron. Die anderen lachten, und Neville erkundigte sich: „Ist es denn so schlimm, öfter mal einen Fehler zu machen? Daraus kann man doch auch lernen, oder nicht? Was ist denn besser daran, erst alles in Betracht zu ziehen, bevor man loslegt?"
„Tja, mein Lieber", gab Draco gelassen zur Antwort, „der Unterschied liegt im Endeffekt darin, wie oft man selber im Krankenflügel landet oder andere in Gefahr bringt, oft sogar Leute aus dem eigenen Haus. Ich denke lieber ein bisschen länger nach, bevor ich dafür verantwortlich gemacht werde, dass jemand anderem etwas passiert. Deswegen bin ich aber noch lange kein Feigling, richtig?"
„Und ich dachte immer, ihr macht das nur, um selber keinen Ärger zu bekommen", gestand Hannah Abbott verschämt, was Ernie und Justin zu heftigem Nicken veranlasste.
Doch Draco Malfoy schüttelte bedächtig den Kopf und meinte: „Nein, da hast du wohl was falsch interpretiert. Slytherins waren von jeher die Außenseiter, und das stärkt den Gemeinschaftssinn und die Freundschaft untereinander. Nur wenn wir zusammenhalten, können wir die Schulzeit einigermaßen unbeschadet überstehen. Und deswegen würde keiner von uns die anderen vorsätzlich in Gefahr bringen. Ist so eine Art Ehrenkodex in unserem Haus, und genau das bringen erwachsene Slytherins auch ihren Kindern bei. Vielleicht kommen die deswegen fast immer ins gleiche Haus wie ihre Eltern. Und die Generation meiner Eltern hatte hier in der Schule teilweise echt die Hölle auf Erden. Scheint auf uns abgefärbt zu haben oder sowas."
Harry sah verstohlen zu Snape. Ein paar Eindrücke davon hatte er ausgiebig im Denkarium bewundern dürfen, und er war sich ziemlich sicher, dass nicht alle Querelen zwischen Snape und seinem Vater so glimpflich ausgegangen waren wie das eine Mal nach ihren ZAG-Prüfungen. Wie oft hatten sich die Kontrahenten wohl nach einer ähnlichen Begegnung im Krankenflügel wiedergefunden?
„Also bestehen die Vorurteile quasi auf beiden Seiten", stellte Ron überrascht fest. „Die Slytherins gehen aus Prinzip allen anderen aus dem Weg, weil sie mit Attacken rechnen, und die restlichen wollen nichts mit den Schlangen zu tun haben, weil sie schon von klein auf gelernt haben, dass sie sich vor denen hüten sollen. Klingt nicht besonders clever, oder? Ich meine… wenn jeder ein bisschen offener wär, könnt man zumindest einigermaßen miteinander klar kommen, denkt ihr nicht?"
Verblüfft starrten ihn alle an, und Ron wurde rot bis zu den Haarwurzeln. „Ich mein ja nur…", murmelte er verlegen.
„Gut erkannt, Mr Weasley", sagte Snape, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Genau das versuche ich den Kollegen schon verständlich zu machen, seit ich hier Lehrer bin. Ich hatte bisher keinen großen Erfolg damit, was wohl mit meiner Vergangenheit zusammenhängen dürfte. Aber glauben Sie mir, auch Sie werden es wohl leider nicht schaffen, die Vorurteile eines ganzen Jahrtausends in einem einzigen Schuljahr auszuräumen. Dafür sind die Fronten längst zu verhärtet. Es wird vermutlich noch Jahre dauern, wenn nicht sogar Jahrzehnte, bis alle vier Häuser einigermaßen miteinander zurechtkommen."
„Wenn niemand damit anfängt, bleibt alles wie gehabt", gab Ron schlagfertig zurück, was ihrem Hauslehrer dann doch ein kleines Lächeln entlockte, bevor er sich wieder seinen Aufsichtspflichten zuwandte.
Sie waren sich grundsätzlich darüber einig, dass Snape vermutlich Recht hatte. Doch zumindest das vorläufige Ergebnis des Gespräches konnte sich sehen lassen: Draco und Hermine hatten den Aufsatz für Binns nach dem Abendessen im Gemeinschaftsraum noch miteinander ausgearbeitet. Harry stellte beim Durchlesen fest, dass ihre Zusammenarbeit zumindest bei dieser Hausaufgabe bestens funktioniert hatte.
Und die Tatsache, dass jeder der Gryffindors die beiden einträchtig hatte zusammen arbeiten sehen, ließ das Misstrauen gegenüber dem jungen Malfoy bei seinen neuen Hausgenossen ein wenig schwinden.
